Als das Essen beendet war, ging Maxim ins Wohnzimmer, um seinen geliebten „Oderschen Hermes“ zu lesen. Er fläzte sich in einen Sessel und schlug die Zeitung vor seinem Gesicht auf, so dass er von seiner Umgebung abgeschottet war. Nicole räumte das Geschirr in die Küche, Jakob war bereits nach oben gegangen, hatte aber die eindringliche Ermahnung von Nicole erhalten, keine laute Musik mehr zu hören. Maxim blätterte sich langsam durch die Zeitung, ihm war längst bewusst geworden, dass er sich spätestens jetzt, als Kandidat für das Kultusministeramt, mit den Inhalten der Tagespolitik zu beschäftigen hatte, obwohl sie ihn persönlich kaum interessierten. Nicole setzte sich auf die Couch neben seinen Sessel, da melodelte das Telefon. Senff blieb sitzen, blickte zu Nicole, die unversehens zum Gerät schritt und den Hörer in die Hand nahm.
„Senff ? – Ja. – Nein, noch nicht. – Doch, ja, er ist da, ich geb ihn dir.“
Sie war bleich geworden, noch bleicher, als sie es ohnehin schon war, und eierte schnellen Schrittes zu Maxim. Der legte die Zeitung zur Seite und stutzte. Mit großen Augen reichte sie ihm wortlos den Hörer und purzelte unrhythmisch über ihre eigenen Füße weiter zum Fernseher, den sie unverzüglich einschaltete. Senff beobachtete alles mit einem bösen Blick, wollte eigentlich nicht von der flüchtigen Lektüre der Zeitung abgehalten werden und erst recht nicht beim Telefonieren durch den Fernseher gestört werden – das wusste sie doch! Er stand auf, um sich vom Fernsehbild wegzudrehen.
Dass es sich um die Stimme von Pinschers persönlichen Assistenten handelte, erkannte Maxim beim ersten Wort, das er aus dem Telefon hörte, dafür hatte Möller oft genug zwischen beiden vermittelt. Als er erfuhr, was Möller ihm zu sagen hatte, wurde der Kultusminister in spe kreidebleich, noch bevor Nicole im Fernseher eine Nachrichtensendung fand. Möller hatte ihm den plötzlichen Tod des Ministerpräsidentenkandidaten mitgeteilt. Maxim schaute schnell zu den Fernsehbildern.
Scheinbare Scheuklappen schränkten Senffs Sinne schlagartig ein. Im Fernseher flackern Bildfetzen eines Halbnackten mit vollgekotztem Hemd. Maxim schien es, in einer Sackgasse mit wachsenden Wänden zu stehen. Ein gekacheltes Bad mit einem aufgedunsenen Körper am Boden in einer Lache Erbrochenem. Schnell korrigierte er sich selbst, nein, das ist keine Sackgasse mit wachsenden Wänden – es ist eher das Gefühl, ins Bodenlose zu fallen. Entfernte Stichwörter und Silben schossen an seine Ohren. Von dem Wohnzimmer, in dem er sich gerade noch befunden hatte, erblickte er nur noch Schlaglichter. „Voll-trun-ken!“ Maxim versank, ohne jeden brauchbaren Halt. „Fär-giff-tung!“ Alles entglitt ihm in Sekundenbruchteilen. „Skann-daal!“ Er rutschte und stürzte. „ÄN-DE!“ Er fiel nach unten. Im Geiste griff er reflexartig um sich, aber in der Hauptsache fiel er in einen tiefen Brunnen. Und die spärlichen eingebildeten Griffe an den Wände waren so rutschig, dass er sich nicht halten konnte. Und er wurde auch von keinem Griff gehalten. Nicht mehr. Zuletzt blieb nur er. Er und sein schwarzes Loch. Er fiel und schlug ungebremst auf den Grund auf. Hier blieb er lange sitzen.
Maxim war zurück auf seinen Sessel gefallen. Den Telefonhörer hielt er noch an sein Ohr. Nicole stand zunächst still vor dem Fernseher, hielt sich entsetzt die Hand vor den Mund. Nach dem ersten Schock drehte sie sich um und sah Maxim. Er starrte zum Fernseher.
„senff! senff! maxim!“ tönte Möller blass und dünn aus dem Hörer. Doch Maxim hörte ihn nicht, er sah durch den Fernseher hindurch.
Nicole sah einen Mann tief unten im Abgrund. In einem Abgrund, in den niemals wieder ein Sonnenstrahl hindringen würde. Sie nahm Maxim den Hörer ab, sprach kurz zu Möller und legte auf. Maxim blickte nicht nur durch den Fernseher, sondern sogar durch die Wand. Nicole ging zu ihm, stellte sich vor ihn, griff nach seinen Schultern, schüttelte ihn. Sie rief, sie schrie seinen Namen. Doch Maxim reagierte nicht. Er hatte schlagartig begriffen. Er erkannte nun, dass der Teufel seinen Schuldnern die Rechnung dann präsentiert, wenn es ihnen am wohlsten ist.
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Freitag, 9. Oktober 2009
Donnerstag, 8. Oktober 2009
Kapitel 15.1
Ruhe lag über der Einfamilienhaussiedlung, als Senff mit seinem Kleinwagen vor das biedere, eigelbfarben verklinkerte Haus vorfuhr. Er ging zur Haustür, draußen war niemand zu sehen, lediglich zwei oder drei Autos von entfernten Nachbarn passierten Maxims Grundstück auf dem Heimweg. Mit klapperndem Schlüssel trapste er zur Haustür. Kaum hatte er sie geöffnet, polterte ihm schon von oben aus dem Zimmer seines Sohnes dumpfes Klopfgedröhne mit wechselndem Lautrauschen und zurückgepfiffenen Saiten entgegen. Er empfand die Töne, die erst seit wenigen Monaten durch das Haus strömten, einfach nur als unrhythmischen Lärm. Er hatte sich ohnehin nie etwas aus Musik gemacht. Alles klang ihm gleich. Als seine Mitschüler in den Welten Pink Floyds versanken und für die Zeit nach dem Abi den Plan erdachten, mit einer Stereoanlage zum Snæfellsnessjökull zu fahren, um dort die Atom Heart Mother Suite zu hören, war Maxim längst kein Teil mehr dieser Welt. Doch er suchte sich keineswegs musikalischen Ausgleich in der Klassik. Nein, obwohl das Thema unausgesprochen blieb, war Musik in seinem puritanischen Elternhaus grundsätzlich verpönt. Am liebsten hätte sein gestrenger Vater noch in der Kirche auf Orgel und Gesang verzichtet.
Maxim stolperte in der Garderobe über das schwarze Barett seines Sohnes, das der neuerdings trug. Er konnte nicht nachvollziehen, was das sollte. Genauso wenig, wie sich ihm die Musik erschloss, fehlte ihm auch jegliches Verständnis dafür, in einer Popkultur zu versinken. Den Drang dazu hatte er nie verspürt.
Maxim legte Tasche, Mantel und Sakko ab, da kam ihm schon Nicole entgegen.
„Da bist du ja, Knullefutz“, begrüßte sie ihn sanft erfreut. Ohne ihn zu sehr zu berühren, schnatzte sie einmal in der Nähe seiner Wange, „das Essen ist auch gleich fertig.“
Maxim machte nur ein müdes „Hm?“ und zog seine Schuhe aus.
Nicole ruderte schon wieder aus dem Flur, stellte sich an die Treppe und singsangte gegen den bollernden Klangflickenteppich: „Ja-haques!“ Von oben dröhnte nur ein erstickt gesprochener Schreigesang mit unklaren Worten zurück.
