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Freitag, 22. Mai 2009

Kapitel 12.3

„Nee, Mittow ist durch, ich bin sogar den Bericht schon los. War keine schöne Sache“, sagte ich zu Wieland, „war mehr ’ne politische Grabung.“
„So was hab ich schon gehört“, erwiderte er und wiederholte sich leise pustend, „hab ich schon gehört“, dann nippte er einen Schluck aus seinem Glas.
Nicht weit von uns begann bereits die Reihe der Wartenden, die zum Buffet führte. Irgendjemand in der Reihe erzählte lautstark einen platten Anstehwitz: „Kennt ihr den Unterschied zwischen einer Schlange auf der Autobahn und einer echten Schlange?“ Die Umstehenden blickten groß, dann verriet er: „Bei der Schlange ist das Arschloch hinten!“, und keuchte mit einer furchtbaren Amtslache. Seine dumpfe Umgebung röchelte verzweifelt mit, dann wandten sich alle wieder dem ersehnten Buffet zu.
Ich fragte mich selbst, was ich auf dieser Weihnachtsfeier überhaupt machte. Nach Mittow war mir klar gewesen, nicht mehr für dieses Amt arbeiten zu wollen. Längst hatte ich auch von einer anderen Stelle ein Angebot bekommen. Trotzdem hatte ich noch eine persönlich von Senff unterzeichnete Einladung erhalten und sie angenommen.
Ich mache mir nicht viel aus Stollen, erst recht nicht, wenn er mit Schinken belegt ist, daher nickte ich Wieland verabschiedend zu und ließ mich langsam durch die bellende Menge trudeln. Gesprächsfetzen drangen auf mich ein.
„– hatte heut ’nen freien Tag und hab fünf Stunden lang Holz gehackt, so lang arbeit ich hier sonst nie“, erklärte einer hinter mir.
Senff stand bei einem Studenten, der an derselben Uni studierte, wie Maxim, Robert, Wieland und ich. Ich kannte den Studenten kaum, wusste nur seinen einprägsam Nachnamen: Dante. Er hielt sich an einem Gläschen Sekt fest, Senff mauschelte mit ihm irgendetwas mit unkontrollierter Handgestik.
„– hätt’ nen Anzug anziehn solln“, flüsterte es an meiner Seite.
Dante schaute zu mir, während Senff noch auf ihn einredete, ich blickte zurück. In dem Moment war Senff offenbar fertig mit seinem Traktat, grinste Dante noch einmal diebisch an, erhob sein Glas und drehte sich dann weg, andere zu belästigen. Ich spazierte zu Dante hinüber.
„Grüß dich, du auch hier?“
„Ja, ich suche gerade ein Thema für die Abschlussarbeit“, erklärte er mir.
„Hat Senff dir eins angeboten?“, erkundigte ich mich.
Dante druckste herum: „Ja. – Du kennst doch den Thomas?“
Ich nickte: „Der sitzt hier an seiner Arbeit, stimmt’s? Irgendwas über die Eisenzeit, glaub ich.“
„Genau“, sagte er, „Senff hat mir gerade gesagt, dass der nie fertig wird. Er rechnet wohl damit, dass der bald abspringt, dann soll ich das Thema kriegen.“
Ich staunte und machte große Augen. Abschlussarbeiten entstehen in Ämtern meist nach dem Prinzip „Eine Hand wäscht die andere“. Studenten arbeiten für die Ämter gratis irgendwelche liegengebliebenen Sachen auf, bekommen dafür mehr oder weniger tolle Themen und manchmal auch einen Platz zum Arbeiten gestellt. Jemandem, der bereits eine gehörige Portion Zeit in die für das Amt kostenlose Bearbeitung eines Themas investiert hatte, hinterherzureden, er würde nie fertig werden, ist schon unfein genug. Dessen Thema aber noch während der Bearbeitung weiterzureichen, erschien mir selbst für Senff übermäßig unverschämt. Zumal ich von Thomas wusste, dass er wiederholt Besprechungstermine mit Senff ausgemacht hatte, die der nie einhielt.
Ich kann Unmut selten verbergen, daher schüttelte ich schwach den Kopf, erhob stumm grüßend mein Glas und murmelte: „Wir sehen uns.“
Dante nickte. Ich wusste, er hatte nicht gelogen. Das war mir trotz aller Überraschung klar. Ich hatte ihn ja eben mit Senff reden sehen. Außerdem denkt sich kein Student eine solche Geschichte aus.
Eine Frau vor mir kreischte: „– jaja, die Zimmerlinde vom Baudenkmal wollte mal was von der Welt sehen.“
Dann sah ich Wernher. Er unterhielt sich gerade fröhlich und mit weit ausholenden Bewegungen mit einem anderen Ehrenamtlichen. Ohne eigentlichen Plan ließ ich mich zu den beiden treiben, wahrscheinlich zog mich ihre entspannte Art an, die in dem Raum voll böser Zungen am ehrlichsten wirkte.
„Der hat sich Sachen jekooft, noch un nöcher, konnt det aber allet nich bezahln.“
„Nabend Wernher“, sagte ich.
„Mönsch, der Chef hier? Ick hab dich jar nich jesehn, na, det is ja fein. Kennste den Klaus?“
Ich schüttelte den Kopf, Wernher stellte uns kurz vor.
„Wo wa ick stehnjebliebn? Ick erzähl jrad von meim Nachban. Jut, also einet Tages kricht der son Schreibn aus’m Ausland. Damit kommta denn zu mir rüber und zeicht mir det. Hier kuck ma, Wernher, wat kann det denn sein? fracht er mich. Ick kuck ma den Brief an und seh sofort: Minsk. Da sarick: Pass ma uff, der is aus Weißrussland, sei da bloooß vorsichtich, du weest doch, von da kommt die Mafia her. Det sarick noch im Scherz, da kricht der richtich Muffensausen, öffnet aber den Umschlach janz vorsichtich und fischt mit zwee Fingern den Brief raus.“
Wernher hielt in der einen Hand ein Sektglas und in der anderen eine mit Schinken belegte Scheibe Stollen. Mit einer gewissenhaften Pantomime gelang es ihm, an der Schinkenscheibe das Brieföffnen vorzuführen.
„Denn faltet der det Briefchen auseinander und sieht: Hier – Inkasso-Unternehmen Sowieso aus Minsk, bitte zahln Sie Ihre Schulden bei dem und dem bis dann und dann. – Da wurd mein Nachba janz bleich und sachte nur: Ick muss ma wat erledijen und verschwand.“ Wernher lachte. „Der hat die Schuldn natürlich sofort bezahlt, weil der Muffensausen hatte. Aber später“, jetzt lachte er richtig, „hör ick, det det son Inkasso-Unternehmen aus Vorpommern is, det in Minsk nur ’ne Sekretärin beschäftigt, die nix andres macht, als die Briefe einzutüten und nach Deutschland zu schicken. Die meisten Leute fallen druff rein und sind so schissich, det die jleich die janze Penunse komplett uff den Tisch packen.“
Klaus und ich lachten, nach einer Pause fragte Wernher mich: „Haste einklich den Plankenreiter schonn jesehn?“
Ich dachte, zum Glück nicht, schüttelte dabei den Kopf und sagte: „Nein, aber der hat doch zu der halben Stelle jetzt ein Stipendium, um seine Diss endlich fertig zu schreiben.“
Plötzlich drehte sich jemand neben uns, den ich nicht kannte, in unsere Gruppe und meinte: „Der Robert hat Urlaub. Der ist in der Türkei und nimmt da an irgendwelchen internationalen Drachenwettkämpfen teil.“
„Drachenwettkämpfe?“, horchte ich auf und fragte noch: „Sollte der nicht lieber an seiner Diss sitzen?“, obwohl ich bereits wusste, dass Plankenreiter schon seit Jahren an der Diss hockte, ohne voranzukommen. Jeder ahnte, dass er nie fertig würde und viele ärgerten sich, dass ein weiteres Mal ein Stipendium an so jemanden gegangen war.
Ich wandte mich wieder Wernher zu: „Wieso suchste den denn?“
„Ach, ick arbeete doch jrad im Magazin“, erklärte er.
Ich hatte schon gehört, dass Wernher einer der Glücklichen war, die regelmäßig auch im Winter im Amt angestellt wurden. Gerüchtehalber soll das an dem Wertesystem Senffs gelegen haben, da Wernher den Vorteil hatte, Fan des „richtigen“ Fußballvereins zu sein. Jedem Außenstehenden wird die Verbindung dieser Komponenten völlig zusammenhanglos erscheinen. Für die von Senff eingestellten Beschäftigten hatten sie damals jedoch handfeste Konsequenzen.
