Als ich ein halbes Jahr meiner teuren Zeit damit verschwendet hatte, mich mit der Sense durch dieses nur durch wenige Geistesblitze erhellte geistige Stoppelfeld zu kämpfen, dessen stilistischer Grad in etwa mit dem Vorkommen barocker Skulpturen auf dem Erdenmond korrespondierte, war ich endlich Herr über die Materie geworden. Ein lächerlich kurzes Hundertseitenwerk war diese Arbeit, in die Kommata augenscheinlich hineingewürfelt, ein Zehntel der Absätze nicht beendet und Abbildungen nicht korrekt zugeordnet waren. Damit nicht genug, hatte ich doch all die Mühe, die Senff eigentlich hätte leisten sollen, selbst erneut machen und alle Quellen ein weiteres Mal heranziehen müssen. Ich war also gezwungen, für die Unterabteilung eines Unterkapitels all die Erkenntnisse neu zu gewinnen, mit denen ein anderer wenige Jahre zuvor promoviert worden war. Endlich war ich jedoch in der Lage, meinem Doktorvater diesen Stand der Dinge mitzuteilen.
Seine Sprechstunden waren an der Tür alle Semester hindurch mit der Stunde vor der Mittagspause am Mittwoch angegeben. Doch all die Jahre, die er an diesem Institut verbrachte, war er grundsätzlich ausgerechnet in dieser Zeit nicht anzutreffen. Das galt besonders, wenn es in der Mensa seine Leibspeise gab: Milchreis mit Zimt. Davon verdrückte er gewöhnlich mehrere Portionen und zog somit die Mittagspause unverhältnismäßig in die Länge. Da es auch in der Woche, in der ich mich zum wissenschaftlichen Rapport meldete, Milchreis gab, mied ich den Mittwoch natürlich bewusst und klopfte erst am Donnerstag an seine Tür.
Er bat mich „Herein!“, ich öffnete, sah ihn telefonieren und mich in sein Büro winken. Ich grüßte wortlos und bog um seine Kartentische zu der grünen Sitzecke, die seinem Schreibtisch gegenüber stand, während er im Smalltalk mit einer Museumssekretärin die Wiederkunft des Direktors in Erfahrung zu bringen suchte. Die Sitzecke, in der ich mich niederließ, war angewandte Psychologie, hatte er doch absichtsvoll eine besonders weiche Couch samt zugehörigen Sesseln in seinem Büro plaziert. Hatte man sich hierhin gesetzt, befand man sich zwangsläufig zwei bis drei Köpfe unter dem Herrn dieses Büros, der auf seinem Schreibttischstuhl thronte. Er genoss dieses Spiel sichtlich vor allem dann, wenn seinem Gegenüber dieser Ausdruck der gewünschten Rangordnung nicht bewusst wurde. Allerdings war er auch leicht zu verwirren, indem man sich der Situation entzog. Es störte ihn merklich, blieb man lange stehen oder bediente man sich sogar der Couchlehne als Sitzbasis, weil die sichtliche Ordnung dann gestört war.
An dem bewussten Tag war ich aufgrund meiner gesammelten Erkenntnisse zu Senffs Dissertation wütend genug, dass mir solche Spielereien vollkommen egal waren.
Er hatte sein Telefonat inzwischen beendet und fragte vornübergebeugt „Sie wollen vom Stand ihrer Dissätation berichten?“
Mit einem festen „Genau!“ kramte ich meine Unterlagen heraus, wollte ich doch ein überzeugendes Plädoyer gegen das Senffsche Machwerk führen. Ich verteilte Kopien der Hausgrundrisse und anderer Befunde, legte die Vervielfältigung des Gesamtplanes aus, bereitete auch Beispiele für Senffs katastrophale Listenführung vor. Sein sprachliches Unvermögen regte mich bereits nicht mehr auf, man gewöhnt sich eben an alles. Mein Doktorvater machte große Augen, erkannte anhand der Auszüge die zugehörige Dissertation.
„Sie hatten mir doch empfohlen, mich mit der Arbeit von Senff zu beschäftigen?“, begann ich meinen Verriss.
„Ja. Haben Sie dinn schon mit ihm gesprochen?“, blinzelte er mich an.
„Nee, und ehrlich gesagt hab ich das auch nicht mehr vor, nachdem ich mich durch seine Diss gekämpft habe – kennen Sie den Text?“
„Natürlich, ich hab mich vor allim mit den Teilen beschäftigt, die sich auf meine Doktorarbeit bezogen. Meine Chronologie konnte er nich widerlegen.“
„Das wundert mich nicht. Das hätte er gar nicht können! – Seine Arbeit ist eine Ka-ta-stro-phe! Schauen Sie sich mal die Hausgrundrisse an.“ Ich schob ihm die Abbildungen vor den Bauch, auf denen mehrere Hausgrundrisse auf einen karierten Quadrantenplan eingetragen waren. „Kucken Sie mal auf die Orientierung!“
„Sagensi nich immer Orientierung, die Häuser sin’ doch Nord-Süd-ausgerichtet und nich nach Osten.“
„Gut, sie sind Nord-Süd-ausgerichtet, das schreibt Senff auch – jedenfalls meistens. – Und jetzt kucken Sie sich mal den Gesamtplan an.“
Ich reichte ihm den Überblicksplan hinüber. Er hielt die Kopien in beiden Händen, kniff die Augen zusammen und blickte konzentriert auf die Blätter. Schnell und unwillkürlich drehte er die Blätter so, dass die Karos des Messsystems auf allen Blättern gleich gerichtet waren.
„Hm“, machte er, „ich weiß nich, worauf sie –“ Ich zeigte auf die Nordpfeile der Detailpläne und wies wortlos auf den Nordpfeil des Übersichtsplans.
„Diss is ja, der Nordpfeil“, öffneten sich seine Augen wieder weit, „die Häuser sind Ost-West-orientiert!“
„Und das ist nur einer der offensichtlichen Fehler. Hören Sie, ich habe jetzt ein Dutzend Befunde, die Senff im Text an mehreren unterschiedlichen Stellen nennt, um sie mal als Werkstatthaus und mal als Brunnen zu deuten. Zig Abbildungen fehlen, andere sind falsch zugeordnet. Auf jeder dritten Seite laufen Sätze ins Nirwana, werden nicht aufgelöst.“
Mein Doktorvater sah mich stolz an und begann vorsichtig zu grinsen.
„Am meisten“, zögerte ich einen Moment, „hat mich aber seine Schlampigkeit bei den Rohstoffen genervt.“ Ich hielt ihm Beispiele für die Listen und Tabellen vor die Nase. „Hier! Und da!“, tappte ich mit dem Zeigefinger auf irgendwelche Stellen auf den Blättern. Fehler traf man sowieso immer. Bei jedem Tappen blickte er auf die gezeigte Stelle.
„Nirgendwo nennt er einen Fundplatz korrekt. Immer gibt er irgendwelchen Mist an. Nichts stimmt!“, begann ich mich aufzuregen.
Mein Doktorvater lächelte stoisch, er setzte seine Brille ab, lehnte sich zurück und legte seine gefalteten Hände auf den Bauch.
„Wissen Sie“, atmete er tief ein, „ich habe vor einem Jahr einen Kollegen hier im Inssitut zu Recht als faul bezeichnet. Sie können sich nich vorstellen“, blickte er nun auch noch mit seinem Zeigefinger auf mich, „was diss für ’n Ärger wurde. Diss is bis ganz oben gegangen und ich musste ’n Gespräch midd’m Dekan führen.“ Seine Hand tanzte im Takt des Satzes vor und zurück. „Diss gab ’ne richti’e Vewaanung.“ Er senkte seine Stimme und sprach überbetont „So-et-was-sagt-man-nicht-von-Kol-le-gen.“ Seine Stimme nahm wieder einen normalen Ton an: „Auf dimm Markt zählt sowieso nur, wer zuerst kommt. Seh’n Sie, kennen Sie dinn Hortfund von Szercina?“ Ich nickte lahm, er wedelte mit seiner Brille in der rechten Hand. „Der is von Hussar publiziert worden, in, äh, den Jahrbüchern zu, Sie wissen schon.“ Wieder hob und senkte ich meinen Kopf. „Wassi aber nich wissen, Hussar is nich regulär an den Fund gekommen. Der Beumler, der mit der Eisenzeit, hat den nich nur aussegraben, sonnern wollte ihn natürlich auch siebenunnzwanzich veröffentlichen. Er war aber leider nich schnell genug, Hussar hat Fotos vom Hort in die Finger bekomm’ und – zack – auffin Markt geworfen. Kein Mensch verbinnet dinn noch mit Beumler, alle zitieren nach Hussar. Wer zuerss kommt, mahlt zuerss. Dabei hat Hussar nur ’n Foto vorgelegt und ein paar Zeilen dazu geschrie’m. Wie’n Tiligramm. – Seh’n Sie, Sie könn’ diss natürlich schreib’n. Sie könn’ darauf hinweisen, welche Fehler in seiner Doktorarbeit steck’n. Schreibense’s aber so, dass Senff, wenn er diss liest, von sich denken kann, er is der Größte. Sei’n se vorsichtig, vielleicht sinnsi mal darauf angewiesen, bei ihm zu arbeiten.“ Als er mir mit vorgeschobener Unterlippe den letzten Satz sagte, wurde sein linkes Auge immer größer.
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Samstag, 3. Januar 2009
Donnerstag, 1. Januar 2009
Kapitel 4.1
Senff hatte mit der erfolgreichen Ausgrabung ein Thema, über das er promoviert werden konnte. Er sollte seine Ausgrabungsergebnisse über Neuweiler vorlegen, auswerten und sich von der Siedlung ausgehend Gedanken über Rohstoffversorgungsfragen der germanischen Siedler machen. Diese Arbeit reichte er an demselben Institut ein, an dem mein Doktorvater lehrte. Bevor ich mit meiner Dissertation begann, hatte ich dort bereits zwei Semester studiert. In zahlreichen Gesprächen mit meinem Doktorvater wählte ich ein Thema, das leider unausweichlich die Doktorarbeit von Maxim Senff geographisch mit einbezog. Daher empfahl er mir dringend, nicht allein dessen Ergebnisse bezüglich der Rohstoffversorgung zu berücksichtigen, sondern mich auch persönlich mit diesem Assistenten auszutauschen.
