Senff kannte Schehlen natürlich. Er erinnerte sich sehr gut an ihn. An diesen Stellvertreter von Dr. Stüht. Senff wusste, dass Schehlen ursprünglich als Wunschkandidat seines Vorgängers galt. Warum der die Stelle nicht angenommen hatte, war ihm hingegen nicht klar. Erst durch dessen Verzicht war es für den Außenstehenden Maxim überhaupt möglich gewesen, auf diese Position zu gelangen.
Schehlen war für Senff von Anbeginn ein Problem. Er mochte den schlaksigen Mann mit seinem leicht krausen Haar und dem freundlichen Umgangston überhaupt nicht. Schehlen war zu jedem freundlich, ließ weder seine Bildung noch seine Fähigkeiten weiter heraushängen, als es unbedingt notwendig war. Er war ein Vertreter flacher Hierarchien, der gut mit seinen Mitarbeitern umging, wie jeder bestätigte.
Ein derartiges Verhalten konnte Senff gar nicht verstehen. Schehlen war ihm daher grundsätzlich zuwider. Außerdem wusste er die Haltung nicht einzuschätzen, dass Schehlen die Leitung abgelehnt hatte. Daher wurde das Vergraulen des Stellvertreters eine von Senffs ersten Amtshandlungen. Zumal er die grundsätzliche Notwendigkeit sah, Plankenreiter auf ein gut dotiertes Pöstchen zu erheben.
Robert hatte nach einem wiederholt sehr schlechten Abschneiden bei den Weltmeisterschaften im Drachenflug mittlerweile nicht allein dieses ungewöhnliche Hobby aufgegeben, sondern auch einsehen müssen, dass aus seiner Promotion nichts mehr werden würde. Daher hing er das Stipendium an den Nagel, doch leider wollte die Stiftung, die ihn bislang finanziert hatte, entweder irgendwelche Ergebnisse sehen oder ihr Geld zurück. Nach einer kurzen Phase bei einer Bank, während der er Überweisungsträger abzutippen hatte, war es endlich so weit, dass Senff ihn in das neue Amt nachholen konnte.
Zunächst hatte sein alter Freund Maxim ihm lediglich eine halbe Stelle vermitteln können, die nur wenig ausbaufähig war. Aber es war von vornherein ausgemacht, dass Schehlen von dieser Position aus sturmreif geschossen werden sollte, um Robert die Stellvertretung zuzuschustern.
So groß der Plan angesichts des gewünschten Ergebnisses auch war, hatten doch weder Maxim noch Robert die Details von Beginn an festgelegt, sie entwickelten sich im Laufe der Zeit. Senff war dabei selbstverständlich der Kopf hinter der Nummer, Robert allein wäre dazu viel zu dumm gewesen. Im Gegensatz zu ihm war der Direktor sogar schlau genug gewesen, ausgerechnet die wirklich bösen Sachen von dem dödeligen Robert machen zu lassen.
Schehlen war als Stellvertreter zuvor zuständig gewesen für den Wagenpark des Amtes, er betreute als oberster praktischer Denkmalpfleger die meisten Außeneinsätze, leitete das Fundstellenarchiv und koordinierte die dabei anfallenden Arbeiten.
Hierhin sah Senff die Angriffspunkte. Schehlen sollte systematisch aus diesen Bereichen herausgedrängt und lächerlich gemacht werden. Sehr früh entzog Senff ihm den Wagenpark. Die Kontrolle über die Dienstwagen übernahm er selbst, niemand konnte mehr einen Dienstwagen nehmen, ohne dies persönlich beim Chef abgesegnet zu bekommen. Dafür ließ Senff sogar seine notorische Faulheit so weit hinter sich, dass er sonntags noch gerne herumtelefonierte.
Mit diesem Coup traf er Schehlen gleich doppelt. Denn nun hatte der nicht nur ein Arbeitsfeld weniger, sondern musste für seine Fahrten beim Chef selbstpersönlich einen Wagen beantragen. Natürlich bekam er stets die letzte Krücke.
