Auf der Grabung packten wir die Sachen aus und wollten direkt den Grill zusammenbauen, mussten aber feststellen, dass dafür Werkzeug erforderlich war. Glücklicherweise hatte Hans auch diesmal seinen Werkzeugkasten dabei, daher verzögerte sich der Aufbau kaum.
Zwischenzeitlich stolperte Jan von der Grabungsfläche zu uns: „Seid ihr bald fertig? Ist ja schon dreiviertel zwölf! Das Grillen dauert gleich ja schließlich auch noch.“
Unwillkürlich blickte ich auf die Uhr, die abgekürzte Zeitansage erschloss sich mir damals noch nicht. Ich sagte: „Viertel vor, stimmt“, und Jan erwiderte: „Viertel vor was? Was ist das denn für ein Quatsch? Dreiviertel heißt das. Wenn du einen Kuchen fast aufgegessen hast, sagst du ja auch nicht, der Kuchen ist viertel vor.“ Jan ging weg. Er schüttelte den Kopf, ich auch. Micha schwieg und schraubte weiter an der Edelstahlsäule. Irgendwann war es dann so weit, Grillrost und Windschutz waren installiert. Der stolze Grillbesitzer erklärte sich feierlich zum Koch und schüttete die Kohle in seinen neuesten Schatz. Mit leeren Fundzetteln entfachte er auf ihnen ein Feuer, das die schwarz gemeilerten Hölzer zum Glühen bringen sollte. Weißlicher Rauch züngelte am Werkzeugcontainer vorbei in den blauen Himmel. Bald fächerwedelte Micha mit einem steif-bogigen Pappteller und versorgte die noch kleine Glut mit frischer Luft.
Schon begannen wir, die ersten Würstchen auf das jungfräuliche Gitter zu legen, als Sylvia sich aus dem Bauwagen zu uns gesellte.
„Na, habt ihr alles gekriegt?“
„Denke schon“, beschied ich kurz.
„Ja, heute kriegt man ja alles“, erwiderte sie nachdenklich, „früher war das viel einfacher. Da gab es zwar fast nüscht, aber man wusste wenigstens, was man kaufen kann. Heute stehe ich bei Liddel immer vor den Regalen und hab keine Ahnung, was ich mitnehmen soll.“ Stumm schaute ich sie an und sie schilderte weiter, „da ist ja alles immer so bunt und es gibt von allem hundert Sorten. Und man weiß nie, kauf ich jetzt das richtige oder ist das doch nicht gut?“
Ich erinnerte mich an die Wendezeit-Beschwerden, die mir ein Bekannter von seinen Kindern erzählt hatte. Ohne jedes Verständnis für die historischen Dimension des Unterganges des vorgeblichen Arbeiter-und-Bauern-Regimes mokierten sie sich allein darüber, dass plötzlich die Regale ihres westdeutschen Wohlstandssupermarktes leer und ausgeräumt waren. Sie bekamen ihren gewohnten Zucker-Schoko-Frühstücksmüll nicht mehr vorgesetzt, weil nun ihre ostdeutschen Brüder und Schwestern eine Zeit lang vorrangig versorgt wurden. Die Konzerne hatten eben ein paar Monate Gefallen daran gefunden, Westkonsumenten vorzuführen, wie es jahrzehntelang in Ostgeschäften abgelaufen war, indem sie ganze Produktchargen direkt über die Grenze karrten. Das war echte Solidarität. Oder Kapitalismus, wenn man schlicht den damaligen Grad der Nachfrage beiderseits der Grenze miteinander vergleicht.
Dann grinste Sylvia plötzlich und lächelte über Michas Baseballmütze: „Weißte Micha, wenn du nivellierst, drehst du die Kappe auch immer nach hinten.“ Mit ihren Händen zeigte sie kurz an ihrer Kappe, was sie meinte, ohne sie richtig zu drehen, weil ihr Zopf hinten heraushing. Micha sah sie an und nickte in die Sonne. „Wenn du dann am Nivellier stehst, denn siehste immer aus, als ob du einen Film drehst.“ Jetzt machte sie kurbelnde Bewegungen in der Luft, „weißte, so wie früher, die Kameramänner.“
Micha machte ein hocherfreute Gesicht: „Soll ich dir mal einen von meinen Filmen vorführen?“, aber Sylvia winkte grinsend ab. Inzwischen hatten wir auch einen Teil des Fleisches auf den Grill gelegt. Micha öffnete das erste Bier, das er zunächst natürlich nicht zu trinken gedachte, sondern auf dem Grill zur geschmacklichen Unterstützung verwendete. Bald kam Jan mit den anderen an und fragte: „Mein Filet habt ihr auch schon draufgelegt?“ Eine Beantwortung erübrigte sich jedoch, weil er im Fragen gesehen hatte, dass es brutzelte.
Wernher ermahnte den kleinen noch einmal: „Da musste aba scheen uffpassen, dit dit nich trockn wird!“
Sylvia holte aus dem Kofferraum von Hans’ Wagen noch ein paar Grillsaucen, die sie mitgebracht hatte und ein Paket Toast. Stefan ging währenddessen zu seinem Pick-up und wurstelte sich aus einer Kühltasche eine bereits ausgenommene Forelle, mit der er dann zu uns kam.
„Hier, ha’ck selba jeanglt. Jrad jestern erss!“, verkündete er stolz und quetschte seine Forelle auf den Rost.
Hans staunte: „Ihr trinkt ja schon das erste Bier?“ Aber Micha winkte ab: „Nee, das ist doch nur das Grillbier!“
„Was für’n Bier habt ihr uns denn mitgebracht?“, wollte Dieter nun wissen und auch Stefan wurde neugierig: „Radeberjer? Hättet-ta ma lieba ’n anständijet Westpils jeholt!“
Das erboste Hans: „Dabei schmeckt Radeberger doch schon längst wie’n Westpils, früher, ja, da war das gut, da haben se sich vorm Jahresende vorm HO noch ums Bier geprügelt.“
„Daran kann ick mir ooch noch erinnern“, träumte Wernher, „und damals hat et ja ooch noch jeschmeckt, nich wahr, Hans?“
Längst hatten sich alle in einem Kreis um den Grill verteilt mit gebührendem Abstand zu den Bierdampfschwaden, die Micha regelmäßig durch das Nachmarinieren erzeugte. Im Gesicht des einen oder anderen sah man zuweilen prüfende Blicke, ob sich nicht vielleicht der Wind drehte. Inzwischen hatten sich alle Biertrinker eine Patrone genommen und geöffnet. Ab und zu saugten sie an dem runden Blech.
„Kuckt mal, ein Storch“, Sylvia lenkte alle Blicke zum Himmel, „so was gibt’s im Westen gar nicht mehr.“ Ich setzte ein sehr verdutztes Gesicht auf, da erklärte sie schon, „na im Westen ist doch nur Industrie und alles voller Straßen. So was wie Natur gibt’s da doch gar nicht mehr.“
Ich bemerkte lapidar: „Mal davon abgesehen, dass im Westen gerade alte Industriegebiete in den letzten zehn, fünfzehn Jahren sehr grün geworden sind, möchte ich dezent an Bitterfeld erinnern.“
„Das ist ja nur ein Extrembeispiel. Dafür haben wir nicht so viele Autobahnen, sondern viel mehr Natur. Und Störche oder Frösche, das gibt’s bei euch doch gar nicht mehr.“
„Natürlich, ich hab ja als Kind immer Frösche und Molche gefangen.“
„Ja, du weißt doch, wie ich das meine“, beschwichtigte sie, „Anwesende sind schließlich ausgenommen, du bist ja sowieso nicht wie die anderen Wessis.“
„Bist du denn schon mal dagewesen?“, fragte ich Sylvia, „Also im Westen?“
Sie schüttelte den Kopf, Hans erhob aber für sie den Zeigefinger und meinte: „Ich bin schon mal in Braunschweig gewesen, da habe ich Sperrmüll verkauft. Und was ich da vom Westen gesehen habe, reicht mir, das brauch ich nicht noch mal.“
„Naja, Braunschweig dürfte kaum typisch für den ganzen Westen sein“, merkte ich an und lenkte meine Aufmerksamkeit auf Stefan, der Dieter inzwischen mit Anglerlatein unterhielt.
„... sooo jroß war der, son richtijen Kawennsmann“, Stefan riss seine Arme so weit auseinander, wie er es nur vermochte, „aba denn war da uff eenmal son komischet Jeräusch.“ Der Baggerfahrer stimmte ein sehr dumpfes Huu-Huu an, „det wa in de Büsche drinn. Da ham wa uns so erschreckt! Mein Kumpel hat sojar seine Angel da liejn lassn“, er lachte, „weil er dachte, det da wer erdosselt wird, oda sojar schon tot is. Ick hab mir mehr Sorjen jemacht, det det die Aufsicht is, un wa hattn doch keene Papiere nischt, also sinn wa losjefarn.“
Auch Jan hörte aufmerksam zu und vermutete hinter dem Geräusch: „Das war doch bestimmt ’ne Kuh, die in den See gefallen ist, oder?“
Aber der kopfschüttelnde Dieter wusste mehr: „Du hast gesagt, das war hier am Pleuner See?“, Stefan nickte, „Dann war das ’ne Rohrdommel.“
„’ne Rohrdommel?“ Der Baggerfahrer staunte, „Det Jeräusch soll ’n Vojel jewesn sein?“
„Ja natürlich!“, beharrte Dieter mit seiner kindlichen Überzeugung, „Die Rohrdommel nennt man deswegen doch auch Moorochse. Oder – na, wie noch – genau: Wasserochse. Außerdem kenne ich den See, da fahr ich immer mit meiner Frau hin.“ Die Augen des Seemanns nahmen wieder ihre fröhliche Faltenstellung ein, „die schimpft dann immer. Wenn wir da hinfahren“, imitierte er die Stimme seiner besseren Hälfte, „denn will ich mich auch in die Sonne legen. Du gehst doch immer nur am Ufer spazieren und sammelst Flint.“
„Ist da ein Fundplatz?“, fragte ich.
„Ja, natürlich. Mesolithikum. Ich sammel da schon seit Jahren. Weißt du, ich merk das schon beim Drüberlaufen“, mit seinen Händen versuchte er mir bildhaft die Bewegung seiner Füße nachzuahmen, „wenn ich auf geschlagenen Flint trete. Der hört sich anders an, als irgendwelche Rohlinge oder natürlicher Bruch. Das ist ein viel helleres Geräusch, wenn der geschlagen ist.“ Er hielt die Hand ans Ohr, als ob er dem Klang eines imaginären Flintfundes lauschen wollte.
Micha nahm inzwischen die ersten Sachen vom Grill und verteilte sie an die Leute. Stefans Fisch musste noch länger brutzeln und Jan bestand darauf, dass sein Filet durchgebraten wird. Rind müsse gut durch, wusste er uns zu belehren. Nachdem die meisten zuvor noch gestanden und sich bestenfalls an Container und Bauwagen angelehnt hatten, suchte sich spätestens jetzt zum Essen jeder irgendein Plätzchen, auf das er sich setzen konnte. Drei Leute nutzten die Anhängergabel, andere nutzten stabile Eimer, ich machte es mir in einer hochgekippten Schubkarre bequem. Sylvia lachte darüber, aber ich erklärte fröhlich: „Das ist besser als der Sessel, den ich zuhause habe.“
Micha fragte den Baggerfahrer: „Willst du nicht doch ’ne Wurst?“
Doch Stefan verweigerte: „Mit Semf? Ick ess doch keene Wurst, die keene Körriwurst nich is! Wenn dann ess ick nur ’ne Bärlina Körriwurst.“ Er grinste.
„Ja, die Berliner Variante. Einer der beiden Currywurstpole.“
„Wat heißt’enn eena? De Körriwurst kommt aus Bärlin! Die hat die Heuwa nachm Kriech am Stutti erfundn!“
„Dann bist du also ein Vertreter der Theorie einer Berliner Currywurst-Genese?“ Der Hell’s Angel blickte mich rätselnd an. Er hatte gehört, was ich gesagt habe, aber kein Wort verstanden. Micha knabberte inzwischen an seinem Steak-Lutscher herum und betrachtete unser Wurstduell. „Ich weiß, dass es in Gelsenkirchen schon genauso lange Currywürste gibt, deshalb denk ich, dass die etwa gleichzeitig an mehreren Orten entstanden ist. Angeblich gibt’s ja sogar Hamburger, die die Erfindung für sich reklamieren.“
Da war Stefan mit mir einer Meinung: „In Hamburg? Ja, det is nu totala Quatsch!“ Er wischte die Idee beiseite und lobte anerkennend: „Nee, eure Ruhrpottwurst is zwar janz anndas, aba wenichstens is det ’ne Körriwurst!“ Wir grinsten uns entspannt an.
Während der Toast reihum durchgereicht wurde, lachte Wernher plötzlich verschmitzt auf: „Ha’ck euch eijentlich schon ma vom dem Jrabungsleiter erzählt, der ’ne Kuh nich vom Pferd unterscheiden konnte?“
Gleichzeitig folgte das Senfglas dem Toast und wieder bediente sich jeder der Reihe nach. Auf Wernhers Frage schüttelten alle den Kopf, die ersten begannen zu kauen.
„Na, det war so. Wir hattn son Befund ausjejrabn, da war son Tierschädel drin. Denn kam die Presse und der Jrabungsleiter erzählte denen wat vom Pferd. Aba im Wortsinne.“ Wernher griente. „Als die Presse weg war – vorher ha’ck natürlich det Maul jehaltn, wollt den ja nich blamiern! –, da ha’ck den zur Seite jenomm un ihm jesacht, Mensch, pass ma uff, det kann doch keen Pferd nich sein. Kiek ma, det hat doch Hörner! – Da schüttelt der den Kopp, neinnein, das ist ein Pferd. – Un ick wieda, ja denn kiek doch hin, hier, siehste die Hörner nich? Aber der wollt det partu nich wahrham. Der hat det nich zujejebn.“ Wernhers Gesicht glich wieder dem eines satten Katers, der gut gelaunt auf seiner Veranda liegt.
Sylvia staunte: „Aber der muss doch auch studiert haben?“
„Das muss gar nichts heißen“, wusste ich einzuwerfen, „was meinst du, wie viele Leute an der Uni erst so richtig verblöden?“ Mit einem Gedanken an Senff ergänzte ich, „und wie viele kommen schon total blöde an!“
Schließlich richtete sich die Besetzung von Ämtern noch nie in der Menschheitsgeschichte nach den Fähigkeiten und Talenten des ausgewählten Kandidaten. Unwichtige Faktoren gaben wesentlich häufiger den Ausschlag, als sich so mancher träumen lässt. Wahrscheinlich sind hierin die Gründe dafür zu finden, warum der Anteil der Hohlköpfe und Begriffsstutzigen ausgerechnet bei Wissenschaftlern am höchsten ist, obwohl sie stets von sich glauben, überlegenes Wissen angehäuft zu haben. Entsprechend hoch ist besonders an Universitäten die Wahrscheinlichkeit, solche Leute zu treffen und kennenzulernen. Sie selbst sehen sich natürlich als Verdauungsorgan der geistigen Nahrung. In Wirklichkeit sind sie nicht mehr als ein offenes Magengeschwür. Und genau an dieser Fehleinschätzung wird die Demokratie dieser Pseudo-Eliten eines Tages zugrunde gehen.
Ich weiß nicht, wie Micha es merken konnte, aber er ahnte, dass ich an Senff dachte. Vielleicht habe ich einfach zu lange auf das Senfglas gestarrt.
„Du meinst unsern Maxim? Hm?“ Ich nickte wortlos und biss mit zusammengenkniffenen Augen in meine Bratwurst.
Micha begann verbittert zu plaudern: „Na, was das Fach angeht, ist er auf jeden Fall ein Idiot und menschlich sowieso. Das wissen wir ja alle. Aber es gelingt ihm zumindest, aus Verhandlungen das Beste herauszuholen. Wusstest du“, er zeigte mit der besenften Wurst auf mich, „dass der hier in der Nähe ein Ferienhaus hat?“ Ich schüttelte den Kopf. „Eigentlich nur son Altbau, günstig gekauft, wahrscheinlich für zehn Riesen oder so. Sieht aber inzwischen aus wie aus dem Ei gepellt.“ Die anderen schwiegen betreten, es schien, dass der Baggerfahrer und ich die einzigen waren, die die folgende Geschichte nicht kannten. „Und weißt du, wann das renoviert wurde? Und von wem?“ Wieder musste ich gestisch verneinen. „Kurz nachdem zwei Grabungen an Autobahnbrücken eingestellt wurden, die nach Voruntersuchungen beste Ergebnisse gebracht hatten und bei denen die meisten von uns bereits angefangen hatten zu arbeiten. Und sein Häuschen wurde nach Abbruch der Grabungen ganz zufällig von derselben Firma renoviert, die die Brücken gebaut hat. Immer am Wochenende.“ Sogar Wernher blieb ruhig, wie ich verwundert feststellte. Wenn er noch Senffs Büttel war, konnte es nicht lange dauern, und der Abteilungsleiter der Sonderprojekte würde erfahren, was über ihn geredet wurde. Inzwischen muss ich davon ausgehen, dass Wernher bereits während meiner Grabung längst nicht mehr in dieser Hinsicht für Senff arbeitete.
Ein Wartburg fuhr auf das Grabungsgelände. Langsam röhrte er an den Container und die Bauwagen heran, alle schauten mampfend in seine Richtung. Aus dem Auto stieg ein typischer Bauer mit einer gefütterten Cordweste und einem fleckigen Manchesterhut. Er kam zu uns und ich sah, dass er in den Händen ein kleines Etwas trug.
„Mahlzeit! Sacht ma, wer is denn der Chef hier?“
Dieter wies auf mich und ergänzte grinsend, „Der hier. Mit der komischen Brille.“
Der Bauer wunderte sich überhaupt nicht darüber, dass wir grillten, und stiefelte bedächtig zu mir. Ich erhob mich aus meiner Schubkarre.
„Mir gehört ja der Hof da hinten“, zeigte er und sprach langsam, „da hab ich jeden Tach gesehn, dass ihr hier arbeitet. Da hat meine Frau gesacht, geh doch ma zu den Geologen da hin und zeich den’ unsern Stein. Der is ma bei der LPG auf’m Acker runtergekomm. Da hab ich den gefunden. Die solln sich den ma ankuckn, sacht’se. Nich dass das hier von so Außerirdischen is. Oder so radiotisch. Hier. Kuck dir das man an.“ Er hielt mir einen grauen Klops unter die Nase. „Is das ’n Meteorit?“
Ich hatte meine Steak gegessen und legte den leeren Pappteller zur Seite, um die Hände frei zu haben. Dann nahm ich ihm den kleinen kugeligen Stein ab und sah auf dem ersten Blick, um was es sich handelte.
„Nee, das ist kein Meteorit. Das ist ein versteinerter Seeigel. Hier schauen Sie mal“, zeigte ich mit dem Zeigefinger, „hier sehen Sie die Stachelansätze.“
„Also nich aus dem All?“, fragte der Bauer zweifelnd.
„Ganz bestimmt nicht“, versicherte ich.
„Na, hoffentlich glaubt’se mir das“, er zögerte einen Moment, die anderen blieben stumm, waren aber merklich erheitert, dann entschied er sich wieder zu gehen, „ja, dann Mahlzeit, ich muss jetzt auch zum Essen.“
Er saß kaum in seinem Auto, da blödelte Micha schon herum, „Hättest ihm für seine Alte ja wenigstens mal ein schriftliches Gutachten ausstellen können“, und alle lachten, während der Wartburg des Bauers rückwärts vom Acker sprotzte.
„Jaja, die Bauern“, meinte Wernher, „die leiden hier ooch richtich unter den Jrabungen.“
„Na, wie man’s nimmt“, erwiderte ich, als ich mich wieder in die Schubkarre setzte, „normalerweise kassieren die doch doppelt und dreifach.“
Wernher blickte mich fragend an und ich erklärte: „Die kriegen doch nicht nur die Entschädigung, die mehr beträgt, als sie mit der Ernte je verdient hätten, sondern holen auch dann noch das Letzte raus. Ich hab mal auf ’nem Kartoffelacker gegraben, da kam der Bauer regelmäßig mit der ganzen Familie an und hat die ganzen Kartoffeln, die wir ausgebaggert haben, eingesammelt und an der Straße verkauft, obwohl die noch die fette Entschädigung kassiert haben.“
„Man darf de Lebensmittel aber doch ooch nich verkomm’ lassn“, ermahnte Wernher.
„Natürlich nicht – aber wenn sie Teile der Ernte noch retten, sollen sie auch keine übertriebene Entschädigung verlangen. Die zahlen wir schließlich alle über Steuern.“
„So jesehen haste recht“, stimmte Wernher mir zu und Hans pampte: „Den Bauern ging es doch immer gut. Die haben doch auch nach dem Krieg das ganze Silberbesteck von meiner Mutter und meinen Großeltern kassiert, nur damit wir was zu beißen hatten!“
„Meene Forelle muss doch bald fertig sein“, meinte Stefan und nahm sich seine Forelle vom Grill.
„Na, und mein Filet ist bestimmt auch langsam fertig.“ Jan schritt zum Grill und warf sich das braungebrannte Fleischstück auf seinen Pappteller. Er stolzierte zu seinem Platz zurück wie ein junger Hund mit seinem Lieblingsspielzeug und operierte und meißelte sich durch die Muskelfasern.
„Das ist ja total hart!“, beschwerte er sich nach dem ersten Probestück, „was habt ihr denn damit auf dem Grill gemacht?“
Wernher schmunzelte nur „Ha’ck dir det nich jesacht?“
Jan reagierte nicht darauf, sondern sprach mit sich selbst: „Ich muss erst mal was trinken, das ist mir zu trocken.“
Plötzlich rumpelte Wielands verbeulter Dienstwagen über der Landstraße. Er setzte sehr mutig auf unserem Acker auf und federte bis zu unserer Gruppe. Als Wieland ausstieg, begrüßte Micha ihn: „Ho-ho, immer ruhig mit den jungen Pferden! Möchtest du ’ne Wurst?“
Wieland sah gehetzt aus, „Was? Nein, danke!“, und lief auf mich zu. „War Senff schon bei euch?“, fragte er dann.
„Nein – wieso?“
„Der sollte doch heute kommen, wir haben gerade ein Körpergrab entdeckt, ein Fürstengrab mit Schwert und gut erhaltenen Holzeimerresten. Warum passiert so was eigentlich immer Freitags mittags?“
Ich erschrak, weil ich sofort wusste, was das bedeutete. Herausragende Funde und Befunde kann man niemals über ein Wochenende unbeobachtet liegen lassen. Es gibt nur drei Möglichkeiten, wie man mit solchen Funden an Wochenenden umgehen kann. Entweder muss man sie wieder zuschütten und sehr gut tarnen, bis man die Untersuchung in der Folgewoche mit der richtigen Muße und dem nötigen Equipement durchführen kann. Leider ist es keinem Befund besonders zuträglich, wenn man ihn erneut unter Erdmassen begräbt und ein zweites Mal freilegt. Eine andere Möglichkeit wäre, den Befund auf der Stelle auszugraben, was je nach Qualität oft genug überstundenlanges Gekratze und Gepinsel im strömenden Regen unter der Scheinwerferbeleuchtung des amtlichen Wagenparks bedeutete. Die letzte zu nennende Lösung kann ein Wachdienst sein, der in professioneller Form allerdings in den seltensten Fällen finanzierbar ist. Also werden hin und wieder die eigenen Mitarbeiter zu solch unschönen Tätigkeiten genötigt. Ein Bekannter von mir hat beispielsweise einmal eine regendurchnässte Nacht in einem Sommerschlafsack auf einer Kuhwiese neben einer Moorleiche verbracht. Damit die gefräßigen und vor Neugier strotzenden Rinder weder die Mumie noch seinen Schlafsack anknabbern, war er gegen Mitternacht dazu gezwungen gewesen, einen Stacheldrahtzaun zu organisieren und um die provisorische Schlafstätte zu ziehen.
Angesichts der bisherigen Abläufe in diesem Amt war klar, dass wie so oft auch hier Zeit und Geld nicht gepaart auftraten. Und Intelligenz fehlte auf höherer Ebene schließlich sowieso. Daher war ich davon überzeugt, dass Senff alles darangäbe, den Befund in kürzester Zeit zu dokumentieren und auszunehmen.
Wieland blickte panisch, ich versuchte ihn erst einmal zu beruhigen: „Fahr doch mal zur LPG und ruf im Amt an, vielleicht erwischst du ihn noch?“
„Ja, ja, du hast recht, das sollte ich machen“, stammelte er nervös und mit herumirrenden Blick.
„Ich kann ja mal mit ein paar Leuten zu deiner Grabung rüberfahren“, half ich weiter, „wenn das heute noch raus soll, wirst du sowieso noch Verstärkung brauchen.“
„Ja, stimmt“, er drehte sich um, lief zu seinem Wagen, „ich fahr dann schnell zur LPG“, und war wieder genauso schnell vom Acker, wie er gekommen war.
„Jan, Wernher, Dieter? Ihr kommt mit. Micha, du kannst mit Sylvia und Hans erst mal einräumen, wenn ihr die Sachen verstaut habt, könnt ihr nachkommen.“
Die drei Arbeiter nahmen sich aus dem Werkzeugcontainer ein paar Kellen und zwei, drei Eimer mit, stellten sie in den Kofferraum meines Wagens und stiegen ein. Ich kramte währenddessen meine Unterlagen in eine Tasche zusammen und warf sie dazu. Wir waren alle schon sehr gespannt auf das Grab, mussten aber wie üblich an der Bahnschranke halten, bevor wir nach Krützin fahren konnten.
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Montag, 27. April 2009
Samstag, 4. April 2009
Kapitel 11.2
Die Grabung schleppte sich derweil von Quadrant zu Quadrant und von Befund zu Befund. Bald war ein Ende abzusehen und ich kam den Arbeitern in ihrem Wunsch entgegen, am vorletzten Freitag mittags zu grillen. Die Stunden hatten wir uns freigearbeitet, so dass wir allesamt nach dem Grillen direkt in den wochenendlichen Feierabend übergehen konnten.
Direkt morgens wurde ich von einem lachenden Dieter mit der Frage begrüßt, ob ich den Willen zum Grillen in mir verspürte. Ich bejahte und schmunzelte über den eher lauen Witz. Irgendwann kurz vor Mittag wollte ich dann zusammen mit Micha zum Supermarkt im Ort fahren, um den Grill, die Kohle und für alle zusammen Würstchen, Fleisch und Getränke einzukaufen. Zuvor schaufelten, putzten und zeichneten die Arbeiter und Micha auf dem Grabungsfeld. Baggerfahrer Stefan schob Abraum zur Seite und half beim Ausnehmen größerer Siedlungsgruben mit dem Anlegen von Arbeitsgruben. Sylvia war derweil im Bauwagen damit beschäftigt, ihre letzten Zeichnungen in den Übersichtsplan kleineren Maßstabs umzuzeichnen, den ich für die spätere Bearbeitung zur Hand haben wollte. Ich saß ihr dabei gegenüber und füllte auf dem grundsiffigen Tisch die letzten Formulare aus, die in dieser Woche noch unbearbeitet geblieben waren.
Kurz vor Mittag stand ich auf, um mich zu strecken, und blickte aus dem Fenster des Bauwagens.
