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Mittwoch, 30. September 2009

Kapitel 14.5

Senff hatte die meisten der an ihn gerichteten E-Mails inzwischen gelesen, da entdeckte er ein Schreiben seines Doktorvaters, in dem der ihm zu dem bevorstehenden Aufstieg Glück wünschte. Das erinnerte Maxim an etwas. Er griff zum Telefon und ließ es vor seinem Büro bei der Scheckow klingeln.
„Herr Direktor?“, monoklang es überhöht aus dem Hörer.
„Sagen Sie, bis wann war eigentlich mein Grußwort für die Einleitung zu Professor Pickenpacks Festschrift fällig?“
„Ich sehe eben im Kalender nach“, beschied sie ihn, Maxim hörte das streichende Geräusch von Papier, das umgeschlagen wird.
„Wenn Sie den Termin gefunden haben, dann kommen Sie rein und sagen Sie ihn mir, ich brauche sowieso noch einen Kaffee“, sagte er leicht ungeduldig und legte auf. Er überflog noch die Zeilen der letzten E-Mail, da klopfte es zweimal und Frau Scheckow balancierte eine Tasse Kaffee in das Büro.
„Die Abgabe ist Ende des Monats, soll Herr Plankenreiter –“
„Nein, nein, das mache ich schon lieber selber“, lehnte Maxim ab. Er lehnte sich leicht zurück, ließ die Fingerspitzen beider Hände auf der Kante des Schreibtisches ruhen und sah zu, wie sie die Tasse mit einem klappernden Laut auf den Tisch stellte.
Die Sekretärin kehrte sich zur Tür und stelzte hinaus. Maxim sah ihr kurz hinterher. Als sie die Tür hinter sich zugezogen hatte, öffnete er eine Schublade seines Schreibtisches, kramte einen Stapel Blätter heraus und begann sich ein paar Notizen über seinen Doktorvater und Förderer zu machen.
Aus dem Kopf schrieb er im Abstand von längeren Pausen ein paar Eckdaten auf die Papiere, dann kaute er nachdenklich auf dem Bleistift herum und begann wieder zu träumen. Er überlegte sich, wie es sein würde, wenn er nicht länger Direktor dieses Amtes ist und sich nicht mehr täglich mit den Niederungen der Denkmalpflege zu beschäftigen hatte. Er dachte an die Staatsekretäre, die ihm zuarbeiteten, er fantasierte sich große gesellschaftliche Änderungen zusammen, die schon bald von ihm durchgesetzt werden könnten. Hin und wieder fiel ihm etwas zu dem Grußwort ein, dann unterbrach er seine Gedanken, notierte ein Wort, fiel aber schnell wieder in den Zustand der Gedankenverlorenheit.
Erst spät wurde er von einem Klopfen unterbrochen, Frau Scheckow wollte sich verabschieden. Er tat so, als schriebe er an seinen Aufzeichnungen weiter. Sie blickte währenddessen auf die Tasse und sah, dass er den Kaffee noch nicht angerührt hatte. Mit leicht genervter Miene warf er ihr einen krächzenden Gruß zu, versank aber nach ihrem Verschwinden sofort wieder in seine Traumwelt.
Die nächste und letzte Störung war schließlich die Putzfrau, die zwar anklopfte, aber auch sofort mit ihrem Reinigungswagen in das Büro walzte. Sie grüßte gebrochen und störte sich nicht daran, dass Senff ein ungehaltenes Gesicht machte. Zielgerichtet marschierte sie auf den Mülleimer zu, zog die Tüte heraus, entsorgte sie in ihrem Wagen und stopfte eine neue, leere Tüte hinein. Senff beobachtete das, arbeitete nicht weiter, wollte aber seine Arbeit auch nicht abbrechen, solange sie noch im Büro war.
Erst als sie es verlassen hatte und er vom Gang ihr Klappern und Räumen vernahm, packte er seine Unterlagen zusammen und stopfte sie in seine Aktentasche. Verwundert entdeckte er den Kaffee, den er auszutrinken vergessen hatte, und war sich einen Moment lang unsicher, was er damit tun sollte. Schließlich entschied er, dass er am folgenden Tag keine Tasse mit kaltem Kaffee in seinem Büro stehen haben wollte, deshalb brachte er die Tasse mit spitzen Fingern hinaus in das Büro seiner Sekretärin. Dort stellte er das Porzellan auf ein kleines Regal, das mit dem restlichen Zubehör zur Kaffeezubereitung geschmückt war. Er ging wieder in sein Büro, kleidete sich mit Sakko, Schal und Mantel ein und nahm seine Aktentasche. Er kam an dem Büro des Wachmanns vorbei, verabschiedete sich überraschend freundlich bei dem Mann und verließ das Amt nahezu als Letzter. Knirschend trat er zu seinem Wagen, stieg ein und fuhr nach Hause.

Freitag, 25. September 2009

Kapitel 14.4

Es klopfte. Senff stand noch immer am Fenster. Er drehte den Kopf zur Tür und rief „Herein!“ Frau Scheckow öffnete die Tür nur zu einem Drittel und lehnte sich mit einem Stapel Papiere herein.
„Ich habe hier die heutigen Ausdrucke Ihrer E-Mails, Herr Direktor.“
„Ah, ja“, machte Senff und richtete seinen ganzen Körper zur Tür aus, „legen Sie sie dahin.“ Er zeigte auf den Schreibtisch und verschränkte die Arme. Erst als seine Sekretärin das Büro verlassen hatte, ging er wieder zu seinem Arbeitsplatz.
Ein erstaunlich kleiner Stapel heute, staunte er in Gedanken. Natürlich waren es nicht alle E-Mails, Spam und Belanglosigkeiten waren bereits von jemandem herausgefiltert.