„JAQUES!“, rief Nicole nun laut und als das nichts half, bellte sie „JA-KOPP!“ die Stufen nach oben.
Maxim sah müde zu ihr herüber, schlüpfte in seine Pantoffeln, ging zu ihr und lief an ihr vorbei ins Esszimmer.
„Was gibt es denn?“, fragte er im Vorbeigehen.
Nicole drehte ihr Gesicht kurz zu ihm: „Ich habe Kotelett gemacht, mit Kartoffeln und Erbsen und Möhren.“
Maxim nickte stumm, als er das Gericht erfuhr.
Oben öffnete sich nun eine Tür, aus dem zerberstenden Taktgeprügel wurde lautes Kreischen. Dazwischen rief jemand: „Was gibt’s denn, Mama? Ich will Musik hören!“
„Das Essen ist fertig“, erwiderte Nicole, „komm jetzt runter!“
„Ich habe keinen Hunger!“
„Dann kommst du und setzt dich an den Tisch!“
An der Treppe entstand eine Pause, durch die gesägte Gitarrenriffs atonal über die Tonleiter sprangen. Dann wechselte unwillkürlich das Tempo und Nicole hörte nur noch unruhiges Gemurmel. Sie sah, dass Jakob in sein Zimmer zurückging und den Lärm beendete. Nicole drehte sich zufrieden um und ging in die Küche. Von dort aus bemerkte sie, dass Maxim schon am Tisch saß, er stützte die Ellbogen auf den Tisch und hatte die Hände übereinandergefaltet.
„Ist das Essen fertig oder kann ich vorher noch Zeitung lesen?“, fragte er.
„Nein, nein, das Essen ist schon fertig.“
Maxim war kaum in der Lage, die Kochgerüche wahrzunehmen, geschweige denn zu identifizieren. Er fragte: „Wo hast du die Zeitung denn liegen?“
„Im Wohnzimmer, mein Mauzibubu“, rief es aus der Küche, „aber du brauchst jetzt nicht mehr damit anzufangen. Das Essen ist fertig.“
Von der Treppe waren schwere, klumpig polternde Schritte zu hören.
„Jaques!“, rief Nicole, „Du sollst im Haus keine Schuhe tragen! Du machst die ganze Treppe kaputt!“
Jakob schwieg, mit einem bestimmten Schritt ging der hagere Teenager zu seinem Platz und setzte sich hin. Maxim schaute ihn an. Sein Sohn hatte sich in den letzten Monaten verändert, er hatte das zuvor kaum wahrgenommen. Maxim wurde bewusst, dass er in Zukunft noch viel weniger mitbekommen würde, wenn er erst einmal Kultusminister wäre.
Der Tisch war bereits gedeckt, Nicole trug einen großen Teller mit mehreren Koteletts ins Wohnzimmer.
„Ich will kein Fleisch“, sagte Jakob, „ich bin jetzt Vegetarier.“
Maxim schaute eisig zu seinem Sohn, er verstand ihn nicht. Nicole federte bereits wieder in die Küche zurück, um das Gemüse zu holen.
„Was sind das eigentlich für Marotten?“, fragte Maxim. Jakob wackelte mit seinem Kopf, um den Pony seiner schwarz gefärbten Haare aufzuschütteln.
Maxim erblickte die vorher kaum sichtbaren Augen seines Sohnes, die mit schwarzem Kajal umzingelt waren. Auf dem bleichen Gesicht hoben sie sich besonders kräftig ab.
„Bist du etwa geschminkt?“, fragte Maxim, aber Jakob schwieg. Er verschränkte die Arme und zog die Ärmel seines lila-schwarz geringelten Sweatshirts mit den Fingern weit über die Handgelenke. Nicole kam ins Esszimmer, stellte die Schüsseln mit Kartoffeln und Gemüse ab und setzte sich. Von ihrem Platz gegenüber von Maxim nahm sie dessen Teller in die Hand und füllte ihn auf.
„Dein Sohn ist geschminkt“, sagte Maxim. Nicole schaute leicht nervös, sagte aber nichts. Sie stellte den Teller vor Maxim und bat Jakob mit einer ladenden Handbewegung, ihr seinen anzureichen.
Jakob reichte ihr seinen Teller an und sagte: „Aber nur Kartoffeln und Gemüse.“ Dabei rutschte das Sweatshirt ein wenig auf den Unterarm zurück. Oberflächliche Kratznarben stachen bei dieser hastigen Bewegung hervor, Maxim bemerkte sie nicht. Er begann damit, sein Kotelett zu zerschneiden und wollte lieber wissen: „Was ist das eigentlich für ein Lärm, den du da jetzt immer hörst?“
Jakob schwieg. Nicole stellte ihm seinen Teller hin und füllte sich selbst auf.
„Und was soll das für eine Frisur sein?“, fragte Maxim dann.
„Das trägt man jetzt so“, erklärte der Sohn.
Nicole versuchte Harmonie zu erzeugen und stand ihm endlich bei: „Es sieht zumindest gepflegt aus.“
Maxim gefiel es trotzdem nicht. Diese herausrasierten Zacken hinten und der Pony, der fast bis auf die herausstechenden Wangenknochen reichte, das gefiel ihm ganz und gar nicht. Aber Maxim wusste nicht, wie er sich dazu verhalten sollte. Er wusste nicht einmal, ob er überhaupt darauf reagieren sollte. Schließlich wäre er doch bald sowieso kaum noch zu Hause.
Maxim stolperte in der Garderobe über das schwarze Barett seines Sohnes, das der neuerdings trug. Er konnte nicht nachvollziehen, was das sollte. Genauso wenig, wie sich ihm die Musik erschloss, fehlte ihm auch jegliches Verständnis dafür, in einer Popkultur zu versinken. Den Drang dazu hatte er nie verspürt.
Maxim legte Tasche, Mantel und Sakko ab, da kam ihm schon Nicole entgegen.
„Da bist du ja, Knullefutz“, begrüßte sie ihn sanft erfreut. Ohne ihn zu sehr zu berühren, schnatzte sie einmal in der Nähe seiner Wange, „das Essen ist auch gleich fertig.“
Maxim machte nur ein müdes „Hm?“ und zog seine Schuhe aus.
Nicole ruderte schon wieder aus dem Flur, stellte sich an die Treppe und singsangte gegen den bollernden Klangflickenteppich: „Ja-haques!“ Von oben dröhnte nur ein erstickt gesprochener Schreigesang mit unklaren Worten zurück.
„JAQUES!“, rief Nicole nun laut und als das nichts half, bellte sie „JA-KOPP!“ die Stufen nach oben.
Maxim sah müde zu ihr herüber, schlüpfte in seine Pantoffeln, ging zu ihr und lief an ihr vorbei ins Esszimmer.
„Was gibt es denn?“, fragte er im Vorbeigehen.
Nicole drehte ihr Gesicht kurz zu ihm: „Ich habe Kotelett gemacht, mit Kartoffeln und Erbsen und Möhren.“
Maxim nickte stumm, als er das Gericht erfuhr.
