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Mittwoch, 30. September 2009

Kapitel 14.5

Senff hatte die meisten der an ihn gerichteten E-Mails inzwischen gelesen, da entdeckte er ein Schreiben seines Doktorvaters, in dem der ihm zu dem bevorstehenden Aufstieg Glück wünschte. Das erinnerte Maxim an etwas. Er griff zum Telefon und ließ es vor seinem Büro bei der Scheckow klingeln.
„Herr Direktor?“, monoklang es überhöht aus dem Hörer.
„Sagen Sie, bis wann war eigentlich mein Grußwort für die Einleitung zu Professor Pickenpacks Festschrift fällig?“
„Ich sehe eben im Kalender nach“, beschied sie ihn, Maxim hörte das streichende Geräusch von Papier, das umgeschlagen wird.
„Wenn Sie den Termin gefunden haben, dann kommen Sie rein und sagen Sie ihn mir, ich brauche sowieso noch einen Kaffee“, sagte er leicht ungeduldig und legte auf. Er überflog noch die Zeilen der letzten E-Mail, da klopfte es zweimal und Frau Scheckow balancierte eine Tasse Kaffee in das Büro.
„Die Abgabe ist Ende des Monats, soll Herr Plankenreiter –“
„Nein, nein, das mache ich schon lieber selber“, lehnte Maxim ab. Er lehnte sich leicht zurück, ließ die Fingerspitzen beider Hände auf der Kante des Schreibtisches ruhen und sah zu, wie sie die Tasse mit einem klappernden Laut auf den Tisch stellte.
Die Sekretärin kehrte sich zur Tür und stelzte hinaus. Maxim sah ihr kurz hinterher. Als sie die Tür hinter sich zugezogen hatte, öffnete er eine Schublade seines Schreibtisches, kramte einen Stapel Blätter heraus und begann sich ein paar Notizen über seinen Doktorvater und Förderer zu machen.
Aus dem Kopf schrieb er im Abstand von längeren Pausen ein paar Eckdaten auf die Papiere, dann kaute er nachdenklich auf dem Bleistift herum und begann wieder zu träumen. Er überlegte sich, wie es sein würde, wenn er nicht länger Direktor dieses Amtes ist und sich nicht mehr täglich mit den Niederungen der Denkmalpflege zu beschäftigen hatte. Er dachte an die Staatsekretäre, die ihm zuarbeiteten, er fantasierte sich große gesellschaftliche Änderungen zusammen, die schon bald von ihm durchgesetzt werden könnten. Hin und wieder fiel ihm etwas zu dem Grußwort ein, dann unterbrach er seine Gedanken, notierte ein Wort, fiel aber schnell wieder in den Zustand der Gedankenverlorenheit.
Erst spät wurde er von einem Klopfen unterbrochen, Frau Scheckow wollte sich verabschieden. Er tat so, als schriebe er an seinen Aufzeichnungen weiter. Sie blickte währenddessen auf die Tasse und sah, dass er den Kaffee noch nicht angerührt hatte. Mit leicht genervter Miene warf er ihr einen krächzenden Gruß zu, versank aber nach ihrem Verschwinden sofort wieder in seine Traumwelt.
Die nächste und letzte Störung war schließlich die Putzfrau, die zwar anklopfte, aber auch sofort mit ihrem Reinigungswagen in das Büro walzte. Sie grüßte gebrochen und störte sich nicht daran, dass Senff ein ungehaltenes Gesicht machte. Zielgerichtet marschierte sie auf den Mülleimer zu, zog die Tüte heraus, entsorgte sie in ihrem Wagen und stopfte eine neue, leere Tüte hinein. Senff beobachtete das, arbeitete nicht weiter, wollte aber seine Arbeit auch nicht abbrechen, solange sie noch im Büro war.
Erst als sie es verlassen hatte und er vom Gang ihr Klappern und Räumen vernahm, packte er seine Unterlagen zusammen und stopfte sie in seine Aktentasche. Verwundert entdeckte er den Kaffee, den er auszutrinken vergessen hatte, und war sich einen Moment lang unsicher, was er damit tun sollte. Schließlich entschied er, dass er am folgenden Tag keine Tasse mit kaltem Kaffee in seinem Büro stehen haben wollte, deshalb brachte er die Tasse mit spitzen Fingern hinaus in das Büro seiner Sekretärin. Dort stellte er das Porzellan auf ein kleines Regal, das mit dem restlichen Zubehör zur Kaffeezubereitung geschmückt war. Er ging wieder in sein Büro, kleidete sich mit Sakko, Schal und Mantel ein und nahm seine Aktentasche. Er kam an dem Büro des Wachmanns vorbei, verabschiedete sich überraschend freundlich bei dem Mann und verließ das Amt nahezu als Letzter. Knirschend trat er zu seinem Wagen, stieg ein und fuhr nach Hause.