In stärkerem Maße als Baumaßnahmen sind archäologische Ausgrabungen nämlich grundsätzlich von möglichst gutem Wetter und dem Jahresrhythmus der Landwirtschaft abhängig. Dadurch ergibt sich, dass auf Ausgrabungen in Mitteleuropa im Spätsommer sehr viele Leute benötigt werden, die im späten Winter nicht mehr bezahlt werden können. Spätestens ab August/September kommen also viele Arbeiter unter, die im Januar und Februar nicht mehr zu finanzieren sind. Dabei bleiben nach dem Ankauf erforderlicher Werkzeuge zumeist Restgelder von den Drittmitteln übrig, die im Anschluss an die eigentliche Untersuchung für die Nachbearbeitung der Funde genutzt werden. Diese Arbeit hinter den Kulissen wird natürlich so gut wie nie öffentlich wahrgenommen, so dass den unfreiwilligen Finanziers gewöhnlich die Einsicht zu deren Notwendigkeit fehlt. Daher sind die Mittel zumindest so knapp bemessen, dass sie selten reichen, um alle wünschenswerten Arbeiten durchzuführen oder auch nur die Mehrheit der im Sommer angestellten Arbeiter auch den Winter hindurch für das Waschen, Sortieren und Zeichnen der Funde zu entlohnen. Im Gegenteil kann sogar oft nur eine sehr kleine Anzahl von Leuten weiter beschäftigt werden, der Rest muss nach Hause gehen. Dabei vergammelt in Fundmagazinen genügend Fundmaterial, um alle Arbeitslose Deutschlands ein paar Jahre zu beschäftigen.
Bei den Arbeitern begann daher zum Ende der Grabungssaison stets das große Zittern, wer von Maxim noch über den Winter angestellt würde. Er machte es sich leicht, er entschied einfach danach, welchen Fußballverein der Einzelne präferierte. Kein Mensch weiß, wie er darauf gekommen ist, aber er quetschte die Angestellten von Anfang an nach ihrer Vorliebe in diesem Sport aus. Die richtige Antwort verschaffte Pluspunkte und einen relativ sicheren Vertrag über den gesamten Winter hinweg, die falsche Antwort sorgte dagegen für einen unbezahlten Extraurlaub. Nur ausgewiesene und bekennende Atheisten waren bei dem Popenbengel noch geringer angesehen als die Freunde des „falschen“ Vereins.
Wernher erklärte mir nun, warum er Robert suchte: „Weeßte, det Magazin untersteht zwa dem Herrn Dokta Senff“, seit der Beförderung nannte er ihn nur noch Herr Doktor, „aber Plankenreiter mänätscht det doch eijentlich. Un nu wollt ick den wat fraagn.“
„Wie läuft das denn so im Magazin?“, erkundigte ich mich neugierig und Wernher machte ein Gesicht, als jongliere er mit heißen Kartoffeln. Dazu wackelte er mit dem Oberkörper.
„Ma so, ma so“, er wurde so leise, dass das nachbarliche Geplapper seine Stimme so weit übertönte, dass die Umstehenden es schon nicht mehr verstehen konnten. Ich beugte mich zu ihm und hörte: „Det bricht allet zusamm. Ick hab ja letztet Jahr schon im Magazin jearbeit’t, aber nu is det det reinste Chaos. Du kennss doch diese Schienenrejale?“ Ich nickte. „Da fällt ständich wat runter, und keener kricht Zeit, da ma uffzuräum. Überall liecht da der Leichenbrand rum und verteilt sich immer weiter. Der Klaus hier hat mir jestern ’ne Ecke jezeicht, da schimmeln Steinbeile, det war letztet Jahr noch nich.“
„Steinbeile?“, fragte ich nach, und nicht einmal besonders leise. Deshalb versuchte Wernher mit beiden Händen meine Stimme zu dämpfen. Klaus stand wie unbeteiligt neben uns, in seinem Blick mischte sich nervöse Skepsis mit leichter Angst.
„Ja, op de det jlobst oder nich, da schimmeln Steinbeile. So Dinger aus Porfür. Un det sin Form’, die hat noch keen Mensch nich jesehn.“
Mit großen Augen schüttelte ich den Kopf.
„Und andere Form’ ham wa hochpoliert da liegn, da könnste ein’ mit totschlagn. Der ganze Schrott, von dem keener den Fundort nich kennt. Die müssten wa einklich in den Burggrabn kippn, so viel ham wa davon.“
Ich grinste über die Idee, warnte aber gleich: „Da musst du aber aufpassen. Ein Techniker hat mir mal von einem Steinbeildepot erzählt, das sich nach Gesprächen mit den Grundstücksbesitzern als Müllgrube erwies, in die die Erben Opas Sammlung entsorgt haben.“
„Ick weeß“, lächelte jetzt auch Wernher, „ick weeß. Bei mir im Ort is doch son Jutshof. Da ham die Russen fümmenvierzich die Sammlung vom Junker jeplündert und uff dem Feld verteilt. Die Bauern von der LPGe sind jedet Jahr zum Denkmalpfleger und ham die Beile vorbeijebracht. Der frachte nur noch, haste det da und da her? Ja, nickten die, denn wusste der schonn, det det zu der Sammlung jehörte.“
Ich lachte, Klaus auch. Neben uns zog eine Frau erstaunlich laut über die Weihnachtsfeierkluft einer entfernt stehenden Sekretärin her: „Das rosa Ensemble ist ja auch unglaublich.“
Die Pointe in Wernhers Geschichte erinnerte mich an einen sehr bekannten Experimentalarchäologen, der in der Nähe des Instituts arbeitete, an dem ich studiert hatte. Regelmäßig suchte er eine bestimmte Stelle auf, an denen er seine Steingeräte schlug, um die dann andernorts vorzuführen. Spaziergänger, die an dem Werkplatz vorbeikamen, sammelten aber genauso regelmäßig die Reste auf, die beim Schlagen eben anfallen und immer liegen bleiben. Daher war im zuständigen Bodendenkmalpflegeamt stets ein großes Hallo, wenn wieder jemand die Mitarbeiter mit einem Haufen modernem Steinschrott belästigte. Selbstverständlich waren sie gezwungen, das Material erst einmal anzunehmen, denn wie sollte dem Laien verständlich gemacht werden, was diese Funde von alten Abschlägen unterscheidet? Im eigentlichen Sinne sind die modernen Exemplare ja genauso echt wie alte Fundstücke, sie sind nur nicht so alt.
Bevor ich diese Geschichte erzählen konnte, machten Wernher und Klaus jedoch auffallend freundliche Augen und starrten an mir vorbei. Während ich in Gedanken an den Experimentalarchäologen versunken war, hatte sich jemand hinter mir aufgebaut, der offenbar mit mir reden wollte. Ich ahnte, wer da hinter mir stand und drehte mich vorsichtig um. Klaus und Wernher grüßten ihn unterwürfig: „Juten Abend, Herr Dokta.“
„Guten Abend“, flötete Maxim die beiden sanft an. Er wandte sich mir zu und zog mich aus dem Gesprächstrio heraus.
„Ich freu mich, dass du gekommen bist.“
„Ja, warum nicht?“, fragte ich, als ich mein Glas grüßend in die Luft hob. Den Bruchteil eines Augenblicks erwartete ich, dass er Mittow anspräche, wischte den Gedanken aber schnell weg, weil es Senffs angeborenen Scheinfreundlichkeit zuwidergelaufen wäre, Probleme direkt anzusprechen.
Seine matten Augen funkelnden blass, dann fragte er: „Was machst du zurzeit?“
„Och, dies und das“, druckste ich herum, „demnächst habe ich aber wohl ein längeres Projekt von Markus in Aussicht.“
Das war ein gezielter Schlag unter Maxims Gürtellinie. Ich wusste, dass Markus und er nach einem früheren Disput Todfeinde waren, die mit mir in denselben fachlichen Fanggründen fischten. Deswegen hatte Markus mir das Projekt auch angeboten. Und ich war so gehässig, Senff diese Verbindung auf die Nase zu reiben. Ich bin nun einmal nachtragend.
Senff mochte kalt sein, aber er war nicht abgebrüht genug, bei der Erwähnung dieses Namens nicht große Augen machen zu müssen: „Bei Markus?“, fragte er, „Ich glaube, da kann ich dir etwas Besseres besorgen. Nächste Woche muss ich zu Pickenpack ins Institut, der sagte neulich etwas von einem DFG-Projekt. Soll ich ihn mal fragen?“
Ich nickte stumm, obwohl ich bereits ahnte, dass es nichts werden würde. Dafür waren die Beziehung des Kümmerlings nicht ausreichend genug. Ich sollte übrigens recht behalten.
Von der Seite quakte jemand Senff an: „Wie geht’s eigentlich dem Doktor Abel?“
Senff fixierte mich noch für einen Moment und drehte sein Gesicht erst im Laufe der Antwort zu dem mir unbekannten Fragesteller: „Doktor Abel ist tot, der ist vor einem Monat gestorben. Hirnschlag.“
„Tot?“, fragte der Gegenüber, „Mein Gott, das lässt einen ja grübeln. Die Einschläge kommen immer näher.“
Senff kehrte sich nun vollends zu diesem neuen Gesprächspartner und unterhielt sich mit ihm, meine Audienz beim stellvertretenden Direktor war beendet.

