In demselben Jahr, in dem Senff sich von Krzysztof trennte, brach der Grabungsleiter auch einen großen Streit mit dem Baggerfahrer vom Zaun. Der Baggerfahrer hieß Harry und war Alkoholiker. Morgens kam er mit einem kräftigen Tremens angefahren, der sich wie von Geisterhand bis zur Frühstückspause gelegt hatte. Irgendwann fand ein Student in einem Graben hinter beiden Bauwagen eine stattliche Sammlung leerer Kornflaschen und löste so das Geheimnis von der täglichen Verwandlung Harrys. Dessen Doping war aber eigentlich nicht schlimm, denn wenn Harry so betankt war wie sein Bagger, dann baggerte er auf Wunsch jedes einzelne Sandkorn mit einer Präzision, die sonst kaum in einem Nanotechnologielabor erreicht wird. Weniger gut war nur, dass Senff eines Tages dahinterkam. Allerdings bemerkte er zuvor weder die tägliche Verwandlung Harrys noch dessen Schnapsflaschensammlung hinter den Bauwagen. Nein, eines Tages – im sü-dänn vom wäst-faalen-land – als Harry seinen zwanzigsten Hochzeitstag feierte – da liegt das schö-hö-ne sau-a-land – hörte Senff jemanden singen – ein land wo tau-sännt bärge schteen – Gesang, das bedeutete Musik, das bedeutete gute Laune – vonn wald bedeckt sint taal und hööhn – das durfte in Senffs Umgebung nicht sein – mein sau-a-lant wie piss-tu schööhn – er spurtete aus dem Bauwagen – mitt dei-nen täh-lann dei-nen hööhn – sprang zum Bagger – wool tau-sännt bär-ge zählt dein land – zerrte ohngeacht der eigenen Lebensgefahr – DER AUFENTHALT IM GEFAHRENBEREICH IST VERBOTEN! – Harry aus dem Baggerhaus – du pär-le im wäst-faalen-land – und wies den betrunkenen Harry von der Baustelle. Die restlichen sechs Wochen mussten die Studenten alle Erdbewegung mit Schaufel und Spaten und Muskeln leisten, und Senff merkte, dass ihn das nur noch mehr Geld sparte.
Dieser Tag gehörte zu einer kleinen Zahl von Tagen, an denen er einmal freiwillig seinen Bauwagen verließ. Das war ihm nämlich bereits im ersten Jahr vergällt worden. Damals hatte Senff einzelne Befunde in den Grabungsschnitten besichtigt und wollte zurück in den Chef-Bauwagen gehen, um brütendes Arbeiten über den Grabungsplänen vorzutäuschen. Kaum hatte er jedoch die Tür geöffnet und sich auf das Treppchen gestellt, da erstarrte er zur Salzsäule und stierte in den Wagen. Der Techniker bemerkte das und wunderte sich darüber, dass sein Vorgesetzter nicht einfach in den Wagen ging. Doch als Krzysztof dann die leichten Schwingungen bemerkte, die der Wagen machte, und sich so positionierte, dass er an Senff vorbei in den Bauwagen blicken konnte, entdeckte er des Rätsels Lösung. Maxim hatte ein Studentenpärchen dabei ertappt, wie es kleine Studenten machte. Offenbar vor Schreck war er wie erfroren und starrte auf den beharrten Vollmond, der sich mehr oder weniger rhythmisch vor und zurück bewegte. Fest blickten seine toten Augen auf den Studenten, dessen Hose in den Kniekehlen hing, wie der sich mit wiegenden Bewegungen seines nackten Hinterteils über die breitbeinig auf dem Kartentisch drapierte Studentin bückte. Erst nach einem ausgedehnten Moment hatte Maxim die Situation als solche wahrgenommen, bekam einen puterroten Kopf, machte auf dem Treppchen kehrt, schloss leise die Tür und schritt stumm auf die Grabungsfläche zurück. Krzysztof schaute Senff in die geistesabwesenden Augen und fragte schelmisch, ob er etwas vergessen hätte. Damit rief er den Leiter wieder in unsere Welt, und nun versuchte der entrüstete Maxim dem amüsierten Krzysztof drucksend zu erklären, was er gerade gesehen hatte. Als die beiden Studenten später den Wagen verließen, wartete Senff bereits auf die beiden, inzwischen hatte er sich auch eine passende Strafe ausgedacht. Kurzerhand hieß er sie den Abraum um fünf Meter nach rechts umzusetzen, ohne einen Grund zu benennen. Krzysztof genoss dagegen seine Rolle als lachender Vierter. Noch Jahre später lachte er lauthals, wenn er von Senffs Reaktion erzählt, der es nicht gewagt hatte, merklich in den Akt zu platzen, um an seinen Arbeitsplatz zu gelangen.
Ansonsten geriet Senff damals recht selten in peinliche Momente, er suchte unangenehme Situationen aber auch von vornherein zu vermeiden. So aß er beispielsweise niemals in Gesellschaft anderer mit Ausnahme seiner späteren Familie. Mancher behauptete, das läge an der paranoiden Grundangst, nicht gerne angesehen zu werden. Er selbst begründete es damit, dass ihm gemeinschaftliches Essen vorkam wie die Fütterung großer Viehherden, und dass er ja auch das Gegenteil nicht in Gesellschaft täte. Was immer es damit auf sich hatte, zu den Pausen zog er sich nicht nur in den Bauwagen zurück, sondern ließ auch niemanden herein. Später in seinem Amtssitz in dem Schlösschen mied er die Kantine der nebenan gelegenen Klinik. Stets verspeiste er Knifften in seinem Büro und beharrte vehement darauf, nicht gestört zu werden.
Wenn er nicht aß, war er dagegen von dem Gedanken fasziniert, von der Öffentlichkeit und besser noch von der Presse wahrgenommen zu werden. Viele Jahre lang gedachte er seines Debutauftrittes, als von irgendeinem verlorenen Spiel seines Schülerhandballteams berichtet wurde, an dem er maßgeblich beteiligt war. Ebenso verzeichnete die im Lokalblättchen seiner Heimatkleinstadt übliche Aufzählung der Abiturienten, die ihre Prüfungen bestanden hatten, einen stolzen Senff, Maxim. Eigentlich wollte er aber schon damals mehr. Er wollte aktiv in den Texten vorkommen. Er wollte als Person vorkommen.
Dazu war die Archäologie ein mehr als geeignetes Feld. Denn da man schon während der Ausbildung durch die unbekanntesten Dörfer und unbedeutendsten Flecken tingelt oder sogar in Gebieten arbeitet, in denen andere nicht einmal Urlaub machen möchten, gilt man überall schnell als örtliche Attraktion. Angesichts des Publikumszulaufs kann man eine blasse Ahnung davon bekommen, wie es vor 150 Jahren zugegangen sein muss, wenn ein Jahrmarkt, ein Zirkus oder ein Theater über das Land gezogen ist. Denn genau wie damals neigen Menschenansammlungen auch heutigentags noch dazu, sich von allein zu vergrößern und pfropfartig zu verklumpen. So sieht man sich als freundlicher und verantwortungsvoller Grabungsleiter zwangsläufig in der Situation, oft tagelang immergleiche Vorträge über das zu halten, was man eigentlich gerne machen möchte, oder man verteidigt seine Arbeit als kulturelle Notwendigkeit.
Kostenlose Vorträge und Menschenansammlungen ziehen ihrerseits wiederum bald die Reporter an wie der Honig die Fliegen. Zumal Archäologie sich in der Zeitung verkauft wie Tierkinder im Fernsehen: Sie zieht immer. Obwohl niemand dafür Geld ausgeben möchte, ist die deutliche Mehrheit der Bevölkerung von dieser Tätigkeit fasziniert. Wer das nicht glaubt, sollte sich bei der nächsten Party spaßeshalber Unbekannten gegenüber mal als Archäologe ausgeben. Sich mit der berichtenden, also der vierten Gewalt auseinanderzusetzen bleibt dem Archäologen daher selten unvermeidlich. Es krankt jedoch an der Qualität des Journalismus.