Freitag, 25. September 2009

Kapitel 14.4

Es klopfte. Senff stand noch immer am Fenster. Er drehte den Kopf zur Tür und rief „Herein!“ Frau Scheckow öffnete die Tür nur zu einem Drittel und lehnte sich mit einem Stapel Papiere herein.
„Ich habe hier die heutigen Ausdrucke Ihrer E-Mails, Herr Direktor.“
„Ah, ja“, machte Senff und richtete seinen ganzen Körper zur Tür aus, „legen Sie sie dahin.“ Er zeigte auf den Schreibtisch und verschränkte die Arme. Erst als seine Sekretärin das Büro verlassen hatte, ging er wieder zu seinem Arbeitsplatz.
Ein erstaunlich kleiner Stapel heute, staunte er in Gedanken. Natürlich waren es nicht alle E-Mails, Spam und Belanglosigkeiten waren bereits von jemandem herausgefiltert.
Maxim setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch und begann, die Ausdrucke zu lesen. Er genoss die Segnungen der modernen Technik. Er stand der Technik sehr aufgeschlossen gegenüber, für ihre Benutzung war er allerdings zu dämlich. Das von ihm geleitete Amt war zwar eines der ersten deutschen Denkmalpflegeämter, die mit Computern arbeiteten, darum hatte sich aber noch sein Vorgänger Dr. Stüht verdient gemacht. Senff nutzte die übernommene Technik zwar, bremste sie jedoch durch sein Unverständnis zugleich massiv aus. Erst seit einem Jahr war es den Mitarbeitern gestattet, die Rechner mit CD-ROM-Laufwerken auszurüsten. Zuvor schimpfte der geistige Ungelenk seinem Untergebenen Robert gegenüber stets auf die „Firusse und Dieler, die die Computer zerstören wollen!“
Symbolhaft für diesen Unverstand war sein Umgang mit der elektronischen Post. Wie sie funktionierte, begriff er überhaupt nicht. Wollte er sie lesen, ließ er sie sich von seiner Sekretärin ausdrucken. Galt es, eine Antwort zu versenden, ließ er sie von Frau Scheckow schreiben und schicken. Sein Arbeitsbeitrag bestand hauptsächlich darin, dass er die Ausdrucke eigenhändig in Aktenordner sortierte, die er im Büro verstaute.
Inzwischen las er nur noch die an ihn selbst gerichteten E-Mails. Bis vor kurzem ließ er sich dagegen auch die elektronische Korrespondenz seiner Angestellten ausdrucken. Angesichts der sonstigen Leistung, die Senff im Amt vollbrachte, hatte er schließlich genügend Zeit gehabt, sich anderen Dingen zuzuwenden. Schnell richtete sich da sein Augenmerk auf das, was seine Mitarbeiter so machten. Denn er war seiner Umwelt gegenüber in gleichem Maße misstrauisch, wie er davon überzeugt war, eine unerreichte Koryphäe zu sein.
Immerhin hatte er durch die Lektüre der Mails erstaunliche Details über das Leben und die Ansichten seiner Mitarbeiter erfahren: Personalrat Trudolf hetzte hin und wieder einzelne Mitarbeiter auf. Die Gleichstellungsbeauftragte Frau Attermann von der Kunstabteilung verschickte im Haus anzügliche Scherzmails. Spasst versuchte wiederholt, Mitarbeiter zur Teilnahme an seinem Bibelkreis zu überzeugen – meist erfolglos, wie Senff aus den Antworten erfuhr. Dr. Fabricius gab seinen Kollegen gegenüber damit an, welche Erfolge er im Kaninchenzüchterverein errang. Die füllige Frau Schlamers empfahl jede Woche aufs Neue Diätanleitungen, die sie an verschiedene Damen im Haus versandte. Herr Keulenkotz erwies sich als großes Schandmaul, der stets den neuesten Amtstratsch verteilte, dadurch Senff aber als Quelle für Schmutz umso wichtiger erschien. Dank Keulenkotz war er zumindest stets darüber im Bilde, wer denn gerade mit wem techtelmechtelte.
Natürlich war dieses Hinterherspionieren nicht nur unschön, es war sogar verboten. Als den Angestellten vor kurzem schwante, was an der Amtspitze ablief, ließen die Aufrechten unter ihnen daher nicht viel Zeit verstreichen, bis sie entsprechende dienstrechtliche Schritte einleiteten. Da war es dann besonders dumm, dass Senff die ausgedruckten E-Mails seiner Angestellten ausgerechnet in seinem Büro hortete. Aber zu diesem Zeitpunkt konnte Senff eben bereits auf seinen Kumpel Pinscher rechnen, der als Innenminister beste Kontakte zum Justizminister hatte. Schließlich sollten bald die Landtagswahlen stattfinden, für die Pinscher als Ministerpräsidentenkandidat aufgestellt war. Der Sozialdemokrat konnte also keine Skandale gebrauchen, zumal er eigene Süppchen am Kochen hatte. Er sah sich daher veranlasst, für Ordnung zu sorgen, noch bevor eine Zeitung eine „Water-Mail“-Affäre aus der Geschichte machen konnte. Senff fallen zu lassen, war zum jetzigen Zeitpunkt jedenfalls selbst für Pinscher unmöglich, das hätte dem Wahlerfolg nur geschadet. Aber die beiden waren ohnehin bereits zu eng befreundet, als dass Senff sich noch hätte Sorgen machen müssen. Es war jedoch unausweichlich, das Problem aus der Welt zu schaffen. Senff musste sein Treiben beenden und die gesammelten E-Mails herausrücken, während der mit Pinscher verbandelte Justizminister dafür sorgte, dass die Unterlagen bei der Staatsanwaltschaft unter dem Deckel gehalten wurden und belastendes Beweismaterial kurzfristig verschwand.