Mittwoch, 31. Dezember 2008

Kapitel 3.8

Professor Pickenpack hatte seinen Camper nachts am Eingang zum Neuweiler Plateau geparkt. Er stand weit genug entfernt, um seiner Frau den Kontakt zu den Studenten zu ersparen, aber nah genug, dass er morgens aus dem Schlafkabuff unter dem Wagendach direkten Blick auf die Arbeiten hatte. So glaubte er seiner Verantwortung als offizieller Projektleiter Genüge zu leisten. Als sich der kleine dicke Professor an diesem besonderen Tag aus dem Wagen zwängte, hatten sich die Studenten bereits durch die ersten zwei Arbeitsstunden auf dem felsigen Feld gequält.
Pickenpack wusste nichts Näheres, Senff hatte ihm nur mitgeteilt, dass heute die Presse kommen wollte. Der Professor war zwar weniger auf Presseauftritte versessen als Senff, sah aber ein, dass es ein durchaus wichtiger Termin war, ohne dass Maxim ihm irgendetwas von dem geplanten Ereignis verraten musste. Denn außer Senff und dem Raubgräber Hinnerk wusste nur Robert Plankenreiter, dass die Münze nicht mit rechten Dingen in dem Neuweilerschen Boden gelangte. Senff hatte ihm nämlich aufgetragen, die Münze erst zu Beginn der Frühstückspause zu deponieren, um der Gefahr zu entgehen, dass sie zu früh von Studenten entdeckt würde. Oder womöglich ausgegraben und unerkannt entsorgt!
Vom Bauwagen aus beobachtete der Grabungsleiter die Untersuchungsfläche interessiert, um zu sehen, wo Plankenreiter herumstakerte. Die Hände hielt der Techniker in den Hosentaschen verborgen, um in einem geeigneten Moment die Münze unauffällig durch ein Loch in der Hose auf den Boden fallen zu lassen. Maxim sah, dass Robert plötzlich stehenblieb. Er schaute sich um, ganz so als wollte er eine Bank ausbaldowern, und trug dazu eine Miene auf, die bei Außenstehenden den dringenden Eindruck erwecken musste, er litte an fortgeschrittener Diarrhö.
Senff wusste, dies war der Moment, dort war die Stelle, an der er während des Presseauftrittes mit dem billigen Metalldetektor, der kaum in der Lage war, eine Reißzwecke anzuzeigen, fachmännisch herumwedeln musste. Robert wühlte mit dem Fuß noch ein wenig Dreck auf, schob ihn auf die in der Sonne blinkende Münze und stampfte alles fest. Leider war er zu dumm, daran zu denken, die Münze möglichst auf einem Befund fallen zu lassen. Dann wäre die Illusion schließlich perfekt gewesen, und Senff hätte heute ein Haus mit einem Bauopfer datieren können. An dieser unbedeutenden Stelle konnte der silberne Star lediglich für sich allein wirken.
Robert blickte nervös zu dem Fenster von Senffs Bauwagen, zuckte zweimal kurz mit dem Kopf nach oben und stiefelte dann zu den anderen Studenten, noch immer mit den Händen in den Taschen. Maxim trat vom Fenster zu seinen Plänen und wollte sich bereits seiner Neigung ergeben, über den schlechten Zeichnungen zu meditieren, als er noch einen schnellen Blick auf die Uhr warf und sich versicherte, dass es kurz vor 10 Uhr war. Angespannt blickte er an die Wand des Bauwagens, vernahm aber bereits entfernte Geräusche, die langsam lauter wurden. Zahllosen Steinchen sprangen gegen Autoblech, dazu mengte sich das Steineknacken von Autoreifen und das würgende Ächzen, dass der Motor von Usselkötters Audi von sich gab. Senffs Gesicht verzog sich zu dem, was er unter einem Lächeln verstand, oder vielmehr zu dem, wozu die Muskeln seiner toten Miene in der Lage waren. Er trat aus dem Bauwagen auf Usselkötter zu und sah, dass auch Pickenpack mittlerweile aufgestanden war. Der Professor hatte sich den Lokalreporter bereits geschnappt und belästigte ihn offensichtlich mit alten Geschichten.
„– und am Fuß des Oppidums war ein Industriepark mit einem alten Dampflokbahnhof. Ah, da kommt ja Herr Senff! Guten Morgen-Morgen!“
„Guten Morgen, Herr Professor! Hallo Thomas, da bist du ja!“
„Hallo Maxim. Wir zwei haben uns bereits bekannt gemacht“, grinste der Reporter. Maxim erkannte, Thomas mochte genervt sein von der Ausgrabung, wesentlich mehr ärgerte ihn jedoch die lahme Geschichte, die ihm der Professor gerade aufdrängte. Die Grüße vermochten die jüngste Geschichte des Professors aber nur zu unterbrechen, nicht zu beenden, denn sofort plapperte er weiter:
„Und an dem Bahnhof drehte Curd Jürgens gerade einen Kostümfilm. Wie hieß der noch? So neunzehntes Jahrhundert, wissen Sie? Genau am selben Tag hatte ich aber ein Flugzeug gemietet, um von dem Oppidum Luftaufnahmen zu machen, wissen Sie, da im Getreide zeichnen sich herrlich alte Gräben und Mauern ab, die kann man auf Luftaufnahmen sehr gut erkennen. Damit ich dem Piloten aber immer sagen konnte, wie er fliegen soll, hatte der seine Kopfhörer abgenommen, bis er irgendwann merkte, dass er von seinem Heimattower lautstark gerufen wurde. Haha! Denn sehen Sie, jedes Mal, wenn wir“, Pickenpack machte eine schneidende Bewegung mit der flachen Hand, um das Flugzeug zu simulieren, „vom Industriepark auf das Oppidum zugeflogen sind, hatten die Filmleute gerade ihre Szene begonnen, für die die Dampflok in Bewegung gesetzt werden musste und Dutzende Statisten über den Bahnhof flanierten. Haha! Die haben die Szene zig Mal drehen müssen! Zig Mal!“, freute sich der Professor.
Thomas Usselkötter verzog den Mund zu einem bemühten Grinsen, erkannte aber, dass nun die Gelegenheit war, zu erledigen, wofür er eigentlich gekommen war. Er bot dem Professor ein Pfefferminzbonbon an, das der mit erhobenen Händen und den Worten „Nein Danke, keine Drogen, keine Drogen!“ lachend ablehnte. Inzwischen rollte Pickenpacks Frau aus dem Bulli zu der dreiköpfigen Gruppe. Thomas und Maxim begrüßten sie, Pickenpack stellte sie Thomas vor. Senff erkannte die Gelegenheit, schmeichelnde Nähe zu dem Reporter herzustellen, in dem er ihn gleich nach Frau und dem frischen Kind fragte. Darauf fiel sogar der Mann von der Presse herein. Sein Gesicht hellte sich auf und er plauderte kurz, wie gut es seiner Familie ginge, während die Gruppe zur Ausgrabung glitt. Ganz nebenbei und innerhalb der Kleingespräche winkte Maxim Robert zu, und gab dezente Handzeichen, den Detektor aus dem Bauwagen zu holen. Robert löste sich sofort von der Gruppe der frühstückenden Studenten, verschwand in den Bauwagen und sprang mit dem Detektor zu der Gruppe. Dabei hörte er, wie Maxim dem Reporter und dem Professor gerade erklärte, wie er an einem der Vortage mit dem Detektor Hinweise auf Metall erhalten hatte, auf Silber, um genau zu sein. Er führte die Gruppe zu der Stelle, die Robert vorher präpariert hatte.
Hier nun habe es Ausschläge gegeben, die ihn vermuten lassen, womöglich vor der Entdeckung eines Silberschatzes zu stehen. Pickenpack machte große Augen. Senff klemmte sich die Kopfhörer des Detektors über die Segelohren und schaltete das Gerät an. Er versuchte, den Plastikteller des Geräts besonders kunstvoll über die von Robert plattgetrampelte Stelle zu schwenken, erweckte jedoch eher den Eindruck eines ungeübten Hobbyraumzauberkünstlers, der seinen ersten Kindergeburtstag bestreitet. Thomas kramte seine Kamera aus der Fototasche und knipste die ersten Fotos. Die Studenten, die gerade ihre Frühstückspause beendeten und sich wieder zur Arbeit trollen wollten, beobachteten leicht amüsiert die Szene aus sicher erscheinender Entfernung. Senff drückte inzwischen auf den Knöpfen des Gerätes, Grounding – Reset – Volume – böhmische Dörfer angesichts seines sprachlichen Untalentes. Er glaubte jedoch fest daran, den anderen wie ein berühmter Pianist zu erscheinen, der das Abschlusskonzert seines Lebens in der Carnegie-Hall gab. Dazu passte es, dass Thomas inzwischen ein Foto nach dem anderen schoss, in der kühnen Hoffnung, das Foto des Jahres zu fabrizieren. Maxims auch nach außen wirkende Einbildungskraft, die schon alle Zeit nur den einen Zweck hatte, ihn wie eine riesenhafte Projektion seiner selbst erscheinen zu lassen, hatte einen neuen Höhepunkt erreicht. Plötzlich hielt er inne, verdrehte wichtig die Augen und machte eine stumme Handbewegung, die Robert deutete, ihm eine Kelle anzureichen. Er zog sich die Kopfhörer ab, legte den Detektor auf den Boden, hockte sich hin und pulte schabend in Roberts Schuhabdrücken. Doch noch bevor er etwas sagen konnte, erkannte Pickenpack in dem graubraunen Felsstaub die silbrige „Eine Münze! Toll-toll!“ und strahlte sichelgrinsend in die Runde. Maxim erhob sich, streckte seinen Körper in einem schweigenden Jubel und reckte die kleine Sensation in die Höhe ihrer Gesichter. Kaum hatte er sie den anderen kurz vor die Nasen gehalten, da riss er sie bereits vor sein eigenes Gesicht. Er tat, als sei die Inschrift schwierig zu entziffern und popelte die Abkürzungen hervor:
„Immp, also Imperator, kääs, das ist Zäsar, pe hellf, das steht für provinzia helvezia-“
„Jaja, Zeitstellung stimmt“, unterbrach Pickenpack, ohne auch nur die Gelegenheit gehabt zu haben, einen näheren Blick auf die Münze zu werfen. Allerdings fehlte ihm ohnehin seine Lesebrille, wie er feststellte und sich in sich hineinärgerte. Maxim fuhr fort: „Pär-ti, hier steht der Name: Pertinax!“ Er strahlte – soweit ihm das möglich war – „Die Münze ist 193 nach geprägt!“
Im Moment als der Name des Kaisers fiel, staunte auch Pickenpack. Er wusste, wie selten ein Denar des Pertinax war, ihm war klar, wie gering die Chancen waren, so etwas auf diesem mistigen Plateau zu entdecken. Von der Siedlung konnte sie jedenfalls nicht sein, war er sich sicher. Sie passte absolut nicht zu dem erbärmlichen Fundmaterial, dass die Studenten bislang den staubigen Felsen entrissen hatten. So sehr der Professor aber überlegte, war er doch nicht in der Lage, die echte Fundgeschichte zu erkennen.
Wäre er Senff damals nicht auf den Leim gegangen, hätte er ihn vermutlich hochkant aus dem Institut geschmissen. Vielleicht wäre Versicherungsvertreter geworden, wer weiß. Aber es gibt eben etwas in der Welt, das manchem die Unterschlagung von Millionen erlaubt, während andere nicht einmal ein auf der Straße gefundenes 1-Cent-Stück behalten dürfen. Und nur die Götter kennen die Gründe dafür.

