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Freitag, 22. Mai 2009

Kapitel 12.3

„Nee, Mittow ist durch, ich bin sogar den Bericht schon los. War keine schöne Sache“, sagte ich zu Wieland, „war mehr ’ne politische Grabung.“
„So was hab ich schon gehört“, erwiderte er und wiederholte sich leise pustend, „hab ich schon gehört“, dann nippte er einen Schluck aus seinem Glas.
Nicht weit von uns begann bereits die Reihe der Wartenden, die zum Buffet führte. Irgendjemand in der Reihe erzählte lautstark einen platten Anstehwitz: „Kennt ihr den Unterschied zwischen einer Schlange auf der Autobahn und einer echten Schlange?“ Die Umstehenden blickten groß, dann verriet er: „Bei der Schlange ist das Arschloch hinten!“, und keuchte mit einer furchtbaren Amtslache. Seine dumpfe Umgebung röchelte verzweifelt mit, dann wandten sich alle wieder dem ersehnten Buffet zu.
Ich fragte mich selbst, was ich auf dieser Weihnachtsfeier überhaupt machte. Nach Mittow war mir klar gewesen, nicht mehr für dieses Amt arbeiten zu wollen. Längst hatte ich auch von einer anderen Stelle ein Angebot bekommen. Trotzdem hatte ich noch eine persönlich von Senff unterzeichnete Einladung erhalten und sie angenommen.
Ich mache mir nicht viel aus Stollen, erst recht nicht, wenn er mit Schinken belegt ist, daher nickte ich Wieland verabschiedend zu und ließ mich langsam durch die bellende Menge trudeln. Gesprächsfetzen drangen auf mich ein.
„– hatte heut ’nen freien Tag und hab fünf Stunden lang Holz gehackt, so lang arbeit ich hier sonst nie“, erklärte einer hinter mir.
Senff stand bei einem Studenten, der an derselben Uni studierte, wie Maxim, Robert, Wieland und ich. Ich kannte den Studenten kaum, wusste nur seinen einprägsam Nachnamen: Dante. Er hielt sich an einem Gläschen Sekt fest, Senff mauschelte mit ihm irgendetwas mit unkontrollierter Handgestik.
„– hätt’ nen Anzug anziehn solln“, flüsterte es an meiner Seite.
Dante schaute zu mir, während Senff noch auf ihn einredete, ich blickte zurück. In dem Moment war Senff offenbar fertig mit seinem Traktat, grinste Dante noch einmal diebisch an, erhob sein Glas und drehte sich dann weg, andere zu belästigen. Ich spazierte zu Dante hinüber.
„Grüß dich, du auch hier?“
„Ja, ich suche gerade ein Thema für die Abschlussarbeit“, erklärte er mir.
„Hat Senff dir eins angeboten?“, erkundigte ich mich.
Dante druckste herum: „Ja. – Du kennst doch den Thomas?“
Ich nickte: „Der sitzt hier an seiner Arbeit, stimmt’s? Irgendwas über die Eisenzeit, glaub ich.“
„Genau“, sagte er, „Senff hat mir gerade gesagt, dass der nie fertig wird. Er rechnet wohl damit, dass der bald abspringt, dann soll ich das Thema kriegen.“
Ich staunte und machte große Augen. Abschlussarbeiten entstehen in Ämtern meist nach dem Prinzip „Eine Hand wäscht die andere“. Studenten arbeiten für die Ämter gratis irgendwelche liegengebliebenen Sachen auf, bekommen dafür mehr oder weniger tolle Themen und manchmal auch einen Platz zum Arbeiten gestellt. Jemandem, der bereits eine gehörige Portion Zeit in die für das Amt kostenlose Bearbeitung eines Themas investiert hatte, hinterherzureden, er würde nie fertig werden, ist schon unfein genug. Dessen Thema aber noch während der Bearbeitung weiterzureichen, erschien mir selbst für Senff übermäßig unverschämt. Zumal ich von Thomas wusste, dass er wiederholt Besprechungstermine mit Senff ausgemacht hatte, die der nie einhielt.
Ich kann Unmut selten verbergen, daher schüttelte ich schwach den Kopf, erhob stumm grüßend mein Glas und murmelte: „Wir sehen uns.“
Dante nickte. Ich wusste, er hatte nicht gelogen. Das war mir trotz aller Überraschung klar. Ich hatte ihn ja eben mit Senff reden sehen. Außerdem denkt sich kein Student eine solche Geschichte aus.
Eine Frau vor mir kreischte: „– jaja, die Zimmerlinde vom Baudenkmal wollte mal was von der Welt sehen.“
Dann sah ich Wernher. Er unterhielt sich gerade fröhlich und mit weit ausholenden Bewegungen mit einem anderen Ehrenamtlichen. Ohne eigentlichen Plan ließ ich mich zu den beiden treiben, wahrscheinlich zog mich ihre entspannte Art an, die in dem Raum voll böser Zungen am ehrlichsten wirkte.
„Der hat sich Sachen jekooft, noch un nöcher, konnt det aber allet nich bezahln.“
„Nabend Wernher“, sagte ich.
„Mönsch, der Chef hier? Ick hab dich jar nich jesehn, na, det is ja fein. Kennste den Klaus?“
Ich schüttelte den Kopf, Wernher stellte uns kurz vor.
„Wo wa ick stehnjebliebn? Ick erzähl jrad von meim Nachban. Jut, also einet Tages kricht der son Schreibn aus’m Ausland. Damit kommta denn zu mir rüber und zeicht mir det. Hier kuck ma, Wernher, wat kann det denn sein? fracht er mich. Ick kuck ma den Brief an und seh sofort: Minsk. Da sarick: Pass ma uff, der is aus Weißrussland, sei da bloooß vorsichtich, du weest doch, von da kommt die Mafia her. Det sarick noch im Scherz, da kricht der richtich Muffensausen, öffnet aber den Umschlach janz vorsichtich und fischt mit zwee Fingern den Brief raus.“
Wernher hielt in der einen Hand ein Sektglas und in der anderen eine mit Schinken belegte Scheibe Stollen. Mit einer gewissenhaften Pantomime gelang es ihm, an der Schinkenscheibe das Brieföffnen vorzuführen.
„Denn faltet der det Briefchen auseinander und sieht: Hier – Inkasso-Unternehmen Sowieso aus Minsk, bitte zahln Sie Ihre Schulden bei dem und dem bis dann und dann. – Da wurd mein Nachba janz bleich und sachte nur: Ick muss ma wat erledijen und verschwand.“ Wernher lachte. „Der hat die Schuldn natürlich sofort bezahlt, weil der Muffensausen hatte. Aber später“, jetzt lachte er richtig, „hör ick, det det son Inkasso-Unternehmen aus Vorpommern is, det in Minsk nur ’ne Sekretärin beschäftigt, die nix andres macht, als die Briefe einzutüten und nach Deutschland zu schicken. Die meisten Leute fallen druff rein und sind so schissich, det die jleich die janze Penunse komplett uff den Tisch packen.“
Klaus und ich lachten, nach einer Pause fragte Wernher mich: „Haste einklich den Plankenreiter schonn jesehn?“
Ich dachte, zum Glück nicht, schüttelte dabei den Kopf und sagte: „Nein, aber der hat doch zu der halben Stelle jetzt ein Stipendium, um seine Diss endlich fertig zu schreiben.“
Plötzlich drehte sich jemand neben uns, den ich nicht kannte, in unsere Gruppe und meinte: „Der Robert hat Urlaub. Der ist in der Türkei und nimmt da an irgendwelchen internationalen Drachenwettkämpfen teil.“
„Drachenwettkämpfe?“, horchte ich auf und fragte noch: „Sollte der nicht lieber an seiner Diss sitzen?“, obwohl ich bereits wusste, dass Plankenreiter schon seit Jahren an der Diss hockte, ohne voranzukommen. Jeder ahnte, dass er nie fertig würde und viele ärgerten sich, dass ein weiteres Mal ein Stipendium an so jemanden gegangen war.
Ich wandte mich wieder Wernher zu: „Wieso suchste den denn?“
„Ach, ick arbeete doch jrad im Magazin“, erklärte er.
Ich hatte schon gehört, dass Wernher einer der Glücklichen war, die regelmäßig auch im Winter im Amt angestellt wurden. Gerüchtehalber soll das an dem Wertesystem Senffs gelegen haben, da Wernher den Vorteil hatte, Fan des „richtigen“ Fußballvereins zu sein. Jedem Außenstehenden wird die Verbindung dieser Komponenten völlig zusammenhanglos erscheinen. Für die von Senff eingestellten Beschäftigten hatten sie damals jedoch handfeste Konsequenzen.
In stärkerem Maße als Baumaßnahmen sind archäologische Ausgrabungen nämlich grundsätzlich von möglichst gutem Wetter und dem Jahresrhythmus der Landwirtschaft abhängig. Dadurch ergibt sich, dass auf Ausgrabungen in Mitteleuropa im Spätsommer sehr viele Leute benötigt werden, die im späten Winter nicht mehr bezahlt werden können. Spätestens ab August/September kommen also viele Arbeiter unter, die im Januar und Februar nicht mehr zu finanzieren sind. Dabei bleiben nach dem Ankauf erforderlicher Werkzeuge zumeist Restgelder von den Drittmitteln übrig, die im Anschluss an die eigentliche Untersuchung für die Nachbearbeitung der Funde genutzt werden. Diese Arbeit hinter den Kulissen wird natürlich so gut wie nie öffentlich wahrgenommen, so dass den unfreiwilligen Finanziers gewöhnlich die Einsicht zu deren Notwendigkeit fehlt. Daher sind die Mittel zumindest so knapp bemessen, dass sie selten reichen, um alle wünschenswerten Arbeiten durchzuführen oder auch nur die Mehrheit der im Sommer angestellten Arbeiter auch den Winter hindurch für das Waschen, Sortieren und Zeichnen der Funde zu entlohnen. Im Gegenteil kann sogar oft nur eine sehr kleine Anzahl von Leuten weiter beschäftigt werden, der Rest muss nach Hause gehen. Dabei vergammelt in Fundmagazinen genügend Fundmaterial, um alle Arbeitslose Deutschlands ein paar Jahre zu beschäftigen.
Bei den Arbeitern begann daher zum Ende der Grabungssaison stets das große Zittern, wer von Maxim noch über den Winter angestellt würde. Er machte es sich leicht, er entschied einfach danach, welchen Fußballverein der Einzelne präferierte. Kein Mensch weiß, wie er darauf gekommen ist, aber er quetschte die Angestellten von Anfang an nach ihrer Vorliebe in diesem Sport aus. Die richtige Antwort verschaffte Pluspunkte und einen relativ sicheren Vertrag über den gesamten Winter hinweg, die falsche Antwort sorgte dagegen für einen unbezahlten Extraurlaub. Nur ausgewiesene und bekennende Atheisten waren bei dem Popenbengel noch geringer angesehen als die Freunde des „falschen“ Vereins.
Wernher erklärte mir nun, warum er Robert suchte: „Weeßte, det Magazin untersteht zwa dem Herrn Dokta Senff“, seit der Beförderung nannte er ihn nur noch Herr Doktor, „aber Plankenreiter mänätscht det doch eijentlich. Un nu wollt ick den wat fraagn.“
„Wie läuft das denn so im Magazin?“, erkundigte ich mich neugierig und Wernher machte ein Gesicht, als jongliere er mit heißen Kartoffeln. Dazu wackelte er mit dem Oberkörper.
„Ma so, ma so“, er wurde so leise, dass das nachbarliche Geplapper seine Stimme so weit übertönte, dass die Umstehenden es schon nicht mehr verstehen konnten. Ich beugte mich zu ihm und hörte: „Det bricht allet zusamm. Ick hab ja letztet Jahr schon im Magazin jearbeit’t, aber nu is det det reinste Chaos. Du kennss doch diese Schienenrejale?“ Ich nickte. „Da fällt ständich wat runter, und keener kricht Zeit, da ma uffzuräum. Überall liecht da der Leichenbrand rum und verteilt sich immer weiter. Der Klaus hier hat mir jestern ’ne Ecke jezeicht, da schimmeln Steinbeile, det war letztet Jahr noch nich.“
„Steinbeile?“, fragte ich nach, und nicht einmal besonders leise. Deshalb versuchte Wernher mit beiden Händen meine Stimme zu dämpfen. Klaus stand wie unbeteiligt neben uns, in seinem Blick mischte sich nervöse Skepsis mit leichter Angst.
„Ja, op de det jlobst oder nich, da schimmeln Steinbeile. So Dinger aus Porfür. Un det sin Form’, die hat noch keen Mensch nich jesehn.“
Mit großen Augen schüttelte ich den Kopf.
„Und andere Form’ ham wa hochpoliert da liegn, da könnste ein’ mit totschlagn. Der ganze Schrott, von dem keener den Fundort nich kennt. Die müssten wa einklich in den Burggrabn kippn, so viel ham wa davon.“
Ich grinste über die Idee, warnte aber gleich: „Da musst du aber aufpassen. Ein Techniker hat mir mal von einem Steinbeildepot erzählt, das sich nach Gesprächen mit den Grundstücksbesitzern als Müllgrube erwies, in die die Erben Opas Sammlung entsorgt haben.“
„Ick weeß“, lächelte jetzt auch Wernher, „ick weeß. Bei mir im Ort is doch son Jutshof. Da ham die Russen fümmenvierzich die Sammlung vom Junker jeplündert und uff dem Feld verteilt. Die Bauern von der LPGe sind jedet Jahr zum Denkmalpfleger und ham die Beile vorbeijebracht. Der frachte nur noch, haste det da und da her? Ja, nickten die, denn wusste der schonn, det det zu der Sammlung jehörte.“
Ich lachte, Klaus auch. Neben uns zog eine Frau erstaunlich laut über die Weihnachtsfeierkluft einer entfernt stehenden Sekretärin her: „Das rosa Ensemble ist ja auch unglaublich.“
Die Pointe in Wernhers Geschichte erinnerte mich an einen sehr bekannten Experimentalarchäologen, der in der Nähe des Instituts arbeitete, an dem ich studiert hatte. Regelmäßig suchte er eine bestimmte Stelle auf, an denen er seine Steingeräte schlug, um die dann andernorts vorzuführen. Spaziergänger, die an dem Werkplatz vorbeikamen, sammelten aber genauso regelmäßig die Reste auf, die beim Schlagen eben anfallen und immer liegen bleiben. Daher war im zuständigen Bodendenkmalpflegeamt stets ein großes Hallo, wenn wieder jemand die Mitarbeiter mit einem Haufen modernem Steinschrott belästigte. Selbstverständlich waren sie gezwungen, das Material erst einmal anzunehmen, denn wie sollte dem Laien verständlich gemacht werden, was diese Funde von alten Abschlägen unterscheidet? Im eigentlichen Sinne sind die modernen Exemplare ja genauso echt wie alte Fundstücke, sie sind nur nicht so alt.
Bevor ich diese Geschichte erzählen konnte, machten Wernher und Klaus jedoch auffallend freundliche Augen und starrten an mir vorbei. Während ich in Gedanken an den Experimentalarchäologen versunken war, hatte sich jemand hinter mir aufgebaut, der offenbar mit mir reden wollte. Ich ahnte, wer da hinter mir stand und drehte mich vorsichtig um. Klaus und Wernher grüßten ihn unterwürfig: „Juten Abend, Herr Dokta.“
„Guten Abend“, flötete Maxim die beiden sanft an. Er wandte sich mir zu und zog mich aus dem Gesprächstrio heraus.
„Ich freu mich, dass du gekommen bist.“
„Ja, warum nicht?“, fragte ich, als ich mein Glas grüßend in die Luft hob. Den Bruchteil eines Augenblicks erwartete ich, dass er Mittow anspräche, wischte den Gedanken aber schnell weg, weil es Senffs angeborenen Scheinfreundlichkeit zuwidergelaufen wäre, Probleme direkt anzusprechen.
Seine matten Augen funkelnden blass, dann fragte er: „Was machst du zurzeit?“
„Och, dies und das“, druckste ich herum, „demnächst habe ich aber wohl ein längeres Projekt von Markus in Aussicht.“
Das war ein gezielter Schlag unter Maxims Gürtellinie. Ich wusste, dass Markus und er nach einem früheren Disput Todfeinde waren, die mit mir in denselben fachlichen Fanggründen fischten. Deswegen hatte Markus mir das Projekt auch angeboten. Und ich war so gehässig, Senff diese Verbindung auf die Nase zu reiben. Ich bin nun einmal nachtragend.
Senff mochte kalt sein, aber er war nicht abgebrüht genug, bei der Erwähnung dieses Namens nicht große Augen machen zu müssen: „Bei Markus?“, fragte er, „Ich glaube, da kann ich dir etwas Besseres besorgen. Nächste Woche muss ich zu Pickenpack ins Institut, der sagte neulich etwas von einem DFG-Projekt. Soll ich ihn mal fragen?“
Ich nickte stumm, obwohl ich bereits ahnte, dass es nichts werden würde. Dafür waren die Beziehung des Kümmerlings nicht ausreichend genug. Ich sollte übrigens recht behalten.
Von der Seite quakte jemand Senff an: „Wie geht’s eigentlich dem Doktor Abel?“
Senff fixierte mich noch für einen Moment und drehte sein Gesicht erst im Laufe der Antwort zu dem mir unbekannten Fragesteller: „Doktor Abel ist tot, der ist vor einem Monat gestorben. Hirnschlag.“
„Tot?“, fragte der Gegenüber, „Mein Gott, das lässt einen ja grübeln. Die Einschläge kommen immer näher.“
Senff kehrte sich nun vollends zu diesem neuen Gesprächspartner und unterhielt sich mit ihm, meine Audienz beim stellvertretenden Direktor war beendet.