Maxim setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch und begann, die Ausdrucke zu lesen. Er genoss die Segnungen der modernen Technik. Er stand der Technik sehr aufgeschlossen gegenüber, für ihre Benutzung war er allerdings zu dämlich. Das von ihm geleitete Amt war zwar eines der ersten deutschen Denkmalpflegeämter, die mit Computern arbeiteten, darum hatte sich aber noch sein Vorgänger Dr. Stüht verdient gemacht. Senff nutzte die übernommene Technik zwar, bremste sie jedoch durch sein Unverständnis zugleich massiv aus. Erst seit einem Jahr war es den Mitarbeitern gestattet, die Rechner mit CD-ROM-Laufwerken auszurüsten. Zuvor schimpfte der geistige Ungelenk seinem Untergebenen Robert gegenüber stets auf die „Firusse und Dieler, die die Computer zerstören wollen!“
Symbolhaft für diesen Unverstand war sein Umgang mit der elektronischen Post. Wie sie funktionierte, begriff er überhaupt nicht. Wollte er sie lesen, ließ er sie sich von seiner Sekretärin ausdrucken. Galt es, eine Antwort zu versenden, ließ er sie von Frau Scheckow schreiben und schicken. Sein Arbeitsbeitrag bestand hauptsächlich darin, dass er die Ausdrucke eigenhändig in Aktenordner sortierte, die er im Büro verstaute.
Inzwischen las er nur noch die an ihn selbst gerichteten E-Mails. Bis vor kurzem ließ er sich dagegen auch die elektronische Korrespondenz seiner Angestellten ausdrucken. Angesichts der sonstigen Leistung, die Senff im Amt vollbrachte, hatte er schließlich genügend Zeit gehabt, sich anderen Dingen zuzuwenden. Schnell richtete sich da sein Augenmerk auf das, was seine Mitarbeiter so machten. Denn er war seiner Umwelt gegenüber in gleichem Maße misstrauisch, wie er davon überzeugt war, eine unerreichte Koryphäe zu sein.
Immerhin hatte er durch die Lektüre der Mails erstaunliche Details über das Leben und die Ansichten seiner Mitarbeiter erfahren: Personalrat Trudolf hetzte hin und wieder einzelne Mitarbeiter auf. Die Gleichstellungsbeauftragte Frau Attermann von der Kunstabteilung verschickte im Haus anzügliche Scherzmails. Spasst versuchte wiederholt, Mitarbeiter zur Teilnahme an seinem Bibelkreis zu überzeugen – meist erfolglos, wie Senff aus den Antworten erfuhr. Dr. Fabricius gab seinen Kollegen gegenüber damit an, welche Erfolge er im Kaninchenzüchterverein errang. Die füllige Frau Schlamers empfahl jede Woche aufs Neue Diätanleitungen, die sie an verschiedene Damen im Haus versandte. Herr Keulenkotz erwies sich als großes Schandmaul, der stets den neuesten Amtstratsch verteilte, dadurch Senff aber als Quelle für Schmutz umso wichtiger erschien. Dank Keulenkotz war er zumindest stets darüber im Bilde, wer denn gerade mit wem techtelmechtelte.
Natürlich war dieses Hinterherspionieren nicht nur unschön, es war sogar verboten. Als den Angestellten vor kurzem schwante, was an der Amtspitze ablief, ließen die Aufrechten unter ihnen daher nicht viel Zeit verstreichen, bis sie entsprechende dienstrechtliche Schritte einleiteten. Da war es dann besonders dumm, dass Senff die ausgedruckten E-Mails seiner Angestellten ausgerechnet in seinem Büro hortete. Aber zu diesem Zeitpunkt konnte Senff eben bereits auf seinen Kumpel Pinscher rechnen, der als Innenminister beste Kontakte zum Justizminister hatte. Schließlich sollten bald die Landtagswahlen stattfinden, für die Pinscher als Ministerpräsidentenkandidat aufgestellt war. Der Sozialdemokrat konnte also keine Skandale gebrauchen, zumal er eigene Süppchen am Kochen hatte. Er sah sich daher veranlasst, für Ordnung zu sorgen, noch bevor eine Zeitung eine „Water-Mail“-Affäre aus der Geschichte machen konnte. Senff fallen zu lassen, war zum jetzigen Zeitpunkt jedenfalls selbst für Pinscher unmöglich, das hätte dem Wahlerfolg nur geschadet. Aber die beiden waren ohnehin bereits zu eng befreundet, als dass Senff sich noch hätte Sorgen machen müssen. Es war jedoch unausweichlich, das Problem aus der Welt zu schaffen. Senff musste sein Treiben beenden und die gesammelten E-Mails herausrücken, während der mit Pinscher verbandelte Justizminister dafür sorgte, dass die Unterlagen bei der Staatsanwaltschaft unter dem Deckel gehalten wurden und belastendes Beweismaterial kurzfristig verschwand.

Donnerstag, 24. September 2009

Kapitel 14.3

Pinscher war im selben Jahr Innenminister geworden, als Senff die Amtsleitung von Stüht übernommen hatte. Zuvor hatte er eine stramme Parteikarriere gemacht, die lediglich durch ein – seiner Meinung nach nur kleines – Skandälchen überschattet war.
Mit 18 Jahren war Pinscher Mitglied bei den Jungsozialisten geworden. Auf diesem Spielplatz der großen Gedanken und kleinen Möglichkeiten erkannte er früh seine Chancen. Der übergeordnete Ortsverein war geistig ausgetrocknet und lag personell am Boden. Pinscher konnte sich dort ohne große Mühen alle Ämter angeln, die er haben wollte. Diese Ämter nutzte er als Sprungbrett für den Aufstieg vom Ortsverein und den Unterbezirk. Kaum hatte er das Geflecht der Strippen durchschaut, die sich hinter Kulissen der demokratischen Parteiarbeit befinden, da nahm er schon die ersten in die Hand, um sie zu seinen Gunsten zu ziehen.
