Der Weg zu Wielands Grabung führte von einem Feldweg durch eine etwa einen Kilometer lange und sehr enge Schneise, die der Bauer im Rapsfeld freigelassen hatte, damit die Fundstelle erreichbar blieb. Noch bevor wir bei den Bauwagen ankamen, sahen wir, dass Senffs Wagen bereits an den Bauwagen stand.
„Da hätte Wieland nur noch einen Moment warten müssen“, sagte ich wie beiläufig und Wernher bemerkte „Kiek ma an! Der Plankenreiter is ooch da!“ Ich parkte den vom Raps gelb gepuderten Dienstwagen, dann stiegen wir alle aus. Meine Arbeiter begrüßten das Team von Wieland, das bei unserer Ankunft auf der Grabung verteilt herumstand. Sie waren sichtlich nicht beschäftigt, schienen aber nicht bei Senff stehen zu wollen. Als ich zu Senff ging, kamen mir erst Wernher, Dieter und Jan nach, dahinter folgten uns Wielands Arbeiter.
Auf mehrere Meter Entfernung sah ich Senff und Plankenreiter an einem Ende eines großen L-förmigen Schnittes knieen, wo sie andächtig im Dreck mit Kellen herumwühlten.
„Hallo Maxim!“, sagte ich, und: „Hallo Robert!“ Beide schauten kurz auf und erwiderten einen stummen Gruß, dann bastelten sie an dem Grab wieder mit einem Gesichtsausdruck herum, wie ihn dreijährige Kinder haben, wenn sie im Sandkasten Matschkuchen backen oder Sandburgen bauen.
„Wieland war eben bei mir“, erklärte ich, „der hat schon auf dich gewartet. Jetzt ist er wahrscheinlich in der LPG, um dich im Amt anzurufen.“
„Jaja. Jetzt bin ich ja hier.“
Ich kam näher und sah, dass sie dabei waren, einzelne Funde mit den Kellen im Dreck zu fixieren. Maxim wurstelte an den Resten von Eisenringen eines Holzeimers herum, die in Kränzen um den Totenschädel lagen. Robert steckte die verrosteten Reste eines Saxes zwischen den Rippen des Toten fest.
Vorsichtig fragte ich: „Äh, habt ihr das so gefunden?“
„Jaja“, sprang Adlatus Robert sofort ein, „das war nur gerade ein wenig umgekippt.“
„Der Eimer war über dem Kopf?“
„Ja, da wollte jemand seinen Kopf malträtieren.“
„Und der Sax?“, fragte ich noch vorsichtiger mit einem zweifelnden Unterton.
„Der ist damit wie gepfählt worden. Zwischen die Rippen. Genau ins Herz. Wahrscheinlich haben sie ihn für einen Vampir gehalten.“ Ich bin mir sicher, dass mein Gesicht in diesem Moment einen überaus erstaunten Ausdruck angenommen haben muss.
Inzwischen bildeten meine und Wielands Arbeiter mit mir einen Halbkreis um die beiden. Keiner sagte ein Wort. Ich schaute mit großen Augen zu Dolores und den anderen, die ich seit den letzten Wochen zumindest vom Sehen kannte, aber alle blickten mit dem selben fragenden Ausdruck zurück. Die Stimmung war äußerst gedrückt und in der sirrenden Sonne hörte man nur das Kratzen der Kellen und das Klopfen der Hände von Senff und Plankenreiter. Die eigentlich naheliegende Landstraße lag dagegen in auffallender Stille. Am äußersten Rand des Halbkreises stand Wielands Baggerfahrer Frank. Leise fing er an, einen Arbeiter Wielands anzuflüstern: „Wo war ich stehengeblieben? Achja, bei der Western Train. Ja, das ist ein richtiges Wohnmobil, nicht nur son Bulli mit Auflieger. Drinnen habe ich Flugzeugteppich ausgelegt. Top, kann ich nur sagen. Da kannste verschütten, waste willst, da kriste keine Flecken rein!“
Unwillkürlich sah ich in seine Richtung. Obwohl ich es gar nicht beabsichtigt hatte, schien er zu denken, dass es mir lieber wäre, wenn er still bliebe. Schlagartig hielt er inne, schaute mich staunend an und schwieg. Kurz darauf steckte er seine Hände in die Hosentaschen seines Blaumanns und stiefelte langsam zu seinem Bagger, an dem er dann herumbastelte.