Jedes Regionalblättchen belästigt seine Umwelt mit unangenehmen, meistenteils breit ungebildeten Typen. Mal begegnet man einer aus der Hüfte fotografierenden Hausfrau, die nebenbei für die örtliche Kleinstadtzeitung kritzelt und einen Katastrophentext fabriziert, weil sie in der Redaktion ihre Notizen nicht wiederfindet – und diese Lösung des Rätsels bei einem späteren Treffen auch noch preisgibt. Oder man wird grundlos Tag für Tag von einem nervenaufreibenden Rentner behindert, der seit 50 Jahren für die Beilage der Beilage irgendeiner Dorfzeitung schreibt und mit der benachbarten Landtagsabgeordneten verheiratet ist. Sehr unschön können auch Gespräche mit einem gescheiterten Krisenherdsfotografen ablaufen, der in einer mehrstündigen Endlosschleife zu erklären versucht, dass nur gestellte Bilder wie echte Bilder aussehen.
So variabel Geschlecht und Alter dieser knipsenden Kobolde sind, ihnen allen ist doch meist gemein, dass ihr Bildungsstand selten an denjenigen 15-jähriger Hauptschüler heranreicht. Deswegen ist dem anzugehenden Archäologen unbedingt angeraten, Fachbegriffe selbst dann zu vermeiden, wenn sie ausführlich erklärt werden. Anderenfalls altert oder verjüngt sich nämlich jede Fundstelle auf dem Weg durch die Druckerpresse wie von Zauberhand um 2000 Jahre und sorgt im Nachhinein für Verwirrungen bei und Nachfragen von den Vorgesetzten. Denn obwohl alle das Spiel und seine unfairen Regeln kennen, gilt doch niemals das Reporterchen als Urheber, sondern die unfähige Öffentlichkeitsarbeit vor Ort. Dabei sei ausdrücklich betont, dass es für die Artikelgüte keine Rolle spielt, ob man von unbezahlten Hobby-Reportern interviewt wird, oder ob sich der Chefredakteur eines gemeinhin ehrwürdig angesehenen Politmagazins eines geschichtlichen Themas annimmt. Da die springerhaft erdichteten Archäologieaufmacher der Dr.-Müller-Heftchen niemals der Nachrichten- oder Wissensvermittlung dienen, sind ihre Mitarbeiter hinsichtlich der Bildung nicht in der Lage, sich stolz zurückzulehnen. Regelhaft demütigen oder vergewaltigen sie Thema, Forschung oder deutsche Sprache – manchmal gelingt diesen Tritonen der Dreiklang sogar innerhalb eines einzigen Absatzes.
Aber nicht allein die fragwürdigen Schreib- und Recherchierqualitäten erzeugen den dringenden Verdacht, hier dunkle Mächte am Werk zu glauben. Es ist darüber hinaus häufig zu beobachten, dass die schwatzhaften Skribenten ein untrügliches Talent für zielgenaue Störaktionen haben. Und diese Fähigkeit kollidiert wiederholt mit einer im Fach gebotenen Omertá. Die Archäologie ist sicherlich keine Geheimwissenschaft, lebt aber hierzulande davon, dass all die Sachen, die unversehrt im Boden liegen, auch noch eine weitere Zeit lang unausgegraben bleiben.
Die meisten Archäologen sind daher eher kritisch und verschweigen der Presse bessere Funde, so lange es irgend geht. Das tun sie, obwohl sie wissen, dass die Öffentlichkeit das Recht hat, zu erfahren, wofür Steuergelder ausgegeben werden. Allerdings ist ein kleiner Teil der Archäologen schlicht und ergreifend pressegeil. Niemand weiß, warum sie sich ausgerechnet die Archäologie ausgesucht haben, um ihr Ponem vor jede Kamera zu halten. Dabei erklären sie jeden noch so unansehnlichen und vor allem wissenschaftlich uninteressanten Keramikkrümel zur Sensation, die die Weltgeschichte umstülpt, da deren historischer Nabel plötzlich auf dem Acker von Bauer Uhl oder in den Fanggründen von Fischer Quaast liegt. Manche Spatenforscher schrecken dabei vor nichts zurück und drängen in Dialektsendungen der Regionalprogramme, obwohl sie das sprachliche Idiom der Region weder sprechen noch hörverstehen.
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Donnerstag, 25. Dezember 2008
Montag, 22. Dezember 2008
Kapitel 3.3
Noch mehr Streit verursachten allerdings bereits im ersten Jahr die Studenten, die in der Tat allermeist von Hirnlosigkeit angetrieben waren. Ihre Bewegungen auf der Grabung wirkten, als imitierten sie ein extrem vergrößertes Modell quantenphysikalischer Ereignisse innerhalb eines Teilchenbeschleunigers – allerdings erheblich verlangsamt. Krzysztof radebrach bereits am ersten Tag über sie, sie liefen auf der Grabung herum, „wie eine Herde verirrter Labyrinder.“
Sie waren völlig erstaunt gewesen, hier im südlichen Mittelgebirge körperliche Arbeit leisten zu müssen. Zuvor waren sie ernsthaft davon ausgegangen, je einen persönlichen Arbeiter an die Seite gestellt zu bekommen, um diesen zu kommandieren. Dass sie sich nun selbst mit Muskelschmalz betätigen mussten, erboste sie bereits am zweiten Tag so schwer, dass sie sich beschwerten, als Archäologen (!) mit einer Schaufel (!!) zu arbeiten!!! Ein Student namens Peter versteifte sich gar darin, später Sitzarchäologe zu werden. Er müsse also nicht seine Muskeln anwenden, um zu Erkenntnissen zu gelangen. Daher spazierte er so oft es während der Arbeitszeit möglich war, in den Wald. Er trainierte dort mit schweren Steinen Bi- und Trizeps, da er sehr wohl das Bedürfnis verspürte, ein athletisches Aussehen zu besitzen. Wenn Krzysztof diesen aufgrund seiner Kleidung auch „Top Gun“ bespitznamten Studenten mal wieder zur Grabung zerren musste oder sogar Diskussionen über die Zweckmäßigkeit körperlicher Arbeit aufkamen, diskutierte der Techniker jedoch nicht lang, sondern ermahnte die Studenten streng, dass sie noch viel zu lernen hätten und drohte nachhaltig mit der Nichtausstellung der Seminarscheine.
So legte sich die Haltung zur Arbeitsverweigerung irgendwann, bis den Studenten auffiel, dass nur noch die etwas füllige Katrin sich weigerte, die Schubkarre zu bedienen. Die Bösartigsten unter ihnen begannen nun damit ihr weiszumachen, dass es nicht allein den Seminarschein über die Lehrgrabung geben sollte, sondern dass auch eine Fahrerlaubnis für Schubkarren zu erwerben sei. Als Grund für die inzwischen häufigen Schubkarrenfahrten zum Abraum nannten sie das willkommene Training am Gerät für die am Ende der Grabung stattfindende Prüfung. Krzysztof hatte trotz seiner Sprachschwierigkeiten genug Humor, das üble Spiel mitzuspielen. Katrin wurde panisch und übernahm umgehend ihre Entsorgungspflichten. Wenn sie nun das einrädrige Gefährt auf dem Abraum hebelnd leerte, riefen die anderen Studenten ihr böse zu, die Karre gut zu leeren, damit sie auch ja das Häschen sehen könnte!