Dienstag, 30. Dezember 2008

Kapitel 3.7

Am Tag vor der „Auffindung“ war Pickenpack mit seiner Frau in eines der zwei nächstgelegenen Museen unterwegs, so dass Senff freie Bahn für die Vorbereitung seines Schauspiels hatte. Er wollte am Vormittag ins Dorf zur örtlichen Telefonzelle fahren, deren Auslastung sich durch seine täglichen Anrufe bei der Redaktion der Schaufel in den Sommermonaten stets vervierfachte. Die meisten Studenten hatten bereits auf der Grabung bemerkt, dass der verklemmte Mann extrem nervös war. Bevor er losfahren konnte, waren ihm bei der Kontrolle, ob das Kleingeld für ein Telefonat mit Thomas reicht, versehentlich alle Münzen aus seinem Portemonnaie in die tiefste Pfütze des Plateaus gefallen. Daher musste er den diesjährigen Techniker Plankenreiter auch noch um Telefongeld anpumpen.
Im Dorf parkte Senff neben der Telefonzelle. Er achtete penibel darauf, nicht auf dem Bordstein zu stehen, da der Polizist aus dem Nachbarort gerne Verwarnungen für falsches Parken ausstellte. Senff stieg aus, taperte um den Wagen zur Telefonzelle und kramte bereits auf dem Weg die geborgten Metallscheiben aus seiner Tasche. In der Zelle türmte er zunächst kleine Zinnen auf das stationäre Handy der Vorzeit, bevor er den Hörer abnahm und damit begann, das Telefon mit Groschen zu laden. Heiser tipp-tackeditackeditack-te er die Redaktionsdurchwahl in das Tastenfeld und wartete stumm auf Thomas’ Stimme, die erst nach mehreren dumpfen und knacksenden –
„Redaktion Schaufel am Sonntag, Usselkötter am Apparat.“
„Ja, hallo, hier ist Senff. Maxim Senff.“ Ein leises Stöhnen raunte durch den Hörer.
„Maxim, was kann ich für dich tun?“ Jetzt war im Hintergrund unrhythmisches Getaper eines Kugelschreibers auf einer Schreibtischunterlage zu hören.
„Thomas, du musst unbedingt morgen kommen.“
„Morgen – warum?“ Thomas blätterte hörbar in seinem Filofax. „Also, morgen ist ganz schlecht, da muss ich mit dem Hubschrauber über die Schweinemastfarm –“
„Nein, es ist ganz dringend. Ich weiß, dass wir morgen einen fantastischen Fund machen werden. Das wird der Knüller für dich und das gesamte Mühlbachtal.“
„Woher weiß du –“
„Der Metalldetektor hat etwas besonderes ergeben. Es ist Silber!“ Maxim warf klinkernd ein paar Groschen nach.
„Silber? Was kann das sein, altes Silberbesteck?“, zweifelte Thomas.
„Ich vermute eine Silbermünze.“ Maxim merkte, der Köder reichte Thomas noch nicht. „Vielleicht ist es aber auch ein ganzer Silberschatz. Du erinnerst dich bestimmt an die Bilder von dem Silberschatz von Pyrmont, den ich dir mal gezeigt habe?“
„Pyrmont, Pyrmont, hm. Dunkel. War irgendwas großes, oder?“
„Jaja, natürlich!“, versicherte Senff und gab seiner Aussage mit kräftigem Kopfnicken unhörbaren Nachdruck.
„Und sonst? Kannst du den Schatz nicht ausgraben und in die Redaktion bringen?“
„Aber wir haben doch noch das Grab mit der Frau“, krächzte Maxim bettelnd. „Und die liegt falschrum. Und die Hausgrundrisse sind hier schon einmalig. Vergiss nicht die Rennfeueröfen“, redete er sich jetzt in Rage.
„Die hatten wir doch schon letztes Jahr im Blatt.“
„Ja, aber jetzt ist sogar Professor Pickenpack extra gekommen, um –“
„Na, ich kann ja mal vorbeikommen“, langweilte Thomas sich. „Passt es dir so kurz vor zehn? Ihr dürft aber vorher nichts ausgraben. Ich möchte Exklusivfotos haben, wie ihr den Schatz ausbuddelt!“
„Ja, selbstverständlich!“, grinste Senff.