Senff und Plankenreiter arbeiteten weiter. Ich kann mich noch erinnern, wie erstaunt ich war, die beiden so hochkonzentriert an den Knochen und Funden herumspachteln zu sehen. Maxim hatte glänzende Augen, er muss auf der Stelle erkannt haben, dass das Grab ein Geschenk war. Es war wie ein großer Lottogewinn vor allem deshalb, weil Wieland nicht da war, um auch nur einen Anteil des Gewinnes einzustreichen. Wielands erfolgloses Warten und seine panische Reaktion, zu mir und dann zur LPG zu fahren, war Senffs Zusatzzahl.
„Können wir euch helfen?“, fragte ich.
„Ihr könnt schon mal die Fotoleiter holen und die Fotosachen bereit machen.“
Senff wollte uns merklich loswerden. Dolores ging mit einem Mitarbeiter zum Container und in den Bauwagen, um die Fotosachen und die Leiter zu holen.
Ab und zu, wenn Senff sich anders hinhockte oder wenn die schnelle Bewegung seines Armes es zuließ, konnte ich mehr von dem Grab sehen. Es war auf den ersten Blick ein erstaunlich gut konserviertes Körpergrab. Dass in diesem kalkarmen Boden Knochen so gut erhalten waren, war extrem ungewöhnlich. Auf Höhe des Beckens konnte man eine Gürtelschnalle erkennen. Auf den zusammengefallenen Rippen zeichnete sich eine schwarzsilbrige Fibel ab, die kaum vom umgebenden Boden zu unterscheiden war. Das Haupt des Toten ruhte leicht erhöht, daneben stand ein kleiner kumpfförmiger Topf. Obwohl der Topf nur sehr grob mit einem Pinsel gereinigt war, konnte man Rosetten und eingeritzte waagerechte Linien auf seiner Oberfläche gut erkennen. Auf der anderen Seite des Kopfes waren mehrere kleine stark rostige Dreiecke erkennbar. Jan merkte, dass sie mir aufgefallen waren, und drängelte sich zu mir. Vorsichtig stupste er mich an und flüsterte ausgesprochen leise: „Hier gibt es Pfeilspitzen. Ich hätte so gerne Pfeilspitzen gefunden, warum konnte ich nicht hier graben?“
Ich blickte ihn kurz an und zuckte mit den Schultern. Offenbar meinte er es ernst. Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte, und ließ ihn wortlos stehen. Inzwischen hörten wir leise, wie sich ein Wagen durch die Schneise im Rapsfeld arbeitete. Wieland kam zurück.
Er fuhr seinen verbeulten Bulli vorsichtig über den Weg auf dem Acker und gelangte zu der Fläche, die für die Wagen der Mitarbeiter und die Bauwagen freigelassen war. Er musste längst gesehen haben, dass Senff bereits auf der Grabung war, obwohl es für ihn kaum erkennbar gewesen sein konnte, womit sich der Leiter der Sonderprojekte gerade beschäftigte. Dennoch stieg Wieland ungewöhnlich ruhig aus seinem Wagen. Ich weiß noch, dass ich mich wunderte, dass er sich gemächlich über den Fahrersitz beugte und einen Moment im Fußraum des Beifahrers kramte. Dann schloss er lahm die Tür und kam gemessenen Schrittes zu uns hinüber. Ich war überrascht, dass er jetzt, wo Senff seinen Befund im Wortsinne bearbeitete, plötzlich so gelassen war. Dabei kannte er Senff einfach nur besser als ich. Ihm muss längst bewusst gewesen sein, dass er das Grab nicht retten konnte, wenn Maxim die Gelegenheit dazu gegeben wurde, es allein „auszugraben“. Er wirkte nicht einmal mehr überrascht, dass Plankenreiter mitgekommen war. Dabei verließ Senffs Adlatus das Amt damals nur selten. Ausgerechnet an diesem Tag war er mitgekommen, als Wieland die wichtigste Entdeckung seines Lebens gemacht hatte.
