Auf dem Höhepunkt seiner Karriere stellte Maxim Senff sich vor, eines Tages der Held einer Fernsehsendung zu sein. Er malte sich aus, wie er sich in einer Show namens „Das war Ihr Leben“ auf einer puffärmeligen roten Couch lümmelte, damit die Menschen, die ihm in seinem Leben begegnen mussten, ihn beweihräuchern könnten. Weihrauch hatte er bereits zuvor gesammelt, nun könnte das teuflische Kraut vor versammelter Fernsehlandschaft auf Kosten der Gebührenzahler verbrannt werden. Er stellte sich vor, wie er in einem seiner karierten Anzüge, die er als wohlgeschneidert und äußerst stilvoll ansah, leicht behäbig grinsend all das Öl empfing, das ihm den Rücken herunter laufen sollte. In Wirklichkeit konnte nur ein Blinder glauben, Senff trüge exquisite Garderobe, wirkte sie in Wirklichkeit doch seit je, als stamme sie aus dem Clown-Fundus eines viertklassigen Zirkusbetriebes. Obwohl er keineswegs an Farbenblindheit litt, wählte er doch mit entschiedener Sicherheit stets Kleidung aus solchen Stoffen, die es gewöhnlich nicht einmal bis zur Altkleidersammlung schaffen, weil sie zuvor bereits zurecht verbrannt werden.
Senff stellte sich vor, wie der fönfrisierte Moderator debil grinsend durch das Publikum glitt und den Anwesenden all die kreativen Glanztaten des Ehrengastes entlockte. Das heißt, natürlich wäre es nicht notwendig, diesen erst irgendetwas zu entlocken. Nein, Senff empfand es als Selbstverständlichkeit, alle Menschen darüber glücklich zu wissen, den Segen des großartigsten Archäologen seit Schliemann und Indiana Jones empfangen zu haben. Dementsprechend musste es ihnen schlicht eine Freude sein, der Fernsehöffentlichkeit mitzuteilen, wie ihr Herz auf dem Glockenspiel der Gefühle Rumba tanzte, als sie in der Vergangenheit die Nähe des HErrn verspürt hatten.
Da! Sein Doktorvater Prof. Dr. Albert Pickenpack bekam das Mikrofon unter die Nase gehalten. „Ach, was fragen Sie mich“, zierte der sich zunächst grinsend, während er im Publikum Partner für Blickkontakte suchte. Wenige Augenblicke später griff er selbst nach dem Mikrofon: „Wissen Sie, nicht jedes Forschungsvorhaben findet genau die Wissenschaftler, die es vorantreiben. Umgekehrt gibt es nicht für jeden Wissenschaftler das Forschungsvorhaben, in dem er sich bewähren kann.“ Inzwischen war Pickenpack aufgestanden und schraubte während des Sprechens den Oberkörper in alle Richtungen des Publikums: „Als Archäologe bewährte sich Maxim Senff in ganz besonderer Weise. War er doch das Scharnier, um das sich alles drehte! Für ihn bedeutete Forschungsfreiheit, mehr zu arbeiten, als er es musste. Dabei wurde die andauernde gedeihliche Arbeit von ermunternden Gesprächen mit seinen Kollegen gekrönt.“ Das Publikum klatschte. Pickenpack verbeugte sich, gab das Mikro dem gefügigen Moderator zurück. Indem der Professor sich seine Krawatte auf den aufgequollenen Unterleib strich, nahm er wieder Platz und setzte sich.
Hier! Eine der Zeichnerinnen berichtete eine Begebenheit, die vom gusseisernen Gedächtnis des Königs der Archäologen zeugte. Sie erzählte von ihren Zeichenarbeiten im Schloss, die auszuführen sie im Rahmen der Nachbearbeitung seiner größten Ausgrabung die hohe Ehre hatte. Unter widrigsten Umständen – ohne Heizung nämlich – sollte sie die Zeichnungen umzeichnen, die sie während der Ausgrabung angefertigt hatte. Dazu gehörte die Zeichnung eines so genannten Grubenhauses, bei der sich – Schande über Schande! – tatsächlich ein kleiner Fehler eingeschlichen hatte, den der Meister im Verlauf der Ausgrabung übersehen haben musste. Kleinlaut war sie nun mehr als ein Jahr nach der Bearbeitung des Befundes zu ihm gekrochen und hatte ihn gefragt, ob er sich daran erinnerte. Senff hatte sein großväterliches Gesicht aufgesetzt und sofort damit begonnen, ausführlichst das Aussehen des Grubenhauses zu schildern. Jedes Detail, so schien es ihr, war er zu beschreiben imstande. Das Publikum jubelte.