„Ausgerechnet heute“, sagte Senff dann immer, „ist nur der Passat verfügbar.“
Schehlen machte dann ein langes Gesicht, denn er wusste, was das bedeutete. Bei mindestens jeder dritten Fahrt blieb er mit dem ältesten Wagen des Amtes liegen, was natürlich besonders an Freitagnachmittagen regelmäßig zu unschönen Situationen für Schehlens Familie führte. Kam der Stellvertreter dann zu Terminen zu spät, hagelte es selbstverständlich im Nachhinein Kritik vom neuen Direktor.
Diese Kritik, die auch andere Punkte in Schehlens Amtsführung betraf, war eigentlich die einzige Situation, in der Senff in eigener Person seine Finger oder genauer gesagt seine Zunge schmutzig machte. Eigentlich hatte Senff für die Dienstbesprechung den offiziellen Termin am Montagvormittag übernommen. Jedoch änderte er diesen Termin wiederholt frei nach Gusto kurzfristig und sorgte aktiv dafür, dass Schehlen von der Terminänderung nichts erfuhr. Anderen Mitarbeitern war es strikt verboten, den Stellvertreter davon in Kenntnis zu setzen. So wurde es nach wenigen Wochen Usus, dass Schehlen als einziger Angestellter zusätzlich zu den, beziehungsweise anstelle der Dienstbesprechungen, die er ja zwangsläufig meist versäumte, auch Donnerstags in Senffs Büro zitiert wurde, um über geleistete Arbeiten zu rapportieren. Der Ton war ab dem ersten Gespräch mindestens eisig, oft sogar ungehalten. Dann bellte Senff den harmlosen Schehlen an, warf ihm vor, schlecht zu arbeiten oder bedrohte ihn zuweilen mit dienstrechtlichen Maßnahmen, gegen die der sich einfach nicht zu wehren wusste. Der zurechtgestutzte Mann wusste ja nicht einmal, was das alles sollte, er erkannte nicht, worauf das alles hinauslaufen sollte. Wenn er sich zu äußern versuchte, wurde er sogleich von Senff in einem heiseren Feldherrnton unterbrochen, dem er nichts entgegenzusetzen hatte. Was hier gespielt wurde, begriff der Noch-Stellvertreter nicht. Dazu war seine Weltsicht einfach zu freundschaftlich geprägt. Er verstand einfach nicht, dass und wie er hätte handeln müssen.
Außerhalb von Senffs Büro vermied es der neue Direktor, Schehlen direkt anzuschauen. Auffällig verächtlich verdrehte Senff immer die Augen, wenn die zwei nicht allein waren. Regelmäßig putzte er ihn mit fadenscheinigen Argumenten vor anderen Angestellten des Amtes herunter. Eigentlich waren diese Situationen sogar die einzigen Momente, in denen Senff überhaupt mit Schehlen sprach.
Ein paar Monate nach dem Übernahme der Amtsleitung durch Senff ergab sich durch die Pensionierung eines verdienten Grabungstechnikers die Möglichkeit, die Zimmerverteilung im Amt nachhaltig zu korrigieren. Schehlen, der bis dahin neben Senff residiert hatte, wurde nun in ein kleines schimmeliges Kämmerchen neben den Toiletten versetzt, das dem Hausmeister zuvor als Abstellkammer gedient hatte. Genau genommen blieb es natürlich eine Abstellkammer, denn Schehlen wurden weitere Aufgaben entzogen und im Ausgleich dazu immer idiotischere Tätigkeiten übertragen.
Erst hatte er den Auftrag bekommen, die Ortsakten mit den Fundstellen zu digitalisieren, indem die Zettelwirtschaft aus 100 Jahren eingescannt werden sollte. Doch schnell fielen Senff hier und da Unregelmäßigkeiten in der Umsetzung auf, die ihm nicht gefielen, da musste Schehlen die Aufgabe Plankenreiter überlassen, der kurz zuvor in das Amt geraten war. Ab diesem Zeitpunkt war Robert in Senffs Büro stummer Zaungast während des Donnerstagsrapports.
Schehlen blieben nun faktisch kaum noch Aufgaben, er hatte aber in seiner Position auch keine Möglichkeiten, sich selbst neue Felder zu erschließen. Ab und zu erhielt er noch simpelste Arbeiten, an denen nur er allein werken konnte. Mal sollte er für die eine Etage eine Vitrine füllen, mal galt es, eine Schautafel zusammenzustellen. Darüber hinaus hatte er jedoch kaum mehr die Mittel, Kontakt mit anderen Mitarbeitern zu halten. Dafür durfte er mehr und mehr Plankenreiter zuarbeiten. Dies geschah natürlich vornehmlich, um Robert einzuarbeiten, der bereits auf den Sprung für die Stellvertreterstelle war.