Mein Doktorvater hatte Freude daran, Leute zu verulken. Am Institut war er der Kauz und er gefiel sich sichtbar in dieser Rolle. Er schätzte es, falsche Fährten zu legen, und so listig, wie er bei der Empfehlung grinste, hätte ich ahnen müssen, dass er Hintergedanken hatte, die mir erst spät klar wurden. Vielleicht rechnete er seinerseits noch nicht mit dem hohen Grad der Pedanterie, die mich immer schon umtrieb und gleichzeitig verfolgte. Ich arbeitete mich daher Seite um Seite in die Dissertation dieses Maxim Senff ein und gewann so meine grundlegenden Ansichten über ihn, die im Laufe späterer Jahre nur noch bestärkt wurden. Trotz eines spärlichen zeitlich befristeten Stipendiums irrte ich durch dieses gewundene Sammelsurium abgedroschener Gemeinplätze, vertiefte ich mich in den gebündelten Stapeln, die aus anderen Texten exzerpiert waren und die der Autor offensichtlich nicht verstanden hatte. Je tiefer ich in diese Ergüsse rutschte, desto klarer wurde mir, was ich vor mir hatte. Ich entwickelte diesem „Assistenten“ gegenüber mehr und mehr Aggressionen, die ich nie wieder abzulegen vermochte.
Es war einfach nicht zu beschönigen. Senffs Dissertation gehörte schlicht zu den Büchern, deren Wert vornehmlich durch den Einband bestimmt wird. Selbst bei Nichtbeachtung der zahlreichen Fehler, von der die Dissertation nur so wimmelte, musste jeder objektiver Betrachter einräumen, dass der Text vornehmlich aus abgeschriebenen Füllseln bestand, für die sich nicht einmal seine Zuträger in geistige Unkosten stürzen mussten. Senff konnte das natürlich nicht merken, hatte er das Thema seiner Arbeit selbst doch weder studiert noch verstanden. Er hatte höchstens den Plan entworfen, den ihm unverständlichen Stoff sortiert und irgendwie zusammengefügt. Nicht einmal das Papier und das Gerät zur „Abfassung“ der Arbeit hatten ihm gehört, auch in dieser Hinsicht hatte er auf den Besitz anderer zugreifen können, da ihm das Gerät vom Institut gestellt wurde.
Mein Doktorvater hatte Freude daran, Leute zu verulken. Am Institut war er der Kauz und er gefiel sich sichtbar in dieser Rolle. Er schätzte es, falsche Fährten zu legen, und so listig, wie er bei der Empfehlung grinste, hätte ich ahnen müssen, dass er Hintergedanken hatte, die mir erst spät klar wurden. Vielleicht rechnete er seinerseits noch nicht mit dem hohen Grad der Pedanterie, die mich immer schon umtrieb und gleichzeitig verfolgte. Ich arbeitete mich daher Seite um Seite in die Dissertation dieses Maxim Senff ein und gewann so meine grundlegenden Ansichten über ihn, die im Laufe späterer Jahre nur noch bestärkt wurden. Trotz eines spärlichen zeitlich befristeten Stipendiums irrte ich durch dieses gewundene Sammelsurium abgedroschener Gemeinplätze, vertiefte ich mich in den gebündelten Stapeln, die aus anderen Texten exzerpiert waren und die der Autor offensichtlich nicht verstanden hatte. Je tiefer ich in diese Ergüsse rutschte, desto klarer wurde mir, was ich vor mir hatte. Ich entwickelte diesem „Assistenten“ gegenüber mehr und mehr Aggressionen, die ich nie wieder abzulegen vermochte.
Es war einfach nicht zu beschönigen. Senffs Dissertation gehörte schlicht zu den Büchern, deren Wert vornehmlich durch den Einband bestimmt wird. Selbst bei Nichtbeachtung der zahlreichen Fehler, von der die Dissertation nur so wimmelte, musste jeder objektiver Betrachter einräumen, dass der Text vornehmlich aus abgeschriebenen Füllseln bestand, für die sich nicht einmal seine Zuträger in geistige Unkosten stürzen mussten. Senff konnte das natürlich nicht merken, hatte er das Thema seiner Arbeit selbst doch weder studiert noch verstanden. Er hatte höchstens den Plan entworfen, den ihm unverständlichen Stoff sortiert und irgendwie zusammengefügt. Nicht einmal das Papier und das Gerät zur „Abfassung“ der Arbeit hatten ihm gehört, auch in dieser Hinsicht hatte er auf den Besitz anderer zugreifen können, da ihm das Gerät vom Institut gestellt wurde.
Montag, 29. Dezember 2008
Kapitel 3.6
Für den Tag der kleinen Pressekonferenz hatte Maxim einen besonderen Clou vorbereitet. Drei Tage zuvor war Professor Pickenpack samt kuchenbackender Frau im T2-Camper angereist. Es hieß, er solle für die Stiftung, die einen nicht unerheblichen Anteil der Ausgrabungen in Neuweiler finanzierte, ein Gutachten über die laufenden Arbeiten verfassen. Senff wollte Pickenpacks Anwesenheit jedoch eindeutig ausnutzen, der Professor sollte als Instanz den Wert des großen Fundes objektiv herausstellen helfen. In Anwesenheit des Professors und der „Schaufel am Sonntag“ galt es, vor klacksirrender Kamera und dem sich füllendem Notizblock ein Medienereignis zu inszenieren.
Zwei Abende vor dem historischen Höhepunkt Neuweilers war ein fremdes Auto in den Ort gefahren, das vor der Pension hielt, in der Senff übernachtete. Mehrere Rentner erzählten später, dass sie das verdreckte Kennzeichen des alten, mit Papiermüll, zahlreichen Bierdosen, Pizzakartons und zwei alten Druckern gefüllten Kadetts nicht lesen konnten. Aus dem Wagen stieg eine im Dorf unbekannte, mit einem Bundeswehrparka nahezu vermummte Gestalt, schlich sich vor Senffs gekipptes Fenster und warf durch den Spalt einen großen, wahrscheinlich wattierten Briefumschlag. Schnell verschwand der Schatten wieder in den Kadett und entfernte sich rasant aus dem Dorf.
Der unbekannte Schatten war der ehemalige Raubgräber Hinnerk, ein alter Bekannter Senffs. Hinnerk war inzwischen bei dem für seinen Wohnort zuständigen Denkmalamt als Techniker eingekauft, weil man so sein illegales Treiben in geordnete Bahnen zu lenken trachtete. Er besaß aber noch zahlreiche Funde aus seiner Raubgräberzeit und noch mehr Kontakte zum archäologischen Schwarzmarkt. In dem Briefumschlag befand sich sehr wahrscheinlich die später entdeckte Münze des Pertinax aus dem Jahre 193, vermutlich direkt mit einer regelrechten Expertise, die der durchaus fachlich geschulte Raubgräber bereits vorgefertigt hatte. Aus diesem Gutachten konnte Senff der Presse gegenüber fließend aus dem Stegreif zitieren, ohne noch einen Finger rühren zu müssen. Er mochte das schöne Gefühl, sich schlau zu fühlen.
Ob Hinnerk die Münze selbst irgendwo ausgegraben oder verdeckt auf dem Schwarzmarkt für Senff erstanden hatte, ist nicht mehr zu klären. Unzweifelhaft ist jedoch inzwischen, dass sie aufgrund der anhaftenden Patina nicht aus Neuweiler stammen konnte, sondern einige Zeit in einem Moor gelegen haben muss.
Senff war begeistert über diesen Einfall der Fundfindung, den er auch in Zukunft noch wiederholt einsetzte, um den Wert seiner Ausgrabungen zu steigern. Echte Funde interessierten ihn nun nicht mehr länger, sofern sie nicht in dem von ihm erwünschten Ausmaß an die Presse verkauft werden konnten.
Zwei Abende vor dem historischen Höhepunkt Neuweilers war ein fremdes Auto in den Ort gefahren, das vor der Pension hielt, in der Senff übernachtete. Mehrere Rentner erzählten später, dass sie das verdreckte Kennzeichen des alten, mit Papiermüll, zahlreichen Bierdosen, Pizzakartons und zwei alten Druckern gefüllten Kadetts nicht lesen konnten. Aus dem Wagen stieg eine im Dorf unbekannte, mit einem Bundeswehrparka nahezu vermummte Gestalt, schlich sich vor Senffs gekipptes Fenster und warf durch den Spalt einen großen, wahrscheinlich wattierten Briefumschlag. Schnell verschwand der Schatten wieder in den Kadett und entfernte sich rasant aus dem Dorf.
Der unbekannte Schatten war der ehemalige Raubgräber Hinnerk, ein alter Bekannter Senffs. Hinnerk war inzwischen bei dem für seinen Wohnort zuständigen Denkmalamt als Techniker eingekauft, weil man so sein illegales Treiben in geordnete Bahnen zu lenken trachtete. Er besaß aber noch zahlreiche Funde aus seiner Raubgräberzeit und noch mehr Kontakte zum archäologischen Schwarzmarkt. In dem Briefumschlag befand sich sehr wahrscheinlich die später entdeckte Münze des Pertinax aus dem Jahre 193, vermutlich direkt mit einer regelrechten Expertise, die der durchaus fachlich geschulte Raubgräber bereits vorgefertigt hatte. Aus diesem Gutachten konnte Senff der Presse gegenüber fließend aus dem Stegreif zitieren, ohne noch einen Finger rühren zu müssen. Er mochte das schöne Gefühl, sich schlau zu fühlen.
Ob Hinnerk die Münze selbst irgendwo ausgegraben oder verdeckt auf dem Schwarzmarkt für Senff erstanden hatte, ist nicht mehr zu klären. Unzweifelhaft ist jedoch inzwischen, dass sie aufgrund der anhaftenden Patina nicht aus Neuweiler stammen konnte, sondern einige Zeit in einem Moor gelegen haben muss.