Sonntag, 20. September 2009

Kapitel 14.2

Senff stapfte zur Treppe und marschierte nach oben. Vor seinem Büro wurde er von seiner Sekretärin erwartet.
„Ach, Herr Direktor, ist das Gespräch bereits zu Ende?“
Senff nickte nur kurz.
„Der Herr Spasst war eben hier, er benötigt einen Dienstwagen, um die Funde ins Magazin zu fahren.“
„Jaja, er kann einen Quattro haben“, winkte Senff ab, „Sie können ihm die Schlüssel ruhig geben.“
Dann ging er in sein Büro, legte die Mappe ins entsprechende Fach, zog das Jackett aus und hängte es wieder in den Schrank. Er stellte sich vor eines der Fenster und stützte sich mit beiden Armen auf die Fensterbank. Mit einem leeren Blick stierte er auf den Parkplatz des Amtes, wo die drei Quattros standen.
Er mochte diese Wagen, sie waren nur auf seinen besonderen Wunsch angeschafft worden. Natürlich ist einzuräumen, dass es von Zeit zu Zeit unvermeidlich ist, Dienstwagen zu erneuern und auszutauschen. Maxim sah hierin aber die Möglichkeit, sich auf Kosten anderer einen seiner Ansicht nach angemessenen fahrbaren Untersatz zu verschaffen. Aus persönlichen Geiz heraus leistete er sich kein anderes Fahrzeug als seinen alten blauen Kleinwagen. Das Amt konnte ihn jedoch mit einem Wagen versorgen, der einem Amtsleiter gebührend war. In Senffs Augen war dies ein Audi Quattro. Selbstverständlich schaffte er für das Amt gleich mehrere an, das machte es schließlich günstiger.
Dummerweise ließ es sich jedoch nicht einrichten, dass Senff allein über diese Wagen verfügen durfte. Sie mussten zwangsläufig auch für echte Diensttouren verwendet werden, das ließ sich nicht einmal von Senff vermeiden. Hier zeigten sich aber die Tücken der Technik, denn das Modell ist nur wenig dazu geeignet, Geräte oder Funde zu transportieren. Den Kenner überrascht es kaum, ist es für solche Zwecke schließlich nicht konstruiert. Aber solche Lappalien waren Senff egal. Er hatte nun endlich die Möglichkeit, auf anderer Leuts Kosten halbwegs angemessen auf Kongressen zu erscheinen. Ihn ärgerte es fast schon mehr, dass der ihm zur Verfügung stehende finanzielle Rahmen keinen Maybach mit Fahrer erlaubte.
Das würde sich natürlich geringfügig bessern, wenn sich seine Zukunftsplanung erfüllen sollte und er demnächst zum Kultusminister aufstiege. Dies stellte ihm jedenfalls der Politiker Gert Pinscher in Aussicht, den er ziemlich genau zu der Zeit näher kennengelernt hatte, als er für das Amt die neuen Wagen angeschafft hatte. Deshalb verband Senff die Wagen in seiner Erinnerung auch stets mit diesem Ausnahmepolitiker.