Samstag, 9. Mai 2009

Kapitel 12.1

„Sehr geehrter Herr Direktor, geehrte Damen und Herren, liebe Mitarbeiter und ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger. Ich möchte Sie alle heute zu dieser kleinen Weihnachtsfeier begrüßen, zu der wir in der ehemaligen Kapelle unseres Amtsgebäudes zusammengekommen sind. Wie alle wissen, war es ein aufregendes Jahr. Es war ein aufregendes Jahr vor allem für mich, nachdem ich den Vampir von Krützin entdeckt und ausgegraben habe. Selbstverständlich – und das wissen alle – war es nicht nur mein Verdienst, diesen Jahrhundertfund ausfindig gemacht zu haben. Daher möchte ich diese Gelegenheit nutzen, mich für die durchaus kompetente Assistenz von Herrn Kellerman bedanken, der mir die Arbeitskraft seines Grabungsteams auf Wunsch zur Verfügung stellte. Die Presse, die der Bodendenkmalpflege oft nicht wohlgesinnt ist, wie jeder hier weiß, hat die Entdeckung, die ich für dieses Haus gemacht habe, entsprechend zu würdigen gewusst. Und das geschah nicht zur Unzeit. Es ist wohl niemand hier in der Kapelle, der nicht weiß, wie problematisch die Finanzlage des Landes ist. Und alle haben auf die eine oder andere Weise spüren müssen, dass auch dieses Amt seinen Anteil zur Konsolidierung des maroden Haushaltes beitragen muss, den uns die SED hinterlassen hat. Zum Beispiel war es nicht zu verhindern, einige Abteilungen zusammenzulegen. Deshalb konnten wir natürlich auch nicht alle Bezirksarchäologen und ihre Referate weiter unterhalten. Doch dank meiner Entdeckung des Vampirs war es dem hochverehrten Herrn Direktor zumindest möglich, das Kultusministerium davon zu überzeugen, im Haus mehrere Referatsstellen durch eine neue Generation Archäologen zu besetzen, die – wie der Zufall so spielt – alle dieselbe Alma Mater haben wie ich. Die meisten werden die vier schon kennengelernt haben, Herr Plankenreiter zum Beispiel steht da hinten. Robert, zeig dich mal! Mit diesen neuen Mitarbeitern ist es uns in einer Vielzahl von Fällen wiederholt gelungen, das Beste aus den beschränkten Mitteln herauszuholen, die uns zur Verfügung standen. Schließlich wissen wir alle, dass die Pflege der Denkmäler, die sinnstiftend für Regionen und Länder sind, unbedingt notwendig ist. Da archäologische Denkmäler der Öffentlichkeit deutlich weniger ins Auge fallen als zum Beispiel Bau- oder Kunstdenkmäler, ist es für mich, und ich glaube, ich spreche auch damit dem werten Herrn Direktor aus der Seele, eine Selbstverständlichkeit, dass die Wertigkeit von Bodendenkmälern höher einzuschätzen ist. Nun habe ich aber genug der Worte gewechselt. Ich möchte kurz erwähnen, dass die Aufgabe, die Weihnachtsstollen zu schneiden, mit Butter zu beschmieren und mit Thüringer Schinken zu belegen, auch dieses Jahr wieder Frau Hinkemeier von der Abteilung Kunst übernommen hat. Hiermit ist das Buffet eröffnet.“
Das Jahr, in dem ich das erste und das letzte Mal für dieses Amt gearbeitet hatte, das Senff mittlerweile als stellvertretender Direktor mit leitete, war schnell umgegangen. Die Zuhörer, die sich in der kleinen, ehemaligen Kapelle des Amtsschlösschens drängten, wuselten jetzt in zwei Teilen entweder zu dem Buffet oder zu den Getränken. Ein unglaubliches Sprechwirrwarr setzte ein. Die kirchliche Akustik war nur wenig für Unterhaltungen geeignet, was aber aus irgendeinem Grunde kaum jemanden störte.
Senff hatte es in diesem Jahr geschafft. Nach seinen früheren Trickserein hatte er sich nun in die Forschungsgeschichte geschrieben. Es wussten eben die wenigsten, dass er sich den „Vampir“ nicht nur auf die eigene Fahne geschrieben hatte, sondern ihn erst erschaffen hatte. Und denen, die es wussten, wäre kein Glauben geschenkt worden. Senff hatte aus der Manipulierung des Befundes und seiner Vermarktung den größtmöglichen Gewinn gezogen. Mehrere Wochen lang war in der örtlichen Presse und selbst bei den größeren Landkreiszeitungen täglich irgendetwas über das Grab zu lesen gewesen. Konnte Senff sonst nur wenig, so wusste er doch zumindest auf der Klaviatur der Journalisten zu spielen. Die dafür nötige Gabe hatte er inzwischen bis zur Perfektion entwickelt. Immer gab er nur kleinste Häppchen an Informationen heraus, gerade so viel, dass es interessant genug war, um eine kleine Sensationsmeldung zu drucken. Niemals verriet er aber mehr als unbedingt nötig war, so dass er stets noch weitere Informationen aus der Restaurierung oder der Literatur in der Hinterhand hatte, die er am nächsten Tag oder in der Folgewoche ausspielen konnte. Nur selten musste auch einmal größeres Geschütz aufgefahren werden, dann schafften es „seine“ Funde aber auch schon bis in die bundesweiten Presseagenturen.
Neben mir hörte ich ein „Die hat ’nen ganz komplizierten Bruch, acht Wochen im Krankenhaus, sag ich dir!“ Dann sah ich Wieland. Er stand an eine der niedrigen eckigen Säulen gelehnt und hielt gelangweilt ein Sektglas in der Hand. Er trank an diesem Abend nur Orangensaft, weil er noch fahren musste. Stier und niedergeschlagen blickte er vor sich. Als hätte der Ablauf des Überfalls im Sommer nicht gereicht, musste er sich an diesem Abend ein weiteres Mal von Senff demütigen lassen. Ich ging zu ihm und begrüßte ihn. Seit Krützin hatte ich ihn kaum mehr zu Gesicht bekommen, meist nur kurz auf dem Parkplatz des Amtes, wo wir nie die Zeit gefunden hatten, uns zu unterhalten.
„Nabend Wieland“, sagte ich.
„Schönen Abend“, blies er bemüht.
Um uns herum plapperte es. Aus Richtung des Buffets war zu hören: „Immerhin haben wir uns schon bis zur Säule vorgearbeitet, da ist es nicht mehr weit zum Stollen!“ Es folgte vereinzeltes Lachen.
Durch den umgebenden Lärm fühlte ich mich mutig und sprach leise: „Was für eine miese Rede. Und dann ist der Esel nicht mal in der Lage, frei zu sprechen.“
„Ja, ich weiß“, antwortete Wieland, als führte er ein anderes Gespräch.
„Stimmt es, dass du die Hafenanlagen bei – äh?“
„Ja, stimmt, den ganzen Tag in der Matsche stehen. Und es gibt nur zermatschte Hölzer. Das reicht nicht mal für ’ne Dendroprobe.“
Senff steuerte auf uns zu und an uns vorbei. Zum Glück verzog er sein hinterhältiges Gesicht lediglich zu einem dreist verlogenen Grinsegruß, wir mussten ihm nicht einmal die Hand geben, weil er auf den Direktor zusteuerte, mit dem er anstoßen wollte. Wir bleckten ebenfalls nur kurz die Zähne, sprachen nicht mal einen richtiges Gruß aus, sondern eher ein müde gehauchtes „Jaja“ und ließen ihn vorbeidrängeln.
Als er an uns vorbei war, fragte Wieland: „Und du? Bist du noch in Mittow?“
„Bei dem Bau für das Schweine-KZ?“, fragte ich. „Nee, das ist zum Glück durch!“