Er begann, die schwächsten Mitglieder zu Stimmvieh zu erziehen, indem er die verrenteten GenossInnen in ihren Altersheimen und -ruhesitzen zu Kaffee und Kuchen besuchte. Das kostete ihn zwar Zeit, die er nicht seinem Physik- und Politikstudium widmen konnte, aber die Uni hatte ihn ohnehin nur so weit interessiert, um Freunde zu gewinnen, die einen Kastenwagen besaßen. Mit ebendiesem Kastenwagen karrte er das „überzeugte“ Stimmvieh zu den Hauptversammlungen und erreichte bald den Vorsitz seines Ortsvereins. Es kostete Pinscher zwar viele geschüttelte Hände und geputzte Klinken, aber seine Parteikarriere war letztlich unvermeidlich und raketengleich.
Dieser Aufstieg blieb den Parteigremien nicht verborgen. Schnell sprachen sich seine vorgeblichen Talente herum, die niemand persönlich erlebt hatte, die aber jeder von irgendeiner anderen zuverlässigen Person erfahren hatte. Es hätte nur wenig Aufmerksamkeit bedurft, um festzustellen, dass alle diese Gerüchte allein von einem Parteimitglied ausgingen, nämlich von Pinscher selbst. Zu der Zeit war diese Tücke jedoch bereits völlig belanglos. Pinscher, der zwar kein begnadeter Demagoge war, aber doch wenigstens ein mehr als mäßig guter Redner, ackerte sich über Parteitage und Delegiertenversammlungen, um einen ersten Karrierehöhepunkt zu erreichen. Er wurde Büroleiter eines Europaabgeordneten seiner Partei. Diese Arbeit erledigte Pinscher wenigstens professionell genug, um „seinen“ Abgeordneten bei der nächsten erfolgreichen Wahl beerben zu können.
Nun begann für Pinscher ein schönes Leben. Er reiste von Parlamentssitzungen in Straßburg zurück in seine Heimatstadt zu Parteitagen und von Showveranstaltungen irgendwelcher Landesparteidelegierten hin zu den Fraktionsitzungen in Brüssel. Zeitgleich wurde er von Entscheidungsträgern innerhalb der Parteigremien in die Aufsichtsräte mehrerer börsennotierter Unternehmen geschleust. Da er ein strammer Sozialdemokrat und Gewerksschaftsmitglied war, sah er sich in den Aufsichtsräten selbstverständlich als Anwalt des kleinen Mannes – zumindest offiziell.
In Wirklichkeit hatte er sich längst an die Leute gehängt, die in der Lage waren, ihm Vergünstigungen zu gewähren. Das sorgte bei anderen natürlich für Unmut. Als er eines Tages in seiner Funktion als Gewerkschafter zu Tarifverhandlungen mit einer Limousine zum Tagungsort angereist war, wurde er sogar von einer Betriebsrätin angefahren. Sie selbst war mit dem Trabi gekommen und attackierte ihn nun: „Wenn Sie das nächste Mal mit so einem Wagen zu den Tarifverhandlungen kommen, dann können Sie sich auf die andere Seite vom Tisch setzen!“
Pinscher ließ sich jedoch nicht beirren, er folgte seinem politischen Kompass und der wies ihn zum Aufstieg. Jahr über Jahr saß er seine „Arbeit“ ab, vergaß in diesem Stress aber ganz aus Versehen, die Jahresgage für seine Aufsichtsratspöstchen dem Finanzamt mitzuteilen. Doch dummerweise bekam das nicht nur das Finanzamt eines Tages spitz, sondern zuletzt sogar die Presse, dieser übellaunige Mob, wie Pinscher vor laufenden Kameras schimpfte. Es war nicht zu ändern, seine unschuldige Nachlässigkeit war an die Oberfläche der Öffentlichkeit gespült. Als dann auch noch bekannt wurde, dass er in großem Maßstab Reisekostenabrechnungen gefälscht hatte, ließ ihm die Partei keine andere Möglichkeit, als auf sein Mandat als Europa-Abgeordneter zu verzichten.
Pinscher fiel nach diesem Absturz sanft. Alte Parteifreunde betteten ihn auf einen geruhsamen Posten im Rat seiner Heimatstadt. So wie es sich eben in jeder Partei gehört. Der Saulus schien seine Lektion gelernt zu haben. Seine nach außen getragene Reue korrespondierte mit dem sichtbaren Fleiß, mit dem er sich langsam wieder nach oben kämpfte. Bald schon war er Fraktionsvorsitzender im Rat, wenig später Oberbürgermeister und kein Jahr darauf erfolgte der Ruf in die Landespolitik.
Das dritte Jahrtausend unserer Zeitrechnung stand vor der Tür und das sozialdemokratische Personal fluktuierte wie die Besucher eines Stundenhotels. Pinscher rutschte daher schnell wieder nach oben. Er gelangte auf einen Posten als Staatssekretär und übernahm nach einer kurzen Einarbeitungszeit das Amt des Europaministers. Doch bei der nächsten Landtagswahl wurden wieder Stellen frei und Pinscher wurde über die nächste Hürde auf den Weg nach oben getragen. Zumindest kann niemand behaupten, dass sich der Mann aus persönlicher Eignung heraus als Innenminister angedient hatte. Nein, die Partei benötigte jemanden zur Leitung des Innenministeriums und Pinscher war verfügbar. Das hatte zu reichen.
Zu der Zeit, als Pinscher und Senff frisch gebacken ihren Ämtern vorstanden, lernten sich die beiden auf kulturellen Stehempfängen kennen. Trotz der Senff immanenten Machtgeilheit und seinem Drang, andere zu unterdrücken, hatte er früher nie Interesse an Parteiarbeit und Politik gezeigt. Ihm erschloss sich einfach nicht der Reiz dieser Beschäftigung. Womöglich lag es aber auch daran, dass ihm von klein auf von seinem Vater vermittelt worden war, dass es seit dem Ende des Zentrums keine wählbare Partei mehr in Deutschland gab.
Ähnlich groß wie sein Streben nach Einfluss war aber die Skrupellosigkeit des Popenbengels. Wenn er erkannte, dass ihm jemand nützen würde, dann ließ er sich mit demjenigen ein.