Donnerstag, 23. Juli 2009

Kapitel 13.6

Senff verzog sein Gesicht zu seiner pseudofreundlichen Fratze und nahm mehrere Umschläge unterschiedlichen Formats entgegen. Dann stolperte er in sein Büro und schloss die Tür mit einer rückwärtigen Armbewegung, ohne seinen Blick von der Post zu lösen. Er schlurfte zu seinem Schreibtisch, ließ sich plumpsend auf den Sessel fallen und warf die Post rücksichtslos auf die Arbeitsfläche. Voller Zufriedenheit sah er, dass die Scheckow ihm eine neue Tasse Kaffee eingeschenkt hatte. Neben dem Füllfederhalter lag ein Brieföffner, der sich für einen Landesarchäologen geziemte. Es war eine Miniatur eines urnenfelderzeitlichen Schwertes aus Messing. Maxim schnitt damit einen Brief nach dem anderen an der kurzen Seite auf und fingerte umständlich die Post heraus. Diese Technik wandte er sowohl bei großen Umschlägen an als auch bei kleinen Kuverts.
Der Inhalt der Post war bunt durcheinandergewürfelt. Ein Fachverlag schickte ihm das aktuelle Archäologieprogramm. Senff blätterte nur kurz durch, ob der Sammelband, an dem er lediglich als untätiger Herausgeber beteiligt war, bereits aufgeführt würde. Als er den Band entdeckt hatte, schnippste er das Programm befriedigt zu Seite. Er griff nach der Untertasse und zog sich das Coffeinensemble heran.
Aus einem anderen Umschlag zog er die Einladung zu einer Tagung, die ihn zwar überhaupt nicht interessierte, wo er aber immerhin ein wichtiges Gesicht machen könnte. Er betrachtete das geplante Grundprogramm und überlegte gelangweilt. Er würde keine Zeit mehr dazu haben, dachte er, bis dahin würde er sicherlich bereits im Kultusministerium residieren.
Dann griff Maxim aus dem ungeordneten Haufen einen großen Umschlag, bei dem er sich sicher war, dass es sich um eine Bewerbung für eines der ausgeschriebenen Volontariate handeln musste. In anderen Ämtern landete solche Post gewöhnlich in der Personalabteilung, hier legte der Chef großen Wert darauf, als erster einen Blick auf Bewerbungen zu werden. Alle anderen notwendigen Arbeiten hatte ja Plankenreiter für ihn übernommen.
Natürlich hatte auch Plankenreiter keine Ahnung und noch weniger Interesse an den Arbeiten. Das war Senff aber egal. Hauptsache irgendjemand machte die Arbeiten, die in der Forschung als seine eigenen Leistungen betrachtet wurden. Also bestand Plankenreiters wichtigstes Vermögen darin, Arbeit zu delegieren. Bis sie dann schlussendlich auf dem Schreibtisch – oder häufiger im Werkvertrag – irgendeiner armen Sau landeten, die die Leistung tatsächlich erbringen musste, es aber im Gegensatz zu den festangestellten Vollidioten auch vermochte. Daher hatte Senff genügend Zeit, sich um Bewerbungen selbstpersönlich zu kümmern. Inzwischen liefen die natürlich nicht mehr in irgendeiner Burger-Kaschemme, sondern unter Begutachtung all der erforderlichen Amtspersönlichkeiten aus Frauenvertretung, Personalrat und Abteilungsleiter der zuständigen Abteilung. Trotz dieser Widrigkeiten ließ Maxim sich diese Abläufe überhaupt nicht aus der Hand nehmen. Zu groß war seine Freude an der Leitung und Überwachung des Bewerbungsausschusses.
Wenn es sich nun anbot, einmal wieder für ein Jahr (mit Option auf Verlängerung!) einen Volontär anzustellen, der am liebsten gleich umsonst zu arbeiten hatte, pestete Senff die Sekretariate der einschlägigen Institute in Deutschland und im deutschsprachigen Ausland mit Ausschreibung zu. Zuweilen machte er das sogar einfach nur, um mal zu schauen, was der Markt so hergibt, obwohl also von vornherein sicher war, dass keine Stelle zu vergeben war.
Arme arbeitslose Akademiker, die sich sogar an dem Strohhalm hielten, eine Stelle bei diesem Tyrannen zu erhalten, gab es zur Genüge. Sie bewarben sich gewöhnlich zu Hunderten. Diese Zahl mag dem Fachfremden gewöhnlich erscheinen. Innerhalb der deutschen Archäologie, in der in einem Jahr kaum ein Dutzend Stellen ausgeschrieben sind, sind sie eine heillose Katastrophe. Zumal es die deutsche Wirtschaft überhaupt nicht einsieht, in der Besetzung ihrer ausgeschriebenen Stellen auch nur einen Deut so flexibel zu sein, wie sie es von den bettelnden Bewerbern verlangt. Echte Ausweichmöglichkeiten sind also nach einer sehr konzentrierten Ausbildung kaum vorhanden, denn selbst wenn man die erwünschten Fähigkeiten mitbringt, sind sie nur in den seltensten Fällen schriftlich nachweisbar. Und gerade die deutsche Wirtschaft hat ja schon vor Jahrzehnten bewiesen, welchem Gut sie einen höheren Stellenwert einräumt, wenn sie vor die Wahl „Papiere oder Menschenleben“ gestellt wird.