Genau zu dieser Zeit begann der Angriff vom zweiten Flügel. Robert war für die Drecksarbeit zuständig. Er streute Gerüchte bei den Angestellten, dass Schehlen psychisch krank sei, sich aber weigere, sich in Behandlung zu begeben. Vorsichtig verbreitete er Klatsch, Schehlen tränke gerne mal einen über den Durst und sei deswegen zurückgestuft worden. Überhaupt wurde der Noch-Stellvertreter systematisch lächerlich gemacht und ein Opfer übler Nachrede.
Irgendwann wurde es dann zu viel. Schehlen wurde tatsächlich krank. Das Geringste, was sich bei ihm zeigte, war noch ein starkes Unwohlsein bezüglich aller Dinge, die mit dem Amt in Verbindung standen. Er klinkte sich aus der Archäologie aus, er floh vor den den letzten sozialen Bindungen zu anderen Denkmalpflegern. Er verließ so unbewusst den Kreis, der ihm den letzten Schutz geben konnte. Stattdessen trat er in einen Teufelskreis aus weiteren Erniedrigungen und stärker werdenden psychischen Verletzungen, denen er immer weniger entgegenzusetzen hatte. Den Kampf im Amt hatte er längst verloren. Bald änderte er seine Anstellung in eine Teilzeitstelle und schlussendlich ließ er sich sogar noch aus dieser Stelle drängen, einfach um diesem täglichen Terror zu entfliehen. Aber nicht einmal dieser Schritt konnte jetzt noch verhindern, dass er sich in professionelle Behandlung begeben musste. Senff war es mit Hilfe Plankenreiters gelungen, aus der üblen Nachrede über Schehlens psychischer Erkrankung eine echte Krankheit zu machen.
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Mittwoch, 8. Juli 2009
Montag, 8. Juni 2009
Kapitel 13.2
Während Senffs Stellvertreterzeit war in einem anderen Bundesland der vormalige Fürst der Denkmalpflege Dr. Stüht in den Ruhestand gegangen. Ein Jahr lang blieb die Stelle unbesetzt, dann gedachte die Politik, der gesetzmäßigen Notwendigkeit zu folgen und erneut einen Landesdenkmalpfleger einzusetzen.
Senff bewarb sich und warf völlig aufgeregt alles in die Waagschale, was sich im positiven Sinne für ihn nur bewegen ließ. Längst hatte er ein Netzwerk aus Speichelleckern um sich gescharrt, die er mehr oder weniger regelmäßig mit Pöstchen und Kurzprojekten versorgte, soweit es in seiner Macht stand. Er selbst dümpelte geistlos durch sein Amt, ließ aber die Kofferträger ganze Ausstellungen, neue fachübergreifende Projekte und sogar bei Nacht anberaumte Spezialtransporte erledigen. Hinterher schmückte er mit deren Leistungen sein eigenes Curriculum. Das war schließlich die angemessene Währung, in der sie diese Vetternwirtschaft zu vergelten hatten.
Was waren das in dieser Zeit nur alles für wundervolle Ideen, die ihm nachgesagt wurden. Wie waren die meisten Kollegen im Elfenbeinturm begeistern von Senffs Einfällen. Nur wer die Augen öffnete, sah natürlich, dass die Eingebungen alles andere als wundervoll waren. Und die Eingeweihten wussten, dass sie nicht von Senff waren. Die hielten aber den Mund und dienten viel lieber als Werbeträger ihrer eigenen Einfälle. Sie tingelten durch die Lande und von Kongress zu Kongress, um die vorzügliche Arbeit ihres Herrn über jeden Klee zu loben. Das war natürlich nichts Neues, dienten diese Veranstaltungen über die hohlen Lobgesänge hinaus doch längst schon zu nichts anderem als zu Bebauchpinselungen, der abendlichen Aushandlung von Stellen und dazu, Leute mit seiner Anwesenheit zu ärgern, die man nicht leiden konnte. Wissenschaftliche Neuigkeiten dagegen sollen hier gar nicht ausgetauscht werden, im Gegenteil gilt es, echte Ergebnisse eifersüchtig bis zur „richtigen“ Veröffentlichung zu hüten, bevor sie jemand anderer mit seinem Namen verknüpfen kann. In diesem Berge des Herrn leisteten Senffs Lakaien jedoch ganze Arbeit, seine große Stunde schlug und er erhielt die gewünschte Stelle.