Senff war begeistert über diesen Einfall der Fundfindung, den er auch in Zukunft noch wiederholt einsetzte, um den Wert seiner Ausgrabungen zu steigern. Echte Funde interessierten ihn nun nicht mehr länger, sofern sie nicht in dem von ihm erwünschten Ausmaß an die Presse verkauft werden konnten.
Kapitel 3.5
Senff war der pressegeilste Archäologe, den man sich vorstellen konnte. In Neuweiler begann er schnell, Kontakt zu örtlichen Journalisten aufzubauen und ihnen von der Dorftelefonzelle täglich hinterherzutelefonieren, bis er einen Ortstermin ausgehandelt hatte. Das tat er auch bei allen späteren Grabungen. Mit Thomas, dem zuständigen Redakteur der in Neuweiler erscheinenden „Schaufel am Sonntag“, kungelte Senff bereits ab dem ersten Jahr der Kampagne. Unabhängig vom tatsächlichen Wert des Fundplatzes oder der Funde erfand der Archäologe der Schaufel zuliebe immer größere Menschentieresensationen, die irgendwann mit dem tatsächlichen Fundmaterial nicht mehr überbietbar waren. Es rächte sich nun in der dritten – Senffs letzter – Grabungskampagne in Neuweiler, dass er die Presse zuvor so sehr angeheizt hatte. Er hatte Thomas zuletzt dermaßen genervt, dass der nicht mehr kommen wollte, zumal Kommunalwahlen anstanden und die Schweinepest zwei Nachbardörfer fest in ihrem unerbittlichen Griff hatte. Also war Senff in der vorletzten Woche der Kampagne gezwungen, schwereres Geschütz aufzufahren, als es die Realität erlaubte.

*

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Montag, 22. Dezember 2008
Kapitel 3.3
Noch mehr Streit verursachten allerdings bereits im ersten Jahr die Studenten, die in der Tat allermeist von Hirnlosigkeit angetrieben waren. Ihre Bewegungen auf der Grabung wirkten, als imitierten sie ein extrem vergrößertes Modell quantenphysikalischer Ereignisse innerhalb eines Teilchenbeschleunigers – allerdings erheblich verlangsamt. Krzysztof radebrach bereits am ersten Tag über sie, sie liefen auf der Grabung herum, „wie eine Herde verirrter Labyrinder.“
Sie waren völlig erstaunt gewesen, hier im südlichen Mittelgebirge körperliche Arbeit leisten zu müssen. Zuvor waren sie ernsthaft davon ausgegangen, je einen persönlichen Arbeiter an die Seite gestellt zu bekommen, um diesen zu kommandieren. Dass sie sich nun selbst mit Muskelschmalz betätigen mussten, erboste sie bereits am zweiten Tag so schwer, dass sie sich beschwerten, als Archäologen (!) mit einer Schaufel (!!) zu arbeiten!!! Ein Student namens Peter versteifte sich gar darin, später Sitzarchäologe zu werden. Er müsse also nicht seine Muskeln anwenden, um zu Erkenntnissen zu gelangen. Daher spazierte er so oft es während der Arbeitszeit möglich war, in den Wald. Er trainierte dort mit schweren Steinen Bi- und Trizeps, da er sehr wohl das Bedürfnis verspürte, ein athletisches Aussehen zu besitzen. Wenn Krzysztof diesen aufgrund seiner Kleidung auch „Top Gun“ bespitznamten Studenten mal wieder zur Grabung zerren musste oder sogar Diskussionen über die Zweckmäßigkeit körperlicher Arbeit aufkamen, diskutierte der Techniker jedoch nicht lang, sondern ermahnte die Studenten streng, dass sie noch viel zu lernen hätten und drohte nachhaltig mit der Nichtausstellung der Seminarscheine.
So legte sich die Haltung zur Arbeitsverweigerung irgendwann, bis den Studenten auffiel, dass nur noch die etwas füllige Katrin sich weigerte, die Schubkarre zu bedienen. Die Bösartigsten unter ihnen begannen nun damit ihr weiszumachen, dass es nicht allein den Seminarschein über die Lehrgrabung geben sollte, sondern dass auch eine Fahrerlaubnis für Schubkarren zu erwerben sei. Als Grund für die inzwischen häufigen Schubkarrenfahrten zum Abraum nannten sie das willkommene Training am Gerät für die am Ende der Grabung stattfindende Prüfung. Krzysztof hatte trotz seiner Sprachschwierigkeiten genug Humor, das üble Spiel mitzuspielen. Katrin wurde panisch und übernahm umgehend ihre Entsorgungspflichten. Wenn sie nun das einrädrige Gefährt auf dem Abraum hebelnd leerte, riefen die anderen Studenten ihr böse zu, die Karre gut zu leeren, damit sie auch ja das Häschen sehen könnte!
Eines Tages entdeckte Katrin auf dem Weg, über den jede Schubkarre in Neuweiler bugsiert werden musste, ein kleines Fuchshäuflein. Mit den Fußspitzen häufte sie eine kleine Staubpyramide auf das Exkrement und steckte als Hinweis auf die Gefahr ein fingerdickes Stöckchen in ihr Bauwerk. Jedem, der ihr über den Weg lief, schilderte sie fortan Horrorgeschichten über den gemeinen Fuchsbandwurm, der nur darauf wartete, von dem Häufchen einen Menschen anfallen zu können! Mit der Auffindung einer neuen Gefahrenquelle aus dem Reich der Tiere traf es Katrin besonders hart, weil sie ohnehin vom ersten Tag an von der Phobie besessen war, irgendwelche Keime könnten sie angreifen. Bei jeder Arbeit außerhalb der Baracken trug sie tagtäglich geblümte Gartenhandschuhe und nutzte darüber hinaus jede freie Minute, ihre Hände mit Desinfektionstüchern zu reinigen. Der Nutzen der Tücher lag auf der Hand, bereits nach wenigen Tagen pellte sich die Haut von den Handinnenflächen, so dass ihr jede Arbeit umso mehr verleidet wurde. Es waren jedoch nicht ihre rohfleischigen Hände, die sie in die Ohnmacht trieben, sondern eine ihrem Gekreisch nach „FÜNFMARKSTÜCKGROSSEZECKE!“, die sie auf ihrem linken Bein entdeckt haben wollte. Krzysztof und einige anwesende Studenten versicherten mir später, es habe sich um einen einfachen Weberknecht gehandelt. Daher konnte er es sich auch bedenkenlos ersparen, Katrin zu einem Arzt zu fahren, zumal er diesen Tort bereits hinter sich hatte.
Dafür hatte der täppische Top Gun gesorgt, der sich schon der ersten Woche beim Zusägen eines Balkens im Wortsinne beinahe umgebracht hatte. Die ungelenken und unzweckmäßigen Bewegungen hatten Krzysztof zwar belustigt, er hatte dennoch geflucht, keine Videokamera zur Hand zu haben. Bei Top Guns nächsten Aktion fluchte er dagegen, weil er mit ihm in die Notaufnahme rasen musste. Der Unmotoriker hatte das Unmögliche möglich gemacht und sein Antlitz mit Archäologens liebstem Werkzeug verstümmelt. Bei diesem Gerät handelte es sich nun nicht, wie der landläufigen Meinung durchs Fernsehen eingetrichtert wird, um Pinsel oder Zahnarztsonde, sondern um eine Kelle. Diese muss für den korrekten Arbeitseinsatz mit Raspel, Feile und Schleifstein an ihren Seiten gehörig angeschärft werden. Und mit einer solchen sehr, sehr scharfen Kelle war es Top Gun gelungen, von dem Stein einer antiken Feuerstelle abzugleiten, so dass sie in sein Gesicht glitt und ihm ein Stück seiner Nasenspitze abtrennte. Leider vermochte es der zuständige Arzt nicht, den leicht verdreckten Fleischkegel wieder anzunähen, daher muss Sitzarchäologe Peter sein Leben mit einem plattwulstig-vernarbten Gesichtsvorsprung verbringen.
So dämlich sich die Studenten auch anstellten, von einem weiteren Besuch der Notaufnahme wurde Krzysztof im ersten Jahr der Kampagne freundlicherweise verschont. Erst im Folgejahr zwang ihn Tilo, ein glatzköpfiger Student, der mehr an Halbedelsteinen interessiert war als an Archäologie, zu einer erneuten Visite der nächstliegenden Klinik. Tilo hatte abgesehen von seinen Augenbrauen bereits mit 26 Jahren kein Haar mehr auf dem Kopf und plärrte jedem die Ohren voll, der nicht schnell genug woanders hinlaufen konnte. Sein größtes Erlebnis war ein zweiwöchiger Trinidad-Urlaub gewesen, den er zum Steinesammeln genutzt hatte. Da er nun dort in Äquatornähe seiner Meinung nach an extreme UV-Strahlung gewöhnt war, weigerte sich der dürre Spiddel trotz der großen Sommerhitze, die in diesem Jahr in Neuweiler herrschte, seine Glatze mit irgendeiner Kopfbedeckung abzuschatten. Tilo ging sogar so weit, die Sonnenstrahlen allmorgendlich mit weit ausgebreiteten Armen zu begrüßen, offenen Auges in die güldene Scheibe zu blicken und die seltsame Anbetung mit der Rezitation eines kühn prononcierten vedischen Mantras zu würzen. Womöglich war dies bereits ein erster Eindruck des sich abzeichnenden Sonnenstichs, denn natürlich kam es, wie es kommen musste, und die Sonne verbrannte ihm die letzten Reste im und auf dem Kopf. Schon in der zweiten Woche konnte Tilo nachts nicht mehr schlafen, weil die Brandblasen auf Glatze und Ohren es ihm unmöglich machten, den Kopf niederzulegen. Der Arzt der Notaufnahme schrieb ihn zwei Wochen krank, und Senff tobte. Doch Tilo hatte auch nach den zwei Wochen mit Kopfverband nichts gelernt und verweigerte auch während der restlichen drei Wochen jeglichen Kopfschutz. Aber sonst wäre Tilo ja auch nicht Tilo gewesen.