Die Stapel der Bewerbungsmappen mochte Senff auf seinem Schreibtisch. Zeugnisse des lausigen Packs, das ihn anhimmelte, bei ihm und für ihn arbeiten zu dürfen. Es war eben die Fortführung seiner Politik der Verlagerung jeglicher Arbeit auf andere, die er über die Jahre perfektioniert hatte. Gerne blätterte er durch die Bewerbungen so wie jetzt.
Das Bewerbungsschreiben lag weit aufgeschlagen vor ihm. Er studierte das Anschreiben, das der Idiot nicht aufgelegt hatte, sondern in die Mappe gefriemelt hatte. Maxim zog das Anschreiben aus seiner Umklammerung und verbeulte das Papier. Mit rechts hielt er sich das Blatt vor die Nase, mit links griff er zur Kaffeetasse und schlürfte, ohne seine Augen von dem Brief zu wenden. Während er den Brief las und sich über komische, nur ihm unverständliche Formulierungen wunderte, tropfte Kaffee von seiner hässlichen Unterlippe, die über die Jahre die Form einer aufgeplatzten Rostbratwurst angenommen hatte. Wieder merkte er das Kleckern nicht, die schwarzbraune Soße tröpfelte auf seine Fliege und sogar unfein auf das Titelblatt der Bewerbung. Maxim bemerkte das erst, nachdem er die Tasse wieder abgestellt und den Brief zur Seite gelegt hatte. Dann stutzte er einen Moment und fragte sich, sind die Tropfen von mir?
Mit dem Handballen rieb er zweimal auf dem Titelblatt und stellte so fest, dass die verteilten Flecken von ihm sein mussten. Er schüttelte zweimal schwach den Kopf, ganz so als wundere er sich über die Schlampigkeit des Bewerbers. Wieder griff er nach der Tasse und schlürfte langsam ihren analeptischen Saft, während er sich unschlüssig durch Lebenslauf und Zeugnisse hindurchblätterte, ohne dabei irgendeinem besonderen System zu folgen. Erst war er sich nicht schlüssig, ob er den Bewerber ausschließen sollte, bis er sich eines Momentes gedachte, in dem er mit dessen Doktorvater einmal einen eigentlich unwesentlichen Disput hatte. Er vergaß vollkommen, dass er den Bewerber doch ohnehin nicht mehr erleben sollte, wenn die Landtagswahlen so verliefen, wie er sich das vorstellte.
Der Bewerber wurde also aussortiert und gelangte somit nicht auf den kaum vorsortierten Berg mit nahezu fünfzig Bewerbungen. Das war die Zahl der geladenen Kandidaten. Senff ließ stets so viele finanziell auf schwachen Beinen stehenden Bewerber skrupellos aus ganz Mitteleuropa anreisen, selbst wenn er sie in seinem stark eingeschränkten Geist eher im Hinterfeld platziert hatte.
Ein Bewerbungsgespräch auf die Stelle eines früher beginnenden Volontariats war für diesen Tag noch anberaumt. Dazu war ein Kandidat geladen, der auf eigene Kosten mehrere hundert Kilometer anzureisen hatte. Eigentlich hatten die Gespräche für diese Stelle in der Vorwoche stattgefunden, faktisch war sie sogar bereits vergeben, aber Senff mochte den Spaß, den aussichtslosen Bewerber noch zu erleben. Schließlich konnte der Hohepriester der Faulheit dessen Huldigung nur hier in seinem Tempel gebührend entgegennehmen.
Für dieses Festival der Dummheit überlegte er sich im Vorfeld zusammen mit Robert stets dreizehn lächerliche Fragen. Den letzten Fragenkatalog hatten sich die beiden bei einem gemütlichen Bier in einem nahegelegenen Bierkeller ausgedacht. Dabei waren die Fragen mit wenigen Ausnahmen, die den Schein wahren sollten, absichtlich so formuliert, dass sie die Bewerber verwirren sollten. Sie waren auch bei allen Bewerbern eines Durchlaufs gleich und von vornherein derart angelegt, dass sie alle Bewerber aus der Fassung bringen mussten. Diese Fragen betrafen Themen und Arbeitsabläufe, mit denen sich nicht nur der Volontär im Amt niemals beschäftigen würde, sondern von denen auch sonst keiner im Amt jemals betroffen war. Das interessierte aber auch niemanden. Das unwichtige, aber aus Maxims Sicht leider unvermeidbare Geschmeiß aus Personalrat, Gleichstellungsbeauftragte und anderen Amtsschimmelnotwendigkeiten verstand den Zusammenhang mit der Stellenausschreibung ja ohnehin nicht. Und die große Mehrheit der Bewerber tat den Teufel, sich zu beschweren. Die wenigen, die zurecht fluchend und schimpfend das Inquisitionszimmer verließen, hatten mit diesem Schritt das Bewerberkarussell von sich aus verlassen. Insgeheim staunte Senff übrigens über solchen Schneid. Es war zwar klar, dass so jemand die Stelle nicht bekommen durfte, Maxim wäre aber hocherfreut darüber gewesen, einen derartigen Charakterzug an sich entdecken zu dürfen.