Oben öffnete sich nun eine Tür, aus dem zerberstenden Taktgeprügel wurde lautes Kreischen. Dazwischen rief jemand: „Was gibt’s denn, Mama? Ich will Musik hören!“
„Das Essen ist fertig“, erwiderte Nicole, „komm jetzt runter!“
„Ich habe keinen Hunger!“
„Dann kommst du und setzt dich an den Tisch!“
An der Treppe entstand eine Pause, durch die gesägte Gitarrenriffs atonal über die Tonleiter sprangen. Dann wechselte unwillkürlich das Tempo und Nicole hörte nur noch unruhiges Gemurmel. Sie sah, dass Jakob in sein Zimmer zurückging und den Lärm beendete. Nicole drehte sich zufrieden um und ging in die Küche. Von dort aus bemerkte sie, dass Maxim schon am Tisch saß, er stützte die Ellbogen auf den Tisch und hatte die Hände übereinandergefaltet.
„Ist das Essen fertig oder kann ich vorher noch Zeitung lesen?“, fragte er.
„Nein, nein, das Essen ist schon fertig.“
Maxim war kaum in der Lage, die Kochgerüche wahrzunehmen, geschweige denn zu identifizieren. Er fragte: „Wo hast du die Zeitung denn liegen?“
„Im Wohnzimmer, mein Mauzibubu“, rief es aus der Küche, „aber du brauchst jetzt nicht mehr damit anzufangen. Das Essen ist fertig.“
Von der Treppe waren schwere, klumpig polternde Schritte zu hören.
„Jaques!“, rief Nicole, „Du sollst im Haus keine Schuhe tragen! Du machst die ganze Treppe kaputt!“
Jakob schwieg, mit einem bestimmten Schritt ging der hagere Teenager zu seinem Platz und setzte sich hin. Maxim schaute ihn an. Sein Sohn hatte sich in den letzten Monaten verändert, er hatte das zuvor kaum wahrgenommen. Maxim wurde bewusst, dass er in Zukunft noch viel weniger mitbekommen würde, wenn er erst einmal Kultusminister wäre.
Der Tisch war bereits gedeckt, Nicole trug einen großen Teller mit mehreren Koteletts ins Wohnzimmer.
„Ich will kein Fleisch“, sagte Jakob, „ich bin jetzt Vegetarier.“
Maxim schaute eisig zu seinem Sohn, er verstand ihn nicht. Nicole federte bereits wieder in die Küche zurück, um das Gemüse zu holen.
„Was sind das eigentlich für Marotten?“, fragte Maxim. Jakob wackelte mit seinem Kopf, um den Pony seiner schwarz gefärbten Haare aufzuschütteln.
Maxim erblickte die vorher kaum sichtbaren Augen seines Sohnes, die mit schwarzem Kajal umzingelt waren. Auf dem bleichen Gesicht hoben sie sich besonders kräftig ab.
„Bist du etwa geschminkt?“, fragte Maxim, aber Jakob schwieg. Er verschränkte die Arme und zog die Ärmel seines lila-schwarz geringelten Sweatshirts mit den Fingern weit über die Handgelenke. Nicole kam ins Esszimmer, stellte die Schüsseln mit Kartoffeln und Gemüse ab und setzte sich. Von ihrem Platz gegenüber von Maxim nahm sie dessen Teller in die Hand und füllte ihn auf.
„Dein Sohn ist geschminkt“, sagte Maxim. Nicole schaute leicht nervös, sagte aber nichts. Sie stellte den Teller vor Maxim und bat Jakob mit einer ladenden Handbewegung, ihr seinen anzureichen.
Jakob reichte ihr seinen Teller an und sagte: „Aber nur Kartoffeln und Gemüse.“ Dabei rutschte das Sweatshirt ein wenig auf den Unterarm zurück. Oberflächliche Kratznarben stachen bei dieser hastigen Bewegung hervor, Maxim bemerkte sie nicht. Er begann damit, sein Kotelett zu zerschneiden und wollte lieber wissen: „Was ist das eigentlich für ein Lärm, den du da jetzt immer hörst?“
Jakob schwieg. Nicole stellte ihm seinen Teller hin und füllte sich selbst auf.
„Und was soll das für eine Frisur sein?“, fragte Maxim dann.
„Das trägt man jetzt so“, erklärte der Sohn.
Nicole versuchte Harmonie zu erzeugen und stand ihm endlich bei: „Es sieht zumindest gepflegt aus.“
Maxim gefiel es trotzdem nicht. Diese herausrasierten Zacken hinten und der Pony, der fast bis auf die herausstechenden Wangenknochen reichte, das gefiel ihm ganz und gar nicht. Aber Maxim wusste nicht, wie er sich dazu verhalten sollte. Er wusste nicht einmal, ob er überhaupt darauf reagieren sollte. Schließlich wäre er doch bald sowieso kaum noch zu Hause.
Freitag, 6. Februar 2009
Kapitel 7.5
Wenn er zu Grabungen kam und die Fortschritte begutachtete, kam er grundsätzlich zur Mittagspause. Damit stand er in der guten Tradition aller Amtsarchäologen. Deren Befähigung, diese Stelle auszufüllen, scheint nämlich vornehmlich daran gemessen zu werden, ob sie in der Lage sind, fünf Ausgrabungen am selben Tag gleichzeitig zur Mittagszeit zu besuchen. Vielleicht werden sie aber auch nach der Stellenbesetzung einfach in einer aufwendigen Initiation in das Geheimnis eingeweiht, diesen temporalen Hattrick zu beherrschen.
Sowohl die Arbeiter im Chefwagen als auch die Raucher reagierten auf die Ankunft Senffs, ohne dass sie ausdrücklich ermahnt werden mussten. Bis auf Sylvia, die noch im Bauwagen die Köpfe und Legenden mehrerer Zeichnungen beenden musste, trollten sich alle unaufgefordert nach draußen, suchten dort die Arbeit auf, die sie zuvor unterbrochen hatten, und setzten sie fort. Ich winkte lediglich Dieter zu mir und bat ihm, das Pony auf die Koppel zu bringen, auf die es gehörte. Dieter suchte sich daraufhin ein Seil im Werkzeugcontainer, bastelte daraus mit Seemannsknoten eine Trense und brachte das ruhige Tier zu seinem Herkunftsort.
Ich ging auf den schwer übermüdet wirkenden Senff zu, der wie üblich albern gekleidet war. Nach allgemeiner Meinung hatte er diesen unbewussten Drang, die Öffentlichkeit unfreiwillig mit einer clownesken Erscheinung zu belustigen, bereits in frühester Kindheit angenommen. Als er und Nicole zu Unizeiten ein Paar geworden waren, hatte sie zumindest verschiedenen Kommilitonen stolz alte Fotos von ihm als 12-Jährigen herumgereicht, die ihn auf Geheiß der lieben Frau Mama mit einem Prinz-Eisenherz-Haarschnitt und einer viel zu engen Seppellederhose zeigten. Inzwischen hatte Nicole den Platz von Maxims Mutter eingenommen. Sie ermutigte den Mittdreißiger dazu, auch noch die lächerlichsten Klamotten zu tragen, was seinem Ansehen kaum förderlich war. Denn durch diesen Aufzug, der stets für großes Amüsement sorgte, bewies Maxim von vornherein, dass man ihn als Person nicht ernst nehmen konnte. Und das dachte einfach jeder Arbeiter, mit dem ich mich im Osten unterhalten habe. Nur von einen einzigen Arbeiter weiß ich, dass er Senff nicht einmal lächerlich fand, sondern schlicht dermaßen blöde, dass er sich bis zu dessen Weggang beharrlich geweigert haben soll, Maxim die Hand zu geben.