Als er erkannte, dass er noch über die Leitung des Denkmalpflegeamtes hinaus aufzusteigen vermochte, begeisterte er sich für die Möglichkeit, in die Politik zu gehen. Pinscher bot sich schnell als Steigbügelhalter an, weil er seinerseits der Kultur gegenüber ein für seine Partei ungewöhnlich offenes Verhältnis besaß. Er besaß ein großes Interesse an den künstlerischen Äußerungen der Menschen, aber das war natürlich auch Göring zu eigen gewesen.
In dem Moment, in dem Pinscher nun zu dem Sprung ansetzte, der ihm die höchsten Weihen im Bundesland verschaffen sollte, war es daher unvermeidlich, dass sich die beiden aneinanderketteten. Erst beschnupperten sie sich auf den Empfängen, um sich einzuschätzen. Dann freundeten sie sich langsam an, und verschwanden schon bald nach musikalischen Hochgenüssen in den nächstgelegenen Ratskeller, um da herumzupoltern und bei Bier und Wein gemeinsame Pläne zur Erneuerung des Kulturwesens zu schmieden.

Sonntag, 20. September 2009

Kapitel 14.2

Senff stapfte zur Treppe und marschierte nach oben. Vor seinem Büro wurde er von seiner Sekretärin erwartet.
„Ach, Herr Direktor, ist das Gespräch bereits zu Ende?“
Senff nickte nur kurz.
„Der Herr Spasst war eben hier, er benötigt einen Dienstwagen, um die Funde ins Magazin zu fahren.“
„Jaja, er kann einen Quattro haben“, winkte Senff ab, „Sie können ihm die Schlüssel ruhig geben.“
Dann ging er in sein Büro, legte die Mappe ins entsprechende Fach, zog das Jackett aus und hängte es wieder in den Schrank. Er stellte sich vor eines der Fenster und stützte sich mit beiden Armen auf die Fensterbank. Mit einem leeren Blick stierte er auf den Parkplatz des Amtes, wo die drei Quattros standen.
Er mochte diese Wagen, sie waren nur auf seinen besonderen Wunsch angeschafft worden. Natürlich ist einzuräumen, dass es von Zeit zu Zeit unvermeidlich ist, Dienstwagen zu erneuern und auszutauschen. Maxim sah hierin aber die Möglichkeit, sich auf Kosten anderer einen seiner Ansicht nach angemessenen fahrbaren Untersatz zu verschaffen. Aus persönlichen Geiz heraus leistete er sich kein anderes Fahrzeug als seinen alten blauen Kleinwagen. Das Amt konnte ihn jedoch mit einem Wagen versorgen, der einem Amtsleiter gebührend war. In Senffs Augen war dies ein Audi Quattro. Selbstverständlich schaffte er für das Amt gleich mehrere an, das machte es schließlich günstiger.
Dummerweise ließ es sich jedoch nicht einrichten, dass Senff allein über diese Wagen verfügen durfte. Sie mussten zwangsläufig auch für echte Diensttouren verwendet werden, das ließ sich nicht einmal von Senff vermeiden. Hier zeigten sich aber die Tücken der Technik, denn das Modell ist nur wenig dazu geeignet, Geräte oder Funde zu transportieren. Den Kenner überrascht es kaum, ist es für solche Zwecke schließlich nicht konstruiert. Aber solche Lappalien waren Senff egal. Er hatte nun endlich die Möglichkeit, auf anderer Leuts Kosten halbwegs angemessen auf Kongressen zu erscheinen. Ihn ärgerte es fast schon mehr, dass der ihm zur Verfügung stehende finanzielle Rahmen keinen Maybach mit Fahrer erlaubte.
Das würde sich natürlich geringfügig bessern, wenn sich seine Zukunftsplanung erfüllen sollte und er demnächst zum Kultusminister aufstiege. Dies stellte ihm jedenfalls der Politiker Gert Pinscher in Aussicht, den er ziemlich genau zu der Zeit näher kennengelernt hatte, als er für das Amt die neuen Wagen angeschafft hatte. Deshalb verband Senff die Wagen in seiner Erinnerung auch stets mit diesem Ausnahmepolitiker.

Donnerstag, 27. August 2009

Kapitel 14.1

Maxim wurde erst von der leiernden Melodie der Amtstelefonanlage geweckt. Er öffnete die verkniffenden Augen und brauchte eine Sekunde, um sich zurechtzufinden. Dann lehnte er sich vor und stand gesetzt auf.
Warum geht die Scheckow nicht an das Telefon? fragte er sich und blickte auf die Uhr, nachdem er sie wieder aus dem Ärmel geschüttelt hatte. Es war bereits halb zwei, er war etwas verwundert, so lange geschlafen zu haben, nein, er hatte sich ja nur einen Moment entspannt, verbesserte er sich selbst.
Maxim ging hinter seinen Schreibtisch, setzte sich auf seinen Stuhl, lehnte sich wichtig vor und nahm den Hörer ab.
„Landesamt für Denkmalpflege, Doktor Senff am Apparat?“
„Herr Direktor?“, fragte seine Sekretärin, „Hier ist ein Herr vom Fernsehen, der möchte Sie diese Woche noch interviewen. Es geht um dieses Flugzeug aus dem Zweiten Weltkrieg und um das Kultusministerium.“
Senff wurde geschmeidig, das interessierte ihn und schmeichelte ihm zugleich.
„Ja, machen Sie ruhig einen Termin mit ihm aus“, lächelte er zahm.
Die Sekretärin wies ihn freundlich darauf hin: „Ihr Terminkalender ist diese Woche aber voll, dann müssten Sie einen Termin absagen.“
„Jaja, kein Problem. Die Woche ist doch der Termin mit dem Dingsbums, na, wie heißt er gleich, der mit seinen Studenten für eine Führung durchs Amt vorbeikommen wollte. Das soll Robert oder sonstwer machen“, wimmelte Senff harsch ab.
„Dann werde ich das ändern, Herr Direktor.“
Senff legte auf. Er drehte sich in seinem Stuhl, dass er nach draußen blicken konnte, dazu hielt er sich seine Hände so vor die Brust, dass die gespreizten Finger sich gegen ihr jeweiliges Pendant stützten. Er überlegte eine Weile und dachte befriedigt an den Fernsehauftritt. Nach einem Moment stand er auf, ihm wurde bewusst, dass das Bewerbungsgespräch bald beginnen würde.