Wieland wirkte lethargisch. Ich ahnte es nur, er muss bereits gewusst haben, dass nichts mehr zu verhindern war. Hätte er sich in diesem Moment beklagt, wäre er nicht allein den Befund, sondern darüber hinaus auch die Stelle los gewesen. Für die Restzeit seines Vertrages wäre er wahrscheinlich per Dienstbefehl zu einem Änderungsvertrag gezwungen worden und hätte damit in der hinterletzten Ecke besonders unbefriedigende Arbeiten ausführen dürfen. Aber er hätte keine Verlängerung mehr bekommen.
Als Wieland bei uns ankam, blieb auch er im Halbkreis stehen. Er verschränkte die Arme und lehnte sich schweigend vor, um ab und an einen Blick auf das Grab zu erhaschen. Er wagte es selbst kaum, an Senff heranzutreten. Heute glaube ich, dass sich sein ängstlicher Respekt Senff gegenüber mit purer Resignation vermischte. Plötzlich ergriff er kurz das Wort.
„Ich hab schon auf dich gewartet“, funkte er Senff an. „Ich war in der LPG, um im Amt anzurufen.“
Senff schwieg und kritzte in vorgebeugter Stellung weiter mit den Maurerwerkzeugen in den sterblichen Überresten herum.
Wieland traute sich zu fragen: „Willst du es heute noch rausholen? Sollen wir uns nicht lieber um eine Bewachung kümmern und es nächste Woche in Ruhe bergen?“
Senff richtete sich auf, sah Wieland in einer Mischung aus Überlegenheit und Zorn an und sagte: „Nein! Das ist nicht drin, das wird heute geborgen.“
Ich weiß nicht, ob Wieland sich noch ernsthafte Hoffnungen gemacht hatte, als er Maxim gefragt hatte, aber er hatte es immerhin geschafft, ihn dazu zu bringen, die Sicht auf das Grab freizugeben. Jetzt konnte er seinen Befund begutachten, und als Maxim sprach, starrte Wieland auch nur auf das Grab. Mit einem Blick hatte der eigentliche Grabungsleiter gesehen, was da vor ihm passierte. Maxim riss das Grab nicht einfach an sich, nein, er zerstörte und verfälschte es. Er manipulierte es, um es noch sensationeller zu machen, bevor er damit im Amt und in der Öffentlichkeit auftrat.
Hinter uns hockte Dolores und knibbelte einzelne Ziffern aus der Fototafel, um im Anschluss die korrekten Daten aufzustecken. Wieland drehte sich von uns und ging zu Dolores. Nur aus den Augenwinkeln sah ich zu, wie beide miteinander still plauderten. Immer wieder zeigte einer der beiden zu dem Grab. Mehrfach wies Dolores auch schulterzuckend auf den Wagen von Senff. Leise atmete ich einmal tief durch und ging dann zu den beiden. Ich wollte wissen, was hier gespielt wurde.
„Kannst du mir mal sagen“, fragte ich Wieland gedämpft, als ich bei beiden hockte, „was hier passiert?“
„Ich weiß es nicht“, flüsterte Wieland, „ich weiß nur, dass das Grab nicht so aussah, als ich losgefahren bin. Dolores hat mir gerade gesagt, dass Senff ausgeflippt ist, als er kam. Der war wohl keine Minute hier, nachdem ich zu dir losgefahren bin. Als er das Grab gesehen hat, hat er alle Leute weggeschickt. Sie sollten dies holen, sie sollten jenes holen. Von einem wollte er einen Eimer Sand, der andere musste die Gloria an dem Bach da hinten füllen. Der wollte alle loswerden, damit er alleine hier wirken kann. Alleine mit Plankenreiter.“
„Sowas ähnliches hab ich mir schon gedacht. Aber das ist doch nicht nur Manipulation, das ist doch sogar Schwachsinn, was der da macht. Schwert zwischen den Rippen. Eimer auf dem Kopf!“ Ich schüttelte den Kopf.