Eines Tages entdeckte Katrin auf dem Weg, über den jede Schubkarre in Neuweiler bugsiert werden musste, ein kleines Fuchshäuflein. Mit den Fußspitzen häufte sie eine kleine Staubpyramide auf das Exkrement und steckte als Hinweis auf die Gefahr ein fingerdickes Stöckchen in ihr Bauwerk. Jedem, der ihr über den Weg lief, schilderte sie fortan Horrorgeschichten über den gemeinen Fuchsbandwurm, der nur darauf wartete, von dem Häufchen einen Menschen anfallen zu können! Mit der Auffindung einer neuen Gefahrenquelle aus dem Reich der Tiere traf es Katrin besonders hart, weil sie ohnehin vom ersten Tag an von der Phobie besessen war, irgendwelche Keime könnten sie angreifen. Bei jeder Arbeit außerhalb der Baracken trug sie tagtäglich geblümte Gartenhandschuhe und nutzte darüber hinaus jede freie Minute, ihre Hände mit Desinfektionstüchern zu reinigen. Der Nutzen der Tücher lag auf der Hand, bereits nach wenigen Tagen pellte sich die Haut von den Handinnenflächen, so dass ihr jede Arbeit umso mehr verleidet wurde. Es waren jedoch nicht ihre rohfleischigen Hände, die sie in die Ohnmacht trieben, sondern eine ihrem Gekreisch nach „FÜNFMARKSTÜCKGROSSEZECKE!“, die sie auf ihrem linken Bein entdeckt haben wollte. Krzysztof und einige anwesende Studenten versicherten mir später, es habe sich um einen einfachen Weberknecht gehandelt. Daher konnte er es sich auch bedenkenlos ersparen, Katrin zu einem Arzt zu fahren, zumal er diesen Tort bereits hinter sich hatte.
Dafür hatte der täppische Top Gun gesorgt, der sich schon der ersten Woche beim Zusägen eines Balkens im Wortsinne beinahe umgebracht hatte. Die ungelenken und unzweckmäßigen Bewegungen hatten Krzysztof zwar belustigt, er hatte dennoch geflucht, keine Videokamera zur Hand zu haben. Bei Top Guns nächsten Aktion fluchte er dagegen, weil er mit ihm in die Notaufnahme rasen musste. Der Unmotoriker hatte das Unmögliche möglich gemacht und sein Antlitz mit Archäologens liebstem Werkzeug verstümmelt. Bei diesem Gerät handelte es sich nun nicht, wie der landläufigen Meinung durchs Fernsehen eingetrichtert wird, um Pinsel oder Zahnarztsonde, sondern um eine Kelle. Diese muss für den korrekten Arbeitseinsatz mit Raspel, Feile und Schleifstein an ihren Seiten gehörig angeschärft werden. Und mit einer solchen sehr, sehr scharfen Kelle war es Top Gun gelungen, von dem Stein einer antiken Feuerstelle abzugleiten, so dass sie in sein Gesicht glitt und ihm ein Stück seiner Nasenspitze abtrennte. Leider vermochte es der zuständige Arzt nicht, den leicht verdreckten Fleischkegel wieder anzunähen, daher muss Sitzarchäologe Peter sein Leben mit einem plattwulstig-vernarbten Gesichtsvorsprung verbringen.
So dämlich sich die Studenten auch anstellten, von einem weiteren Besuch der Notaufnahme wurde Krzysztof im ersten Jahr der Kampagne freundlicherweise verschont. Erst im Folgejahr zwang ihn Tilo, ein glatzköpfiger Student, der mehr an Halbedelsteinen interessiert war als an Archäologie, zu einer erneuten Visite der nächstliegenden Klinik. Tilo hatte abgesehen von seinen Augenbrauen bereits mit 26 Jahren kein Haar mehr auf dem Kopf und plärrte jedem die Ohren voll, der nicht schnell genug woanders hinlaufen konnte. Sein größtes Erlebnis war ein zweiwöchiger Trinidad-Urlaub gewesen, den er zum Steinesammeln genutzt hatte. Da er nun dort in Äquatornähe seiner Meinung nach an extreme UV-Strahlung gewöhnt war, weigerte sich der dürre Spiddel trotz der großen Sommerhitze, die in diesem Jahr in Neuweiler herrschte, seine Glatze mit irgendeiner Kopfbedeckung abzuschatten. Tilo ging sogar so weit, die Sonnenstrahlen allmorgendlich mit weit ausgebreiteten Armen zu begrüßen, offenen Auges in die güldene Scheibe zu blicken und die seltsame Anbetung mit der Rezitation eines kühn prononcierten vedischen Mantras zu würzen. Womöglich war dies bereits ein erster Eindruck des sich abzeichnenden Sonnenstichs, denn natürlich kam es, wie es kommen musste, und die Sonne verbrannte ihm die letzten Reste im und auf dem Kopf. Schon in der zweiten Woche konnte Tilo nachts nicht mehr schlafen, weil die Brandblasen auf Glatze und Ohren es ihm unmöglich machten, den Kopf niederzulegen. Der Arzt der Notaufnahme schrieb ihn zwei Wochen krank, und Senff tobte. Doch Tilo hatte auch nach den zwei Wochen mit Kopfverband nichts gelernt und verweigerte auch während der restlichen drei Wochen jeglichen Kopfschutz. Aber sonst wäre Tilo ja auch nicht Tilo gewesen.
Die ausgesprochene Dummheit aller anderen Studenten zeigte sich dagegen wenigstens nur darin, dass sie Fragen stellten, die jeder Sittich nach ausgiebiger Sprechperlentherapie hätten beantworten können. Und wenn man ihnen antwortete, nützte es nicht einmal etwas, mit ihnen zu sprechen, denn sie hörten nie zu und fragten wenige Minuten nach einem ausführlichen Vortrag genau nach den Dingen, die ihnen gerade lang und breit erklärt worden waren. Als typisches Beispiel führte Krzysztof mit Vorliebe einen Studenten an, den er nur die Made nannte. Ihren Kopf beschrieb der Techniker als kahlköpfig und faltig, die Hautfarbe nannte er „gletscherweiß, aber nicht so lebendig, eher wie Wachs.“
Die Made bearbeitete Stellen, die ausnahmsweise ausdrücklich mit dem Pinsel bearbeitet werden sollten, mit der Spitzhacke und griff zum Pinsel, wenn es darum ging, mit dem Spaten ein tiefes Loch anzulegen. Täglich belästigte sie Krzysztof durch das tausendfache Herantragen unansehnlicher, aber eindeutiger Steine, um sich zu erkundigen, ob es sich nicht vielleicht doch um Knochen handelt. Einen gloriosen Erfolg erreichte sie jedoch in der Kategorie „Erst nachdenken, dann fragen“, als sie Krzysztof mit ihren Überlegungen zur Entstehung antiker Siedlungsgruben nervte. Tagtäglich hatten die Studenten nun an diesen Befunden gearbeitet. Dennoch blinzelte die Made den Techniker eines Tages durch ihre Pilotensonnenbrille und fragte voller Wissensdurst, ob die Germanen erst Gruben gefüllt und danach den Lehm um die Gruben herum geschmiert hätten.
Krzysztof raufte sich die Haare und verweigerte die Antwort. Er hatte es aufgegeben, die Studenten mehr als das Nötigste zu lehren, zumal Senff als Dompteur ein Totalausfall war. Besonders in dieser Konstellation mit dem dümmsten Ausgrabungsleiter war mit den Studenten kein Krieg zu gewinnen. Geschweige denn ein Forschungspreis. Und selbst die wenigen denkenden Studenten merkten, dass Krzysztof der eigentliche Leidtragende war, wenn er von einer Studentengruppe zur anderen eilte, um die schlimmsten Zerstörungen zu vermeiden. Er war schlicht von zwei Seiten eingekeilt. Von oben trat der geistlose faule Senff, von unten drückten die desinteressierten Studenten – arbeitsscheu wie die Stirnersche Masse. Als Krzysztof das eingesehen hatte, verschlechterte sich die Stimmung auf dem Plateau um ein Vielfaches. Und dennoch ließ er sich ein zweites Jahr auf die Lehrgrabung ein, in dem dann aber auch endgültig Funkstille zwischen ihm und Senff eintrat. Das verdankte er dem Hinterträger Robert Plankenreiter, den es im achten Semester endlich auf seine erste Ausgrabung gezogen hatte, und der aus unbekannten Gründen von Senff fasziniert war.