„Irgendwie ist das sehr surreal, von hier betrachtet.“
„Was meinst du?“
Mit einer zweifelnden Überlegung schüttelte ich zweimal den Kopf: „Na, es wirkt wie eine Mannschaftssportart, was die draußen veranstalten. – Herzlich willkommen“, imitierte ich aus dem Stegreif einen fiktiven Radioreporter, „zum zweiten Viertel unserer heutigen Grabungsübertragung, mein Name ist Paul Eggers und ich darf Sie herzlich begrüßen zu diesem außerordentlich spannenden Spiel.“ Sylvia grinste merklich, zeichnete aber konzentriert weiter. Ich steigerte mich: „Wir sind heute auf dem Feld von Totenow in der Maxim-Senff-Gedächtnis-Arena, und es ist ein Heimspiel der Totenower Sandteufel. Für die Sandteufel sind angetreten: Als Kapitän Benny Frandsen, auch bekannt unter seinem Spitznamen Flintdolch-Micha, in der Verteidigung an der Schaufel Dieter ,Popeye' Räumer und an der Schubkarre Hans Gros, der Rasenmähermann.“ Sylvia lachte. „Gäste sind die Wossi-All Stars, eine gemischte Ost-West-Auswahlmannschaft, die heute mit Jan ,Robin Hood' Retzlaff als Kapitän spielen, Wernher Senger, die ,märkische Schaufel', verteidigt, und der ,Höllenengel' Stefan sitzt im Bagger. Die Begegnung wird übrigens gesponsort von Attila Furioso, der stärksten Motorsäge der Welt, ja und ich sehe gerade, die Mannschaften laufen wieder auf das Feld. Als Schiedsrichter pfeift übrigens ein Grabungsleiter, der bereits einige größere Grabungen gepfiffen hat, ich denke da beispielsweise an die Finals von Groß Plüggenthun und Lügwitz, das den meisten von uns sicherlich noch als Schlammschlacht und spannende Partie zugleich in Erinnerung geblieben sind. Ich fasse vielleicht kurz den Stand aus dem ersten Viertel zusammen: Die Sandteufel haben die Auslosung verloren und mussten sich mit den Befunden in den Quadranten C18 bis 20 zufrieden geben. Hier zeigten sich zwar mehr Störungen in Form von Drainagen, aber dafür waren hier auch deutlich weniger Befunde, die es zu bearbeiten galt. Trotz besserer Ausgangsbedingungen haben die Wossis dennoch im gesamten ersten Viertel abgesehen von ein paar lumpigen Abschlägen, die immerhin schon jungsteinzeitlich sein könnten, und einem einzigen kalzinierten Flint noch keinen Fund machen können. Da sieht die krumpelige Krümelkeramik, die die Sandteufel geborgen haben und die wir hier im Stadion gerade an der Videowand in einer Nahaufnahme bewundern können, doch wesentlich besser aus. Ja, das dürfte hinterher Punkte in der B-Note geben. Kein Zweifel. Allerdings hatten die Wossis natürlich auch einen ordentlichen Zeitverlust, als ,Robin Hood'-Retzlaff mit dem Schiedsrichter Witze machte und im Anschluss mit seiner gesamten Mannschaft eine Strafrunde auf dem Abraum schieben musste. Gerade höre ich, dass das Spiel wieder angepfiffen wird. Die Mannschaften versammeln sich vor den Quadranten, nehmen die Geräte in die Hand und“, ich rief laut: „JETZT ERTÖNT DER ANPFIFF!“
Sylvia erschreckte sich und lachte gleichzeitig, ich plapperte in einer tonlosen Schnellsprache weiter: „,Flintdolch'-Micha schwingt die Schaufel, das wird hart für ,Robin Hood'-Retzlaff, und da kommt ,Popeye' Räumer, er schaufelt, als sei der Teufel hinter ihm her, mit einem Bauchkippdreher holt er das Letzte aus seinem Sportgerät, dabei war er noch vor zwei Monaten mit einer komplizierten Sehnenscheidenentzündung in Behandlung, hoffentlich hat er da keinen Tierbau erwischt“, meine Stimme hetzte immer schneller, Sylvia blickte nun nach draußen, ganz so, als schaue sie Fernsehen, während ich selbst erstaunt war, wie schnell ich reden konnte, „gleichzeitig legt Senger, die ,märkische Schaufel', ein extrem gerades Profil an – das gibt Punkte! – aber was ist das? EIN FOUL! Hans Gros, der Rasenmähermann, fährt nur mit einer halbvollen Schubkarre zum Abraum, sieht denn das der Schiedsrichter nicht?“ Sylvia lachte wieder laut. „Dafür müsste der ,Höllenengel' mit seinem Bagger eine Freischaufel bekommen, um hinter einem Befund eine Arbeitsgrube anzulegen. Hans Gros, meine Damen und Herren, ist heute übrigens mit einem französischen Boliden angetreten, zu dem er mir in der Pause verraten hat, dass er ab-so-lut untauglich ist! Bei der nächsten Grabung möchte er unbedingt wieder eine Karre aus deutscher Produktion fahren, weil die Achse der französischen Konkurrenz auf Sandboden einfach keine Leistung bringt! Jetzt zieht der Höllenengel mit seinem Bagger inzwischen neuen Abraum zur Seite, oooh, da wird der Unparteiische wohl nivellieren müssen ...“
Die Zeichnerin schüttelte langsam grinsend ihren Kopf, hatte sich aber merklich amüsiert. Ich musste erst mal Luft holen, sah aber dann, dass Flintdolch-Micha zum Bauwagen kam. Unwillkürlich blickte ich auf die Uhr: „Oh, Micha und ich sollten gleich mal losfahren, den Grill und die Sachen holen.“
„Zum HO in Totenow?“, erkundigte Sylvia sich.
„Genau“, sagte ich, als Micha beidhändig in den Bauwagen kletterte: „Sacht mal, was lacht ihr denn hier so? Das hört man auf dem ganzen Planum. Trinkt ihr heimlich schon die erste Kanne Bier?“ Sein Mund schnitt ein breites Grinsen ins Gesicht. Sylvia schüttelte den Kopf, dabei blickte sie immer noch sehr belustigt und gleichzeitig ein wenig pikiert, dass der zweite Zeichner ihr Alkohol am Arbeitsplatz unterstellte. „Ich? Ich trink doch nicht, wenn ich zeichne! Du vielleicht?“, neckte sie Micha, der immer noch auf dem Absatz des Einstiegs kippelte und sich mit beiden Händen am Türrahmen festhielt. Der konterte nur knapp, „kein Bier vor Vier“, und drehte sich dann zu mir. „Soll’n wir eigentlich nich bald losfahren?“
„Ja, können wir machen. Hast du die anderen schon gefragt, was wir so alles holen sollen?“
Sylvia meldete an: „Für mich braucht ihr nur zwei Würstchen zu holen, mehr esse ich nicht.“
Micha notierte geistig: „Zwei Würstchen? Können wir machen.“ Dann wandte er sich wieder mir zu: „Nee, ich dachte, wir sammeln eben schnell die Bestellungen.“
„Ja, gut“, sagte ich mit angehobener Stimme, kramte mir einen leeren Fundzettelblock und einen Bleistift und stieg hinter Micha aus dem Bauwagen, der sich zuvor bereits aus dem Eingang gedreht hatte.
„Wir fahren jetzt runter zum Supermarkt“, rief Micha.
Alle Arbeiter kamen zusammen, Wernher ging in Richtung Bagger, um Stefan durch Zeichen zu verstehen zu geben, den Bagger abzustellen.
In der Zwischenzeit fragte Hans: „Stimmt das eigentlich mit Arnold? Wernher erzählte, der hat sich das Bein gebrochen?“
„Ja“, erwiderte ich, „der ist gestern von der Fotoleiter gefallen.“ Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen: „Wenn das stimmt, was seine Leute erzählt haben, muss er wie ein Rohrspatz gemotzt haben.“ Ohne den Wortlaut selbst gehört zu haben, versuchte ich mit erhöhter Stimme zu imitieren: „Welche Hackfresse hatt’enn diese Leita konstruiert, los ihr Blödsenkel, holt ’en Krankenwagen.“ Alle lächelten, taten dies jedoch nicht aus Schadenfreude, sondern ob der befremdlichen Situation, die sich in unseren Köpfen abspielte.
Stefan hatte inzwischen seinen Bagger ausgemacht und Wernher rief ihm von unten zu: „Die zwee-e fahrn jetz zum Konn-summ. Solln die dir wat zum Verschnabuliern mitbringn?“
Stefan lehnte sich in seinem Bagger nach vorn, die Arme über Kreuz und antwortete: „Nee, ick hab mir doch Fisch mitjebracht.“
Dieter bestellte inzwischen bei uns: „Also, ich hätte gerne Würstchen. Und ein Kotelett“, wusste er mit erhobenem Zeigefinger.
„Ja“, freute sich Wernher, „son Kotelett is wat feinet“, er strahlte erst übers ganze Gesicht und ermahnte uns dann „aber holt bloß son mariniertet, nich son trockenen Plunda.“ Dann drehte er sich zu Hans: „Willste nich ooch ’n Kotelett?“
Hans lehnte ab, „Nein, ich nehme lieber ein kleines Schweinenackensteak, wenn die sowas haben. Ein oder zwei Würstchen aber auch.“
Jan wunderte sich: „Ihr esst ja alle nur Schwein? Ich will ein richtiges Tier. Bringt mir mal ein schönes Stück Rinderfilet.“ Mit seinen Händen und einem „Etwa so groß“ zeichnete er uns die korrekte Größe vor.
„Rinderfilet?“, wunderte sich Wernher, „dit wird ja janz trockn uff’m Jrill!“, und schüttelte den Kopf.
Mir entrutschte nur ein „suum cuique“, das ich zwar mehr für mich brummelte, von Jan aber trotzdem gehört wurde.
„Das Schwein quiekte?“, fragte er, „Ich hab doch gesagt, ich will Rind?!“, sprach er verwirrt.
Ich erklärte: „Das heißt: Jedem das seine“, und lenkte ab mit: „Was wollt ihr denn trinken?“ Dieter und Stefan fragten nach Bier, dazu wollten sie sich mit Micha ein Sixpack teilen. Der ehemalige Spediteur Wernher bestand dagegen auf alkoholfreiem Bier, was ich nachvollziehen konnte, weil ich denselben Gedanken gehabt hatte. Jan fragte nach Cola, nach Bier war ihm tagsüber überhaupt nicht. Hans winkte ab, er hatte ja seine polnische Limo, und in der Halbliterflasche war „sowieso viel zu viel!“
Als ich mit Micha zum Wagen ging, hörten wir noch im Hintergrund den Anfang der Geschichte, die Jan stets zum Besten gab, wenn das Stichwort Limonade fiel, und die jeder auf der Grabung schon mehrfach gehört hatte. Er erzählte dann in allen Einzelheiten, wie er einmal als Kind einen Finger in eine Limonadenflasche gesteckt, die Flasche geschüttelt und den Finger plötzlich herausgezogen hatte. Angeblich war dann der gesamte Inhalt der Flasche an die Decke der heimischen Küche gespritzt. Der Zeichner und ich waren froh, die Geschichte nicht ein weiteres Mal erzählt zu bekommen.
Direkt morgens wurde ich von einem lachenden Dieter mit der Frage begrüßt, ob ich den Willen zum Grillen in mir verspürte. Ich bejahte und schmunzelte über den eher lauen Witz. Irgendwann kurz vor Mittag wollte ich dann zusammen mit Micha zum Supermarkt im Ort fahren, um den Grill, die Kohle und für alle zusammen Würstchen, Fleisch und Getränke einzukaufen. Zuvor schaufelten, putzten und zeichneten die Arbeiter und Micha auf dem Grabungsfeld. Baggerfahrer Stefan schob Abraum zur Seite und half beim Ausnehmen größerer Siedlungsgruben mit dem Anlegen von Arbeitsgruben. Sylvia war derweil im Bauwagen damit beschäftigt, ihre letzten Zeichnungen in den Übersichtsplan kleineren Maßstabs umzuzeichnen, den ich für die spätere Bearbeitung zur Hand haben wollte. Ich saß ihr dabei gegenüber und füllte auf dem grundsiffigen Tisch die letzten Formulare aus, die in dieser Woche noch unbearbeitet geblieben waren.
Kurz vor Mittag stand ich auf, um mich zu strecken, und blickte aus dem Fenster des Bauwagens.
„Irgendwie ist das sehr surreal, von hier betrachtet.“
„Was meinst du?“
Mit einer zweifelnden Überlegung schüttelte ich zweimal den Kopf: „Na, es wirkt wie eine Mannschaftssportart, was die draußen veranstalten. – Herzlich willkommen“, imitierte ich aus dem Stegreif einen fiktiven Radioreporter, „zum zweiten Viertel unserer heutigen Grabungsübertragung, mein Name ist Paul Eggers und ich darf Sie herzlich begrüßen zu diesem außerordentlich spannenden Spiel.“ Sylvia grinste merklich, zeichnete aber konzentriert weiter. Ich steigerte mich: „Wir sind heute auf dem Feld von Totenow in der Maxim-Senff-Gedächtnis-Arena, und es ist ein Heimspiel der Totenower Sandteufel. Für die Sandteufel sind angetreten: Als Kapitän Benny Frandsen, auch bekannt unter seinem Spitznamen Flintdolch-Micha, in der Verteidigung an der Schaufel Dieter ,Popeye' Räumer und an der Schubkarre Hans Gros, der Rasenmähermann.“ Sylvia lachte. „Gäste sind die Wossi-All Stars, eine gemischte Ost-West-Auswahlmannschaft, die heute mit Jan ,Robin Hood' Retzlaff als Kapitän spielen, Wernher Senger, die ,märkische Schaufel', verteidigt, und der ,Höllenengel' Stefan sitzt im Bagger. Die Begegnung wird übrigens gesponsort von Attila Furioso, der stärksten Motorsäge der Welt, ja und ich sehe gerade, die Mannschaften laufen wieder auf das Feld. Als Schiedsrichter pfeift übrigens ein Grabungsleiter, der bereits einige größere Grabungen gepfiffen hat, ich denke da beispielsweise an die Finals von Groß Plüggenthun und Lügwitz, das den meisten von uns sicherlich noch als Schlammschlacht und spannende Partie zugleich in Erinnerung geblieben sind. Ich fasse vielleicht kurz den Stand aus dem ersten Viertel zusammen: Die Sandteufel haben die Auslosung verloren und mussten sich mit den Befunden in den Quadranten C18 bis 20 zufrieden geben. Hier zeigten sich zwar mehr Störungen in Form von Drainagen, aber dafür waren hier auch deutlich weniger Befunde, die es zu bearbeiten galt. Trotz besserer Ausgangsbedingungen haben die Wossis dennoch im gesamten ersten Viertel abgesehen von ein paar lumpigen Abschlägen, die immerhin schon jungsteinzeitlich sein könnten, und einem einzigen kalzinierten Flint noch keinen Fund machen können. Da sieht die krumpelige Krümelkeramik, die die Sandteufel geborgen haben und die wir hier im Stadion gerade an der Videowand in einer Nahaufnahme bewundern können, doch wesentlich besser aus. Ja, das dürfte hinterher Punkte in der B-Note geben. Kein Zweifel. Allerdings hatten die Wossis natürlich auch einen ordentlichen Zeitverlust, als ,Robin Hood'-Retzlaff mit dem Schiedsrichter Witze machte und im Anschluss mit seiner gesamten Mannschaft eine Strafrunde auf dem Abraum schieben musste. Gerade höre ich, dass das Spiel wieder angepfiffen wird. Die Mannschaften versammeln sich vor den Quadranten, nehmen die Geräte in die Hand und“, ich rief laut: „JETZT ERTÖNT DER ANPFIFF!“
Sylvia erschreckte sich und lachte gleichzeitig, ich plapperte in einer tonlosen Schnellsprache weiter: „,Flintdolch'-Micha schwingt die Schaufel, das wird hart für ,Robin Hood'-Retzlaff, und da kommt ,Popeye' Räumer, er schaufelt, als sei der Teufel hinter ihm her, mit einem Bauchkippdreher holt er das Letzte aus seinem Sportgerät, dabei war er noch vor zwei Monaten mit einer komplizierten Sehnenscheidenentzündung in Behandlung, hoffentlich hat er da keinen Tierbau erwischt“, meine Stimme hetzte immer schneller, Sylvia blickte nun nach draußen, ganz so, als schaue sie Fernsehen, während ich selbst erstaunt war, wie schnell ich reden konnte, „gleichzeitig legt Senger, die ,märkische Schaufel', ein extrem gerades Profil an – das gibt Punkte! – aber was ist das? EIN FOUL! Hans Gros, der Rasenmähermann, fährt nur mit einer halbvollen Schubkarre zum Abraum, sieht denn das der Schiedsrichter nicht?“ Sylvia lachte wieder laut. „Dafür müsste der ,Höllenengel' mit seinem Bagger eine Freischaufel bekommen, um hinter einem Befund eine Arbeitsgrube anzulegen. Hans Gros, meine Damen und Herren, ist heute übrigens mit einem französischen Boliden angetreten, zu dem er mir in der Pause verraten hat, dass er ab-so-lut untauglich ist! Bei der nächsten Grabung möchte er unbedingt wieder eine Karre aus deutscher Produktion fahren, weil die Achse der französischen Konkurrenz auf Sandboden einfach keine Leistung bringt! Jetzt zieht der Höllenengel mit seinem Bagger inzwischen neuen Abraum zur Seite, oooh, da wird der Unparteiische wohl nivellieren müssen ...“
Die Zeichnerin schüttelte langsam grinsend ihren Kopf, hatte sich aber merklich amüsiert. Ich musste erst mal Luft holen, sah aber dann, dass Flintdolch-Micha zum Bauwagen kam. Unwillkürlich blickte ich auf die Uhr: „Oh, Micha und ich sollten gleich mal losfahren, den Grill und die Sachen holen.“
„Zum HO in Totenow?“, erkundigte Sylvia sich.
„Genau“, sagte ich, als Micha beidhändig in den Bauwagen kletterte: „Sacht mal, was lacht ihr denn hier so? Das hört man auf dem ganzen Planum. Trinkt ihr heimlich schon die erste Kanne Bier?“ Sein Mund schnitt ein breites Grinsen ins Gesicht. Sylvia schüttelte den Kopf, dabei blickte sie immer noch sehr belustigt und gleichzeitig ein wenig pikiert, dass der zweite Zeichner ihr Alkohol am Arbeitsplatz unterstellte. „Ich? Ich trink doch nicht, wenn ich zeichne! Du vielleicht?“, neckte sie Micha, der immer noch auf dem Absatz des Einstiegs kippelte und sich mit beiden Händen am Türrahmen festhielt. Der konterte nur knapp, „kein Bier vor Vier“, und drehte sich dann zu mir. „Soll’n wir eigentlich nich bald losfahren?“
„Ja, können wir machen. Hast du die anderen schon gefragt, was wir so alles holen sollen?“
Sylvia meldete an: „Für mich braucht ihr nur zwei Würstchen zu holen, mehr esse ich nicht.“
Micha notierte geistig: „Zwei Würstchen? Können wir machen.“ Dann wandte er sich wieder mir zu: „Nee, ich dachte, wir sammeln eben schnell die Bestellungen.“
„Ja, gut“, sagte ich mit angehobener Stimme, kramte mir einen leeren Fundzettelblock und einen Bleistift und stieg hinter Micha aus dem Bauwagen, der sich zuvor bereits aus dem Eingang gedreht hatte.
„Wir fahren jetzt runter zum Supermarkt“, rief Micha.
Alle Arbeiter kamen zusammen, Wernher ging in Richtung Bagger, um Stefan durch Zeichen zu verstehen zu geben, den Bagger abzustellen.
In der Zwischenzeit fragte Hans: „Stimmt das eigentlich mit Arnold? Wernher erzählte, der hat sich das Bein gebrochen?“
„Ja“, erwiderte ich, „der ist gestern von der Fotoleiter gefallen.“ Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen: „Wenn das stimmt, was seine Leute erzählt haben, muss er wie ein Rohrspatz gemotzt haben.“ Ohne den Wortlaut selbst gehört zu haben, versuchte ich mit erhöhter Stimme zu imitieren: „Welche Hackfresse hatt’enn diese Leita konstruiert, los ihr Blödsenkel, holt ’en Krankenwagen.“ Alle lächelten, taten dies jedoch nicht aus Schadenfreude, sondern ob der befremdlichen Situation, die sich in unseren Köpfen abspielte.
Stefan hatte inzwischen seinen Bagger ausgemacht und Wernher rief ihm von unten zu: „Die zwee-e fahrn jetz zum Konn-summ. Solln die dir wat zum Verschnabuliern mitbringn?“
Stefan lehnte sich in seinem Bagger nach vorn, die Arme über Kreuz und antwortete: „Nee, ick hab mir doch Fisch mitjebracht.“
Dieter bestellte inzwischen bei uns: „Also, ich hätte gerne Würstchen. Und ein Kotelett“, wusste er mit erhobenem Zeigefinger.
„Ja“, freute sich Wernher, „son Kotelett is wat feinet“, er strahlte erst übers ganze Gesicht und ermahnte uns dann „aber holt bloß son mariniertet, nich son trockenen Plunda.“ Dann drehte er sich zu Hans: „Willste nich ooch ’n Kotelett?“
Hans lehnte ab, „Nein, ich nehme lieber ein kleines Schweinenackensteak, wenn die sowas haben. Ein oder zwei Würstchen aber auch.“
Jan wunderte sich: „Ihr esst ja alle nur Schwein? Ich will ein richtiges Tier. Bringt mir mal ein schönes Stück Rinderfilet.“ Mit seinen Händen und einem „Etwa so groß“ zeichnete er uns die korrekte Größe vor.
„Rinderfilet?“, wunderte sich Wernher, „dit wird ja janz trockn uff’m Jrill!“, und schüttelte den Kopf.
Mir entrutschte nur ein „suum cuique“, das ich zwar mehr für mich brummelte, von Jan aber trotzdem gehört wurde.
„Das Schwein quiekte?“, fragte er, „Ich hab doch gesagt, ich will Rind?!“, sprach er verwirrt.
Ich erklärte: „Das heißt: Jedem das seine“, und lenkte ab mit: „Was wollt ihr denn trinken?“ Dieter und Stefan fragten nach Bier, dazu wollten sie sich mit Micha ein Sixpack teilen. Der ehemalige Spediteur Wernher bestand dagegen auf alkoholfreiem Bier, was ich nachvollziehen konnte, weil ich denselben Gedanken gehabt hatte. Jan fragte nach Cola, nach Bier war ihm tagsüber überhaupt nicht. Hans winkte ab, er hatte ja seine polnische Limo, und in der Halbliterflasche war „sowieso viel zu viel!“
Als ich mit Micha zum Wagen ging, hörten wir noch im Hintergrund den Anfang der Geschichte, die Jan stets zum Besten gab, wenn das Stichwort Limonade fiel, und die jeder auf der Grabung schon mehrfach gehört hatte. Er erzählte dann in allen Einzelheiten, wie er einmal als Kind einen Finger in eine Limonadenflasche gesteckt, die Flasche geschüttelt und den Finger plötzlich herausgezogen hatte. Angeblich war dann der gesamte Inhalt der Flasche an die Decke der heimischen Küche gespritzt. Der Zeichner und ich waren froh, die Geschichte nicht ein weiteres Mal erzählt zu bekommen.
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Samstag, 28. März 2009
Kapitel 11.1
Im Verlauf der letzten Grabungswochen überschlugen sich die Ereignisse. Orka reichte mit einem nächtlichen Telefonat eine mündliche Entschuldigung für zwei weitere Wochen ein und auch Jonas verließ uns leider. Im Gegensatz zu Orkas offensichtlicher Krankfeierei war sein Ausscheiden allerdings keineswegs freiwillig, sondern hatte Ursache in einer richtiggehenden Suspendierung von Seiten Senffs. Jonas hatte eines schönen Wochenendes nämlich ungebetenen Besuch von der Polizei bekommen, weil sie in ihm einen großkalibrigen Drogenproduzenten sahen. Ein guter Freund des Schweden, den er noch aus seiner heißen Besetzerzeit kannte, hatte nämlich in dem Bahnhofsgebäude eines kleinen ostdeutschen Örtchens einen Keller angemietet, um dort Marihuana anzupflanzen. Leider war für die Anmietung noch ein Bürge notwendig geworden und Jonas hatte sich zur Verfügung gestellt. Er war aber abgesehen vom Eigenbedarf an dem Anbau nicht beteiligt. Der Keller befand sich pikanterweise direkt unter den Amtsräumen des BGS, der an dem damals noch genutzten Bahnhofs stationiert war. Die Elektrik der Räumlichkeiten war in einem miserablen Zustand und so kam es eines Tages, wie es kommen musste, die Sicherungen für irgendwelche Lampen und Belüftungsanlagen versagten und der Keller stand in kürzester Zeit in Flammen. Der BGS bemerkte zwar das Feuer, die Beamten begriffen aber nicht einmal angesichts des süßlichen Gestanks, dass sie jahrelang über der größten Haschischplantage des Landkreises gearbeitet hatten. Sie riefen die Feuerwehr und erst als diese die Zugänge aufbrach und das Feuer löschte, wurde die ermittlungstechnische Peinlichkeit bekannt. Nun stand die Kripo unter Zugzwang. Sie musste für die Lächerlichkeit der Kollegen geradestehen und griff dementsprechend mit voller Härte durch. Der eigentlich Mieter wurde kassiert, Jonas wurde vorgeladen, und als Senff von Sache Wind bekam, ließ er den Schweden auf der Stelle suspendieren. Freilich musste das Verfahren gegen Jonas aufgrund mangelnder Beweise innerhalb kürzester Zeit eingestellt werden. Es konnte ihm nämlich nicht einmal nachgewiesen werden, dass er den Keller jemals betreten hatte. Kein BGS-Beamter und kein Bahnhofsangestellter konnte ihn identifizieren. Und obwohl es der Staatsanwaltschaft ebenso wenig gelang, ihm auch nur Mitwisserschaft nachzuweisen, sollte genau diese oberflächliche Verbindung zum organisierten Drogenhandel ihm schließlich in Göteborg das juristische Genick brechen.
Nach der Verfahrenseinstellung in Deutschland kam Senff manchem Mitarbeiter gegenüber in Erklärungsnöte, da er sich stets als herzensguter und nächstenliebender Christ darstellen wollte. Er hätte ihn ja so gerne weiter beschäftigt, erzählte er dann, aber es sei einfach nicht möglich gewesen, rechtfertigte er sich, der Druck von oben sei zu groß gewesen. Das kann nicht ganz richtig sein, weil er gegenüber gleichrangigen Kollegen anderer Ämter durchweg betonte, dass er jede Zeit die vollständige Kontrolle über die Personalpolitik der Abteilung Sonderprojekte gehabt hatte. Er muss also gelogen haben.
Sei es, wie es sei, das Ergebnis blieb das gleiche. Jonas war die letzten Wochen nicht mehr auf unserer Grabung, die Mitarbeiter ergötzten sich staunend an den reißerischen Artikeln der lokalen Kleinzeitungen, die von regelmäßigen Besuchen der internationalen Drogenmafia auf irgendwelchen Einödhöfen des Landkreises schwadronierten. Gleichzeitig schüttelten alle den Kopf, weil jeder den Schweden zumindest so gut kennengelernt hatte, dass die hingeschmierten Räuberpistolen offensichtlich nicht stimmen konnten. Besonders Hans zeigte sich über diese Hetze empört und verglich sie wiederholt mit dem Schwarzen Kanal.
Nach der Verfahrenseinstellung in Deutschland kam Senff manchem Mitarbeiter gegenüber in Erklärungsnöte, da er sich stets als herzensguter und nächstenliebender Christ darstellen wollte. Er hätte ihn ja so gerne weiter beschäftigt, erzählte er dann, aber es sei einfach nicht möglich gewesen, rechtfertigte er sich, der Druck von oben sei zu groß gewesen. Das kann nicht ganz richtig sein, weil er gegenüber gleichrangigen Kollegen anderer Ämter durchweg betonte, dass er jede Zeit die vollständige Kontrolle über die Personalpolitik der Abteilung Sonderprojekte gehabt hatte. Er muss also gelogen haben.
Sei es, wie es sei, das Ergebnis blieb das gleiche. Jonas war die letzten Wochen nicht mehr auf unserer Grabung, die Mitarbeiter ergötzten sich staunend an den reißerischen Artikeln der lokalen Kleinzeitungen, die von regelmäßigen Besuchen der internationalen Drogenmafia auf irgendwelchen Einödhöfen des Landkreises schwadronierten. Gleichzeitig schüttelten alle den Kopf, weil jeder den Schweden zumindest so gut kennengelernt hatte, dass die hingeschmierten Räuberpistolen offensichtlich nicht stimmen konnten. Besonders Hans zeigte sich über diese Hetze empört und verglich sie wiederholt mit dem Schwarzen Kanal.
Donnerstag, 19. März 2009
Kapitel 10.2
Der Arbeitstag verlief unwirklich. Als ich zur Grabung kam, hockten Sylvia und Hans in ihrem Auto, Stefan und Dieter rollten im Pick-up an, Wernher brachte Jan mit, und Jonas fuhr wie üblich mit einem Degenhardt-Lied auf die Baustelle („Weltkrieg Nummero Eins“). Orka aber fehlte, und das machte mich glücklich. Stefan schlich sich schnell aus seinem Pick-up zum Bagger und rollerte darin klackernd auf die Fläche.
Gewöhnlich parkte er den Bagger zum Feierabend so, dass die Schaufel vor der Tür des Werkzeugcontainers lag. Mit diesem einfachen Trick war die Tür nicht ganz so leicht zu knacken. Nachdem alle ihre Taschen in den beiden Bauwagen verteilt hatten, trottete das Team zum Container, um an die Arbeitsmaterialien zu gelangen. Ich hatte Jonas zu Beginn einen Zweitschlüssel für die zwei Schlösser gegeben, damit die Ausgabe der Werkzeuge nicht allein von mir abhing.
Als ich an diesem friedlichen Tag zu dem Container kam, sah ich den Schweden angestrengt mit dem Schlüssel in dem Schloss herumkritzeln. Immer wieder rammte er ihn in den sandverkrusteten Schlitz, versuchte ihn irgendwie zu drehen und zog ihn wieder heraus. Micha stand gebückt daneben und nahm ihm gerade mit einem „Lass mich mal!“ den Schlüssel aus der Hand.
Ich fragte: „Gibt’s Probleme?“
Jonas erhob sich und stemmte die Hände in die Hüfte: „Tja, sieht so aus, als ob jemand versucht hätte, in den Container einzubrechen.“
Ich erschrak kurz, nahm aber schnell wahr, dass jeder Versuch offenbar erfolglos gewesen sein musste. Die Türen waren zu, die Seitenwände waren nicht ausgebrochen und selbst die Schlösser waren noch verschlossen. Dagegen zeigten sich Schrammen auf den Türen und den Schlössern, vor dem Container war eine tiefe Baggerschaufelmulde im Boden. Micha prokelte und ruckelte an dem Schloss: „Nix zu machen! Das ist total verbogen. Dabei ist das doch son gehärtetes Stahlschloss?“
Stefan wartete auf der Fläche in seinem Bagger darauf, dass der Schaufelmann zu ihm kam. Da die wertvolleren Zeichenmaterialien wie die Maßbänder in meinem Wagen waren, hätte Sylvia zwar schon mit ihrer Arbeit anfangen können, sie stand jedoch mit uns am Container und schaute sich das Schauspiel an.
„Hat jemand irgendwie Werkzeug im Wagen?“, fragte ich.