Wir waren derweil von dem Aufzug des Projektleiters nur amüsiert, seine Garderobe war wirklich unglaublich. Seine meist kurzärmeligen Hemden waren entweder mit Hawaii-Mustern bedruckt oder mit den roten oder grünen Karos gestaltet, die bis in die schlimmen 80er Jahre Tischdecken und Bettwäsche zahlloser Jugendherbergen zierten. Die dazu passenden Hosen waren bunt karierte Bermuda-Shorts, oder wiederholt pumpbeinige Dreiviertelhosen in Beige, wie er sie auch an diesem Besuchstag trug. Um das Ganze abzustimmen, hatte er sein Erscheinungsbild außerdem mit an den Hacken offenen Turnschuhen gekrönt, deren modischer Ursprung fraglos in ethisch nicht zu rechtfertigenden Genexperimenten an Pantoletten zu finden ist.
Ich grüßte Maxim und führte ihn in den Bauwagen, um ihm die Pläne zu zeigen, bevor wir auf die Flächen gingen. Dass Sylvia im Bauwagen arbeitete, gab ihm anschließend Anlass, mich außerhalb des Bauwagens vor ihrer angeblichen Faulheit zu warnen. Tagelang, so beschrieb er ihre Arbeitsweise während einer anderen Grabung, habe sie über demselben Plan gebrütet und immer nur hin und her geblättert. Mich wunderte diese Kritik, da ich ausgerechnet Sylvia als sehr intensive und konzentrierte Arbeiterin erlebte. Dabei nahm sie gleichzeitig zu ihren Pflichten als Zeichnerin zusammen mit Jonas den Posten als Vorarbeiterin ein und achtete verantwortungsvoll auf die anderen Arbeiter.
Dagegen war mir ja längst bekannt, wie intrigant und unfähig Senff war. So schwieg ich zu den Anwürfen. Senff war aber kaum gefahren, da warnte ich meinerseits Sylvia davor, dass er sie ganz offensichtlich auf dem Kieker hatte.
Man merkte damals schon, dass Maxim es zusehends genoss, Macht inne zu haben, obwohl er sich gleichzeitig auf unterschiedlichsten Wegen freiwillig der Lächerlichkeit preisgab. Eigentlich glich sein Wirken ohnehin der Terrorherrschaft eines Clowns. Das zeigte sich in jedem seiner Schritte, in all seinen Handlungen. Das galt bis ins letzte Detail, vom Anfang bis zum Ende. In dieser Zeit war er allerdings besonders ungehalten. Das weiß ich noch genau, denn dieser Tag ist mir schon deswegen im Gedächtnis haften geblieben, weil ich völlig neue Grenzen des Unwohlseins erfahren hatte.
Die Ringe unter Maxims Augen konnte man nicht zählen und er war so unaufmerksam, freiwillig aus seinem unseligen Leben zu plaudern. Es war nämlich die Zeit, in der seine Frau Nicole kurz davor war, den Senff-Stammhalter zu werfen – oder wie Dieter sich eines Tages aufgrund Nicoles Herkunft aus Braunschweig versprach: „die Sächsin ist niederträchtig ...“
Maxim war in dieser Zeit ein nervliches Wrack. Das lag aber keineswegs daran, dass er mit so viel Mitgefühl bei der Sache war, sondern weil er unter den Launen seiner besseren Hälfte zu leiden hatte, was er selbstverständlich überhaupt nicht einsah. Er kam zwar immer noch nur an den Tagen in ihre gemeinsame Wohnung, an denen er am Institut arbeitete. Aber die wenigen zugehörigen Nächte wurde Maxim ständig geweckt, weil Nicole im Fünfminutentakt aufs Klo trippelte. Darüber hinaus zwang sie ihn zu den Kursen der Schwangerschaftsgymnastik, wo er mit wildfremden Menschen eine verstümmelte Abart des Sirtaki zu tanzen hatte. Um das letzte Bisschen häuslichen Segens zu retten, war er als Ausgleich für seine heißgeliebten Sportsendungen quasi verpflichtet, Sonntags mit seinem Weib regelmäßig die damals schon unsäglich klebrig-pilchrigen und ewig-gleichen ZDF-Filmchen im Fernsehen zu verfolgen und schlimmer noch: gutzuheißen! Da galt auch die Ausrede nichts, dass am Vorabend sowohl sein Handballverein als auch sein Fußballverein wichtige Ligaspiele verloren hatten. Infolgedessen quälte der völlig übermüdete Senff jeden Untergebenen an der Universität und im Denkmalpflegeamt, als zöge ein jähzorniger Rachegott durch die Lande. Er belästigte einfach jeden mit seinen eingebildeten Leiden. Wie es seiner Frau ging, war ihm egal. Alles in allem war es für niemanden eine gute Zeit, weder für die beiden, noch für den Rest der Welt.
Vor seiner Abfahrt wusste ich ihn aber noch zu treffen, indem ich ihm mitteilte, wie katastrophal Marions Fähigkeiten waren. Als ich von ihren „Künsten“ erzählte und zum Beweis ihre Kritzelei vorzeigte, die ich als Beleg für schlechte Arbeit heute noch aufbewahre, wurde Senff vor Wut still. Er hatte mir Marion aufgedrückt, hatte sich von ihr weismachen lassen, dass sie als Zeichnerin arbeiten könne. Wahrscheinlich fühlte er sich betrogen, und das waren wir ja beide. Er versprach, mir in der Folgewoche einen neuen Mitarbeiter zu besorgen. Er wollte einen ehrenamtlichen Denkmalpfleger namens Micha aus der Gegend aktivieren, der ab und zu bereits für das Amt gearbeitet hatte.
Senff war kaum gefahren, da ging ich zu Sylvia und Hans, und erzählte ihnen, wer zum Team stoßen würde. Beide kannten Micha, Sylvia schien durchaus erfreut, wusste sie doch wenigstens, dass er besser als Orka arbeitete und ihr somit bei den Zeichnungen zur Hand gehen konnte. Hans dagegen war entsetzt. Er verdrehte die Augen, drehte sich zur Seite und setzte seine Arbeit stöhnend fort. Ich wunderte mich, befürchtete natürlich die nächste personelle Katastrophe, aber Hans ließ sich lediglich entlocken, dass ihn Michas „Pferdelache“ störte, wie er sie nannte. Sie sei auf der gesamten Grabungsfläche zu hören.
Die „Pferdelache“, von der Hans gesprochen hatte, ließ nicht lange auf sich warten, als Micha in der Folgewoche auf unserer Grabung mitzuarbeiten begann. Der große Micha mit dem überbreiten Mund war eigentlich immer gut aufgelegt. Er erzählte viel von seiner Familie, beispielsweise verriet er mir, sein Vater, sein Bruder und er sähen zusammen wie die Olsenbande aus (Micha entsprach dabei Benny). Er besaß genügend Humor, dass er sogar weiter Witze erzählte, nachdem er während der Grabung erfahren hatte, dass bei seinem Bruder, dem Kjeld-Pendant, ein Hirntumor festgestellt worden war.
Natürlich führte er sich sogar mit einem Witz ein. Wir hatten uns kaum begrüßt und gegenseitig vorgestellt, als er von sich aus erzählte, dass Maxim Senff versucht hatte, ihn zum 20. April einzustellen. Micha erwiderte am Telefon erbost, er könne „doch nicht an Führers Geburtstag arbeiten!“, und lachte sich über seinen Einfall und mehr noch den verdutzten Senff tot. In Wirklichkeit betreute Micha an diesem Tag das Volleyballturnier einer von ihm trainierten Jugendmannschaft, aber Senff fiel natürlich auf den bösen Scherz des bekennenden Antifaschisten herein. Ich amüsierte mich dagegen köstlich, dass Senff so hereingelegt worden war.