Robert bekam eines schlechten Tages mit, als Krzysztof anderen Studenten gegenüber Neuweiler als eine ungeordnete Zirkusgrabung bezeichnete. Robert plankenritt schnellstmöglich zu dem Chef-Bauwagen, um Senff die Entwürdigung der Ausgrabung zu hinterbringen. Das war nun endlich der Beweis der Insubordination, die Senff stets bei Untergebenen suchte und die er nicht dulden konnte. Gerne hätte er Krzysztof sofort gekündigt, musste aber feststellen, dass das wegen des Vertrages nicht vor dem Ende der diesjährigen Kampagne möglich war. So lernte Senff für die Zukunft, nur noch sehr kurzfristige Verträge abzuschließen. Denn nur so war er in der Lage, Mitarbeiter innerhalb einer Woche loszuwerden. In Neuweiler musste er noch ein paar Wochen gute Miene zum verhassten Techniker machen. Er war jedoch unverschämt genug, den Personalwechsel für das kommende Jahr bereits einzuleiten, indem er Krzysztof umgehend befahl, Plankenreiter den Umgang mit Nivelliergerät und Totalstation zu lehren. So wurde Robert im Folgejahr Techniker, ohne zu ahnen, wie sehr sich diese Beförderung für sein weiteres Leben auszahlen würde. Als er auch im späteren Amt Senffs Stellvertreter wurde, konnte keiner die Gründe für diese Besetzung nachvollziehen. Seine fachlichen Fähigkeiten überzeugten jedenfalls niemanden außer Senff.
Sie waren völlig erstaunt gewesen, hier im südlichen Mittelgebirge körperliche Arbeit leisten zu müssen. Zuvor waren sie ernsthaft davon ausgegangen, je einen persönlichen Arbeiter an die Seite gestellt zu bekommen, um diesen zu kommandieren. Dass sie sich nun selbst mit Muskelschmalz betätigen mussten, erboste sie bereits am zweiten Tag so schwer, dass sie sich beschwerten, als Archäologen (!) mit einer Schaufel (!!) zu arbeiten!!! Ein Student namens Peter versteifte sich gar darin, später Sitzarchäologe zu werden. Er müsse also nicht seine Muskeln anwenden, um zu Erkenntnissen zu gelangen. Daher spazierte er so oft es während der Arbeitszeit möglich war, in den Wald. Er trainierte dort mit schweren Steinen Bi- und Trizeps, da er sehr wohl das Bedürfnis verspürte, ein athletisches Aussehen zu besitzen. Wenn Krzysztof diesen aufgrund seiner Kleidung auch „Top Gun“ bespitznamten Studenten mal wieder zur Grabung zerren musste oder sogar Diskussionen über die Zweckmäßigkeit körperlicher Arbeit aufkamen, diskutierte der Techniker jedoch nicht lang, sondern ermahnte die Studenten streng, dass sie noch viel zu lernen hätten und drohte nachhaltig mit der Nichtausstellung der Seminarscheine.
So legte sich die Haltung zur Arbeitsverweigerung irgendwann, bis den Studenten auffiel, dass nur noch die etwas füllige Katrin sich weigerte, die Schubkarre zu bedienen. Die Bösartigsten unter ihnen begannen nun damit ihr weiszumachen, dass es nicht allein den Seminarschein über die Lehrgrabung geben sollte, sondern dass auch eine Fahrerlaubnis für Schubkarren zu erwerben sei. Als Grund für die inzwischen häufigen Schubkarrenfahrten zum Abraum nannten sie das willkommene Training am Gerät für die am Ende der Grabung stattfindende Prüfung. Krzysztof hatte trotz seiner Sprachschwierigkeiten genug Humor, das üble Spiel mitzuspielen. Katrin wurde panisch und übernahm umgehend ihre Entsorgungspflichten. Wenn sie nun das einrädrige Gefährt auf dem Abraum hebelnd leerte, riefen die anderen Studenten ihr böse zu, die Karre gut zu leeren, damit sie auch ja das Häschen sehen könnte!
Eines Tages entdeckte Katrin auf dem Weg, über den jede Schubkarre in Neuweiler bugsiert werden musste, ein kleines Fuchshäuflein. Mit den Fußspitzen häufte sie eine kleine Staubpyramide auf das Exkrement und steckte als Hinweis auf die Gefahr ein fingerdickes Stöckchen in ihr Bauwerk. Jedem, der ihr über den Weg lief, schilderte sie fortan Horrorgeschichten über den gemeinen Fuchsbandwurm, der nur darauf wartete, von dem Häufchen einen Menschen anfallen zu können! Mit der Auffindung einer neuen Gefahrenquelle aus dem Reich der Tiere traf es Katrin besonders hart, weil sie ohnehin vom ersten Tag an von der Phobie besessen war, irgendwelche Keime könnten sie angreifen. Bei jeder Arbeit außerhalb der Baracken trug sie tagtäglich geblümte Gartenhandschuhe und nutzte darüber hinaus jede freie Minute, ihre Hände mit Desinfektionstüchern zu reinigen. Der Nutzen der Tücher lag auf der Hand, bereits nach wenigen Tagen pellte sich die Haut von den Handinnenflächen, so dass ihr jede Arbeit umso mehr verleidet wurde. Es waren jedoch nicht ihre rohfleischigen Hände, die sie in die Ohnmacht trieben, sondern eine ihrem Gekreisch nach „FÜNFMARKSTÜCKGROSSEZECKE!“, die sie auf ihrem linken Bein entdeckt haben wollte. Krzysztof und einige anwesende Studenten versicherten mir später, es habe sich um einen einfachen Weberknecht gehandelt. Daher konnte er es sich auch bedenkenlos ersparen, Katrin zu einem Arzt zu fahren, zumal er diesen Tort bereits hinter sich hatte.
Dafür hatte der täppische Top Gun gesorgt, der sich schon der ersten Woche beim Zusägen eines Balkens im Wortsinne beinahe umgebracht hatte. Die ungelenken und unzweckmäßigen Bewegungen hatten Krzysztof zwar belustigt, er hatte dennoch geflucht, keine Videokamera zur Hand zu haben. Bei Top Guns nächsten Aktion fluchte er dagegen, weil er mit ihm in die Notaufnahme rasen musste. Der Unmotoriker hatte das Unmögliche möglich gemacht und sein Antlitz mit Archäologens liebstem Werkzeug verstümmelt. Bei diesem Gerät handelte es sich nun nicht, wie der landläufigen Meinung durchs Fernsehen eingetrichtert wird, um Pinsel oder Zahnarztsonde, sondern um eine Kelle. Diese muss für den korrekten Arbeitseinsatz mit Raspel, Feile und Schleifstein an ihren Seiten gehörig angeschärft werden. Und mit einer solchen sehr, sehr scharfen Kelle war es Top Gun gelungen, von dem Stein einer antiken Feuerstelle abzugleiten, so dass sie in sein Gesicht glitt und ihm ein Stück seiner Nasenspitze abtrennte. Leider vermochte es der zuständige Arzt nicht, den leicht verdreckten Fleischkegel wieder anzunähen, daher muss Sitzarchäologe Peter sein Leben mit einem plattwulstig-vernarbten Gesichtsvorsprung verbringen.