„Natürlich. Wir hatten das Grab zwar noch nicht frei geputzt, aber man konnte sehen, wo die Sachen lagen. Das Schwert war ganz normal an der Seite. Die Eimerreste zeichnete sich neben dem Skelett ab, ganz normal.“
Meine Befürchtung hatte sich also bewahrheitet: „Der spinnt doch. Der macht nicht nur den Befund kaputt und fälscht ihn, der übertreibt auch noch so, dass ihm das keiner abnehmen wird.“
„Ich weiß nichts mehr“, schüttelte Wieland verzweifelt den Kopf, „wahrscheinlich kommt er sogar damit durch.“
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Donnerstag, 30. April 2009
Montag, 27. April 2009
Kapitel 11.5
Auf der Grabung packten wir die Sachen aus und wollten direkt den Grill zusammenbauen, mussten aber feststellen, dass dafür Werkzeug erforderlich war. Glücklicherweise hatte Hans auch diesmal seinen Werkzeugkasten dabei, daher verzögerte sich der Aufbau kaum.
Zwischenzeitlich stolperte Jan von der Grabungsfläche zu uns: „Seid ihr bald fertig? Ist ja schon dreiviertel zwölf! Das Grillen dauert gleich ja schließlich auch noch.“
Unwillkürlich blickte ich auf die Uhr, die abgekürzte Zeitansage erschloss sich mir damals noch nicht. Ich sagte: „Viertel vor, stimmt“, und Jan erwiderte: „Viertel vor was? Was ist das denn für ein Quatsch? Dreiviertel heißt das. Wenn du einen Kuchen fast aufgegessen hast, sagst du ja auch nicht, der Kuchen ist viertel vor.“ Jan ging weg. Er schüttelte den Kopf, ich auch. Micha schwieg und schraubte weiter an der Edelstahlsäule. Irgendwann war es dann so weit, Grillrost und Windschutz waren installiert. Der stolze Grillbesitzer erklärte sich feierlich zum Koch und schüttete die Kohle in seinen neuesten Schatz. Mit leeren Fundzetteln entfachte er auf ihnen ein Feuer, das die schwarz gemeilerten Hölzer zum Glühen bringen sollte. Weißlicher Rauch züngelte am Werkzeugcontainer vorbei in den blauen Himmel. Bald fächerwedelte Micha mit einem steif-bogigen Pappteller und versorgte die noch kleine Glut mit frischer Luft.
Schon begannen wir, die ersten Würstchen auf das jungfräuliche Gitter zu legen, als Sylvia sich aus dem Bauwagen zu uns gesellte.
„Na, habt ihr alles gekriegt?“
„Denke schon“, beschied ich kurz.
„Ja, heute kriegt man ja alles“, erwiderte sie nachdenklich, „früher war das viel einfacher. Da gab es zwar fast nüscht, aber man wusste wenigstens, was man kaufen kann. Heute stehe ich bei Liddel immer vor den Regalen und hab keine Ahnung, was ich mitnehmen soll.“ Stumm schaute ich sie an und sie schilderte weiter, „da ist ja alles immer so bunt und es gibt von allem hundert Sorten. Und man weiß nie, kauf ich jetzt das richtige oder ist das doch nicht gut?“
Ich erinnerte mich an die Wendezeit-Beschwerden, die mir ein Bekannter von seinen Kindern erzählt hatte. Ohne jedes Verständnis für die historischen Dimension des Unterganges des vorgeblichen Arbeiter-und-Bauern-Regimes mokierten sie sich allein darüber, dass plötzlich die Regale ihres westdeutschen Wohlstandssupermarktes leer und ausgeräumt waren. Sie bekamen ihren gewohnten Zucker-Schoko-Frühstücksmüll nicht mehr vorgesetzt, weil nun ihre ostdeutschen Brüder und Schwestern eine Zeit lang vorrangig versorgt wurden. Die Konzerne hatten eben ein paar Monate Gefallen daran gefunden, Westkonsumenten vorzuführen, wie es jahrzehntelang in Ostgeschäften abgelaufen war, indem sie ganze Produktchargen direkt über die Grenze karrten. Das war echte Solidarität. Oder Kapitalismus, wenn man schlicht den damaligen Grad der Nachfrage beiderseits der Grenze miteinander vergleicht.