Hans meldete sich und sagte, ohne dass ich ihm das Wort erteilen musste: „Also, ich hab ’ne Metallsäge im Auto.“
Wernher zweifelte: „Na, ob dit wat bringt?“
Ich wusch die Illusionen von dem gehärteten Schloss mit einer lässigen Handbewegung hinweg: „Dochdoch, ich hab son Schloss schon mal auf ’ner anderen Grabung knacken müssen.“
Dann machten wir uns an die Arbeit. Einer musste die ganze Zeit das Schloss halten, zwei sägten abwechselnd. Nach einer Weile hatten wir die Tür wenigstens so weit geöffnet, dass wir sie komplett aufbrechen konnten. Dieter und Hans hämmerten die Tür wieder zurecht, dann schnappte sich jeder Schaufel, Spaten und Kratzer, was er eben brauchte, und lief damit auf die Fläche. Sylvia blieb mit mir noch als letzte am Container stehen. Als die anderen schon auf der Fläche waren, sagte sie: „Das sieht mir aber gar nicht danach aus, als ob hier jemand einbrechen wollte.“
Ich schüttelte grinsend den Kopf: „Nee, das hab ich auch gesehen. Das war Stefan mit der Schaufel. Deswegen hatte er’s wohl auch so eilig, auf die Fläche zu kommen.“ Ich zuckte mit den Schultern, „aber das macht mir heute gar nix aus. Orka kommt heute nicht.“ Ich freute mich sichtlich.
„Du, ich wollt dich schon fragen, wo die bleibt?“, fragte Sylvia in einer Mischung aus Anteilnahme und einem kräftigen Schuss Neugierde.
„Hat heute Nacht in der LPG angerufen“, ich sprach das nächste Wort langsam und betonte es lächerlich, „Tennisarm“, dann stieß ich einen stumpfen Lacher aus. Sylvia schüttelte den Kopf.
„Naja, ich muss dann mal los, ’n neues Schloss besorgen. Arnold sagte mal, in Bratin gibt’s ’nen Baumarkt?“
„Ja, da fragste am besten das Hänschen, der kann dir den Weg beschreiben. Bringste mir zum Zeichnen noch ein bisschen Maurerschnur mit?“ Ich nickte, während ich bereits zu Hans lief, um mir von ihm den Weg erklären zu lassen.
Gewöhnlich parkte er den Bagger zum Feierabend so, dass die Schaufel vor der Tür des Werkzeugcontainers lag. Mit diesem einfachen Trick war die Tür nicht ganz so leicht zu knacken. Nachdem alle ihre Taschen in den beiden Bauwagen verteilt hatten, trottete das Team zum Container, um an die Arbeitsmaterialien zu gelangen. Ich hatte Jonas zu Beginn einen Zweitschlüssel für die zwei Schlösser gegeben, damit die Ausgabe der Werkzeuge nicht allein von mir abhing.
Als ich an diesem friedlichen Tag zu dem Container kam, sah ich den Schweden angestrengt mit dem Schlüssel in dem Schloss herumkritzeln. Immer wieder rammte er ihn in den sandverkrusteten Schlitz, versuchte ihn irgendwie zu drehen und zog ihn wieder heraus. Micha stand gebückt daneben und nahm ihm gerade mit einem „Lass mich mal!“ den Schlüssel aus der Hand.
Ich fragte: „Gibt’s Probleme?“
Jonas erhob sich und stemmte die Hände in die Hüfte: „Tja, sieht so aus, als ob jemand versucht hätte, in den Container einzubrechen.“
Ich erschrak kurz, nahm aber schnell wahr, dass jeder Versuch offenbar erfolglos gewesen sein musste. Die Türen waren zu, die Seitenwände waren nicht ausgebrochen und selbst die Schlösser waren noch verschlossen. Dagegen zeigten sich Schrammen auf den Türen und den Schlössern, vor dem Container war eine tiefe Baggerschaufelmulde im Boden. Micha prokelte und ruckelte an dem Schloss: „Nix zu machen! Das ist total verbogen. Dabei ist das doch son gehärtetes Stahlschloss?“
Stefan wartete auf der Fläche in seinem Bagger darauf, dass der Schaufelmann zu ihm kam. Da die wertvolleren Zeichenmaterialien wie die Maßbänder in meinem Wagen waren, hätte Sylvia zwar schon mit ihrer Arbeit anfangen können, sie stand jedoch mit uns am Container und schaute sich das Schauspiel an.
„Hat jemand irgendwie Werkzeug im Wagen?“, fragte ich.
Hans meldete sich und sagte, ohne dass ich ihm das Wort erteilen musste: „Also, ich hab ’ne Metallsäge im Auto.“
Wernher zweifelte: „Na, ob dit wat bringt?“
Ich wusch die Illusionen von dem gehärteten Schloss mit einer lässigen Handbewegung hinweg: „Dochdoch, ich hab son Schloss schon mal auf ’ner anderen Grabung knacken müssen.“
Dann machten wir uns an die Arbeit. Einer musste die ganze Zeit das Schloss halten, zwei sägten abwechselnd. Nach einer Weile hatten wir die Tür wenigstens so weit geöffnet, dass wir sie komplett aufbrechen konnten. Dieter und Hans hämmerten die Tür wieder zurecht, dann schnappte sich jeder Schaufel, Spaten und Kratzer, was er eben brauchte, und lief damit auf die Fläche. Sylvia blieb mit mir noch als letzte am Container stehen. Als die anderen schon auf der Fläche waren, sagte sie: „Das sieht mir aber gar nicht danach aus, als ob hier jemand einbrechen wollte.“
Ich schüttelte grinsend den Kopf: „Nee, das hab ich auch gesehen. Das war Stefan mit der Schaufel. Deswegen hatte er’s wohl auch so eilig, auf die Fläche zu kommen.“ Ich zuckte mit den Schultern, „aber das macht mir heute gar nix aus. Orka kommt heute nicht.“ Ich freute mich sichtlich.
„Du, ich wollt dich schon fragen, wo die bleibt?“, fragte Sylvia in einer Mischung aus Anteilnahme und einem kräftigen Schuss Neugierde.
„Hat heute Nacht in der LPG angerufen“, ich sprach das nächste Wort langsam und betonte es lächerlich, „Tennisarm“, dann stieß ich einen stumpfen Lacher aus. Sylvia schüttelte den Kopf.
„Naja, ich muss dann mal los, ’n neues Schloss besorgen. Arnold sagte mal, in Bratin gibt’s ’nen Baumarkt?“
„Ja, da fragste am besten das Hänschen, der kann dir den Weg beschreiben. Bringste mir zum Zeichnen noch ein bisschen Maurerschnur mit?“ Ich nickte, während ich bereits zu Hans lief, um mir von ihm den Weg erklären zu lassen.
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Samstag, 14. Februar 2009
Kapitel 8.3
Wernher ging Werkzeuge holen, um Hans zur Hand zu gehen, während ich zu Sylvia lief. Sie hatte hatte von dem Streit offenbar nur wenig mitbekommen. Ich schilderte ihn ihr kurz und fragte: „Sach mal, was ist denn mit Hans los? Ist der heute mit dem linken Bein aufgestanden?“
„Keine Ahnung. Vielleicht liegt’s ja auch daran, dass er erst vor dieser Grabung mit dem Rauchen aufgehört hat. Ich weiß es nicht“, sie unterbrach sich selbst und lenkte ab, „du, kuck dir mal Orka an.“.
Ich drehte mich in die entsprechende Richtung und wurde Zeuge einer Sitzgelegenheit, die ich anatomisch bislang für unmöglich gehalten hätte. Die Körperhaltung, die die massiv-passive und passiv-massive Orka gerade einnahm, hätte bei normalförmigen Menschen einem Hocken entsprochen. Orka dagegen gelang es, auf ihren aufgeblähten Unterschenkeln regelrecht zu sitzen, ohne erst in die Hocke gehen zu müssen.
„Jetzt kuck dir mal die Gummistiefel an, die werfen ja Falten“, staunte Sylvia. Richtig, Orka hatte ihre roten Gummistiefel passend zur Schuhgröße gewählt. Und so wie die meisten Dicken überproportional häufig besonders kleine Füße haben, entsprach die Stiefelgröße nicht ihrem Beinumfang. Sie muss sichtliche Mühen dabei gehabt haben, den Kautschuk über das gedunsene Gewebe zu rollen. Nun schlugen ihre Stiefel Falten.
„Haste den Dieter heut morgen gehört?“, fragte Sylvia. Ich schüttelte den Kopf. „Als sie mit ihr’m tiefergelegten Japaner ankam, hat der Seemann ,Da bläst er!' gerufen.“
Im nächsten Moment wälzte Orka ihre Beine herum und akrobatierte am halb ausgenommenen Befund. Dabei trat sie ungelenk in das Profil und entriss dem Planum den rechten der beiden Nägel, die ich bei jedem Befund setzte, um die Schnittrichtung festzulegen.
„Jetzt kuck dir das an“, sagte ich zu Sylvia und stemmte die Hände in die Hüften, „jetzt rammt sie nicht nur den Nagel raus, sondern steckt ihn ’n Stückchen weiter wieder rein. Das gibt’s doch nicht. Mal gucken, ob sie zu dir kommt, damit du den Nagel auf der Zeichnung korrigieren kannst.“
Sylvia schüttelte den Kopf: „Die kommt nicht. Das hab ich schon ein paar Mal gesehen und ich hab es ihr jedesmal gesagt. Die kommt nicht von allein.“
„Das hat sie schon ein paar Mal gemacht?“, verdutzte es mich, „Das kann ja wohl nicht sein. Ich denk, die hat schon mal gegraben? Wie kann man denn so blöde sein? Da passt doch keine Profilzeichnung mehr zu den Plana!“, regte ich mich auf.
„Die hab ich ja schon korrigiert“, beschwichtigte Sylvia noch, dann ging ich zu Orka.
„Marion? Hör mal, ich hab gerade gesehen, dass du den Nagel rausgerissen hast und einfach neu gesetzt hast. Ich weiß, dass das mal passieren kann, dann musst du aber Sylvia Bescheid sagen, dass sie das auf den Plänen korrigiert.“ Ich sah nun aus der Nähe, wie sie sich im Sandboden an die Schnittkante vorarbeitete. „Außerdem wäre es hilfreich, wenn du dich den Nägeln vorsichtig annäherst und erst mal fünf bis zehn Zentimeter davor stehen lassen würdest.“
„D-das ist mir gerade zum ersten Mal p-passiert.“
„Aha?“ Es war einfach unmöglich, dass sie von meinem Gesicht nicht ablesen konnte, dass ich es besser wusste.
„Ich p-pass jetzt auf.“
„Und das Eintreten des Profils macht übrigens einen Kasten Bier fürs Team. Alte Grabungsregel.“ Marion schwieg. Ich war sauer und ging wieder zu Sylvia. Die Zeichnerin stand inzwischen bei Hans und Wernher, die gerade mit ihrem Profil fertig waren.
„Als ob es nicht reichen würde, dass irgendwelche Idioten am Wochenende Profile eintreten!“, motzte ich.
„Na, immerhin fahren sie nicht mit Motorrädern über die Fläche“, erwiderte Hans.
„Stimmt, Arnold erzählte auch schon so was, dass die bei anderen Grabungen hier schon mal mit ’ner Enduro oder mit diesen Quads herumeiern. Das soll’nse hier mal machen, bei der Fünfzehn können se sich schön den Hals brechen“, empfahl ich.
Für die Untersuchung des Befundes Nummer Fünfzehn hatten wir ein besonders tiefes Loch anlegen müssen. Die Laune von Hans und Wernher war inzwischen wieder merklich gestiegen.
„Sowas hätt’s früher nich gegeben“, war Hans sich sicher, „kuck dir nur mal die Wiesen an den Straßen an. Heute wuchert das alles, zu Ostzeiten war’n die alle schön gemäht.“
„Stimmt“, bestätigte Sylvia, „weißte noch, Hänschen, da stellten alle ihre ,Hier mähe ich'-Schilder auf.“ Ihr Gesichtsausdruck verklärte sich, ihr Gemüt versank in Ostalgie, blieb aber doch so in der Jetztzeit hänge, dass sie mir erklärte: „Mit dem Gras haben wir immer unsere Kaninchen gefüttert.“
„Na, und heute“, drängte sich auch Wernher in die schönen Erinnerungen, „heute ham die Jemeinden nich ma jenuch Benzin, det se im Mai noch mähen könn. Ihr müsstet ma zu mir komm. Vor mei’m Haus mäh ick jetze schon selber. Det is doch keene Art!“
„Ja, aber dafür darf die Jugend im Frühsommer Silvesterraketen zünden, und Privatleute kaufen sich Sprengstoff“, ereiferte sich Hans.
„Ah, stimmt, gut, dass du darauf kommst“, klinkte ich mich ein, „ich hab am Wochenende mal mit einem alten Schulfreund telefoniert, der studiert Jura, dem hab ich von dem Sprengstoff erzählt und der wunderte sich gar nicht, der erzählte, dass man nach dem STGB sogar nur mit fünf Jahren Bau bestraft wird, wenn man eine Atombombe zündet.“
„Fünf Jahre?“, fragte Sylvia nach.
„Fünf Jahre ist die Höchststrafe. Das ist die gleiche Höchststrafe wie bei Eigentumsdelikten. Du kannst also genauso lange verknackt werden, wenn du auf dem Campingplatz ’n Zelt klaust. Das heißt, vielleicht kriegste noch was extra, wenn bei der Atomexplosion jemand draufgeht.“
„Na, das glaub ich fast nicht“, schüttelte Sylvia den Kopf, „bei uns im Ort hat letztens der geschiedene Sohn von irgendeinem Hotelier drei junge Mädchen totgefahren, weil der besoffen und unter Drogen in einer Kurve überholt hat. Der hat nur ein Jahr auf Bewährung bekommen.“
Hans bestätigte kopfnickend: „Dem ist fast nix passiert. Nur ’n Beinbruch. Der hat noch im Krankenhaus wieder mit seinen Drogenpartys angefangen. Das hätt’s damals auch nicht gegeben.“
Meine Vorstellung über den behördlichen Ablauf bei einem durch einen SED-Funktionär verursachten Unfall behielt ich für mich. „Tja, es ist eben lange nicht alles Gold im Westen“, grinste ich, „eure Propaganda hat nicht immer gelogen.“
„Das stimmt“, bestätigte Hans.
„Aber was soll’s. Gerade als Archäologe seh ich das ziemlich abgeklärt, irgendwie fatalistisch. Es ist schließlich noch jedes Imperium untergegangen. Alle Systeme sind irgendwann gescheitert, und trotzdem geht es irgendwie weiter.“ Ich zuckte die Schultern, Hans verstand meine Haltung.
Von der Seite hörte ich, wie Jonas Micha zuquatschte. Jonas sprach ziemlich gut deutsch, er redete aber auch immer gerne sehr viel. Gerade unterbrach er seine Arbeit, um vor Micha herumzukaspern. Der Profilzeichner lachte tiefhalsig. Der Schwede präsentierte seinen Spaten und rief: „Das hier ist mein Spaten, es gibt viele andere, aber dieser ist meiner, mein Spaten ist mein bester Freund. Ohne meinen Spaten bin ich nutzlos, ohne mich ist mein Spaten nutzlos.“
Ich grinste, als ich das Filmzitat hörte. Sylvia wackelte mit dem Kopf: „Der redet auch nur die ganze Zeit.“
„Ha“, ich musste schmunzeln, „der ist doch nur die Ausnahme von der Regel.“
„Welche Regel?“
„Mein Doktorvater hat in Seminaren immer gefragt, ob Anthropologen anwesend sind. Wenn sich jemand meldete, dann hat er gefragt, woran man am Skelett Frauen und Männer unterscheiden kann. Die Anthropologen erzählten dann immer vom unterschiedlichen Becken, von den Überaugenwülsten und den stärkeren Kiefern.“ Ich wies auf die entsprechenden Körperteile und -stellen. „Und erst hier hakte mein Doktorvater dann ein. Kiefer stimmt, sagte er dann, und dann schob er den Unterkiefer vor und zeigte mit den Zeigefingern auf das Unterkiefergelenk“, ich machte die Geste nach, Sylvia grinste erwartungsvoll, „und erklärte, dass das Unterkiefergelenk bei Frauen stärker abgenutzt ist. Nach einer kleinen Pause sagte er dann: Weil Frauen die ganze Zeit plappern, rabrabrabrabrab.“ Ich machte mit der Hand die sprechende Geste, mit der auch mein Doktorvater das sinnlose Sprechgeräusch jedes Mal unterstrich.
Hans und Sylvia lachten, dann lenkte Sylvia unsere Aufmerksamkeit wieder auf die Arbeit: „Orka muss bald wieder nivellieren, da fehlen noch Werte.“
„Nee, die kann erst mal weiter schneiden, da kann sie noch ’ne Menge lernen. Hans? Du kannst wieder Planum putzen, Wernher, wir zwei nivellieren, holst du schon mal Stativ und Latte?“
„Ja, marick.“ Wernher drehte sich im Sprechen und ging zum Werkzeugcontainer. Hans freute sich, wieder mit Sylvia zu arbeiten. Ich lief zum Bauwagen, kramte die Pläne hervor, auf denen noch unnivellierte Befunde waren und suchte mir dazu ein paar leere Formulare.
Bevor ich wieder auf die Fläche ging, nahm ich das Nivelliergerät aus dem Kofferraum des Dienstwagens und stieg zu Wernher, der bereits das Stativ an strategisch günstiger Stelle aufgebaut hatte. Ich schraubte das Niv fest, richtete es waagerecht aus und fertigte zusammen mit Wernher eine Skizze an, auf die ich die Befunde kritzelte, die wir nivellieren mussten. Ich markierte ihm genau die Punkte, die ich gemessen haben wollte, und zeigte sie ihm. Bevor wir mit dem eigentlichen Nivellieren anfangen konnten, ging er mit der Latte auf den Höhenpunkt, für den wir ja glücklicherweise einen TP am naheliegenden Soll hatten. Dann klapperte Wernher die Befunde nach meiner Skizze ab, und ich notierte die Ablesewerte. Die Rechnung wollte ich erst später im Bauwagen machen.
Kaum hatten wir die zwanzig Befunde nivelliert, als auch schon wieder irgendein Auto von der Landstraße zu den Bauwagen abbog. Wernher kannte den Wagen nicht, Sylvia und Hans auch nicht. Aus dem Wagen stieg ein grauhaariger Mann, der eigentlich nur aus Bauch bestand, an den jemand zwei Arme und zwei Beine gesteckt hatte.
Genervt über den ungebetenen Besuch bat ich Wernher: „Baust du schon mal das Niv ab, ich kümmer mich um den Idioten. – Wer immer das ist.“
Der Grauhaarige hielt sich nicht damit auf, vor der Fläche stehenzubleiben, sondern stakste direkt auf die Grabung.
„Hallo“, rief ich ihn an, „bleiben Sie mal bitte draußen.“
„Jaja“, versuchte er zu beschwichtigen, „ich kenn das, ich war schon oft auf Ausgrabungen.“
Ich kletterte aus dem Schnitt auf den stinkenden Acker: „Tach, kann ich Ihnen helfen?“
„Ja“, er streckte mir seine Hand wie bei einem Messerangriff entgegen, „mein Name ist Fornefett. Jürgen Fornefett. Sind Sie der Vorarbeiter?“
„Ich bin der Grabungsleiter, ja.“
„Ich bin ehrenamtlicher Denkmalpfleger. Ich hab die Ausgrabung hier angeleiert.“
„Hm.“, staunte ich, schließlich kannte ich die Hintergründe, das reguläre Prozedere mit Bauanträgen und Genehmigungen.
„Ja, wenn ich keinen Leserbrief an die Zeitung geschrieben hätte, dann wär hier einfach alles weggebaggert worden. Mein Vater hat hier schon immer gegraben, ich kann Ihnen mal meine Ordner zeigen, ich hab ja den ganzen Keller voller Ordner.“
Er versuchte, mich zu seinem Wagen zu leiten. Dämlicherweise ging ich mit und stand neben ihm, als er den Kofferraum öffnete. Der rollende ,Keller' war mit anderthalb Dutzend Ordnern gefüllt, blind griff er einen aus der Menge.
„Schaun Sie mal hier. Mein Vater war ja Dorfschullehrer. Der musste immer gegen den Paster, der ist immer mit seinen Konfirmanden auf Raubzug gegangen, da musste mein Vater mit seinen Schülern immer die Grabhügel in der Umgebung retten.“
„Retten?“, fragte ich skeptisch.
„Jaja, der Paster hätt sonst alles ausgegraben. Schaun Sie mal, kennen Sie das hier?“, keuchte er und versuchte mich zu testen.
„’ne Urne“, antwortete ich gelangweilt und bemüht, „vorrömische Eisenzeit, scheint“, ich betrachtete das stockfleckige Bild und zögerte, „unverziert.“ Er blätterte die vergilbten Pappseiten weiter, auf denen sich unscharfe Schwarz-Weiß-Fotos mit überaus krakeligen Kugelschreiberskizzen abwechselten.
„Genau, keine Verzierung. Sehen Sie den Boden? Da sind Sie mit ihrer Grabungsfläche genau auf der richtigen Höhe. Hier können Sie Funde erwarten.“
„Ach“, machte ich überrascht.
Nun sagte er einen Moment nichts und kam dann schwer atmend auf den Punkt: „Sagn Sie mal, können Sie mir einen Detektor empfehlen?“
„Einen Detektor?“
„Na, son Metalldetektor, dann kann ich mal mit ’nem Detektor über die Felder gehen. Die sind zum Teil ja ganz schön teuer, da möcht ich doch gleich das Richtige kaufen.“
„Ähem, Sie wissen schon, dass das verboten ist?“
Er hm-te mehrfach, legte den Ordner zur Seite und öffnete einen Karton in der hinterletzten Ecke des Kofferraums. Daraus griff er ein grünweiß gebundenes Buch, das er vorsorglich in eine vergilbte Prospekthülle gesteckt hatte, und hielt es mir direkt vor die Nase. „Wolln Sie das Buch kaufen? Das ist die Chronik von Totenow, die hat mein Vater geschrieben.“
„Kann ich vorher mal reingucken?“, ich hielt meine offene Hand in die Richtung des Buches.
Erbost zog er das Buch mit beiden Händen zur Seite: „Nein, Sie haben ja dreckige Hände.“
„Dann kauf ich das auch nicht.“
Er wurde sichtlich wütend und steckte das Buch wieder in den Karton. Dann drehte er sich um und zeigte auf den Soll: „Da oben war ja mal ein Überwachungsturm vom Arbeitslager.“
Ich blickte zu dem Soll, sagte aber nichts, Fornefett nervte mich und sollte das auch merken. Von der Fläche kam Dieter, er war auf dem Weg zum Bauklo. Als er Fornefett sah, grinste der Seemann, grüßte ihn kurz von der Seite und marschierte an uns vorbei. Fornefett grüßte noch kürzer und verbissen zurück. Er schwieg und hatte inzwischen offenbar erkannt, dass er störte. Also verabschiedete er sich und fuhr endlich los.
Dieter stieg aus dem Klo, als ich noch am Bauwagen stand und Fornefett auf die Landstraße abbiegen sah. Dabei verursachte der beinahe einen Unfall, weil er sehr gewagt vom Acker in den fließenden Verkehr schleuderte.
„So ein Arschloch“, sagte ich, und Dieter amüsierte sich: „Na, da haste ja unsern Maurer kennengelernt.“
„Maurer?“
„Ja, der hat früher gemauert, inzwischen ist er in Rente und hat noch mehr Zeit zum Raubgraben. Ich kenn einen vom Bauamt, der sagte, dass Fornefett die Grabungen hier machen wollte. Alle.“ Dieter grinste schnippisch.
„Er sagte, er sei Ehrenamtlicher?“, fragte ich.
„Ja, was man so nennt. Früher in der DDR, da hat er immer gemauschelt, da konnte er irgendwie besonders gut mit dem Bezirkarchäologen, keine Ahnung warum. Aber er hat immer nur raubgegraben. Der muss den ganzen Keller vollstehen haben. Und bei sich im Garten hat er ein Hünengrab nachgebaut. In klein. Daneben hat er noch eine Urne als Vogelbad stehen.“
Ich glotzte Dieter erstaunt an: „Der hat mir gerade die Dorfchronik angeboten.“
„Von Totenow?“ Ich nickte. „Und – hast du sie gekauft?“
„Nee, ich durfte vorher nicht reingucken.“
„Glückwunsch. Ich kenne zwar nicht viele Dorfchroniken, seine dürfte aber so ziemlich die schlechteste sein, die ich jemals gesehen habe. Die ist total beschissen.“
„Sein Vater hat die geschrieben?“
„Nee, nur vorbereitet. Der is vorher gestorben, da hat sein Bruder die Unterlagen abgetippt und dann haben’se das auf eigene Kosten drucken lassen. Aber da sind nur Listen mit Vereinsmitgliedern drin. Schützenverein, Kaninchenzüchter, Kleingarten, Trachten – alles seit neunzehnhundertirgendwann. Und immer steht irgendein Fornefett auf den Plätzen eins bis drei. Die wohnen in Totenow schon seit Menschengedenken. Aber gut, hier guckt ja sowieso über jeden Zaun son Wasserkopp.“ Dieter verzog den Mund zu einer verächtlichen Mimik. „Hoffentlich kommt der nicht wieder.“
„Das hoffe ich auch.“
„Vor allem nicht, wenn mal die Presse kommt. Da spielt er sich immer ganz besonders auf und erfindet irgendwelche Räuberpistolen.“
„Eben erzählte er irgendwas von einem Wachturm auf dem Soll?“
„Wachturm?“, fragte Dieter.
„Von einem Arbeitslager?“
Dieter winkte ab, „Das war doch auf der anderen Seite von Totenow. Das weiß hier jeder. Da steh’n sogar noch die Ruinen. Der spinnt!“ Dieters rechter Zeigefinger drehte Kreise an seiner Schläfe. Dazu streckte er die Zunge raus und schielte.
„Siehste den Hof da unten?“, fragte er dann und zeigte an den Dorfrand.
„Mit dem grauen Haus?“
„Nein, den Hof neben dem Strommast. Da, links.“ Ich nickte. „Den hat letztes Jahr ’n Wessi mit seiner Frau gekauft. Als die da eingezogen sind, kam ’ne alte Frau vorbei, die wohnt jetzt ein Dorf weiter im Altersheim und die war da geboren. Als die Wessis da eingezogen sind, ist die dahin und erzählte, das wär ihr Geburtshaus und sie wollt sich das nochmal ankucken. Die Wessis freuten sich, zeigten ihr das Haus, und sie erzählt zu jedem Raum irgendwelche Geschichten. Irgendwann quatschte Fornefett die Wessis dann im Dorf an und bei der Gelegenheit erzählten sie von der alten Frau. Da ist der total ausgeflippt, das würde ja gar nicht stimmen, die käme gar nicht daher. Die Wessis staunten, haben aber nicht weiter darauf reagiert. Ein paar Tage später stand die Neunzigjährige dann wieder vor deren Tür und heulte. Da hat der Idiot doch tatsächlich bei der Frau angerufen und sie beschimpft, warum sie denn erzählt, dass sie da geboren ist, das könnte ja gar nicht sein, er weiß genau, wer hier wo geboren ist und sie is doch bestimmt ’n Bastard. Naja, und darum rief sie jetz die Wessis an, um sich zu entschuldigen und weil sie Angst hatte, dass sie glauben, sie hätte die beiden angelogen.“
Ich ließ meine Kopf verstehend nach hinten kippen und machte große Augen.
„Natürlich ist die da geboren, er kann das ja auch gar nicht wissen, ist schließlich ’n Vierteljahrhundert jünger. Der hat sonen Dachschaden, der Idiot. Das ist einfach ein Arschloch!“, geringschätzte Dieter. Ich nickte und wir gingen beide zurück auf die Fläche.
„Übrigens muss das Klo bald mal geleert werden“, sagte er dann, „das ist schon wieder eine Woche überfällig.“
Ich nickte und erwiderte: „Darum kümmere ich mich nachher noch.“ Für ein Telefongespräch war ich eindeutig zu aufgeregt wegen des Zoffs zwischen Hans und Wernher, der Profilzerstörung durch Orka und jetzt auch noch wegen dieses Fornefetts. Ich musste mich einfach körperlich betätigen und ein paar Befunde schneiden und ausnehmen.
Oben auf dem höchsten Punkt der Grabung arbeiteten Wernher und Micha konzentriert. Wernher schaufelte um einen Findling herum, bei dem nicht klar war, ob er zu einem anthropogenen Befund gehörte, Micha hockte daneben in einer Grube und zeichnete. Ich hatte von der Fläche einen unbenutzten Spaten genommen und stellte mich leise neben Micha.
„Gut sieht das aus“, bewertete ich seine Zeichnung.
Sein ganzer Körper zuckte: „Hast du mich erschreckt!“
„Na, so hässlich bin ich nu auch wieder nicht!“, schlagfertigte ich ihn ab, und Micha pferdelachte so laut, dass Hans mit einem genervten Blick zu uns herüberschaute.
„Was willste denn mit dem Spaten?“, fragte Micha dann.
„Ich muss mich abreagieren, ich muss ein paar Befunde schneiden“, sagte ich und begann zu graben.
„Aha“, grinste der Zeichner, „soll’n wir unten ein Schild aufstellen ,Hier gräbt der Chef'?“
Ich schmunzelte, „Das ist hier irgendwie nicht so üblich bei dem Amt, dass der Leiter selber mitgräbt, kann das sein?“
Wernher meldete sich leicht ungehalten zwischen, „Naja, das nimmt uns ein wenig Arbeit ab. Dann sind wir zu schnell fertig.“
Micha rechtfertigte mich: „Ist aber immer noch besser als der Knochen, der immer von der Grabung weggefahren ist, um uns dann vom Gebüsch zu beobachten.“
„Jochen meinst du.“
„Aus dem Gebüsch?“, fragte ich.