So dämlich sich die Studenten auch anstellten, von einem weiteren Besuch der Notaufnahme wurde Krzysztof im ersten Jahr der Kampagne freundlicherweise verschont. Erst im Folgejahr zwang ihn Tilo, ein glatzköpfiger Student, der mehr an Halbedelsteinen interessiert war als an Archäologie, zu einer erneuten Visite der nächstliegenden Klinik. Tilo hatte abgesehen von seinen Augenbrauen bereits mit 26 Jahren kein Haar mehr auf dem Kopf und plärrte jedem die Ohren voll, der nicht schnell genug woanders hinlaufen konnte. Sein größtes Erlebnis war ein zweiwöchiger Trinidad-Urlaub gewesen, den er zum Steinesammeln genutzt hatte. Da er nun dort in Äquatornähe seiner Meinung nach an extreme UV-Strahlung gewöhnt war, weigerte sich der dürre Spiddel trotz der großen Sommerhitze, die in diesem Jahr in Neuweiler herrschte, seine Glatze mit irgendeiner Kopfbedeckung abzuschatten. Tilo ging sogar so weit, die Sonnenstrahlen allmorgendlich mit weit ausgebreiteten Armen zu begrüßen, offenen Auges in die güldene Scheibe zu blicken und die seltsame Anbetung mit der Rezitation eines kühn prononcierten vedischen Mantras zu würzen. Womöglich war dies bereits ein erster Eindruck des sich abzeichnenden Sonnenstichs, denn natürlich kam es, wie es kommen musste, und die Sonne verbrannte ihm die letzten Reste im und auf dem Kopf. Schon in der zweiten Woche konnte Tilo nachts nicht mehr schlafen, weil die Brandblasen auf Glatze und Ohren es ihm unmöglich machten, den Kopf niederzulegen. Der Arzt der Notaufnahme schrieb ihn zwei Wochen krank, und Senff tobte. Doch Tilo hatte auch nach den zwei Wochen mit Kopfverband nichts gelernt und verweigerte auch während der restlichen drei Wochen jeglichen Kopfschutz. Aber sonst wäre Tilo ja auch nicht Tilo gewesen.
Die ausgesprochene Dummheit aller anderen Studenten zeigte sich dagegen wenigstens nur darin, dass sie Fragen stellten, die jeder Sittich nach ausgiebiger Sprechperlentherapie hätten beantworten können. Und wenn man ihnen antwortete, nützte es nicht einmal etwas, mit ihnen zu sprechen, denn sie hörten nie zu und fragten wenige Minuten nach einem ausführlichen Vortrag genau nach den Dingen, die ihnen gerade lang und breit erklärt worden waren. Als typisches Beispiel führte Krzysztof mit Vorliebe einen Studenten an, den er nur die Made nannte. Ihren Kopf beschrieb der Techniker als kahlköpfig und faltig, die Hautfarbe nannte er „gletscherweiß, aber nicht so lebendig, eher wie Wachs.“
Die Made bearbeitete Stellen, die ausnahmsweise ausdrücklich mit dem Pinsel bearbeitet werden sollten, mit der Spitzhacke und griff zum Pinsel, wenn es darum ging, mit dem Spaten ein tiefes Loch anzulegen. Täglich belästigte sie Krzysztof durch das tausendfache Herantragen unansehnlicher, aber eindeutiger Steine, um sich zu erkundigen, ob es sich nicht vielleicht doch um Knochen handelt. Einen gloriosen Erfolg erreichte sie jedoch in der Kategorie „Erst nachdenken, dann fragen“, als sie Krzysztof mit ihren Überlegungen zur Entstehung antiker Siedlungsgruben nervte. Tagtäglich hatten die Studenten nun an diesen Befunden gearbeitet. Dennoch blinzelte die Made den Techniker eines Tages durch ihre Pilotensonnenbrille und fragte voller Wissensdurst, ob die Germanen erst Gruben gefüllt und danach den Lehm um die Gruben herum geschmiert hätten.
Krzysztof raufte sich die Haare und verweigerte die Antwort. Er hatte es aufgegeben, die Studenten mehr als das Nötigste zu lehren, zumal Senff als Dompteur ein Totalausfall war. Besonders in dieser Konstellation mit dem dümmsten Ausgrabungsleiter war mit den Studenten kein Krieg zu gewinnen. Geschweige denn ein Forschungspreis. Und selbst die wenigen denkenden Studenten merkten, dass Krzysztof der eigentliche Leidtragende war, wenn er von einer Studentengruppe zur anderen eilte, um die schlimmsten Zerstörungen zu vermeiden. Er war schlicht von zwei Seiten eingekeilt. Von oben trat der geistlose faule Senff, von unten drückten die desinteressierten Studenten – arbeitsscheu wie die Stirnersche Masse. Als Krzysztof das eingesehen hatte, verschlechterte sich die Stimmung auf dem Plateau um ein Vielfaches. Und dennoch ließ er sich ein zweites Jahr auf die Lehrgrabung ein, in dem dann aber auch endgültig Funkstille zwischen ihm und Senff eintrat. Das verdankte er dem Hinterträger Robert Plankenreiter, den es im achten Semester endlich auf seine erste Ausgrabung gezogen hatte, und der aus unbekannten Gründen von Senff fasziniert war.
Robert bekam eines schlechten Tages mit, als Krzysztof anderen Studenten gegenüber Neuweiler als eine ungeordnete Zirkusgrabung bezeichnete. Robert plankenritt schnellstmöglich zu dem Chef-Bauwagen, um Senff die Entwürdigung der Ausgrabung zu hinterbringen. Das war nun endlich der Beweis der Insubordination, die Senff stets bei Untergebenen suchte und die er nicht dulden konnte. Gerne hätte er Krzysztof sofort gekündigt, musste aber feststellen, dass das wegen des Vertrages nicht vor dem Ende der diesjährigen Kampagne möglich war. So lernte Senff für die Zukunft, nur noch sehr kurzfristige Verträge abzuschließen. Denn nur so war er in der Lage, Mitarbeiter innerhalb einer Woche loszuwerden. In Neuweiler musste er noch ein paar Wochen gute Miene zum verhassten Techniker machen. Er war jedoch unverschämt genug, den Personalwechsel für das kommende Jahr bereits einzuleiten, indem er Krzysztof umgehend befahl, Plankenreiter den Umgang mit Nivelliergerät und Totalstation zu lehren. So wurde Robert im Folgejahr Techniker, ohne zu ahnen, wie sehr sich diese Beförderung für sein weiteres Leben auszahlen würde. Als er auch im späteren Amt Senffs Stellvertreter wurde, konnte keiner die Gründe für diese Besetzung nachvollziehen. Seine fachlichen Fähigkeiten überzeugten jedenfalls niemanden außer Senff.
Samstag, 20. Dezember 2008
Kapitel 3.2
Im Gegensatz zu dieser beinahe fürstlichen Unterkunft waren die Studenten deutlich weniger komfortabel zwangsuntergebracht. Auf der Untersuchungsfläche standen zwei heruntergekommene wellblechbedachte Baracken, die der Bauer, dem die steinige Koppel gehörte, zwei Jahrzehnte zuvor als Regenunterstand für seine Kühe genutzt hatte. Erst kurz vor der Grabung erhielten sie mit ein paar Holzpaletten und vergammelten Bohlen eine vierte Wand. Die verschieden großen Baracken waren ungeschützt dem stetigen Wind ausgesetzt, der zwölf Monate im Jahr über die baumlose Hochfläche blies. Die größere Hütte wurde mit einer lädierten Feuersirene geschmückt, die Senff direkt nach der Wende durch eine ausrangierte, tellerförmige Sirene aus dem Katastrophenschutz ersetzen ließ. Das Signal der Sirene diente freundlicherweise nicht zum Anzeigen von Ausbruchsversuchen, sondern um die Pausen und den Feierabend zu vermelden. Interessanterweise störte die meisten Studenten weder die Lage der Baracken, noch deren ärmliche Ausstattung (eine Kochplatte für vierzig Leute, Gaskocher waren aufgrund der Feuergefahr auf dem Gelände ausdrücklich nicht gestattet). Nein, die meisten störte lediglich das Fehlen einer örtlichen Dusche. Dennoch ertrugen sie die Reise in eine Welt ohne fließendes Wassers, denn sie waren am Institut mit Lügen zu dieser Lehrgrabung gezwungen worden. Der Leiter der Proseminare machte ihnen nämlich jedes Jahr aufs Neue weis, dass sie erst nach der Teilnahme an einer Lehrgrabung auf echten Ausgrabungen arbeiten dürften. Natürlich leitete Senff diese Proseminare, die aus nichts anderem bestanden, als dass er die Studenten Referate über die obligatorische Einführung in die Vorgeschichte von Onkel Eggers vortragen lies. Er selbst wäre als Pseudo-Legastheniker dazu nicht einmal in der Lage gewesen.