Und dort! Sein Stellvertreter Robert Plankenreiter, dem er bei seiner Karriere ein wenig behilflich gewesen war, wusste Senffs perfekte Öffentlichkeitsarbeit zu schildern: Das größte von Senff betreute Projekt war eine Gastrasse quer durch das Bundesland gewesen, dessen archäologischen Geschicke er geleitet hatte. Um nun der Öffentlichkeit, die finanziell schließlich nicht gänzlich unbeteiligt an dem Projekt war, etwas von dem Wissen zurückzugeben, hatte Senff die bahnbrechende Idee gehabt, an der Gasleitung in unregelmäßigen Abständen Erklär-mir-die-archäologische-Welt-Informationstafeln aufstellen zu lassen, um den geistigen Pöbel wissen zu lassen, welch vorgeschichtliche Schätze hier einst geruht hatten. Senff war zwar nicht der erste gewesen, der so etwas hatte aufstellen lassen, aber dafür waren die von ihm veranlassten Tafeln dermaßen blöde angebracht, dass sie von Vornherein von jeder Wahrnehmung ausgenommen waren. Wirklich eigen war nur die noch weit in die Zukunft greifende Öffentlichkeitsarbeit, in regelmäßigen Abständen Zeitkapseln mit wenigen ausgewählten Funden – meist irgendwelche ungewaschene Scherben – zusammen mit einer billigen Regional-Zeitung aus der Zeit der Ausgrabung zu deponieren. Die Zuschauer im Studio waren aus dem Häuschen!
Natürlich wusste Senff, als er sich diese Sendung ausmalte, wie sehr er sich selbst betrog. Zumindest das Unbewusste in ihm wusste es. Das überlagernde, bei ihm überragende Bewusstsein dagegen war bereits überzeugt davon, dass er wirklich der Held war, als der er sich sein Leben lang zu verkaufen versucht hatte. Und als der er ja auch tatsächlich fast bis zuletzt angesehen wurde.
Dabei hatte er sich diese Vorstellung hart erarbeiten müssen, womit er bereits in der oft so demütigenden Schulzeit begonnen hatte. Schon damals ließ Maxim sich alle Hausaufgaben und zum Teil auch Arbeiten von anderen schreiben. Niemand wusste so recht, wie ihm das gelang, konnte es doch nicht an seiner kläglichen Statur gelegen haben. Auch hatte er sich nie geschlagen. Aber er wusste zu schmeicheln und zu hetzen, bekam nach einer sehr vereinfachten Schulaufführung des „Othello“ sogar eine Zeit lang den Spitznamen Jago verpasst. Es gilt jedoch durch alle Zeiten die Erkenntnis, dass Despoten gefährlich, Schmeichler aber tödlich sind. (Erst die modernen Moralvorstellungen verbieten die früher geltende Lehre aus dieser Weisheit, dass man nämlich den ersten beobachten soll, den zweiten dagegen vernichten.) Senff hatte ein Gespür dafür, seine Person in eine gefährliche Mixtur aus Despot und Schmeichler zu schmieden. Nur bei wenigen Personen versagten seine Künste als scheinheiliger Schwindler.
Der erstgeborene Maxim war als Vierjähriger bereits dermaßen eifersüchtig auf seine kleine Schwester gewesen, dass er die Neugeborene in einem von den Erwachsenen unbeobachteten Moment zu erdrosseln suchte. Natürlich hatte er nur geglaubt, unbeobachtet zu sein. Seine Mutter ertappte ihn, rettete die Tochter und erzog diese zu einer sehr begründeten, lebenslangen Furcht vor ihrem großen Bruder, indem sie ihr diese Geschichte regelmäßig erzählte. Unweigerlich trennten sich die Wege von Bruder und Schwester im Verlauf des Erwachsenwerdens, so dass Maxim nach dem Auszug aus dem Elternhaus bis zu seinem Ende keinen Kontakt mehr zu ihr haben sollte.