„Ja, der is immer weggefahren und irgendwann haben wir dann mal gesehen, dass er nur den nächsten Feldweg rein is, um zu gucken, ob wir arbeiten. Auf der Grabung hat er sich den ganzen Tag nicht blicken lassen. Wusste aber immer, was wir getan haben.“
Wir hörten das Gepinge der Bahnschranke. Es war erstaunlich laut, erst jetzt registrierte ich, dass der Bagger nicht mehr lief. Ich rief zu Stefan und Jan: „Was is’n los? ’n Raucherpause? Getankt hat er doch gestern?“
Jan rief zurück: „Nee, der Bagger is kaputt.“ Stefan fügte hinzu: „Hier is’n Schlauch von der Hydraulik im Arsch. Ick muss ma int Dorf, meinen Scheff anrufen, der soll ’n Techniker rausschicken.“ Er ging zu seinem Wagen, um zum Telefon zu fahren. Jan kam zu uns rüber, um beim Schneiden zu helfen.
Ich schwieg, griff zum Spaten und begann den nächsten Befund zu schneiden.
„So wie du da reinhackst, musst du dich wohl abreagieren“, merkte Micha.
„Das kann man sagen. Eben war son Heimathirsch da, der Fornefett, kennste den?“
„Ach, der war das eben“, Micha nickte, Wernher auch.
„So ein Vollidiot. Ich hab ja schon viele Ehrenamtliche erlebt, aber der –“, ich machte ein möglichst verächtlich klingendes Geräusch. „Kennt ihr die Inga Abelt?“ Beide verneinten wortlos. „Die spielt die rothaarige Ärztin in der Lindenstraße und die ist auch Ehrenamtliche. Ich war mal auf ’ner Grabung im Norden von Düsseldorf, da kam die immer an. Die hat wirklich Ahnung und setzt sich für die Archäologie ein. Besonders lustig war mal ein Tag“, lachte ich, „an dem wir einen geologischen Schnitt in die alten Rheinauenböden gesetzt haben. Da ist sie dann auch rein mit ihren rosa Kindergummistiefeln und kam alleine nicht mehr raus.“ Ich malte mit der flachen Hand die Größe der Schauspielerin in die Luft, um die verpatzte Pointe zu erklären: „Die ist ja nur so groß. Naja, der Grabungsleiter war ganz Kavalier alter Schule und hat ihr dann rausgeholfen.“
„Na, mit den Ehrnamtlichen is det sone Sache, det stimmt schon“, nickte Wernher und sah zu Micha, „du kennst doch det Kläuschen.“
„Den Goldsammler?“
„Jenau den. Det is son Sondenjänger, der rennt den janzen Tach über die Äcker mit sei’m Apparat. Der hat aber ooch een janz feinet Näschen“, Wernher setzte sein Katergesicht auf und tippte sich auf die Nase, „der findet allet. Na, und um an seine Sammlung zu kommen, ham’ se ihm die Funde mit Arbeetsverträjen abjekooft. Der durfte monatelang seine eijene Sammlung katalojisier’n und hat dafür noch Jeld jekricht. Nu sach mal“, wandte Wernher sich zu mir und zeigte mir seine leeren Handinnenflächen, „is det nu jerecht? Unsereiner immer ehrlich, hat nüscht jestohln, und der wird noch mit Arbeit belohnt!“
Ich verneinte und ergänzte: „Aber ich weiß, dass es oft schwer ist, manche Heimathirsche einzubinden.“ Dann spatete ich meinen Befund wortlos weiter.
„Ha!“ machte Wernher plötzlich, „ick musste jrad an Besuch denken, den ick mal uff ’ner Jrabung hatte.“ Zur Erzählung stützt er sich auf den Stiel seiner Schaufel. „Det war ooch son linearet Projekt wie dit hier jetze. Da musste der Jrabungsleiter ma kurz zum Baumaakt und sacht zu mir, Wernher, ick muss ma e’m los, du übernimmst so lang die Leitung. Der is kaum wech, da kommt uff eenmal son Hubschrauber und landet mitten uffem Planum. Ick denk bei mir, det kann doch nich wahr sein, ham die noch alle Tassen im Schrank, oder wat, da steicht uff eenmal son Schlipsträjer aus dem Hubschrauber und hat so zwee weißrussische Schränke ne’m sich.“ Wernher zeichnete erst einen Schlips auf seiner Brust und formte dann mit beiden Händen zwei Schlägertypen in der Luft. „Ick sach, moment mal, det jeht aber nich, Sie können doch nich hier uff det Planum landen – da stellt der sich vor, Juten Tach, ick bin der Sowieso vom Straßenbauamt, det is mein Projekt, zeijense mir doch ma bitte, wat Se hier schönet jefundn ham. Nu, ick erklär ihm allet, führ ihn über die Fläche, immer diese beiden Schränke anbei, er ist janz bejeistert und fliecht irjendwann wieder mittem Hubschrauber los.“ Seine Hand machte eine schraubende Bewegung nach oben. „Ick sach dir“, wandte Wernher sich an mich, „der hatte jrad abjehoben, da kam der Scheff wieder. Da sarick dem, du hass jrad wat verpasst. Da war ’n Hubschrauba uff die Fläche. Der zeicht mir natürlich ’n Vogel – bis die andern uff de Jrabung meine Jeschichte bestätijen. Det war ’n Ding!“ Wernher freute sich, Jan lachte.
Micha stand inzwischen auf und blickte an mir vorbei. Ich hielt inne und drehte mich um: „Son Mist, da zieht ja ’ne Front auf! Heute sollte doch den ganzen Tag die Sonne scheinen.“
„Das tut sie ja auch – da drüben.“ Micha zeigte mir die Wetterscheide zwischen unserer Untersuchung und der Grabung von Wieland. Die Regenwand zog nur zu uns.
„O.K.“, ich rief so laut, dass mich alle hörten, „es ist zwar sowieso bald Feierabend, aber wir fahren noch zur LPG, da können wir noch ein paar Scherben waschen.“ Sylvia und die Arbeiter waren inzwischen auf mich zugelaufen. Ich ergänzte: „Ich brauch aber noch ein paar Freiwillige, die den Befund von Or-, Marion fertigmachen, der ist schon so weit, der geht sonst kaputt.“
Jonas und Jan erklärten: „Das machen wir, Micha kann ja zeichnen.“
„Gut, der Rest packt dann ein. Jonas? Wenn der Techniker für den Bagger schnell genug fertig werden sollte, soll Stefan den Abraum bewegen. Nicht, dass einer vom Amt vorbeikommt und Stunk macht.“
„Sag ich ihm.“
Wernher half derweil beim Almabtrieb und forderte die anderen auf, die Werkzeuge zusammenzukramen: „Dawai-dawai, ihr habt ja jehört, wat der Scheff jesacht hat, det jeht zum Scherbenwaschn!“, und machte weit ausholende Scheuchbewegungen mit beiden Armen. Wir verteilten uns auf die Wagen und fuhren zur LPG, zum Scherbenwaschen.
„Keine Ahnung. Vielleicht liegt’s ja auch daran, dass er erst vor dieser Grabung mit dem Rauchen aufgehört hat. Ich weiß es nicht“, sie unterbrach sich selbst und lenkte ab, „du, kuck dir mal Orka an.“.
Ich drehte mich in die entsprechende Richtung und wurde Zeuge einer Sitzgelegenheit, die ich anatomisch bislang für unmöglich gehalten hätte. Die Körperhaltung, die die massiv-passive und passiv-massive Orka gerade einnahm, hätte bei normalförmigen Menschen einem Hocken entsprochen. Orka dagegen gelang es, auf ihren aufgeblähten Unterschenkeln regelrecht zu sitzen, ohne erst in die Hocke gehen zu müssen.
„Jetzt kuck dir mal die Gummistiefel an, die werfen ja Falten“, staunte Sylvia. Richtig, Orka hatte ihre roten Gummistiefel passend zur Schuhgröße gewählt. Und so wie die meisten Dicken überproportional häufig besonders kleine Füße haben, entsprach die Stiefelgröße nicht ihrem Beinumfang. Sie muss sichtliche Mühen dabei gehabt haben, den Kautschuk über das gedunsene Gewebe zu rollen. Nun schlugen ihre Stiefel Falten.
„Haste den Dieter heut morgen gehört?“, fragte Sylvia. Ich schüttelte den Kopf. „Als sie mit ihr’m tiefergelegten Japaner ankam, hat der Seemann ,Da bläst er!' gerufen.“
Im nächsten Moment wälzte Orka ihre Beine herum und akrobatierte am halb ausgenommenen Befund. Dabei trat sie ungelenk in das Profil und entriss dem Planum den rechten der beiden Nägel, die ich bei jedem Befund setzte, um die Schnittrichtung festzulegen.
„Jetzt kuck dir das an“, sagte ich zu Sylvia und stemmte die Hände in die Hüften, „jetzt rammt sie nicht nur den Nagel raus, sondern steckt ihn ’n Stückchen weiter wieder rein. Das gibt’s doch nicht. Mal gucken, ob sie zu dir kommt, damit du den Nagel auf der Zeichnung korrigieren kannst.“
Sylvia schüttelte den Kopf: „Die kommt nicht. Das hab ich schon ein paar Mal gesehen und ich hab es ihr jedesmal gesagt. Die kommt nicht von allein.“
„Das hat sie schon ein paar Mal gemacht?“, verdutzte es mich, „Das kann ja wohl nicht sein. Ich denk, die hat schon mal gegraben? Wie kann man denn so blöde sein? Da passt doch keine Profilzeichnung mehr zu den Plana!“, regte ich mich auf.
„Die hab ich ja schon korrigiert“, beschwichtigte Sylvia noch, dann ging ich zu Orka.
„Marion? Hör mal, ich hab gerade gesehen, dass du den Nagel rausgerissen hast und einfach neu gesetzt hast. Ich weiß, dass das mal passieren kann, dann musst du aber Sylvia Bescheid sagen, dass sie das auf den Plänen korrigiert.“ Ich sah nun aus der Nähe, wie sie sich im Sandboden an die Schnittkante vorarbeitete. „Außerdem wäre es hilfreich, wenn du dich den Nägeln vorsichtig annäherst und erst mal fünf bis zehn Zentimeter davor stehen lassen würdest.“
„D-das ist mir gerade zum ersten Mal p-passiert.“
„Aha?“ Es war einfach unmöglich, dass sie von meinem Gesicht nicht ablesen konnte, dass ich es besser wusste.
„Ich p-pass jetzt auf.“
„Und das Eintreten des Profils macht übrigens einen Kasten Bier fürs Team. Alte Grabungsregel.“ Marion schwieg. Ich war sauer und ging wieder zu Sylvia. Die Zeichnerin stand inzwischen bei Hans und Wernher, die gerade mit ihrem Profil fertig waren.
„Als ob es nicht reichen würde, dass irgendwelche Idioten am Wochenende Profile eintreten!“, motzte ich.
„Na, immerhin fahren sie nicht mit Motorrädern über die Fläche“, erwiderte Hans.
„Stimmt, Arnold erzählte auch schon so was, dass die bei anderen Grabungen hier schon mal mit ’ner Enduro oder mit diesen Quads herumeiern. Das soll’nse hier mal machen, bei der Fünfzehn können se sich schön den Hals brechen“, empfahl ich.
Für die Untersuchung des Befundes Nummer Fünfzehn hatten wir ein besonders tiefes Loch anlegen müssen. Die Laune von Hans und Wernher war inzwischen wieder merklich gestiegen.
„Sowas hätt’s früher nich gegeben“, war Hans sich sicher, „kuck dir nur mal die Wiesen an den Straßen an. Heute wuchert das alles, zu Ostzeiten war’n die alle schön gemäht.“
„Stimmt“, bestätigte Sylvia, „weißte noch, Hänschen, da stellten alle ihre ,Hier mähe ich'-Schilder auf.“ Ihr Gesichtsausdruck verklärte sich, ihr Gemüt versank in Ostalgie, blieb aber doch so in der Jetztzeit hänge, dass sie mir erklärte: „Mit dem Gras haben wir immer unsere Kaninchen gefüttert.“
„Na, und heute“, drängte sich auch Wernher in die schönen Erinnerungen, „heute ham die Jemeinden nich ma jenuch Benzin, det se im Mai noch mähen könn. Ihr müsstet ma zu mir komm. Vor mei’m Haus mäh ick jetze schon selber. Det is doch keene Art!“
„Ja, aber dafür darf die Jugend im Frühsommer Silvesterraketen zünden, und Privatleute kaufen sich Sprengstoff“, ereiferte sich Hans.
„Ah, stimmt, gut, dass du darauf kommst“, klinkte ich mich ein, „ich hab am Wochenende mal mit einem alten Schulfreund telefoniert, der studiert Jura, dem hab ich von dem Sprengstoff erzählt und der wunderte sich gar nicht, der erzählte, dass man nach dem STGB sogar nur mit fünf Jahren Bau bestraft wird, wenn man eine Atombombe zündet.“
„Fünf Jahre?“, fragte Sylvia nach.
„Fünf Jahre ist die Höchststrafe. Das ist die gleiche Höchststrafe wie bei Eigentumsdelikten. Du kannst also genauso lange verknackt werden, wenn du auf dem Campingplatz ’n Zelt klaust. Das heißt, vielleicht kriegste noch was extra, wenn bei der Atomexplosion jemand draufgeht.“
„Na, das glaub ich fast nicht“, schüttelte Sylvia den Kopf, „bei uns im Ort hat letztens der geschiedene Sohn von irgendeinem Hotelier drei junge Mädchen totgefahren, weil der besoffen und unter Drogen in einer Kurve überholt hat. Der hat nur ein Jahr auf Bewährung bekommen.“
Hans bestätigte kopfnickend: „Dem ist fast nix passiert. Nur ’n Beinbruch. Der hat noch im Krankenhaus wieder mit seinen Drogenpartys angefangen. Das hätt’s damals auch nicht gegeben.“
Meine Vorstellung über den behördlichen Ablauf bei einem durch einen SED-Funktionär verursachten Unfall behielt ich für mich. „Tja, es ist eben lange nicht alles Gold im Westen“, grinste ich, „eure Propaganda hat nicht immer gelogen.“
„Das stimmt“, bestätigte Hans.
„Aber was soll’s. Gerade als Archäologe seh ich das ziemlich abgeklärt, irgendwie fatalistisch. Es ist schließlich noch jedes Imperium untergegangen. Alle Systeme sind irgendwann gescheitert, und trotzdem geht es irgendwie weiter.“ Ich zuckte die Schultern, Hans verstand meine Haltung.
Von der Seite hörte ich, wie Jonas Micha zuquatschte. Jonas sprach ziemlich gut deutsch, er redete aber auch immer gerne sehr viel. Gerade unterbrach er seine Arbeit, um vor Micha herumzukaspern. Der Profilzeichner lachte tiefhalsig. Der Schwede präsentierte seinen Spaten und rief: „Das hier ist mein Spaten, es gibt viele andere, aber dieser ist meiner, mein Spaten ist mein bester Freund. Ohne meinen Spaten bin ich nutzlos, ohne mich ist mein Spaten nutzlos.“
Ich grinste, als ich das Filmzitat hörte. Sylvia wackelte mit dem Kopf: „Der redet auch nur die ganze Zeit.“
„Ha“, ich musste schmunzeln, „der ist doch nur die Ausnahme von der Regel.“
„Welche Regel?“
„Mein Doktorvater hat in Seminaren immer gefragt, ob Anthropologen anwesend sind. Wenn sich jemand meldete, dann hat er gefragt, woran man am Skelett Frauen und Männer unterscheiden kann. Die Anthropologen erzählten dann immer vom unterschiedlichen Becken, von den Überaugenwülsten und den stärkeren Kiefern.“ Ich wies auf die entsprechenden Körperteile und -stellen. „Und erst hier hakte mein Doktorvater dann ein. Kiefer stimmt, sagte er dann, und dann schob er den Unterkiefer vor und zeigte mit den Zeigefingern auf das Unterkiefergelenk“, ich machte die Geste nach, Sylvia grinste erwartungsvoll, „und erklärte, dass das Unterkiefergelenk bei Frauen stärker abgenutzt ist. Nach einer kleinen Pause sagte er dann: Weil Frauen die ganze Zeit plappern, rabrabrabrabrab.“ Ich machte mit der Hand die sprechende Geste, mit der auch mein Doktorvater das sinnlose Sprechgeräusch jedes Mal unterstrich.
Hans und Sylvia lachten, dann lenkte Sylvia unsere Aufmerksamkeit wieder auf die Arbeit: „Orka muss bald wieder nivellieren, da fehlen noch Werte.“
„Nee, die kann erst mal weiter schneiden, da kann sie noch ’ne Menge lernen. Hans? Du kannst wieder Planum putzen, Wernher, wir zwei nivellieren, holst du schon mal Stativ und Latte?“
„Ja, marick.“ Wernher drehte sich im Sprechen und ging zum Werkzeugcontainer. Hans freute sich, wieder mit Sylvia zu arbeiten. Ich lief zum Bauwagen, kramte die Pläne hervor, auf denen noch unnivellierte Befunde waren und suchte mir dazu ein paar leere Formulare.
Bevor ich wieder auf die Fläche ging, nahm ich das Nivelliergerät aus dem Kofferraum des Dienstwagens und stieg zu Wernher, der bereits das Stativ an strategisch günstiger Stelle aufgebaut hatte. Ich schraubte das Niv fest, richtete es waagerecht aus und fertigte zusammen mit Wernher eine Skizze an, auf die ich die Befunde kritzelte, die wir nivellieren mussten. Ich markierte ihm genau die Punkte, die ich gemessen haben wollte, und zeigte sie ihm. Bevor wir mit dem eigentlichen Nivellieren anfangen konnten, ging er mit der Latte auf den Höhenpunkt, für den wir ja glücklicherweise einen TP am naheliegenden Soll hatten. Dann klapperte Wernher die Befunde nach meiner Skizze ab, und ich notierte die Ablesewerte. Die Rechnung wollte ich erst später im Bauwagen machen.
Kaum hatten wir die zwanzig Befunde nivelliert, als auch schon wieder irgendein Auto von der Landstraße zu den Bauwagen abbog. Wernher kannte den Wagen nicht, Sylvia und Hans auch nicht. Aus dem Wagen stieg ein grauhaariger Mann, der eigentlich nur aus Bauch bestand, an den jemand zwei Arme und zwei Beine gesteckt hatte.
Genervt über den ungebetenen Besuch bat ich Wernher: „Baust du schon mal das Niv ab, ich kümmer mich um den Idioten. – Wer immer das ist.“
Der Grauhaarige hielt sich nicht damit auf, vor der Fläche stehenzubleiben, sondern stakste direkt auf die Grabung.
„Hallo“, rief ich ihn an, „bleiben Sie mal bitte draußen.“
„Jaja“, versuchte er zu beschwichtigen, „ich kenn das, ich war schon oft auf Ausgrabungen.“
Ich kletterte aus dem Schnitt auf den stinkenden Acker: „Tach, kann ich Ihnen helfen?“
„Ja“, er streckte mir seine Hand wie bei einem Messerangriff entgegen, „mein Name ist Fornefett. Jürgen Fornefett. Sind Sie der Vorarbeiter?“
„Ich bin der Grabungsleiter, ja.“
„Ich bin ehrenamtlicher Denkmalpfleger. Ich hab die Ausgrabung hier angeleiert.“
„Hm.“, staunte ich, schließlich kannte ich die Hintergründe, das reguläre Prozedere mit Bauanträgen und Genehmigungen.
„Ja, wenn ich keinen Leserbrief an die Zeitung geschrieben hätte, dann wär hier einfach alles weggebaggert worden. Mein Vater hat hier schon immer gegraben, ich kann Ihnen mal meine Ordner zeigen, ich hab ja den ganzen Keller voller Ordner.“
Er versuchte, mich zu seinem Wagen zu leiten. Dämlicherweise ging ich mit und stand neben ihm, als er den Kofferraum öffnete. Der rollende ,Keller' war mit anderthalb Dutzend Ordnern gefüllt, blind griff er einen aus der Menge.
„Schaun Sie mal hier. Mein Vater war ja Dorfschullehrer. Der musste immer gegen den Paster, der ist immer mit seinen Konfirmanden auf Raubzug gegangen, da musste mein Vater mit seinen Schülern immer die Grabhügel in der Umgebung retten.“
„Retten?“, fragte ich skeptisch.
„Jaja, der Paster hätt sonst alles ausgegraben. Schaun Sie mal, kennen Sie das hier?“, keuchte er und versuchte mich zu testen.
„’ne Urne“, antwortete ich gelangweilt und bemüht, „vorrömische Eisenzeit, scheint“, ich betrachtete das stockfleckige Bild und zögerte, „unverziert.“ Er blätterte die vergilbten Pappseiten weiter, auf denen sich unscharfe Schwarz-Weiß-Fotos mit überaus krakeligen Kugelschreiberskizzen abwechselten.
„Genau, keine Verzierung. Sehen Sie den Boden? Da sind Sie mit ihrer Grabungsfläche genau auf der richtigen Höhe. Hier können Sie Funde erwarten.“
„Ach“, machte ich überrascht.
Nun sagte er einen Moment nichts und kam dann schwer atmend auf den Punkt: „Sagn Sie mal, können Sie mir einen Detektor empfehlen?“
„Einen Detektor?“
„Na, son Metalldetektor, dann kann ich mal mit ’nem Detektor über die Felder gehen. Die sind zum Teil ja ganz schön teuer, da möcht ich doch gleich das Richtige kaufen.“
„Ähem, Sie wissen schon, dass das verboten ist?“
Er hm-te mehrfach, legte den Ordner zur Seite und öffnete einen Karton in der hinterletzten Ecke des Kofferraums. Daraus griff er ein grünweiß gebundenes Buch, das er vorsorglich in eine vergilbte Prospekthülle gesteckt hatte, und hielt es mir direkt vor die Nase. „Wolln Sie das Buch kaufen? Das ist die Chronik von Totenow, die hat mein Vater geschrieben.“
„Kann ich vorher mal reingucken?“, ich hielt meine offene Hand in die Richtung des Buches.
Erbost zog er das Buch mit beiden Händen zur Seite: „Nein, Sie haben ja dreckige Hände.“
„Dann kauf ich das auch nicht.“
Er wurde sichtlich wütend und steckte das Buch wieder in den Karton. Dann drehte er sich um und zeigte auf den Soll: „Da oben war ja mal ein Überwachungsturm vom Arbeitslager.“
Ich blickte zu dem Soll, sagte aber nichts, Fornefett nervte mich und sollte das auch merken. Von der Fläche kam Dieter, er war auf dem Weg zum Bauklo. Als er Fornefett sah, grinste der Seemann, grüßte ihn kurz von der Seite und marschierte an uns vorbei. Fornefett grüßte noch kürzer und verbissen zurück. Er schwieg und hatte inzwischen offenbar erkannt, dass er störte. Also verabschiedete er sich und fuhr endlich los.
Dieter stieg aus dem Klo, als ich noch am Bauwagen stand und Fornefett auf die Landstraße abbiegen sah. Dabei verursachte der beinahe einen Unfall, weil er sehr gewagt vom Acker in den fließenden Verkehr schleuderte.
„So ein Arschloch“, sagte ich, und Dieter amüsierte sich: „Na, da haste ja unsern Maurer kennengelernt.“
„Maurer?“
„Ja, der hat früher gemauert, inzwischen ist er in Rente und hat noch mehr Zeit zum Raubgraben. Ich kenn einen vom Bauamt, der sagte, dass Fornefett die Grabungen hier machen wollte. Alle.“ Dieter grinste schnippisch.
„Er sagte, er sei Ehrenamtlicher?“, fragte ich.
„Ja, was man so nennt. Früher in der DDR, da hat er immer gemauschelt, da konnte er irgendwie besonders gut mit dem Bezirkarchäologen, keine Ahnung warum. Aber er hat immer nur raubgegraben. Der muss den ganzen Keller vollstehen haben. Und bei sich im Garten hat er ein Hünengrab nachgebaut. In klein. Daneben hat er noch eine Urne als Vogelbad stehen.“
Ich glotzte Dieter erstaunt an: „Der hat mir gerade die Dorfchronik angeboten.“
„Von Totenow?“ Ich nickte. „Und – hast du sie gekauft?“
„Nee, ich durfte vorher nicht reingucken.“
„Glückwunsch. Ich kenne zwar nicht viele Dorfchroniken, seine dürfte aber so ziemlich die schlechteste sein, die ich jemals gesehen habe. Die ist total beschissen.“
„Sein Vater hat die geschrieben?“
„Nee, nur vorbereitet. Der is vorher gestorben, da hat sein Bruder die Unterlagen abgetippt und dann haben’se das auf eigene Kosten drucken lassen. Aber da sind nur Listen mit Vereinsmitgliedern drin. Schützenverein, Kaninchenzüchter, Kleingarten, Trachten – alles seit neunzehnhundertirgendwann. Und immer steht irgendein Fornefett auf den Plätzen eins bis drei. Die wohnen in Totenow schon seit Menschengedenken. Aber gut, hier guckt ja sowieso über jeden Zaun son Wasserkopp.“ Dieter verzog den Mund zu einer verächtlichen Mimik. „Hoffentlich kommt der nicht wieder.“
„Das hoffe ich auch.“
„Vor allem nicht, wenn mal die Presse kommt. Da spielt er sich immer ganz besonders auf und erfindet irgendwelche Räuberpistolen.“
„Eben erzählte er irgendwas von einem Wachturm auf dem Soll?“
„Wachturm?“, fragte Dieter.
„Von einem Arbeitslager?“
Dieter winkte ab, „Das war doch auf der anderen Seite von Totenow. Das weiß hier jeder. Da steh’n sogar noch die Ruinen. Der spinnt!“ Dieters rechter Zeigefinger drehte Kreise an seiner Schläfe. Dazu streckte er die Zunge raus und schielte.
„Siehste den Hof da unten?“, fragte er dann und zeigte an den Dorfrand.
„Mit dem grauen Haus?“
„Nein, den Hof neben dem Strommast. Da, links.“ Ich nickte. „Den hat letztes Jahr ’n Wessi mit seiner Frau gekauft. Als die da eingezogen sind, kam ’ne alte Frau vorbei, die wohnt jetzt ein Dorf weiter im Altersheim und die war da geboren. Als die Wessis da eingezogen sind, ist die dahin und erzählte, das wär ihr Geburtshaus und sie wollt sich das nochmal ankucken. Die Wessis freuten sich, zeigten ihr das Haus, und sie erzählt zu jedem Raum irgendwelche Geschichten. Irgendwann quatschte Fornefett die Wessis dann im Dorf an und bei der Gelegenheit erzählten sie von der alten Frau. Da ist der total ausgeflippt, das würde ja gar nicht stimmen, die käme gar nicht daher. Die Wessis staunten, haben aber nicht weiter darauf reagiert. Ein paar Tage später stand die Neunzigjährige dann wieder vor deren Tür und heulte. Da hat der Idiot doch tatsächlich bei der Frau angerufen und sie beschimpft, warum sie denn erzählt, dass sie da geboren ist, das könnte ja gar nicht sein, er weiß genau, wer hier wo geboren ist und sie is doch bestimmt ’n Bastard. Naja, und darum rief sie jetz die Wessis an, um sich zu entschuldigen und weil sie Angst hatte, dass sie glauben, sie hätte die beiden angelogen.“
Ich ließ meine Kopf verstehend nach hinten kippen und machte große Augen.
„Natürlich ist die da geboren, er kann das ja auch gar nicht wissen, ist schließlich ’n Vierteljahrhundert jünger. Der hat sonen Dachschaden, der Idiot. Das ist einfach ein Arschloch!“, geringschätzte Dieter. Ich nickte und wir gingen beide zurück auf die Fläche.
„Übrigens muss das Klo bald mal geleert werden“, sagte er dann, „das ist schon wieder eine Woche überfällig.“
Ich nickte und erwiderte: „Darum kümmere ich mich nachher noch.“ Für ein Telefongespräch war ich eindeutig zu aufgeregt wegen des Zoffs zwischen Hans und Wernher, der Profilzerstörung durch Orka und jetzt auch noch wegen dieses Fornefetts. Ich musste mich einfach körperlich betätigen und ein paar Befunde schneiden und ausnehmen.
Oben auf dem höchsten Punkt der Grabung arbeiteten Wernher und Micha konzentriert. Wernher schaufelte um einen Findling herum, bei dem nicht klar war, ob er zu einem anthropogenen Befund gehörte, Micha hockte daneben in einer Grube und zeichnete. Ich hatte von der Fläche einen unbenutzten Spaten genommen und stellte mich leise neben Micha.
„Gut sieht das aus“, bewertete ich seine Zeichnung.
Sein ganzer Körper zuckte: „Hast du mich erschreckt!“
„Na, so hässlich bin ich nu auch wieder nicht!“, schlagfertigte ich ihn ab, und Micha pferdelachte so laut, dass Hans mit einem genervten Blick zu uns herüberschaute.
„Was willste denn mit dem Spaten?“, fragte Micha dann.
„Ich muss mich abreagieren, ich muss ein paar Befunde schneiden“, sagte ich und begann zu graben.
„Aha“, grinste der Zeichner, „soll’n wir unten ein Schild aufstellen ,Hier gräbt der Chef'?“
Ich schmunzelte, „Das ist hier irgendwie nicht so üblich bei dem Amt, dass der Leiter selber mitgräbt, kann das sein?“
Wernher meldete sich leicht ungehalten zwischen, „Naja, das nimmt uns ein wenig Arbeit ab. Dann sind wir zu schnell fertig.“
Micha rechtfertigte mich: „Ist aber immer noch besser als der Knochen, der immer von der Grabung weggefahren ist, um uns dann vom Gebüsch zu beobachten.“
„Jochen meinst du.“
„Aus dem Gebüsch?“, fragte ich.