Andererseits war Micha auch ein kleiner Pyromane. So fragte er mich eines Tages, ob er nicht einmal eine sowjetische Phosphorbombe auf der Grabungsfläche zünden dürfe. Ich verneinte natürlich und war etwas verwirrt über sein tatsächlich ernst gemeintes Ansinnen.
Dass er ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger war, hatte ich ja bereits zuvor von Senff gehört, und auch Dieter kannte ihn. So erfuhr ich aber, dass er auch regelmäßig sowjetische Übungsplätze absuchte, um Munition und alle möglichen Sprengstoffe zu sammeln. Ich weiß nicht, ob er auf pyrotechnische Experimente dieses Ausmaßes weitgehend verzichtete, weil wir uns gut verstanden, oder ob er selbst zu viel Angst vor der eigenen Courage hatte.
Sowohl die Arbeiter im Chefwagen als auch die Raucher reagierten auf die Ankunft Senffs, ohne dass sie ausdrücklich ermahnt werden mussten. Bis auf Sylvia, die noch im Bauwagen die Köpfe und Legenden mehrerer Zeichnungen beenden musste, trollten sich alle unaufgefordert nach draußen, suchten dort die Arbeit auf, die sie zuvor unterbrochen hatten, und setzten sie fort. Ich winkte lediglich Dieter zu mir und bat ihm, das Pony auf die Koppel zu bringen, auf die es gehörte. Dieter suchte sich daraufhin ein Seil im Werkzeugcontainer, bastelte daraus mit Seemannsknoten eine Trense und brachte das ruhige Tier zu seinem Herkunftsort.
Ich ging auf den schwer übermüdet wirkenden Senff zu, der wie üblich albern gekleidet war. Nach allgemeiner Meinung hatte er diesen unbewussten Drang, die Öffentlichkeit unfreiwillig mit einer clownesken Erscheinung zu belustigen, bereits in frühester Kindheit angenommen. Als er und Nicole zu Unizeiten ein Paar geworden waren, hatte sie zumindest verschiedenen Kommilitonen stolz alte Fotos von ihm als 12-Jährigen herumgereicht, die ihn auf Geheiß der lieben Frau Mama mit einem Prinz-Eisenherz-Haarschnitt und einer viel zu engen Seppellederhose zeigten. Inzwischen hatte Nicole den Platz von Maxims Mutter eingenommen. Sie ermutigte den Mittdreißiger dazu, auch noch die lächerlichsten Klamotten zu tragen, was seinem Ansehen kaum förderlich war. Denn durch diesen Aufzug, der stets für großes Amüsement sorgte, bewies Maxim von vornherein, dass man ihn als Person nicht ernst nehmen konnte. Und das dachte einfach jeder Arbeiter, mit dem ich mich im Osten unterhalten habe. Nur von einen einzigen Arbeiter weiß ich, dass er Senff nicht einmal lächerlich fand, sondern schlicht dermaßen blöde, dass er sich bis zu dessen Weggang beharrlich geweigert haben soll, Maxim die Hand zu geben.
Wir waren derweil von dem Aufzug des Projektleiters nur amüsiert, seine Garderobe war wirklich unglaublich. Seine meist kurzärmeligen Hemden waren entweder mit Hawaii-Mustern bedruckt oder mit den roten oder grünen Karos gestaltet, die bis in die schlimmen 80er Jahre Tischdecken und Bettwäsche zahlloser Jugendherbergen zierten. Die dazu passenden Hosen waren bunt karierte Bermuda-Shorts, oder wiederholt pumpbeinige Dreiviertelhosen in Beige, wie er sie auch an diesem Besuchstag trug. Um das Ganze abzustimmen, hatte er sein Erscheinungsbild außerdem mit an den Hacken offenen Turnschuhen gekrönt, deren modischer Ursprung fraglos in ethisch nicht zu rechtfertigenden Genexperimenten an Pantoletten zu finden ist.
Ich grüßte Maxim und führte ihn in den Bauwagen, um ihm die Pläne zu zeigen, bevor wir auf die Flächen gingen. Dass Sylvia im Bauwagen arbeitete, gab ihm anschließend Anlass, mich außerhalb des Bauwagens vor ihrer angeblichen Faulheit zu warnen. Tagelang, so beschrieb er ihre Arbeitsweise während einer anderen Grabung, habe sie über demselben Plan gebrütet und immer nur hin und her geblättert. Mich wunderte diese Kritik, da ich ausgerechnet Sylvia als sehr intensive und konzentrierte Arbeiterin erlebte. Dabei nahm sie gleichzeitig zu ihren Pflichten als Zeichnerin zusammen mit Jonas den Posten als Vorarbeiterin ein und achtete verantwortungsvoll auf die anderen Arbeiter.
Dagegen war mir ja längst bekannt, wie intrigant und unfähig Senff war. So schwieg ich zu den Anwürfen. Senff war aber kaum gefahren, da warnte ich meinerseits Sylvia davor, dass er sie ganz offensichtlich auf dem Kieker hatte.
Man merkte damals schon, dass Maxim es zusehends genoss, Macht inne zu haben, obwohl er sich gleichzeitig auf unterschiedlichsten Wegen freiwillig der Lächerlichkeit preisgab. Eigentlich glich sein Wirken ohnehin der Terrorherrschaft eines Clowns. Das zeigte sich in jedem seiner Schritte, in all seinen Handlungen. Das galt bis ins letzte Detail, vom Anfang bis zum Ende. In dieser Zeit war er allerdings besonders ungehalten. Das weiß ich noch genau, denn dieser Tag ist mir schon deswegen im Gedächtnis haften geblieben, weil ich völlig neue Grenzen des Unwohlseins erfahren hatte.
Die Ringe unter Maxims Augen konnte man nicht zählen und er war so unaufmerksam, freiwillig aus seinem unseligen Leben zu plaudern. Es war nämlich die Zeit, in der seine Frau Nicole kurz davor war, den Senff-Stammhalter zu werfen – oder wie Dieter sich eines Tages aufgrund Nicoles Herkunft aus Braunschweig versprach: „die Sächsin ist niederträchtig ...“
Maxim war in dieser Zeit ein nervliches Wrack. Das lag aber keineswegs daran, dass er mit so viel Mitgefühl bei der Sache war, sondern weil er unter den Launen seiner besseren Hälfte zu leiden hatte, was er selbstverständlich überhaupt nicht einsah. Er kam zwar immer noch nur an den Tagen in ihre gemeinsame Wohnung, an denen er am Institut arbeitete. Aber die wenigen zugehörigen Nächte wurde Maxim ständig geweckt, weil Nicole im Fünfminutentakt aufs Klo trippelte. Darüber hinaus zwang sie ihn zu den Kursen der Schwangerschaftsgymnastik, wo er mit wildfremden Menschen eine verstümmelte Abart des Sirtaki zu tanzen hatte. Um das letzte Bisschen häuslichen Segens zu retten, war er als Ausgleich für seine heißgeliebten Sportsendungen quasi verpflichtet, Sonntags mit seinem Weib regelmäßig die damals schon unsäglich klebrig-pilchrigen und ewig-gleichen ZDF-Filmchen im Fernsehen zu verfolgen und schlimmer noch: gutzuheißen! Da galt auch die Ausrede nichts, dass am Vorabend sowohl sein Handballverein als auch sein Fußballverein wichtige Ligaspiele verloren hatten. Infolgedessen quälte der völlig übermüdete Senff jeden Untergebenen an der Universität und im Denkmalpflegeamt, als zöge ein jähzorniger Rachegott durch die Lande. Er belästigte einfach jeden mit seinen eingebildeten Leiden. Wie es seiner Frau ging, war ihm egal. Alles in allem war es für niemanden eine gute Zeit, weder für die beiden, noch für den Rest der Welt.