Die ausgesprochene Dummheit aller anderen Studenten zeigte sich dagegen wenigstens nur darin, dass sie Fragen stellten, die jeder Sittich nach ausgiebiger Sprechperlentherapie hätten beantworten können. Und wenn man ihnen antwortete, nützte es nicht einmal etwas, mit ihnen zu sprechen, denn sie hörten nie zu und fragten wenige Minuten nach einem ausführlichen Vortrag genau nach den Dingen, die ihnen gerade lang und breit erklärt worden waren. Als typisches Beispiel führte Krzysztof mit Vorliebe einen Studenten an, den er nur die Made nannte. Ihren Kopf beschrieb der Techniker als kahlköpfig und faltig, die Hautfarbe nannte er „gletscherweiß, aber nicht so lebendig, eher wie Wachs.“
Die Made bearbeitete Stellen, die ausnahmsweise ausdrücklich mit dem Pinsel bearbeitet werden sollten, mit der Spitzhacke und griff zum Pinsel, wenn es darum ging, mit dem Spaten ein tiefes Loch anzulegen. Täglich belästigte sie Krzysztof durch das tausendfache Herantragen unansehnlicher, aber eindeutiger Steine, um sich zu erkundigen, ob es sich nicht vielleicht doch um Knochen handelt. Einen gloriosen Erfolg erreichte sie jedoch in der Kategorie „Erst nachdenken, dann fragen“, als sie Krzysztof mit ihren Überlegungen zur Entstehung antiker Siedlungsgruben nervte. Tagtäglich hatten die Studenten nun an diesen Befunden gearbeitet. Dennoch blinzelte die Made den Techniker eines Tages durch ihre Pilotensonnenbrille und fragte voller Wissensdurst, ob die Germanen erst Gruben gefüllt und danach den Lehm um die Gruben herum geschmiert hätten.
Krzysztof raufte sich die Haare und verweigerte die Antwort. Er hatte es aufgegeben, die Studenten mehr als das Nötigste zu lehren, zumal Senff als Dompteur ein Totalausfall war. Besonders in dieser Konstellation mit dem dümmsten Ausgrabungsleiter war mit den Studenten kein Krieg zu gewinnen. Geschweige denn ein Forschungspreis. Und selbst die wenigen denkenden Studenten merkten, dass Krzysztof der eigentliche Leidtragende war, wenn er von einer Studentengruppe zur anderen eilte, um die schlimmsten Zerstörungen zu vermeiden. Er war schlicht von zwei Seiten eingekeilt. Von oben trat der geistlose faule Senff, von unten drückten die desinteressierten Studenten – arbeitsscheu wie die Stirnersche Masse. Als Krzysztof das eingesehen hatte, verschlechterte sich die Stimmung auf dem Plateau um ein Vielfaches. Und dennoch ließ er sich ein zweites Jahr auf die Lehrgrabung ein, in dem dann aber auch endgültig Funkstille zwischen ihm und Senff eintrat. Das verdankte er dem Hinterträger Robert Plankenreiter, den es im achten Semester endlich auf seine erste Ausgrabung gezogen hatte, und der aus unbekannten Gründen von Senff fasziniert war.
Robert bekam eines schlechten Tages mit, als Krzysztof anderen Studenten gegenüber Neuweiler als eine ungeordnete Zirkusgrabung bezeichnete. Robert plankenritt schnellstmöglich zu dem Chef-Bauwagen, um Senff die Entwürdigung der Ausgrabung zu hinterbringen. Das war nun endlich der Beweis der Insubordination, die Senff stets bei Untergebenen suchte und die er nicht dulden konnte. Gerne hätte er Krzysztof sofort gekündigt, musste aber feststellen, dass das wegen des Vertrages nicht vor dem Ende der diesjährigen Kampagne möglich war. So lernte Senff für die Zukunft, nur noch sehr kurzfristige Verträge abzuschließen. Denn nur so war er in der Lage, Mitarbeiter innerhalb einer Woche loszuwerden. In Neuweiler musste er noch ein paar Wochen gute Miene zum verhassten Techniker machen. Er war jedoch unverschämt genug, den Personalwechsel für das kommende Jahr bereits einzuleiten, indem er Krzysztof umgehend befahl, Plankenreiter den Umgang mit Nivelliergerät und Totalstation zu lehren. So wurde Robert im Folgejahr Techniker, ohne zu ahnen, wie sehr sich diese Beförderung für sein weiteres Leben auszahlen würde. Als er auch im späteren Amt Senffs Stellvertreter wurde, konnte keiner die Gründe für diese Besetzung nachvollziehen. Seine fachlichen Fähigkeiten überzeugten jedenfalls niemanden außer Senff.
Sie waren völlig erstaunt gewesen, hier im südlichen Mittelgebirge körperliche Arbeit leisten zu müssen. Zuvor waren sie ernsthaft davon ausgegangen, je einen persönlichen Arbeiter an die Seite gestellt zu bekommen, um diesen zu kommandieren. Dass sie sich nun selbst mit Muskelschmalz betätigen mussten, erboste sie bereits am zweiten Tag so schwer, dass sie sich beschwerten, als Archäologen (!) mit einer Schaufel (!!) zu arbeiten!!! Ein Student namens Peter versteifte sich gar darin, später Sitzarchäologe zu werden. Er müsse also nicht seine Muskeln anwenden, um zu Erkenntnissen zu gelangen. Daher spazierte er so oft es während der Arbeitszeit möglich war, in den Wald. Er trainierte dort mit schweren Steinen Bi- und Trizeps, da er sehr wohl das Bedürfnis verspürte, ein athletisches Aussehen zu besitzen. Wenn Krzysztof diesen aufgrund seiner Kleidung auch „Top Gun“ bespitznamten Studenten mal wieder zur Grabung zerren musste oder sogar Diskussionen über die Zweckmäßigkeit körperlicher Arbeit aufkamen, diskutierte der Techniker jedoch nicht lang, sondern ermahnte die Studenten streng, dass sie noch viel zu lernen hätten und drohte nachhaltig mit der Nichtausstellung der Seminarscheine.
So legte sich die Haltung zur Arbeitsverweigerung irgendwann, bis den Studenten auffiel, dass nur noch die etwas füllige Katrin sich weigerte, die Schubkarre zu bedienen. Die Bösartigsten unter ihnen begannen nun damit ihr weiszumachen, dass es nicht allein den Seminarschein über die Lehrgrabung geben sollte, sondern dass auch eine Fahrerlaubnis für Schubkarren zu erwerben sei. Als Grund für die inzwischen häufigen Schubkarrenfahrten zum Abraum nannten sie das willkommene Training am Gerät für die am Ende der Grabung stattfindende Prüfung. Krzysztof hatte trotz seiner Sprachschwierigkeiten genug Humor, das üble Spiel mitzuspielen. Katrin wurde panisch und übernahm umgehend ihre Entsorgungspflichten. Wenn sie nun das einrädrige Gefährt auf dem Abraum hebelnd leerte, riefen die anderen Studenten ihr böse zu, die Karre gut zu leeren, damit sie auch ja das Häschen sehen könnte!
Eines Tages entdeckte Katrin auf dem Weg, über den jede Schubkarre in Neuweiler bugsiert werden musste, ein kleines Fuchshäuflein. Mit den Fußspitzen häufte sie eine kleine Staubpyramide auf das Exkrement und steckte als Hinweis auf die Gefahr ein fingerdickes Stöckchen in ihr Bauwerk. Jedem, der ihr über den Weg lief, schilderte sie fortan Horrorgeschichten über den gemeinen Fuchsbandwurm, der nur darauf wartete, von dem Häufchen einen Menschen anfallen zu können! Mit der Auffindung einer neuen Gefahrenquelle aus dem Reich der Tiere traf es Katrin besonders hart, weil sie ohnehin vom ersten Tag an von der Phobie besessen war, irgendwelche Keime könnten sie angreifen. Bei jeder Arbeit außerhalb der Baracken trug sie tagtäglich geblümte Gartenhandschuhe und nutzte darüber hinaus jede freie Minute, ihre Hände mit Desinfektionstüchern zu reinigen. Der Nutzen der Tücher lag auf der Hand, bereits nach wenigen Tagen pellte sich die Haut von den Handinnenflächen, so dass ihr jede Arbeit umso mehr verleidet wurde. Es waren jedoch nicht ihre rohfleischigen Hände, die sie in die Ohnmacht trieben, sondern eine ihrem Gekreisch nach „FÜNFMARKSTÜCKGROSSEZECKE!“, die sie auf ihrem linken Bein entdeckt haben wollte. Krzysztof und einige anwesende Studenten versicherten mir später, es habe sich um einen einfachen Weberknecht gehandelt. Daher konnte er es sich auch bedenkenlos ersparen, Katrin zu einem Arzt zu fahren, zumal er diesen Tort bereits hinter sich hatte.
Dafür hatte der täppische Top Gun gesorgt, der sich schon der ersten Woche beim Zusägen eines Balkens im Wortsinne beinahe umgebracht hatte. Die ungelenken und unzweckmäßigen Bewegungen hatten Krzysztof zwar belustigt, er hatte dennoch geflucht, keine Videokamera zur Hand zu haben. Bei Top Guns nächsten Aktion fluchte er dagegen, weil er mit ihm in die Notaufnahme rasen musste. Der Unmotoriker hatte das Unmögliche möglich gemacht und sein Antlitz mit Archäologens liebstem Werkzeug verstümmelt. Bei diesem Gerät handelte es sich nun nicht, wie der landläufigen Meinung durchs Fernsehen eingetrichtert wird, um Pinsel oder Zahnarztsonde, sondern um eine Kelle. Diese muss für den korrekten Arbeitseinsatz mit Raspel, Feile und Schleifstein an ihren Seiten gehörig angeschärft werden. Und mit einer solchen sehr, sehr scharfen Kelle war es Top Gun gelungen, von dem Stein einer antiken Feuerstelle abzugleiten, so dass sie in sein Gesicht glitt und ihm ein Stück seiner Nasenspitze abtrennte. Leider vermochte es der zuständige Arzt nicht, den leicht verdreckten Fleischkegel wieder anzunähen, daher muss Sitzarchäologe Peter sein Leben mit einem plattwulstig-vernarbten Gesichtsvorsprung verbringen.