Wenigstens gelang es Maxim eine Zeit lang, seine Haltung anderen Menschen gegenüber bei sportlicher Betätigung halbwegs positiv auszuleben. Seit der Schulzeit war er Handballer, denen von verschiedener Seite nachgesagt wird, dass sie mehrheitlich link seien. Ansonsten galt er in der Schule eben außer als Schmeichler höchstens noch als einer von diesen schrecklichen Nachplapperern. Er war einer von diesen Leuten, die sich ständig meldeten, aber stets nur wiederholten, was ihr Vorredner bereits gesagt hatte. Wie oft tuschelte es dann „Muss der wieder seinen Senf dazu geben!“ durch die Klasse? Damals litt Maxim noch unter seinen Namen. Inzwischen füllte er ihn mit Ehre und Inbrunst aus.
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Montag, 8. Dezember 2008
Samstag, 6. Dezember 2008
Kapitel 1.1
Maxim Senff fuhr mit seinem undefinierbar blauen Kleinwagen auf den Parkplatz des Landesamtes für Bodendenkmalpflege. Grimmig musste er feststellen, dass einer der Wichtigtuer, die im Amt mit einem kurzfristigen Zeitvertrag angestellt waren, seinen Lieblingsparkplatz unter der Linde blockiert hatte. Er stellte seinen Wagen daneben, stieg aus, kramte sein zerwetztes Aktenköfferchen aus dem Kofferraum und lief über den Parkplatz zum Schloss, in dem er residierte.
Der alt aussehende Mann trug seine fisseligen Haare noch immer fast schulterlang. Heimtückisch schlurfte er zur schweren, sich nach außen öffnenden Eingangstür des Schlosses. Auch von Ferne war er an seinem Markenzeichen gut zu erkennen, hatte er sich doch wie stets seinen roten Lieblingsschal um den in den letzten Jahren aufgequollenen Hals gepackt. Wie jeden Morgen würdigte der verhärmte Dr. habil. das Backsteinschlösschen mit seinen verdrehten Schornsteinen und dem brüchig gemauerten Landeswappen keines Blickes.
Bald ist es hiermit vorbei, dachte er grinsend bei sich, als er vor der Tür stand, es war schön, aber die Karriere geht weiter. Er war sich doch seit jeher so sicher gewesen, zu höherem bestimmt zu sein. Er befingerte das Codeschloss an der Eingangstür. Niemand verstand, auf welcher Grundlage er die Kombinationen für das Schloss auswählte. Diesen Monat war es das Erscheinungsjahr seiner Dissertation, die 1 dann die 9 dann noch mal die 9 und zuletzt die 3. So. Das grüne Licht leuchtete, der Mechanismus brummte krächzend. Senff öffnete die Tür und stolperte in den Flur.
So baufällig das Schloss auch war, es gefiel ihm trotz der quietschenden Türen, der schwammigen Tapeten mit vergilbten Wölkchen vor ehemals blauen Himmelchen und den unangenehmen Fluren mit ihren verfilzten, aber abgetretenen Teppichen. Senff schlurfte über den Flur des Erdgeschosses, meist standen die Türen der Büros hier offen, leicht schieläugig kontrollierte er bei diesem Gang sogleich, wer bereits zur Arbeit erschienen war. Wer schon am Arbeitsplatz saß, war dringend angehalten, den Amtsleiter Senff zu grüßen, bevor der das als erster tat. Wer in diesen Momenten nicht darauf achtete, dass das große Tier an seinem Büro vorbei schlich, musste sich darauf einstellen, den Morgen nicht allein mit einem gehörigen Anschiss zu beginnen, sondern auch den Wochenrest mit allerlei Fronarbeiten zu verbringen. Heute war es anders. Es war der letzte normale Arbeitstag von Dr. habil. Maxim Senff.