Donnerstag, 30. April 2009

Kapitel 11.6

Der Weg zu Wielands Grabung führte von einem Feldweg durch eine etwa einen Kilometer lange und sehr enge Schneise, die der Bauer im Rapsfeld freigelassen hatte, damit die Fundstelle erreichbar blieb. Noch bevor wir bei den Bauwagen ankamen, sahen wir, dass Senffs Wagen bereits an den Bauwagen stand.
„Da hätte Wieland nur noch einen Moment warten müssen“, sagte ich wie beiläufig und Wernher bemerkte „Kiek ma an! Der Plankenreiter is ooch da!“ Ich parkte den vom Raps gelb gepuderten Dienstwagen, dann stiegen wir alle aus. Meine Arbeiter begrüßten das Team von Wieland, das bei unserer Ankunft auf der Grabung verteilt herumstand. Sie waren sichtlich nicht beschäftigt, schienen aber nicht bei Senff stehen zu wollen. Als ich zu Senff ging, kamen mir erst Wernher, Dieter und Jan nach, dahinter folgten uns Wielands Arbeiter.
Auf mehrere Meter Entfernung sah ich Senff und Plankenreiter an einem Ende eines großen L-förmigen Schnittes knieen, wo sie andächtig im Dreck mit Kellen herumwühlten.
„Hallo Maxim!“, sagte ich, und: „Hallo Robert!“ Beide schauten kurz auf und erwiderten einen stummen Gruß, dann bastelten sie an dem Grab wieder mit einem Gesichtsausdruck herum, wie ihn dreijährige Kinder haben, wenn sie im Sandkasten Matschkuchen backen oder Sandburgen bauen.
„Wieland war eben bei mir“, erklärte ich, „der hat schon auf dich gewartet. Jetzt ist er wahrscheinlich in der LPG, um dich im Amt anzurufen.“
„Jaja. Jetzt bin ich ja hier.“
Ich kam näher und sah, dass sie dabei waren, einzelne Funde mit den Kellen im Dreck zu fixieren. Maxim wurstelte an den Resten von Eisenringen eines Holzeimers herum, die in Kränzen um den Totenschädel lagen. Robert steckte die verrosteten Reste eines Saxes zwischen den Rippen des Toten fest.
Vorsichtig fragte ich: „Äh, habt ihr das so gefunden?“
„Jaja“, sprang Adlatus Robert sofort ein, „das war nur gerade ein wenig umgekippt.“
„Der Eimer war über dem Kopf?“
„Ja, da wollte jemand seinen Kopf malträtieren.“
„Und der Sax?“, fragte ich noch vorsichtiger mit einem zweifelnden Unterton.
„Der ist damit wie gepfählt worden. Zwischen die Rippen. Genau ins Herz. Wahrscheinlich haben sie ihn für einen Vampir gehalten.“ Ich bin mir sicher, dass mein Gesicht in diesem Moment einen überaus erstaunten Ausdruck angenommen haben muss.
Inzwischen bildeten meine und Wielands Arbeiter mit mir einen Halbkreis um die beiden. Keiner sagte ein Wort. Ich schaute mit großen Augen zu Dolores und den anderen, die ich seit den letzten Wochen zumindest vom Sehen kannte, aber alle blickten mit dem selben fragenden Ausdruck zurück. Die Stimmung war äußerst gedrückt und in der sirrenden Sonne hörte man nur das Kratzen der Kellen und das Klopfen der Hände von Senff und Plankenreiter. Die eigentlich naheliegende Landstraße lag dagegen in auffallender Stille. Am äußersten Rand des Halbkreises stand Wielands Baggerfahrer Frank. Leise fing er an, einen Arbeiter Wielands anzuflüstern: „Wo war ich stehengeblieben? Achja, bei der Western Train. Ja, das ist ein richtiges Wohnmobil, nicht nur son Bulli mit Auflieger. Drinnen habe ich Flugzeugteppich ausgelegt. Top, kann ich nur sagen. Da kannste verschütten, waste willst, da kriste keine Flecken rein!“
Unwillkürlich sah ich in seine Richtung. Obwohl ich es gar nicht beabsichtigt hatte, schien er zu denken, dass es mir lieber wäre, wenn er still bliebe. Schlagartig hielt er inne, schaute mich staunend an und schwieg. Kurz darauf steckte er seine Hände in die Hosentaschen seines Blaumanns und stiefelte langsam zu seinem Bagger, an dem er dann herumbastelte.
Senff und Plankenreiter arbeiteten weiter. Ich kann mich noch erinnern, wie erstaunt ich war, die beiden so hochkonzentriert an den Knochen und Funden herumspachteln zu sehen. Maxim hatte glänzende Augen, er muss auf der Stelle erkannt haben, dass das Grab ein Geschenk war. Es war wie ein großer Lottogewinn vor allem deshalb, weil Wieland nicht da war, um auch nur einen Anteil des Gewinnes einzustreichen. Wielands erfolgloses Warten und seine panische Reaktion, zu mir und dann zur LPG zu fahren, war Senffs Zusatzzahl.
„Können wir euch helfen?“, fragte ich.
„Ihr könnt schon mal die Fotoleiter holen und die Fotosachen bereit machen.“
Senff wollte uns merklich loswerden. Dolores ging mit einem Mitarbeiter zum Container und in den Bauwagen, um die Fotosachen und die Leiter zu holen.
Ab und zu, wenn Senff sich anders hinhockte oder wenn die schnelle Bewegung seines Armes es zuließ, konnte ich mehr von dem Grab sehen. Es war auf den ersten Blick ein erstaunlich gut konserviertes Körpergrab. Dass in diesem kalkarmen Boden Knochen so gut erhalten waren, war extrem ungewöhnlich. Auf Höhe des Beckens konnte man eine Gürtelschnalle erkennen. Auf den zusammengefallenen Rippen zeichnete sich eine schwarzsilbrige Fibel ab, die kaum vom umgebenden Boden zu unterscheiden war. Das Haupt des Toten ruhte leicht erhöht, daneben stand ein kleiner kumpfförmiger Topf. Obwohl der Topf nur sehr grob mit einem Pinsel gereinigt war, konnte man Rosetten und eingeritzte waagerechte Linien auf seiner Oberfläche gut erkennen. Auf der anderen Seite des Kopfes waren mehrere kleine stark rostige Dreiecke erkennbar. Jan merkte, dass sie mir aufgefallen waren, und drängelte sich zu mir. Vorsichtig stupste er mich an und flüsterte ausgesprochen leise: „Hier gibt es Pfeilspitzen. Ich hätte so gerne Pfeilspitzen gefunden, warum konnte ich nicht hier graben?“
Ich blickte ihn kurz an und zuckte mit den Schultern. Offenbar meinte er es ernst. Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte, und ließ ihn wortlos stehen. Inzwischen hörten wir leise, wie sich ein Wagen durch die Schneise im Rapsfeld arbeitete. Wieland kam zurück.
Er fuhr seinen verbeulten Bulli vorsichtig über den Weg auf dem Acker und gelangte zu der Fläche, die für die Wagen der Mitarbeiter und die Bauwagen freigelassen war. Er musste längst gesehen haben, dass Senff bereits auf der Grabung war, obwohl es für ihn kaum erkennbar gewesen sein konnte, womit sich der Leiter der Sonderprojekte gerade beschäftigte. Dennoch stieg Wieland ungewöhnlich ruhig aus seinem Wagen. Ich weiß noch, dass ich mich wunderte, dass er sich gemächlich über den Fahrersitz beugte und einen Moment im Fußraum des Beifahrers kramte. Dann schloss er lahm die Tür und kam gemessenen Schrittes zu uns hinüber. Ich war überrascht, dass er jetzt, wo Senff seinen Befund im Wortsinne bearbeitete, plötzlich so gelassen war. Dabei kannte er Senff einfach nur besser als ich. Ihm muss längst bewusst gewesen sein, dass er das Grab nicht retten konnte, wenn Maxim die Gelegenheit dazu gegeben wurde, es allein „auszugraben“. Er wirkte nicht einmal mehr überrascht, dass Plankenreiter mitgekommen war. Dabei verließ Senffs Adlatus das Amt damals nur selten. Ausgerechnet an diesem Tag war er mitgekommen, als Wieland die wichtigste Entdeckung seines Lebens gemacht hatte.
Wieland wirkte lethargisch. Ich ahnte es nur, er muss bereits gewusst haben, dass nichts mehr zu verhindern war. Hätte er sich in diesem Moment beklagt, wäre er nicht allein den Befund, sondern darüber hinaus auch die Stelle los gewesen. Für die Restzeit seines Vertrages wäre er wahrscheinlich per Dienstbefehl zu einem Änderungsvertrag gezwungen worden und hätte damit in der hinterletzten Ecke besonders unbefriedigende Arbeiten ausführen dürfen. Aber er hätte keine Verlängerung mehr bekommen.
Als Wieland bei uns ankam, blieb auch er im Halbkreis stehen. Er verschränkte die Arme und lehnte sich schweigend vor, um ab und an einen Blick auf das Grab zu erhaschen. Er wagte es selbst kaum, an Senff heranzutreten. Heute glaube ich, dass sich sein ängstlicher Respekt Senff gegenüber mit purer Resignation vermischte. Plötzlich ergriff er kurz das Wort.
„Ich hab schon auf dich gewartet“, funkte er Senff an. „Ich war in der LPG, um im Amt anzurufen.“
Senff schwieg und kritzte in vorgebeugter Stellung weiter mit den Maurerwerkzeugen in den sterblichen Überresten herum.
Wieland traute sich zu fragen: „Willst du es heute noch rausholen? Sollen wir uns nicht lieber um eine Bewachung kümmern und es nächste Woche in Ruhe bergen?“
Senff richtete sich auf, sah Wieland in einer Mischung aus Überlegenheit und Zorn an und sagte: „Nein! Das ist nicht drin, das wird heute geborgen.“
Ich weiß nicht, ob Wieland sich noch ernsthafte Hoffnungen gemacht hatte, als er Maxim gefragt hatte, aber er hatte es immerhin geschafft, ihn dazu zu bringen, die Sicht auf das Grab freizugeben. Jetzt konnte er seinen Befund begutachten, und als Maxim sprach, starrte Wieland auch nur auf das Grab. Mit einem Blick hatte der eigentliche Grabungsleiter gesehen, was da vor ihm passierte. Maxim riss das Grab nicht einfach an sich, nein, er zerstörte und verfälschte es. Er manipulierte es, um es noch sensationeller zu machen, bevor er damit im Amt und in der Öffentlichkeit auftrat.
Hinter uns hockte Dolores und knibbelte einzelne Ziffern aus der Fototafel, um im Anschluss die korrekten Daten aufzustecken. Wieland drehte sich von uns und ging zu Dolores. Nur aus den Augenwinkeln sah ich zu, wie beide miteinander still plauderten. Immer wieder zeigte einer der beiden zu dem Grab. Mehrfach wies Dolores auch schulterzuckend auf den Wagen von Senff. Leise atmete ich einmal tief durch und ging dann zu den beiden. Ich wollte wissen, was hier gespielt wurde.
„Kannst du mir mal sagen“, fragte ich Wieland gedämpft, als ich bei beiden hockte, „was hier passiert?“
„Ich weiß es nicht“, flüsterte Wieland, „ich weiß nur, dass das Grab nicht so aussah, als ich losgefahren bin. Dolores hat mir gerade gesagt, dass Senff ausgeflippt ist, als er kam. Der war wohl keine Minute hier, nachdem ich zu dir losgefahren bin. Als er das Grab gesehen hat, hat er alle Leute weggeschickt. Sie sollten dies holen, sie sollten jenes holen. Von einem wollte er einen Eimer Sand, der andere musste die Gloria an dem Bach da hinten füllen. Der wollte alle loswerden, damit er alleine hier wirken kann. Alleine mit Plankenreiter.“
„Sowas ähnliches hab ich mir schon gedacht. Aber das ist doch nicht nur Manipulation, das ist doch sogar Schwachsinn, was der da macht. Schwert zwischen den Rippen. Eimer auf dem Kopf!“ Ich schüttelte den Kopf.
„Natürlich. Wir hatten das Grab zwar noch nicht frei geputzt, aber man konnte sehen, wo die Sachen lagen. Das Schwert war ganz normal an der Seite. Die Eimerreste zeichnete sich neben dem Skelett ab, ganz normal.“
Meine Befürchtung hatte sich also bewahrheitet: „Der spinnt doch. Der macht nicht nur den Befund kaputt und fälscht ihn, der übertreibt auch noch so, dass ihm das keiner abnehmen wird.“
„Ich weiß nichts mehr“, schüttelte Wieland verzweifelt den Kopf, „wahrscheinlich kommt er sogar damit durch.“