So dämlich sich die Studenten auch anstellten, von einem weiteren Besuch der Notaufnahme wurde Krzysztof im ersten Jahr der Kampagne freundlicherweise verschont. Erst im Folgejahr zwang ihn Tilo, ein glatzköpfiger Student, der mehr an Halbedelsteinen interessiert war als an Archäologie, zu einer erneuten Visite der nächstliegenden Klinik. Tilo hatte abgesehen von seinen Augenbrauen bereits mit 26 Jahren kein Haar mehr auf dem Kopf und plärrte jedem die Ohren voll, der nicht schnell genug woanders hinlaufen konnte. Sein größtes Erlebnis war ein zweiwöchiger Trinidad-Urlaub gewesen, den er zum Steinesammeln genutzt hatte. Da er nun dort in Äquatornähe seiner Meinung nach an extreme UV-Strahlung gewöhnt war, weigerte sich der dürre Spiddel trotz der großen Sommerhitze, die in diesem Jahr in Neuweiler herrschte, seine Glatze mit irgendeiner Kopfbedeckung abzuschatten. Tilo ging sogar so weit, die Sonnenstrahlen allmorgendlich mit weit ausgebreiteten Armen zu begrüßen, offenen Auges in die güldene Scheibe zu blicken und die seltsame Anbetung mit der Rezitation eines kühn prononcierten vedischen Mantras zu würzen. Womöglich war dies bereits ein erster Eindruck des sich abzeichnenden Sonnenstichs, denn natürlich kam es, wie es kommen musste, und die Sonne verbrannte ihm die letzten Reste im und auf dem Kopf. Schon in der zweiten Woche konnte Tilo nachts nicht mehr schlafen, weil die Brandblasen auf Glatze und Ohren es ihm unmöglich machten, den Kopf niederzulegen. Der Arzt der Notaufnahme schrieb ihn zwei Wochen krank, und Senff tobte. Doch Tilo hatte auch nach den zwei Wochen mit Kopfverband nichts gelernt und verweigerte auch während der restlichen drei Wochen jeglichen Kopfschutz. Aber sonst wäre Tilo ja auch nicht Tilo gewesen.
Die ausgesprochene Dummheit aller anderen Studenten zeigte sich dagegen wenigstens nur darin, dass sie Fragen stellten, die jeder Sittich nach ausgiebiger Sprechperlentherapie hätten beantworten können. Und wenn man ihnen antwortete, nützte es nicht einmal etwas, mit ihnen zu sprechen, denn sie hörten nie zu und fragten wenige Minuten nach einem ausführlichen Vortrag genau nach den Dingen, die ihnen gerade lang und breit erklärt worden waren. Als typisches Beispiel führte Krzysztof mit Vorliebe einen Studenten an, den er nur die Made nannte. Ihren Kopf beschrieb der Techniker als kahlköpfig und faltig, die Hautfarbe nannte er „gletscherweiß, aber nicht so lebendig, eher wie Wachs.“
Die Made bearbeitete Stellen, die ausnahmsweise ausdrücklich mit dem Pinsel bearbeitet werden sollten, mit der Spitzhacke und griff zum Pinsel, wenn es darum ging, mit dem Spaten ein tiefes Loch anzulegen. Täglich belästigte sie Krzysztof durch das tausendfache Herantragen unansehnlicher, aber eindeutiger Steine, um sich zu erkundigen, ob es sich nicht vielleicht doch um Knochen handelt. Einen gloriosen Erfolg erreichte sie jedoch in der Kategorie „Erst nachdenken, dann fragen“, als sie Krzysztof mit ihren Überlegungen zur Entstehung antiker Siedlungsgruben nervte. Tagtäglich hatten die Studenten nun an diesen Befunden gearbeitet. Dennoch blinzelte die Made den Techniker eines Tages durch ihre Pilotensonnenbrille und fragte voller Wissensdurst, ob die Germanen erst Gruben gefüllt und danach den Lehm um die Gruben herum geschmiert hätten.
Krzysztof raufte sich die Haare und verweigerte die Antwort. Er hatte es aufgegeben, die Studenten mehr als das Nötigste zu lehren, zumal Senff als Dompteur ein Totalausfall war. Besonders in dieser Konstellation mit dem dümmsten Ausgrabungsleiter war mit den Studenten kein Krieg zu gewinnen. Geschweige denn ein Forschungspreis. Und selbst die wenigen denkenden Studenten merkten, dass Krzysztof der eigentliche Leidtragende war, wenn er von einer Studentengruppe zur anderen eilte, um die schlimmsten Zerstörungen zu vermeiden. Er war schlicht von zwei Seiten eingekeilt. Von oben trat der geistlose faule Senff, von unten drückten die desinteressierten Studenten – arbeitsscheu wie die Stirnersche Masse. Als Krzysztof das eingesehen hatte, verschlechterte sich die Stimmung auf dem Plateau um ein Vielfaches. Und dennoch ließ er sich ein zweites Jahr auf die Lehrgrabung ein, in dem dann aber auch endgültig Funkstille zwischen ihm und Senff eintrat. Das verdankte er dem Hinterträger Robert Plankenreiter, den es im achten Semester endlich auf seine erste Ausgrabung gezogen hatte, und der aus unbekannten Gründen von Senff fasziniert war.
Robert bekam eines schlechten Tages mit, als Krzysztof anderen Studenten gegenüber Neuweiler als eine ungeordnete Zirkusgrabung bezeichnete. Robert plankenritt schnellstmöglich zu dem Chef-Bauwagen, um Senff die Entwürdigung der Ausgrabung zu hinterbringen. Das war nun endlich der Beweis der Insubordination, die Senff stets bei Untergebenen suchte und die er nicht dulden konnte. Gerne hätte er Krzysztof sofort gekündigt, musste aber feststellen, dass das wegen des Vertrages nicht vor dem Ende der diesjährigen Kampagne möglich war. So lernte Senff für die Zukunft, nur noch sehr kurzfristige Verträge abzuschließen. Denn nur so war er in der Lage, Mitarbeiter innerhalb einer Woche loszuwerden. In Neuweiler musste er noch ein paar Wochen gute Miene zum verhassten Techniker machen. Er war jedoch unverschämt genug, den Personalwechsel für das kommende Jahr bereits einzuleiten, indem er Krzysztof umgehend befahl, Plankenreiter den Umgang mit Nivelliergerät und Totalstation zu lehren. So wurde Robert im Folgejahr Techniker, ohne zu ahnen, wie sehr sich diese Beförderung für sein weiteres Leben auszahlen würde. Als er auch im späteren Amt Senffs Stellvertreter wurde, konnte keiner die Gründe für diese Besetzung nachvollziehen. Seine fachlichen Fähigkeiten überzeugten jedenfalls niemanden außer Senff.
Samstag, 20. Dezember 2008
Kapitel 3.2
Im Gegensatz zu dieser beinahe fürstlichen Unterkunft waren die Studenten deutlich weniger komfortabel zwangsuntergebracht. Auf der Untersuchungsfläche standen zwei heruntergekommene wellblechbedachte Baracken, die der Bauer, dem die steinige Koppel gehörte, zwei Jahrzehnte zuvor als Regenunterstand für seine Kühe genutzt hatte. Erst kurz vor der Grabung erhielten sie mit ein paar Holzpaletten und vergammelten Bohlen eine vierte Wand. Die verschieden großen Baracken waren ungeschützt dem stetigen Wind ausgesetzt, der zwölf Monate im Jahr über die baumlose Hochfläche blies. Die größere Hütte wurde mit einer lädierten Feuersirene geschmückt, die Senff direkt nach der Wende durch eine ausrangierte, tellerförmige Sirene aus dem Katastrophenschutz ersetzen ließ. Das Signal der Sirene diente freundlicherweise nicht zum Anzeigen von Ausbruchsversuchen, sondern um die Pausen und den Feierabend zu vermelden. Interessanterweise störte die meisten Studenten weder die Lage der Baracken, noch deren ärmliche Ausstattung (eine Kochplatte für vierzig Leute, Gaskocher waren aufgrund der Feuergefahr auf dem Gelände ausdrücklich nicht gestattet). Nein, die meisten störte lediglich das Fehlen einer örtlichen Dusche. Dennoch ertrugen sie die Reise in eine Welt ohne fließendes Wassers, denn sie waren am Institut mit Lügen zu dieser Lehrgrabung gezwungen worden. Der Leiter der Proseminare machte ihnen nämlich jedes Jahr aufs Neue weis, dass sie erst nach der Teilnahme an einer Lehrgrabung auf echten Ausgrabungen arbeiten dürften. Natürlich leitete Senff diese Proseminare, die aus nichts anderem bestanden, als dass er die Studenten Referate über die obligatorische Einführung in die Vorgeschichte von Onkel Eggers vortragen lies. Er selbst wäre als Pseudo-Legastheniker dazu nicht einmal in der Lage gewesen.
Die perfide Abqualifizierung der Lehrgrabung als notwendige Bedingung für spätere Ausgrabungen wurde übrigens unverschämterweise von der Institutsleitung gedeckt. Lachhaft! Aber wenn man seine Schafe dumm hält, kann man sie eben besser schlachten. Daher waren also die Studenten davon überzeugt, auf die Teilnahmescheine angewiesen zu sein, und ertrugen wirklich jede Demütigung. Dabei waren sie während der Lehrgrabung nicht allein aufgrund ihrer Unterkunft eher schlecht bedient, sondern überhaupt einfachste Arbeitssklaven, deren Leben durch Zwang und Reglement gekennzeichnet war.
Das sehr steinige Plateau, auf dem die Ausgrabungsfläche selbst lag, war von einem abschreckenden Zaun umgeben. Stets hieß es, der Zaun rühre noch von der früheren Viehhaltung her. Aber wer hätte schon eine Rinderweide gesehen, die von einem mannshohen, dichten Maschenzaun umgeben ist, der wiederum von einem Stacheldraht gekrönt wird? Und im zweiten Jahr ließ Senff den bäuerlichen Stacheldraht sogar gegen echten Nato-Bandstacheldraht austauschen.