Montag, 29. Dezember 2008

Kapitel 3.6

Für den Tag der kleinen Pressekonferenz hatte Maxim einen besonderen Clou vorbereitet. Drei Tage zuvor war Professor Pickenpack samt kuchenbackender Frau im T2-Camper angereist. Es hieß, er solle für die Stiftung, die einen nicht unerheblichen Anteil der Ausgrabungen in Neuweiler finanzierte, ein Gutachten über die laufenden Arbeiten verfassen. Senff wollte Pickenpacks Anwesenheit jedoch eindeutig ausnutzen, der Professor sollte als Instanz den Wert des großen Fundes objektiv herausstellen helfen. In Anwesenheit des Professors und der „Schaufel am Sonntag“ galt es, vor klacksirrender Kamera und dem sich füllendem Notizblock ein Medienereignis zu inszenieren.
Zwei Abende vor dem historischen Höhepunkt Neuweilers war ein fremdes Auto in den Ort gefahren, das vor der Pension hielt, in der Senff übernachtete. Mehrere Rentner erzählten später, dass sie das verdreckte Kennzeichen des alten, mit Papiermüll, zahlreichen Bierdosen, Pizzakartons und zwei alten Druckern gefüllten Kadetts nicht lesen konnten. Aus dem Wagen stieg eine im Dorf unbekannte, mit einem Bundeswehrparka nahezu vermummte Gestalt, schlich sich vor Senffs gekipptes Fenster und warf durch den Spalt einen großen, wahrscheinlich wattierten Briefumschlag. Schnell verschwand der Schatten wieder in den Kadett und entfernte sich rasant aus dem Dorf.
Der unbekannte Schatten war der ehemalige Raubgräber Hinnerk, ein alter Bekannter Senffs. Hinnerk war inzwischen bei dem für seinen Wohnort zuständigen Denkmalamt als Techniker eingekauft, weil man so sein illegales Treiben in geordnete Bahnen zu lenken trachtete. Er besaß aber noch zahlreiche Funde aus seiner Raubgräberzeit und noch mehr Kontakte zum archäologischen Schwarzmarkt. In dem Briefumschlag befand sich sehr wahrscheinlich die später entdeckte Münze des Pertinax aus dem Jahre 193, vermutlich direkt mit einer regelrechten Expertise, die der durchaus fachlich geschulte Raubgräber bereits vorgefertigt hatte. Aus diesem Gutachten konnte Senff der Presse gegenüber fließend aus dem Stegreif zitieren, ohne noch einen Finger rühren zu müssen. Er mochte das schöne Gefühl, sich schlau zu fühlen.
Ob Hinnerk die Münze selbst irgendwo ausgegraben oder verdeckt auf dem Schwarzmarkt für Senff erstanden hatte, ist nicht mehr zu klären. Unzweifelhaft ist jedoch inzwischen, dass sie aufgrund der anhaftenden Patina nicht aus Neuweiler stammen konnte, sondern einige Zeit in einem Moor gelegen haben muss.
Senff war begeistert über diesen Einfall der Fundfindung, den er auch in Zukunft noch wiederholt einsetzte, um den Wert seiner Ausgrabungen zu steigern. Echte Funde interessierten ihn nun nicht mehr länger, sofern sie nicht in dem von ihm erwünschten Ausmaß an die Presse verkauft werden konnten.

Freitag, 19. Dezember 2008

Kapitel 3.1

Senffs Lehr- und Forschungsgrabung fand auf einem Plateau nahe eines kleinen Kaffs namens Neuweiler statt. Das Kaff liegt irgendwo südlich der Mittelgebirge. Im Gegensatz zu echten Notbergungen im richtigen Leben oder Ausgrabungen in freier Wildbahn sind solche Forschungsgrabungen grundsätzlich recht gemütliche Veranstaltungen. Meist gibt es keinen Mangel an Arbeitsmaterialien, und vor allem Zeit hat man gewöhnlich im Übermaß. Eigentlich könnte man zu den meisten dieser Luxusgrabungen mit weißen Turnschuhen antreten und sähe dennoch hinterher aus wie diese geleckte Archäologin aus der lächerlichen Crème-Werbung, deren größtes Problem bei der Beaufsichtigung der faulen Fellachen ihre trockene Haut ist.
Neuweiler aber war anders. Böse Zungen behaupteten, es habe an der Lage in Dunkeldeutschland gelegen. Halbwegs objektive Zungen wissen, es lag eindeutig an Senff, der die Lehrgrabung von Alpha bis Omega unter seiner Kontrolle hatte. Das bedeutete vor allem, Senff hatte die Kontrolle über die Grabungskasse, die gut gefüllt war, weil die Institute solcher Orchideenfächer Ende der 80er noch verhältnismäßig viel Gelder erhielten. Forschung wurde damals nicht nur auf Patente und Gentechnik beschränkt. Es wehte noch mehr als ein kümmerlicher Rest des heute lediglich in Sonntagsreden viel und hoch beschworenen Humboldtschen Geistes durch die Luft.
Leider kamen diese Möglichkeiten wie so oft auch dieses Mal nicht in die richtigen Hände. Senff erhielt die Macht über eine sechsstellige Summe, über die er nach Gutdünken frei verfügen konnte, sofern er die Gewichtung der Ausgaben nicht übertrieb.
Das begann zunächst damit, dass er sich im Vorfeld eine verhältnismäßig gut ausgestattete Unterkunft besorgte. Dabei war er selbst nicht wenig über das Zimmer erstaunt, das ihm die Pensionswirtin zuwies. Sowohl die Lampenschirme als auch die Bettwäsche waren mit Leopardenmuster bezogen, über dem französischen Bett hing an der Decke ein zweimaleinsfuffzich messender Spiegel. Als Maxim das erste Mal jemandem von der Unterkunft erzählte, wurde er prompt gefragt, ob er stundenweise bezahlen müsse. Doch er wusste weder mit der Einrichtung noch mit der Frage etwas anzufangen, schließlich war er in sexueller Hinsicht eher unbedarft. Sein Leben lang hatte er nur wenig Interesse am Vollzug gehabt, allein die Herrschaft über andere Menschen und bestenfalls deren Erlangung zählten etwas in seinem krausen Weltbild.
Senffs Unterkunft brachte jedoch auch Unannehmlichkeiten mit sich. Zur Südseite besaß das im Erdgeschoss liegende Zimmer ein sehr großes Fenster mit einer Reihe von Gitterstäben zum Schutz vor Einbrechern. Eines Abends nun, als Senff gelangweilt damit beschäftigt war, zumindest den Papierkram zu beenden, den er nicht auf andere abwälzen konnte, bummelte die angetrunkene Dorfjugend von der örtlichen Bushaltestelle, die lediglich zu Beginn und am Ende des Tages von je einem Bus frequentiert wurde, an ebendiesem Fenster vorbei und erblickte erheitert diesen merkwürdigen Menschen, über den man sich im Dorf das Maul zerriss. Der Alphajugendliche sprang nun unvermittelt auf das Fenster zu. Damit hatte er den unausgesprochenen Befehl gegeben, dass wenigstens die drei anderen Jungs der Gruppe ihm zu folgen hatten. Sie sprangen mit nur geringer Verzögerung an die Gitterstäbe, klammerten und schaukelten daran wie Schimpansen in der Pubertät. Dazu brüllten sie mehrmals laut „FICKÖÖÖN“ gegen das Fenster. Senff rammte vor Schreck mit der verrissenen Feder seines Füllers einen markanten und tiefen Kratzer in den Tisch. Verstört blickte er zu dem Fenster, sah die vier königlich amüsierten Halbwüchsigen, die bereits von ihrem Abendvergnügen abließen. Senff stand auf, schritt fest zum Fenster, konnte die vier aber nur noch die Straße hinabspringen sehen. Ihr Anführer warf zum Abschied noch einen kleinen Stein gegen das Fenster. Der Stein war zu klein, um einen Schaden am Fenster anzurichten, aber groß genug, um an Senffs Ego zu kratzen. Kurze Zeit dachte er daran, Professor Pickenpack zu bitten, dem Dorfbürgermeister bei der nächstbesten Gelegenheit die Wichtigkeit der Ausgrabung und ihres Leiters deutlich zu machen.