„Ja, der is immer weggefahren und irgendwann haben wir dann mal gesehen, dass er nur den nächsten Feldweg rein is, um zu gucken, ob wir arbeiten. Auf der Grabung hat er sich den ganzen Tag nicht blicken lassen. Wusste aber immer, was wir getan haben.“
Wir hörten das Gepinge der Bahnschranke. Es war erstaunlich laut, erst jetzt registrierte ich, dass der Bagger nicht mehr lief. Ich rief zu Stefan und Jan: „Was is’n los? ’n Raucherpause? Getankt hat er doch gestern?“
Jan rief zurück: „Nee, der Bagger is kaputt.“ Stefan fügte hinzu: „Hier is’n Schlauch von der Hydraulik im Arsch. Ick muss ma int Dorf, meinen Scheff anrufen, der soll ’n Techniker rausschicken.“ Er ging zu seinem Wagen, um zum Telefon zu fahren. Jan kam zu uns rüber, um beim Schneiden zu helfen.
Ich schwieg, griff zum Spaten und begann den nächsten Befund zu schneiden.
„So wie du da reinhackst, musst du dich wohl abreagieren“, merkte Micha.
„Das kann man sagen. Eben war son Heimathirsch da, der Fornefett, kennste den?“
„Ach, der war das eben“, Micha nickte, Wernher auch.
„So ein Vollidiot. Ich hab ja schon viele Ehrenamtliche erlebt, aber der –“, ich machte ein möglichst verächtlich klingendes Geräusch. „Kennt ihr die Inga Abelt?“ Beide verneinten wortlos. „Die spielt die rothaarige Ärztin in der Lindenstraße und die ist auch Ehrenamtliche. Ich war mal auf ’ner Grabung im Norden von Düsseldorf, da kam die immer an. Die hat wirklich Ahnung und setzt sich für die Archäologie ein. Besonders lustig war mal ein Tag“, lachte ich, „an dem wir einen geologischen Schnitt in die alten Rheinauenböden gesetzt haben. Da ist sie dann auch rein mit ihren rosa Kindergummistiefeln und kam alleine nicht mehr raus.“ Ich malte mit der flachen Hand die Größe der Schauspielerin in die Luft, um die verpatzte Pointe zu erklären: „Die ist ja nur so groß. Naja, der Grabungsleiter war ganz Kavalier alter Schule und hat ihr dann rausgeholfen.“
„Na, mit den Ehrnamtlichen is det sone Sache, det stimmt schon“, nickte Wernher und sah zu Micha, „du kennst doch det Kläuschen.“
„Den Goldsammler?“
„Jenau den. Det is son Sondenjänger, der rennt den janzen Tach über die Äcker mit sei’m Apparat. Der hat aber ooch een janz feinet Näschen“, Wernher setzte sein Katergesicht auf und tippte sich auf die Nase, „der findet allet. Na, und um an seine Sammlung zu kommen, ham’ se ihm die Funde mit Arbeetsverträjen abjekooft. Der durfte monatelang seine eijene Sammlung katalojisier’n und hat dafür noch Jeld jekricht. Nu sach mal“, wandte Wernher sich zu mir und zeigte mir seine leeren Handinnenflächen, „is det nu jerecht? Unsereiner immer ehrlich, hat nüscht jestohln, und der wird noch mit Arbeit belohnt!“
Ich verneinte und ergänzte: „Aber ich weiß, dass es oft schwer ist, manche Heimathirsche einzubinden.“ Dann spatete ich meinen Befund wortlos weiter.
„Ha!“ machte Wernher plötzlich, „ick musste jrad an Besuch denken, den ick mal uff ’ner Jrabung hatte.“ Zur Erzählung stützt er sich auf den Stiel seiner Schaufel. „Det war ooch son linearet Projekt wie dit hier jetze. Da musste der Jrabungsleiter ma kurz zum Baumaakt und sacht zu mir, Wernher, ick muss ma e’m los, du übernimmst so lang die Leitung. Der is kaum wech, da kommt uff eenmal son Hubschrauber und landet mitten uffem Planum. Ick denk bei mir, det kann doch nich wahr sein, ham die noch alle Tassen im Schrank, oder wat, da steicht uff eenmal son Schlipsträjer aus dem Hubschrauber und hat so zwee weißrussische Schränke ne’m sich.“ Wernher zeichnete erst einen Schlips auf seiner Brust und formte dann mit beiden Händen zwei Schlägertypen in der Luft. „Ick sach, moment mal, det jeht aber nich, Sie können doch nich hier uff det Planum landen – da stellt der sich vor, Juten Tach, ick bin der Sowieso vom Straßenbauamt, det is mein Projekt, zeijense mir doch ma bitte, wat Se hier schönet jefundn ham. Nu, ick erklär ihm allet, führ ihn über die Fläche, immer diese beiden Schränke anbei, er ist janz bejeistert und fliecht irjendwann wieder mittem Hubschrauber los.“ Seine Hand machte eine schraubende Bewegung nach oben. „Ick sach dir“, wandte Wernher sich an mich, „der hatte jrad abjehoben, da kam der Scheff wieder. Da sarick dem, du hass jrad wat verpasst. Da war ’n Hubschrauba uff die Fläche. Der zeicht mir natürlich ’n Vogel – bis die andern uff de Jrabung meine Jeschichte bestätijen. Det war ’n Ding!“ Wernher freute sich, Jan lachte.
Micha stand inzwischen auf und blickte an mir vorbei. Ich hielt inne und drehte mich um: „Son Mist, da zieht ja ’ne Front auf! Heute sollte doch den ganzen Tag die Sonne scheinen.“
„Das tut sie ja auch – da drüben.“ Micha zeigte mir die Wetterscheide zwischen unserer Untersuchung und der Grabung von Wieland. Die Regenwand zog nur zu uns.
„O.K.“, ich rief so laut, dass mich alle hörten, „es ist zwar sowieso bald Feierabend, aber wir fahren noch zur LPG, da können wir noch ein paar Scherben waschen.“ Sylvia und die Arbeiter waren inzwischen auf mich zugelaufen. Ich ergänzte: „Ich brauch aber noch ein paar Freiwillige, die den Befund von Or-, Marion fertigmachen, der ist schon so weit, der geht sonst kaputt.“
Jonas und Jan erklärten: „Das machen wir, Micha kann ja zeichnen.“
„Gut, der Rest packt dann ein. Jonas? Wenn der Techniker für den Bagger schnell genug fertig werden sollte, soll Stefan den Abraum bewegen. Nicht, dass einer vom Amt vorbeikommt und Stunk macht.“
„Sag ich ihm.“
Wernher half derweil beim Almabtrieb und forderte die anderen auf, die Werkzeuge zusammenzukramen: „Dawai-dawai, ihr habt ja jehört, wat der Scheff jesacht hat, det jeht zum Scherbenwaschn!“, und machte weit ausholende Scheuchbewegungen mit beiden Armen. Wir verteilten uns auf die Wagen und fuhren zur LPG, zum Scherbenwaschen.
Freitag, 13. Februar 2009
Kapitel 8.2
Eines Tages musste ich jedoch einsehen, dass nicht einmal diese zivilisatorischen Grundfähigkeiten von Orka zu erwarten waren. Der Vormittag verlief noch verhältnismäßig ruhig, abgesehen davon, dass der Bauer die umliegenden Felder mit irgendeinem ominös stinkenden Giftzeug bespritzte, das in Schwaden auf unsere Grabungsfläche herüberzog. In der Mittagspause bedankte sich der gutgelaunte Hans noch bei mir für die Empfehlung jugoslawischer Fleischgerichte. Erst am Vortage hatte er im Supermarkt entdeckt, dass es gefrorene Ćevapčićis in Tüten gab. Er hatte gleich eine davon gekauft und ihren gesamten Inhalt noch am selben Abend verspeist.
Nach der Pause verschärfte sich die Gemengelage allerdings schlagartig. Micha nervte vor allem die älteren Arbeiter Wernher, Dieter, Hans und Sylvia, indem er am Werkzeugcontainer plötzlich mehrere Silvesterraketen zündete. Ich fand die Aktion lange nicht so schlimm wie das, was er ja ursprünglich vorgehabt hatte, ermahnte ihn aber mit erhobenem Finger vor der Grabungsöffentlichkeit, um den Personalfrieden weitgehend wiederherzustellen.
Der noch gut gelaunte Hans hatte zuvor so viel von der Fläche geputzt, dass ich ihn nun ein paar Befunde schneiden lassen wollte, während ich im Bauwagen Befundbeschreibungen in Formblätter übertrug. Nach einer Zeit schneite Sylvia zusammen mit Wernher in den Bauwagen, er hatte einen größeren Befund zu Ende geschnitten und erkundigte sich nach dem weiteren Vorgehen, Sylvia war mitgekommen um anzumerken, dass sie doch überraschend schnell mit dem Zeichnen der Quadranten vorangekommen war. Ohne mir viel Gedanken zu machen, entschied ich mich für das Naheliegende und bat Wernher, so lange das Planum zu putzen, bis Hans mit dem Schneiden des von ihm bearbeiteten Befundes fertig würde.
Es waren kaum fünf Minuten vergangen, dass die zwei den Bauwagen verlassen und mich über meine Formblätter brüten ließen, als plötzlich ohne jede Vorwarnung Hans zu mir in den Wagen sprang.
„Sag mal, das kann doch nicht sein“, Wernher strauchelte in seinem Schlepptau hinterher, „ich schneide Befunde und der da“, Hans wies auf Wernher, „macht jetzt meine Arbeit?“ Hans schrie zwar nicht, seine Stimme zitterte aber. Man merkte, dass er aufs Äußerste erregt war und größte Mühen aufwandte, sich noch halbwegs zu bändigen.
„Jetzt im Moment, ja“, sagte ich verdutzt.
„Wie kann das sein, ich habe immer das Planum geputzt, mache ich die Arbeit nicht gut?“
Wernher, der sichtlich genervt war, und den Hans offenbar bereits auf der Fläche angefahren hatte, stieg jetzt laut ein: „Ick brauch mir von dir jar nüscht sa’an lassn!“ Im Gegensatz zu Hans versuchte er sich aber nicht einmal zurückzuhalten. Seine kräftige Stimme biss, als er sich erst an den Kopf, dann an die Brust tippte: „Ick jloob, ick spinn! Ick bin ooch schon über fuffzich. Un wenn der Scheff sacht, mach det, denn mach ick det.“
Hans hatte seine Sache vorgetragen, seine Wut blieb grotesk groß. Er drehte sich, winkte mir ab: „Ach!“, sprang aus dem Wagen und lief zurück zu seinem Befund. Ich lief ihm nach, weil ich es selbstverständlich fand, diesen gleichermaßen unbegründeten wie unseligen Streit zu schlichten. Wernher trapste wie ein Terrier mit uns. Er versuchte zwischen Hans und mich zu kommen und zeterte keifend weiter: „Det brauch ick mir nich jefalln zu lassn! Ick hab ooch schon ’n paar Jahr jearbeit’t. Ick weeß, wo der Hase schnalzt!“
Jetzt musste ich nicht allein mehr Hans beschwichtigen, sondern auch Wernher zur Räson bringen: „Du brauchst nicht noch nachzutreten!“, fuhr ich ihn durchaus angemessen an.
Hans stapfte schnell zu seinem Befund, griff sich seinen Spaten, rammte ihn in den Boden und trat auf die Kante des Blattes und sprach zu sich selbst: „Die woll’n mich nur verheizen!“ Er sah mich an und schnaubte: „Ich arbeite hier, und der da hinten steht nur rum!“, wies er auf Jan, der vor dem Bagger stand.
„Ja und?“, fragte ich, „Der macht auch nur seine Arbeit.“
„Ach!“, motzt Hans nur noch. Er schien langsam zu begreifen, dass er einen unnötigen und heillos übertriebenen Sturm verursacht hatte, wollte es aber noch nicht zugeben. Wernher stand neben uns, ich blickte ihn ermahnend an, dass er auch ja nichts mehr sagen solle.
„Hört mal, sowas will ich auf meiner Grabung nicht haben. Das ist hier kein Kindergarten. Und jetzt gebt euch die Hand!“, widersprach ich mir selbst. Hans knirschte mit den Zähnen.
Wernher erkannte schneller die Chance, wieder Punkte gut zu machen, die er durch sein verbales Nachtreten verloren hatte: „Also, ick hab damit keene Probleme nüscht. Det war ja eh bloß ’n Missverständnis. Hier Hans!“, und reichte Hans die Hand.
Hans sah von seinem Befund hoch. Jetzt galt ihm mein strenger Blick. Und ich starrte ihn auch noch an, als ich zu dem neben uns stehenden Wernher sagte: „Du kannst Hans ja gleich mal beim Schneiden helfen, Wernher.“
Dann hob auch Hans seine rechte Hand und griff zögerlich nach Wernhers Hand. Beide schüttelten ihre Hände kurz, ließen sie aber schnell wieder schlapp fallen. „Ich hoffe, das ist damit erledigt“, betonte ich ernst, drehte mich um und trottete aus dieser unwirklichen Szene.
Nach der Pause verschärfte sich die Gemengelage allerdings schlagartig. Micha nervte vor allem die älteren Arbeiter Wernher, Dieter, Hans und Sylvia, indem er am Werkzeugcontainer plötzlich mehrere Silvesterraketen zündete. Ich fand die Aktion lange nicht so schlimm wie das, was er ja ursprünglich vorgehabt hatte, ermahnte ihn aber mit erhobenem Finger vor der Grabungsöffentlichkeit, um den Personalfrieden weitgehend wiederherzustellen.
Der noch gut gelaunte Hans hatte zuvor so viel von der Fläche geputzt, dass ich ihn nun ein paar Befunde schneiden lassen wollte, während ich im Bauwagen Befundbeschreibungen in Formblätter übertrug. Nach einer Zeit schneite Sylvia zusammen mit Wernher in den Bauwagen, er hatte einen größeren Befund zu Ende geschnitten und erkundigte sich nach dem weiteren Vorgehen, Sylvia war mitgekommen um anzumerken, dass sie doch überraschend schnell mit dem Zeichnen der Quadranten vorangekommen war. Ohne mir viel Gedanken zu machen, entschied ich mich für das Naheliegende und bat Wernher, so lange das Planum zu putzen, bis Hans mit dem Schneiden des von ihm bearbeiteten Befundes fertig würde.
Es waren kaum fünf Minuten vergangen, dass die zwei den Bauwagen verlassen und mich über meine Formblätter brüten ließen, als plötzlich ohne jede Vorwarnung Hans zu mir in den Wagen sprang.
„Sag mal, das kann doch nicht sein“, Wernher strauchelte in seinem Schlepptau hinterher, „ich schneide Befunde und der da“, Hans wies auf Wernher, „macht jetzt meine Arbeit?“ Hans schrie zwar nicht, seine Stimme zitterte aber. Man merkte, dass er aufs Äußerste erregt war und größte Mühen aufwandte, sich noch halbwegs zu bändigen.
„Jetzt im Moment, ja“, sagte ich verdutzt.
„Wie kann das sein, ich habe immer das Planum geputzt, mache ich die Arbeit nicht gut?“
Wernher, der sichtlich genervt war, und den Hans offenbar bereits auf der Fläche angefahren hatte, stieg jetzt laut ein: „Ick brauch mir von dir jar nüscht sa’an lassn!“ Im Gegensatz zu Hans versuchte er sich aber nicht einmal zurückzuhalten. Seine kräftige Stimme biss, als er sich erst an den Kopf, dann an die Brust tippte: „Ick jloob, ick spinn! Ick bin ooch schon über fuffzich. Un wenn der Scheff sacht, mach det, denn mach ick det.“
Hans hatte seine Sache vorgetragen, seine Wut blieb grotesk groß. Er drehte sich, winkte mir ab: „Ach!“, sprang aus dem Wagen und lief zurück zu seinem Befund. Ich lief ihm nach, weil ich es selbstverständlich fand, diesen gleichermaßen unbegründeten wie unseligen Streit zu schlichten. Wernher trapste wie ein Terrier mit uns. Er versuchte zwischen Hans und mich zu kommen und zeterte keifend weiter: „Det brauch ick mir nich jefalln zu lassn! Ick hab ooch schon ’n paar Jahr jearbeit’t. Ick weeß, wo der Hase schnalzt!“
Jetzt musste ich nicht allein mehr Hans beschwichtigen, sondern auch Wernher zur Räson bringen: „Du brauchst nicht noch nachzutreten!“, fuhr ich ihn durchaus angemessen an.
Hans stapfte schnell zu seinem Befund, griff sich seinen Spaten, rammte ihn in den Boden und trat auf die Kante des Blattes und sprach zu sich selbst: „Die woll’n mich nur verheizen!“ Er sah mich an und schnaubte: „Ich arbeite hier, und der da hinten steht nur rum!“, wies er auf Jan, der vor dem Bagger stand.
„Ja und?“, fragte ich, „Der macht auch nur seine Arbeit.“
„Ach!“, motzt Hans nur noch. Er schien langsam zu begreifen, dass er einen unnötigen und heillos übertriebenen Sturm verursacht hatte, wollte es aber noch nicht zugeben. Wernher stand neben uns, ich blickte ihn ermahnend an, dass er auch ja nichts mehr sagen solle.
„Hört mal, sowas will ich auf meiner Grabung nicht haben. Das ist hier kein Kindergarten. Und jetzt gebt euch die Hand!“, widersprach ich mir selbst. Hans knirschte mit den Zähnen.
Wernher erkannte schneller die Chance, wieder Punkte gut zu machen, die er durch sein verbales Nachtreten verloren hatte: „Also, ick hab damit keene Probleme nüscht. Det war ja eh bloß ’n Missverständnis. Hier Hans!“, und reichte Hans die Hand.
Hans sah von seinem Befund hoch. Jetzt galt ihm mein strenger Blick. Und ich starrte ihn auch noch an, als ich zu dem neben uns stehenden Wernher sagte: „Du kannst Hans ja gleich mal beim Schneiden helfen, Wernher.“
Dann hob auch Hans seine rechte Hand und griff zögerlich nach Wernhers Hand. Beide schüttelten ihre Hände kurz, ließen sie aber schnell wieder schlapp fallen. „Ich hoffe, das ist damit erledigt“, betonte ich ernst, drehte mich um und trottete aus dieser unwirklichen Szene.
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Sonntag, 8. Februar 2009
Kapitel 8.1
Inzwischen hatte sich das Team auch in der neuen Zusammenstellung weitgehend eingearbeitet. Ich musste oft morgens nicht einmal sehr detailliert erklären, welche Tagesarbeit anstand, weil die größtenteils erfahrenen Arbeiter in eine Art selbstorganisiertes Chaos verfielen.
Hans putzte üblicherweise das Planum, Sylvia zeichnete die von ihm freigelegten Befunde in der Aufsicht. Jan stand gewöhnlich am Bagger, zeitweise unterstützt von Dieter oder Jonas, die darüber hinaus die Pflöcke für die Quadranten setzten, wenn genügend Fläche freigebaggert war. Ansonsten schnitten beide die Befunde, damit die vorgeschichtlichen Gruben und Feuerstellen auch im Profil, aufgenommen werden konnten. Bei dieser Arbeit halfen Wernher und Orka, wenn die zwei nicht gerade damit beschäftigt waren, die im Planum bereits gezeichneten Befunde zu nivellieren. Das Nivellieren ist eigentlich eine sehr einfache Tätigkeit für zwei Leute, die lediglich daraus besteht, dass der eine Zahlen lesen und schreiben können muss, während der andere in der Lage sein sollte, eine je nach Notwendigkeit des Bodengefälles bis zu vier Meter lange Holz- oder Aluminiumlatte mehr oder weniger lotrecht in den Wind zu halten. Ich durfte also durchaus berechtigt annehmen, dass Orka zum Nivellieren befähigt war, obwohl ich ihr bereits die Berechtigung zum Zeichnen auf meiner Grabung entzogen hatte.
Hans putzte üblicherweise das Planum, Sylvia zeichnete die von ihm freigelegten Befunde in der Aufsicht. Jan stand gewöhnlich am Bagger, zeitweise unterstützt von Dieter oder Jonas, die darüber hinaus die Pflöcke für die Quadranten setzten, wenn genügend Fläche freigebaggert war. Ansonsten schnitten beide die Befunde, damit die vorgeschichtlichen Gruben und Feuerstellen auch im Profil, aufgenommen werden konnten. Bei dieser Arbeit halfen Wernher und Orka, wenn die zwei nicht gerade damit beschäftigt waren, die im Planum bereits gezeichneten Befunde zu nivellieren. Das Nivellieren ist eigentlich eine sehr einfache Tätigkeit für zwei Leute, die lediglich daraus besteht, dass der eine Zahlen lesen und schreiben können muss, während der andere in der Lage sein sollte, eine je nach Notwendigkeit des Bodengefälles bis zu vier Meter lange Holz- oder Aluminiumlatte mehr oder weniger lotrecht in den Wind zu halten. Ich durfte also durchaus berechtigt annehmen, dass Orka zum Nivellieren befähigt war, obwohl ich ihr bereits die Berechtigung zum Zeichnen auf meiner Grabung entzogen hatte.
Sonntag, 1. Februar 2009
Kapitel 7.4
Unrhythmisch-schmatzende Geräusche, als schritte jemand im Sumpf Kreise ab, holten mich zurück in die schreckliche Realität. Es machte sich allgemein bemerkbar, dass mir weder der blutige Rülpsgeruch dieser Gorgozilla noch die Vorstellung gefiel, Blutbuletten zu verzehren. Jan wunderte sich: „Bist du etwa son Vegetarier?“
„Nee“, antwortete ich, „ich hab einfach ’ne natürliche Ekelgrenze.“
„Na, ich dachte nur, weil die meisten Archologen sind doch Vegetarier.“
„Sind sie?“
„Hast du schon mal mit Archologen gegrillt?“
„Natürlich.“
„Da war doch immer ein Vegetarier dabei, oder?“
„Jo“, musste ich einräumen, „ein oder zwei schon.“
„Siehste! Und ich hab mal mit einer archologischen Vegetarierin gearbeitet, die hat sich nur von Erdnussriegeln und Limo ernährt. Außer abends, da hat’se dann Pizza gegessen, Salat hat’se nich gemocht. Bis ich ihr mal erzählt hab, wo das Lab für den Käse herkommt, aus Kälbermägen nämlich!“ Die Mundwinkel in Jans Gesicht zogen sich fratzenartig nach oben. Er freute sich sichtlich: „Danach hat’se nur noch Pizza ohne Käse bestellt. Davon abgesehen is das sowieso total blödsinnig. Jeder isst Tiere.“
Ich setzte unwillkürlich ein verwundertes Gesicht auf: „Wieso?“
„Na, im Schlaf. Hast du mal überlegt, wie viele Spinnen du isst, wenn du mit offenem Mund schläfst?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Da gibt’s so wissenschaftliche Berechnungen. Das sind pro Woche wenigstens ein bis zwei Spinnen, die nachts von der Decke fallen und die du aus Versehen verschluckst. Ob du willst oder nicht.“
Sylvia unterbrach: „Hänschen, jetzt hör auf, an deinem Daumen zu knibbeln!“ Die Aufmerksamkeit war augenblicklich auf Hans gelenkt. Der hatte während unserer Unterhaltung ein kleines Taschenmesser aus seiner Hosentasche gezogen, es aufgeklappt und an seinem linken Daumennagel herumgepult, der schwarz und dick war, weil er sich einige Tage zuvor beim Schrauben den Daumen geklemmt hatte.
„Das ist doch nich steril. Das geht doch nicht, Hänschen. Was würde deine Mutti dazu sagen?“ Hänschen grummelte, schwieg ansonsten aber und kramte aus seiner Tasche ein Kabel, das er morgens von einem entsorgten Toaster abgeschnitten hatte, schnitt mit dem Messer die Isolierung ein und zog sie vom Kupfer.
Unvermittelt fragte er mich: „Du kennst Wieland noch von der Uni?“
Inzwischen war ich wieder weitgehend zu mir gekommen: „Ja.“
„Hm.“ Hans überlegte kurz, dann fragte er weiter: „War er da auch schon so ungeschickt?“
„Naja“, ich pustete einmal tonlos, „manchmal ’n bisschen nervig.“ Nach einer kleiner Pause ergänzte ich: „Also, er hat gerne mal die Leute in der Bibliothek zugeschwatzt und ihnen zu jedem erdenklichen Thema kurze Vorträge gehalten.“
Hans schaute verständnislos: „Tja, und hier hat er sich erst mal auf die Knochen blamiert.“
„Wieso?“
„Die erste Grabung, die er hier gemacht hat, war ’ne größere Flächengrabung. Da sollte er genau wie hier die Fläche in 10-Meter-Quadranten unterteilen und bearbeiten.“
„Ja. Und?“
„Rate mal, wie er versucht hat, ein Quadrat mit einer Seitenlänge von zehn Metern auszupflocken.“ Ich blickte verwirrt. „Er hat einen Pflock gesetzt, ist mit dem Maßband zehn Meter in eine Richtung gelaufen, hat da den zweiten Pflock gesetzt, ist Pi mal Daumen zehn Meter senkrecht dazu nach rechts gelaufen“, ich merkte, worauf Hans hinauswollte, „hat den nächsten Pflock gesetzt und wollte dann wieder senkrecht dazu beim ersten Pflock auskommen.“
„Der natürlich sonstwo stand“, lachte ich.
„Genau. Und Wieland hat einfach nicht begriffen, was er falsch gemacht hat.“ Er ahmte Wielands Stimme nach: „Das kommt einfach nicht aus, Hans! – Am Ende habe ich meine Schnur hier genommen“, Hans kramte ein Bündel Maurerschnur aus der Tasche, „und hab ihm die Pflöcke in Nullkommanix gesetzt. Und die stimmten.“
„Ich nehme an, die Schnur hat Knoten bei zehn Meter und bei vierzehn Komma, was sind das noch?“, überlegte ich, „eins ... vier ...“
„Genau, Pythagoras. So einfach ist das. Aber unser adeliger Archäologe ist zu doof dazu.“
„Grabungsleiter! Du wirst staunen“, sagte ich, „was ich da schon für Idioten erlebt habe. Ich war mal als Student auf ’ner Stadtgrabung, da hat der Chef Telekomleitungen gezeichnet und fotografiert. Von allen Seiten. Von oben, von links, von rechts und von unten. Es ist ja alles Befund, dozierte der ständig. Als das zuständige Amt merkte, dass er auch noch Plastikrohre ausführlich dokumentierte, war er die Grabung ganz schnell wieder los.“
„Telekomleitungen!“, lachte Hans, „Das ist gut. Wir hatten schon mal eine Archäologin, weißt du noch Sylvia? Die Klamm, die immer klamm war, die hat doch bei den kleinsten Pfostenlöchern noch Kreuzschnitte gemacht.“ Ich musste laut lachen.
Nach einer kleinen Pause kam Hans zurück zu Wieland: „Aber damals hat Wieland sich ja sowieso immer festgespielt.“
„Festgespielt?“
„Ja. Er macht alles selber, lässt keinen irgendwo ran, und vergisst jede Zeitplanung. Die Trasse hier und die Windkraftanlage sind die ersten größeren Projekte, die er seitdem macht. Zwischendurch hat er nur Voruntersuchungen für Radwege begutachten dürfen. Damit er sich da nicht festspielt.“ Hans freute sich: „Hehe, und er wusste nicht einmal genau, warum. Einmal hab ich ihn gefragt, Mensch Wieland, ist dir schon mal aufgefallen, dass du immer nur Radwege machen darfst? Da hat er wild genickt und zurückgefragt: Habt ihr das auch schon bemerkt?“
„Ja, du hast ihn immer geärgert, Hänschen“, unterbrach Sylvia, „auch mit deinen Wetten.“
„Mit was für Wetten?“, zwischenfragte ich.
„Ha! Das war immer lustig“, amüsierte er sich, drehte sich zu Sylvia und ermahnte sie, „außerdem hast du auch immer von dem Kuchen gegessen!“, dann wandte er sich wieder mir zu, „na, wenn wir einen Befund hatten, irgendein Steinpflaster oder so, denn hab ich mit Wieland immer gewettet. Da ist noch ’ne Urne drunter, hab ich dann gesagt. Und Wieland hat gesagt, nee, da kommt bestimmt nüscht mehr. Denn hab ich gesagt, um was wettest du? Wenn ich recht habe, backst du dem ganzen Grabungsteam einen Kuchen, hab ich gesagt. Na, und er hat eingeschlagen.“ Seine Mundwinkel wuchsen in neue Höhen. „’türlich hat er verloren. Aber er kann selber nicht backen, also musste seine Frau Britta einen Kuchen backen. Und er wollte natürlich schlau sein. Bei einem Wasserloch hab ich gesagt, da kommt noch ein Brunnen. Wieland sagte: Nein, da kommt nüscht mehr. Was wettest du, wieder einen Kuchen?“ Er malte mit den Händen einen Kuchen in die Luft. „Und er war sich so sicher. Hähä. Als der Bagger einmal reingriff, waren wir mitten im Brunnen, ’n schöner Kastenbrunnen. Und Wieland jammerte“, er drehte sich wieder Sylvia zu, die ein Schmunzeln nicht unterdrücken konnte, außerdem hob sich seine Stimme und singsangte, „Wie soll ich Britta das beibringen, dass sie am Wochenende schon wieder einen Kuchen backen muss?“ Hans lachte laut, der Bauwagen stimmte mit ein.