In den Jahren, in denen Senff die eingehegte Fläche als Kleinkönig beherrschte, wurden die Neuankömmlinge sofort nach ihrer Ankunft in zwei Arbeitsgruppen selektiert. Die Trennung der Studenten in zwei, mehr oder weniger verfeindete Gruppen war zweifelsohne am schlimmsten. Beiden wurden Farben zugewiesen, die in den nächsten sechs Wochen das Alleinstellungsmerkmal jeder Individualität übernahmen. Von der Leitung wurden die Studenten fortan nicht mehr länger bei ihrem Namen genannt, sondern mit „Du von der roten Gruppe“ oder „Du von den Blauen“ angesprochen. Das kam Senff vermutlich sehr gelegen, galt sein schlechtes Namensgedächtnis doch damals schon als legendär.
Um den sozialen Druck zu erhöhen, trugen sogar die Werkzeuge farbliche Kennzeichen. Jede Schaufel, jeder Spaten, jeder Kratzer, jede Kelle, jedes Stukkateureisen, jede Schubkarre und jeder Eimer waren mit je einem Farbpunkt versehen. Senff versuchte sogar den Eindruck zu erwecken, dass die Werkzeuge jeden Abend kontrolliert würden. Zu diesem Zweck wählte er zu Beginn einen Studenten als einen Vorarbeiter aus, der ihm abends ungefragt die Menge der Geräte melden musste. Die helleren Vorarbeiter merkten sehr bald, dass Senff die Zahlen weder kontrollierte, noch sie sich merkte oder gar der Mühe unterzog, sie zu notieren.
Das war auch ein Glück für die Teilnehmer, da Senff aufgrund seiner finanziellen Kompetenzen Art und Qualität der Gerätschaften bestimmte, angefangen vom Generator bis zum letzten Buntstift und Radiergummi. Er selbst hatte nicht mit dem Material zu arbeiten, daher kaufte er natürlich nur das billigste vom billigsten ein, so dass die meisten Werkzeuge in kürzester Zeit nicht mehr gebrauchsfähig waren. Das förderte einerseits zwar das Improvisationsgeschick der Teilnehmer, die auf diese Weise unfreiwillig lernten, noch unter widrigsten Umständen Werkzeuge zu reparieren oder sogar erst zu kreieren. Andererseits dezimierte sich das Material dadurch nahezu selbständig. Übrigens ist abgesehen von der relativ teuren Unterkunft, mit der Senff protzte, nicht sicher, was mit dem vielen Geld geschehen ist, dass er zur Verfügung gestellt bekommen hatte. Regelmäßige Unterschlagungen, die so mancher vermutete, konnte ihm allerdings niemand nachweisen.
Doch die Munkeleien um zweckentfremdete Gelder betrafen ihn nicht allein. In den ersten beiden Jahren stand ihm nämlich ein Grabungstechniker namens Krzysztof Wymek zur Seite, der den größten Teil der täglichen Leitungsarbeiten übernahm. Krzysztof hatte sein Archäologiestudium abgebrochen, galt jedoch zurecht als großartiger Ausgräber und war daher eigentlich der führende Kopf auf der Ausgrabung. Mitte der 80er Jahren war er aus Polen ausgebürgert worden, nachdem seine Frau beim Plakatekleben für Solidarność erwischt worden war. Als er später in Sachsen Ausgrabungen leitete, wurde er daher von manchem Ostalgiker beschimpft, er trüge die Schuld an dem Elend, in dem die Länder der ehemaligen DDR nun versanken, er hätte ihnen das alles eingebrockt! Das bedrückte Krzysztof sehr, zumal er aufgrund leichter Sprachschwierigkeiten oft nicht verstand, ob ein deutschsprachiger Gegenüber nun ernsthaft oder ironisch mit ihm sprach. Und weil er ein selten gutmütiger Bär war, rechtfertigte er sich damit, dass doch seine Frau die Plakate geklebt hatte!
Seine Herkunft verschaffte Krzysztof in Neuweiler dagegen eine relativ gute und vor allem günstige Unterkunft. Er war bei der Verwandtschaft von einem Bekannten untergekommen, die darauf bestand, aus Ostpreußen zu stammen. Von Hopfens, so hieß das ältere Paar, waren hoch erfreut, in ihrer Pension einen Gast aus „ihrer“ alten Heimat zu haben. Jeder Gast wurde bereits im Flur mit einem Foto begrüßt, das ein reich hakenkreuzbeflaggtes Häuschen in Masuren zeigte. Auf Nachfrage bekannten die Vertriebenen dann stolz, ihr Vater sei dort Bürgermeister gewesen. Aber natürlich hatten die Familie „nie was mit den Nazis zu tun gehabt.“ Anders als die anderen Gäste erhielt Krzysztof sogar die nächst höhere Behandlungsstufe, weil er sich nach jedem Feierabend zu Gesprächen im Wohnzimmer einfinden musste. Hier führten sie ihm zahlreiche Konvolute mit Familienfotos vor, um ihre eingebildeten Ansprüche zu unterstreichen. Doch so nervig diese ewig gestrigen und allabendlich gleichen Monologe der von Hopfens waren, verschafften sie Krzysztof doch wenigstens ein kleines Zubrot, da sie ihm gerne Quittungen über eine höhere Summe ausstellten, als er in Wirklichkeit für die Unterkunft zahlte.
Erstaunlicherweise kontrollierte Senff so etwas nicht, obwohl er zu Krzysztof keinen richtigen Draht finden konnte. Senff empfand es sehr unangenehm, dass Krzysztof ihm als Ausgrabungsleiter deutlich über war, und das von jedem außer Pickenpack zu erkennen war. Außerdem war Senffs in Neuweiler gewissermaßen fast asketischer Lebenswandel geradezu die Antithese zu Krzysztofs Dasein. Krzysztof war zwar kein Alkoholiker, aber er trank eben gerne einen über den Durst. Schon während seines Studiums klapperten gewöhnlich ein paar Glasflaschen in seinem Rucksack, die er im Laufe des Tages mit einem polnischen Kommilitonen leerte. Da beide an der Uni meist zusammen anzutreffen waren, hatten sie schnell den Spitznamen Lolek und Bolek erhalten. Aber auch während der Grabung in Neuweiler fuhr Krzysztof regelmäßig zu Jaques’ Weindepot, um seinen Kofferraum zu füllen. Nachts trank er schon einmal zwei Flaschen Wein, wenn er nicht schlafen konnte. Kam er dann morgens mit einem dornenzerkratzten Gesicht und zerrissenen Hosen zur Grabung, wusste noch der dümmste Student, dass Krzysztof im Suff wieder zur Autobahn hinter dem Haus der von Hopfens gewankt und dort in die Büsche gefallen war. An Tagen nach solch besonderen Eskapaden stritten Krzysztof und Maxim sich besonders heftig. Überhaupt stritten beide oft, seit bei der ersten Kampagne im Jahre 1988 der Versuch gescheitert war, ein Lackprofil zu erstellen.
Solche Lackprofile dienen der Erhaltung eines Bearbeitungsstandes auf einer Ausgrabung. Abgesehen von den meist großartig verkauften Funden interessieren den Archäologen wesentlich mehr die sogenannten Befunde. Dabei handelt es sich um Reste von Baustrukturen, Gräbern oder Gruben, die sich üblicherweise als hellere oder dunklere Verfärbungen im Boden abzeichnen. Zur Interpretation solcher Befunde ist es notwendig, möglichst viel Informationen über ihre Form, Tiefe und Verfüllung zu bekommen. Dazu werden die Befunde nach ihrer Freilegung zunächst von oben – im Planum – zeichnerisch aufgenommen. Um schließlich in Erfahrung zu bringen, wie die Befunde im Boden geformt sind, werden sie anschließend ein- oder mehrfach senkrecht geschnitten, so dass man Profilansichten erhält. Diese werden wiederum gezeichnet oder je nach Bedarf fotografiert. Die Königsdisziplin der Profildokumentation ist jedoch das sogenannte Lackprofil. Im Prinzip handelt es sich um eine Technik, eine Schicht des Befundes zu konservieren, indem man mehrere Lagen Lack auf ein Profil aufträgt, trocknet und abschließend ein Vlies aufklebt. Ist das Lackprofil gelungen, kann man es abziehen und erhält eine spiegelverkehrte Fassung des echten Profils. So funktioniert diese Technik zumindest in der Theorie. Meist kleben leider nur Teile der Profilerde am Lack, oder Steine fallen ab und müssen ständig nachgeklebt werden. Daher gibt es für die erfolgreiche Anlage eines Lackprofils ungefähr so viele Techniken wie Archäologen.
Nun ergab es sich bereits in dem ersten Jahr der Grabungskampagne völlig überraschend, dass sich ein tieferer Befund zur Erstellung eines Lackprofils anbot. Leider verstand Senff überhaupt nichts von er Materie, und auch Krzysztof hatte bislang nur wenig Erfahrung mit der notwendigen Technik. Ihr Problem war, dass die Lackschichten einfach nicht trocknen wollten. Der Abend rückte heran und sollte schwere Gewitterwolken mit sich bringen. Daher entschied Krzysztof mangels alternativer Brennstoffe kurzerhand, die Studenten einige Autoreifen vom nächstliegenden Silo stehlen zu lassen, und die Reifen vor dem Profil zu entzünden. Die runden Gummibriketts brannten, es stank, dunkle Wolken standen über Neuweiler und kaum eine halbe Stunde später stand auf der Grabung die örtliche freiwillige Feuerwehr, die über diesen Einsatz nicht wirklich erfreut war. Um einer Anzeige zu entgehen, war Senff quasi gezwungen, das nächste Feuerwehrfest aus der Grabungskasse in beachtlichem Ausmaß zu finanzieren.
Nach dieser Aktion waren Senff und Krzysztof sich gar nicht mehr grün. Dazu kulminierte noch Senffs sprachliches Unvermögen, die polnische Variante von Christoph korrekt auszusprechen. Stets war es irgendein unverständlicher Mix aus der deutschen und der polnischen Form, nie jedoch das eine oder das andere. Daher merkte Krzysztof oft nicht, wenn er angesprochen wurde, und Senff fühlte sich grundlos missachtet.