Im ersten Büro, an dem er vorbeikam, hockte der kleinbebrillte Matthias Spasst. Der aufgrund seiner klassisch-archäologischen Ausbildung notorisch fehlbesetzte Wasserträger krümmte sich wie üblich vor dem Bildschirm seines Computers. Matthias verbrachte an dem Gerät die meiste Arbeitszeit, um es mit Daten zu füttern oder neue Namen in sittenwidrige Knebelverträge einzutragen. Er war ein typisch deutscher Vertreter der skrupellosen Schreibtischtäter. Wer mit ihm zu tun hatte, wusste, dass Spasst siebzig Jahre zuvor gewiss eine glanzvolle Karriere bei dem Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt der Schutzstaffel gemacht hätte, wenn er nicht zu religiös gewesen wäre. Heute gab er mit dem Intellekt einer Ameise und dem Verständnis einer Zuse 3 weitere Myriaden von Zahlenkolonnen in Excel-Tabellen ein.
„Guten Morgen, Maxim!“, sprang Matthias auf, als er seinen Chef in der Tür erblickte, der schon ein Büro weiter geschritten war, bevor er ein blasses „Morgen“ erwiderte. So wichtig es Maxim war, dass nicht er die Leute zuerst zu grüßen hatte, so selbstverständlich war es ihm, wenn sie es taten.
Im nächsten Büro saß Osiw Racled, ein russischstämmiger Schweizer, den es aus privaten Gründen nach Deutschland verschlagen hatte. Racled arbeitete bereits seit mehreren Jahren in dem Amt. Er war zuständig für die Inventarisierung und Prüfung der Meldeformulare. Entdeckte er, dass Informationen fehlten, reichte er die Unterlagen weiter. Nie wäre es ihm in den Kopf gekommen, selbst Informationen zu ermitteln. Erst im letzten Monat hatte es Osiw geschafft, ein begehrtes Büro im Erdgeschoss zu ergattern. Vorher war er dazu verdammt gewesen, in einem Kabuff in den trocken-staubigen Kellergewölben des Schlosses zu arbeiten. Nun wurde endlich auch sein Arbeitsplatz von natürlichem Tageslicht erhellt. Gerade noch rechtzeitig gelang es ihm „Morgen, Herr Doktor Senff!“ zu rufen, bevor dieser mit gesenkten Augenbrauen einhakte mit einem „Morgen! Ist die Akte Ferment schon rausgeschickt?“
„Die liegt bei Müller!“, gelang es Racled sich herauszureden. Senff nickte stumm und ging in seinem federnd-schlurfenden Schritt weiter. Mehrere Büros und Besprechungszimmer im Erdgeschoss standen noch leer, erst im letzten Raum vor der Treppe saß Volkmar Keulenkotz, eine teetrinkende Schwatzdrossel, dessen Arbeitsleistung niemandem wirklich klar waren. Obwohl er mehr oder weniger regelmäßig einen Einlauf verpasst bekam, ließ Senff ihn gewähren.
Senff stierte in das Büro, Keulenkotz saß kerzengerade vor seinem Computer und spielte Solitär.
„Morgen Keulenkotz“, motzte Senff.
„Morgen Herr Doktor Senff“, speichelte Keulenkotz und bemühte sich, das digitale Kartenspiel zu verbergen.
Doch so einfach machte es Senff sich nicht. Er blickte kurz im Büro umher und blinzelte zornig: „Was soll das eigentlich hier?“
„Was?“
„Na, der Mülleimer!“
Keulenkotz blickte verwirrt.
Mit gedrückter Stimme schimpfte Senff: „Der ist doch viel zu groß! Ich habe mich gerade gestern bei den Rotariern mit Staatssekretär Doktor Lange darüber unterhalten, was in Ämtern alles verschwendet wird.“
Keulenkotz wusste weiterhin nicht, worauf der Chef hinauswollte.
Senff kläffte jetzt gedämpft: „Jetzt stellen Sie sich mal vor, Doktor Lange kommt hierhin zu Besuch. Wenn der sieht, was Sie für einen großen Mülleimer haben, dann denkt der doch, Sie produzieren nur Müll!“
Keulenkotz machte große Augen.