Er ging zu dem Schrank, öffnete ihn, angelte den Kleiderbügel mit dem Sakko heraus und zog es an. Dann ging er vor der Schranktür leicht in die Knie, um sich in dem auf der Innenseite der Tür angebrachten Spiegel noch einmal zu begutachten. Er kräuselte die Stirn, zog erneut den Kamm aus der Tasche und ordnete seine durch das Nickerchen ziemlich derangierten Haare. Ein paar einzelne Ausreißer ließen sich von dem Kamm nicht beeindrucken, Maxim musste sie mit etwas Speichel richten. Dann zerrte er sanft seine Fliege richtig und bemerkte neue Kaffeeflecken. Seine Lippen verzogen sich angewidert und er versuchte erfolglos, die Flecken zu verreiben, die längst tief eingewirkt waren. Maxim ärgerte sich. Mit zornigen Augen schloss er den Schrank wieder, ging zu einem Regal, dem er eine dünne Mappe mit den Unterlagen für das Bewerbungsgespräch entnahm und verließ sein Büro. Das Gespräch fand in einem Konferenzraum im Erdgeschoss statt. Senff winkte verkürzt und glitt an seiner Sekretärin vorbei. Dann schlich er die Treppe nach unten.
Vor dem Konferenzraum saß im Flur bereits der Kandidat. Er versuchte zwar entspannt zu wirken, aber Senff konnte die Angst spüren. Zu dem stummen Gruß, den der Direktor ihm gewährte, lächelte Maxim nicht, sondern er grinste. Jetzt wurde auch sein Schritt federnd und er ging in den Raum.
Im Inquisitionszimmer waren bereits die meisten anderen Teilnehmer da. Frau Attermann, die Gleichstellungsbeauftragte, unterhielt sich mit der Sekretärin aus der Personalabteilung, mit Frau Jeckel. Sie war für den Papierkram zuständig, hatte also nichts zu sagen, musste aber die Arbeit leisten. Vom Baudenkmal war noch Dr. Fabricius da, Senff visierte kurz durch den Raum und ging dann zu Fabricius, um mit ihm gedrungen zu reden.
Frau Jeckel hatte den Tisch für das Gespräch bereits gedeckt. Zumindest für die Mitglieder des Bewerbungsausschusses, der Bewerber bekam keinerlei Getränke. Senff schaute auf die Uhr, es war fünf Minuten vor zwei, Trudolf und Robert fehlten noch. Da öffnete sich die Tür und Herr Trudolf trat gehetzt ein.
„Entschuldigen Sie, Herr Direktor“, versuchte er jedem Protest entgegenzukommen, doch Senff ranzte ihn an: „Haben Sie mal auf die Uhr geschaut? Das ist ja wohl unmöglich!“ Mit Absicht sprach er so laut, dass der Kandidat draußen es hören musste. Robert fehlte noch immer.
Frau Attermann traute sich, auf dessen Fehlen hinzuweisen. Als Gleichstellungsbeauftragte fühlte sie sich dem Direktor gegenüber besonders mutig: „Tja, fehlt ja nur noch der Herr Plankenreiter – sollen wir den Herrn Fries schon mal reinbitten?“
Da öffnete sich die Tür und Robert schlenkerte herein, mit Herrn Fries im Schlepptau.
„Dann kommen sie gleich mal mit rein“, sagte er, und alle schauten zu den beiden.
Dr. Rüdiger Fries trug einen unförmigen Anzug von C&A, der sich um seinen ausgehungerten Körper schlang wie ein ausgewachsene Pferdedecke um ein Shetlandpony. Die Spannung, unter der er stand, war kaum übersehbar. Er wurde von Robert mehr in das Zimmer gezerrt.
Trudolf blickte zur Tür, zu dem Nachzügler und den Bewerber, er schaute dann leicht grimmig zu Senff in der Erwartung, dass Robert einen ähnlichen Einlauf bekäme wie er selbst. Natürlich ersparte Senff sich diese Aufführung. Niemals hätte er seinen Liebling vor der Amtsöffentlichkeit heruntergeputzt. Dabei war er tatsächlich sauer, zum zweiten Mal schon an diesem Tag hatte Robert ihn völlig unnötig im reibungslosen Ablauf seines Tages gestört.
„Ja gut“, sagte er, „dann setzen Sie sich mal da hin“, und wies auf einen Platz, der seinem und Roberts Platz gegenüber lag. Die anderen Teilnehmer dieser Farce waren dagegen in eine weiter entfernte Umlaufbahn um den Konferenztisch gesetzt. Neben Robert saß Frau Jeckel, um ohne größere Schwierigkeiten den Kaffee der Teilnehmer nachschenken konnte. Es folgte Frau Attermann, Herr Trudolf und zuäußerst Dr. Fabricius, der von dem Frage-Antwort-Spiel fast nichts mitbekommen konnte, weil die Akustik in dem Raum viel zu schlecht war. Jeder hatte einen Block oder wenigstens einen flachen Stapel Papier vor sich liegen und hielt in einer Hand einen Kugelschreiber.
Doktor Fries nahm schweigend den Platz ein, den Robert ihm mit einer wortlosen Handbewegung zugewiesen hatte. Als Fries sich gesetzt hatte, fiel Frau Attermann erst auf, wie schlecht der Anzug tatsächlich saß. Sie verdrehte ihre stark umschminkten Augen und schaute leicht genervt nach außen.
Senff übernahm das Wort: „So, dann stelle ich die Runde mal kurz vor. Sie sind also der Herr Rüdiger Fries“, er schielte kurz auf seine Unterlagen, „Herr Doktor Fries“, lächelte er dann, „so viel Zeit muss sein!“
Doktor Fries grinste nervös.