Sonntag, 24. Mai 2009

Kapitel 13.1

Die Hochzeitsgesellschaft war inzwischen unter fröhlichen Rufen und Gelächter vom Schloss abgezogen. Maxim hatte sich einen überaus gemütlichen Tag vorgenommen. Er hatte abgesehen von einem Bewerbungsgespräch an diesem Tag keinerlei Termine. Gut, es standen noch ein paar Texte aus, die er möglichst vor seinem weiteren Aufstieg beenden wollte, aber die drängten alle noch nicht. So wollte er für einen Ausstellungstext beweisen, dass die Nibelungensage in Wirklichkeit in Westfalen spielt.
Maxim stand von seinem Bürostuhl auf und stolzierte vor die Bücherwand. Dort ließ er seine Augen auf den Titeln herumspazieren. Erst an einem seiner Werke machte sie Rast. Es war seine Habilitationsschrift.
Senff hatte ein paar Jahre als Assistent und als stellvertretender Direktor gebraucht, dann kam es, wie es kommen musste. Das dritte Jahrtausend war noch jung, da sollte er die Venia legendi, die Lehrbefugnis erhalten. Dabei stand seine Habilitation auf zwei sehr brüchigen Säulen. Die Seminare, die er gehalten hatte, waren peinlich läppisch und die Texte, die er kumulativ einreichte, waren supermiserabel. Genaugenommen waren es sogar nur drei kurze Texte, die er während seiner Assistenzzeit je ein halbes Dutzend Mal geringfügig abgewandelt und in der Folge zahllosen kleinen Zeitschriften andrehen konnte, die man so gerade noch als wissenschaftlich bezeichnen konnte.
Dass die Sammlung angenommen wurde, lag daran, dass Professor Pickenpack sie mit geschlossenen Augen durchwinkte und höchstpersönlich dafür sorgte, dass die Gutachterkommission den Blödsinn absegnete.
Maxim war bei der Antrittsvorlesung zwar stolz gewesen, sah diese akademische Würdigung aber letztlich nur als angemessene Würdigung der ihm innewohnenden Fähigkeiten, die er schließlich als herausragend ansah. Nie wäre es ihm in den Sinn gekommen, sich selbst als den uninspirierten und gedankenlosen Geisteszwerg zu sehen, der er in Wirklichkeit immer war.
Maxim streckte die Hand nach der Habilitationsschrift aus und zog sie aus dem Regal. Gierig blätterte er in ihr herum. Er war davon überzeugt, dass es das beste Buch überhaupt sei, nicht nur in seiner Bibliothek. Er setzte sich mit dem Buch wieder an den Schreibtisch und flatterte durch die Seiten. Er blätterte gerne in den Texten, die unter seinem Namen gedruckt waren. Er schwelgte darin und flog über die Zeilen. Maxim bekam Lust auf einen Kaffee. Er stand nicht auf, um seine Sekretärin darum zu bitten. Nein, er beugte sich lediglich vor, nahm das Telefon, wählte sich durch die Wand und bat die dahinter sitzende Frau Scheckow um das Getränk. Die bedankte sich für seinen Wunsch und klopfte nach kurzer Zeit mit einer Tasse in der Hand an Maxims Tür. Er gewährte ihr heiser „Herein!“ und empfing die schwarze Amtsbrühe.
Geräuschlos stellte Frau Scheckow die Tasse auf den Schreibtisch und verschwand wieder aus dem Büro. Maxim beobachtete sie dabei. Die Tasse nahm er erst in die Hand, als sie draußen war. Er schlürfte aus der Kaffeetasse und bekleckerte sich leicht, ohne es zu bemerken. Er stellte die Tasse leise klimpernd auf die Untertasse und nahm von ihr den gewölbten Keks in die Hand. Ohne den Blick von den Zeilen seines Buches zu lösen, tunkte er den Keks zweimal in den Kaffee und führte das schwarz tropfende Gebäck in seinen wulstigen Mund. Erst jetzt hob er die Augen und visierte mit einem leise knisternden Kauen einzelne Ecken der Wandvertäfelung an. Die hatte er noch von seinem Vorgänger übernommen. Maxims Gedanken verloren sich.