„Jetzt entsorgen Sie diesen Mülleimer und bestellen Sie sich in der Arbeitsmittelbeschaffungsstelle einen neuen Mülleimer. Aber einen kleinen!“, hängte Senff mit Nachdruck an seinen Satz. Senff ging aus dem Büro und lief zur Treppe.
Nachdem Senff die Treppe hinaufgestiegen war, ging er rechts um die Ecke und gelangte in das Vorzimmer von Amelie Scheckow, seiner Sekretärin.
„Guten Morgen, Herr Direktor!“
„Morgen, Frau Scheckow. – Sie können gleich der Jensen Bescheid geben. Sie kann die Dias wieder abholen.“
„Ist der Luftbild-Vortrag nach ihren Wünschen verlaufen, Herr Direktor?“
„Naja, wenigstens stand kein Dia auf dem Kopf, obwohl die Hornochsen bei den Rotariern es sowieso nicht gemerkt hätten. Nächstes Jahr muss Robert –“, er hielt inne, ihm wurde bewusst, dass es höchstwahrscheinlich kein nächstes Jahr mehr geben sollte, in dem er irgendwelche Arbeit an Robert Plankenreiter delegieren konnte. „Es ist schon gut, Frau Scheckow, sagen Sie ihr nur Bescheid“, beendete er das Geplänkel und freute sich über seinen nächsten Karriereschritt hin zum Kultusministerium.
Schulterzuckend drehte er sich um und öffnete die schwere Flügeltür zu seinem Büro. Im Gegensatz zu den verkommenen Büros seiner Angestellten hatte er stets darauf bestanden, dass sein eigenes Büro anständig renoviert und eingerichtet war. Daher residierte er in einem Turmzimmer mit einem überdimensionalem Feldherrenschreibtisch aus massiver Eiche, einer edlen, noch von seinem Vorgänger übernommenen Holzvertäfelung und zahlreichen Bücherregalen, die gefüllt waren mit all den gedruckten Schenkungen, die ein Wissenschaftlerleben so begleitet. Er legte seine Tasche auf den Schreibtisch, schritt zu dem Schrank, in dem sich seine private Garderobe befand und hakelte zwei Kleiderbügel heraus.
Er zog Mantel, Schal und Sakko aus und hängte das Ensemble auf die Bügel, die er im Schrank verstaute. Auf der Innenseite der Schranktür hing ein halbhoher Spiegel. Einen Moment stellte er sich leicht gekniet davor, um seine Haare zu richten, dazu zog er aus der linken Gesäßtasche seinen Kamm. Kaum hatte er die kümmerlichen Reste dessen, was er früher selbst so gerne als Mähne angesehen hatte, über den Kopf gefurcht, da fielen ihm im Spiegelbild zwei unschöne Details auf.
Auf seiner sprungschanzenartigen Nase hatte sich wieder ein dicker Pickel gebildet. Maxim konnte machen, was er wollte, den Pickel zu verhindern war er seit seinem 12. Lebensjahr nicht imstande. Allerdings hatte er es irgendwie geschafft, damit leben zu können. Wesentlich peinlicher war ihm dagegen der andere ä-Punkt der Kreation Senff. Es war der tägliche Fleck, der sich morgens bei der erstbesten Gelegenheit auf seinem Hemd oder seiner Jacke bildete.
Mal war es ein Tropfen Kaffee, mal war es Milch. War es gestern noch Rotwein, der die gebundene Fliege verunzierte, konnten es heute Spritzer vom frühstücklichem Spiegelei oder morgen auch Marmelade sein. Die eine Woche trug er Zahnpasta auf seinem Hemd, in der Woche zuvor war es noch Senf, ausgerechnet. Damals, als er Leiter der Abteilung Sonderprojekte im Osten war und oft genug ehemalige LPG-Gebäude abklappern musste, zog er mit seiner schwarzen Sportjacke automatisch Kalkreste von den ungepflegten Wänden an. Streifte er in einem weißen Segeltuchanzug durch die Landschaft, so dauerte es keine Minute, und ein Ölfleck zierte das Ensemble.