„Mein Name ist Senff, sie kennen sicherlich meine Arbeiten“, Fries nickte, „hier neben mir sitzt der Herr Plankenreiter“, Maxim wies mit der flachen Hand auf die einzelnen Personen, „dann kommt Frau Jeckel, die Ihnen nachher noch etwas zu den allgemeinen Abläufen sagen wird.“ Frau Jeckel nickte grüßend und flüsterte einen unausgesprochenen Gruß, Senff machte längst weiter mit der Vorstellung: „Daneben ist Frau Attermann, die Gleichstellungsbeauftragte, dann der Herr Trudolf vom Personalrat und zuletzt Herr Doktor Fabricius von der Abteilung Baudenkmal.“ Die anderen rührten sich nicht einmal zu einer Geste.
Fries lenkte seinen Blick zurück auf Senff. Der grinste süffisant, als läge ein saftiges Steak vor ihm.
„So, Herr Doktor Fries, wir haben heute für Sie dreizehn Fragen vorbereitet, die wir gerne von Ihnen beantwortet hätten. Fangen wir am besten mit einer Frage an, mit deren Beantwortung Sie sich ein bisschen aufwärmen können. Stellen Sie sich doch bitte einfach mal kurz vor.“
Fries räusperte sich und begann: „Ja, also, äh, ich komme aus Norddeutschland, ich bin in Wesselburen geboren, habe bei der Bundeswehr, also bei der Marine meinen Wehrdienst abgeleistet und danach in Hamburg Archäologie studiert.“
„Archäologie?“, fragte Senff und kritzelte sich ein paar Hieroglyphen auf seine Unterlagen. Einige von den anderen kritzelten mit, Dr. Fabricius malte Männchen.
„Ja, äh, klassische Archäologie im Nebenfach. Im Hauptfach Vor- und Frühgeschichte, dazu noch Ethnologie. Ja, äh, dann habe ich in Hamburg auch promoviert, Thema der Doktorarbeit waren die Besonderheiten in der Bauweise emsländischer Megalithgräber.“
„Gut“, sagte Senff und meinte etwas anderes, „dann kommen wir gleich zur zweiten Frage: Können Sie die Ergebnisse ihrer Dissertation in einem Satz darstellen?“
Die Augen von Fries wurden einen kleinen Moment lang groß, das Blut sackte ihm kurz weg, er räusperte sich wieder, „Ja, ähem, da muss ich einen Moment meine Gedanken sammeln“, und schwieg. Alle kritzelten wie wild auf ihren Zettelchen.
„Ja, in meiner Untersuchung habe ich festgestellt, dass die emsländischen Megalithgräber sich in der Bauweise wesentlich von denen anderer Trichterbecherregionalgruppen wie in Schleswig-Holstein oder Mecklenburg-Vorpommern unterscheiden.“
Senff verstand kein Wort. Er schrieb wieder irgendetwas und fragte dazu abgelenkt: „Mecklenburg-Vorpommern. Sind Sie schon mal da gewesen? Kann man schön Urlaub machen.“
Fries wackelte unsicher mit dem Kopf und hauchte ein „nur kurz“ in die Runde.
„Gut“, machte Senff und fragte dann, „Wie sieht es denn mit den Strukturen der Denkmalpflegeämter aus? Welche kennen Sie?“
Fries stutzte erneut, ihm wurde zwar noch immer nicht recht klar, was diese Fragen sollte: „Meinen Sie, was es für Ämter gibt? Ja, da gibt es die Landesdenkmalpflegeämter“, er machte eine kleine Pause, „oder auch die Kulturbehörden.“ Dann wurde sein Blick fragend, er sagte: „Jedes Land hat sein eigenes Denkmalpflegeamt, zum Teil dann noch untergliedert in einzelne Bezirke, Landesteile oder Kreise“, und schaute in die Runde.
Senff unterbrach: „Bei welchem Denkmalpflegeamt haben Sie denn persönlich schon gearbeitet?“
„Oh, in Niedersachsen bei verschiedenen Kreisen, in Hamburg –“
„Also in Harburg?“, fragte Robert zwischen.
„Ja, genau, äh, dann in Nordrhein-Westfalen, also das heißt nur in Westfalen, und ein paar Mal noch in Hessen.“
„Arbeiten Sie lieber alleine oder lieber im Team?“, wollte Senff dann wissen.
„Natürlich kann ich jede Aufgabe alleine bewältigen, aber ich bin auch teamfähig und arbeite auch gerne im Team.“
Die meisten Leute gegenüber von Fries machten sich wild Notizen, für einen Moment herrschte ein gepresstes Schweigen. Senff genoss diese Ruhe für seinen Angriff.
„Welche Denkmalpflegegesetze kennen Sie denn, die die Pyramiden von Palenque schützen?“
Fries wurde wieder bleich. Er blickte die Gruppe an, die nach den Blicken zu schließen kein Mitleid mit ihm hatte. Nach kurzem Schweigen riet er mit einer fragenden Stimme: „Äh, Weltkulturerbe?“
„Richtig“, sagte Robert, „zu welcher Organisation gehört das denn?“
„Zur UNESCO“, sagte Dr. Fries dann.
„Was umschreibt dieses Gesetz denn?“, erkundigte sich Senff.
Nach einer kurzen geistigen Formulierungspause sagte Fries: „Das Gesetz schützt wichtige Fundplätze und kulturelle Güter in der Welt vor Verschandelung und Zerstörung.“
„Aha“, machte Senff und schmierte sich etwas auf sein Blättchen. Ohne Aufzublicken hakte er nach: „Kennen Sie denn ein deutsches Denkmal, dass unter dieses Denkmalpflegegesetz fällt?“
„Da fällt mir zum Beispiel Quedlinburg ein.“
„Wie sieht es denn da aus, was gibt es da?“
„Also, da ist die gesamte Altstadt Welterbe. Das sind der Bereich des Königshofs mit dem Schlossberg, die Kirchen und, äh, ja, der gesamte historische Altstadtbereich innerhalb der Stadtmauer einschließlich der Gassen und Plätze.“
„Stimmt, der Königshof“, machte Senff wichtigtuerisch. Er hatte keine Ahnung, wovon Fries sprach.