Die perfide Abqualifizierung der Lehrgrabung als notwendige Bedingung für spätere Ausgrabungen wurde übrigens unverschämterweise von der Institutsleitung gedeckt. Lachhaft! Aber wenn man seine Schafe dumm hält, kann man sie eben besser schlachten. Daher waren also die Studenten davon überzeugt, auf die Teilnahmescheine angewiesen zu sein, und ertrugen wirklich jede Demütigung. Dabei waren sie während der Lehrgrabung nicht allein aufgrund ihrer Unterkunft eher schlecht bedient, sondern überhaupt einfachste Arbeitssklaven, deren Leben durch Zwang und Reglement gekennzeichnet war.
Das sehr steinige Plateau, auf dem die Ausgrabungsfläche selbst lag, war von einem abschreckenden Zaun umgeben. Stets hieß es, der Zaun rühre noch von der früheren Viehhaltung her. Aber wer hätte schon eine Rinderweide gesehen, die von einem mannshohen, dichten Maschenzaun umgeben ist, der wiederum von einem Stacheldraht gekrönt wird? Und im zweiten Jahr ließ Senff den bäuerlichen Stacheldraht sogar gegen echten Nato-Bandstacheldraht austauschen.
In den Jahren, in denen Senff die eingehegte Fläche als Kleinkönig beherrschte, wurden die Neuankömmlinge sofort nach ihrer Ankunft in zwei Arbeitsgruppen selektiert. Die Trennung der Studenten in zwei, mehr oder weniger verfeindete Gruppen war zweifelsohne am schlimmsten. Beiden wurden Farben zugewiesen, die in den nächsten sechs Wochen das Alleinstellungsmerkmal jeder Individualität übernahmen. Von der Leitung wurden die Studenten fortan nicht mehr länger bei ihrem Namen genannt, sondern mit „Du von der roten Gruppe“ oder „Du von den Blauen“ angesprochen. Das kam Senff vermutlich sehr gelegen, galt sein schlechtes Namensgedächtnis doch damals schon als legendär.
Um den sozialen Druck zu erhöhen, trugen sogar die Werkzeuge farbliche Kennzeichen. Jede Schaufel, jeder Spaten, jeder Kratzer, jede Kelle, jedes Stukkateureisen, jede Schubkarre und jeder Eimer waren mit je einem Farbpunkt versehen. Senff versuchte sogar den Eindruck zu erwecken, dass die Werkzeuge jeden Abend kontrolliert würden. Zu diesem Zweck wählte er zu Beginn einen Studenten als einen Vorarbeiter aus, der ihm abends ungefragt die Menge der Geräte melden musste. Die helleren Vorarbeiter merkten sehr bald, dass Senff die Zahlen weder kontrollierte, noch sie sich merkte oder gar der Mühe unterzog, sie zu notieren.
Das war auch ein Glück für die Teilnehmer, da Senff aufgrund seiner finanziellen Kompetenzen Art und Qualität der Gerätschaften bestimmte, angefangen vom Generator bis zum letzten Buntstift und Radiergummi. Er selbst hatte nicht mit dem Material zu arbeiten, daher kaufte er natürlich nur das billigste vom billigsten ein, so dass die meisten Werkzeuge in kürzester Zeit nicht mehr gebrauchsfähig waren. Das förderte einerseits zwar das Improvisationsgeschick der Teilnehmer, die auf diese Weise unfreiwillig lernten, noch unter widrigsten Umständen Werkzeuge zu reparieren oder sogar erst zu kreieren. Andererseits dezimierte sich das Material dadurch nahezu selbständig. Übrigens ist abgesehen von der relativ teuren Unterkunft, mit der Senff protzte, nicht sicher, was mit dem vielen Geld geschehen ist, dass er zur Verfügung gestellt bekommen hatte. Regelmäßige Unterschlagungen, die so mancher vermutete, konnte ihm allerdings niemand nachweisen.
Doch die Munkeleien um zweckentfremdete Gelder betrafen ihn nicht allein. In den ersten beiden Jahren stand ihm nämlich ein Grabungstechniker namens Krzysztof Wymek zur Seite, der den größten Teil der täglichen Leitungsarbeiten übernahm. Krzysztof hatte sein Archäologiestudium abgebrochen, galt jedoch zurecht als großartiger Ausgräber und war daher eigentlich der führende Kopf auf der Ausgrabung. Mitte der 80er Jahren war er aus Polen ausgebürgert worden, nachdem seine Frau beim Plakatekleben für Solidarność erwischt worden war. Als er später in Sachsen Ausgrabungen leitete, wurde er daher von manchem Ostalgiker beschimpft, er trüge die Schuld an dem Elend, in dem die Länder der ehemaligen DDR nun versanken, er hätte ihnen das alles eingebrockt! Das bedrückte Krzysztof sehr, zumal er aufgrund leichter Sprachschwierigkeiten oft nicht verstand, ob ein deutschsprachiger Gegenüber nun ernsthaft oder ironisch mit ihm sprach. Und weil er ein selten gutmütiger Bär war, rechtfertigte er sich damit, dass doch seine Frau die Plakate geklebt hatte!
Seine Herkunft verschaffte Krzysztof in Neuweiler dagegen eine relativ gute und vor allem günstige Unterkunft. Er war bei der Verwandtschaft von einem Bekannten untergekommen, die darauf bestand, aus Ostpreußen zu stammen. Von Hopfens, so hieß das ältere Paar, waren hoch erfreut, in ihrer Pension einen Gast aus „ihrer“ alten Heimat zu haben. Jeder Gast wurde bereits im Flur mit einem Foto begrüßt, das ein reich hakenkreuzbeflaggtes Häuschen in Masuren zeigte. Auf Nachfrage bekannten die Vertriebenen dann stolz, ihr Vater sei dort Bürgermeister gewesen. Aber natürlich hatten die Familie „nie was mit den Nazis zu tun gehabt.“ Anders als die anderen Gäste erhielt Krzysztof sogar die nächst höhere Behandlungsstufe, weil er sich nach jedem Feierabend zu Gesprächen im Wohnzimmer einfinden musste. Hier führten sie ihm zahlreiche Konvolute mit Familienfotos vor, um ihre eingebildeten Ansprüche zu unterstreichen. Doch so nervig diese ewig gestrigen und allabendlich gleichen Monologe der von Hopfens waren, verschafften sie Krzysztof doch wenigstens ein kleines Zubrot, da sie ihm gerne Quittungen über eine höhere Summe ausstellten, als er in Wirklichkeit für die Unterkunft zahlte.