Samstag, 6. Dezember 2008

Kapitel 1.1

Maxim Senff fuhr mit seinem undefinierbar blauen Kleinwagen auf den Parkplatz des Landesamtes für Bodendenkmalpflege. Grimmig musste er feststellen, dass einer der Wichtigtuer, die im Amt mit einem kurzfristigen Zeitvertrag angestellt waren, seinen Lieblingsparkplatz unter der Linde blockiert hatte. Er stellte seinen Wagen daneben, stieg aus, kramte sein zerwetztes Aktenköfferchen aus dem Kofferraum und lief über den Parkplatz zum Schloss, in dem er residierte.
Der alt aussehende Mann trug seine fisseligen Haare noch immer fast schulterlang. Heimtückisch schlurfte er zur schweren, sich nach außen öffnenden Eingangstür des Schlosses. Auch von Ferne war er an seinem Markenzeichen gut zu erkennen, hatte er sich doch wie stets seinen roten Lieblingsschal um den in den letzten Jahren aufgequollenen Hals gepackt. Wie jeden Morgen würdigte der verhärmte Dr. habil. das Backsteinschlösschen mit seinen verdrehten Schornsteinen und dem brüchig gemauerten Landeswappen keines Blickes.
Bald ist es hiermit vorbei, dachte er grinsend bei sich, als er vor der Tür stand, es war schön, aber die Karriere geht weiter. Er war sich doch seit jeher so sicher gewesen, zu höherem bestimmt zu sein. Er befingerte das Codeschloss an der Eingangstür. Niemand verstand, auf welcher Grundlage er die Kombinationen für das Schloss auswählte. Diesen Monat war es das Erscheinungsjahr seiner Dissertation, die 1 dann die 9 dann noch mal die 9 und zuletzt die 3. So. Das grüne Licht leuchtete, der Mechanismus brummte krächzend. Senff öffnete die Tür und stolperte in den Flur.
So baufällig das Schloss auch war, es gefiel ihm trotz der quietschenden Türen, der schwammigen Tapeten mit vergilbten Wölkchen vor ehemals blauen Himmelchen und den unangenehmen Fluren mit ihren verfilzten, aber abgetretenen Teppichen. Senff schlurfte über den Flur des Erdgeschosses, meist standen die Türen der Büros hier offen, leicht schieläugig kontrollierte er bei diesem Gang sogleich, wer bereits zur Arbeit erschienen war. Wer schon am Arbeitsplatz saß, war dringend angehalten, den Amtsleiter Senff zu grüßen, bevor der das als erster tat. Wer in diesen Momenten nicht darauf achtete, dass das große Tier an seinem Büro vorbei schlich, musste sich darauf einstellen, den Morgen nicht allein mit einem gehörigen Anschiss zu beginnen, sondern auch den Wochenrest mit allerlei Fronarbeiten zu verbringen. Heute war es anders. Es war der letzte normale Arbeitstag von Dr. habil. Maxim Senff.
Im ersten Büro, an dem er vorbeikam, hockte der kleinbebrillte Matthias Spasst. Der aufgrund seiner klassisch-archäologischen Ausbildung notorisch fehlbesetzte Wasserträger krümmte sich wie üblich vor dem Bildschirm seines Computers. Matthias verbrachte an dem Gerät die meiste Arbeitszeit, um es mit Daten zu füttern oder neue Namen in sittenwidrige Knebelverträge einzutragen. Er war ein typisch deutscher Vertreter der skrupellosen Schreibtischtäter. Wer mit ihm zu tun hatte, wusste, dass Spasst siebzig Jahre zuvor gewiss eine glanzvolle Karriere bei dem Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt der Schutzstaffel gemacht hätte, wenn er nicht zu religiös gewesen wäre. Heute gab er mit dem Intellekt einer Ameise und dem Verständnis einer Zuse 3 weitere Myriaden von Zahlenkolonnen in Excel-Tabellen ein.
„Guten Morgen, Maxim!“, sprang Matthias auf, als er seinen Chef in der Tür erblickte, der schon ein Büro weiter geschritten war, bevor er ein blasses „Morgen“ erwiderte. So wichtig es Maxim war, dass nicht er die Leute zuerst zu grüßen hatte, so selbstverständlich war es ihm, wenn sie es taten.
Im nächsten Büro saß Osiw Racled, ein russischstämmiger Schweizer, den es aus privaten Gründen nach Deutschland verschlagen hatte. Racled arbeitete bereits seit mehreren Jahren in dem Amt. Er war zuständig für die Inventarisierung und Prüfung der Meldeformulare. Entdeckte er, dass Informationen fehlten, reichte er die Unterlagen weiter. Nie wäre es ihm in den Kopf gekommen, selbst Informationen zu ermitteln. Erst im letzten Monat hatte es Osiw geschafft, ein begehrtes Büro im Erdgeschoss zu ergattern. Vorher war er dazu verdammt gewesen, in einem Kabuff in den trocken-staubigen Kellergewölben des Schlosses zu arbeiten. Nun wurde endlich auch sein Arbeitsplatz von natürlichem Tageslicht erhellt. Gerade noch rechtzeitig gelang es ihm „Morgen, Herr Doktor Senff!“ zu rufen, bevor dieser mit gesenkten Augenbrauen einhakte mit einem „Morgen! Ist die Akte Ferment schon rausgeschickt?“
„Die liegt bei Müller!“, gelang es Racled sich herauszureden. Senff nickte stumm und ging in seinem federnd-schlurfenden Schritt weiter. Mehrere Büros und Besprechungszimmer im Erdgeschoss standen noch leer, erst im letzten Raum vor der Treppe saß Volkmar Keulenkotz, eine teetrinkende Schwatzdrossel, dessen Arbeitsleistung niemandem wirklich klar waren. Obwohl er mehr oder weniger regelmäßig einen Einlauf verpasst bekam, ließ Senff ihn gewähren.
Senff stierte in das Büro, Keulenkotz saß kerzengerade vor seinem Computer und spielte Solitär.
„Morgen Keulenkotz“, motzte Senff.