Donnerstag, 18. Dezember 2008

Kapitel 2.3

Dr. Maxim Senff hatte an dem Institut lediglich eine halbe Assistenzstelle inne, eine weitere halbe Stelle hatte er in einem Landesdenkmalamt in einem nahegelegenen ostdeutschen Bundesland inne. Beide Stellen verdankte er seinem Doktorvater Pickenpack, bei dem er nun Assistent war. Professor Dr. Albert Pickenpack war meist recht freundlich, wirkte oft ein wenig kindlich neben sich, wenn er summend durch die Bibliothek lief und mit dem Zeigefinger an den Buchrücken entlangstrich. Dabei sah er aus wie ein kleiner Junge, der mit einem Stock an einem Gartenzaun entlang lief, um den Dackel des Nachbarn zu ärgern. Pickenpack hatte die Angewohnheit, jeden, der ihm über den Weg lief, nuschelnd zu duzen („Mach mal“ oder „Pass mal auf“), und litt ein wenig an seinem Tick, Wörter zwanghaft zu wiederholen. So hieß er seine Sekretärin schon mal „fix-fix“ ein „Fax-Fax“ versenden. Er war ein etwas unförmiger Mensch, weswegen die etwas gebildeteren Studenten ihn in Anspielung an John Heartfield zuweilen „Jedermann-sein-eigner-Fußball“ nannten. Erst nach einer Exkursion, die er begleitete und an der ich teilnahm, wandelte sich der Spitzname aufgrund von Körperform und Funktion in den „Ei-Leiter“.
Aus Gründen, die kein Mensch wirklich kannte, die aber sehr wahrscheinlich in politischen Beziehungen zu suchen sind, hatte Pickenpack beste Einflüsse bei der nachwendezeitlichen Neubesetzung der Stellen in der ostdeutschen Archäologie. Die alten „Kommunisten“ mussten von den Stellen runter, so wie bekanntlich ja auch große Teile ihrer Texte eingestampft gehörten – darin war sich die gesamte westdeutsche Forschung einig. Plötzlich galten weder fachliche Kompetenzen noch zuvor unter größten Schwierigkeiten geknüpfte freundschaftliche Kontakte irgendetwas. Gleichzeitig waren wie von Zauberhand die Stellenprobleme der westdeutschen Denkmalpflege gelöst, die in den Endachtzigern und Frühneunzigern Myriaden von Papier-Archäologen in die freie Wildbahn entließ. Es war die goldene Zeit der Westarchäologie.
Und so hatte Pickenpack auch seinen Schüler Senff in dem besagten Landesamt untergebracht. Dort leitete Maxim eine Abteilung, die für Sonderprojekte zuständig war, sich also um größere Bauprojekte wie Gastrassen, Autobahnen und großformatigen Innenstadtsanierungen zu kümmern hatte. Die dafür notwendige Erfahrung hatte er im Verlauf seiner ersten größeren Ausgrabung gemacht, die ihm auch als Basis für seine Dissertation diente. Genaugenommen war es sogar die erste Ausgrabung, die er überhaupt geleitet hatte. Das bot ihm frühzeitig viele Gelegenheiten, Leute zu piesacken. Ich selbst hatte zwar nicht daran teilgenommen, erfuhr jedoch vieles sowohl von diversen teilnehmenden Studenten als auch von dem Grabungstechniker, dem es schließlich vergönnt war, auch ein wenig hinter die Kulissen zu blicken. Den Wahrheitsgehalt der Geschichten wusste ich zunächst nicht immer sicher zu bewerten, aber sie waren alle geprägt von endlosen Schikanen und Quälereien. Diese wurden zwar von allen Teilnehmer zum Zeitpunkt des Erlebens als schrecklich geschildert, hinterher bemerkenswerterweise jedoch als besonders lustiger, anekdotenhafter Schwank vorgetragen. Eben genauso wie die Geschichten vom Opa, der von seinen in Stalingrad erfrorenen Füßen oder von seinem EK-Zwo-würdigen Kopfschuss während eines Kosakenangriffs erzählt.