Das lag allerdings mehr daran, dass seines Vorgängers bisheriger Stellvertreter und Wunschkandidat, Dr. Schehlen, die Stellung aus unerfindlichen Gründen abgelehnt hatte. Er war der Meinung gewesen, dass er einen solchen Job auch in der ihm angemessenen Weise hätte ausfüllen sollen. Das hätte mehr als einen normalen Vollzeitjob bedeutet und dazu war Schehlen nicht bereit gewesen. Daher rutschte die Verantwortung für die Besetzung und die eigentliche Entscheidung endgültig zum zuständigen Kultusministerium. Was sich kein denkender Mensch wünschen konnte, war also aus dem Amt heraus nicht mehr zu verhindern. Das dritte Jahrtausend war kaum zwei Jahre alt, da wurde Dr. habil. Maxim Senff zum Direktor eines Denkmalpflegeamtes gemacht.
Als sein Vorgänger Dr. Stüht von dieser Besetzung erfuhr, bekam er einen Schlaganfall, von dessen Folgen er sich bis zu seinem baldigen Sterbebett nicht wieder erholen sollte.
Natürlich führte der vor unberechtigtem Selbstvertrauen nur so strotzende Senff sein neues Amt genauso kläglich wie alles andere, was er je zuvor geleistet hatte. Nur in seinen Augen war dieser Aufstieg schlechterdings unvermeidlich. Seiner Ansicht nach konnte der zur Sonne fliegende Vogel eben nichts dafür, dass die Eule im Dunkeln sitzt. Und Senff hielt sich eindeutig für den zur Sonne fliegenden Vogel.
Dr. Stüht sah vom Krankenbett, wie sein Lebenswerk demontiert wurde, während Senff abermals die Möglichkeit erhielt, ein Amt in Grund und Boden zu richten, zum Unruhm seines eigenen Namens.
Gleichzeitig gelang ihm das Kunststück, in Abwesenheit eine weitere Stelle zu vernichten. Denn die Wiederbesetzung seines alten Stellvertreterpostens im Osten wurde vom Ministerium zunächst eingefroren. In dieser Zeit der Vakanz wurde die für den Stellvertreter anfallende Arbeit von anderen, deutlich minder bezahlten Mitarbeitern gemacht. Überraschenderweise leisteten die Angestellten die Arbeit sogar besser. Daher beschloss das Ministerium nach einem Jahr kurzerhand, die Stelle gänzlich wegfallen zu lassen. Die Begründung war erstaunlich. Natürlich wäre jeder objektive Beobachter zu demselben Schluss gekommen, dass Senff sehr leicht ersetzbar war. Allerdings hätte das Ministerium ihn mit exakt derselben Begründung genauso gut zuvor feuern können, denn notwendig war er in seinem ganzen Leben noch nicht gewesen. Wer aber in solcher Weise schimpfte, galt im Fach schnell als Kleingeist mit böser Zunge.
Senff bewarb sich und warf völlig aufgeregt alles in die Waagschale, was sich im positiven Sinne für ihn nur bewegen ließ. Längst hatte er ein Netzwerk aus Speichelleckern um sich gescharrt, die er mehr oder weniger regelmäßig mit Pöstchen und Kurzprojekten versorgte, soweit es in seiner Macht stand. Er selbst dümpelte geistlos durch sein Amt, ließ aber die Kofferträger ganze Ausstellungen, neue fachübergreifende Projekte und sogar bei Nacht anberaumte Spezialtransporte erledigen. Hinterher schmückte er mit deren Leistungen sein eigenes Curriculum. Das war schließlich die angemessene Währung, in der sie diese Vetternwirtschaft zu vergelten hatten.