„Morgen Herr Doktor Senff“, speichelte Keulenkotz und bemühte sich, das digitale Kartenspiel zu verbergen.
Doch so einfach machte es Senff sich nicht. Er blickte kurz im Büro umher und blinzelte zornig: „Was soll das eigentlich hier?“
„Was?“
„Na, der Mülleimer!“
Keulenkotz blickte verwirrt.
Mit gedrückter Stimme schimpfte Senff: „Der ist doch viel zu groß! Ich habe mich gerade gestern bei den Rotariern mit Staatssekretär Doktor Lange darüber unterhalten, was in Ämtern alles verschwendet wird.“
Keulenkotz wusste weiterhin nicht, worauf der Chef hinauswollte.
Senff kläffte jetzt gedämpft: „Jetzt stellen Sie sich mal vor, Doktor Lange kommt hierhin zu Besuch. Wenn der sieht, was Sie für einen großen Mülleimer haben, dann denkt der doch, Sie produzieren nur Müll!“
Keulenkotz machte große Augen.
„Jetzt entsorgen Sie diesen Mülleimer und bestellen Sie sich in der Arbeitsmittelbeschaffungsstelle einen neuen Mülleimer. Aber einen kleinen!“, hängte Senff mit Nachdruck an seinen Satz. Senff ging aus dem Büro und lief zur Treppe.
Nachdem Senff die Treppe hinaufgestiegen war, ging er rechts um die Ecke und gelangte in das Vorzimmer von Amelie Scheckow, seiner Sekretärin.
„Guten Morgen, Herr Direktor!“
„Morgen, Frau Scheckow. – Sie können gleich der Jensen Bescheid geben. Sie kann die Dias wieder abholen.“
„Ist der Luftbild-Vortrag nach ihren Wünschen verlaufen, Herr Direktor?“
„Naja, wenigstens stand kein Dia auf dem Kopf, obwohl die Hornochsen bei den Rotariern es sowieso nicht gemerkt hätten. Nächstes Jahr muss Robert –“, er hielt inne, ihm wurde bewusst, dass es höchstwahrscheinlich kein nächstes Jahr mehr geben sollte, in dem er irgendwelche Arbeit an Robert Plankenreiter delegieren konnte. „Es ist schon gut, Frau Scheckow, sagen Sie ihr nur Bescheid“, beendete er das Geplänkel und freute sich über seinen nächsten Karriereschritt hin zum Kultusministerium.
Schulterzuckend drehte er sich um und öffnete die schwere Flügeltür zu seinem Büro. Im Gegensatz zu den verkommenen Büros seiner Angestellten hatte er stets darauf bestanden, dass sein eigenes Büro anständig renoviert und eingerichtet war. Daher residierte er in einem Turmzimmer mit einem überdimensionalem Feldherrenschreibtisch aus massiver Eiche, einer edlen, noch von seinem Vorgänger übernommenen Holzvertäfelung und zahlreichen Bücherregalen, die gefüllt waren mit all den gedruckten Schenkungen, die ein Wissenschaftlerleben so begleitet. Er legte seine Tasche auf den Schreibtisch, schritt zu dem Schrank, in dem sich seine private Garderobe befand und hakelte zwei Kleiderbügel heraus.
Er zog Mantel, Schal und Sakko aus und hängte das Ensemble auf die Bügel, die er im Schrank verstaute. Auf der Innenseite der Schranktür hing ein halbhoher Spiegel. Einen Moment stellte er sich leicht gekniet davor, um seine Haare zu richten, dazu zog er aus der linken Gesäßtasche seinen Kamm. Kaum hatte er die kümmerlichen Reste dessen, was er früher selbst so gerne als Mähne angesehen hatte, über den Kopf gefurcht, da fielen ihm im Spiegelbild zwei unschöne Details auf.
Auf seiner sprungschanzenartigen Nase hatte sich wieder ein dicker Pickel gebildet. Maxim konnte machen, was er wollte, den Pickel zu verhindern war er seit seinem 12. Lebensjahr nicht imstande. Allerdings hatte er es irgendwie geschafft, damit leben zu können. Wesentlich peinlicher war ihm dagegen der andere ä-Punkt der Kreation Senff. Es war der tägliche Fleck, der sich morgens bei der erstbesten Gelegenheit auf seinem Hemd oder seiner Jacke bildete.
Mal war es ein Tropfen Kaffee, mal war es Milch. War es gestern noch Rotwein, der die gebundene Fliege verunzierte, konnten es heute Spritzer vom frühstücklichem Spiegelei oder morgen auch Marmelade sein. Die eine Woche trug er Zahnpasta auf seinem Hemd, in der Woche zuvor war es noch Senf, ausgerechnet. Damals, als er Leiter der Abteilung Sonderprojekte im Osten war und oft genug ehemalige LPG-Gebäude abklappern musste, zog er mit seiner schwarzen Sportjacke automatisch Kalkreste von den ungepflegten Wänden an. Streifte er in einem weißen Segeltuchanzug durch die Landschaft, so dauerte es keine Minute, und ein Ölfleck zierte das Ensemble.
Mit diesen Flecken verbrachte Senff seine innigsten, aber auch ärgerlichsten Momente, konnte er doch stundenlang an ihnen herumknibbeln und sich selbstvergessen mit dem erfolglosen Versuch beschäftigen, sie von den Textilien zu lösen. Besonders groß war dieser Drang stets an solchen Tagen, an denen sich die Presse angekündigt hatte, selbst in der Zeit, als es ihm bereits gelang, mit den Journalisten herumzuspringen wie ein Löwendompteur mit seinen Kätzchen.
Als er heute den Fleck auf seiner Fliege entdeckte, fluchte er stumm. Er wischte mit den Fingerrücken ein paar Mal über den Fleck, ohne dass es irgendetwas brachte.
Er richtete sich wieder auf, schloss beidhändig den Schrank und stellte sich dann mit angewinkelten und auf die Hüften gestützte Arme vor eines seiner Bücherregale. Er schaute auf die Bücher, die er als angemessenen Tribut an seine gottgleichen Fähigkeiten ansah, und begann zu träumen.