Donnerstag, 11. Dezember 2008

Kapitel 2.1

Senff saß in seinem Büro auf seinem ledernen Chefsessel und hielt inne. Von draußen hörte er Gelächter und Gejuchze. Er gab seinem Sessel einen faulen Stoß und drehte seinem Schreibtisch die Rückenlehne zu, so dass er bequem aus dem Fenster blicken konnte. Er zupfelte seinen geliebten Kamm aus der linken Gesäßtasche und kämmte sein dünnes Haar. Im Park vor seinem Fenster erblickte er eine Hochzeitsgesellschaft. Das Schloss, in dem er heute noch als Landesarchäologe residierte, diente oftmals als Kulisse für Hochzeitsfotos. Senff sah das glückliche Paar und gedachte seiner eigenen Hochzeit.
Sie war möglich geworden, nachdem er promoviert worden war. So hatte ihm seine Promotion nicht allein zwei halbe Stellen verschafft, sondern auch in die Lage versetzten, endlich seine langjährige Verlobte Nicole zu heiraten, mit der er zuvor in wilder Ehe gelebt hatte. Mit Stolz und Freude blickte er daher auf seine Promotion zurück. Sicher, er fand es nicht so schlimm, eine Zeit lang unverheiratet mit einer Frau zusammen zu leben, solange beide sich darüber einig waren, eines Tages auch wirklich zu heiraten. Aber Senff wusste, dass am Institut getuschelt wurde. Das Institut war fest in der Hand von Katholiken in der Diaspora, die ihre direkte Umgebung also um so strenger kontrollierten. Und ihn, der er nur der Sohn eines protestantischen Popen war, missachteten sie ohnehin schon! Wie viel schlimmer also war da das Getuschel darüber, dass beide in Sünde miteinander lebten! Nach der Heirat aber konnte er unbeschadet an den regelmäßigen Teepausen der Institutsangestellten teilnehmen, ohne sich weiterhin aufziehen lassen zu müssen. Ach, dann erzählte er so gerne von seiner Frau. Wie sie sich auf einer Exkursion kennen gelernt hatten.
Es war eine berüchtigte, am Institut legendäre Exkursion gewesen. Die Exkursion führte nach Frankreich, was direkt an der Grenze für ein spannendes und gleichzeitig unglückliches Ereignis sorgte. Einer der Teilnehmer hatte nämlich wenige Jahre zuvor die Jugendsünde begangen, sich bei der französischen Fremdenlegion zu verpflichten. Schnell hatte er die Erkenntnis gewonnen, dass ihm das Kriegspielen doch keinen Spaß macht, und war desertiert. Als der Fahnenflüchtling nun am Schlagbaum auftauchte, wurde er geschnappt und wieder eingezogen. Das ging so schnell, dass die anderen Studenten und Pickenpack nicht erfuhren, ob er einfach nur so viel Chuzpe hatte oder ob er es einfach nicht bedacht hatte. Zumindest wird er in der nächsten Zeit wohl nicht mehr viel zu lachen gehabt haben. Anders als Pickenpack – kaum war der Fremdenlegionär „ausgestiegen“ worden, zuckte der Professor die Schultern und bemerkte zur allgemeinen Erheiterung „Zehn Prozent Schwund ist immer!“
Professor Pickenpack bevorzugte Campingexkursionen. Mit der Familie fuhr er jedes Jahr mit einem alten T2-Camper in den Urlaub und so mussten auch die Studenten mit ihm stets zelten. Dazu besaß er ein hundehüttenähnliches Zelt, in das er abends mit mindestens einer Flasche Wein verschwand. Senffs spätere Frau Nicole kam mit einer Kommilitonin Heidrun in einem Zelt unter, das aufgrund der Menge und der unterschiedlichen Färbungen der Flicken vom ersten Aufbau an als „Villa Kunterbunt“ bezeichnet wurde. Wegen der zahlreichen Flicken war das Zelt natürlich auch nicht besonders wasserdicht, so dass Nicole und Heidrun bei dem auf dieser Exkursion nicht seltenen Regen kaum eine trockene Nacht verbrachten. Heidrun war ohnehin etwas seltsam, schlief sie doch stets en naturelle, was die prüde Nicole auch nicht gerade aufmunterte. Besonders ungehalten wurde Nicole aber, als eines Nachts ein Ohrenkneifer in ihr linkes Ohr kroch und dort den Heldentod starb. Ihr morgendliches Gekreische erzeugte nicht wenig Belustigung unter den Studenten. Allein der völlig humorlose Senff nahm sich ihrer an und entfernte den Ohrenkneifer mittels der Pinzette seines Schweizer Taschenmessers.
Auf dem Rückweg nach Deutschland war Nicole dann nach einer Pinkelpause von einem der draufgängerischen Studenten getriezt worden. Professor Pickenpack hatte die Studentengruppe vorher zu einem eimergroßen, inzwischen verfallenen Loch in irgendeinem Wald geführt. Dazu fragte er die Studenten, um was für eine archäologische Sensation es sich handele. Die Studenten schwiegen bedächtig und blickten in alle Richtungen, nur nicht zum Professor oder auf das Loch. Pickenpack begann mehr und mehr zu grinsen, freute sich über die verlegene Unwissenheit und eröffnete der staunenden Gruppe, sie stünden vor seiner ersten Raubgrabung, die er als 12jähriger durchgeführt hatte. Solche Situationen machten ihm stets eine besondere Freude. Von dieser historischen Raubgrabung ging die Gruppe wieder in Richtung zum Bus. Bevor die Fahrt weitergehen sollte, hatte Pickenpack jedoch noch eine wäldliche Pinkelpause veranschlagt, die auch Nicole nutzen wollte. Bevor sie zum Bus ging, pflückte sie noch einen Ast mit Eichenlaub, um ihren Sitzplatz mit Fenster ein wenig zu schmücken. Doch kaum war sie eingestiegen und hatte den ersten Schritt in den Gang getan, da wurde sie von Mark, einem Draufgänger und unibekannten Schürzenjäger, grinsend gefragt: „Was zahlst du für die Fotos, Nicole?“
Nicole blieb stehen, schaute erst dumm in Marks Richtung mit einem Blick, der verriet, dass sie einen Moment zu lange auf dem Schlauch stand, bekam dann schlagartig einen roten Kopf und verschwand schweigend mit ihrem Eichenlaub auf ihrem Platz.
Das war die Gelegenheit, in der Maxim die letzte Hürde nahm, um Nicoles Herz zu gewinnen. „Du ehrloser Schuft!“, beschimpfte er den nun noch lauter lachenden Mark mit einer Beleidigung, die er sich in der Schundliteratur angelesen hatte, die er heimlich in den Seminaren las. Niemals zuvor war Maxim so aus sich herausgebrochen und er tat es auch niemals wieder. Dabei half dieser Ausbruch natürlich wenig in dieser Situation; genauso gut hätte Maxim „Du Flur!“ persönlich werden können, aber es lenkte immerhin ein weiteres Mal Nicoles Aufmerksamkeit auf ihn. Dann setzte er sich zu der tief betrübten Nicole, um sie erfolgreich zu trösten. Doch es sollte auch belohnt werden: Nach der Exkursion waren Nicole und er in ein Studentenlokal gegangen, wo er ihr ein Mineralwasser ausgeben durfte. Er staunte, eigentlich war sie gar nicht sein Typ, sie war sehr mager und hatte einen Brustumfang wie eine typische Volleyballspielerin. Ihre Haare waren brünett und wie ein Treppenabsatz geschnitten. Maxim erkannte aber, dass sie nicht die hellste war, und sah hierin offenbar frühzeitig die Möglichkeit eines leicht zu lenkenden Heimchens.
Er verfestigte die Eroberung vor allem dadurch, dass er sie nicht auslachte, wie die anderen Studenten und zeitweise sogar die Dozenten es taten. So berechnete sie als Doktorarbeit die „Transportmengen auf mitteleuropäischen Flüssen der Antike“. Dazu hatte sie von Pickenpack ein mehrmonatiges Stipendium in den Niederlanden vermittelt bekommen, was leider den Nachteil mit sich brachte, dass sie die dasige „fremdländische“ (sic!) Literatur nicht lesen konnte. Doch Nicole war darüber hinaus auch so dumm, diese Tatsache beim Doktorandenkolloquium zuzugeben, in dem sie ihr „work in progress“ vorstellen sollte. Damit hatte sie die ersten Lacher auf ihrer Seite. Die nächsten erntete sie, als sie auf der Deutschlandkarte nicht einmal den Rhein nicht zu finden vermochte. Damit rief sie nicht allein Gelächter und Unmut hervor, sondern auch die Neider auf den Plan, die gar nicht einsehen wollten, warum diese Person ein Stipendium – oder wie es bei ihr fortan hieß: ein Stupendium – erhalten hatte. Für weitere Heiterkeit sorgte sie übrigens unter den Studenten, als sie in der Caféte von der hochgeschossigen Zweitwohnung ihrer Eltern in Bremen zu erzählen wusste, wo sie morgens stets „mit Blick auf die Elbe frühstückte“. Bald schon machten die Studenten einen weiten Bogen um Nicole, bis auf Maxim, der eben – wie ihr immer aufgefallen war – nicht über sie lachte. Sie konnte damals natürlich nicht wissen, dass Maxim eigentlich nie lachte. So hängte sie sich an ihn, und war schneller mit ihm verlobt als man es sich vorstellen konnte. Und ihre Familie war sehr stolz auf die Verbindung: Eine Pastorssohn! Das musste ja eine gesegnete Ehe werden!