Was waren das in dieser Zeit nur alles für wundervolle Ideen, die ihm nachgesagt wurden. Wie waren die meisten Kollegen im Elfenbeinturm begeistern von Senffs Einfällen. Nur wer die Augen öffnete, sah natürlich, dass die Eingebungen alles andere als wundervoll waren. Und die Eingeweihten wussten, dass sie nicht von Senff waren. Die hielten aber den Mund und dienten viel lieber als Werbeträger ihrer eigenen Einfälle. Sie tingelten durch die Lande und von Kongress zu Kongress, um die vorzügliche Arbeit ihres Herrn über jeden Klee zu loben. Das war natürlich nichts Neues, dienten diese Veranstaltungen über die hohlen Lobgesänge hinaus doch längst schon zu nichts anderem als zu Bebauchpinselungen, der abendlichen Aushandlung von Stellen und dazu, Leute mit seiner Anwesenheit zu ärgern, die man nicht leiden konnte. Wissenschaftliche Neuigkeiten dagegen sollen hier gar nicht ausgetauscht werden, im Gegenteil gilt es, echte Ergebnisse eifersüchtig bis zur „richtigen“ Veröffentlichung zu hüten, bevor sie jemand anderer mit seinem Namen verknüpfen kann. In diesem Berge des Herrn leisteten Senffs Lakaien jedoch ganze Arbeit, seine große Stunde schlug und er erhielt die gewünschte Stelle.
Das lag allerdings mehr daran, dass seines Vorgängers bisheriger Stellvertreter und Wunschkandidat, Dr. Schehlen, die Stellung aus unerfindlichen Gründen abgelehnt hatte. Er war der Meinung gewesen, dass er einen solchen Job auch in der ihm angemessenen Weise hätte ausfüllen sollen. Das hätte mehr als einen normalen Vollzeitjob bedeutet und dazu war Schehlen nicht bereit gewesen. Daher rutschte die Verantwortung für die Besetzung und die eigentliche Entscheidung endgültig zum zuständigen Kultusministerium. Was sich kein denkender Mensch wünschen konnte, war also aus dem Amt heraus nicht mehr zu verhindern. Das dritte Jahrtausend war kaum zwei Jahre alt, da wurde Dr. habil. Maxim Senff zum Direktor eines Denkmalpflegeamtes gemacht.
Als sein Vorgänger Dr. Stüht von dieser Besetzung erfuhr, bekam er einen Schlaganfall, von dessen Folgen er sich bis zu seinem baldigen Sterbebett nicht wieder erholen sollte.
Natürlich führte der vor unberechtigtem Selbstvertrauen nur so strotzende Senff sein neues Amt genauso kläglich wie alles andere, was er je zuvor geleistet hatte. Nur in seinen Augen war dieser Aufstieg schlechterdings unvermeidlich. Seiner Ansicht nach konnte der zur Sonne fliegende Vogel eben nichts dafür, dass die Eule im Dunkeln sitzt. Und Senff hielt sich eindeutig für den zur Sonne fliegenden Vogel.
Dr. Stüht sah vom Krankenbett, wie sein Lebenswerk demontiert wurde, während Senff abermals die Möglichkeit erhielt, ein Amt in Grund und Boden zu richten, zum Unruhm seines eigenen Namens.
Gleichzeitig gelang ihm das Kunststück, in Abwesenheit eine weitere Stelle zu vernichten. Denn die Wiederbesetzung seines alten Stellvertreterpostens im Osten wurde vom Ministerium zunächst eingefroren. In dieser Zeit der Vakanz wurde die für den Stellvertreter anfallende Arbeit von anderen, deutlich minder bezahlten Mitarbeitern gemacht. Überraschenderweise leisteten die Angestellten die Arbeit sogar besser. Daher beschloss das Ministerium nach einem Jahr kurzerhand, die Stelle gänzlich wegfallen zu lassen. Die Begründung war erstaunlich. Natürlich wäre jeder objektive Beobachter zu demselben Schluss gekommen, dass Senff sehr leicht ersetzbar war. Allerdings hätte das Ministerium ihn mit exakt derselben Begründung genauso gut zuvor feuern können, denn notwendig war er in seinem ganzen Leben noch nicht gewesen. Wer aber in solcher Weise schimpfte, galt im Fach schnell als Kleingeist mit böser Zunge.
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