Dann grinste Sylvia plötzlich und lächelte über Michas Baseballmütze: „Weißte Micha, wenn du nivellierst, drehst du die Kappe auch immer nach hinten.“ Mit ihren Händen zeigte sie kurz an ihrer Kappe, was sie meinte, ohne sie richtig zu drehen, weil ihr Zopf hinten heraushing. Micha sah sie an und nickte in die Sonne. „Wenn du dann am Nivellier stehst, denn siehste immer aus, als ob du einen Film drehst.“ Jetzt machte sie kurbelnde Bewegungen in der Luft, „weißte, so wie früher, die Kameramänner.“
Micha machte ein hocherfreute Gesicht: „Soll ich dir mal einen von meinen Filmen vorführen?“, aber Sylvia winkte grinsend ab. Inzwischen hatten wir auch einen Teil des Fleisches auf den Grill gelegt. Micha öffnete das erste Bier, das er zunächst natürlich nicht zu trinken gedachte, sondern auf dem Grill zur geschmacklichen Unterstützung verwendete. Bald kam Jan mit den anderen an und fragte: „Mein Filet habt ihr auch schon draufgelegt?“ Eine Beantwortung erübrigte sich jedoch, weil er im Fragen gesehen hatte, dass es brutzelte.
Wernher ermahnte den kleinen noch einmal: „Da musste aba scheen uffpassen, dit dit nich trockn wird!“
Sylvia holte aus dem Kofferraum von Hans’ Wagen noch ein paar Grillsaucen, die sie mitgebracht hatte und ein Paket Toast. Stefan ging währenddessen zu seinem Pick-up und wurstelte sich aus einer Kühltasche eine bereits ausgenommene Forelle, mit der er dann zu uns kam.
„Hier, ha’ck selba jeanglt. Jrad jestern erss!“, verkündete er stolz und quetschte seine Forelle auf den Rost.
Hans staunte: „Ihr trinkt ja schon das erste Bier?“ Aber Micha winkte ab: „Nee, das ist doch nur das Grillbier!“
„Was für’n Bier habt ihr uns denn mitgebracht?“, wollte Dieter nun wissen und auch Stefan wurde neugierig: „Radeberjer? Hättet-ta ma lieba ’n anständijet Westpils jeholt!“
Das erboste Hans: „Dabei schmeckt Radeberger doch schon längst wie’n Westpils, früher, ja, da war das gut, da haben se sich vorm Jahresende vorm HO noch ums Bier geprügelt.“
„Daran kann ick mir ooch noch erinnern“, träumte Wernher, „und damals hat et ja ooch noch jeschmeckt, nich wahr, Hans?“
Längst hatten sich alle in einem Kreis um den Grill verteilt mit gebührendem Abstand zu den Bierdampfschwaden, die Micha regelmäßig durch das Nachmarinieren erzeugte. Im Gesicht des einen oder anderen sah man zuweilen prüfende Blicke, ob sich nicht vielleicht der Wind drehte. Inzwischen hatten sich alle Biertrinker eine Patrone genommen und geöffnet. Ab und zu saugten sie an dem runden Blech.
„Kuckt mal, ein Storch“, Sylvia lenkte alle Blicke zum Himmel, „so was gibt’s im Westen gar nicht mehr.“ Ich setzte ein sehr verdutztes Gesicht auf, da erklärte sie schon, „na im Westen ist doch nur Industrie und alles voller Straßen. So was wie Natur gibt’s da doch gar nicht mehr.“
Ich bemerkte lapidar: „Mal davon abgesehen, dass im Westen gerade alte Industriegebiete in den letzten zehn, fünfzehn Jahren sehr grün geworden sind, möchte ich dezent an Bitterfeld erinnern.“
„Das ist ja nur ein Extrembeispiel. Dafür haben wir nicht so viele Autobahnen, sondern viel mehr Natur. Und Störche oder Frösche, das gibt’s bei euch doch gar nicht mehr.“
„Natürlich, ich hab ja als Kind immer Frösche und Molche gefangen.“
„Ja, du weißt doch, wie ich das meine“, beschwichtigte sie, „Anwesende sind schließlich ausgenommen, du bist ja sowieso nicht wie die anderen Wessis.“
„Bist du denn schon mal dagewesen?“, fragte ich Sylvia, „Also im Westen?“
Sie schüttelte den Kopf, Hans erhob aber für sie den Zeigefinger und meinte: „Ich bin schon mal in Braunschweig gewesen, da habe ich Sperrmüll verkauft. Und was ich da vom Westen gesehen habe, reicht mir, das brauch ich nicht noch mal.“
„Naja, Braunschweig dürfte kaum typisch für den ganzen Westen sein“, merkte ich an und lenkte meine Aufmerksamkeit auf Stefan, der Dieter inzwischen mit Anglerlatein unterhielt.