Erstaunlicherweise kontrollierte Senff so etwas nicht, obwohl er zu Krzysztof keinen richtigen Draht finden konnte. Senff empfand es sehr unangenehm, dass Krzysztof ihm als Ausgrabungsleiter deutlich über war, und das von jedem außer Pickenpack zu erkennen war. Außerdem war Senffs in Neuweiler gewissermaßen fast asketischer Lebenswandel geradezu die Antithese zu Krzysztofs Dasein. Krzysztof war zwar kein Alkoholiker, aber er trank eben gerne einen über den Durst. Schon während seines Studiums klapperten gewöhnlich ein paar Glasflaschen in seinem Rucksack, die er im Laufe des Tages mit einem polnischen Kommilitonen leerte. Da beide an der Uni meist zusammen anzutreffen waren, hatten sie schnell den Spitznamen Lolek und Bolek erhalten. Aber auch während der Grabung in Neuweiler fuhr Krzysztof regelmäßig zu Jaques’ Weindepot, um seinen Kofferraum zu füllen. Nachts trank er schon einmal zwei Flaschen Wein, wenn er nicht schlafen konnte. Kam er dann morgens mit einem dornenzerkratzten Gesicht und zerrissenen Hosen zur Grabung, wusste noch der dümmste Student, dass Krzysztof im Suff wieder zur Autobahn hinter dem Haus der von Hopfens gewankt und dort in die Büsche gefallen war. An Tagen nach solch besonderen Eskapaden stritten Krzysztof und Maxim sich besonders heftig. Überhaupt stritten beide oft, seit bei der ersten Kampagne im Jahre 1988 der Versuch gescheitert war, ein Lackprofil zu erstellen.
Solche Lackprofile dienen der Erhaltung eines Bearbeitungsstandes auf einer Ausgrabung. Abgesehen von den meist großartig verkauften Funden interessieren den Archäologen wesentlich mehr die sogenannten Befunde. Dabei handelt es sich um Reste von Baustrukturen, Gräbern oder Gruben, die sich üblicherweise als hellere oder dunklere Verfärbungen im Boden abzeichnen. Zur Interpretation solcher Befunde ist es notwendig, möglichst viel Informationen über ihre Form, Tiefe und Verfüllung zu bekommen. Dazu werden die Befunde nach ihrer Freilegung zunächst von oben – im Planum – zeichnerisch aufgenommen. Um schließlich in Erfahrung zu bringen, wie die Befunde im Boden geformt sind, werden sie anschließend ein- oder mehrfach senkrecht geschnitten, so dass man Profilansichten erhält. Diese werden wiederum gezeichnet oder je nach Bedarf fotografiert. Die Königsdisziplin der Profildokumentation ist jedoch das sogenannte Lackprofil. Im Prinzip handelt es sich um eine Technik, eine Schicht des Befundes zu konservieren, indem man mehrere Lagen Lack auf ein Profil aufträgt, trocknet und abschließend ein Vlies aufklebt. Ist das Lackprofil gelungen, kann man es abziehen und erhält eine spiegelverkehrte Fassung des echten Profils. So funktioniert diese Technik zumindest in der Theorie. Meist kleben leider nur Teile der Profilerde am Lack, oder Steine fallen ab und müssen ständig nachgeklebt werden. Daher gibt es für die erfolgreiche Anlage eines Lackprofils ungefähr so viele Techniken wie Archäologen.
Nun ergab es sich bereits in dem ersten Jahr der Grabungskampagne völlig überraschend, dass sich ein tieferer Befund zur Erstellung eines Lackprofils anbot. Leider verstand Senff überhaupt nichts von er Materie, und auch Krzysztof hatte bislang nur wenig Erfahrung mit der notwendigen Technik. Ihr Problem war, dass die Lackschichten einfach nicht trocknen wollten. Der Abend rückte heran und sollte schwere Gewitterwolken mit sich bringen. Daher entschied Krzysztof mangels alternativer Brennstoffe kurzerhand, die Studenten einige Autoreifen vom nächstliegenden Silo stehlen zu lassen, und die Reifen vor dem Profil zu entzünden. Die runden Gummibriketts brannten, es stank, dunkle Wolken standen über Neuweiler und kaum eine halbe Stunde später stand auf der Grabung die örtliche freiwillige Feuerwehr, die über diesen Einsatz nicht wirklich erfreut war. Um einer Anzeige zu entgehen, war Senff quasi gezwungen, das nächste Feuerwehrfest aus der Grabungskasse in beachtlichem Ausmaß zu finanzieren.
Nach dieser Aktion waren Senff und Krzysztof sich gar nicht mehr grün. Dazu kulminierte noch Senffs sprachliches Unvermögen, die polnische Variante von Christoph korrekt auszusprechen. Stets war es irgendein unverständlicher Mix aus der deutschen und der polnischen Form, nie jedoch das eine oder das andere. Daher merkte Krzysztof oft nicht, wenn er angesprochen wurde, und Senff fühlte sich grundlos missachtet.
Die perfide Abqualifizierung der Lehrgrabung als notwendige Bedingung für spätere Ausgrabungen wurde übrigens unverschämterweise von der Institutsleitung gedeckt. Lachhaft! Aber wenn man seine Schafe dumm hält, kann man sie eben besser schlachten. Daher waren also die Studenten davon überzeugt, auf die Teilnahmescheine angewiesen zu sein, und ertrugen wirklich jede Demütigung. Dabei waren sie während der Lehrgrabung nicht allein aufgrund ihrer Unterkunft eher schlecht bedient, sondern überhaupt einfachste Arbeitssklaven, deren Leben durch Zwang und Reglement gekennzeichnet war.
Das sehr steinige Plateau, auf dem die Ausgrabungsfläche selbst lag, war von einem abschreckenden Zaun umgeben. Stets hieß es, der Zaun rühre noch von der früheren Viehhaltung her. Aber wer hätte schon eine Rinderweide gesehen, die von einem mannshohen, dichten Maschenzaun umgeben ist, der wiederum von einem Stacheldraht gekrönt wird? Und im zweiten Jahr ließ Senff den bäuerlichen Stacheldraht sogar gegen echten Nato-Bandstacheldraht austauschen.
In den Jahren, in denen Senff die eingehegte Fläche als Kleinkönig beherrschte, wurden die Neuankömmlinge sofort nach ihrer Ankunft in zwei Arbeitsgruppen selektiert. Die Trennung der Studenten in zwei, mehr oder weniger verfeindete Gruppen war zweifelsohne am schlimmsten. Beiden wurden Farben zugewiesen, die in den nächsten sechs Wochen das Alleinstellungsmerkmal jeder Individualität übernahmen. Von der Leitung wurden die Studenten fortan nicht mehr länger bei ihrem Namen genannt, sondern mit „Du von der roten Gruppe“ oder „Du von den Blauen“ angesprochen. Das kam Senff vermutlich sehr gelegen, galt sein schlechtes Namensgedächtnis doch damals schon als legendär.
Um den sozialen Druck zu erhöhen, trugen sogar die Werkzeuge farbliche Kennzeichen. Jede Schaufel, jeder Spaten, jeder Kratzer, jede Kelle, jedes Stukkateureisen, jede Schubkarre und jeder Eimer waren mit je einem Farbpunkt versehen. Senff versuchte sogar den Eindruck zu erwecken, dass die Werkzeuge jeden Abend kontrolliert würden. Zu diesem Zweck wählte er zu Beginn einen Studenten als einen Vorarbeiter aus, der ihm abends ungefragt die Menge der Geräte melden musste. Die helleren Vorarbeiter merkten sehr bald, dass Senff die Zahlen weder kontrollierte, noch sie sich merkte oder gar der Mühe unterzog, sie zu notieren.
Das war auch ein Glück für die Teilnehmer, da Senff aufgrund seiner finanziellen Kompetenzen Art und Qualität der Gerätschaften bestimmte, angefangen vom Generator bis zum letzten Buntstift und Radiergummi. Er selbst hatte nicht mit dem Material zu arbeiten, daher kaufte er natürlich nur das billigste vom billigsten ein, so dass die meisten Werkzeuge in kürzester Zeit nicht mehr gebrauchsfähig waren. Das förderte einerseits zwar das Improvisationsgeschick der Teilnehmer, die auf diese Weise unfreiwillig lernten, noch unter widrigsten Umständen Werkzeuge zu reparieren oder sogar erst zu kreieren. Andererseits dezimierte sich das Material dadurch nahezu selbständig. Übrigens ist abgesehen von der relativ teuren Unterkunft, mit der Senff protzte, nicht sicher, was mit dem vielen Geld geschehen ist, dass er zur Verfügung gestellt bekommen hatte. Regelmäßige Unterschlagungen, die so mancher vermutete, konnte ihm allerdings niemand nachweisen.