„Dann gibt es darin noch die Sankt-Servatius-Kirche, die Sankt-Marienkirche und, äh, die Sankt-Wipert-Kirche –“
Senff unterbrach kopfnickend: „Die ist nach dem heiligen –“
Den Rest des Satzes sprachen Senff und Fries zusammen: „– Wipert benannt.“
Dann redete Senff wieder allein: „Kennen Sie denn ein international bedeutsames Bodendenkmal hier in unserem Bundesland?“
Fries schaute eine Schrecksekunde stumm und erwiderte dann: „Die Alteburg.“
Senff beugte sich nun nach vorn auf den Tisch und lehnte mit beiden Ellbogen auf seinen Unterlagen. Eine Hand ruderte in der Luft, als er fragte: „Und? Was gibt es da?“
„Ja, die Alteburg ist ein bedeutsames Denkmal aus der Jungsteinzeit, es ist eine Wallanlage mit zahlreichen Hausgrundrissen und vor wenigen Jahren ist ein Brunnen ausgegraben worden, dessen Hölzer naturwissenschaftlich etwa in die Zeit 3000 vor unserer Zeitrechnung datieren.“
„Welche Wegweiser“, erkundigte sich Robert dann von der Seite, „kennen Sie denn noch zu Denkmalpflegegesetzen?“
Fries fragte nach: „Wegweiser? Ich glaube, ich verstehe die Frage nicht richtig, meinen Sie Literatur?“
Robert nickte schwach, ohne es als Bejahung zu meinen, die anderen glotzten in die Luft oder durch Fries hindurch.
„Vermutlich übers Internet“, sagte Fries unsicher mit einem leicht fragenden Unterton.
Dann übernahm Senff wieder mit einer gehetzten Frage: „Würden Sie eigentlich Werbung auf einem Bodendenkmal dulden?“
„Werbung?“ Fries dachte einen Augenblick nach, schüttelte dann den Kopf, „Nein, auf einem Bodendenkmal grundsätzlich eher nicht.“
„Wenn die Werbung als solche erlaubt wäre, unter welchen Voraussetzungen würden Sie sie denn auf einem Denkmal dulden?“
„Also höchstens unter der Voraussetzung, dass sie, äh, dezent und angemessen gestaltet ist und der Erlös der Werbung auch dem, äh, dem Denkmal zugute kommt, also seiner Erhaltung oder wenigstens Erforschung.“
Senff macht ein müdes „Aha!“ und fragte dann weiter: „Eine letzte Frage haben wir noch: Würden Sie Werbung für Bier auf einer Ausgrabung dulden, wenn die Firma die Ausgrabung finanziert?“
Fries schüttelte leicht den Kopf und meinte: „Ich glaube, das sähe ein bisschen seltsam aus, aber für die Finanzierung müsste man vielleicht ab und zu in den sauren Apfel beißen. Wahrscheinlich müsste man das dann im Einzelfall entscheiden.“
„Ja, Herr, äh“, Senff schaute absichtsvoll auf seine Unterlagen, um nach dem Namen zu schauen, „Herr Doktor Fries, ja, das war es schon, dann wird Ihnen die Frau Jeckel jetzt noch ein Informationen zu der Stelle geben.“ Dabei drehte Senff sein Gesicht zur Jeckel und hob müde die Hand, ohne wirklich auf die Frau zu zeigen. Der Bewerber schaute sie dagegen interessiert an und hörte ihr zu, wie sie ihm die sittenwidrigen Arbeitsbedingungen aufzählte, die dermaßen unverschämt waren, dass sich manches Institut weigerte, die Ausschreibungen dieses Herrn Dr. Senffs überhaupt auszuhängen.
Sie redete von unverschämt langen Arbeitszeiten, zu der überdies unbezahlte Überstunden unausweichlich waren, sie erzählte von einer Entlohnung, die es nicht wert war, diese Bezeichnung überhaupt zu tragen, sie sprach von Urlaubstagen, die kaum dazu reichten, auch nur die Wohnung zu verlassen. Fries lauschte, er wollte einfach arbeiten. Er träumte sich diese weitere Durststrecke als Sprungbrett in eine bessere Zukunft zurecht. Eine Zukunft, die alles andere als rosig war, aber immerhin ein bisschen die unsinnigen Strapazen und die hohle Mühsal der vergeudeten Jahre an einer deutschen Universität ausgleichen sollte.
Senff dagegen schwelgte in anderen Träumen. Ihn erinnerte die Szene an die Seminare, die er früher als Assistent gegeben hatte.
Er sah sich selbst als beliebter Dozent, hielt er sich doch tatsächlich für freundlich und zuvorkommend. Seine Seminare waren stets voll gewesen, was aber auch kaum überraschend war. Er war nämlich als Assistent dazu verdonnert, notwendig zu besuchende Proseminare für die Erst- und Zweitsemester anzubieten. Die Studenten konnten ihm gar nicht ausweichen. Jeder, wirklich jeder, der zu dieser Unzeit an dem Institut begann, die Grundweihen der Archäologie zu empfangen, musste die Seminare von Senff ertragen. Und das hätte Senff wissen müssen, er wollte es aber nicht wahrhaben.
In Wirklichkeit waren seine Seminare berüchtigt. Er gestaltete sie gelangweilt, desinteressiert und ohne jedes Ziel. Dem Aushang am Schwarzen Brett war zu entnehmen, dass als Teilnahmevoraussetzung die Lektüre einiger weniger unerreichbarer Fachbücher gefordert wurde. Natürlich wurden diese während des Seminars überhaupt nicht angesprochen. Nach der Verteilung von Referatsthemen ließ Senff die Sitzungen von den Studenten gestalten, indem sie ein Referat nach dem anderen hielten, die er weder näher besprach noch bewertete. Das bedeutete natürlich, dass auch die miserabelsten Referate noch unwidersprochen als Lehrveranstaltung durchgingen.