Vor seiner Abfahrt wusste ich ihn aber noch zu treffen, indem ich ihm mitteilte, wie katastrophal Marions Fähigkeiten waren. Als ich von ihren „Künsten“ erzählte und zum Beweis ihre Kritzelei vorzeigte, die ich als Beleg für schlechte Arbeit heute noch aufbewahre, wurde Senff vor Wut still. Er hatte mir Marion aufgedrückt, hatte sich von ihr weismachen lassen, dass sie als Zeichnerin arbeiten könne. Wahrscheinlich fühlte er sich betrogen, und das waren wir ja beide. Er versprach, mir in der Folgewoche einen neuen Mitarbeiter zu besorgen. Er wollte einen ehrenamtlichen Denkmalpfleger namens Micha aus der Gegend aktivieren, der ab und zu bereits für das Amt gearbeitet hatte.
Senff war kaum gefahren, da ging ich zu Sylvia und Hans, und erzählte ihnen, wer zum Team stoßen würde. Beide kannten Micha, Sylvia schien durchaus erfreut, wusste sie doch wenigstens, dass er besser als Orka arbeitete und ihr somit bei den Zeichnungen zur Hand gehen konnte. Hans dagegen war entsetzt. Er verdrehte die Augen, drehte sich zur Seite und setzte seine Arbeit stöhnend fort. Ich wunderte mich, befürchtete natürlich die nächste personelle Katastrophe, aber Hans ließ sich lediglich entlocken, dass ihn Michas „Pferdelache“ störte, wie er sie nannte. Sie sei auf der gesamten Grabungsfläche zu hören.
Die „Pferdelache“, von der Hans gesprochen hatte, ließ nicht lange auf sich warten, als Micha in der Folgewoche auf unserer Grabung mitzuarbeiten begann. Der große Micha mit dem überbreiten Mund war eigentlich immer gut aufgelegt. Er erzählte viel von seiner Familie, beispielsweise verriet er mir, sein Vater, sein Bruder und er sähen zusammen wie die Olsenbande aus (Micha entsprach dabei Benny). Er besaß genügend Humor, dass er sogar weiter Witze erzählte, nachdem er während der Grabung erfahren hatte, dass bei seinem Bruder, dem Kjeld-Pendant, ein Hirntumor festgestellt worden war.
Natürlich führte er sich sogar mit einem Witz ein. Wir hatten uns kaum begrüßt und gegenseitig vorgestellt, als er von sich aus erzählte, dass Maxim Senff versucht hatte, ihn zum 20. April einzustellen. Micha erwiderte am Telefon erbost, er könne „doch nicht an Führers Geburtstag arbeiten!“, und lachte sich über seinen Einfall und mehr noch den verdutzten Senff tot. In Wirklichkeit betreute Micha an diesem Tag das Volleyballturnier einer von ihm trainierten Jugendmannschaft, aber Senff fiel natürlich auf den bösen Scherz des bekennenden Antifaschisten herein. Ich amüsierte mich dagegen köstlich, dass Senff so hereingelegt worden war.
Andererseits war Micha auch ein kleiner Pyromane. So fragte er mich eines Tages, ob er nicht einmal eine sowjetische Phosphorbombe auf der Grabungsfläche zünden dürfe. Ich verneinte natürlich und war etwas verwirrt über sein tatsächlich ernst gemeintes Ansinnen.
Dass er ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger war, hatte ich ja bereits zuvor von Senff gehört, und auch Dieter kannte ihn. So erfuhr ich aber, dass er auch regelmäßig sowjetische Übungsplätze absuchte, um Munition und alle möglichen Sprengstoffe zu sammeln. Ich weiß nicht, ob er auf pyrotechnische Experimente dieses Ausmaßes weitgehend verzichtete, weil wir uns gut verstanden, oder ob er selbst zu viel Angst vor der eigenen Courage hatte.
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Donnerstag, 11. Dezember 2008
Kapitel 2.1
Senff saß in seinem Büro auf seinem ledernen Chefsessel und hielt inne. Von draußen hörte er Gelächter und Gejuchze. Er gab seinem Sessel einen faulen Stoß und drehte seinem Schreibtisch die Rückenlehne zu, so dass er bequem aus dem Fenster blicken konnte. Er zupfelte seinen geliebten Kamm aus der linken Gesäßtasche und kämmte sein dünnes Haar. Im Park vor seinem Fenster erblickte er eine Hochzeitsgesellschaft. Das Schloss, in dem er heute noch als Landesarchäologe residierte, diente oftmals als Kulisse für Hochzeitsfotos. Senff sah das glückliche Paar und gedachte seiner eigenen Hochzeit.
Sie war möglich geworden, nachdem er promoviert worden war. So hatte ihm seine Promotion nicht allein zwei halbe Stellen verschafft, sondern auch in die Lage versetzten, endlich seine langjährige Verlobte Nicole zu heiraten, mit der er zuvor in wilder Ehe gelebt hatte. Mit Stolz und Freude blickte er daher auf seine Promotion zurück. Sicher, er fand es nicht so schlimm, eine Zeit lang unverheiratet mit einer Frau zusammen zu leben, solange beide sich darüber einig waren, eines Tages auch wirklich zu heiraten. Aber Senff wusste, dass am Institut getuschelt wurde. Das Institut war fest in der Hand von Katholiken in der Diaspora, die ihre direkte Umgebung also um so strenger kontrollierten. Und ihn, der er nur der Sohn eines protestantischen Popen war, missachteten sie ohnehin schon! Wie viel schlimmer also war da das Getuschel darüber, dass beide in Sünde miteinander lebten! Nach der Heirat aber konnte er unbeschadet an den regelmäßigen Teepausen der Institutsangestellten teilnehmen, ohne sich weiterhin aufziehen lassen zu müssen. Ach, dann erzählte er so gerne von seiner Frau. Wie sie sich auf einer Exkursion kennen gelernt hatten.
Es war eine berüchtigte, am Institut legendäre Exkursion gewesen. Die Exkursion führte nach Frankreich, was direkt an der Grenze für ein spannendes und gleichzeitig unglückliches Ereignis sorgte. Einer der Teilnehmer hatte nämlich wenige Jahre zuvor die Jugendsünde begangen, sich bei der französischen Fremdenlegion zu verpflichten. Schnell hatte er die Erkenntnis gewonnen, dass ihm das Kriegspielen doch keinen Spaß macht, und war desertiert. Als der Fahnenflüchtling nun am Schlagbaum auftauchte, wurde er geschnappt und wieder eingezogen. Das ging so schnell, dass die anderen Studenten und Pickenpack nicht erfuhren, ob er einfach nur so viel Chuzpe hatte oder ob er es einfach nicht bedacht hatte. Zumindest wird er in der nächsten Zeit wohl nicht mehr viel zu lachen gehabt haben. Anders als Pickenpack – kaum war der Fremdenlegionär „ausgestiegen“ worden, zuckte der Professor die Schultern und bemerkte zur allgemeinen Erheiterung „Zehn Prozent Schwund ist immer!“
Professor Pickenpack bevorzugte Campingexkursionen. Mit der Familie fuhr er jedes Jahr mit einem alten T2-Camper in den Urlaub und so mussten auch die Studenten mit ihm stets zelten. Dazu besaß er ein hundehüttenähnliches Zelt, in das er abends mit mindestens einer Flasche Wein verschwand. Senffs spätere Frau Nicole kam mit einer Kommilitonin Heidrun in einem Zelt unter, das aufgrund der Menge und der unterschiedlichen Färbungen der Flicken vom ersten Aufbau an als „Villa Kunterbunt“ bezeichnet wurde. Wegen der zahlreichen Flicken war das Zelt natürlich auch nicht besonders wasserdicht, so dass Nicole und Heidrun bei dem auf dieser Exkursion nicht seltenen Regen kaum eine trockene Nacht verbrachten. Heidrun war ohnehin etwas seltsam, schlief sie doch stets en naturelle, was die prüde Nicole auch nicht gerade aufmunterte. Besonders ungehalten wurde Nicole aber, als eines Nachts ein Ohrenkneifer in ihr linkes Ohr kroch und dort den Heldentod starb. Ihr morgendliches Gekreische erzeugte nicht wenig Belustigung unter den Studenten. Allein der völlig humorlose Senff nahm sich ihrer an und entfernte den Ohrenkneifer mittels der Pinzette seines Schweizer Taschenmessers.