Mit diesen Flecken verbrachte Senff seine innigsten, aber auch ärgerlichsten Momente, konnte er doch stundenlang an ihnen herumknibbeln und sich selbstvergessen mit dem erfolglosen Versuch beschäftigen, sie von den Textilien zu lösen. Besonders groß war dieser Drang stets an solchen Tagen, an denen sich die Presse angekündigt hatte, selbst in der Zeit, als es ihm bereits gelang, mit den Journalisten herumzuspringen wie ein Löwendompteur mit seinen Kätzchen.
Als er heute den Fleck auf seiner Fliege entdeckte, fluchte er stumm. Er wischte mit den Fingerrücken ein paar Mal über den Fleck, ohne dass es irgendetwas brachte.
Er richtete sich wieder auf, schloss beidhändig den Schrank und stellte sich dann mit angewinkelten und auf die Hüften gestützte Arme vor eines seiner Bücherregale. Er schaute auf die Bücher, die er als angemessenen Tribut an seine gottgleichen Fähigkeiten ansah, und begann zu träumen.
Der alt aussehende Mann trug seine fisseligen Haare noch immer fast schulterlang. Heimtückisch schlurfte er zur schweren, sich nach außen öffnenden Eingangstür des Schlosses. Auch von Ferne war er an seinem Markenzeichen gut zu erkennen, hatte er sich doch wie stets seinen roten Lieblingsschal um den in den letzten Jahren aufgequollenen Hals gepackt. Wie jeden Morgen würdigte der verhärmte Dr. habil. das Backsteinschlösschen mit seinen verdrehten Schornsteinen und dem brüchig gemauerten Landeswappen keines Blickes.
Bald ist es hiermit vorbei, dachte er grinsend bei sich, als er vor der Tür stand, es war schön, aber die Karriere geht weiter. Er war sich doch seit jeher so sicher gewesen, zu höherem bestimmt zu sein. Er befingerte das Codeschloss an der Eingangstür. Niemand verstand, auf welcher Grundlage er die Kombinationen für das Schloss auswählte. Diesen Monat war es das Erscheinungsjahr seiner Dissertation, die 1 dann die 9 dann noch mal die 9 und zuletzt die 3. So. Das grüne Licht leuchtete, der Mechanismus brummte krächzend. Senff öffnete die Tür und stolperte in den Flur.
So baufällig das Schloss auch war, es gefiel ihm trotz der quietschenden Türen, der schwammigen Tapeten mit vergilbten Wölkchen vor ehemals blauen Himmelchen und den unangenehmen Fluren mit ihren verfilzten, aber abgetretenen Teppichen. Senff schlurfte über den Flur des Erdgeschosses, meist standen die Türen der Büros hier offen, leicht schieläugig kontrollierte er bei diesem Gang sogleich, wer bereits zur Arbeit erschienen war. Wer schon am Arbeitsplatz saß, war dringend angehalten, den Amtsleiter Senff zu grüßen, bevor der das als erster tat. Wer in diesen Momenten nicht darauf achtete, dass das große Tier an seinem Büro vorbei schlich, musste sich darauf einstellen, den Morgen nicht allein mit einem gehörigen Anschiss zu beginnen, sondern auch den Wochenrest mit allerlei Fronarbeiten zu verbringen. Heute war es anders. Es war der letzte normale Arbeitstag von Dr. habil. Maxim Senff.
Im ersten Büro, an dem er vorbeikam, hockte der kleinbebrillte Matthias Spasst. Der aufgrund seiner klassisch-archäologischen Ausbildung notorisch fehlbesetzte Wasserträger krümmte sich wie üblich vor dem Bildschirm seines Computers. Matthias verbrachte an dem Gerät die meiste Arbeitszeit, um es mit Daten zu füttern oder neue Namen in sittenwidrige Knebelverträge einzutragen. Er war ein typisch deutscher Vertreter der skrupellosen Schreibtischtäter. Wer mit ihm zu tun hatte, wusste, dass Spasst siebzig Jahre zuvor gewiss eine glanzvolle Karriere bei dem Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt der Schutzstaffel gemacht hätte, wenn er nicht zu religiös gewesen wäre. Heute gab er mit dem Intellekt einer Ameise und dem Verständnis einer Zuse 3 weitere Myriaden von Zahlenkolonnen in Excel-Tabellen ein.