Die perfide Abqualifizierung der Lehrgrabung als notwendige Bedingung für spätere Ausgrabungen wurde übrigens unverschämterweise von der Institutsleitung gedeckt. Lachhaft! Aber wenn man seine Schafe dumm hält, kann man sie eben besser schlachten. Daher waren also die Studenten davon überzeugt, auf die Teilnahmescheine angewiesen zu sein, und ertrugen wirklich jede Demütigung. Dabei waren sie während der Lehrgrabung nicht allein aufgrund ihrer Unterkunft eher schlecht bedient, sondern überhaupt einfachste Arbeitssklaven, deren Leben durch Zwang und Reglement gekennzeichnet war.
Das sehr steinige Plateau, auf dem die Ausgrabungsfläche selbst lag, war von einem abschreckenden Zaun umgeben. Stets hieß es, der Zaun rühre noch von der früheren Viehhaltung her. Aber wer hätte schon eine Rinderweide gesehen, die von einem mannshohen, dichten Maschenzaun umgeben ist, der wiederum von einem Stacheldraht gekrönt wird? Und im zweiten Jahr ließ Senff den bäuerlichen Stacheldraht sogar gegen echten Nato-Bandstacheldraht austauschen.
In den Jahren, in denen Senff die eingehegte Fläche als Kleinkönig beherrschte, wurden die Neuankömmlinge sofort nach ihrer Ankunft in zwei Arbeitsgruppen selektiert. Die Trennung der Studenten in zwei, mehr oder weniger verfeindete Gruppen war zweifelsohne am schlimmsten. Beiden wurden Farben zugewiesen, die in den nächsten sechs Wochen das Alleinstellungsmerkmal jeder Individualität übernahmen. Von der Leitung wurden die Studenten fortan nicht mehr länger bei ihrem Namen genannt, sondern mit „Du von der roten Gruppe“ oder „Du von den Blauen“ angesprochen. Das kam Senff vermutlich sehr gelegen, galt sein schlechtes Namensgedächtnis doch damals schon als legendär.
Um den sozialen Druck zu erhöhen, trugen sogar die Werkzeuge farbliche Kennzeichen. Jede Schaufel, jeder Spaten, jeder Kratzer, jede Kelle, jedes Stukkateureisen, jede Schubkarre und jeder Eimer waren mit je einem Farbpunkt versehen. Senff versuchte sogar den Eindruck zu erwecken, dass die Werkzeuge jeden Abend kontrolliert würden. Zu diesem Zweck wählte er zu Beginn einen Studenten als einen Vorarbeiter aus, der ihm abends ungefragt die Menge der Geräte melden musste. Die helleren Vorarbeiter merkten sehr bald, dass Senff die Zahlen weder kontrollierte, noch sie sich merkte oder gar der Mühe unterzog, sie zu notieren.
Das war auch ein Glück für die Teilnehmer, da Senff aufgrund seiner finanziellen Kompetenzen Art und Qualität der Gerätschaften bestimmte, angefangen vom Generator bis zum letzten Buntstift und Radiergummi. Er selbst hatte nicht mit dem Material zu arbeiten, daher kaufte er natürlich nur das billigste vom billigsten ein, so dass die meisten Werkzeuge in kürzester Zeit nicht mehr gebrauchsfähig waren. Das förderte einerseits zwar das Improvisationsgeschick der Teilnehmer, die auf diese Weise unfreiwillig lernten, noch unter widrigsten Umständen Werkzeuge zu reparieren oder sogar erst zu kreieren. Andererseits dezimierte sich das Material dadurch nahezu selbständig. Übrigens ist abgesehen von der relativ teuren Unterkunft, mit der Senff protzte, nicht sicher, was mit dem vielen Geld geschehen ist, dass er zur Verfügung gestellt bekommen hatte. Regelmäßige Unterschlagungen, die so mancher vermutete, konnte ihm allerdings niemand nachweisen.
Doch die Munkeleien um zweckentfremdete Gelder betrafen ihn nicht allein. In den ersten beiden Jahren stand ihm nämlich ein Grabungstechniker namens Krzysztof Wymek zur Seite, der den größten Teil der täglichen Leitungsarbeiten übernahm. Krzysztof hatte sein Archäologiestudium abgebrochen, galt jedoch zurecht als großartiger Ausgräber und war daher eigentlich der führende Kopf auf der Ausgrabung. Mitte der 80er Jahren war er aus Polen ausgebürgert worden, nachdem seine Frau beim Plakatekleben für Solidarność erwischt worden war. Als er später in Sachsen Ausgrabungen leitete, wurde er daher von manchem Ostalgiker beschimpft, er trüge die Schuld an dem Elend, in dem die Länder der ehemaligen DDR nun versanken, er hätte ihnen das alles eingebrockt! Das bedrückte Krzysztof sehr, zumal er aufgrund leichter Sprachschwierigkeiten oft nicht verstand, ob ein deutschsprachiger Gegenüber nun ernsthaft oder ironisch mit ihm sprach. Und weil er ein selten gutmütiger Bär war, rechtfertigte er sich damit, dass doch seine Frau die Plakate geklebt hatte!
Seine Herkunft verschaffte Krzysztof in Neuweiler dagegen eine relativ gute und vor allem günstige Unterkunft. Er war bei der Verwandtschaft von einem Bekannten untergekommen, die darauf bestand, aus Ostpreußen zu stammen. Von Hopfens, so hieß das ältere Paar, waren hoch erfreut, in ihrer Pension einen Gast aus „ihrer“ alten Heimat zu haben. Jeder Gast wurde bereits im Flur mit einem Foto begrüßt, das ein reich hakenkreuzbeflaggtes Häuschen in Masuren zeigte. Auf Nachfrage bekannten die Vertriebenen dann stolz, ihr Vater sei dort Bürgermeister gewesen. Aber natürlich hatten die Familie „nie was mit den Nazis zu tun gehabt.“ Anders als die anderen Gäste erhielt Krzysztof sogar die nächst höhere Behandlungsstufe, weil er sich nach jedem Feierabend zu Gesprächen im Wohnzimmer einfinden musste. Hier führten sie ihm zahlreiche Konvolute mit Familienfotos vor, um ihre eingebildeten Ansprüche zu unterstreichen. Doch so nervig diese ewig gestrigen und allabendlich gleichen Monologe der von Hopfens waren, verschafften sie Krzysztof doch wenigstens ein kleines Zubrot, da sie ihm gerne Quittungen über eine höhere Summe ausstellten, als er in Wirklichkeit für die Unterkunft zahlte.
Erstaunlicherweise kontrollierte Senff so etwas nicht, obwohl er zu Krzysztof keinen richtigen Draht finden konnte. Senff empfand es sehr unangenehm, dass Krzysztof ihm als Ausgrabungsleiter deutlich über war, und das von jedem außer Pickenpack zu erkennen war. Außerdem war Senffs in Neuweiler gewissermaßen fast asketischer Lebenswandel geradezu die Antithese zu Krzysztofs Dasein. Krzysztof war zwar kein Alkoholiker, aber er trank eben gerne einen über den Durst. Schon während seines Studiums klapperten gewöhnlich ein paar Glasflaschen in seinem Rucksack, die er im Laufe des Tages mit einem polnischen Kommilitonen leerte. Da beide an der Uni meist zusammen anzutreffen waren, hatten sie schnell den Spitznamen Lolek und Bolek erhalten. Aber auch während der Grabung in Neuweiler fuhr Krzysztof regelmäßig zu Jaques’ Weindepot, um seinen Kofferraum zu füllen. Nachts trank er schon einmal zwei Flaschen Wein, wenn er nicht schlafen konnte. Kam er dann morgens mit einem dornenzerkratzten Gesicht und zerrissenen Hosen zur Grabung, wusste noch der dümmste Student, dass Krzysztof im Suff wieder zur Autobahn hinter dem Haus der von Hopfens gewankt und dort in die Büsche gefallen war. An Tagen nach solch besonderen Eskapaden stritten Krzysztof und Maxim sich besonders heftig. Überhaupt stritten beide oft, seit bei der ersten Kampagne im Jahre 1988 der Versuch gescheitert war, ein Lackprofil zu erstellen.
Solche Lackprofile dienen der Erhaltung eines Bearbeitungsstandes auf einer Ausgrabung. Abgesehen von den meist großartig verkauften Funden interessieren den Archäologen wesentlich mehr die sogenannten Befunde. Dabei handelt es sich um Reste von Baustrukturen, Gräbern oder Gruben, die sich üblicherweise als hellere oder dunklere Verfärbungen im Boden abzeichnen. Zur Interpretation solcher Befunde ist es notwendig, möglichst viel Informationen über ihre Form, Tiefe und Verfüllung zu bekommen. Dazu werden die Befunde nach ihrer Freilegung zunächst von oben – im Planum – zeichnerisch aufgenommen. Um schließlich in Erfahrung zu bringen, wie die Befunde im Boden geformt sind, werden sie anschließend ein- oder mehrfach senkrecht geschnitten, so dass man Profilansichten erhält. Diese werden wiederum gezeichnet oder je nach Bedarf fotografiert. Die Königsdisziplin der Profildokumentation ist jedoch das sogenannte Lackprofil. Im Prinzip handelt es sich um eine Technik, eine Schicht des Befundes zu konservieren, indem man mehrere Lagen Lack auf ein Profil aufträgt, trocknet und abschließend ein Vlies aufklebt. Ist das Lackprofil gelungen, kann man es abziehen und erhält eine spiegelverkehrte Fassung des echten Profils. So funktioniert diese Technik zumindest in der Theorie. Meist kleben leider nur Teile der Profilerde am Lack, oder Steine fallen ab und müssen ständig nachgeklebt werden. Daher gibt es für die erfolgreiche Anlage eines Lackprofils ungefähr so viele Techniken wie Archäologen.