„Habt ihr den Brunnen denn noch graben können? War doch bestimmt ’ne gute Plackerei, wenn der noch unter Wasser stand?“
„Das kannst du laut sagen. Da brach ständig was ein, aber es hat sich auch gelohnt. Da haben wir ein paar schöne Holzfunde rausgeholt.“
„Mit den Einbrüchen muss man echt aufpassen. Ich hab mal ’ne Grabung erlebt, auf der der Grabungsleiter noch seine besten Freunde in drei Meter tiefe Schnitte geschickt hat, die offensichtlich einsturzgefährdet waren, weil er keine Spundwände gesetzt hatte.“ Ich setzte mein wichtigstes Gesicht auf, um die Bedrohung zu unterstreichen. „Es hatte vorher wochenlang nicht geregnet und plötzlich schüttete es in ein paar Stunden knapp siebzig Liter pro Quadratmeter. Als wir am nächsten Tag wieder zur Grabung kamen, sind um uns herum die Bäume umgefallen, weil der Boden das Wasser gar nicht aufnehmen konnte.“ Ich stützte beide Ellbogen auf den Tisch und imitierte mit den Unterarmen umfallende Bäume.
Jetzt schaltete Wernher sich ein: „Manche Leute kennen eben jar nüscht. Die sind als Archologe un ooch als Scheff unter aller Kanone.“ Er blickte zu Sylvia und Hans: „Ihr zwee kennt doch ooch den Fritz, der hat doch immer zusamm mit dem Carlo jearbeit’.“
„Der Carlo, der son bisschen zurückgeblieben ist?“, fragte Hans.
„Ja, jenau den meen ick. Der hat den Carlo der-ma-ßen aus-je-nutzt“, er dehnte die Silben und tippte im Rhythmus dazu auf den Tisch, „det jlobt man nich. Einmal ha’ck jesehn, det der Fritz sich vor den Carlo jestellt hat, als der jrad ’n Befund bearbeit’ hat“, Wernher streute zwischen die einzelnen Worte mehr und mehr Pausen, die immer länger wurden, „sich .. vorbeucht .. und ... dem ... Carlo .... mitten .... int ..... Jesicht ..... forzt.“ Jetzt schüttelte er den Kopf. Wir anderen stimmten in diese Geste mit ein – bis auf Orka, die mit ihren letzten Tollatschen beschäftigt war.
„Das kann man sich gar nicht vorstellen“, erwiderte Sylvia entsetzt und hielt sich die Hand vor den Mund.
„Det war aber so, so wahr ick hier sitz“, schwor Wernher mit erhobener Hand.
Hans holte zum letzten Schlag gegen Fritz aus: „Soll der Fritz nich neulich in der Stadt im Mini und mit so Schminke im Gesicht rumgelaufen sein?“
„Stimmt“, erinnerte Sylvia sich, „das hab ich auch gehört.“
„Mit Schminke?“, fragte Wernher, Hans und Sylvia nickten. „Im Minirock?“ Sylvia und Hans bestätigten auch das. „Aber der wiecht doch bestimmt seine ... nu ja ... hundertzehn Kilo ... und is kleena als wie unsa Jan hier.“
Alle blickten zu Jan, der inzwischen eine Tafel Schokolade mit 60% Kakao aus seiner Tasche gekramt hatte, und sie nun auf den Tisch schlug als Zeichen dafür, dass der Nachtisch begonnen hatte. Die rohe Gewalt, die er dabei wirken ließ, atomisierte die gute Tafel leider zugleich.
Wernher kramte jetzt einen Apfel hervor, Sylvia wühlte zwei Plastiktöpfchen mit Pudding aus der Tasche und stellte einen Becher vor Hans, der sich bedankte. Orka entnahm ihrem Fresssack einen Halbliter-Topf vollgezuckerten Joghurt und riss mit einer fließenden Bewegung den jungfräulichen Deckel von der Öffnung. Ihr dicken Finger schlängelten sich um den Deckel und führten ihn an den Puttenmund, aus dem ein warziges und langgeschquetscht fleischiges Etwas entfuhr, das das Aluminium geräuschvoll abraspelte. Danach griff dieser weibliche Gargantua einen Esslöffel und vergewaltigte damit das Plastikfass, als wäre der Becher eine Glocke und der Löffel ein Klöppel, mit dem sie als Glöckner das baldige Ende der Welt anzuschlagen versuchte. Der zugehörige Blick wirkte dabei so konzentriert, wie das Gesicht eines siebzigjährigen Einsiedlers, der im vierzigsten Jahr über die Weltformel brütet.
Das Geklöppel Orkas klang noch nach, als der gemütliche, leider zu kurze Teil der Pause begann. Sylvia kramte eine Ostillustrierte hervor und schlug sie auf, Hans knispelte weiter an seinem Kabel.
„Schau mal Hänschen“, wies sie auf eine Anzeige, „Fuchs und Elster“, und blätterte weiter. Wernher verschränkte derweil die Arme vor seinem Bäuchlein, schloss die Augen und entspannte sich tief.
„Naschkatze. Hmm. Vanillesoße. Die ist lecker“, kommentierte sie die nächste Anzeige und klappte die Seite um. Jan legte seine Arme parallel auf den Tisch und bettete seinen Kopf darauf.
„Mensch“, murmelte die Zeichnerin erschreckt, „ich muss ja noch einkaufen!“
„Ich brauch für heute Abend auch noch was“, meinte Hans.
Sylvia pflückte inzwischen ein Blatt vom Fundzettelblock, der stets auf dem Tisch lag und missbrauchte die leere Rückseite als Einkaufsliste: „Was brauch ich denn?“
„Is heut nich Dienstag?“, fragte Hans in den Raum. Ich nickte. „Da steht doch der Vietnamese immer vor’m Supermarkt, ich glaub, da hol ich mir heute einen Broiler, da hab ich richtig Hunger drauf. Meine Mutter isst ja so gerne Broiler, die freut sich bestimmt. Und ich mich erst.“ Hans freute sich jetzt schon sichtlich.
Jan erwachte wieder, stand auf und fragte den quasi-schlafenden Wernher, während er nach dessen Apfelkitsche griff: „Darf ich?“
Sylvia dachte im Gegensatz zu Hans über den Abend hinaus: „Hm, erst mal brauch ich noch Äpfel, vier Äpfel, Elstar vielleicht, Erwin wollte außerdem noch, dass ich ihm TV Guck mitbringe ...“
„Natüürch“, erwiderte der noch schläfrig blickende Wernher, „natüürch darfste den entsorjen.“ Jan schritt mit dem Apfelrest zur Tür, öffnete sie und warf den Apfel auf ein Ziel außerhalb des Bauwagens, das wir nicht sehen konnten.
„... da kann ich auch gleich die neue SuperIllu einpacken ...“
„Zwar nicht getroffen, aber die Richtung stimmt!“, rief Jan erfreut und erwartete anscheinend eine Bestätigung von uns, die wir doch alle sein Ziel nicht sehen konnten.
„... für den Milchreis brauche ich noch Milch, einen, nein besser gleich zwei Liter, für die Haferflocken brauchen wir ja noch mehr ...“
„Wisst ihr, das kommt vom instinktiven Bogenschießen.“
„... ich glaub fast, Wurst-Käse ist auch alle ...“
„Instinktiv?“, fragte Marion, ich schwieg, um mir die Fotos nicht noch einmal ansehen zu müssen.
„... da hole ich gleich noch ein bisschen Mortadella ...“
„Ja, instinktiv. So trifft man am besten.“
„... Margarine ist auch schon fast alle, was ist mit Papiertempo?“
„Ich hab mal als Kind dem Hausmeister einen Schneeball ins Gesicht geworfen ...“
„... die brauchen wir doch bestimmt auch schon wieder, der schnieft vielleicht im Moment, das glaubt man nicht ...“
„... der kam gerade um die Ecke, das konnte ich nicht wissen, aber trotzdem hab ich ihn mitten ins Gesicht getroffen.“
„... für Toni brauche ich noch Fleisch, war nicht Nero im Angebot? Da nehme ich doch gleich vier große und acht kleine mit ...“
„Das ist noch son Steinzeiteffekt, dass man besser trifft, wenn man einfach drauflos wirft, als wenn man zielt.“
„... sollte ich nicht noch Rosinenbrot mitnehmen? Da hole ich besser gleich mal zwei, dann brauche ich noch Brötchen, Erwin braucht ja auch noch drei.“
„J-ja. D-das hat mein Vater auch gesagt“, bestätigte Orka Jans Theorie. „Der war ja Sportschütze in der D-DDR. Der hat mit einer D-dragunov geschossen und war Bezirksmeister.“
„Mit einer Dragunov?“, fragte Jan ehrlich interessiert.
„J-ja. Er hat auch eine kleine K-k-kanone. Mit der schießt er immer zu Silvester. Dafür darf er im Jahr f-fünf Pf-pfund Schwarzpulver kaufen.“
„Das gibt es doch nicht“, zweifelte Hans.
„D-doch. Er zieht auch selber M-musketenläufe und sch-schießt damit. Er darf auch ein Pf-pfund Sprengstoff kaufen.“
„Das kann doch nicht sein“, Hans blickte kopfschüttelnd in die Runde, „was ist das denn für ein Land, in dem ein Privatmann Sprengstoff kaufen darf?“
„Det würd ick ooch ma jerne wissen, Hans“, sagte Wernher, während er die Reste seines Mahls verstaute, und ergänzte, „so – jetzt muss ick ma dahin, wo der Kaiser zu Fuß hinjeht.“ Er stand auf, quetschte sich an Jan vorbei durch die Tür und war kaum aus dem Bauwagen gestiegen, als er uns auch schon herausrief: „Mönsch, kommt ma raus, det jlaubta nich, da steht ’n Pferd vor’m Bagger!“
„Ein Pferd?“, fragte Sylvia und blickte mit mir aus dem Fenster des Bauwagens. Wernher hatte nicht gelogen, es stand tatsächlich ein Pony vor dem Bagger und war offenbar glücklich darüber, ein wenig Gesellschaft zu haben. Es blieb dem Pony allerdings nicht vorbehalten, unsere Pause zu beenden, denn kaum hatten wir das Tier gesehen, als auch schon der Wagen von Senff auf den Acker fuhr.
„Nee“, antwortete ich, „ich hab einfach ’ne natürliche Ekelgrenze.“
„Na, ich dachte nur, weil die meisten Archologen sind doch Vegetarier.“
„Sind sie?“
„Hast du schon mal mit Archologen gegrillt?“
„Natürlich.“
„Da war doch immer ein Vegetarier dabei, oder?“
„Jo“, musste ich einräumen, „ein oder zwei schon.“
„Siehste! Und ich hab mal mit einer archologischen Vegetarierin gearbeitet, die hat sich nur von Erdnussriegeln und Limo ernährt. Außer abends, da hat’se dann Pizza gegessen, Salat hat’se nich gemocht. Bis ich ihr mal erzählt hab, wo das Lab für den Käse herkommt, aus Kälbermägen nämlich!“ Die Mundwinkel in Jans Gesicht zogen sich fratzenartig nach oben. Er freute sich sichtlich: „Danach hat’se nur noch Pizza ohne Käse bestellt. Davon abgesehen is das sowieso total blödsinnig. Jeder isst Tiere.“
Ich setzte unwillkürlich ein verwundertes Gesicht auf: „Wieso?“
„Na, im Schlaf. Hast du mal überlegt, wie viele Spinnen du isst, wenn du mit offenem Mund schläfst?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Da gibt’s so wissenschaftliche Berechnungen. Das sind pro Woche wenigstens ein bis zwei Spinnen, die nachts von der Decke fallen und die du aus Versehen verschluckst. Ob du willst oder nicht.“
Sylvia unterbrach: „Hänschen, jetzt hör auf, an deinem Daumen zu knibbeln!“ Die Aufmerksamkeit war augenblicklich auf Hans gelenkt. Der hatte während unserer Unterhaltung ein kleines Taschenmesser aus seiner Hosentasche gezogen, es aufgeklappt und an seinem linken Daumennagel herumgepult, der schwarz und dick war, weil er sich einige Tage zuvor beim Schrauben den Daumen geklemmt hatte.
„Das ist doch nich steril. Das geht doch nicht, Hänschen. Was würde deine Mutti dazu sagen?“ Hänschen grummelte, schwieg ansonsten aber und kramte aus seiner Tasche ein Kabel, das er morgens von einem entsorgten Toaster abgeschnitten hatte, schnitt mit dem Messer die Isolierung ein und zog sie vom Kupfer.
Unvermittelt fragte er mich: „Du kennst Wieland noch von der Uni?“
Inzwischen war ich wieder weitgehend zu mir gekommen: „Ja.“
„Hm.“ Hans überlegte kurz, dann fragte er weiter: „War er da auch schon so ungeschickt?“
„Naja“, ich pustete einmal tonlos, „manchmal ’n bisschen nervig.“ Nach einer kleiner Pause ergänzte ich: „Also, er hat gerne mal die Leute in der Bibliothek zugeschwatzt und ihnen zu jedem erdenklichen Thema kurze Vorträge gehalten.“
Hans schaute verständnislos: „Tja, und hier hat er sich erst mal auf die Knochen blamiert.“
„Wieso?“
„Die erste Grabung, die er hier gemacht hat, war ’ne größere Flächengrabung. Da sollte er genau wie hier die Fläche in 10-Meter-Quadranten unterteilen und bearbeiten.“
„Ja. Und?“
„Rate mal, wie er versucht hat, ein Quadrat mit einer Seitenlänge von zehn Metern auszupflocken.“ Ich blickte verwirrt. „Er hat einen Pflock gesetzt, ist mit dem Maßband zehn Meter in eine Richtung gelaufen, hat da den zweiten Pflock gesetzt, ist Pi mal Daumen zehn Meter senkrecht dazu nach rechts gelaufen“, ich merkte, worauf Hans hinauswollte, „hat den nächsten Pflock gesetzt und wollte dann wieder senkrecht dazu beim ersten Pflock auskommen.“
„Der natürlich sonstwo stand“, lachte ich.
„Genau. Und Wieland hat einfach nicht begriffen, was er falsch gemacht hat.“ Er ahmte Wielands Stimme nach: „Das kommt einfach nicht aus, Hans! – Am Ende habe ich meine Schnur hier genommen“, Hans kramte ein Bündel Maurerschnur aus der Tasche, „und hab ihm die Pflöcke in Nullkommanix gesetzt. Und die stimmten.“
„Ich nehme an, die Schnur hat Knoten bei zehn Meter und bei vierzehn Komma, was sind das noch?“, überlegte ich, „eins ... vier ...“
„Genau, Pythagoras. So einfach ist das. Aber unser adeliger Archäologe ist zu doof dazu.“
„Grabungsleiter! Du wirst staunen“, sagte ich, „was ich da schon für Idioten erlebt habe. Ich war mal als Student auf ’ner Stadtgrabung, da hat der Chef Telekomleitungen gezeichnet und fotografiert. Von allen Seiten. Von oben, von links, von rechts und von unten. Es ist ja alles Befund, dozierte der ständig. Als das zuständige Amt merkte, dass er auch noch Plastikrohre ausführlich dokumentierte, war er die Grabung ganz schnell wieder los.“
„Telekomleitungen!“, lachte Hans, „Das ist gut. Wir hatten schon mal eine Archäologin, weißt du noch Sylvia? Die Klamm, die immer klamm war, die hat doch bei den kleinsten Pfostenlöchern noch Kreuzschnitte gemacht.“ Ich musste laut lachen.
Nach einer kleinen Pause kam Hans zurück zu Wieland: „Aber damals hat Wieland sich ja sowieso immer festgespielt.“
„Festgespielt?“
„Ja. Er macht alles selber, lässt keinen irgendwo ran, und vergisst jede Zeitplanung. Die Trasse hier und die Windkraftanlage sind die ersten größeren Projekte, die er seitdem macht. Zwischendurch hat er nur Voruntersuchungen für Radwege begutachten dürfen. Damit er sich da nicht festspielt.“ Hans freute sich: „Hehe, und er wusste nicht einmal genau, warum. Einmal hab ich ihn gefragt, Mensch Wieland, ist dir schon mal aufgefallen, dass du immer nur Radwege machen darfst? Da hat er wild genickt und zurückgefragt: Habt ihr das auch schon bemerkt?“
„Ja, du hast ihn immer geärgert, Hänschen“, unterbrach Sylvia, „auch mit deinen Wetten.“
„Mit was für Wetten?“, zwischenfragte ich.
„Ha! Das war immer lustig“, amüsierte er sich, drehte sich zu Sylvia und ermahnte sie, „außerdem hast du auch immer von dem Kuchen gegessen!“, dann wandte er sich wieder mir zu, „na, wenn wir einen Befund hatten, irgendein Steinpflaster oder so, denn hab ich mit Wieland immer gewettet. Da ist noch ’ne Urne drunter, hab ich dann gesagt. Und Wieland hat gesagt, nee, da kommt bestimmt nüscht mehr. Denn hab ich gesagt, um was wettest du? Wenn ich recht habe, backst du dem ganzen Grabungsteam einen Kuchen, hab ich gesagt. Na, und er hat eingeschlagen.“ Seine Mundwinkel wuchsen in neue Höhen. „’türlich hat er verloren. Aber er kann selber nicht backen, also musste seine Frau Britta einen Kuchen backen. Und er wollte natürlich schlau sein. Bei einem Wasserloch hab ich gesagt, da kommt noch ein Brunnen. Wieland sagte: Nein, da kommt nüscht mehr. Was wettest du, wieder einen Kuchen?“ Er malte mit den Händen einen Kuchen in die Luft. „Und er war sich so sicher. Hähä. Als der Bagger einmal reingriff, waren wir mitten im Brunnen, ’n schöner Kastenbrunnen. Und Wieland jammerte“, er drehte sich wieder Sylvia zu, die ein Schmunzeln nicht unterdrücken konnte, außerdem hob sich seine Stimme und singsangte, „Wie soll ich Britta das beibringen, dass sie am Wochenende schon wieder einen Kuchen backen muss?“ Hans lachte laut, der Bauwagen stimmte mit ein.
„Habt ihr den Brunnen denn noch graben können? War doch bestimmt ’ne gute Plackerei, wenn der noch unter Wasser stand?“
„Das kannst du laut sagen. Da brach ständig was ein, aber es hat sich auch gelohnt. Da haben wir ein paar schöne Holzfunde rausgeholt.“
„Mit den Einbrüchen muss man echt aufpassen. Ich hab mal ’ne Grabung erlebt, auf der der Grabungsleiter noch seine besten Freunde in drei Meter tiefe Schnitte geschickt hat, die offensichtlich einsturzgefährdet waren, weil er keine Spundwände gesetzt hatte.“ Ich setzte mein wichtigstes Gesicht auf, um die Bedrohung zu unterstreichen. „Es hatte vorher wochenlang nicht geregnet und plötzlich schüttete es in ein paar Stunden knapp siebzig Liter pro Quadratmeter. Als wir am nächsten Tag wieder zur Grabung kamen, sind um uns herum die Bäume umgefallen, weil der Boden das Wasser gar nicht aufnehmen konnte.“ Ich stützte beide Ellbogen auf den Tisch und imitierte mit den Unterarmen umfallende Bäume.
Jetzt schaltete Wernher sich ein: „Manche Leute kennen eben jar nüscht. Die sind als Archologe un ooch als Scheff unter aller Kanone.“ Er blickte zu Sylvia und Hans: „Ihr zwee kennt doch ooch den Fritz, der hat doch immer zusamm mit dem Carlo jearbeit’.“
„Der Carlo, der son bisschen zurückgeblieben ist?“, fragte Hans.
„Ja, jenau den meen ick. Der hat den Carlo der-ma-ßen aus-je-nutzt“, er dehnte die Silben und tippte im Rhythmus dazu auf den Tisch, „det jlobt man nich. Einmal ha’ck jesehn, det der Fritz sich vor den Carlo jestellt hat, als der jrad ’n Befund bearbeit’ hat“, Wernher streute zwischen die einzelnen Worte mehr und mehr Pausen, die immer länger wurden, „sich .. vorbeucht .. und ... dem ... Carlo .... mitten .... int ..... Jesicht ..... forzt.“ Jetzt schüttelte er den Kopf. Wir anderen stimmten in diese Geste mit ein – bis auf Orka, die mit ihren letzten Tollatschen beschäftigt war.
„Das kann man sich gar nicht vorstellen“, erwiderte Sylvia entsetzt und hielt sich die Hand vor den Mund.
„Det war aber so, so wahr ick hier sitz“, schwor Wernher mit erhobener Hand.
Hans holte zum letzten Schlag gegen Fritz aus: „Soll der Fritz nich neulich in der Stadt im Mini und mit so Schminke im Gesicht rumgelaufen sein?“
„Stimmt“, erinnerte Sylvia sich, „das hab ich auch gehört.“
„Mit Schminke?“, fragte Wernher, Hans und Sylvia nickten. „Im Minirock?“ Sylvia und Hans bestätigten auch das. „Aber der wiecht doch bestimmt seine ... nu ja ... hundertzehn Kilo ... und is kleena als wie unsa Jan hier.“
Alle blickten zu Jan, der inzwischen eine Tafel Schokolade mit 60% Kakao aus seiner Tasche gekramt hatte, und sie nun auf den Tisch schlug als Zeichen dafür, dass der Nachtisch begonnen hatte. Die rohe Gewalt, die er dabei wirken ließ, atomisierte die gute Tafel leider zugleich.
Wernher kramte jetzt einen Apfel hervor, Sylvia wühlte zwei Plastiktöpfchen mit Pudding aus der Tasche und stellte einen Becher vor Hans, der sich bedankte. Orka entnahm ihrem Fresssack einen Halbliter-Topf vollgezuckerten Joghurt und riss mit einer fließenden Bewegung den jungfräulichen Deckel von der Öffnung. Ihr dicken Finger schlängelten sich um den Deckel und führten ihn an den Puttenmund, aus dem ein warziges und langgeschquetscht fleischiges Etwas entfuhr, das das Aluminium geräuschvoll abraspelte. Danach griff dieser weibliche Gargantua einen Esslöffel und vergewaltigte damit das Plastikfass, als wäre der Becher eine Glocke und der Löffel ein Klöppel, mit dem sie als Glöckner das baldige Ende der Welt anzuschlagen versuchte. Der zugehörige Blick wirkte dabei so konzentriert, wie das Gesicht eines siebzigjährigen Einsiedlers, der im vierzigsten Jahr über die Weltformel brütet.
Das Geklöppel Orkas klang noch nach, als der gemütliche, leider zu kurze Teil der Pause begann. Sylvia kramte eine Ostillustrierte hervor und schlug sie auf, Hans knispelte weiter an seinem Kabel.
„Schau mal Hänschen“, wies sie auf eine Anzeige, „Fuchs und Elster“, und blätterte weiter. Wernher verschränkte derweil die Arme vor seinem Bäuchlein, schloss die Augen und entspannte sich tief.
„Naschkatze. Hmm. Vanillesoße. Die ist lecker“, kommentierte sie die nächste Anzeige und klappte die Seite um. Jan legte seine Arme parallel auf den Tisch und bettete seinen Kopf darauf.
„Mensch“, murmelte die Zeichnerin erschreckt, „ich muss ja noch einkaufen!“
„Ich brauch für heute Abend auch noch was“, meinte Hans.
Sylvia pflückte inzwischen ein Blatt vom Fundzettelblock, der stets auf dem Tisch lag und missbrauchte die leere Rückseite als Einkaufsliste: „Was brauch ich denn?“
„Is heut nich Dienstag?“, fragte Hans in den Raum. Ich nickte. „Da steht doch der Vietnamese immer vor’m Supermarkt, ich glaub, da hol ich mir heute einen Broiler, da hab ich richtig Hunger drauf. Meine Mutter isst ja so gerne Broiler, die freut sich bestimmt. Und ich mich erst.“ Hans freute sich jetzt schon sichtlich.
Jan erwachte wieder, stand auf und fragte den quasi-schlafenden Wernher, während er nach dessen Apfelkitsche griff: „Darf ich?“
Sylvia dachte im Gegensatz zu Hans über den Abend hinaus: „Hm, erst mal brauch ich noch Äpfel, vier Äpfel, Elstar vielleicht, Erwin wollte außerdem noch, dass ich ihm TV Guck mitbringe ...“
„Natüürch“, erwiderte der noch schläfrig blickende Wernher, „natüürch darfste den entsorjen.“ Jan schritt mit dem Apfelrest zur Tür, öffnete sie und warf den Apfel auf ein Ziel außerhalb des Bauwagens, das wir nicht sehen konnten.
„... da kann ich auch gleich die neue SuperIllu einpacken ...“
„Zwar nicht getroffen, aber die Richtung stimmt!“, rief Jan erfreut und erwartete anscheinend eine Bestätigung von uns, die wir doch alle sein Ziel nicht sehen konnten.
„... für den Milchreis brauche ich noch Milch, einen, nein besser gleich zwei Liter, für die Haferflocken brauchen wir ja noch mehr ...“
„Wisst ihr, das kommt vom instinktiven Bogenschießen.“
„... ich glaub fast, Wurst-Käse ist auch alle ...“
„Instinktiv?“, fragte Marion, ich schwieg, um mir die Fotos nicht noch einmal ansehen zu müssen.
„... da hole ich gleich noch ein bisschen Mortadella ...“
„Ja, instinktiv. So trifft man am besten.“
„... Margarine ist auch schon fast alle, was ist mit Papiertempo?“
„Ich hab mal als Kind dem Hausmeister einen Schneeball ins Gesicht geworfen ...“
„... die brauchen wir doch bestimmt auch schon wieder, der schnieft vielleicht im Moment, das glaubt man nicht ...“
„... der kam gerade um die Ecke, das konnte ich nicht wissen, aber trotzdem hab ich ihn mitten ins Gesicht getroffen.“
„... für Toni brauche ich noch Fleisch, war nicht Nero im Angebot? Da nehme ich doch gleich vier große und acht kleine mit ...“
„Das ist noch son Steinzeiteffekt, dass man besser trifft, wenn man einfach drauflos wirft, als wenn man zielt.“
„... sollte ich nicht noch Rosinenbrot mitnehmen? Da hole ich besser gleich mal zwei, dann brauche ich noch Brötchen, Erwin braucht ja auch noch drei.“
„J-ja. D-das hat mein Vater auch gesagt“, bestätigte Orka Jans Theorie. „Der war ja Sportschütze in der D-DDR. Der hat mit einer D-dragunov geschossen und war Bezirksmeister.“
„Mit einer Dragunov?“, fragte Jan ehrlich interessiert.
„J-ja. Er hat auch eine kleine K-k-kanone. Mit der schießt er immer zu Silvester. Dafür darf er im Jahr f-fünf Pf-pfund Schwarzpulver kaufen.“
„Das gibt es doch nicht“, zweifelte Hans.
„D-doch. Er zieht auch selber M-musketenläufe und sch-schießt damit. Er darf auch ein Pf-pfund Sprengstoff kaufen.“
„Das kann doch nicht sein“, Hans blickte kopfschüttelnd in die Runde, „was ist das denn für ein Land, in dem ein Privatmann Sprengstoff kaufen darf?“
„Det würd ick ooch ma jerne wissen, Hans“, sagte Wernher, während er die Reste seines Mahls verstaute, und ergänzte, „so – jetzt muss ick ma dahin, wo der Kaiser zu Fuß hinjeht.“ Er stand auf, quetschte sich an Jan vorbei durch die Tür und war kaum aus dem Bauwagen gestiegen, als er uns auch schon herausrief: „Mönsch, kommt ma raus, det jlaubta nich, da steht ’n Pferd vor’m Bagger!“
„Ein Pferd?“, fragte Sylvia und blickte mit mir aus dem Fenster des Bauwagens. Wernher hatte nicht gelogen, es stand tatsächlich ein Pony vor dem Bagger und war offenbar glücklich darüber, ein wenig Gesellschaft zu haben. Es blieb dem Pony allerdings nicht vorbehalten, unsere Pause zu beenden, denn kaum hatten wir das Tier gesehen, als auch schon der Wagen von Senff auf den Acker fuhr.
Dienstag, 27. Januar 2009
Kapitel 7.2
Bei den meisten Mittagspausen teilte sich das Team schlicht in Raucher und Nichtraucher, denn so konnten die Raucher der jedem Nichtraucher völlig unverständlich bleibenden Gewohnheit frönen, noch während des Essens zu quarzen.
Sylvia, Marion, Wernher und Hans, der das Rauchen erst kurz zuvor aufgegeben hatte, saßen üblicherweise dicht gedrängt mit mir im qualmfreien Chefwagen. Zumindest die erste Zeit gesellte sich auch der bindehautempfindliche Jan zu uns. Als er später mitbekam, dass die Raucher nach dem Essen Karten spielten, trollte er sich ab und zu in den Raucherwagen zu Dieter, Stefan und Jonas. Dazu verabschiedete er sich gewöhnlich von uns mit einem „Ich geh dann mal zu den Jungs.“ Seine Augen konnten von der vollgequarzten Luft einfach nicht so rot werden, dass er die Spiellust verlor. Sein Ego war in dieser Hinsicht das größere Problem, wie ich später noch erfahren sollte.
Oft schrieb ich noch an den Beschreibungen irgendwelcher Befunde, wenn die fünf Nichtraucher zu mir in den Bauwagen kamen. Aus mir unbekannten Gründen setzte sich Marion meist neben mich und zeigte dabei eine ähnliche Stürmermentalität, wie ich sie bereits bei ihrer Vorstellung am ersten Tag an ihr beobachtet hatte. Jetzt gab es mit dem Futter aber immerhin einen Grund. Sie keilte mich in eine Ecke ein, aus der es kein Entrinnen gab, und beließ mir die appetitliche Möglichkeit, täglich zwei neue Eiterpusteln in ihrem angestrengt blickenden Gesicht entdecken zu können.
Bevor nun das große Fressen begann, kramten alle irgendwelche Taschen, Töpfchen und Dosen mit belegten Broten, Würste, Obst, Gemüse und Joghurts hervor, mit denen sie eifrig Zeugnis von der Konfession ihrer Bäuche ablegten.
Eines besonders schlimmen Tages angelte Wernher eine Banane hervor, die nicht mehr braun gefleckt, sondern schwarz und außen bereits matschig war. Jan, der schon Gänsehaut und Ausschlag bekam, wenn jemand eingelegte Tomaten aß, bekotzte sich fast.