Doch die Munkeleien um zweckentfremdete Gelder betrafen ihn nicht allein. In den ersten beiden Jahren stand ihm nämlich ein Grabungstechniker namens Krzysztof Wymek zur Seite, der den größten Teil der täglichen Leitungsarbeiten übernahm. Krzysztof hatte sein Archäologiestudium abgebrochen, galt jedoch zurecht als großartiger Ausgräber und war daher eigentlich der führende Kopf auf der Ausgrabung. Mitte der 80er Jahren war er aus Polen ausgebürgert worden, nachdem seine Frau beim Plakatekleben für Solidarność erwischt worden war. Als er später in Sachsen Ausgrabungen leitete, wurde er daher von manchem Ostalgiker beschimpft, er trüge die Schuld an dem Elend, in dem die Länder der ehemaligen DDR nun versanken, er hätte ihnen das alles eingebrockt! Das bedrückte Krzysztof sehr, zumal er aufgrund leichter Sprachschwierigkeiten oft nicht verstand, ob ein deutschsprachiger Gegenüber nun ernsthaft oder ironisch mit ihm sprach. Und weil er ein selten gutmütiger Bär war, rechtfertigte er sich damit, dass doch seine Frau die Plakate geklebt hatte!
Seine Herkunft verschaffte Krzysztof in Neuweiler dagegen eine relativ gute und vor allem günstige Unterkunft. Er war bei der Verwandtschaft von einem Bekannten untergekommen, die darauf bestand, aus Ostpreußen zu stammen. Von Hopfens, so hieß das ältere Paar, waren hoch erfreut, in ihrer Pension einen Gast aus „ihrer“ alten Heimat zu haben. Jeder Gast wurde bereits im Flur mit einem Foto begrüßt, das ein reich hakenkreuzbeflaggtes Häuschen in Masuren zeigte. Auf Nachfrage bekannten die Vertriebenen dann stolz, ihr Vater sei dort Bürgermeister gewesen. Aber natürlich hatten die Familie „nie was mit den Nazis zu tun gehabt.“ Anders als die anderen Gäste erhielt Krzysztof sogar die nächst höhere Behandlungsstufe, weil er sich nach jedem Feierabend zu Gesprächen im Wohnzimmer einfinden musste. Hier führten sie ihm zahlreiche Konvolute mit Familienfotos vor, um ihre eingebildeten Ansprüche zu unterstreichen. Doch so nervig diese ewig gestrigen und allabendlich gleichen Monologe der von Hopfens waren, verschafften sie Krzysztof doch wenigstens ein kleines Zubrot, da sie ihm gerne Quittungen über eine höhere Summe ausstellten, als er in Wirklichkeit für die Unterkunft zahlte.
Erstaunlicherweise kontrollierte Senff so etwas nicht, obwohl er zu Krzysztof keinen richtigen Draht finden konnte. Senff empfand es sehr unangenehm, dass Krzysztof ihm als Ausgrabungsleiter deutlich über war, und das von jedem außer Pickenpack zu erkennen war. Außerdem war Senffs in Neuweiler gewissermaßen fast asketischer Lebenswandel geradezu die Antithese zu Krzysztofs Dasein. Krzysztof war zwar kein Alkoholiker, aber er trank eben gerne einen über den Durst. Schon während seines Studiums klapperten gewöhnlich ein paar Glasflaschen in seinem Rucksack, die er im Laufe des Tages mit einem polnischen Kommilitonen leerte. Da beide an der Uni meist zusammen anzutreffen waren, hatten sie schnell den Spitznamen Lolek und Bolek erhalten. Aber auch während der Grabung in Neuweiler fuhr Krzysztof regelmäßig zu Jaques’ Weindepot, um seinen Kofferraum zu füllen. Nachts trank er schon einmal zwei Flaschen Wein, wenn er nicht schlafen konnte. Kam er dann morgens mit einem dornenzerkratzten Gesicht und zerrissenen Hosen zur Grabung, wusste noch der dümmste Student, dass Krzysztof im Suff wieder zur Autobahn hinter dem Haus der von Hopfens gewankt und dort in die Büsche gefallen war. An Tagen nach solch besonderen Eskapaden stritten Krzysztof und Maxim sich besonders heftig. Überhaupt stritten beide oft, seit bei der ersten Kampagne im Jahre 1988 der Versuch gescheitert war, ein Lackprofil zu erstellen.
Solche Lackprofile dienen der Erhaltung eines Bearbeitungsstandes auf einer Ausgrabung. Abgesehen von den meist großartig verkauften Funden interessieren den Archäologen wesentlich mehr die sogenannten Befunde. Dabei handelt es sich um Reste von Baustrukturen, Gräbern oder Gruben, die sich üblicherweise als hellere oder dunklere Verfärbungen im Boden abzeichnen. Zur Interpretation solcher Befunde ist es notwendig, möglichst viel Informationen über ihre Form, Tiefe und Verfüllung zu bekommen. Dazu werden die Befunde nach ihrer Freilegung zunächst von oben – im Planum – zeichnerisch aufgenommen. Um schließlich in Erfahrung zu bringen, wie die Befunde im Boden geformt sind, werden sie anschließend ein- oder mehrfach senkrecht geschnitten, so dass man Profilansichten erhält. Diese werden wiederum gezeichnet oder je nach Bedarf fotografiert. Die Königsdisziplin der Profildokumentation ist jedoch das sogenannte Lackprofil. Im Prinzip handelt es sich um eine Technik, eine Schicht des Befundes zu konservieren, indem man mehrere Lagen Lack auf ein Profil aufträgt, trocknet und abschließend ein Vlies aufklebt. Ist das Lackprofil gelungen, kann man es abziehen und erhält eine spiegelverkehrte Fassung des echten Profils. So funktioniert diese Technik zumindest in der Theorie. Meist kleben leider nur Teile der Profilerde am Lack, oder Steine fallen ab und müssen ständig nachgeklebt werden. Daher gibt es für die erfolgreiche Anlage eines Lackprofils ungefähr so viele Techniken wie Archäologen.
Nun ergab es sich bereits in dem ersten Jahr der Grabungskampagne völlig überraschend, dass sich ein tieferer Befund zur Erstellung eines Lackprofils anbot. Leider verstand Senff überhaupt nichts von er Materie, und auch Krzysztof hatte bislang nur wenig Erfahrung mit der notwendigen Technik. Ihr Problem war, dass die Lackschichten einfach nicht trocknen wollten. Der Abend rückte heran und sollte schwere Gewitterwolken mit sich bringen. Daher entschied Krzysztof mangels alternativer Brennstoffe kurzerhand, die Studenten einige Autoreifen vom nächstliegenden Silo stehlen zu lassen, und die Reifen vor dem Profil zu entzünden. Die runden Gummibriketts brannten, es stank, dunkle Wolken standen über Neuweiler und kaum eine halbe Stunde später stand auf der Grabung die örtliche freiwillige Feuerwehr, die über diesen Einsatz nicht wirklich erfreut war. Um einer Anzeige zu entgehen, war Senff quasi gezwungen, das nächste Feuerwehrfest aus der Grabungskasse in beachtlichem Ausmaß zu finanzieren.
Nach dieser Aktion waren Senff und Krzysztof sich gar nicht mehr grün. Dazu kulminierte noch Senffs sprachliches Unvermögen, die polnische Variante von Christoph korrekt auszusprechen. Stets war es irgendein unverständlicher Mix aus der deutschen und der polnischen Form, nie jedoch das eine oder das andere. Daher merkte Krzysztof oft nicht, wenn er angesprochen wurde, und Senff fühlte sich grundlos missachtet.
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