Nun ergab es sich bereits in dem ersten Jahr der Grabungskampagne völlig überraschend, dass sich ein tieferer Befund zur Erstellung eines Lackprofils anbot. Leider verstand Senff überhaupt nichts von er Materie, und auch Krzysztof hatte bislang nur wenig Erfahrung mit der notwendigen Technik. Ihr Problem war, dass die Lackschichten einfach nicht trocknen wollten. Der Abend rückte heran und sollte schwere Gewitterwolken mit sich bringen. Daher entschied Krzysztof mangels alternativer Brennstoffe kurzerhand, die Studenten einige Autoreifen vom nächstliegenden Silo stehlen zu lassen, und die Reifen vor dem Profil zu entzünden. Die runden Gummibriketts brannten, es stank, dunkle Wolken standen über Neuweiler und kaum eine halbe Stunde später stand auf der Grabung die örtliche freiwillige Feuerwehr, die über diesen Einsatz nicht wirklich erfreut war. Um einer Anzeige zu entgehen, war Senff quasi gezwungen, das nächste Feuerwehrfest aus der Grabungskasse in beachtlichem Ausmaß zu finanzieren.
Nach dieser Aktion waren Senff und Krzysztof sich gar nicht mehr grün. Dazu kulminierte noch Senffs sprachliches Unvermögen, die polnische Variante von Christoph korrekt auszusprechen. Stets war es irgendein unverständlicher Mix aus der deutschen und der polnischen Form, nie jedoch das eine oder das andere. Daher merkte Krzysztof oft nicht, wenn er angesprochen wurde, und Senff fühlte sich grundlos missachtet.
Freitag, 19. Dezember 2008
Kapitel 3.1
Senffs Lehr- und Forschungsgrabung fand auf einem Plateau nahe eines kleinen Kaffs namens Neuweiler statt. Das Kaff liegt irgendwo südlich der Mittelgebirge. Im Gegensatz zu echten Notbergungen im richtigen Leben oder Ausgrabungen in freier Wildbahn sind solche Forschungsgrabungen grundsätzlich recht gemütliche Veranstaltungen. Meist gibt es keinen Mangel an Arbeitsmaterialien, und vor allem Zeit hat man gewöhnlich im Übermaß. Eigentlich könnte man zu den meisten dieser Luxusgrabungen mit weißen Turnschuhen antreten und sähe dennoch hinterher aus wie diese geleckte Archäologin aus der lächerlichen Crème-Werbung, deren größtes Problem bei der Beaufsichtigung der faulen Fellachen ihre trockene Haut ist.
Neuweiler aber war anders. Böse Zungen behaupteten, es habe an der Lage in Dunkeldeutschland gelegen. Halbwegs objektive Zungen wissen, es lag eindeutig an Senff, der die Lehrgrabung von Alpha bis Omega unter seiner Kontrolle hatte. Das bedeutete vor allem, Senff hatte die Kontrolle über die Grabungskasse, die gut gefüllt war, weil die Institute solcher Orchideenfächer Ende der 80er noch verhältnismäßig viel Gelder erhielten. Forschung wurde damals nicht nur auf Patente und Gentechnik beschränkt. Es wehte noch mehr als ein kümmerlicher Rest des heute lediglich in Sonntagsreden viel und hoch beschworenen Humboldtschen Geistes durch die Luft.
Leider kamen diese Möglichkeiten wie so oft auch dieses Mal nicht in die richtigen Hände. Senff erhielt die Macht über eine sechsstellige Summe, über die er nach Gutdünken frei verfügen konnte, sofern er die Gewichtung der Ausgaben nicht übertrieb.
Das begann zunächst damit, dass er sich im Vorfeld eine verhältnismäßig gut ausgestattete Unterkunft besorgte. Dabei war er selbst nicht wenig über das Zimmer erstaunt, das ihm die Pensionswirtin zuwies. Sowohl die Lampenschirme als auch die Bettwäsche waren mit Leopardenmuster bezogen, über dem französischen Bett hing an der Decke ein zweimaleinsfuffzich messender Spiegel. Als Maxim das erste Mal jemandem von der Unterkunft erzählte, wurde er prompt gefragt, ob er stundenweise bezahlen müsse. Doch er wusste weder mit der Einrichtung noch mit der Frage etwas anzufangen, schließlich war er in sexueller Hinsicht eher unbedarft. Sein Leben lang hatte er nur wenig Interesse am Vollzug gehabt, allein die Herrschaft über andere Menschen und bestenfalls deren Erlangung zählten etwas in seinem krausen Weltbild.
Senffs Unterkunft brachte jedoch auch Unannehmlichkeiten mit sich. Zur Südseite besaß das im Erdgeschoss liegende Zimmer ein sehr großes Fenster mit einer Reihe von Gitterstäben zum Schutz vor Einbrechern. Eines Abends nun, als Senff gelangweilt damit beschäftigt war, zumindest den Papierkram zu beenden, den er nicht auf andere abwälzen konnte, bummelte die angetrunkene Dorfjugend von der örtlichen Bushaltestelle, die lediglich zu Beginn und am Ende des Tages von je einem Bus frequentiert wurde, an ebendiesem Fenster vorbei und erblickte erheitert diesen merkwürdigen Menschen, über den man sich im Dorf das Maul zerriss. Der Alphajugendliche sprang nun unvermittelt auf das Fenster zu. Damit hatte er den unausgesprochenen Befehl gegeben, dass wenigstens die drei anderen Jungs der Gruppe ihm zu folgen hatten. Sie sprangen mit nur geringer Verzögerung an die Gitterstäbe, klammerten und schaukelten daran wie Schimpansen in der Pubertät. Dazu brüllten sie mehrmals laut „FICKÖÖÖN“ gegen das Fenster. Senff rammte vor Schreck mit der verrissenen Feder seines Füllers einen markanten und tiefen Kratzer in den Tisch. Verstört blickte er zu dem Fenster, sah die vier königlich amüsierten Halbwüchsigen, die bereits von ihrem Abendvergnügen abließen. Senff stand auf, schritt fest zum Fenster, konnte die vier aber nur noch die Straße hinabspringen sehen. Ihr Anführer warf zum Abschied noch einen kleinen Stein gegen das Fenster. Der Stein war zu klein, um einen Schaden am Fenster anzurichten, aber groß genug, um an Senffs Ego zu kratzen. Kurze Zeit dachte er daran, Professor Pickenpack zu bitten, dem Dorfbürgermeister bei der nächstbesten Gelegenheit die Wichtigkeit der Ausgrabung und ihres Leiters deutlich zu machen.
Neuweiler aber war anders. Böse Zungen behaupteten, es habe an der Lage in Dunkeldeutschland gelegen. Halbwegs objektive Zungen wissen, es lag eindeutig an Senff, der die Lehrgrabung von Alpha bis Omega unter seiner Kontrolle hatte. Das bedeutete vor allem, Senff hatte die Kontrolle über die Grabungskasse, die gut gefüllt war, weil die Institute solcher Orchideenfächer Ende der 80er noch verhältnismäßig viel Gelder erhielten. Forschung wurde damals nicht nur auf Patente und Gentechnik beschränkt. Es wehte noch mehr als ein kümmerlicher Rest des heute lediglich in Sonntagsreden viel und hoch beschworenen Humboldtschen Geistes durch die Luft.
Leider kamen diese Möglichkeiten wie so oft auch dieses Mal nicht in die richtigen Hände. Senff erhielt die Macht über eine sechsstellige Summe, über die er nach Gutdünken frei verfügen konnte, sofern er die Gewichtung der Ausgaben nicht übertrieb.
Das begann zunächst damit, dass er sich im Vorfeld eine verhältnismäßig gut ausgestattete Unterkunft besorgte. Dabei war er selbst nicht wenig über das Zimmer erstaunt, das ihm die Pensionswirtin zuwies. Sowohl die Lampenschirme als auch die Bettwäsche waren mit Leopardenmuster bezogen, über dem französischen Bett hing an der Decke ein zweimaleinsfuffzich messender Spiegel. Als Maxim das erste Mal jemandem von der Unterkunft erzählte, wurde er prompt gefragt, ob er stundenweise bezahlen müsse. Doch er wusste weder mit der Einrichtung noch mit der Frage etwas anzufangen, schließlich war er in sexueller Hinsicht eher unbedarft. Sein Leben lang hatte er nur wenig Interesse am Vollzug gehabt, allein die Herrschaft über andere Menschen und bestenfalls deren Erlangung zählten etwas in seinem krausen Weltbild.
Senffs Unterkunft brachte jedoch auch Unannehmlichkeiten mit sich. Zur Südseite besaß das im Erdgeschoss liegende Zimmer ein sehr großes Fenster mit einer Reihe von Gitterstäben zum Schutz vor Einbrechern. Eines Abends nun, als Senff gelangweilt damit beschäftigt war, zumindest den Papierkram zu beenden, den er nicht auf andere abwälzen konnte, bummelte die angetrunkene Dorfjugend von der örtlichen Bushaltestelle, die lediglich zu Beginn und am Ende des Tages von je einem Bus frequentiert wurde, an ebendiesem Fenster vorbei und erblickte erheitert diesen merkwürdigen Menschen, über den man sich im Dorf das Maul zerriss. Der Alphajugendliche sprang nun unvermittelt auf das Fenster zu. Damit hatte er den unausgesprochenen Befehl gegeben, dass wenigstens die drei anderen Jungs der Gruppe ihm zu folgen hatten. Sie sprangen mit nur geringer Verzögerung an die Gitterstäbe, klammerten und schaukelten daran wie Schimpansen in der Pubertät. Dazu brüllten sie mehrmals laut „FICKÖÖÖN“ gegen das Fenster. Senff rammte vor Schreck mit der verrissenen Feder seines Füllers einen markanten und tiefen Kratzer in den Tisch. Verstört blickte er zu dem Fenster, sah die vier königlich amüsierten Halbwüchsigen, die bereits von ihrem Abendvergnügen abließen. Senff stand auf, schritt fest zum Fenster, konnte die vier aber nur noch die Straße hinabspringen sehen. Ihr Anführer warf zum Abschied noch einen kleinen Stein gegen das Fenster. Der Stein war zu klein, um einen Schaden am Fenster anzurichten, aber groß genug, um an Senffs Ego zu kratzen. Kurze Zeit dachte er daran, Professor Pickenpack zu bitten, dem Dorfbürgermeister bei der nächstbesten Gelegenheit die Wichtigkeit der Ausgrabung und ihres Leiters deutlich zu machen.
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