„Die willst du doch wohl nicht mehr essen, oder?“
„Aber natürlich will ick det. Wat denkst’n du? Außerdem schmeckt ’ne Tropenwurst nur so richtich jut.“
Jan streckte angewidert die kurze Zunge raus, Wernher setzte ein feistes Katerlächeln auf und drehte sich strahlend zu Hans, „Wa, Hans? Du weeßt det ooch, du hast doch selber Bananen jefahrn, Towarisch, früher, zu Ostzeiten.“
Hans riss mit seinen Zähnen angestrengt Stücke aus einem lappigen Brötchen, in das er ein polnisches Würstchen gequetscht hatte, und nickte.
„Du hast Bananen gefahren?“, fragte ich kauend.
„Ja! Das war ganz toll“, begeisterte Hans sich schmatzend, „Die Funktionäre sind nämlich davon ausgegangen, dass wir Spediteure von solchen Fuhren was mitgehen lassen würden, deshalb haben wir von vornherein gleich eine Kiste mitbekommen. Meine Mutter und ich haben jedenfalls immer Bananen zu stehen gehabt. Immer.“
„Das stimmt, Hänschen“, bestätigte Sylvia und löffelte in ihrem Joghurt.
„Es war sowieso nich alles so schlecht, wie sie heute schreien. Weißt du“, erklärte er mir, „unser Klopapier war so gut, dass ich mein letztes DDR-Geld nicht umgetauscht habe, sondern drei Paletten Klopapier gekauft habe.“
„Drei Paletten?“, fragte ich und Jan hakte nach: „Mensch Hans, du hast wohl noch kein gutes dreilagiges Papier benutzt, was?“
Hans schüttelte den Kopf „Das brauch ich auch nicht, ich weiß, was gut ist.“
„Na, quod erum demonstrandum“, mit einem besonders schnippischen Ton versuchte Jan vergeblich mit seinem sehr kleinen Latinum anzugeben.
Jetzt legte Hans sein Wurstbrot ab, seine Mundwinkel fielen nach unten: „Weißt du, Jan, heute geht’s so vielen so beschissen hier im Osten, und keiner beschwert sich. Und früher haben’se sich beschwert, weil die Kartoffeln zu klein waren. Die Kartoffeln!“ Er zeigte mit Zeigefinger und Daumen, wie klein die Kartoffeln gewesen sein sollen und schüttelte den Kopf, „und das wird uns noch viel schlechter gehen! Wart ma ab!“
Wernher stimmte mit ein: „Da haste recht, Hans, weeßte, ick war ja Fahrlehrer, und mir jing det immer jut. Ick hatt ja zwee Trabis, een Wartburg und stand schon uff die Liste für den nächstn. Den hättick letztet Jahr kriejn solln.“
„Als 78/79 der harte Winter war, da haben’se sich beschwert, dass die Sahne nicht pünktlich geliefert wurde. Dabei sind nicht mal die Panzer von der NVA im Schnee durchgekommen. Wofür sind’se jetz auf die Straße gegangen? Nur für die D-Mark, für sonst nüscht.“ Er drehte sich zu Sylvia: „Was hamse mich beschimpft, damals, ham geschrien, du willst uns doch bloß die schöne Demaak kaputtmachn!“ Dann galt seine Rede wieder allen: „Und heute? Da kriegen’se das Maul nich auf. Diese ganzen Bündnisneunzich-Idioten waren doch früher schon alles Querköppe, die immer nur Stunk gemacht haben. Die hätten lieber zu euch rübermachen sollen, denn wär’n wa se losgeworden.“
„Komm Hans, beruhig dich mal“, beschwichtigte Sylvia den sich langsam in Rage redenden Hans, „trink erst ma ’n Schluck Limmo. Du trinkst viel zu wenig.“
„Ich brauch auch nich mehr, Sylvia!“
„Stimmt, Hans, das hatte ich dich schon fragen wollen“, unterbrach ich, „trinkst du wirklich immer nur diesen einen Schluck Limo hier in der Mittagspause?“
„Morgens trink ich noch ’ne Tasse Kaffee und abends noch ’n Glas Limo, aber so lange das so frisch draußen bleibt, reicht mir das.“
Sylvia lachte: „Wenn die Sonne erst mal scheint, denn trinkt das Hänschen auch mal so eine ganze Nullkommafümf-Liter-Flasche Polen-Cola am Tag.“
„Ist das nicht ein bisschen wenig?“
„Nee, das reicht mir. Hauptsache, ich hab meine Wurst.“
„Du isst gerne Fleisch, nicht wahr?“, fragte ich.
„Ja!“ Hans’ Augen wurden groß und sein Kopf nickte nachdrücklich.
„Dann sollteste mal zum Jugoslawen gehen. Da gibt’s immer ordentliche Fleischberge. Oder probier mal Ćevapčići. Die müssten dir schmecken.“
„Du solltest aber auch wirklich mal ’n bisschen Salat essen, Hänschen“, ermahnte Sylvia.
„Du weißt doch, dass ich davon Magengrimmen kriege“, er rieb sich den Bauch, um zu erklären, wo der Salat beißt, „son Grünfutter vertrag ich einfach nicht. Denn lieber son Stück Käse wie Marion hier.“
Marion futterte nämlich derweil für sich hin. Sie hatte sich als Vorspeise wie an den meisten Tagen mehrere armdick geschnittene Käsebalken mitgebracht, die wie von einer Plât de Gouda für Riesen wirkten. Bevor sie die barrenförmigen Milchprodukte mit hapsenden Geräuschen versaugschluckte, bedurfte es jedoch eines Schmiermittels, daher schmückte sie jeden einzelnen Käsebalken mit dem Inhalt je eines Pakets Sour Cream.
„Ich hab letztes Jahr in meiner Wohnung selber Käse gemacht“, verkündete Jan stolz. „Zwanzig Liter Rohmilch hab ich gebraucht, und es ist trotzdem nur ein kleiner Käselaib herausgekommen.“
„Hast du denn eine Form gehabt, um den Bruch zu pressen?“, erkundigte ich mich.
„Dafür hab ich einfach ’n PVC-Rohr genommen. Son Stück wie für ’n Regenrohr. Das war eine Sauerei, kann ich euch sagen! Unsere ganze Küche hat sich in eine Tropfsteinhöhle verwandelt. Überall lief die Suppe von den Wänden. Meine Frau fand das gar nicht lustig, schließlich ist sogar ein Monitor kaputt gegangen“, freute sich der untersetzte Arbeiter.
Wernher aß nun eine Tomate und wechselte das Thema: „Sach ma, Hans, wennde Bananentransporter jefahrn biss, haste den Führerschein eijentlich bei de N-V-A jemacht?“
„Ja natürlich, ich habe einen Raketentransporter gefahren.“
„Möönsch, det is ja nich waah!“ Wernher strahlte und tippte sich stolz auf die Brust: „Ick doch ooch! Sach ma, wo warste denn jewesen?“
„Och, hier und da, aber einmal, da sind wir zum Manöver nach Kasachstan gefahren.“
„Jo, nee, da bin ick nich hinjekommen. Aba ick bin mit Parade jefahn.“ Seine Stimme hob sich: „Vor die janz jroßen Herrn in Balin.“ Die Silben des letzten Satzes unterstrich er mit einem kräftigen Kopfnicken. „Weeßte, immer mit Klebestreifen an den Fenstern, damit wir die Transporter parallel halten und auch jaaa nich zu schnell fahn.“
Bis zu diesem Zeitpunkt war die Pause im normalen Rahmen verlaufen. Plötzlich aber entpackte die heute über alle Maßnahmen erstaunlich schweigsame Marion neben mir aus ihrer Tasche einen klumpenförmigen, noch in Butterbrotpapier verpackten Haufen. Irgendwie erwartete ich bereits Furchtbares, konnte jedoch nicht ahnen, mit welchem Horror ich konfrontiert werden sollte. Der für ihren beständigen Hunger zu kleine Mund verzog sich zu dem hässlichen Grinsen eines bösartigen Clowns, ihr Kopf kippte leicht nach rechts, als sie die Ecken vom Papier mit ihren sich windenden Wurstfingern auseinanderklappte, und sich mir ein widerlich stinkendes Bild bot.
„Sind das nicht ... Tollatschen?“, fragte Sylvia.
„Potlatsch?“, fragte Jan erfreut zwischen. „Gibt’s Geschenke? ’n Potlatsch is doch ’n indianisches Fest, bei dem’s Geschenke gibt.“
Sylvia blickte etwas verdutzt: „Nein, Tollatschen.“
„Ge-enau!“, bestätigte Marion stolz. „Meine Oma aus P-pommern war nämlich gerade zu Besuch. D-daa hat sie uns gleich ganz viele pommersche Tollatschen frisch gemacht. Oh, ich l-l-liebe Tollatschen!“, holperte sie und steckte sich die ersten drei in den Mund, verschluckte sie im Gegensatz zu den Käsebalken jedoch nicht sofort, sondern zerbiss die blutigen Buletten mit sichtlichem Genuss. „Umpf vir ham ein riesengück gehabt, wei ummwa nachbaa krade schwei schweine geschachtet hat – der wuffte gar nich wohimm mip pem viehen buud.“
Ich bekam nicht nur große Augen, die sich mehr und mehr verdrehten, sondern muss auch leicht grün angelaufen sein. Sylvia fragte mich, ob ich Tollatschen kenne. Ich verneinte. Ich hatte zwar von meinen Großeltern das eine oder andere seltsame Gericht kennen gelernt, war auf Island so mutig gewesen, Hárkarl, und selbstgemachtes Hangikjöt zu verkosten, aber diese Tollatschen waren mir eindeutig zu viel. Als Sylvia mir dann auch noch erklärte, welche anderen Zutaten zu dem „geschmacklichen“ Grundbestandteil Blut gepanscht wurden, um dieses Etwas zu kreieren, war mir jeder Appetit endgültig vergangen. Ich versuchte an etwas Geschmackvolles zu denken, frittierte Maden, überbackene Rattenschwänze, irgendwas.
Richtig schlecht wurde mir jedoch erst, als Orka, wie auch ich sie seitdem nannte, während des Verschlingens der Blutklopse auch noch damit begann, intensiv vergoren stinkendes Blut auszurülpsen. Nun nutzte mir auch der Vorteil des Fensterplatzes nur wenig, ich kam einfach nicht aus der Bank, bevor die Pause zu Ende war. Vor meinem inneren Auge entstand die halluzinierte Horrorvision einer fetten Fernsehköchin, die live einen Berg Tollatschen zubereitet.
Sylvia, Marion, Wernher und Hans, der das Rauchen erst kurz zuvor aufgegeben hatte, saßen üblicherweise dicht gedrängt mit mir im qualmfreien Chefwagen. Zumindest die erste Zeit gesellte sich auch der bindehautempfindliche Jan zu uns. Als er später mitbekam, dass die Raucher nach dem Essen Karten spielten, trollte er sich ab und zu in den Raucherwagen zu Dieter, Stefan und Jonas. Dazu verabschiedete er sich gewöhnlich von uns mit einem „Ich geh dann mal zu den Jungs.“ Seine Augen konnten von der vollgequarzten Luft einfach nicht so rot werden, dass er die Spiellust verlor. Sein Ego war in dieser Hinsicht das größere Problem, wie ich später noch erfahren sollte.
Oft schrieb ich noch an den Beschreibungen irgendwelcher Befunde, wenn die fünf Nichtraucher zu mir in den Bauwagen kamen. Aus mir unbekannten Gründen setzte sich Marion meist neben mich und zeigte dabei eine ähnliche Stürmermentalität, wie ich sie bereits bei ihrer Vorstellung am ersten Tag an ihr beobachtet hatte. Jetzt gab es mit dem Futter aber immerhin einen Grund. Sie keilte mich in eine Ecke ein, aus der es kein Entrinnen gab, und beließ mir die appetitliche Möglichkeit, täglich zwei neue Eiterpusteln in ihrem angestrengt blickenden Gesicht entdecken zu können.
Bevor nun das große Fressen begann, kramten alle irgendwelche Taschen, Töpfchen und Dosen mit belegten Broten, Würste, Obst, Gemüse und Joghurts hervor, mit denen sie eifrig Zeugnis von der Konfession ihrer Bäuche ablegten.
Eines besonders schlimmen Tages angelte Wernher eine Banane hervor, die nicht mehr braun gefleckt, sondern schwarz und außen bereits matschig war. Jan, der schon Gänsehaut und Ausschlag bekam, wenn jemand eingelegte Tomaten aß, bekotzte sich fast.
„Die willst du doch wohl nicht mehr essen, oder?“
„Aber natürlich will ick det. Wat denkst’n du? Außerdem schmeckt ’ne Tropenwurst nur so richtich jut.“
Jan streckte angewidert die kurze Zunge raus, Wernher setzte ein feistes Katerlächeln auf und drehte sich strahlend zu Hans, „Wa, Hans? Du weeßt det ooch, du hast doch selber Bananen jefahrn, Towarisch, früher, zu Ostzeiten.“
Hans riss mit seinen Zähnen angestrengt Stücke aus einem lappigen Brötchen, in das er ein polnisches Würstchen gequetscht hatte, und nickte.
„Du hast Bananen gefahren?“, fragte ich kauend.
„Ja! Das war ganz toll“, begeisterte Hans sich schmatzend, „Die Funktionäre sind nämlich davon ausgegangen, dass wir Spediteure von solchen Fuhren was mitgehen lassen würden, deshalb haben wir von vornherein gleich eine Kiste mitbekommen. Meine Mutter und ich haben jedenfalls immer Bananen zu stehen gehabt. Immer.“
„Das stimmt, Hänschen“, bestätigte Sylvia und löffelte in ihrem Joghurt.
„Es war sowieso nich alles so schlecht, wie sie heute schreien. Weißt du“, erklärte er mir, „unser Klopapier war so gut, dass ich mein letztes DDR-Geld nicht umgetauscht habe, sondern drei Paletten Klopapier gekauft habe.“
„Drei Paletten?“, fragte ich und Jan hakte nach: „Mensch Hans, du hast wohl noch kein gutes dreilagiges Papier benutzt, was?“
Hans schüttelte den Kopf „Das brauch ich auch nicht, ich weiß, was gut ist.“
„Na, quod erum demonstrandum“, mit einem besonders schnippischen Ton versuchte Jan vergeblich mit seinem sehr kleinen Latinum anzugeben.
Jetzt legte Hans sein Wurstbrot ab, seine Mundwinkel fielen nach unten: „Weißt du, Jan, heute geht’s so vielen so beschissen hier im Osten, und keiner beschwert sich. Und früher haben’se sich beschwert, weil die Kartoffeln zu klein waren. Die Kartoffeln!“ Er zeigte mit Zeigefinger und Daumen, wie klein die Kartoffeln gewesen sein sollen und schüttelte den Kopf, „und das wird uns noch viel schlechter gehen! Wart ma ab!“
Wernher stimmte mit ein: „Da haste recht, Hans, weeßte, ick war ja Fahrlehrer, und mir jing det immer jut. Ick hatt ja zwee Trabis, een Wartburg und stand schon uff die Liste für den nächstn. Den hättick letztet Jahr kriejn solln.“
„Als 78/79 der harte Winter war, da haben’se sich beschwert, dass die Sahne nicht pünktlich geliefert wurde. Dabei sind nicht mal die Panzer von der NVA im Schnee durchgekommen. Wofür sind’se jetz auf die Straße gegangen? Nur für die D-Mark, für sonst nüscht.“ Er drehte sich zu Sylvia: „Was hamse mich beschimpft, damals, ham geschrien, du willst uns doch bloß die schöne Demaak kaputtmachn!“ Dann galt seine Rede wieder allen: „Und heute? Da kriegen’se das Maul nich auf. Diese ganzen Bündnisneunzich-Idioten waren doch früher schon alles Querköppe, die immer nur Stunk gemacht haben. Die hätten lieber zu euch rübermachen sollen, denn wär’n wa se losgeworden.“
„Komm Hans, beruhig dich mal“, beschwichtigte Sylvia den sich langsam in Rage redenden Hans, „trink erst ma ’n Schluck Limmo. Du trinkst viel zu wenig.“
„Ich brauch auch nich mehr, Sylvia!“
„Stimmt, Hans, das hatte ich dich schon fragen wollen“, unterbrach ich, „trinkst du wirklich immer nur diesen einen Schluck Limo hier in der Mittagspause?“
„Morgens trink ich noch ’ne Tasse Kaffee und abends noch ’n Glas Limo, aber so lange das so frisch draußen bleibt, reicht mir das.“
Sylvia lachte: „Wenn die Sonne erst mal scheint, denn trinkt das Hänschen auch mal so eine ganze Nullkommafümf-Liter-Flasche Polen-Cola am Tag.“
„Ist das nicht ein bisschen wenig?“
„Nee, das reicht mir. Hauptsache, ich hab meine Wurst.“
„Du isst gerne Fleisch, nicht wahr?“, fragte ich.
„Ja!“ Hans’ Augen wurden groß und sein Kopf nickte nachdrücklich.
„Dann sollteste mal zum Jugoslawen gehen. Da gibt’s immer ordentliche Fleischberge. Oder probier mal Ćevapčići. Die müssten dir schmecken.“
„Du solltest aber auch wirklich mal ’n bisschen Salat essen, Hänschen“, ermahnte Sylvia.
„Du weißt doch, dass ich davon Magengrimmen kriege“, er rieb sich den Bauch, um zu erklären, wo der Salat beißt, „son Grünfutter vertrag ich einfach nicht. Denn lieber son Stück Käse wie Marion hier.“
Marion futterte nämlich derweil für sich hin. Sie hatte sich als Vorspeise wie an den meisten Tagen mehrere armdick geschnittene Käsebalken mitgebracht, die wie von einer Plât de Gouda für Riesen wirkten. Bevor sie die barrenförmigen Milchprodukte mit hapsenden Geräuschen versaugschluckte, bedurfte es jedoch eines Schmiermittels, daher schmückte sie jeden einzelnen Käsebalken mit dem Inhalt je eines Pakets Sour Cream.
„Ich hab letztes Jahr in meiner Wohnung selber Käse gemacht“, verkündete Jan stolz. „Zwanzig Liter Rohmilch hab ich gebraucht, und es ist trotzdem nur ein kleiner Käselaib herausgekommen.“
„Hast du denn eine Form gehabt, um den Bruch zu pressen?“, erkundigte ich mich.
„Dafür hab ich einfach ’n PVC-Rohr genommen. Son Stück wie für ’n Regenrohr. Das war eine Sauerei, kann ich euch sagen! Unsere ganze Küche hat sich in eine Tropfsteinhöhle verwandelt. Überall lief die Suppe von den Wänden. Meine Frau fand das gar nicht lustig, schließlich ist sogar ein Monitor kaputt gegangen“, freute sich der untersetzte Arbeiter.
Wernher aß nun eine Tomate und wechselte das Thema: „Sach ma, Hans, wennde Bananentransporter jefahrn biss, haste den Führerschein eijentlich bei de N-V-A jemacht?“
„Ja natürlich, ich habe einen Raketentransporter gefahren.“
„Möönsch, det is ja nich waah!“ Wernher strahlte und tippte sich stolz auf die Brust: „Ick doch ooch! Sach ma, wo warste denn jewesen?“
„Och, hier und da, aber einmal, da sind wir zum Manöver nach Kasachstan gefahren.“
„Jo, nee, da bin ick nich hinjekommen. Aba ick bin mit Parade jefahn.“ Seine Stimme hob sich: „Vor die janz jroßen Herrn in Balin.“ Die Silben des letzten Satzes unterstrich er mit einem kräftigen Kopfnicken. „Weeßte, immer mit Klebestreifen an den Fenstern, damit wir die Transporter parallel halten und auch jaaa nich zu schnell fahn.“
Bis zu diesem Zeitpunkt war die Pause im normalen Rahmen verlaufen. Plötzlich aber entpackte die heute über alle Maßnahmen erstaunlich schweigsame Marion neben mir aus ihrer Tasche einen klumpenförmigen, noch in Butterbrotpapier verpackten Haufen. Irgendwie erwartete ich bereits Furchtbares, konnte jedoch nicht ahnen, mit welchem Horror ich konfrontiert werden sollte. Der für ihren beständigen Hunger zu kleine Mund verzog sich zu dem hässlichen Grinsen eines bösartigen Clowns, ihr Kopf kippte leicht nach rechts, als sie die Ecken vom Papier mit ihren sich windenden Wurstfingern auseinanderklappte, und sich mir ein widerlich stinkendes Bild bot.
„Sind das nicht ... Tollatschen?“, fragte Sylvia.
„Potlatsch?“, fragte Jan erfreut zwischen. „Gibt’s Geschenke? ’n Potlatsch is doch ’n indianisches Fest, bei dem’s Geschenke gibt.“
Sylvia blickte etwas verdutzt: „Nein, Tollatschen.“
„Ge-enau!“, bestätigte Marion stolz. „Meine Oma aus P-pommern war nämlich gerade zu Besuch. D-daa hat sie uns gleich ganz viele pommersche Tollatschen frisch gemacht. Oh, ich l-l-liebe Tollatschen!“, holperte sie und steckte sich die ersten drei in den Mund, verschluckte sie im Gegensatz zu den Käsebalken jedoch nicht sofort, sondern zerbiss die blutigen Buletten mit sichtlichem Genuss. „Umpf vir ham ein riesengück gehabt, wei ummwa nachbaa krade schwei schweine geschachtet hat – der wuffte gar nich wohimm mip pem viehen buud.“
Ich bekam nicht nur große Augen, die sich mehr und mehr verdrehten, sondern muss auch leicht grün angelaufen sein. Sylvia fragte mich, ob ich Tollatschen kenne. Ich verneinte. Ich hatte zwar von meinen Großeltern das eine oder andere seltsame Gericht kennen gelernt, war auf Island so mutig gewesen, Hárkarl, und selbstgemachtes Hangikjöt zu verkosten, aber diese Tollatschen waren mir eindeutig zu viel. Als Sylvia mir dann auch noch erklärte, welche anderen Zutaten zu dem „geschmacklichen“ Grundbestandteil Blut gepanscht wurden, um dieses Etwas zu kreieren, war mir jeder Appetit endgültig vergangen. Ich versuchte an etwas Geschmackvolles zu denken, frittierte Maden, überbackene Rattenschwänze, irgendwas.
Richtig schlecht wurde mir jedoch erst, als Orka, wie auch ich sie seitdem nannte, während des Verschlingens der Blutklopse auch noch damit begann, intensiv vergoren stinkendes Blut auszurülpsen. Nun nutzte mir auch der Vorteil des Fensterplatzes nur wenig, ich kam einfach nicht aus der Bank, bevor die Pause zu Ende war. Vor meinem inneren Auge entstand die halluzinierte Horrorvision einer fetten Fernsehköchin, die live einen Berg Tollatschen zubereitet.
Sonntag, 25. Januar 2009
Kapitel 6.3
Marion hatte sich bei Senff und auch bei uns am ersten Arbeitstag ausdrücklich damit gebrüstet, eine erfahrene Zeichnerin zu sein. Sylvia, deren Befähigung ich in dieser Hinsicht immerhin bereits von dritter Seite kannte, hatte ich direkt zu den Zeichnungen des Planums und der Erstellung der arbeitstechnisch damit verbundenen Übersichtsplänen abkommandiert. Marion sollte daher die Zeichnung der Befundprofile übernehmen. Dabei handelt es sich nicht um eine übermäßig anstrengende oder gar komplizierte Arbeit, die dem Zeichner besondere intellektuelle Fähigkeiten abnötigt. Eigentlich ist schon dazu in der Lage, wer Zahlen lesen, einen Bleistift und einen Zollstock halten kann, der Rest ist vor allem Technik und Übung.
Daher dachte ich mir nicht wirklich viel dabei, als Dieter den ersten Befund geschnitten hatte und ich Marion darum bat, das Profil zu zeichnen. Ich ging zu ihr, drückte ihr die zweite Garnitur der Zeichenutensilien in die Hand und sagte: „Dieter hat die Eins fertig. Zeichnest du mal eben das Profil?“
Zum Glück behielt ich für mich, dass es ein besonders einfacher Befund war, lediglich eine noch nicht einmal besonders alte Steinstandspur, die ich vor allem deswegen bearbeitet und dokumentiert haben wollte, um die Arbeiter an den Boden zu gewöhnen und die Arbeitsabläufe des Teams beobachten zu können, ohne dass es gleich um einen wichtigen Befund geht. Doch kaum hatte ich Marion erstmals darum gebeten, mir etwas vorzuzeichnen, da ruderte sie zu meiner Überraschung augenblicklich zurück: „I-ich hab aber sch-schon länger nicht mehr gezeichnet. Kann D-dieter mir nicht dabei helfen? Ich h-hab ihn auch schon gefragt und er hat j-ja gesagt.“
Ich war zwar verwundert, hatte jedoch so viel Vertrauen, dass ich ihre Arbeit nicht blockieren wollte. Außerdem hatte die Grabung gerade erst angefangen, wir besaßen noch relativ viel Zeit. Also nickte ich und lief zu Dieter, der schon dabei war, den nächsten Befund zu schneiden.
„Dieter? Kannst du Marion mal helfen, die Profilzeichnung zu machen?“
„Ja, natürlich kann ich Orka helfen.“
Ich glaube, das war das erste Mal, dass ich auf der Fläche ihren Spitznamen hörte. Wahrscheinlich war ich auch der letzte vor ihr selbst gewesen, der ihn erfuhr. Erst als sie in der dritten oder vierten Woche mit spitzen Ohren gehört hatte, dass die anderen von ihr als Orka sprachen, hatte Jan es ihr auf Nachfrage hin erklärt. Dabei war es angesichts ihrer Körperfigur wirklich nicht schwer, die Herkunft des Spitznamens zu ergründen.
Dieter fasste sich auf die Brusttasche seines Blaumanns: „Ich hab aber meine Brille nicht dabei. Aber ich kann ihr ja sagen, was sie machen soll.“ Danach sprang er mit weiten Schritten zu Marion, wo beide damit begannen, sich am Profil einzurichten.
In der Zwischenzeit lief ich über die Grabungsfläche. Jonas war zusammen mit Wernher damit beschäftigt, ein Raster über die bereits fertig gebaggerte Fläche zu legen. Dazu pflockten sie Quadranten mit einer Seitenlänge von zehn Metern aus. Die Entfernung zwischen den Pflöcken ermittelten sie mit einem Maßband, den orthogonalen Winkel schlugen sie mit dem Nivelliergerät.
Von Dieter ging ich zuerst zu Hans und Sylvia, die die meiste Zeit gemeinsam arbeiteten. Hans kratzte das Planum mit einem Gerät, das gewöhnlich bei der Dezimierung von Unkraut verwendet wird. So entfernte er den locker über Planum und Befunde hinweggewehten Boden. Hans wirkte bei dieser Arbeit wie ein buddhistischer Mönch, der seinen Zen-Garten bestellt. Völlig in sich selbst versunken schabte er ruhig vor sich hin. Ab und zu legte er den Kratzer zur Seite und nahm eine Schaufel in die Hand, um Bodenkanten zu entfernern, die der nur wenig begabte Stefan beim Baggern hinterlassen hatte.
Unmittelbar hinter Hans arbeitete Sylvia, legte sich ihre Maßbänder von Pflock zu Pflock zurecht, klappte eine kleine Sammlung Zollstöcke – oder wie sie mich täglich belehrte: „Gliedermaßstäbe!“ – auseinander und verteilte sie an strategisch günstigen Punkten auf dem Quadranten, den sie gerade zeichnen wollte.
Ich plauderte kurz mit den beiden, unterhielt mich über das Amt, über andere Arbeiter, über Senff und erfuhr so manchen Tratsch, der in der kleinen Archäologenwelt des Bundeslandes kreiste. Da ich gerade bei mehreren im Planum hübsch frei gelegten Befunden stand, nahm ich mein kleines Buch in die Hand, um mir Notizen über die Befunde zu machen. Sylvia war erschreckt; sie tat zwar leicht amüsiert, fragte aber ernsthaft, ob ich mir Notizen über die Arbeiter machte. Ich verneinte lachend und erklärte ihr, dass ich lediglich ein paar Daten über die Größe und Beschaffenheit der Befunde aufnehme. Ich zeigte ihr sogar meine schmierigen Skizzen. Sylvia war sichtlich beruhigt und erzählte mir bei dieser Gelegenheit, wie Senff sich kurz nach Amtsantritt die Überreste des ostdeutschen Spitzelsystems zunutze gemacht hatte. In Wernher hatte er beispielsweise einen Mann gesucht und gefunden, der ihm als Hinterträger dienen sollte. Senff war es schnell gelungen, ihn für diese Tätigkeit zu gewinnen. Der Archäologe führte einen anderen Arbeiter, der wegen einer ungünstigen Busanbindung wiederholt wenige Minuten zu spät kam, als schlechtes Beispiel an: „Wenn das jeder machen würde!“, regte Senff sich Wernher gegenüber auf: „Rechne doch mal die nicht geleisteten Stunden zusammen!“ Wernher fühlte sich geschmeichelt, Sonderbeauftragter des Chefs zu werden. Also verschaffte er dem Chef die gewünschten Informationen. Eine Zeit lang notierte Wernher sich fortan in einem kleinen Notizbuch die Zeiten jedes einzelnen Arbeiters. Diese Kontrolldaten ließ Senff mit den offiziellen Listen der Grabungsleiter vergleichen, dabei stellte er fest, dass beides nicht immer konform ging.