Montag, 27. April 2009

Kapitel 11.5

Auf der Grabung packten wir die Sachen aus und wollten direkt den Grill zusammenbauen, mussten aber feststellen, dass dafür Werkzeug erforderlich war. Glücklicherweise hatte Hans auch diesmal seinen Werkzeugkasten dabei, daher verzögerte sich der Aufbau kaum.
Zwischenzeitlich stolperte Jan von der Grabungsfläche zu uns: „Seid ihr bald fertig? Ist ja schon dreiviertel zwölf! Das Grillen dauert gleich ja schließlich auch noch.“
Unwillkürlich blickte ich auf die Uhr, die abgekürzte Zeitansage erschloss sich mir damals noch nicht. Ich sagte: „Viertel vor, stimmt“, und Jan erwiderte: „Viertel vor was? Was ist das denn für ein Quatsch? Dreiviertel heißt das. Wenn du einen Kuchen fast aufgegessen hast, sagst du ja auch nicht, der Kuchen ist viertel vor.“ Jan ging weg. Er schüttelte den Kopf, ich auch. Micha schwieg und schraubte weiter an der Edelstahlsäule. Irgendwann war es dann so weit, Grillrost und Windschutz waren installiert. Der stolze Grillbesitzer erklärte sich feierlich zum Koch und schüttete die Kohle in seinen neuesten Schatz. Mit leeren Fundzetteln entfachte er auf ihnen ein Feuer, das die schwarz gemeilerten Hölzer zum Glühen bringen sollte. Weißlicher Rauch züngelte am Werkzeugcontainer vorbei in den blauen Himmel. Bald fächerwedelte Micha mit einem steif-bogigen Pappteller und versorgte die noch kleine Glut mit frischer Luft.
Schon begannen wir, die ersten Würstchen auf das jungfräuliche Gitter zu legen, als Sylvia sich aus dem Bauwagen zu uns gesellte.
„Na, habt ihr alles gekriegt?“
„Denke schon“, beschied ich kurz.
„Ja, heute kriegt man ja alles“, erwiderte sie nachdenklich, „früher war das viel einfacher. Da gab es zwar fast nüscht, aber man wusste wenigstens, was man kaufen kann. Heute stehe ich bei Liddel immer vor den Regalen und hab keine Ahnung, was ich mitnehmen soll.“ Stumm schaute ich sie an und sie schilderte weiter, „da ist ja alles immer so bunt und es gibt von allem hundert Sorten. Und man weiß nie, kauf ich jetzt das richtige oder ist das doch nicht gut?“
Ich erinnerte mich an die Wendezeit-Beschwerden, die mir ein Bekannter von seinen Kindern erzählt hatte. Ohne jedes Verständnis für die historischen Dimension des Unterganges des vorgeblichen Arbeiter-und-Bauern-Regimes mokierten sie sich allein darüber, dass plötzlich die Regale ihres westdeutschen Wohlstandssupermarktes leer und ausgeräumt waren. Sie bekamen ihren gewohnten Zucker-Schoko-Frühstücksmüll nicht mehr vorgesetzt, weil nun ihre ostdeutschen Brüder und Schwestern eine Zeit lang vorrangig versorgt wurden. Die Konzerne hatten eben ein paar Monate Gefallen daran gefunden, Westkonsumenten vorzuführen, wie es jahrzehntelang in Ostgeschäften abgelaufen war, indem sie ganze Produktchargen direkt über die Grenze karrten. Das war echte Solidarität. Oder Kapitalismus, wenn man schlicht den damaligen Grad der Nachfrage beiderseits der Grenze miteinander vergleicht.
Dann grinste Sylvia plötzlich und lächelte über Michas Baseballmütze: „Weißte Micha, wenn du nivellierst, drehst du die Kappe auch immer nach hinten.“ Mit ihren Händen zeigte sie kurz an ihrer Kappe, was sie meinte, ohne sie richtig zu drehen, weil ihr Zopf hinten heraushing. Micha sah sie an und nickte in die Sonne. „Wenn du dann am Nivellier stehst, denn siehste immer aus, als ob du einen Film drehst.“ Jetzt machte sie kurbelnde Bewegungen in der Luft, „weißte, so wie früher, die Kameramänner.“
Micha machte ein hocherfreute Gesicht: „Soll ich dir mal einen von meinen Filmen vorführen?“, aber Sylvia winkte grinsend ab. Inzwischen hatten wir auch einen Teil des Fleisches auf den Grill gelegt. Micha öffnete das erste Bier, das er zunächst natürlich nicht zu trinken gedachte, sondern auf dem Grill zur geschmacklichen Unterstützung verwendete. Bald kam Jan mit den anderen an und fragte: „Mein Filet habt ihr auch schon draufgelegt?“ Eine Beantwortung erübrigte sich jedoch, weil er im Fragen gesehen hatte, dass es brutzelte.
Wernher ermahnte den kleinen noch einmal: „Da musste aba scheen uffpassen, dit dit nich trockn wird!“
Sylvia holte aus dem Kofferraum von Hans’ Wagen noch ein paar Grillsaucen, die sie mitgebracht hatte und ein Paket Toast. Stefan ging währenddessen zu seinem Pick-up und wurstelte sich aus einer Kühltasche eine bereits ausgenommene Forelle, mit der er dann zu uns kam.
„Hier, ha’ck selba jeanglt. Jrad jestern erss!“, verkündete er stolz und quetschte seine Forelle auf den Rost.
Hans staunte: „Ihr trinkt ja schon das erste Bier?“ Aber Micha winkte ab: „Nee, das ist doch nur das Grillbier!“
„Was für’n Bier habt ihr uns denn mitgebracht?“, wollte Dieter nun wissen und auch Stefan wurde neugierig: „Radeberjer? Hättet-ta ma lieba ’n anständijet Westpils jeholt!“
Das erboste Hans: „Dabei schmeckt Radeberger doch schon längst wie’n Westpils, früher, ja, da war das gut, da haben se sich vorm Jahresende vorm HO noch ums Bier geprügelt.“
„Daran kann ick mir ooch noch erinnern“, träumte Wernher, „und damals hat et ja ooch noch jeschmeckt, nich wahr, Hans?“
Längst hatten sich alle in einem Kreis um den Grill verteilt mit gebührendem Abstand zu den Bierdampfschwaden, die Micha regelmäßig durch das Nachmarinieren erzeugte. Im Gesicht des einen oder anderen sah man zuweilen prüfende Blicke, ob sich nicht vielleicht der Wind drehte. Inzwischen hatten sich alle Biertrinker eine Patrone genommen und geöffnet. Ab und zu saugten sie an dem runden Blech.
„Kuckt mal, ein Storch“, Sylvia lenkte alle Blicke zum Himmel, „so was gibt’s im Westen gar nicht mehr.“ Ich setzte ein sehr verdutztes Gesicht auf, da erklärte sie schon, „na im Westen ist doch nur Industrie und alles voller Straßen. So was wie Natur gibt’s da doch gar nicht mehr.“
Ich bemerkte lapidar: „Mal davon abgesehen, dass im Westen gerade alte Industriegebiete in den letzten zehn, fünfzehn Jahren sehr grün geworden sind, möchte ich dezent an Bitterfeld erinnern.“
„Das ist ja nur ein Extrembeispiel. Dafür haben wir nicht so viele Autobahnen, sondern viel mehr Natur. Und Störche oder Frösche, das gibt’s bei euch doch gar nicht mehr.“
„Natürlich, ich hab ja als Kind immer Frösche und Molche gefangen.“
„Ja, du weißt doch, wie ich das meine“, beschwichtigte sie, „Anwesende sind schließlich ausgenommen, du bist ja sowieso nicht wie die anderen Wessis.“
„Bist du denn schon mal dagewesen?“, fragte ich Sylvia, „Also im Westen?“
Sie schüttelte den Kopf, Hans erhob aber für sie den Zeigefinger und meinte: „Ich bin schon mal in Braunschweig gewesen, da habe ich Sperrmüll verkauft. Und was ich da vom Westen gesehen habe, reicht mir, das brauch ich nicht noch mal.“
„Naja, Braunschweig dürfte kaum typisch für den ganzen Westen sein“, merkte ich an und lenkte meine Aufmerksamkeit auf Stefan, der Dieter inzwischen mit Anglerlatein unterhielt.
„... sooo jroß war der, son richtijen Kawennsmann“, Stefan riss seine Arme so weit auseinander, wie er es nur vermochte, „aba denn war da uff eenmal son komischet Jeräusch.“ Der Baggerfahrer stimmte ein sehr dumpfes Huu-Huu an, „det wa in de Büsche drinn. Da ham wa uns so erschreckt! Mein Kumpel hat sojar seine Angel da liejn lassn“, er lachte, „weil er dachte, det da wer erdosselt wird, oda sojar schon tot is. Ick hab mir mehr Sorjen jemacht, det det die Aufsicht is, un wa hattn doch keene Papiere nischt, also sinn wa losjefarn.“
Auch Jan hörte aufmerksam zu und vermutete hinter dem Geräusch: „Das war doch bestimmt ’ne Kuh, die in den See gefallen ist, oder?“
Aber der kopfschüttelnde Dieter wusste mehr: „Du hast gesagt, das war hier am Pleuner See?“, Stefan nickte, „Dann war das ’ne Rohrdommel.“
„’ne Rohrdommel?“ Der Baggerfahrer staunte, „Det Jeräusch soll ’n Vojel jewesn sein?“
„Ja natürlich!“, beharrte Dieter mit seiner kindlichen Überzeugung, „Die Rohrdommel nennt man deswegen doch auch Moorochse. Oder – na, wie noch – genau: Wasserochse. Außerdem kenne ich den See, da fahr ich immer mit meiner Frau hin.“ Die Augen des Seemanns nahmen wieder ihre fröhliche Faltenstellung ein, „die schimpft dann immer. Wenn wir da hinfahren“, imitierte er die Stimme seiner besseren Hälfte, „denn will ich mich auch in die Sonne legen. Du gehst doch immer nur am Ufer spazieren und sammelst Flint.“
„Ist da ein Fundplatz?“, fragte ich.
„Ja, natürlich. Mesolithikum. Ich sammel da schon seit Jahren. Weißt du, ich merk das schon beim Drüberlaufen“, mit seinen Händen versuchte er mir bildhaft die Bewegung seiner Füße nachzuahmen, „wenn ich auf geschlagenen Flint trete. Der hört sich anders an, als irgendwelche Rohlinge oder natürlicher Bruch. Das ist ein viel helleres Geräusch, wenn der geschlagen ist.“ Er hielt die Hand ans Ohr, als ob er dem Klang eines imaginären Flintfundes lauschen wollte.
Micha nahm inzwischen die ersten Sachen vom Grill und verteilte sie an die Leute. Stefans Fisch musste noch länger brutzeln und Jan bestand darauf, dass sein Filet durchgebraten wird. Rind müsse gut durch, wusste er uns zu belehren. Nachdem die meisten zuvor noch gestanden und sich bestenfalls an Container und Bauwagen angelehnt hatten, suchte sich spätestens jetzt zum Essen jeder irgendein Plätzchen, auf das er sich setzen konnte. Drei Leute nutzten die Anhängergabel, andere nutzten stabile Eimer, ich machte es mir in einer hochgekippten Schubkarre bequem. Sylvia lachte darüber, aber ich erklärte fröhlich: „Das ist besser als der Sessel, den ich zuhause habe.“
Micha fragte den Baggerfahrer: „Willst du nicht doch ’ne Wurst?“
Doch Stefan verweigerte: „Mit Semf? Ick ess doch keene Wurst, die keene Körriwurst nich is! Wenn dann ess ick nur ’ne Bärlina Körriwurst.“ Er grinste.
„Ja, die Berliner Variante. Einer der beiden Currywurstpole.“
„Wat heißt’enn eena? De Körriwurst kommt aus Bärlin! Die hat die Heuwa nachm Kriech am Stutti erfundn!“
„Dann bist du also ein Vertreter der Theorie einer Berliner Currywurst-Genese?“ Der Hell’s Angel blickte mich rätselnd an. Er hatte gehört, was ich gesagt habe, aber kein Wort verstanden. Micha knabberte inzwischen an seinem Steak-Lutscher herum und betrachtete unser Wurstduell. „Ich weiß, dass es in Gelsenkirchen schon genauso lange Currywürste gibt, deshalb denk ich, dass die etwa gleichzeitig an mehreren Orten entstanden ist. Angeblich gibt’s ja sogar Hamburger, die die Erfindung für sich reklamieren.“
Da war Stefan mit mir einer Meinung: „In Hamburg? Ja, det is nu totala Quatsch!“ Er wischte die Idee beiseite und lobte anerkennend: „Nee, eure Ruhrpottwurst is zwar janz anndas, aba wenichstens is det ’ne Körriwurst!“ Wir grinsten uns entspannt an.
Während der Toast reihum durchgereicht wurde, lachte Wernher plötzlich verschmitzt auf: „Ha’ck euch eijentlich schon ma vom dem Jrabungsleiter erzählt, der ’ne Kuh nich vom Pferd unterscheiden konnte?“
Gleichzeitig folgte das Senfglas dem Toast und wieder bediente sich jeder der Reihe nach. Auf Wernhers Frage schüttelten alle den Kopf, die ersten begannen zu kauen.
„Na, det war so. Wir hattn son Befund ausjejrabn, da war son Tierschädel drin. Denn kam die Presse und der Jrabungsleiter erzählte denen wat vom Pferd. Aba im Wortsinne.“ Wernher griente. „Als die Presse weg war – vorher ha’ck natürlich det Maul jehaltn, wollt den ja nich blamiern! –, da ha’ck den zur Seite jenomm un ihm jesacht, Mensch, pass ma uff, det kann doch keen Pferd nich sein. Kiek ma, det hat doch Hörner! – Da schüttelt der den Kopp, neinnein, das ist ein Pferd. – Un ick wieda, ja denn kiek doch hin, hier, siehste die Hörner nich? Aber der wollt det partu nich wahrham. Der hat det nich zujejebn.“ Wernhers Gesicht glich wieder dem eines satten Katers, der gut gelaunt auf seiner Veranda liegt.
Sylvia staunte: „Aber der muss doch auch studiert haben?“
„Das muss gar nichts heißen“, wusste ich einzuwerfen, „was meinst du, wie viele Leute an der Uni erst so richtig verblöden?“ Mit einem Gedanken an Senff ergänzte ich, „und wie viele kommen schon total blöde an!“
Schließlich richtete sich die Besetzung von Ämtern noch nie in der Menschheitsgeschichte nach den Fähigkeiten und Talenten des ausgewählten Kandidaten. Unwichtige Faktoren gaben wesentlich häufiger den Ausschlag, als sich so mancher träumen lässt. Wahrscheinlich sind hierin die Gründe dafür zu finden, warum der Anteil der Hohlköpfe und Begriffsstutzigen ausgerechnet bei Wissenschaftlern am höchsten ist, obwohl sie stets von sich glauben, überlegenes Wissen angehäuft zu haben. Entsprechend hoch ist besonders an Universitäten die Wahrscheinlichkeit, solche Leute zu treffen und kennenzulernen. Sie selbst sehen sich natürlich als Verdauungsorgan der geistigen Nahrung. In Wirklichkeit sind sie nicht mehr als ein offenes Magengeschwür. Und genau an dieser Fehleinschätzung wird die Demokratie dieser Pseudo-Eliten eines Tages zugrunde gehen.
Ich weiß nicht, wie Micha es merken konnte, aber er ahnte, dass ich an Senff dachte. Vielleicht habe ich einfach zu lange auf das Senfglas gestarrt.
„Du meinst unsern Maxim? Hm?“ Ich nickte wortlos und biss mit zusammengenkniffenen Augen in meine Bratwurst.
Micha begann verbittert zu plaudern: „Na, was das Fach angeht, ist er auf jeden Fall ein Idiot und menschlich sowieso. Das wissen wir ja alle. Aber es gelingt ihm zumindest, aus Verhandlungen das Beste herauszuholen. Wusstest du“, er zeigte mit der besenften Wurst auf mich, „dass der hier in der Nähe ein Ferienhaus hat?“ Ich schüttelte den Kopf. „Eigentlich nur son Altbau, günstig gekauft, wahrscheinlich für zehn Riesen oder so. Sieht aber inzwischen aus wie aus dem Ei gepellt.“ Die anderen schwiegen betreten, es schien, dass der Baggerfahrer und ich die einzigen waren, die die folgende Geschichte nicht kannten. „Und weißt du, wann das renoviert wurde? Und von wem?“ Wieder musste ich gestisch verneinen. „Kurz nachdem zwei Grabungen an Autobahnbrücken eingestellt wurden, die nach Voruntersuchungen beste Ergebnisse gebracht hatten und bei denen die meisten von uns bereits angefangen hatten zu arbeiten. Und sein Häuschen wurde nach Abbruch der Grabungen ganz zufällig von derselben Firma renoviert, die die Brücken gebaut hat. Immer am Wochenende.“ Sogar Wernher blieb ruhig, wie ich verwundert feststellte. Wenn er noch Senffs Büttel war, konnte es nicht lange dauern, und der Abteilungsleiter der Sonderprojekte würde erfahren, was über ihn geredet wurde. Inzwischen muss ich davon ausgehen, dass Wernher bereits während meiner Grabung längst nicht mehr in dieser Hinsicht für Senff arbeitete.
Ein Wartburg fuhr auf das Grabungsgelände. Langsam röhrte er an den Container und die Bauwagen heran, alle schauten mampfend in seine Richtung. Aus dem Auto stieg ein typischer Bauer mit einer gefütterten Cordweste und einem fleckigen Manchesterhut. Er kam zu uns und ich sah, dass er in den Händen ein kleines Etwas trug.
„Mahlzeit! Sacht ma, wer is denn der Chef hier?“
Dieter wies auf mich und ergänzte grinsend, „Der hier. Mit der komischen Brille.“
Der Bauer wunderte sich überhaupt nicht darüber, dass wir grillten, und stiefelte bedächtig zu mir. Ich erhob mich aus meiner Schubkarre.
„Mir gehört ja der Hof da hinten“, zeigte er und sprach langsam, „da hab ich jeden Tach gesehn, dass ihr hier arbeitet. Da hat meine Frau gesacht, geh doch ma zu den Geologen da hin und zeich den’ unsern Stein. Der is ma bei der LPG auf’m Acker runtergekomm. Da hab ich den gefunden. Die solln sich den ma ankuckn, sacht’se. Nich dass das hier von so Außerirdischen is. Oder so radiotisch. Hier. Kuck dir das man an.“ Er hielt mir einen grauen Klops unter die Nase. „Is das ’n Meteorit?“
Ich hatte meine Steak gegessen und legte den leeren Pappteller zur Seite, um die Hände frei zu haben. Dann nahm ich ihm den kleinen kugeligen Stein ab und sah auf dem ersten Blick, um was es sich handelte.
„Nee, das ist kein Meteorit. Das ist ein versteinerter Seeigel. Hier schauen Sie mal“, zeigte ich mit dem Zeigefinger, „hier sehen Sie die Stachelansätze.“
„Also nich aus dem All?“, fragte der Bauer zweifelnd.
„Ganz bestimmt nicht“, versicherte ich.
„Na, hoffentlich glaubt’se mir das“, er zögerte einen Moment, die anderen blieben stumm, waren aber merklich erheitert, dann entschied er sich wieder zu gehen, „ja, dann Mahlzeit, ich muss jetzt auch zum Essen.“
Er saß kaum in seinem Auto, da blödelte Micha schon herum, „Hättest ihm für seine Alte ja wenigstens mal ein schriftliches Gutachten ausstellen können“, und alle lachten, während der Wartburg des Bauers rückwärts vom Acker sprotzte.
„Jaja, die Bauern“, meinte Wernher, „die leiden hier ooch richtich unter den Jrabungen.“
„Na, wie man’s nimmt“, erwiderte ich, als ich mich wieder in die Schubkarre setzte, „normalerweise kassieren die doch doppelt und dreifach.“
Wernher blickte mich fragend an und ich erklärte: „Die kriegen doch nicht nur die Entschädigung, die mehr beträgt, als sie mit der Ernte je verdient hätten, sondern holen auch dann noch das Letzte raus. Ich hab mal auf ’nem Kartoffelacker gegraben, da kam der Bauer regelmäßig mit der ganzen Familie an und hat die ganzen Kartoffeln, die wir ausgebaggert haben, eingesammelt und an der Straße verkauft, obwohl die noch die fette Entschädigung kassiert haben.“
„Man darf de Lebensmittel aber doch ooch nich verkomm’ lassn“, ermahnte Wernher.
„Natürlich nicht – aber wenn sie Teile der Ernte noch retten, sollen sie auch keine übertriebene Entschädigung verlangen. Die zahlen wir schließlich alle über Steuern.“
„So jesehen haste recht“, stimmte Wernher mir zu und Hans pampte: „Den Bauern ging es doch immer gut. Die haben doch auch nach dem Krieg das ganze Silberbesteck von meiner Mutter und meinen Großeltern kassiert, nur damit wir was zu beißen hatten!“
„Meene Forelle muss doch bald fertig sein“, meinte Stefan und nahm sich seine Forelle vom Grill.
„Na, und mein Filet ist bestimmt auch langsam fertig.“ Jan schritt zum Grill und warf sich das braungebrannte Fleischstück auf seinen Pappteller. Er stolzierte zu seinem Platz zurück wie ein junger Hund mit seinem Lieblingsspielzeug und operierte und meißelte sich durch die Muskelfasern.
„Das ist ja total hart!“, beschwerte er sich nach dem ersten Probestück, „was habt ihr denn damit auf dem Grill gemacht?“
Wernher schmunzelte nur „Ha’ck dir det nich jesacht?“
Jan reagierte nicht darauf, sondern sprach mit sich selbst: „Ich muss erst mal was trinken, das ist mir zu trocken.“
Plötzlich rumpelte Wielands verbeulter Dienstwagen über der Landstraße. Er setzte sehr mutig auf unserem Acker auf und federte bis zu unserer Gruppe. Als Wieland ausstieg, begrüßte Micha ihn: „Ho-ho, immer ruhig mit den jungen Pferden! Möchtest du ’ne Wurst?“
Wieland sah gehetzt aus, „Was? Nein, danke!“, und lief auf mich zu. „War Senff schon bei euch?“, fragte er dann.
„Nein – wieso?“
„Der sollte doch heute kommen, wir haben gerade ein Körpergrab entdeckt, ein Fürstengrab mit Schwert und gut erhaltenen Holzeimerresten. Warum passiert so was eigentlich immer Freitags mittags?“
Ich erschrak, weil ich sofort wusste, was das bedeutete. Herausragende Funde und Befunde kann man niemals über ein Wochenende unbeobachtet liegen lassen. Es gibt nur drei Möglichkeiten, wie man mit solchen Funden an Wochenenden umgehen kann. Entweder muss man sie wieder zuschütten und sehr gut tarnen, bis man die Untersuchung in der Folgewoche mit der richtigen Muße und dem nötigen Equipement durchführen kann. Leider ist es keinem Befund besonders zuträglich, wenn man ihn erneut unter Erdmassen begräbt und ein zweites Mal freilegt. Eine andere Möglichkeit wäre, den Befund auf der Stelle auszugraben, was je nach Qualität oft genug überstundenlanges Gekratze und Gepinsel im strömenden Regen unter der Scheinwerferbeleuchtung des amtlichen Wagenparks bedeutete. Die letzte zu nennende Lösung kann ein Wachdienst sein, der in professioneller Form allerdings in den seltensten Fällen finanzierbar ist. Also werden hin und wieder die eigenen Mitarbeiter zu solch unschönen Tätigkeiten genötigt. Ein Bekannter von mir hat beispielsweise einmal eine regendurchnässte Nacht in einem Sommerschlafsack auf einer Kuhwiese neben einer Moorleiche verbracht. Damit die gefräßigen und vor Neugier strotzenden Rinder weder die Mumie noch seinen Schlafsack anknabbern, war er gegen Mitternacht dazu gezwungen gewesen, einen Stacheldrahtzaun zu organisieren und um die provisorische Schlafstätte zu ziehen.
Angesichts der bisherigen Abläufe in diesem Amt war klar, dass wie so oft auch hier Zeit und Geld nicht gepaart auftraten. Und Intelligenz fehlte auf höherer Ebene schließlich sowieso. Daher war ich davon überzeugt, dass Senff alles darangäbe, den Befund in kürzester Zeit zu dokumentieren und auszunehmen.
Wieland blickte panisch, ich versuchte ihn erst einmal zu beruhigen: „Fahr doch mal zur LPG und ruf im Amt an, vielleicht erwischst du ihn noch?“
„Ja, ja, du hast recht, das sollte ich machen“, stammelte er nervös und mit herumirrenden Blick.
„Ich kann ja mal mit ein paar Leuten zu deiner Grabung rüberfahren“, half ich weiter, „wenn das heute noch raus soll, wirst du sowieso noch Verstärkung brauchen.“
„Ja, stimmt“, er drehte sich um, lief zu seinem Wagen, „ich fahr dann schnell zur LPG“, und war wieder genauso schnell vom Acker, wie er gekommen war.
„Jan, Wernher, Dieter? Ihr kommt mit. Micha, du kannst mit Sylvia und Hans erst mal einräumen, wenn ihr die Sachen verstaut habt, könnt ihr nachkommen.“
Die drei Arbeiter nahmen sich aus dem Werkzeugcontainer ein paar Kellen und zwei, drei Eimer mit, stellten sie in den Kofferraum meines Wagens und stiegen ein. Ich kramte währenddessen meine Unterlagen in eine Tasche zusammen und warf sie dazu. Wir waren alle schon sehr gespannt auf das Grab, mussten aber wie üblich an der Bahnschranke halten, bevor wir nach Krützin fahren konnten.