Montag, 8. Dezember 2008

Kapitel 1.2

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere stellte Maxim Senff sich vor, eines Tages der Held einer Fernsehsendung zu sein. Er malte sich aus, wie er sich in einer Show namens „Das war Ihr Leben“ auf einer puffärmeligen roten Couch lümmelte, damit die Menschen, die ihm in seinem Leben begegnen mussten, ihn beweihräuchern könnten. Weihrauch hatte er bereits zuvor gesammelt, nun könnte das teuflische Kraut vor versammelter Fernsehlandschaft auf Kosten der Gebührenzahler verbrannt werden. Er stellte sich vor, wie er in einem seiner karierten Anzüge, die er als wohlgeschneidert und äußerst stilvoll ansah, leicht behäbig grinsend all das Öl empfing, das ihm den Rücken herunter laufen sollte. In Wirklichkeit konnte nur ein Blinder glauben, Senff trüge exquisite Garderobe, wirkte sie in Wirklichkeit doch seit je, als stamme sie aus dem Clown-Fundus eines viertklassigen Zirkusbetriebes. Obwohl er keineswegs an Farbenblindheit litt, wählte er doch mit entschiedener Sicherheit stets Kleidung aus solchen Stoffen, die es gewöhnlich nicht einmal bis zur Altkleidersammlung schaffen, weil sie zuvor bereits zurecht verbrannt werden.
Senff stellte sich vor, wie der fönfrisierte Moderator debil grinsend durch das Publikum glitt und den Anwesenden all die kreativen Glanztaten des Ehrengastes entlockte. Das heißt, natürlich wäre es nicht notwendig, diesen erst irgendetwas zu entlocken. Nein, Senff empfand es als Selbstverständlichkeit, alle Menschen darüber glücklich zu wissen, den Segen des großartigsten Archäologen seit Schliemann und Indiana Jones empfangen zu haben. Dementsprechend musste es ihnen schlicht eine Freude sein, der Fernsehöffentlichkeit mitzuteilen, wie ihr Herz auf dem Glockenspiel der Gefühle Rumba tanzte, als sie in der Vergangenheit die Nähe des HErrn verspürt hatten.
Da! Sein Doktorvater Prof. Dr. Albert Pickenpack bekam das Mikrofon unter die Nase gehalten. „Ach, was fragen Sie mich“, zierte der sich zunächst grinsend, während er im Publikum Partner für Blickkontakte suchte. Wenige Augenblicke später griff er selbst nach dem Mikrofon: „Wissen Sie, nicht jedes Forschungsvorhaben findet genau die Wissenschaftler, die es vorantreiben. Umgekehrt gibt es nicht für jeden Wissenschaftler das Forschungsvorhaben, in dem er sich bewähren kann.“ Inzwischen war Pickenpack aufgestanden und schraubte während des Sprechens den Oberkörper in alle Richtungen des Publikums: „Als Archäologe bewährte sich Maxim Senff in ganz besonderer Weise. War er doch das Scharnier, um das sich alles drehte! Für ihn bedeutete Forschungsfreiheit, mehr zu arbeiten, als er es musste. Dabei wurde die andauernde gedeihliche Arbeit von ermunternden Gesprächen mit seinen Kollegen gekrönt.“ Das Publikum klatschte. Pickenpack verbeugte sich, gab das Mikro dem gefügigen Moderator zurück. Indem der Professor sich seine Krawatte auf den aufgequollenen Unterleib strich, nahm er wieder Platz und setzte sich.
Hier! Eine der Zeichnerinnen berichtete eine Begebenheit, die vom gusseisernen Gedächtnis des Königs der Archäologen zeugte. Sie erzählte von ihren Zeichenarbeiten im Schloss, die auszuführen sie im Rahmen der Nachbearbeitung seiner größten Ausgrabung die hohe Ehre hatte. Unter widrigsten Umständen – ohne Heizung nämlich – sollte sie die Zeichnungen umzeichnen, die sie während der Ausgrabung angefertigt hatte. Dazu gehörte die Zeichnung eines so genannten Grubenhauses, bei der sich – Schande über Schande! – tatsächlich ein kleiner Fehler eingeschlichen hatte, den der Meister im Verlauf der Ausgrabung übersehen haben musste. Kleinlaut war sie nun mehr als ein Jahr nach der Bearbeitung des Befundes zu ihm gekrochen und hatte ihn gefragt, ob er sich daran erinnerte. Senff hatte sein großväterliches Gesicht aufgesetzt und sofort damit begonnen, ausführlichst das Aussehen des Grubenhauses zu schildern. Jedes Detail, so schien es ihr, war er zu beschreiben imstande. Das Publikum jubelte.
Und dort! Sein Stellvertreter Robert Plankenreiter, dem er bei seiner Karriere ein wenig behilflich gewesen war, wusste Senffs perfekte Öffentlichkeitsarbeit zu schildern: Das größte von Senff betreute Projekt war eine Gastrasse quer durch das Bundesland gewesen, dessen archäologischen Geschicke er geleitet hatte. Um nun der Öffentlichkeit, die finanziell schließlich nicht gänzlich unbeteiligt an dem Projekt war, etwas von dem Wissen zurückzugeben, hatte Senff die bahnbrechende Idee gehabt, an der Gasleitung in unregelmäßigen Abständen Erklär-mir-die-archäologische-Welt-Informationstafeln aufstellen zu lassen, um den geistigen Pöbel wissen zu lassen, welch vorgeschichtliche Schätze hier einst geruht hatten. Senff war zwar nicht der erste gewesen, der so etwas hatte aufstellen lassen, aber dafür waren die von ihm veranlassten Tafeln dermaßen blöde angebracht, dass sie von Vornherein von jeder Wahrnehmung ausgenommen waren. Wirklich eigen war nur die noch weit in die Zukunft greifende Öffentlichkeitsarbeit, in regelmäßigen Abständen Zeitkapseln mit wenigen ausgewählten Funden – meist irgendwelche ungewaschene Scherben – zusammen mit einer billigen Regional-Zeitung aus der Zeit der Ausgrabung zu deponieren. Die Zuschauer im Studio waren aus dem Häuschen!
Natürlich wusste Senff, als er sich diese Sendung ausmalte, wie sehr er sich selbst betrog. Zumindest das Unbewusste in ihm wusste es. Das überlagernde, bei ihm überragende Bewusstsein dagegen war bereits überzeugt davon, dass er wirklich der Held war, als der er sich sein Leben lang zu verkaufen versucht hatte. Und als der er ja auch tatsächlich fast bis zuletzt angesehen wurde.
Dabei hatte er sich diese Vorstellung hart erarbeiten müssen, womit er bereits in der oft so demütigenden Schulzeit begonnen hatte. Schon damals ließ Maxim sich alle Hausaufgaben und zum Teil auch Arbeiten von anderen schreiben. Niemand wusste so recht, wie ihm das gelang, konnte es doch nicht an seiner kläglichen Statur gelegen haben. Auch hatte er sich nie geschlagen. Aber er wusste zu schmeicheln und zu hetzen, bekam nach einer sehr vereinfachten Schulaufführung des „Othello“ sogar eine Zeit lang den Spitznamen Jago verpasst. Es gilt jedoch durch alle Zeiten die Erkenntnis, dass Despoten gefährlich, Schmeichler aber tödlich sind. (Erst die modernen Moralvorstellungen verbieten die früher geltende Lehre aus dieser Weisheit, dass man nämlich den ersten beobachten soll, den zweiten dagegen vernichten.) Senff hatte ein Gespür dafür, seine Person in eine gefährliche Mixtur aus Despot und Schmeichler zu schmieden. Nur bei wenigen Personen versagten seine Künste als scheinheiliger Schwindler.
Der erstgeborene Maxim war als Vierjähriger bereits dermaßen eifersüchtig auf seine kleine Schwester gewesen, dass er die Neugeborene in einem von den Erwachsenen unbeobachteten Moment zu erdrosseln suchte. Natürlich hatte er nur geglaubt, unbeobachtet zu sein. Seine Mutter ertappte ihn, rettete die Tochter und erzog diese zu einer sehr begründeten, lebenslangen Furcht vor ihrem großen Bruder, indem sie ihr diese Geschichte regelmäßig erzählte. Unweigerlich trennten sich die Wege von Bruder und Schwester im Verlauf des Erwachsenwerdens, so dass Maxim nach dem Auszug aus dem Elternhaus bis zu seinem Ende keinen Kontakt mehr zu ihr haben sollte.
Wenigstens gelang es Maxim eine Zeit lang, seine Haltung anderen Menschen gegenüber bei sportlicher Betätigung halbwegs positiv auszuleben. Seit der Schulzeit war er Handballer, denen von verschiedener Seite nachgesagt wird, dass sie mehrheitlich link seien. Ansonsten galt er in der Schule eben außer als Schmeichler höchstens noch als einer von diesen schrecklichen Nachplapperern. Er war einer von diesen Leuten, die sich ständig meldeten, aber stets nur wiederholten, was ihr Vorredner bereits gesagt hatte. Wie oft tuschelte es dann „Muss der wieder seinen Senf dazu geben!“ durch die Klasse? Damals litt Maxim noch unter seinen Namen. Inzwischen füllte er ihn mit Ehre und Inbrunst aus.