„Guten Morgen, Maxim!“, sprang Matthias auf, als er seinen Chef in der Tür erblickte, der schon ein Büro weiter geschritten war, bevor er ein blasses „Morgen“ erwiderte. So wichtig es Maxim war, dass nicht er die Leute zuerst zu grüßen hatte, so selbstverständlich war es ihm, wenn sie es taten.
Im nächsten Büro saß Osiw Racled, ein russischstämmiger Schweizer, den es aus privaten Gründen nach Deutschland verschlagen hatte. Racled arbeitete bereits seit mehreren Jahren in dem Amt. Er war zuständig für die Inventarisierung und Prüfung der Meldeformulare. Entdeckte er, dass Informationen fehlten, reichte er die Unterlagen weiter. Nie wäre es ihm in den Kopf gekommen, selbst Informationen zu ermitteln. Erst im letzten Monat hatte es Osiw geschafft, ein begehrtes Büro im Erdgeschoss zu ergattern. Vorher war er dazu verdammt gewesen, in einem Kabuff in den trocken-staubigen Kellergewölben des Schlosses zu arbeiten. Nun wurde endlich auch sein Arbeitsplatz von natürlichem Tageslicht erhellt. Gerade noch rechtzeitig gelang es ihm „Morgen, Herr Doktor Senff!“ zu rufen, bevor dieser mit gesenkten Augenbrauen einhakte mit einem „Morgen! Ist die Akte Ferment schon rausgeschickt?“
„Die liegt bei Müller!“, gelang es Racled sich herauszureden. Senff nickte stumm und ging in seinem federnd-schlurfenden Schritt weiter. Mehrere Büros und Besprechungszimmer im Erdgeschoss standen noch leer, erst im letzten Raum vor der Treppe saß Volkmar Keulenkotz, eine teetrinkende Schwatzdrossel, dessen Arbeitsleistung niemandem wirklich klar waren. Obwohl er mehr oder weniger regelmäßig einen Einlauf verpasst bekam, ließ Senff ihn gewähren.
Senff stierte in das Büro, Keulenkotz saß kerzengerade vor seinem Computer und spielte Solitär.
„Morgen Keulenkotz“, motzte Senff.
„Morgen Herr Doktor Senff“, speichelte Keulenkotz und bemühte sich, das digitale Kartenspiel zu verbergen.
Doch so einfach machte es Senff sich nicht. Er blickte kurz im Büro umher und blinzelte zornig: „Was soll das eigentlich hier?“
„Was?“
„Na, der Mülleimer!“
Keulenkotz blickte verwirrt.
Mit gedrückter Stimme schimpfte Senff: „Der ist doch viel zu groß! Ich habe mich gerade gestern bei den Rotariern mit Staatssekretär Doktor Lange darüber unterhalten, was in Ämtern alles verschwendet wird.“
Keulenkotz wusste weiterhin nicht, worauf der Chef hinauswollte.
Senff kläffte jetzt gedämpft: „Jetzt stellen Sie sich mal vor, Doktor Lange kommt hierhin zu Besuch. Wenn der sieht, was Sie für einen großen Mülleimer haben, dann denkt der doch, Sie produzieren nur Müll!“
Keulenkotz machte große Augen.
„Jetzt entsorgen Sie diesen Mülleimer und bestellen Sie sich in der Arbeitsmittelbeschaffungsstelle einen neuen Mülleimer. Aber einen kleinen!“, hängte Senff mit Nachdruck an seinen Satz. Senff ging aus dem Büro und lief zur Treppe.
Nachdem Senff die Treppe hinaufgestiegen war, ging er rechts um die Ecke und gelangte in das Vorzimmer von Amelie Scheckow, seiner Sekretärin.
„Guten Morgen, Herr Direktor!“
„Morgen, Frau Scheckow. – Sie können gleich der Jensen Bescheid geben. Sie kann die Dias wieder abholen.“
„Ist der Luftbild-Vortrag nach ihren Wünschen verlaufen, Herr Direktor?“
„Naja, wenigstens stand kein Dia auf dem Kopf, obwohl die Hornochsen bei den Rotariern es sowieso nicht gemerkt hätten. Nächstes Jahr muss Robert –“, er hielt inne, ihm wurde bewusst, dass es höchstwahrscheinlich kein nächstes Jahr mehr geben sollte, in dem er irgendwelche Arbeit an Robert Plankenreiter delegieren konnte. „Es ist schon gut, Frau Scheckow, sagen Sie ihr nur Bescheid“, beendete er das Geplänkel und freute sich über seinen nächsten Karriereschritt hin zum Kultusministerium.