Donnerstag, 5. März 2009

Kapitel 9.4

In der Küche hockten schon Jonas, Wieland und Dolores. Dolores Amiguél war eine spanische Archäologiestudentin, die auf der Grabung von Wieland arbeitete. Sie war noch kleiner als der ohnehin schon kurz geratene Jan. Dafür besaß sie im Gegensatz zu seinen sehr bündigen Haaren, eine dichte, fein gelockte Haarpracht, die ihrerseits beinahe ein Viertel der Gesamterscheinung der Spanierin ausmachte. Dolores lebte bereits ein Jahr in Deutschland zusammen mit einem deutschen Freund, der jedoch fatalerweise als Hispanist meist spanisch mit ihr redete. Daher war ihr Deutsch eher rudimentär ausgebildet, den größten Teil hat sie meiner Einschätzung nach erst auf Wielands Grabung und abends in der LPG gelernt.
Jonas hatte seine obligatorische Zigarette auf den aufgeklappten Taschenascher gelegt und ließ sie dort verglühen, während er in gedrängter Weise damit protzte, ein paar Monate auf Island in einem Supermarkt Gabelstapler gefahren zu sein. Ständig nippte er an einem großen Kanister billigster polnischer Limonade, die er von Zeit zu Zeit mit Wasser verdünnte, weil sie in purer Form einfach ungenießbar war.
„Wusstest du“, fragte er Dolores, „dass der Papageientaucher, dieser kleine dicke schwarzweiße Vogel mit dem bunten Schnabel und den Stummelflügeln, auf Isländisch genauso heißt wie Montag auf Französisch?“ Dazu knickte er die Arme am Körper und flatterte vielsagend mit den Händen.
Dolores wusste es nicht. Sie hatte aber schon die Frage nicht verstanden. Ich öffnete meine Dose Ravioli und ließ sie in einen Topf ploppen, um demnächst meinen Hunger zu stillen. Mit dem Rücken zu den beiden raunte ich „Lúndi“ in die Küche. Jonas sah mich verwundert an, er wusste noch nicht, dass ich auch schon auf Island gewesen war. Ich blieb vor dem Herd stehen und rührte von Zeit zu Zeit die Teigtaschen in der Tomatenpampe, während Wieland am Tisch einen Pappkarton voller Keramikscherben ausschüttete. Er war von seinem Abendessen bereits zum Doppelbock übergegangen.
Jonas wechselte Thema und Gesprächspartner: „Wie stellt sich Iris auf deiner Grabung in Krützin eigentlich an?“
Wieland, der damit begann, die Scherben nach Farbe und Form vorzusortieren, antwortete unabgelenkt: „Zeichnet gut, wieso?“
„Na, normalerweise arbeitet sie ja mit Sylvia zusammen.“
„Mit meiner Sylvia?“, fragte ich.
„Ja, genau, mit unserer Widder. Hihi. Sonst sind die immer ein Team: Widder und Bock. Sylvia Widder und Iris Bock.“ Jonas freute sich über seine Erkenntnis. „Die sind dann oft zusammen wie die zwei Terrier, die meine Mutter in Sweden hatte. Untereinander haben sie sich die meiste Zeit gestritten, aber wenn dann der große Hund vom Nachbarn kam, dann waren sie Swestern und haben zusammen gekämpft.“
„Aha, ne, mit Sylvia hab ich noch nie gearbeitet“, sagte Wieland. „Kennst du Iris denn auch schon mit Hörgerät?“
„Ja, und ab und zu“, Jonas freute sich, „muss sie zu ihrem Wagen, die Batterie tauschen.“
„Ssag mal, Chonas“, unterbrach Dolores, die mit der rauchigen Variante der mediterranen Frauenstimmen ausgestattet war, „varrum musst du immä, äh, Ssigarett anfang-gen ssu rauken, abä nisst rauken ssu Ende?“
Jonas, der seinen Tick selbst kannte und ihn auch gewissenhaft pflegte, erklärte: „Das ist ja nur Tabak. Wenn das Gras wäre, dann würde ich es auch rauchen. Außerdem haben so alle was davon. Das ist doch gerecht.“ Dann öffnete Jonas die erste von zwei Dosen Thunfisch und gabelte das Fleisch aus dem Blechgehäuse.
Wieland wechselte das Thema: „Habt ihr eigentlich mitgekriegt, dass Senff heute wieder unterwegs ist?“
„Ha, wer ist denn heute die Glückliche?“, lachte Jonas.
„Die Ramona von Arnolds Grabung“, verriet Wieland.
Jonas schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn: „Ach, natürlich die mit den dicken Titten. Der lässt das auch nie.“
In der kleinen Welt der Archäologie hatte es längst seine Runde gemacht, wie Dr. Senff mit den Frauen im Amt umging. Kurz nach der Annahme der Stelle fern vom heimischen Herd hatte er damit begonnen, das weibliche Personal nach seinem Brustumfang ein- und ihm per abendlicher Einladung trollüstig nachzustellen. Er hatte keine Skrupel, abends mit dicktittigen Angestellten um die Häuser zu ziehen, während seine bessere Hälfte zu Hause mit Kind und Dissertation schwanger ging. Dazu genoss er es viel zu sehr, Macht inne zu haben.
Ob es dabei jemals zu irgendwelchen weitergehenden Annäherungen gekommen ist, konnte keiner sagen. Den meisten fiel aber auf, dass einzelne Frauen nach bemerkenswert kurzen Arbeitsverträgen nie wieder im Amt gesehen wurden. Sie hatten keine Verlängerungsverträge mehr bekommen. Dieses einfache Mittel war für Maxim viel zu verlockend, um auf seine Verwendung zu verzichten. Schließlich musste er seine Personalpolitik niemandem gegenüber begründen, solange der Laden brummte. Und dafür, dass der Laden brummte, sorgte seine Terrorherrschaft des Tretens und Weitertretens.
Obwohl ich also im Bilde war, täuschte ich Unwissen vor: „Hat Senff hier ein paar Freundinnen?“
„Ja, immer die mit den dicksten Titten.“
„Erstaunlich, seine Frau ist doch mehr so'n Bügelbrett.“
„Das hat Wieland auch schon erzählt.“
Wir grinsten alle. Dolores sah sogar wie ein Honigkuchenpferd aus, obwohl ich nicht weiß, warum.
Inzwischen trollte Micha auf Duschlatschen in die Küche herein: „Nabend!“ In der Hand trug er ein Sixpack, das er klirrend auf den Tisch stellte, bevor er sich einen Stuhl heranzog.
„Hä!“, lachte er mich an, „du musst morgen mal in den Raucherwagen kommen. In der Pause is das 'ne richtige Spielhalle.“
„Ich kann ja mal reinschaun“, beschied ich ihn, dann fragte er: „Sacht mal, wo sind eigentlich Jan und Arnold?“
„Die sind eben zum Imbiss, die hatten die Schnauze voll vom Dosenfraß.“
„Na, ob das wirklich besser ist“, wunderte Micha sich.
„Wieso?“
„Warst du schon mal da unten im Imbiss?“
„Nee.“
„Eben.“
„Wieso fragst du, wolltest du was wissen?“
„Ja, Arnold ist doch Neolithiker. Und ich hab doch letztes Jahr bei mir so 'nen Flintdolch gefunden. Dreißig Zentimeter.“ Micha zeigte die Länge, wie ein Angler, der einen zwei Meter langen Hecht aus seinem Tümpel gezogen haben will, „aus Danflint“, und zog eine Augenbraue in die Höhe.
Wieland stutzte, zuckte leicht mit dem Kopf nach hinten, sortierte aber seine Scherben weiter. „Das glaub ich kaum.“
„Natürlich, da kannste drauf wetten!“, giftete Micha zurück.
„Also der längste Flintdolch, den ich mal gefunden habe, der war so seine, na siebenundzwanzig Zentimeter lang. Kannst du deinen am Wochenende mal mitbringen?“, bat Wieland, ohne von seiner Arbeit aufzuschauen.
„Nee, der liegt im Moment in Bratin in der Sparkasse aus. Die haben da so 'ne kleine Heimatausstellung. Aber du kannst ja mal nach Bratin fahrn!“
Ich rührte ruhig in meinen Ravioli, die jeden Moment fertig sein mussten, Dolores blickte lächelnd von Micha zu Wieland, sie erkannte, dass hier kein einmaliger Schwanzvergleich betrieben wurde, sondern dass die beiden sich grundsätzlich gegenseitig auf den Füßen standen.
Plötzlich war von draußen der Motor eines Wagens zu hören, Arnold und Jan kamen offenbar vom Imbiss zurück. Die Wagentüren schlugen zu, die LPG-Tür öffnete sich am Ende des Ganges laut quietschend und schloss sich lautstark, als die zwei mit raschelnden Tüten in Richtung Küche marschierten. Beide lachten. Das erste, was wir von ihnen verstehen konnten, war Arnold, der sich über die „Sitzknubbel in diesem Wichsfigurenkabinett“ amüsierte. „Hocken den ganzen Tach in 'ner verquarzten Bude und spieln am verkackten Automaten! Leck mich fett!“ Jan lachte. Sie kamen in die Küche, und wir sahen, dass Arnold zusätzlich zur Tüte ein 5-Liter-Bierfässchen unter seinem Arm trug. Er eröffnete uns: „Mensch, die Straßen sind wie leergefickt. Nur so'n paar faschissene Faschisten!“
„Nabend! Na seid ihr schon zum Gemütlichen übergegangen?“, erkundigte sich Jan.
„Nee, ich koch noch, die Ravioli sind aber gleich fertig.“
„Na, dann könn' wir ja zusamm' essen.“ Beide stellten ihre Tüten auf den Tisch, zogen sich Stühle heran und holten sich Besteck.
„Wass ssacktess du die S-trassen? Vie leer-?“
„Wie leergefickt. Tote Hose – äh, ich glaub, das kann man nich übersetzen.“
„Doch natürlich!“, wusste Jan mit bestimmter Miene, der sich im Laufe des Abends noch als größeres Sprachtalent erweisen sollte, „das heißt auf spanisch dett pántalons!“
Dolores blickte verwirrt, kniff die Augen zusammen und fragte weiter: „Isst das eigentlik oft sso, dass ihr Deutsse in eine Imbiss geht? In Barthelona makt man das nisst. Da gett man eher in eine, wie ssakt man auf deutss, Brasserei?“
Wieland motzte grundlos: „So ist Barzelona eben“, ohne sich von den Scherben aufzurichten. „Ist ja auch 'ne ziemlich verkackte Stadt.“ Aus irgendeinem unerfindlichen Grund konnte er die Stadt einfach nicht leiden. Leider konnte Dolores sich nicht wehren. Aber bevor jemand anderer etwas sagen konnte, fragte Micha: „Bist du schon mal da gewesen?“
„Nein.“ Wieland drehte sich um, angelte sich eine Flasche seiner selbstgemixten Tinktur und griff nach einem Karton mit Granulat und einigen hölzernen Wäscheklammern.
Micha ärgerte sich jetzt schwarz: „Wie kannst du das dann sagen?“ Er kniff sein Gesicht zusammen, hielt in der rechten Hand eine Flasche Bier, in der linken eine Zigarette und lehnte sich angriffslustig auf den Tisch. Wieland schwieg.
Arnold und Jan hatten inzwischen ihre Jacken ausgezogen und ihr Essen ausgepackt. „Sach ma Jan, was war das eigentlich für eine bekloppte Musik gerade?“
„Das war doch eine tolle Kassette, die hab ich mir am Wochenende geholt, da waren bei uns in der Stadt Indianer mit Federschmuck und Mokassins, die haben da so Musik gemacht und die Kassetten verkauft. Das waren bestimmt echte Indianer!“ Jan sah begeistert drein, als hätte Sitting Bull ihn gerade zum Medizinmann befördert.
Arnold schüttelte den Kopf, dann setzten sich beide vor ihre Plastikteller, auf denen irgendwie undefinierbare Dinge schwommen. Ich kippte inzwischen meine Ravioli auf einen Teller, von dem vermutlich schon mehrere Tausend Subotniks gegessen hatten und schleppte mich nun auch zum Tisch. Arnold pickte mit seiner Gabel in ein sohlenartiges rauhes Etwas, das offenbar ein Schnitzel darstellen sollte, und hob es hoch, vor sein Gesicht: „Na super! Dat Schnitzel is kalt, klamm, steif wie ein Brett und“, er schnüffelte mit gerümpfter Nase, „et riecht nich gut.“
Jan blickte verschmitzt lachend, „stimmt, der Geruch hat was von Kotze.“
„Na, dann kann Wieland ja einfach seinen selbstgebrauten Komponentenkleber aufmachen. Der übertönt alles“, sagte Jonas, der inzwischen die zweite Dose geöffnet hatte. „Hast du den Kleber vom Amt eigentlich wirklich komplett weggeschmissen?“
Wieland nickte und grummelte nahezu tonlos, begann aber tatsächlich, die vorsortierten Scherben mit seinem Kleber zusammenzusetzen und mit den Wäscheklammern zu fixieren.
Jan hatte zwei Bissen abgeschnitten und sich in den Mund gestopft, da sprang er wieder auf und stratzte nach draußen: „Bevor wir gleich Bier trinken, geh ich lieber vorher pissen, sonst muss ich gleich ständig.“
Kaum hatte er den Raum verlassen, da lachte Arnold: „Haha, is einer von euch schomma mit dem Kleinen Auto gefahren?“ Alle schüttelten den Kopf. „Habt ihr schomma gesehn, wie der blinkt?“ Wieder allgemeine Verneinung, Arnold hob seine linke Hand mit dem Handrücken zu uns, knickte alle Finger und zog den Arm ein Stückchen nach unten, dann erzählte er: „Ich hab ihn gefracht, warum er so bescheuert blinkt, da sacht der nur ganz cool: amerikanisch blinken. Haha! Hat man sowas schon gehört? So ein Depp.“ Der eine oder andere schaute leicht betreten, dann hörten wir, wie Jan wieder über den Flur zu uns kam. Arnold hatte gemerkt, dass zumindest seine Art nicht jedem gefiel und lenkte schnell ab, in dem er sich zu Jonas wandte: „So viel Thunfisch? Bildesse vorm Saufen erssma 'n verkackten Antidröhnbelag?“
„Ich kannte mal einen Archäologen“, hakte ich ein, „der hat sich nur von Dosenfisch ernährt. Der hat aber auch immer in der Bibliothek unter den Tischen geschlafen. Um Geld zu sparen. Hat ihm gar nicht gut getan. Heute sind die Nieren hinüber“, und löffelte weiter meine Ravioli, während Jan sich wieder setzte und weiter an seiner panierten Sohle herumsäbelte.
Jonas legte noch einen Trumpf drauf: „Ich kannte mal einen Archäologen in Sweden, der hat immer aus alten Scherben getrunken. Wenn Wieland sich beeilt, dann kann er das ja vielleicht auch noch nachher?“ Jonas wurde heiter.
Jetzt schossen sich alle auf Wieland ein, Arnold erzählte: „Dann mussa aba so schnell sein wie letztens auffe Grabung. Leck-o-mio! Ich hab von meiner Fläche aus gesehn, wie du neben Senff hergelaufen biss, als der schon losgefahren is. Du biss ja den ganzen Weg mitgelaufn!“
Wieland beugte sich weiterhin über seine Keramik, grummelte nur leicht: „Ich wollte gerne wissen, was es mit meiner Zweitgrabung auf sich hat.“
„Was für eine Zweitgrabung?“, fragte ich.
„Hasse das nich mitgekricht? Wieland darf zu seina Umgehung und den Löchann für die Windkraftanlagen getz au'noch 'n paar Kilometa Kabeltrasse beaufsichtigen.“ Arnold lachte. „Und dat Beste is, dat ihm dat keina gesacht hat. Die Tage kam sein Baggafahra plötzlich an und frachte, wo der Bagga nächste Woche hin soll.“
Ich mampfte meine letzten Ravioli: „Was ist das denn für ein Beschiss?“
„Das ist hier die gewöhnliche Informationspolitik“, wurde Wieland jetzt gedämpft wütend, „daran wirste dich schon gewöhnen.“
„Zumal in dem Fall ja au' noch die Chromzwiebeln von der Planschbeckenfirma mit den Piccoli Stronzi im Amt aufeinandatreffen. Die potenziern sich ja.“ Er machte mit seinen Händen eine weitauffächernde Bewegung.
„Stimmt, du hattest schon mal erzählt, dass die Firma ein bisschen seltsam ist“, fragte ich Arnold.