Pikant war bei der Angelegenheit jedoch, dass ausgerechnet Senffs Stunden von niemandem kontrolliert wurden. Die rechnete nämlich niemand anderer zusammen als er selbst, natürlich grundsätzlich zu seinen Gunsten. Dies wurde ihm dadurch ermöglicht, dass er nicht immer im Amt arbeiten, sondern auch viel unterwegs sein musste. Da das mit dieser Stelle zu betreuende Bundesland ein relativ großes Flächenland ist, war er zudem oft gezwungen, für die Touren von Grabung zu Grabung örtlich in Hotels oder – schlimmer! – in den abgewirtschaftete und angemieteten LPGs unterzukommen. Zum Ausgleich für diese Geringschätzung seiner eigentlichen Bedürfnisse nutzte er die auswärtige Arbeit dann allerdings zu ausgedehnten Schlaforgien. Nie kam er vor 10 Uhr aus dem Bett, eher sogar später. Aber es heißt schließlich nicht umsonst: Quod licet Iovi, non licet bovi.
Als Sylvia mir von Wernhers früherer Spionagetätigkeit erzählte, war ich entsetzt. Schon an der Uni war ich in direktem Kontakt mit Senff stets vorsichtig gewesen. Doch nach dieser Warnung blieb ich auch anderen gegenüber mit manchen Informationen sehr zurückhaltend. Ich achtete ziemlich genau darauf, wen ich was wissen ließ und was ich für mich behielt. Glücklicherweise kann ich im Nachhinein einräumen, dass ich ausgerechnet Wernher später noch als freundlichen Mann kennenlernte. Er war neben seinen Monatsverträgen bei dem Landesamt ehrenamtlich als Bodendenkmalpfleger beschäftigt, daher brachte er auf den Ausgrabungen neben dem grundsätzlichen Elan auch ein echtes Interesse für die Archäologie an den Tag. Das erleichterte die Arbeit mit ihm ungemein.
Nach der kurzen Plauderei mit Sylvia schlenderte ich zu Jan, der sich vor dem Bagger auf seine Schaufel lehnte. Hatte Stefan gerade wieder eine Bahn auf die Höhe des Befundhorizontes heruntergebaggert, schippte er lose Erde auf den Teil, den der Baggerfahrer noch nicht gebaggert hatte. Sah er einen Befund, kennzeichnete er dessen Umriss mittels der Schaufel oder einer Spitzkelle, die er auf der Grabungsfläche meist in der Gesäßtasche seiner Hose stecken hatte. Danach nahm er aus einem Eimer, der neben ihm stand, ein vorbereitetes Stück Flatterband und steckte es mit einem Nagel auf den Befund. Die Flatterbandstückchen hatten wir dazu im Bauwagen vorbereitet und mit einem wasserunlöslichen Filzstift durchnummeriert.
Es gibt eine ganze Reihe von Schabernack, den besonders lustige Zeitgenossen wochenends auf Ausgrabungen treiben. Dazu gehört der Spaß, die Befundzettel zu vertauschen. Glücklicherweise ahnen sie nicht, dass es in den meisten Fällen herzlich egal ist. Denn entweder sind die Befunde noch gar nicht aufgenommen, so dass jede Nummerierung sowieso noch fließend ist, oder sie sind bereits so weit aufgenommen, dass sie wieder problemlos identifiziert werden können. In dem Fall stört allein die verlorene Zeit.
Ich hatte mich gerade zu Jan gestellt, als er gegen den dröhnenden Lärm des Baggers schrie und mich unverblümt fragte: „Kann ich nächste Woche einen Rinderschädel mitbringen?“
Wahrscheinlich blickte ich ihn sehr merkwürdig an, denn er ließ kaum eine Sekunde verstreichen, da versuchte er zu erklären: „Ich hab von ’nem Bekannten son Rinderschädel bekommen. Da sind noch Fleisch und Haut drauf. Und hinten beim Soll hab ich beim Pinkeln ’nen Ameisenhaufen entdeckt. Da könnte ich den doch drauflegen, die nagen den dann ab und ich kann ihn mir an den Giebel von meinem Haus hängen.“
„Na, ich weiß nicht. Ist ’n bisschen eklig, wer weiß, was der alles anzieht. Da kommen doch alle möglichen Aasfresser“, wies ich ihn ab.
Jans Gesicht begann zu denken. In der Gesprächsruhe wirkte der Bagger mit seine Klonkgeräuschen nur umso lauter. Jan blickte kurz auf den Boden, plötzlich schrie er in das „uuuuuuuiiiiiii“ des Baggers: „Dann muss ich wohl doch son fertigen Kopf aus’em Schwarzwald holen.“
„Aus dem Schwarzwald?“, brüllte ich gegen das krrrrrrrallende Geräusch, mit dem sich der Bagger in den Boden fraß.
„Ja, da ist son Hof, auf dem ich mit meiner Frau schon ’n paar Mal Urlaub gemacht hab. Der Besitzer fährt immer nach Afrika, auf Großwildjagd. Der hat schon alles gejagt. Antilopen, Gazellen, Watussi-Rinder, Gnus, Warzenschweine. Alles. Die hat er dann auf eigene Kosten ausstopfen lassen oder so Trophäen für die Wand machen lassen und mit nach Deutschland gebracht. Der hat das ganze Haus voll mit irgendwelchen Jagdtrophäen. Vor dem Kamin im Wohnzimmer lag letztes Mal sogar ein Eisbärfell.“ Die Hydraulik machte „uiuiuiuiuiuiui“.
„Hübsch“, kommentierte ich mit. Die Ironie drückte ich allein mit dem Tonfall aus.
„Das ist doch toll! Und der verkauft die jetzt. Nicht alle, die besseren will er noch behalten, das kann ich auch verstehen. Aber da kriegt man sone Gazelle schon für fünfhundert Mark. Ich glaub, da werd ich mir das nächste Mal ein paar mitnehmen.“
Ich schwieg vielsagend. Der Bagger leerte mit einem lauten „KLONK-KLONK“ seine Schaufel über dem Abraum.
„Noch besser wär’s natürlich, mal selber auf Großwildjagd zu gehen. Ich schieß ja mit dem Bogen. Weißt du, instinktives Bogenschießen.“ Er hielt mit seiner linken Hand die Schaufel, als sei ihr Stiel ein Langbogen und pantomierte mit der rechten Hand und zwei Krallenfingern die Zugbewegung eines Bogenschützen. Ich hatte nur wenig Interesse daran, mir instinktives Bogenschießen erklären zu lassen, und fragte daher gar nicht erst nach. Jan jedoch nutzte die Gunst, sein Wissen wie ein abgegriffenes Klebebildchenalbum vor mir auszubreiten.
„Ich fahr an den Wochenenden ja immer zum Bogenschießen. Warte“, er kramte seine Brieftasche aus der Gesäßtasche, klappte sie auf und richtig, „hier hab ich ja sogar ein paar Fotos. Da ist dann son Weg vorgegeben und von bestimmten Stellen muss man dann auf Plastetiere schießen. Hier war zum Beispiel auf der anderen Seite eines Tales, das war bestimmt, uhm, einhundert Meter breit, da war auf der anderen Seite ein Plastebison. Da musste man dann über Bäume rüberschießen, das Bison konnte man gar nicht sehen, und ich hab getroffen. Das ist dann instinktives Bogenschießen.“
Ich runzelte die Stirn.
„Auf echte Jagd darf man mit dem Bogen hier ja leider nicht gehen. In Rumänien ist das aber erlaubt. Von den Wettbewerben kenn ich ein paar Schützen, die fahr’n ein paar Mal im Jahr nach Rumänien und schießen da Rehe und Hirsche. Da darf man das.“ Seine Augen glänzten verträumt.
Ich wandte mich ab und drehte meinen Kopf zu dem Befund, den Marion zusammen mit Dieter zeichnen wollte. Jan schaute in dieselbe Richtung und wirkte verblüfft.
„Die sitzt ja schon ’ne Stunde an dem Profil. Ich denk, die hat schon mal gezeichnet?“
„Hat’se zumindest gesagt“, schüttelte ich den Kopf. Wir sahen, wie Marion vor dem Befund thronte. Ihre Beine steckten in der flachen Grube, die für das knapp einen halben Meter breite Profil ausgehoben war, das Zeichenbrett ruhte auf ihren überdimensionierten Oberschenkeln. Dieter hielt einen Zollstock in der Hand und sprang wie ein Eichhörnchen mit einer Überdosis Koffein von Marion zum Profil und zurück, um ihr auf dem Zeichenbrett so viele Hinweise geben zu können, wie er ohne Brille vermochte.
„Ich kuck mir mal an, was die da veranstalten“, sagte ich und ließ Jan am Bagger. Da ich bereits Allerschlimmstes fürchtete, trottete ich entsprechend langsam zu dem Zeichenduo infernale. Die Unvermeidlichkeit des Unglücks wurde mir langsam klar, dennoch wollte ich es so lange wie möglich von mir fern halten. Kaum war ich angekommen, war nicht mehr zu leugnen, dass auch die übelste Ahnung noch weit übertroffen wurde. Als ich mich neben die Möchtegernkünstlerin kniete und die Graphitkatastrophe erblickte, merkte Marion sofort, dass ihre Zeichnung nicht nur nicht die beste war, sondern bei weitem nicht meinen Erwartungen entsprach. Sofort entschuldigte sie sich, das Millimeterpapier sei für ihre Augen zu bunt, die Miene des Druckbleistiftes breche die ganze Zeit ab, Dieter sehe ohne Brille nicht, was er für Werte messe und vieles mehr. Doch ihre speckigen Ausreden faulten in der Sonne so schnell, wie sie neue hervorwürgte.
Als erstes schickte ich Dieter zu den nächsten Befunden, um weitere Profile vorzubereiten. Dann hieß ich sie aufstehen, nahm ihr Zeichenbrett, legte ein leeres Blatt zuoberst und zauberte in wenigen Minuten mit wenigen Handgriffen und Strichen eine Zeichnung auf das Papier, die in aller Bescheidenheit mehr als ansprechend war. Ja, ich erlaube mir noch im Nachhinein, sie meisterwürdig zu nennen. Marion staunte schweigend und mit großen Augen. Ihr Gesichtsausdruck verriet mir, dass es unmöglich sein würde, ihr das notwendige Können zu vermitteln. Ich gab ihr den ernst gemeinten Rat, das Zeichnen von Profilen zu Hause anhand von Marmorkuchenstücken zu üben. Obwohl ich angesichts ihres Gewichts befürchtete, dass ein Kuchenstück kaum lange genug leben würde, um diese Prozedur zu überstehen. Diesen Gedanken behielt ich aber für mich: „Du kannst ja weiterhin die Nivellements machen und die Höhen rechnen“, versuchte ich Mut zu machen.
„J-ja. D-das k-kann ich.“ Sofort setzte sie wieder ihr schnippisches Gesicht auf. Und mir war bewusst, dass ich bei der erstbesten Gelegenheit Senff bitten musste, mir für die Profile einen anderen Zeichner zuzuteilen.
Für diesen Moment ging ich aber zur Gruppe der Arbeiter und fragte in die Runde, wer noch zeichnen kann. Hans meldete sich: „Ich hab schon mal gezeichnet!“
„Dann können wir morgen mal gucken, ob du die eine oder andere Zeichnung übernimmst“, hätte ich nicht sagen sollen. Später am Tag nahm Sylvia mich nämlich in einer unbeobachteten Minute zur Seite: „Kann ich dich mal dazu sprechen, dass du Hans zeichnen lassen möchtest?“
„Ja, sicher.“
„Lass ihn das bitte nicht machen.“
„Hm?“
„Hast du seine Schrift schon gesehen?“
„Hm!“
„Er hat zwar wirklich schon mal gezeichnet. Da ist er aber von allen ausgelacht worden. Und ich muss doch mit ihm zusammen arbeiten und mit ihm nach Hause fahren. Ich möchte nicht, dass er wieder so ausgelacht wird. Ich mach gleich schnell die Profile.“
„Na, ich kann mal versuchen, das unauffällig unter’n Tisch fallen zu lassen. Oder redest du noch mal mit ihm?“
„Das kann ich machen.“
Es half also alles nichts, ich brauchte einen neuen Zeichner.
Daher dachte ich mir nicht wirklich viel dabei, als Dieter den ersten Befund geschnitten hatte und ich Marion darum bat, das Profil zu zeichnen. Ich ging zu ihr, drückte ihr die zweite Garnitur der Zeichenutensilien in die Hand und sagte: „Dieter hat die Eins fertig. Zeichnest du mal eben das Profil?“
Zum Glück behielt ich für mich, dass es ein besonders einfacher Befund war, lediglich eine noch nicht einmal besonders alte Steinstandspur, die ich vor allem deswegen bearbeitet und dokumentiert haben wollte, um die Arbeiter an den Boden zu gewöhnen und die Arbeitsabläufe des Teams beobachten zu können, ohne dass es gleich um einen wichtigen Befund geht. Doch kaum hatte ich Marion erstmals darum gebeten, mir etwas vorzuzeichnen, da ruderte sie zu meiner Überraschung augenblicklich zurück: „I-ich hab aber sch-schon länger nicht mehr gezeichnet. Kann D-dieter mir nicht dabei helfen? Ich h-hab ihn auch schon gefragt und er hat j-ja gesagt.“
Ich war zwar verwundert, hatte jedoch so viel Vertrauen, dass ich ihre Arbeit nicht blockieren wollte. Außerdem hatte die Grabung gerade erst angefangen, wir besaßen noch relativ viel Zeit. Also nickte ich und lief zu Dieter, der schon dabei war, den nächsten Befund zu schneiden.
„Dieter? Kannst du Marion mal helfen, die Profilzeichnung zu machen?“
„Ja, natürlich kann ich Orka helfen.“
Ich glaube, das war das erste Mal, dass ich auf der Fläche ihren Spitznamen hörte. Wahrscheinlich war ich auch der letzte vor ihr selbst gewesen, der ihn erfuhr. Erst als sie in der dritten oder vierten Woche mit spitzen Ohren gehört hatte, dass die anderen von ihr als Orka sprachen, hatte Jan es ihr auf Nachfrage hin erklärt. Dabei war es angesichts ihrer Körperfigur wirklich nicht schwer, die Herkunft des Spitznamens zu ergründen.
Dieter fasste sich auf die Brusttasche seines Blaumanns: „Ich hab aber meine Brille nicht dabei. Aber ich kann ihr ja sagen, was sie machen soll.“ Danach sprang er mit weiten Schritten zu Marion, wo beide damit begannen, sich am Profil einzurichten.
In der Zwischenzeit lief ich über die Grabungsfläche. Jonas war zusammen mit Wernher damit beschäftigt, ein Raster über die bereits fertig gebaggerte Fläche zu legen. Dazu pflockten sie Quadranten mit einer Seitenlänge von zehn Metern aus. Die Entfernung zwischen den Pflöcken ermittelten sie mit einem Maßband, den orthogonalen Winkel schlugen sie mit dem Nivelliergerät.
Von Dieter ging ich zuerst zu Hans und Sylvia, die die meiste Zeit gemeinsam arbeiteten. Hans kratzte das Planum mit einem Gerät, das gewöhnlich bei der Dezimierung von Unkraut verwendet wird. So entfernte er den locker über Planum und Befunde hinweggewehten Boden. Hans wirkte bei dieser Arbeit wie ein buddhistischer Mönch, der seinen Zen-Garten bestellt. Völlig in sich selbst versunken schabte er ruhig vor sich hin. Ab und zu legte er den Kratzer zur Seite und nahm eine Schaufel in die Hand, um Bodenkanten zu entfernern, die der nur wenig begabte Stefan beim Baggern hinterlassen hatte.
Unmittelbar hinter Hans arbeitete Sylvia, legte sich ihre Maßbänder von Pflock zu Pflock zurecht, klappte eine kleine Sammlung Zollstöcke – oder wie sie mich täglich belehrte: „Gliedermaßstäbe!“ – auseinander und verteilte sie an strategisch günstigen Punkten auf dem Quadranten, den sie gerade zeichnen wollte.
Ich plauderte kurz mit den beiden, unterhielt mich über das Amt, über andere Arbeiter, über Senff und erfuhr so manchen Tratsch, der in der kleinen Archäologenwelt des Bundeslandes kreiste. Da ich gerade bei mehreren im Planum hübsch frei gelegten Befunden stand, nahm ich mein kleines Buch in die Hand, um mir Notizen über die Befunde zu machen. Sylvia war erschreckt; sie tat zwar leicht amüsiert, fragte aber ernsthaft, ob ich mir Notizen über die Arbeiter machte. Ich verneinte lachend und erklärte ihr, dass ich lediglich ein paar Daten über die Größe und Beschaffenheit der Befunde aufnehme. Ich zeigte ihr sogar meine schmierigen Skizzen. Sylvia war sichtlich beruhigt und erzählte mir bei dieser Gelegenheit, wie Senff sich kurz nach Amtsantritt die Überreste des ostdeutschen Spitzelsystems zunutze gemacht hatte. In Wernher hatte er beispielsweise einen Mann gesucht und gefunden, der ihm als Hinterträger dienen sollte. Senff war es schnell gelungen, ihn für diese Tätigkeit zu gewinnen. Der Archäologe führte einen anderen Arbeiter, der wegen einer ungünstigen Busanbindung wiederholt wenige Minuten zu spät kam, als schlechtes Beispiel an: „Wenn das jeder machen würde!“, regte Senff sich Wernher gegenüber auf: „Rechne doch mal die nicht geleisteten Stunden zusammen!“ Wernher fühlte sich geschmeichelt, Sonderbeauftragter des Chefs zu werden. Also verschaffte er dem Chef die gewünschten Informationen. Eine Zeit lang notierte Wernher sich fortan in einem kleinen Notizbuch die Zeiten jedes einzelnen Arbeiters. Diese Kontrolldaten ließ Senff mit den offiziellen Listen der Grabungsleiter vergleichen, dabei stellte er fest, dass beides nicht immer konform ging.
Pikant war bei der Angelegenheit jedoch, dass ausgerechnet Senffs Stunden von niemandem kontrolliert wurden. Die rechnete nämlich niemand anderer zusammen als er selbst, natürlich grundsätzlich zu seinen Gunsten. Dies wurde ihm dadurch ermöglicht, dass er nicht immer im Amt arbeiten, sondern auch viel unterwegs sein musste. Da das mit dieser Stelle zu betreuende Bundesland ein relativ großes Flächenland ist, war er zudem oft gezwungen, für die Touren von Grabung zu Grabung örtlich in Hotels oder – schlimmer! – in den abgewirtschaftete und angemieteten LPGs unterzukommen. Zum Ausgleich für diese Geringschätzung seiner eigentlichen Bedürfnisse nutzte er die auswärtige Arbeit dann allerdings zu ausgedehnten Schlaforgien. Nie kam er vor 10 Uhr aus dem Bett, eher sogar später. Aber es heißt schließlich nicht umsonst: Quod licet Iovi, non licet bovi.
Als Sylvia mir von Wernhers früherer Spionagetätigkeit erzählte, war ich entsetzt. Schon an der Uni war ich in direktem Kontakt mit Senff stets vorsichtig gewesen. Doch nach dieser Warnung blieb ich auch anderen gegenüber mit manchen Informationen sehr zurückhaltend. Ich achtete ziemlich genau darauf, wen ich was wissen ließ und was ich für mich behielt. Glücklicherweise kann ich im Nachhinein einräumen, dass ich ausgerechnet Wernher später noch als freundlichen Mann kennenlernte. Er war neben seinen Monatsverträgen bei dem Landesamt ehrenamtlich als Bodendenkmalpfleger beschäftigt, daher brachte er auf den Ausgrabungen neben dem grundsätzlichen Elan auch ein echtes Interesse für die Archäologie an den Tag. Das erleichterte die Arbeit mit ihm ungemein.
Nach der kurzen Plauderei mit Sylvia schlenderte ich zu Jan, der sich vor dem Bagger auf seine Schaufel lehnte. Hatte Stefan gerade wieder eine Bahn auf die Höhe des Befundhorizontes heruntergebaggert, schippte er lose Erde auf den Teil, den der Baggerfahrer noch nicht gebaggert hatte. Sah er einen Befund, kennzeichnete er dessen Umriss mittels der Schaufel oder einer Spitzkelle, die er auf der Grabungsfläche meist in der Gesäßtasche seiner Hose stecken hatte. Danach nahm er aus einem Eimer, der neben ihm stand, ein vorbereitetes Stück Flatterband und steckte es mit einem Nagel auf den Befund. Die Flatterbandstückchen hatten wir dazu im Bauwagen vorbereitet und mit einem wasserunlöslichen Filzstift durchnummeriert.
Es gibt eine ganze Reihe von Schabernack, den besonders lustige Zeitgenossen wochenends auf Ausgrabungen treiben. Dazu gehört der Spaß, die Befundzettel zu vertauschen. Glücklicherweise ahnen sie nicht, dass es in den meisten Fällen herzlich egal ist. Denn entweder sind die Befunde noch gar nicht aufgenommen, so dass jede Nummerierung sowieso noch fließend ist, oder sie sind bereits so weit aufgenommen, dass sie wieder problemlos identifiziert werden können. In dem Fall stört allein die verlorene Zeit.
Ich hatte mich gerade zu Jan gestellt, als er gegen den dröhnenden Lärm des Baggers schrie und mich unverblümt fragte: „Kann ich nächste Woche einen Rinderschädel mitbringen?“
Wahrscheinlich blickte ich ihn sehr merkwürdig an, denn er ließ kaum eine Sekunde verstreichen, da versuchte er zu erklären: „Ich hab von ’nem Bekannten son Rinderschädel bekommen. Da sind noch Fleisch und Haut drauf. Und hinten beim Soll hab ich beim Pinkeln ’nen Ameisenhaufen entdeckt. Da könnte ich den doch drauflegen, die nagen den dann ab und ich kann ihn mir an den Giebel von meinem Haus hängen.“
„Na, ich weiß nicht. Ist ’n bisschen eklig, wer weiß, was der alles anzieht. Da kommen doch alle möglichen Aasfresser“, wies ich ihn ab.
Jans Gesicht begann zu denken. In der Gesprächsruhe wirkte der Bagger mit seine Klonkgeräuschen nur umso lauter. Jan blickte kurz auf den Boden, plötzlich schrie er in das „uuuuuuuiiiiiii“ des Baggers: „Dann muss ich wohl doch son fertigen Kopf aus’em Schwarzwald holen.“
„Aus dem Schwarzwald?“, brüllte ich gegen das krrrrrrrallende Geräusch, mit dem sich der Bagger in den Boden fraß.
„Ja, da ist son Hof, auf dem ich mit meiner Frau schon ’n paar Mal Urlaub gemacht hab. Der Besitzer fährt immer nach Afrika, auf Großwildjagd. Der hat schon alles gejagt. Antilopen, Gazellen, Watussi-Rinder, Gnus, Warzenschweine. Alles. Die hat er dann auf eigene Kosten ausstopfen lassen oder so Trophäen für die Wand machen lassen und mit nach Deutschland gebracht. Der hat das ganze Haus voll mit irgendwelchen Jagdtrophäen. Vor dem Kamin im Wohnzimmer lag letztes Mal sogar ein Eisbärfell.“ Die Hydraulik machte „uiuiuiuiuiuiui“.
„Hübsch“, kommentierte ich mit. Die Ironie drückte ich allein mit dem Tonfall aus.
„Das ist doch toll! Und der verkauft die jetzt. Nicht alle, die besseren will er noch behalten, das kann ich auch verstehen. Aber da kriegt man sone Gazelle schon für fünfhundert Mark. Ich glaub, da werd ich mir das nächste Mal ein paar mitnehmen.“
Ich schwieg vielsagend. Der Bagger leerte mit einem lauten „KLONK-KLONK“ seine Schaufel über dem Abraum.
„Noch besser wär’s natürlich, mal selber auf Großwildjagd zu gehen. Ich schieß ja mit dem Bogen. Weißt du, instinktives Bogenschießen.“ Er hielt mit seiner linken Hand die Schaufel, als sei ihr Stiel ein Langbogen und pantomierte mit der rechten Hand und zwei Krallenfingern die Zugbewegung eines Bogenschützen. Ich hatte nur wenig Interesse daran, mir instinktives Bogenschießen erklären zu lassen, und fragte daher gar nicht erst nach. Jan jedoch nutzte die Gunst, sein Wissen wie ein abgegriffenes Klebebildchenalbum vor mir auszubreiten.
„Ich fahr an den Wochenenden ja immer zum Bogenschießen. Warte“, er kramte seine Brieftasche aus der Gesäßtasche, klappte sie auf und richtig, „hier hab ich ja sogar ein paar Fotos. Da ist dann son Weg vorgegeben und von bestimmten Stellen muss man dann auf Plastetiere schießen. Hier war zum Beispiel auf der anderen Seite eines Tales, das war bestimmt, uhm, einhundert Meter breit, da war auf der anderen Seite ein Plastebison. Da musste man dann über Bäume rüberschießen, das Bison konnte man gar nicht sehen, und ich hab getroffen. Das ist dann instinktives Bogenschießen.“
Ich runzelte die Stirn.
„Auf echte Jagd darf man mit dem Bogen hier ja leider nicht gehen. In Rumänien ist das aber erlaubt. Von den Wettbewerben kenn ich ein paar Schützen, die fahr’n ein paar Mal im Jahr nach Rumänien und schießen da Rehe und Hirsche. Da darf man das.“ Seine Augen glänzten verträumt.
Ich wandte mich ab und drehte meinen Kopf zu dem Befund, den Marion zusammen mit Dieter zeichnen wollte. Jan schaute in dieselbe Richtung und wirkte verblüfft.
„Die sitzt ja schon ’ne Stunde an dem Profil. Ich denk, die hat schon mal gezeichnet?“
„Hat’se zumindest gesagt“, schüttelte ich den Kopf. Wir sahen, wie Marion vor dem Befund thronte. Ihre Beine steckten in der flachen Grube, die für das knapp einen halben Meter breite Profil ausgehoben war, das Zeichenbrett ruhte auf ihren überdimensionierten Oberschenkeln. Dieter hielt einen Zollstock in der Hand und sprang wie ein Eichhörnchen mit einer Überdosis Koffein von Marion zum Profil und zurück, um ihr auf dem Zeichenbrett so viele Hinweise geben zu können, wie er ohne Brille vermochte.
„Ich kuck mir mal an, was die da veranstalten“, sagte ich und ließ Jan am Bagger. Da ich bereits Allerschlimmstes fürchtete, trottete ich entsprechend langsam zu dem Zeichenduo infernale. Die Unvermeidlichkeit des Unglücks wurde mir langsam klar, dennoch wollte ich es so lange wie möglich von mir fern halten. Kaum war ich angekommen, war nicht mehr zu leugnen, dass auch die übelste Ahnung noch weit übertroffen wurde. Als ich mich neben die Möchtegernkünstlerin kniete und die Graphitkatastrophe erblickte, merkte Marion sofort, dass ihre Zeichnung nicht nur nicht die beste war, sondern bei weitem nicht meinen Erwartungen entsprach. Sofort entschuldigte sie sich, das Millimeterpapier sei für ihre Augen zu bunt, die Miene des Druckbleistiftes breche die ganze Zeit ab, Dieter sehe ohne Brille nicht, was er für Werte messe und vieles mehr. Doch ihre speckigen Ausreden faulten in der Sonne so schnell, wie sie neue hervorwürgte.
Als erstes schickte ich Dieter zu den nächsten Befunden, um weitere Profile vorzubereiten. Dann hieß ich sie aufstehen, nahm ihr Zeichenbrett, legte ein leeres Blatt zuoberst und zauberte in wenigen Minuten mit wenigen Handgriffen und Strichen eine Zeichnung auf das Papier, die in aller Bescheidenheit mehr als ansprechend war. Ja, ich erlaube mir noch im Nachhinein, sie meisterwürdig zu nennen. Marion staunte schweigend und mit großen Augen. Ihr Gesichtsausdruck verriet mir, dass es unmöglich sein würde, ihr das notwendige Können zu vermitteln. Ich gab ihr den ernst gemeinten Rat, das Zeichnen von Profilen zu Hause anhand von Marmorkuchenstücken zu üben. Obwohl ich angesichts ihres Gewichts befürchtete, dass ein Kuchenstück kaum lange genug leben würde, um diese Prozedur zu überstehen. Diesen Gedanken behielt ich aber für mich: „Du kannst ja weiterhin die Nivellements machen und die Höhen rechnen“, versuchte ich Mut zu machen.
„J-ja. D-das k-kann ich.“ Sofort setzte sie wieder ihr schnippisches Gesicht auf. Und mir war bewusst, dass ich bei der erstbesten Gelegenheit Senff bitten musste, mir für die Profile einen anderen Zeichner zuzuteilen.
Für diesen Moment ging ich aber zur Gruppe der Arbeiter und fragte in die Runde, wer noch zeichnen kann. Hans meldete sich: „Ich hab schon mal gezeichnet!“
„Dann können wir morgen mal gucken, ob du die eine oder andere Zeichnung übernimmst“, hätte ich nicht sagen sollen. Später am Tag nahm Sylvia mich nämlich in einer unbeobachteten Minute zur Seite: „Kann ich dich mal dazu sprechen, dass du Hans zeichnen lassen möchtest?“
„Ja, sicher.“
„Lass ihn das bitte nicht machen.“
„Hm?“
„Hast du seine Schrift schon gesehen?“
„Hm!“
„Er hat zwar wirklich schon mal gezeichnet. Da ist er aber von allen ausgelacht worden. Und ich muss doch mit ihm zusammen arbeiten und mit ihm nach Hause fahren. Ich möchte nicht, dass er wieder so ausgelacht wird. Ich mach gleich schnell die Profile.“
„Na, ich kann mal versuchen, das unauffällig unter’n Tisch fallen zu lassen. Oder redest du noch mal mit ihm?“
„Das kann ich machen.“
Es half also alles nichts, ich brauchte einen neuen Zeichner.
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