Auf dem Rückweg nach Deutschland war Nicole dann nach einer Pinkelpause von einem der draufgängerischen Studenten getriezt worden. Professor Pickenpack hatte die Studentengruppe vorher zu einem eimergroßen, inzwischen verfallenen Loch in irgendeinem Wald geführt. Dazu fragte er die Studenten, um was für eine archäologische Sensation es sich handele. Die Studenten schwiegen bedächtig und blickten in alle Richtungen, nur nicht zum Professor oder auf das Loch. Pickenpack begann mehr und mehr zu grinsen, freute sich über die verlegene Unwissenheit und eröffnete der staunenden Gruppe, sie stünden vor seiner ersten Raubgrabung, die er als 12jähriger durchgeführt hatte. Solche Situationen machten ihm stets eine besondere Freude. Von dieser historischen Raubgrabung ging die Gruppe wieder in Richtung zum Bus. Bevor die Fahrt weitergehen sollte, hatte Pickenpack jedoch noch eine wäldliche Pinkelpause veranschlagt, die auch Nicole nutzen wollte. Bevor sie zum Bus ging, pflückte sie noch einen Ast mit Eichenlaub, um ihren Sitzplatz mit Fenster ein wenig zu schmücken. Doch kaum war sie eingestiegen und hatte den ersten Schritt in den Gang getan, da wurde sie von Mark, einem Draufgänger und unibekannten Schürzenjäger, grinsend gefragt: „Was zahlst du für die Fotos, Nicole?“
Nicole blieb stehen, schaute erst dumm in Marks Richtung mit einem Blick, der verriet, dass sie einen Moment zu lange auf dem Schlauch stand, bekam dann schlagartig einen roten Kopf und verschwand schweigend mit ihrem Eichenlaub auf ihrem Platz.
Das war die Gelegenheit, in der Maxim die letzte Hürde nahm, um Nicoles Herz zu gewinnen. „Du ehrloser Schuft!“, beschimpfte er den nun noch lauter lachenden Mark mit einer Beleidigung, die er sich in der Schundliteratur angelesen hatte, die er heimlich in den Seminaren las. Niemals zuvor war Maxim so aus sich herausgebrochen und er tat es auch niemals wieder. Dabei half dieser Ausbruch natürlich wenig in dieser Situation; genauso gut hätte Maxim „Du Flur!“ persönlich werden können, aber es lenkte immerhin ein weiteres Mal Nicoles Aufmerksamkeit auf ihn. Dann setzte er sich zu der tief betrübten Nicole, um sie erfolgreich zu trösten. Doch es sollte auch belohnt werden: Nach der Exkursion waren Nicole und er in ein Studentenlokal gegangen, wo er ihr ein Mineralwasser ausgeben durfte. Er staunte, eigentlich war sie gar nicht sein Typ, sie war sehr mager und hatte einen Brustumfang wie eine typische Volleyballspielerin. Ihre Haare waren brünett und wie ein Treppenabsatz geschnitten. Maxim erkannte aber, dass sie nicht die hellste war, und sah hierin offenbar frühzeitig die Möglichkeit eines leicht zu lenkenden Heimchens.
Er verfestigte die Eroberung vor allem dadurch, dass er sie nicht auslachte, wie die anderen Studenten und zeitweise sogar die Dozenten es taten. So berechnete sie als Doktorarbeit die „Transportmengen auf mitteleuropäischen Flüssen der Antike“. Dazu hatte sie von Pickenpack ein mehrmonatiges Stipendium in den Niederlanden vermittelt bekommen, was leider den Nachteil mit sich brachte, dass sie die dasige „fremdländische“ (sic!) Literatur nicht lesen konnte. Doch Nicole war darüber hinaus auch so dumm, diese Tatsache beim Doktorandenkolloquium zuzugeben, in dem sie ihr „work in progress“ vorstellen sollte. Damit hatte sie die ersten Lacher auf ihrer Seite. Die nächsten erntete sie, als sie auf der Deutschlandkarte nicht einmal den Rhein nicht zu finden vermochte. Damit rief sie nicht allein Gelächter und Unmut hervor, sondern auch die Neider auf den Plan, die gar nicht einsehen wollten, warum diese Person ein Stipendium – oder wie es bei ihr fortan hieß: ein Stupendium – erhalten hatte. Für weitere Heiterkeit sorgte sie übrigens unter den Studenten, als sie in der Caféte von der hochgeschossigen Zweitwohnung ihrer Eltern in Bremen zu erzählen wusste, wo sie morgens stets „mit Blick auf die Elbe frühstückte“. Bald schon machten die Studenten einen weiten Bogen um Nicole, bis auf Maxim, der eben – wie ihr immer aufgefallen war – nicht über sie lachte. Sie konnte damals natürlich nicht wissen, dass Maxim eigentlich nie lachte. So hängte sie sich an ihn, und war schneller mit ihm verlobt als man es sich vorstellen konnte. Und ihre Familie war sehr stolz auf die Verbindung: Eine Pastorssohn! Das musste ja eine gesegnete Ehe werden!
Sie war möglich geworden, nachdem er promoviert worden war. So hatte ihm seine Promotion nicht allein zwei halbe Stellen verschafft, sondern auch in die Lage versetzten, endlich seine langjährige Verlobte Nicole zu heiraten, mit der er zuvor in wilder Ehe gelebt hatte. Mit Stolz und Freude blickte er daher auf seine Promotion zurück. Sicher, er fand es nicht so schlimm, eine Zeit lang unverheiratet mit einer Frau zusammen zu leben, solange beide sich darüber einig waren, eines Tages auch wirklich zu heiraten. Aber Senff wusste, dass am Institut getuschelt wurde. Das Institut war fest in der Hand von Katholiken in der Diaspora, die ihre direkte Umgebung also um so strenger kontrollierten. Und ihn, der er nur der Sohn eines protestantischen Popen war, missachteten sie ohnehin schon! Wie viel schlimmer also war da das Getuschel darüber, dass beide in Sünde miteinander lebten! Nach der Heirat aber konnte er unbeschadet an den regelmäßigen Teepausen der Institutsangestellten teilnehmen, ohne sich weiterhin aufziehen lassen zu müssen. Ach, dann erzählte er so gerne von seiner Frau. Wie sie sich auf einer Exkursion kennen gelernt hatten.