„'n bisschen seltsam?“ Arnold machte große Augen und ein übertrieben verdutztes Gesicht. „Erzähl doch mal“, forderte er Wieland auf, „wie dat mittem Bodenaustausch war.“ Dann drehte er sich wieder zu mir und erzählte selbst: „Weiße, die Wichsa baun für sich selba zwei Windmühlen und noch zwei für so 'ne Bauerngenossenschaft. Ihr eigna Driss soll natürch pünktlich stehn und ordentlich gebaut sein. Für die Bauern dagegen trümmern sie irrndein Mist zusammen. Auf eina Fläche hättense für die Mühle erssma 'n Bodenaustausch machen müssen. Aber da kann'se ja Geld sparn. Also hamse da ma kurzerhand drauf vazichtet. Is ja auch nich die eigne Mühle. Die muss ja au' nich lang genuch stehn, damit se sich rentiert. Kórwa.“
Wieland ergänzte: „Immerhin müssen wir dieses Jahr nicht in der Sturmsaison für die arbeiten“, und Arnold erinnerte sich: „Stimmt! Dat hamse auch schon geschafft. Damit se noch die Fördagelda für't Jahr kriegn. So'n Drecksva-ein! Aba Hauptsache, der Vorsitzende der AG hat 'n Bundesvadienstkreuz!“
Jan quakte dazwischen: „Ich mach jetze mal das Fass auf. Dolores? Gibst du mir mal die Becher rüber?“
Arnold sah die Gelegenheit, weit auszuholen: „Wissta, dat passt sehr gut zu meina Theorie der Weltgeschichte.“
„Welche Theorie?“, fragte ich, während Jan sieben Becher mit Bier füllte und sie über den Tisch verteilte. Wir stießen mit den Bechern an und tranken einen Schluck.
Arnold wischte sich den Schaum vom Mund und erwiderte: „Cazzo, hab ich dir die no' nich erzählt?“
„Nein.“
Jan jubelte dazwischen: „Sagt ma, aus dem Fass schmeckt das doch tausendmal besser als aus der Flasche, oder?“
Micha und Wieland nickten stumm, Arnold fuhr fort: „Ah, skidegodt! Et gibt doch Theorien von sich wiederholenda Weltgeschichte. Marx zum Beispiel sachte, Geschichte ereignet sich zweimal. Und nach Hegel läuft sie eima als Tragödie ab und dann noch ma als Farce.“
„Genau.“
„Und das is beschissena Quatsch! Et gibt keine Wiederholungen, sondern alles dreht sich um einen verkackten Punkt.“ Er drehte die Gabel um einen imaginären Punkt in der Luft und erklärte: „Die Konstante.“
„Welche Konstante?“
„Die Konstante der Weltgeschichte, Stronzo!“ Er trank einen Schluck.
„Mir kam es immer eher vor, als würde sich die Geschichte pendelförmig bewegen. Mal schlägt es eher zu der einen Seite aus, mal zu der anderen.“ Ich ließ meine Hand hin und her fallen.
„Hm-ja, das is nich ganz falsch. Aber dat dämliche Pendel bewecht sich eben nich von links nach rechts, sondann kreisförmich.“ Jetzt imitierte Arnold ein kreisendes Pendel.
„Kreisförmig? Aber dann würde es sich doch durch den nachlassenden Schwung eher spiralförmig bewegen?“
„Auf die Konstante zu.“ Er schnipste einmal in die Luft. „Genau! Und weil die spiralförmigen Bewegungen sich manchma annähann, sieht dat wie Wiedaholungen aus.“
„Und was ist die Konstante?“
„Blödheit! Einfach – extreme – Blödheit! Die ganze fakackte Menschheitsgeschichte wird davon bestimmt, dat alle Menschen zu allen Zeiten imma total bescheuat warn. Dat siehsse doch jedn Tach! Kuck dich nur um. Alle spinnen herum, drehn durch. Und dann kuck dir den Mist an, den'e beim Buddeln findess: alles Ausdruck des ewigen Irrsinns. Einfach jeda beschissene Dreck!“
„Das kommt mir bekannt vor – hat nicht auch mal einer aus 'nem Kellerloch geschrieben, die Weltgeschichte sei alles außer vernünftig?“
„Ja, Dostojewskij.“
„Hm. Denkst du denn, die spiralförmige Bewegung läuft auf die Konstante zu, wie bei dem Pendel, dessen Schwung nachlässt? Oder schwingt die Geschichte vom Zentrum der Blödheit nach außen?“
„Da bin ich mir noch nich ganz klar. Wenn ich mir aba die ganzen Beklopptn und Irren ankucke, denk ich eher, dat wir uns auf die Dämlichkeit zubewegen.“
„Und was passiert, wenn wir da angekommen sind?“
Er zuckte die Schultern: „Keine Ahnung. Geistiga Urknall vielleicht?“ Arnold musste stumpf lachen: „Hä, so wie bei Matthias.“
„Der Spasst?“, fragte ich nach.
„Genau diese Bratzkopf. Der ist doch in der Hauptsache für die Scheißinformationspolitik zuständig. Dat Käsehirn wird zwar von oben, von Senff gedrückt, aba er gibt et au' noch verstärkt weita.“ Dann säuselte Arnold: „Dabei issa so ein lieba Christenmensch“, und sein Blick drehte sich durch die ganze Runde, „Kackepissearsch! Dieses beschissene christenverseuchte Amt. Hat Wieland dir schon von den Berichten erzählt?“
Ich verneinte.
„Na, das Theata wirsse dann noch kennlernen. Normalaweise kricht man die Scheiße hier drei, viermal wieder zurück. Mit Korrekturwünschen. Weil Herr Doktor Senff der Meinung is, er is 'n bessara Wissenschaftla, korrigiert er in unsann Berichten rum. Dabei weiß der Trottel nich mal ein Komma zu setzn. Ich hab zum Glück noch 'ne andere Quelle, deshalb hab ich au' schon Berichte gesehn, die nich mehr zurückgegangn sind. Da hatte 'ne Archologin statt vor Christus immer“, er nutzt wieder seinen christlichen Säuselton und wackelte mit dem Kopf, „vor unsara Zeitrechnung geschrieben.“ Dann motzte er wieder normal weiter: „Da hat irrndein Spack, und dreima darfsse raten, wer, jedesma groß in rot“, jetzt schrie er laut, dass Dolores sich erschreckte, „ATHEIST!“, und beendete den Satz wieder normal: „geschrieben.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Na, an die Korrekturen wirsse dich schon gewöhnen. Besonders schlau sind die, bei denen der Trottel seine eigenen Korrekturen wieder anstreicht und die Formulierungen wünscht, die de vorher selbs geschrieben hattess. Aber gut, so christlich wie unser Popenbengel Senff nu ma is, passt natürlich au' so'n Versager wie Matthias perfekt in die Struktur. Weiße“, Arnold beugte sich zu mir und zeigte mit dem Finger in meine Richtung, „nach welchen Kriterien hier Aufträge vergeben werden?“ Ich schüttelte natürlich den Kopf. „Dat Arschloch Matthias is unta annerm dafür zuständig, an welchen Tanken wir unsere Dienstwagen auftanken. 'n paar Jahre schon ham wir imma bei Möllers getankt – dat is hier so 'ne kleine Kette. Irrndwann, ganz plötzlich ohne Vorwarnung, wurde die plötzlich gewechselt. Weil, der liebe Christ Matthias hat in seim Bibelkreis 'ne andere Tankstellenpächtarin kennengelernt, und plötzlich hatte die die Aufträge. So'n Zufall, nich wahr?“
Ich lachte stumm aber tief verächtlich.
„Ja, so sind se, die Christen. Und ich geb dir ma no'n kostenlosen Tipp: Fahr niemals im Wagen dieser Sacknase Matthias mit! Der Arsch hört sich den ganzen Tach nur irrndwelchen Christenpop an und versucht ständig, die ganzen DDR-Arbeita zu missionieren. Wahrscheinlich“, höhnte Arnold tief, „arbeitet der nur deswegen hier. Damit er bekehrn kann und innen Himmel kommt!“ Arnold lachte. „Dann doch lieber Musik von echten Indianann!“ Er grinste zu Jan, der grinste ehrlich zurück.
Jetzt schaltete sich der immer noch über seine verklebten Scherben hängende Wieland ein: „Ahnung hat er jedenfalls nicht. Der soll doch auch Geographie studiert haben.“ Jonas nickte. „Dann muss er aber verdammt miserabel sein. In den Plänen, die er mir jetzt hat zukommen lassen, sind die Kabeltrassen jedenfalls zwei Kilometer lang und nicht zweihundert Meter, wie er mir gesagt hat. Aber wahrscheinlich reichte es wirklich, dass er bekennender Christ ist.“ Wieland drehte sich jetzt mir zu: „Wusstest du eigentlich, dass schon unser ganzes Institut mit Christen durchsetzt ist?“ Ich verneinte wortlos, jetzt blickte er von seiner Beschäftigung hoch: „Das ganze Institut an der Uni ist seit dreißig, vierzig Jahren in der Hand von Kirchengängern, meist Katholen. Jede Abteilung.“
Ich nickte erleuchtet, schlagartig besaß die Gleichung, nach der am Institut die Stellen besetzt wurden, für mich eine Unbekannte weniger. Zahlreiche offensichtliche Fehlbesetzungen machten nun einen Sinn. Dazu gehörte natürlich auch Senff.
„Na, und dieser stockbleiche Esel, bleich ist er, weil er ja nie seinen Schreibtisch verlässt oder die Wohnung, die er gerade renoviert“, Jonas lachte in den Wurmsatz hinein, den Wieland fortsetzte, „dieser Esel ist genau über diese Kanäle an die Stelle gekommen. Nach oben buckelt er, nach unten tritt er, scheißt alle Mitarbeiter an und betrügt sie. Und die Informationen leitet er mit Absicht und absolut zielgerichtet an die falsche Person, das wirst du auch schon merken.“
Jan unterbrach mit einem laut vernehmlichen Furz.
„Mensch Jan, wenne einen fliegen lassn willss, dann musse dat auch beim Tower anmelden, Ty Chuju!“
„Te – was?“
Dolores, die gerade einen Schluck Bier getrunken hatte, prustete los. „Arnold, immä makest du Vitsse. Lass miss dok mal slucken!“
Arnold winkte ab und konzentrierte sich darauf, sein restliches Essen zu vertilgen. Jonas knetete sich inzwischen eine ausführliche Portion Snus zwischen den Fingern und stopfte sie sich hinter die Oberlippe. Sein Gesicht verzog sich in genießerischer Mimik.
Dolores begann zu plaudern: „Auf die Esskava-thion es var 'eute, vie ssakt man in Deutss? Auf Katalun ssakt man pladscha.“
„Strand, du meinst Strand“, sagte Wieland.
„Ah, genau vie an S-trand. Sso fill Ssand und Ssonne. Das isst fast vie in Es-panja. Der 'erbst in Deutssland, dass var ssrecklich. Dass var immä dung-kel. Die gansse Tack nur Volken, keine Lisst. Dass var nisst ssön.“ Sie schüttelte den Kopf.
Wir hörten ein Auto heranfahren. Da wir niemanden mehr erwarteten, ging Jonas ans Fenster, um auf den Parkplatz zu schauen, wer da kommt. „Nanu? Wer ist das denn?“
Micha stand auch auf und schaute suchend und fragend auf den Parkplatz: „So'n Bauarbeiter-Pick-up. Da steigt so ein kleiner Dicker aus. Mit Schnurrbart. Und einen Arm.“
„Ssnurrbart? Isst das niss eine Mustasch?“ Dolores blickte in die Runde. Mehrere nickten und ihr Gesicht nahm ängstliche Züge an.
Nur Wieland schaute vertraut, der Rest blickte fragend zu Dolores und zu Wieland. „Scheibenkleister! Das ist so'n Idiot von der Baufirma. Also der Bauleiter. So'n einarmiger Spinner, der ist hinter Dolores her.“
Kaum hatte er das gesagt, da brüllte es von draußen schon leiernd: „DOLORES!“
„Mustasch soll nisst 'ereinkommen!“ Dolores fürchtete sich wirklich. „Der 'at miss die gaaansse Sseit 'eute gekwatsst. Der vill mir ein Kassett mit Merenge aufnemmen. Merenge! Dass 'ört meine O-pa! Päh!“ Sie unterstrich ihr verächtliches Geräusch mit der entsprechenden Geste der Südländerin.
„Ist der noch ganz klar?“, fragte ich Wieland, „Der kommt hierher? Zur LPG?“
„Heute hat er gefragt, ob er nicht mal hierhin zum Grillen kommen darf. Ich hab ihm natürlich gesagt, dass er sich bloß fernhalten soll.“
Micha und ich wandten uns zur Tür, Arnold kam mit: „Wir sagen dem Arsch ma, dat der sich verpissen soll.“ Dolores war offensichtlich sehr froh, nicht allein in der LPG zu sein.
Vor der Tür fingen wir dann den stark angetrunkenen Bauleiter ab.
„DOLORES! ICH WILL ZU DOLORES!“
„Hier gibt es keine Dolores und jetzt mach dich vom Acker, sonst gibt es Zores!“, spielte sich Micha auf, der im Vergleich mit dem kurzgewachsenen Bauleiter mehr als hühnenhaft erschien.
„Aber ich muss sie sprechen, ich muss Dolores sehen“, Moustache hielt in seiner Hand eine Musikkassette: „ICH HAB DIR EINE KASSETTE AUFGENOMMEN! DOLORES! HÖRST DU MICH?“
„Sie hört dich nich, weil se nich hier is. Merda, du Suffkopp, verpiss dich getz!“
Erst versuchte er noch, an uns vorbeizukommen, dann schnitten wir ihm aber den Weg ab und schoben den Besoffenen sachte in Richtung zu seinem Auto.
„Ich will ihr doch nur die Kassette geben und einen-“, versuchte Moustache zu sagen, da überdrehte Arnold. Er überraschte Micha und mich nicht weniger als den Bauleiter, der nicht mit Widerstand gerechnet hatte: „Zieh Leine, du Arsch, sonst stech ich dich ab und verprügel dir die ungewaschene Fresse!“ Micha und ich schauten Arnold mit großen Augen an. Wir mutmaßten zwar angesichts seiner üblichen Sprache, dass er auch in diesem Moment nur blufft, blieben aber stumm.
Moustache schien einzusehen, dass er schlechte Karten für ein Techtelmechtel hatte, dennoch schrie er weiter: „DOLORES! ICH WILL DICH SEHN! ICH LIEBE DICH! ICH MUSS DICH SPRECHEN!“
„Da gibt’s nix zu sprechen und getz pack dich!“
Endlich hatten wir ihn in seinen Wagen gedrängt und ihn davon überzeugt, dass er besser losfahren sollte und nicht mehr wiederzukommen brauchte.
Als er den Motor angelassen hatte, fragte Micha den dritten in unseren Bunde: „War das nicht ein wenig übertrieben?“
„Paska! Mit der Arschkröte musse doch Tacheles reden, sonss wär der nie gefahrn!“, antwortete Arnold und verschränkte die Arme.
Dann kicherte Micha: „Solln wir den Grünen Bescheid sagen, dass hier 'n Besoffener unterwegs ist?“, und Arnold sagte kopfschüttelnd: „Wozu? Wenn Dolores Glück hat, fährt dat zugeknallte Arschloch von einem Wichser vorn Baum.“
Moustache war kaum vom Hof gefahren, da trudelten wir wieder in den Gang und stolzierten wie Helden in die Küche.
„Er ist weg“, rapportierte Micha stolz.
Dolores war dennoch einen Moment lang geknickt: „Iss vusste es, als iss 'eute die Toddesföggel ge-ssenn 'ab.“
„Was für Todesvögel?“, fragte Jonas.
„Ach, da waren ein paar Krähen auf dem Acker. So'n paar fette Braten.“
„Odins Vögel?“ Jonas Augen glänzten, „Das sind doch keine Todesvögel, Dolores! Das sind Hugin und Munin!“
Dann tranken alle auf den Schreck einen Schluck Bier. Arnold bewunderte bei dieser Gelegenheit an Jonas andere Talente als seine skandinavische Bildung: „Cazzo, du hass aba auch 'ne verteufelt gute Schlachzahl beim Saufen!“
„Na man sagt doch, Bier macht schön?“, fragte Jonas verschmitzt und Jan freute sich lachend: „Tatsächlich? Dann muss ich ja wunderschön sein.“ Er nippte an seinem Becher, und seinem Mund entfuhr ein zufriedenes „Aaaah!“
Jonas erzählte: „Ich kenn einen dänischen Trinkerspruch, das heißt, eigentlich ist es ein Lied, das ist sehr lustig.“ Er sang: „Så svin-ger vi po-ka-ler-ne i-gén! Skål!“, und schunkelte dazu seinen Becher.
Jans Augen glänzten: „Das ist toll! Das machen wir zusammen!“ Alle wedelten mit ihrem Becher und sangen:






Jonas, Dolores, Arnold, Micha, Wieland, ich:

„Ssoo sving-ger wi po-key-ler-nä i-genn –
skoll“



Jan:

„So schwing-ga ipo-ka-ner-le i-tenn – skoll“



Dann nahmen wir einen Schluck. Jonas schüttelte den Kopf, die meisten grinsten, selbst der angetrunkene Jan: „Neineinein, Jan. Es heißt: Ssoo sv-ing-ger wi po-key-ler-nä i-genn.“
„Na, das hab ich doch gesagt! – Nochmal!“ Wieder vollführten die tanzenden Becher zum dänischen Gesang Bögen in der Luft.






Jonas, Dolores, Arnold, Micha, Wieland, ich:

„Ssoo sving-ger wi po-key-ler-nä i-genn –
skoll“



Jan:

„Sosch wing-vi po-la-ker-ne ä-gänn – skoll“



Jonas schüttelte grinsend den Kopf: „Nein, Jan!“ Dann sprach er immer vor und Jan wiederholte: „Sso“ – „sso“ – „svinger“ – „schwinga“ – „wi“ – „wi“ – „pokeylerne“ – „Pokale“ – „igenn“ – „ägänn.“ Jonas' Gesicht zeigte deutlich, dass bei Jan der akustische Hopfen und das fremdsprachliche Malz verloren waren. Jan ertrug die Schmach standhaft, und ab sofort hieß es nur noch ohne jeden Gesang Skål, Nazdrowie, Salut, Cheers, Santé, Kippis, Nachaim, Sláinte, mehrfach sogar Tram van tram, niemals aber Prost.
Plötzlich klingelte das Telefon und Arnold beschwerte sich: „Wat is dat denn für'n beschränktet Arschloch, dat getz noch hier anruft?“
„Das isst bes-timmt für miss“, Dolores sprang auf, „meine Mutter in Barthelona vill 'eute nok anruffen.“ Sie stürmte zum Telefon, an dem sich ihre Laune augenblicklich hob. Überschwenglich begrüßte sie ihre Mutter und plauderte angeregt wie ein spanisches Maschinengewehr in den Hörer. Jonas zündete sich wieder einmal eine Zigarette an, die er dann im Aschenbecher ausglühen ließ. Er nahm sich eher unbewusst ein paar Wandscherben, die in sehr schlechtem Zustand waren und aufgrund ihrer Farbe eindeutig nicht zu Wielands Gefäß gehörten. Dann begann er, nebenbei mit ihnen zu jonglieren und merkte erst im Nachhinein, womit er sich beschäftigte. Konzentriert schaute er auf die über seinem Kopf fliegenden Tonstücke. Wieland blickte streng von seinen Klebeversuchen auf, sagte aber nichts.
„Das hab ich für Demos gelernt. Immer schön mit Pflastersteinen jongliert und eine Mütze vor die Füße gelegt. Wenn dann die Bullen kommen, hab ich immer gesagt, ich jongliere ja nur.“ Er verzog sein Gesicht zu einem frechen Lächeln, dann begann er die Melodie von Hänschen-Klein zu summen. Bald sang er sogar: „Pflasterstein, flog allein, in die Deutsche Bank hinein-“
„Bist du etwa so ein Krawalltourist?“, fragte Wieland ehrlich erbost.
„Hast du das noch nicht gemerkt? Warum, glaubst du, fahr ich jeden ersten Mai nach Berlin?“
Ich grinste ahnend.
Er legte nach: „Warum, glaubst du, übe ich Baggerfahren?“
Ich hörte auf zu grinsen und er fuhr fort: „Ich kenn in Kreuzberg ein paar Schrauber, die haben Zugang zu einem Bagger. Den wolln wir nächstes Jahr mit einem Gitter um das Fahrerhaus versehen, dann setz ich mich da rein und bin sicher vor den Bullen. Und dann bau ich die schönsten Barrikaden, die man sich vorstellen kann!“ Jonas freute sich selbstbewusst.
„Ich kann ja verstehn, wenn einem diese Idioten mit ihrem Liberalismus auf den Keks gehen, aber die Randalen hab ich nie verstanden“, warf ich ein.
Jonas' Augen begannen zu glühen: „Naja, du stampfst in dieser schwitzigen Enge, bist umgeben von scharzen Ärmeln und Sonnenbrillen, von rechts kreischt Trillergepfeife ...“

Sonntag, 1. März 2009

Kapitel 9.3

Die Phase, die nötig war, damit sich ein halbes Dutzend Leute in einem notdürftig eingerichteten Bad waschen konnte, nahm jeden Abend viel Zeit in Anspruch. Bevor man gemeinsam irgendetwas essen und zwei, drei leckere Bierchen verschnabulieren konnte, bot es sich also an, diese Ruhe zu nutzen, um den restlichen Papierkram abzuarbeiten.
Irgendwann trudelte einer nach dem anderen in den Gemeinschaftsraum vor der Küche mit Ausnahme von Wernher. Er war der Einzige in dem LPG-Gebäude, der sozusagen zu dem älteren Eisen gehörte, und hatte wenig Interesse daran, mit uns zusammen zu sitzen. Vielleicht lag es an seiner früheren Nebentätigkeit als Grabungsspitzel, denn auch die älteren Mitarbeiter auf der Grabung unterhielten sich mit ihm anders, als sie es untereinander taten. Ich weiß es nicht, fand es aber schade, weil es mir kaum schien, dass er eine größere Macke hatte als wir anderen. Im Gegenteil war er immer fleißig und sehr an der Arbeit interessiert, die er im Gegensatz zu Orka auch gewissenhaft leistete. Ich streunte daher ab und zu in sein Zimmer, bevor ich in die Küche ging, um mir eine Dose Ravioli oder ähnlichen Simpelfraß, zu dem man auf Grabungen quasi verurteilt ist, aufzuwärmen.
Ich klopfte zweimal an seine Tür, er bat mich leise „herein“. Er saß an einem Schreibtisch, blätterte in einem bunt bebilderten Katalog und mampfte gemütlich an dem Rest seines Abendessens, eine Scheibe Schwarzbrot mit Leberwurst.
„Wir sind gleich wieder in der Küche. Hast du keine Lust, auf ein Bierchen dazuzukommen?“
Wernher freute sich ehrlich, dass ich ihn fragte: „Nee, lass ma. Aber danke, det du mich frachst. Ick blätter nur noch ’n paar Minuten in meim Katalooch hier, denn hau ick mir uff’t Ohr.“
„Ich staun ja immer noch, was du dir alles in deinem Wagen mitgebracht hast. Das ist ja ein halber Hausstand hier“, bewunderte ich seine Einrichtung.
„No, man will et ja ooch jemitlich ham und det is ja schon eklich jenuch hier. Weeßte, als ick vorhin rinjekomm bin, da seh ick doch, wie uff meem Bett son kleenet Silberfischchen looft.“ Mit reibenden Fingern imitierte er ein kleines Tier, er schauderte sich merklich. „Da ha’ck denn die Decke ausjeschlagn und det Viech erst ma jesucht und totjemacht.“
„Stimmt, hier ist wirklich viel Ungeziefer. Ich hab ja zum Glück nur Spinnen, aber hast du schon mitgekriegt, was Wieland für Haustierchen hat?“
„Nee.“
„Der hat vorgestern festgestellt, dass unter der Auslegware in der Ecke an der Tür ein Ameisenstaat eingezogen ist.“
„Spinnen, Ameesen, dit is ja allet schön und jut. Det lass ick mir ja noch jefalln – aba Silberfischchen!“ Wernher schüttelte sich und verzog angewidert das Gesicht. „Nee, det muss ick wirklich nich ham.“
„Was liest du denn da Schönes?“, lenkte ich erfolgreich ab.
„Det? Och, det is ’n Katalog für meine LKW-Sammlung. Weeßte, ick sammel doch die kleenen Lasta hier.“ Er blühte auf, „Wenn ick schon nich mehr selber fahr, denn doch wenichstens sone kleene Erinnerung. Außerdem sind det allet jute Wertanlagen. Kiek ma hier uff die Seite, da den Hasseröder-Schlepper, den habbick!“ Mit der linken Hand hielt er mir den zusammengefalteten Katalog vor die Nase, mit der rechten tippte er sich auf die Brust. „Der is unter Sammlern schon seine vierzich West-Maak wert!“
Ich sagte nichts dazu, denn ich wollte ihm nicht die Illusion rauben, die diese lächerlichen Kataloge bei all denen erzeugen, die viel Geld für solche Büchlein auf die Theke legen, um schwarz auf weiß bestätigt zu bekommen, dass theoretisch (!) irgendwo auf der Welt ein (!!) Sammler (!!!) hockt, der erfundene Mondpreise für tausendfach hergestellten Plastikmüll bezahlt.
Inzwischen knurrte mein Magen laut und vernehmlich, daher konnte ich mich einfach in die Küche verabschieden, ohne weiter auf diesen Sammlerirrsinn eingehen zu müssen.