Manche Studenten bestritten ihre Referate daraus, dass sie sich auf einem Wust ungeordneter Blätter einzelne herauskopierte Absätze und Sätze aus Büchern zu dem jeweiligen Thema zusammengeklebt hatten, die sie im Seminar in zufälliger Reihenfolge herunterlasen. Andere verhedderten sich am Pult in einem Wust von ausgeklappten Falkplänen, um die Lage eines Fundplatzes zu zeigen, von dem sie nicht verstanden, warum er in der Literatur mal Grütztopf und mal Grützpott genannt wurde.
Als legendär galt im Insitut jedoch ein Vortrag, den jemand über das römische Pompeji halten sollte, und der noch viele Semester lang weitererzählt wurde. Der Referent verstand die moderne italienische Aussprache des heutigen Fundplatzes Pompei nicht und bezeichnete die Ortschaft mehrfach als [pompai]. Ungewöhnlich genug, dass Senff in diesem Falle tatsächlich einmal durchgriff und die Aussprache jedes Mal korrigierte, beharrte der Referent auch weiterhin darauf, den Stadtnamen deutsch auszusprechen. Natürlich hatte der Student ab sofort seinen Spitznamen weg und wurde von allen nur noch Pompei genannt.
Anfangs krümmte Senff sich während der Referate noch über seine Unterlagen und notierte sich den einen oder anderen Gedanken, der ihn beschäftigte. Später jedoch beherrschte er eine Technik, die es ihm ermöglichte, sich völlig aus der Veranstaltung auszuklinken. Ihm war es gelungen, einen Schlafrhythmus zu entwickeln, dessen Dauer genau die Länge eines Referates umfasste. Wenn die Referenten mit ihrem Vortrag begannen, schloss er die Augen, ließ seinen Kopf leicht nach vorn kippen und nickte ein. Etwa zu dem Zeitpunkt, wenn das Referat schließen sollte, wachte er wieder auf. Dieser kurze Moment genügte, so viel von dem Vorgetragenen mitzubekommen, dass er zuweilen eine Frage aus dem zuletzt gehörten Satz herleiten konnte, um mit dieser aufgeschnappten Information Detailwissen vorzutäuschen. Inhalt und Qualität der Referate waren dagegen unwichtig. Die Zeit musste lediglich sonor von einer Stimme ausgefüllt werden.
Wegen seiner geistigen Abwesenheit entgingen Senff natürlich nicht allein die Referate, er bemerkte auch nicht die Zerstreuungen, mit denen sich viele Studenten während des Seminars beschäftigten. Einige lasen Zeitung, andere pflügten durch die Welt der Schundliteratur, so wie Senff es als Student selbst getan hatte, und wenige nutzten die Zeit, um Referate oder Hausarbeiten für andere Veranstaltungen zu präparieren.
Zuweilen kam es natürlich vor, dass die Referate zu kurz geraten waren, und im Seminar nichts mehr zu tun war. Dann entließ Senff die Studenten gerne vorzeitig. Es sei so schönes Wetter, merkte er in solchen Momenten mit generösem Gesichtsausdruck an, da wollen Sie doch bestimmt lieber in die Cafete. Senff sagte diesen Satz bei jedem Wetter. Er fiel sogar so häufig, dass er bald ein geflügeltes Wort am Institut wurde, ohne dass der Urheber das bemerkte.
Angesichts der Gleichgültigkeit, mit der Senff den Referaten begegnete, verwundert es kaum, dass sie für die Leistungsbewertung der Seminarteilnehmer völlig unerheblich waren. Er bewertete die Seminarscheine ausschließlich nach dem Ergebnis der Klausur am Semesterende. Die war allerdings entgegen aller Erwartungen regelmäßig gepfeffert. Die Klausur bestand nämlich aus richtigen Fragen, zu Themen, die Senff im Proseminar nie behandeln ließ. Er hätte sie auch selbst kaum beantworten können, hätte er sie nicht einschließlich der korrekten Antworten von seinem Vorgänger übernommen. Natürlich gab es mehrere Versionen, aus denen er von Semester zu Semester auswählen konnte. Manche Studenten erfuhren zwar rechtzeitig von dieser Möglichkeit der Vorbereitung, viele rasselten jedoch auch beim ersten Versuch durch, weil sie den Fehler machten, von dem Seminar auf die Klausur zu schließen.
Frau Jeckel hatte ihren Vortrag inzwischen beendet und blickte wartend zu Senff, Frau Attermann räusperte sich bereits flau. Senff rüttelte sich zurück in das Konferenzzimmer.
„Gut“, sagte er, „dann haben wir nur noch eine Frage an Sie: Halten Sie Ihre Bewerbung aufrecht?“
„Unbedingt“, sagte Rüdiger Fries und wiederholte sich kopfnickend, „unbedingt!“
„Ja, dann können Sie ja jetzt gehen“, sagte Senff und stützte sich auf den Tisch, „auf Wiedersehen!“
„Ja, auf Wiedersehen“, erwiderte der über die Fragen noch immer leicht erschrockene Fries.
Frau Jeckel zuckte wortlos mit dem Mund, die anderen schauten nicht mal in die Richtung von Fries. Frau Attermann glotzte aus dem Fenster, Herr Trudolf blickte in die Richtung von Senff und Dr. Fabricius war weiter mit seinen gekritzelten Männchen beschäftigt. Ihn interessierte die gesamte Veranstaltung nicht.
Dr. Fries hatte inzwischen den Raum verlassen und die Tür hinter sich geschlossen, da sagte Senff: „Gut, damit sind wir mit den Kandidaten durch. Die Besprechung für die Stellenvergabe machen wir dann morgen Vormittag, den Termin haben sie sich hoffentlich alle vorgemerkt.“
Zu dem letzten Satz schaute er an Robert vorbei zu Trudolf, der gleich das Wort aufnahm: „Ja, Herr Direktor, ich wollte es schon angesprochen haben, das ist ja doch ungemein stressig –“
„Dann dürfen Sie sich für solche Tätigkeiten eben nicht melden!“, knurrte Senff und Trudolf schwieg.
Die Versammlung löste sich wieder auf, jeder griff sich seine Unterlagen und verdrückte sich. Nur Frau Jeckel blieb zurück und räumte die Tassen, den Kaffee und das Zubehör weg.