Es war eine berüchtigte, am Institut legendäre Exkursion gewesen. Die Exkursion führte nach Frankreich, was direkt an der Grenze für ein spannendes und gleichzeitig unglückliches Ereignis sorgte. Einer der Teilnehmer hatte nämlich wenige Jahre zuvor die Jugendsünde begangen, sich bei der französischen Fremdenlegion zu verpflichten. Schnell hatte er die Erkenntnis gewonnen, dass ihm das Kriegspielen doch keinen Spaß macht, und war desertiert. Als der Fahnenflüchtling nun am Schlagbaum auftauchte, wurde er geschnappt und wieder eingezogen. Das ging so schnell, dass die anderen Studenten und Pickenpack nicht erfuhren, ob er einfach nur so viel Chuzpe hatte oder ob er es einfach nicht bedacht hatte. Zumindest wird er in der nächsten Zeit wohl nicht mehr viel zu lachen gehabt haben. Anders als Pickenpack – kaum war der Fremdenlegionär „ausgestiegen“ worden, zuckte der Professor die Schultern und bemerkte zur allgemeinen Erheiterung „Zehn Prozent Schwund ist immer!“
Professor Pickenpack bevorzugte Campingexkursionen. Mit der Familie fuhr er jedes Jahr mit einem alten T2-Camper in den Urlaub und so mussten auch die Studenten mit ihm stets zelten. Dazu besaß er ein hundehüttenähnliches Zelt, in das er abends mit mindestens einer Flasche Wein verschwand. Senffs spätere Frau Nicole kam mit einer Kommilitonin Heidrun in einem Zelt unter, das aufgrund der Menge und der unterschiedlichen Färbungen der Flicken vom ersten Aufbau an als „Villa Kunterbunt“ bezeichnet wurde. Wegen der zahlreichen Flicken war das Zelt natürlich auch nicht besonders wasserdicht, so dass Nicole und Heidrun bei dem auf dieser Exkursion nicht seltenen Regen kaum eine trockene Nacht verbrachten. Heidrun war ohnehin etwas seltsam, schlief sie doch stets en naturelle, was die prüde Nicole auch nicht gerade aufmunterte. Besonders ungehalten wurde Nicole aber, als eines Nachts ein Ohrenkneifer in ihr linkes Ohr kroch und dort den Heldentod starb. Ihr morgendliches Gekreische erzeugte nicht wenig Belustigung unter den Studenten. Allein der völlig humorlose Senff nahm sich ihrer an und entfernte den Ohrenkneifer mittels der Pinzette seines Schweizer Taschenmessers.
Auf dem Rückweg nach Deutschland war Nicole dann nach einer Pinkelpause von einem der draufgängerischen Studenten getriezt worden. Professor Pickenpack hatte die Studentengruppe vorher zu einem eimergroßen, inzwischen verfallenen Loch in irgendeinem Wald geführt. Dazu fragte er die Studenten, um was für eine archäologische Sensation es sich handele. Die Studenten schwiegen bedächtig und blickten in alle Richtungen, nur nicht zum Professor oder auf das Loch. Pickenpack begann mehr und mehr zu grinsen, freute sich über die verlegene Unwissenheit und eröffnete der staunenden Gruppe, sie stünden vor seiner ersten Raubgrabung, die er als 12jähriger durchgeführt hatte. Solche Situationen machten ihm stets eine besondere Freude. Von dieser historischen Raubgrabung ging die Gruppe wieder in Richtung zum Bus. Bevor die Fahrt weitergehen sollte, hatte Pickenpack jedoch noch eine wäldliche Pinkelpause veranschlagt, die auch Nicole nutzen wollte. Bevor sie zum Bus ging, pflückte sie noch einen Ast mit Eichenlaub, um ihren Sitzplatz mit Fenster ein wenig zu schmücken. Doch kaum war sie eingestiegen und hatte den ersten Schritt in den Gang getan, da wurde sie von Mark, einem Draufgänger und unibekannten Schürzenjäger, grinsend gefragt: „Was zahlst du für die Fotos, Nicole?“
Nicole blieb stehen, schaute erst dumm in Marks Richtung mit einem Blick, der verriet, dass sie einen Moment zu lange auf dem Schlauch stand, bekam dann schlagartig einen roten Kopf und verschwand schweigend mit ihrem Eichenlaub auf ihrem Platz.
Das war die Gelegenheit, in der Maxim die letzte Hürde nahm, um Nicoles Herz zu gewinnen. „Du ehrloser Schuft!“, beschimpfte er den nun noch lauter lachenden Mark mit einer Beleidigung, die er sich in der Schundliteratur angelesen hatte, die er heimlich in den Seminaren las. Niemals zuvor war Maxim so aus sich herausgebrochen und er tat es auch niemals wieder. Dabei half dieser Ausbruch natürlich wenig in dieser Situation; genauso gut hätte Maxim „Du Flur!“ persönlich werden können, aber es lenkte immerhin ein weiteres Mal Nicoles Aufmerksamkeit auf ihn. Dann setzte er sich zu der tief betrübten Nicole, um sie erfolgreich zu trösten. Doch es sollte auch belohnt werden: Nach der Exkursion waren Nicole und er in ein Studentenlokal gegangen, wo er ihr ein Mineralwasser ausgeben durfte. Er staunte, eigentlich war sie gar nicht sein Typ, sie war sehr mager und hatte einen Brustumfang wie eine typische Volleyballspielerin. Ihre Haare waren brünett und wie ein Treppenabsatz geschnitten. Maxim erkannte aber, dass sie nicht die hellste war, und sah hierin offenbar frühzeitig die Möglichkeit eines leicht zu lenkenden Heimchens.
Er verfestigte die Eroberung vor allem dadurch, dass er sie nicht auslachte, wie die anderen Studenten und zeitweise sogar die Dozenten es taten. So berechnete sie als Doktorarbeit die „Transportmengen auf mitteleuropäischen Flüssen der Antike“. Dazu hatte sie von Pickenpack ein mehrmonatiges Stipendium in den Niederlanden vermittelt bekommen, was leider den Nachteil mit sich brachte, dass sie die dasige „fremdländische“ (sic!) Literatur nicht lesen konnte. Doch Nicole war darüber hinaus auch so dumm, diese Tatsache beim Doktorandenkolloquium zuzugeben, in dem sie ihr „work in progress“ vorstellen sollte. Damit hatte sie die ersten Lacher auf ihrer Seite. Die nächsten erntete sie, als sie auf der Deutschlandkarte nicht einmal den Rhein nicht zu finden vermochte. Damit rief sie nicht allein Gelächter und Unmut hervor, sondern auch die Neider auf den Plan, die gar nicht einsehen wollten, warum diese Person ein Stipendium – oder wie es bei ihr fortan hieß: ein Stupendium – erhalten hatte. Für weitere Heiterkeit sorgte sie übrigens unter den Studenten, als sie in der Caféte von der hochgeschossigen Zweitwohnung ihrer Eltern in Bremen zu erzählen wusste, wo sie morgens stets „mit Blick auf die Elbe frühstückte“. Bald schon machten die Studenten einen weiten Bogen um Nicole, bis auf Maxim, der eben – wie ihr immer aufgefallen war – nicht über sie lachte. Sie konnte damals natürlich nicht wissen, dass Maxim eigentlich nie lachte. So hängte sie sich an ihn, und war schneller mit ihm verlobt als man es sich vorstellen konnte. Und ihre Familie war sehr stolz auf die Verbindung: Eine Pastorssohn! Das musste ja eine gesegnete Ehe werden!
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