Sonntag, 1. Februar 2009

Kapitel 7.4

Unrhythmisch-schmatzende Geräusche, als schritte jemand im Sumpf Kreise ab, holten mich zurück in die schreckliche Realität. Es machte sich allgemein bemerkbar, dass mir weder der blutige Rülpsgeruch dieser Gorgozilla noch die Vorstellung gefiel, Blutbuletten zu verzehren. Jan wunderte sich: „Bist du etwa son Vegetarier?“
„Nee“, antwortete ich, „ich hab einfach ’ne natürliche Ekelgrenze.“
„Na, ich dachte nur, weil die meisten Archologen sind doch Vegetarier.“
„Sind sie?“
„Hast du schon mal mit Archologen gegrillt?“
„Natürlich.“
„Da war doch immer ein Vegetarier dabei, oder?“
„Jo“, musste ich einräumen, „ein oder zwei schon.“
„Siehste! Und ich hab mal mit einer archologischen Vegetarierin gearbeitet, die hat sich nur von Erdnussriegeln und Limo ernährt. Außer abends, da hat’se dann Pizza gegessen, Salat hat’se nich gemocht. Bis ich ihr mal erzählt hab, wo das Lab für den Käse herkommt, aus Kälbermägen nämlich!“ Die Mundwinkel in Jans Gesicht zogen sich fratzenartig nach oben. Er freute sich sichtlich: „Danach hat’se nur noch Pizza ohne Käse bestellt. Davon abgesehen is das sowieso total blödsinnig. Jeder isst Tiere.“
Ich setzte unwillkürlich ein verwundertes Gesicht auf: „Wieso?“
„Na, im Schlaf. Hast du mal überlegt, wie viele Spinnen du isst, wenn du mit offenem Mund schläfst?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Da gibt’s so wissenschaftliche Berechnungen. Das sind pro Woche wenigstens ein bis zwei Spinnen, die nachts von der Decke fallen und die du aus Versehen verschluckst. Ob du willst oder nicht.“
Sylvia unterbrach: „Hänschen, jetzt hör auf, an deinem Daumen zu knibbeln!“ Die Aufmerksamkeit war augenblicklich auf Hans gelenkt. Der hatte während unserer Unterhaltung ein kleines Taschenmesser aus seiner Hosentasche gezogen, es aufgeklappt und an seinem linken Daumennagel herumgepult, der schwarz und dick war, weil er sich einige Tage zuvor beim Schrauben den Daumen geklemmt hatte.
„Das ist doch nich steril. Das geht doch nicht, Hänschen. Was würde deine Mutti dazu sagen?“ Hänschen grummelte, schwieg ansonsten aber und kramte aus seiner Tasche ein Kabel, das er morgens von einem entsorgten Toaster abgeschnitten hatte, schnitt mit dem Messer die Isolierung ein und zog sie vom Kupfer.
Unvermittelt fragte er mich: „Du kennst Wieland noch von der Uni?“
Inzwischen war ich wieder weitgehend zu mir gekommen: „Ja.“
„Hm.“ Hans überlegte kurz, dann fragte er weiter: „War er da auch schon so ungeschickt?“
„Naja“, ich pustete einmal tonlos, „manchmal ’n bisschen nervig.“ Nach einer kleiner Pause ergänzte ich: „Also, er hat gerne mal die Leute in der Bibliothek zugeschwatzt und ihnen zu jedem erdenklichen Thema kurze Vorträge gehalten.“
Hans schaute verständnislos: „Tja, und hier hat er sich erst mal auf die Knochen blamiert.“
„Wieso?“
„Die erste Grabung, die er hier gemacht hat, war ’ne größere Flächengrabung. Da sollte er genau wie hier die Fläche in 10-Meter-Quadranten unterteilen und bearbeiten.“
„Ja. Und?“
„Rate mal, wie er versucht hat, ein Quadrat mit einer Seitenlänge von zehn Metern auszupflocken.“ Ich blickte verwirrt. „Er hat einen Pflock gesetzt, ist mit dem Maßband zehn Meter in eine Richtung gelaufen, hat da den zweiten Pflock gesetzt, ist Pi mal Daumen zehn Meter senkrecht dazu nach rechts gelaufen“, ich merkte, worauf Hans hinauswollte, „hat den nächsten Pflock gesetzt und wollte dann wieder senkrecht dazu beim ersten Pflock auskommen.“
„Der natürlich sonstwo stand“, lachte ich.
„Genau. Und Wieland hat einfach nicht begriffen, was er falsch gemacht hat.“ Er ahmte Wielands Stimme nach: „Das kommt einfach nicht aus, Hans! – Am Ende habe ich meine Schnur hier genommen“, Hans kramte ein Bündel Maurerschnur aus der Tasche, „und hab ihm die Pflöcke in Nullkommanix gesetzt. Und die stimmten.“
„Ich nehme an, die Schnur hat Knoten bei zehn Meter und bei vierzehn Komma, was sind das noch?“, überlegte ich, „eins ... vier ...“
„Genau, Pythagoras. So einfach ist das. Aber unser adeliger Archäologe ist zu doof dazu.“
„Grabungsleiter! Du wirst staunen“, sagte ich, „was ich da schon für Idioten erlebt habe. Ich war mal als Student auf ’ner Stadtgrabung, da hat der Chef Telekomleitungen gezeichnet und fotografiert. Von allen Seiten. Von oben, von links, von rechts und von unten. Es ist ja alles Befund, dozierte der ständig. Als das zuständige Amt merkte, dass er auch noch Plastikrohre ausführlich dokumentierte, war er die Grabung ganz schnell wieder los.“
„Telekomleitungen!“, lachte Hans, „Das ist gut. Wir hatten schon mal eine Archäologin, weißt du noch Sylvia? Die Klamm, die immer klamm war, die hat doch bei den kleinsten Pfostenlöchern noch Kreuzschnitte gemacht.“ Ich musste laut lachen.
Nach einer kleinen Pause kam Hans zurück zu Wieland: „Aber damals hat Wieland sich ja sowieso immer festgespielt.“
„Festgespielt?“
„Ja. Er macht alles selber, lässt keinen irgendwo ran, und vergisst jede Zeitplanung. Die Trasse hier und die Windkraftanlage sind die ersten größeren Projekte, die er seitdem macht. Zwischendurch hat er nur Voruntersuchungen für Radwege begutachten dürfen. Damit er sich da nicht festspielt.“ Hans freute sich: „Hehe, und er wusste nicht einmal genau, warum. Einmal hab ich ihn gefragt, Mensch Wieland, ist dir schon mal aufgefallen, dass du immer nur Radwege machen darfst? Da hat er wild genickt und zurückgefragt: Habt ihr das auch schon bemerkt?“
„Ja, du hast ihn immer geärgert, Hänschen“, unterbrach Sylvia, „auch mit deinen Wetten.“
„Mit was für Wetten?“, zwischenfragte ich.
„Ha! Das war immer lustig“, amüsierte er sich, drehte sich zu Sylvia und ermahnte sie, „außerdem hast du auch immer von dem Kuchen gegessen!“, dann wandte er sich wieder mir zu, „na, wenn wir einen Befund hatten, irgendein Steinpflaster oder so, denn hab ich mit Wieland immer gewettet. Da ist noch ’ne Urne drunter, hab ich dann gesagt. Und Wieland hat gesagt, nee, da kommt bestimmt nüscht mehr. Denn hab ich gesagt, um was wettest du? Wenn ich recht habe, backst du dem ganzen Grabungsteam einen Kuchen, hab ich gesagt. Na, und er hat eingeschlagen.“ Seine Mundwinkel wuchsen in neue Höhen. „’türlich hat er verloren. Aber er kann selber nicht backen, also musste seine Frau Britta einen Kuchen backen. Und er wollte natürlich schlau sein. Bei einem Wasserloch hab ich gesagt, da kommt noch ein Brunnen. Wieland sagte: Nein, da kommt nüscht mehr. Was wettest du, wieder einen Kuchen?“ Er malte mit den Händen einen Kuchen in die Luft. „Und er war sich so sicher. Hähä. Als der Bagger einmal reingriff, waren wir mitten im Brunnen, ’n schöner Kastenbrunnen. Und Wieland jammerte“, er drehte sich wieder Sylvia zu, die ein Schmunzeln nicht unterdrücken konnte, außerdem hob sich seine Stimme und singsangte, „Wie soll ich Britta das beibringen, dass sie am Wochenende schon wieder einen Kuchen backen muss?“ Hans lachte laut, der Bauwagen stimmte mit ein.
„Habt ihr den Brunnen denn noch graben können? War doch bestimmt ’ne gute Plackerei, wenn der noch unter Wasser stand?“
„Das kannst du laut sagen. Da brach ständig was ein, aber es hat sich auch gelohnt. Da haben wir ein paar schöne Holzfunde rausgeholt.“
„Mit den Einbrüchen muss man echt aufpassen. Ich hab mal ’ne Grabung erlebt, auf der der Grabungsleiter noch seine besten Freunde in drei Meter tiefe Schnitte geschickt hat, die offensichtlich einsturzgefährdet waren, weil er keine Spundwände gesetzt hatte.“ Ich setzte mein wichtigstes Gesicht auf, um die Bedrohung zu unterstreichen. „Es hatte vorher wochenlang nicht geregnet und plötzlich schüttete es in ein paar Stunden knapp siebzig Liter pro Quadratmeter. Als wir am nächsten Tag wieder zur Grabung kamen, sind um uns herum die Bäume umgefallen, weil der Boden das Wasser gar nicht aufnehmen konnte.“ Ich stützte beide Ellbogen auf den Tisch und imitierte mit den Unterarmen umfallende Bäume.
Jetzt schaltete Wernher sich ein: „Manche Leute kennen eben jar nüscht. Die sind als Archologe un ooch als Scheff unter aller Kanone.“ Er blickte zu Sylvia und Hans: „Ihr zwee kennt doch ooch den Fritz, der hat doch immer zusamm mit dem Carlo jearbeit’.“
„Der Carlo, der son bisschen zurückgeblieben ist?“, fragte Hans.
„Ja, jenau den meen ick. Der hat den Carlo der-ma-ßen aus-je-nutzt“, er dehnte die Silben und tippte im Rhythmus dazu auf den Tisch, „det jlobt man nich. Einmal ha’ck jesehn, det der Fritz sich vor den Carlo jestellt hat, als der jrad ’n Befund bearbeit’ hat“, Wernher streute zwischen die einzelnen Worte mehr und mehr Pausen, die immer länger wurden, „sich .. vorbeucht .. und ... dem ... Carlo .... mitten .... int ..... Jesicht ..... forzt.“ Jetzt schüttelte er den Kopf. Wir anderen stimmten in diese Geste mit ein – bis auf Orka, die mit ihren letzten Tollatschen beschäftigt war.
„Das kann man sich gar nicht vorstellen“, erwiderte Sylvia entsetzt und hielt sich die Hand vor den Mund.
„Det war aber so, so wahr ick hier sitz“, schwor Wernher mit erhobener Hand.
Hans holte zum letzten Schlag gegen Fritz aus: „Soll der Fritz nich neulich in der Stadt im Mini und mit so Schminke im Gesicht rumgelaufen sein?“
„Stimmt“, erinnerte Sylvia sich, „das hab ich auch gehört.“
„Mit Schminke?“, fragte Wernher, Hans und Sylvia nickten. „Im Minirock?“ Sylvia und Hans bestätigten auch das. „Aber der wiecht doch bestimmt seine ... nu ja ... hundertzehn Kilo ... und is kleena als wie unsa Jan hier.“
Alle blickten zu Jan, der inzwischen eine Tafel Schokolade mit 60% Kakao aus seiner Tasche gekramt hatte, und sie nun auf den Tisch schlug als Zeichen dafür, dass der Nachtisch begonnen hatte. Die rohe Gewalt, die er dabei wirken ließ, atomisierte die gute Tafel leider zugleich.
Wernher kramte jetzt einen Apfel hervor, Sylvia wühlte zwei Plastiktöpfchen mit Pudding aus der Tasche und stellte einen Becher vor Hans, der sich bedankte. Orka entnahm ihrem Fresssack einen Halbliter-Topf vollgezuckerten Joghurt und riss mit einer fließenden Bewegung den jungfräulichen Deckel von der Öffnung. Ihr dicken Finger schlängelten sich um den Deckel und führten ihn an den Puttenmund, aus dem ein warziges und langgeschquetscht fleischiges Etwas entfuhr, das das Aluminium geräuschvoll abraspelte. Danach griff dieser weibliche Gargantua einen Esslöffel und vergewaltigte damit das Plastikfass, als wäre der Becher eine Glocke und der Löffel ein Klöppel, mit dem sie als Glöckner das baldige Ende der Welt anzuschlagen versuchte. Der zugehörige Blick wirkte dabei so konzentriert, wie das Gesicht eines siebzigjährigen Einsiedlers, der im vierzigsten Jahr über die Weltformel brütet.
Das Geklöppel Orkas klang noch nach, als der gemütliche, leider zu kurze Teil der Pause begann. Sylvia kramte eine Ostillustrierte hervor und schlug sie auf, Hans knispelte weiter an seinem Kabel.
„Schau mal Hänschen“, wies sie auf eine Anzeige, „Fuchs und Elster“, und blätterte weiter. Wernher verschränkte derweil die Arme vor seinem Bäuchlein, schloss die Augen und entspannte sich tief.
„Naschkatze. Hmm. Vanillesoße. Die ist lecker“, kommentierte sie die nächste Anzeige und klappte die Seite um. Jan legte seine Arme parallel auf den Tisch und bettete seinen Kopf darauf.
„Mensch“, murmelte die Zeichnerin erschreckt, „ich muss ja noch einkaufen!“
„Ich brauch für heute Abend auch noch was“, meinte Hans.
Sylvia pflückte inzwischen ein Blatt vom Fundzettelblock, der stets auf dem Tisch lag und missbrauchte die leere Rückseite als Einkaufsliste: „Was brauch ich denn?“
„Is heut nich Dienstag?“, fragte Hans in den Raum. Ich nickte. „Da steht doch der Vietnamese immer vor’m Supermarkt, ich glaub, da hol ich mir heute einen Broiler, da hab ich richtig Hunger drauf. Meine Mutter isst ja so gerne Broiler, die freut sich bestimmt. Und ich mich erst.“ Hans freute sich jetzt schon sichtlich.
Jan erwachte wieder, stand auf und fragte den quasi-schlafenden Wernher, während er nach dessen Apfelkitsche griff: „Darf ich?“
Sylvia dachte im Gegensatz zu Hans über den Abend hinaus: „Hm, erst mal brauch ich noch Äpfel, vier Äpfel, Elstar vielleicht, Erwin wollte außerdem noch, dass ich ihm TV Guck mitbringe ...“
„Natüürch“, erwiderte der noch schläfrig blickende Wernher, „natüürch darfste den entsorjen.“ Jan schritt mit dem Apfelrest zur Tür, öffnete sie und warf den Apfel auf ein Ziel außerhalb des Bauwagens, das wir nicht sehen konnten.
„... da kann ich auch gleich die neue SuperIllu einpacken ...“
„Zwar nicht getroffen, aber die Richtung stimmt!“, rief Jan erfreut und erwartete anscheinend eine Bestätigung von uns, die wir doch alle sein Ziel nicht sehen konnten.
„... für den Milchreis brauche ich noch Milch, einen, nein besser gleich zwei Liter, für die Haferflocken brauchen wir ja noch mehr ...“
„Wisst ihr, das kommt vom instinktiven Bogenschießen.“
„... ich glaub fast, Wurst-Käse ist auch alle ...“
„Instinktiv?“, fragte Marion, ich schwieg, um mir die Fotos nicht noch einmal ansehen zu müssen.
„... da hole ich gleich noch ein bisschen Mortadella ...“
„Ja, instinktiv. So trifft man am besten.“
„... Margarine ist auch schon fast alle, was ist mit Papiertempo?“
„Ich hab mal als Kind dem Hausmeister einen Schneeball ins Gesicht geworfen ...“
„... die brauchen wir doch bestimmt auch schon wieder, der schnieft vielleicht im Moment, das glaubt man nicht ...“
„... der kam gerade um die Ecke, das konnte ich nicht wissen, aber trotzdem hab ich ihn mitten ins Gesicht getroffen.“
„... für Toni brauche ich noch Fleisch, war nicht Nero im Angebot? Da nehme ich doch gleich vier große und acht kleine mit ...“
„Das ist noch son Steinzeiteffekt, dass man besser trifft, wenn man einfach drauflos wirft, als wenn man zielt.“
„... sollte ich nicht noch Rosinenbrot mitnehmen? Da hole ich besser gleich mal zwei, dann brauche ich noch Brötchen, Erwin braucht ja auch noch drei.“
„J-ja. D-das hat mein Vater auch gesagt“, bestätigte Orka Jans Theorie. „Der war ja Sportschütze in der D-DDR. Der hat mit einer D-dragunov geschossen und war Bezirksmeister.“
„Mit einer Dragunov?“, fragte Jan ehrlich interessiert.
„J-ja. Er hat auch eine kleine K-k-kanone. Mit der schießt er immer zu Silvester. Dafür darf er im Jahr f-fünf Pf-pfund Schwarzpulver kaufen.“
„Das gibt es doch nicht“, zweifelte Hans.
„D-doch. Er zieht auch selber M-musketenläufe und sch-schießt damit. Er darf auch ein Pf-pfund Sprengstoff kaufen.“
„Das kann doch nicht sein“, Hans blickte kopfschüttelnd in die Runde, „was ist das denn für ein Land, in dem ein Privatmann Sprengstoff kaufen darf?“
„Det würd ick ooch ma jerne wissen, Hans“, sagte Wernher, während er die Reste seines Mahls verstaute, und ergänzte, „so – jetzt muss ick ma dahin, wo der Kaiser zu Fuß hinjeht.“ Er stand auf, quetschte sich an Jan vorbei durch die Tür und war kaum aus dem Bauwagen gestiegen, als er uns auch schon herausrief: „Mönsch, kommt ma raus, det jlaubta nich, da steht ’n Pferd vor’m Bagger!“
„Ein Pferd?“, fragte Sylvia und blickte mit mir aus dem Fenster des Bauwagens. Wernher hatte nicht gelogen, es stand tatsächlich ein Pony vor dem Bagger und war offenbar glücklich darüber, ein wenig Gesellschaft zu haben. Es blieb dem Pony allerdings nicht vorbehalten, unsere Pause zu beenden, denn kaum hatten wir das Tier gesehen, als auch schon der Wagen von Senff auf den Acker fuhr.