Schulterzuckend drehte er sich um und öffnete die schwere Flügeltür zu seinem Büro. Im Gegensatz zu den verkommenen Büros seiner Angestellten hatte er stets darauf bestanden, dass sein eigenes Büro anständig renoviert und eingerichtet war. Daher residierte er in einem Turmzimmer mit einem überdimensionalem Feldherrenschreibtisch aus massiver Eiche, einer edlen, noch von seinem Vorgänger übernommenen Holzvertäfelung und zahlreichen Bücherregalen, die gefüllt waren mit all den gedruckten Schenkungen, die ein Wissenschaftlerleben so begleitet. Er legte seine Tasche auf den Schreibtisch, schritt zu dem Schrank, in dem sich seine private Garderobe befand und hakelte zwei Kleiderbügel heraus.
Er zog Mantel, Schal und Sakko aus und hängte das Ensemble auf die Bügel, die er im Schrank verstaute. Auf der Innenseite der Schranktür hing ein halbhoher Spiegel. Einen Moment stellte er sich leicht gekniet davor, um seine Haare zu richten, dazu zog er aus der linken Gesäßtasche seinen Kamm. Kaum hatte er die kümmerlichen Reste dessen, was er früher selbst so gerne als Mähne angesehen hatte, über den Kopf gefurcht, da fielen ihm im Spiegelbild zwei unschöne Details auf.
Auf seiner sprungschanzenartigen Nase hatte sich wieder ein dicker Pickel gebildet. Maxim konnte machen, was er wollte, den Pickel zu verhindern war er seit seinem 12. Lebensjahr nicht imstande. Allerdings hatte er es irgendwie geschafft, damit leben zu können. Wesentlich peinlicher war ihm dagegen der andere ä-Punkt der Kreation Senff. Es war der tägliche Fleck, der sich morgens bei der erstbesten Gelegenheit auf seinem Hemd oder seiner Jacke bildete.
Mal war es ein Tropfen Kaffee, mal war es Milch. War es gestern noch Rotwein, der die gebundene Fliege verunzierte, konnten es heute Spritzer vom frühstücklichem Spiegelei oder morgen auch Marmelade sein. Die eine Woche trug er Zahnpasta auf seinem Hemd, in der Woche zuvor war es noch Senf, ausgerechnet. Damals, als er Leiter der Abteilung Sonderprojekte im Osten war und oft genug ehemalige LPG-Gebäude abklappern musste, zog er mit seiner schwarzen Sportjacke automatisch Kalkreste von den ungepflegten Wänden an. Streifte er in einem weißen Segeltuchanzug durch die Landschaft, so dauerte es keine Minute, und ein Ölfleck zierte das Ensemble.
Mit diesen Flecken verbrachte Senff seine innigsten, aber auch ärgerlichsten Momente, konnte er doch stundenlang an ihnen herumknibbeln und sich selbstvergessen mit dem erfolglosen Versuch beschäftigen, sie von den Textilien zu lösen. Besonders groß war dieser Drang stets an solchen Tagen, an denen sich die Presse angekündigt hatte, selbst in der Zeit, als es ihm bereits gelang, mit den Journalisten herumzuspringen wie ein Löwendompteur mit seinen Kätzchen.
Als er heute den Fleck auf seiner Fliege entdeckte, fluchte er stumm. Er wischte mit den Fingerrücken ein paar Mal über den Fleck, ohne dass es irgendetwas brachte.
Er richtete sich wieder auf, schloss beidhändig den Schrank und stellte sich dann mit angewinkelten und auf die Hüften gestützte Arme vor eines seiner Bücherregale. Er schaute auf die Bücher, die er als angemessenen Tribut an seine gottgleichen Fähigkeiten ansah, und begann zu träumen.
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