„... sooo jroß war der, son richtijen Kawennsmann“, Stefan riss seine Arme so weit auseinander, wie er es nur vermochte, „aba denn war da uff eenmal son komischet Jeräusch.“ Der Baggerfahrer stimmte ein sehr dumpfes Huu-Huu an, „det wa in de Büsche drinn. Da ham wa uns so erschreckt! Mein Kumpel hat sojar seine Angel da liejn lassn“, er lachte, „weil er dachte, det da wer erdosselt wird, oda sojar schon tot is. Ick hab mir mehr Sorjen jemacht, det det die Aufsicht is, un wa hattn doch keene Papiere nischt, also sinn wa losjefarn.“
Auch Jan hörte aufmerksam zu und vermutete hinter dem Geräusch: „Das war doch bestimmt ’ne Kuh, die in den See gefallen ist, oder?“
Aber der kopfschüttelnde Dieter wusste mehr: „Du hast gesagt, das war hier am Pleuner See?“, Stefan nickte, „Dann war das ’ne Rohrdommel.“
„’ne Rohrdommel?“ Der Baggerfahrer staunte, „Det Jeräusch soll ’n Vojel jewesn sein?“
„Ja natürlich!“, beharrte Dieter mit seiner kindlichen Überzeugung, „Die Rohrdommel nennt man deswegen doch auch Moorochse. Oder – na, wie noch – genau: Wasserochse. Außerdem kenne ich den See, da fahr ich immer mit meiner Frau hin.“ Die Augen des Seemanns nahmen wieder ihre fröhliche Faltenstellung ein, „die schimpft dann immer. Wenn wir da hinfahren“, imitierte er die Stimme seiner besseren Hälfte, „denn will ich mich auch in die Sonne legen. Du gehst doch immer nur am Ufer spazieren und sammelst Flint.“
„Ist da ein Fundplatz?“, fragte ich.
„Ja, natürlich. Mesolithikum. Ich sammel da schon seit Jahren. Weißt du, ich merk das schon beim Drüberlaufen“, mit seinen Händen versuchte er mir bildhaft die Bewegung seiner Füße nachzuahmen, „wenn ich auf geschlagenen Flint trete. Der hört sich anders an, als irgendwelche Rohlinge oder natürlicher Bruch. Das ist ein viel helleres Geräusch, wenn der geschlagen ist.“ Er hielt die Hand ans Ohr, als ob er dem Klang eines imaginären Flintfundes lauschen wollte.
Micha nahm inzwischen die ersten Sachen vom Grill und verteilte sie an die Leute. Stefans Fisch musste noch länger brutzeln und Jan bestand darauf, dass sein Filet durchgebraten wird. Rind müsse gut durch, wusste er uns zu belehren. Nachdem die meisten zuvor noch gestanden und sich bestenfalls an Container und Bauwagen angelehnt hatten, suchte sich spätestens jetzt zum Essen jeder irgendein Plätzchen, auf das er sich setzen konnte. Drei Leute nutzten die Anhängergabel, andere nutzten stabile Eimer, ich machte es mir in einer hochgekippten Schubkarre bequem. Sylvia lachte darüber, aber ich erklärte fröhlich: „Das ist besser als der Sessel, den ich zuhause habe.“
Micha fragte den Baggerfahrer: „Willst du nicht doch ’ne Wurst?“
Doch Stefan verweigerte: „Mit Semf? Ick ess doch keene Wurst, die keene Körriwurst nich is! Wenn dann ess ick nur ’ne Bärlina Körriwurst.“ Er grinste.
„Ja, die Berliner Variante. Einer der beiden Currywurstpole.“
„Wat heißt’enn eena? De Körriwurst kommt aus Bärlin! Die hat die Heuwa nachm Kriech am Stutti erfundn!“
„Dann bist du also ein Vertreter der Theorie einer Berliner Currywurst-Genese?“ Der Hell’s Angel blickte mich rätselnd an. Er hatte gehört, was ich gesagt habe, aber kein Wort verstanden. Micha knabberte inzwischen an seinem Steak-Lutscher herum und betrachtete unser Wurstduell. „Ich weiß, dass es in Gelsenkirchen schon genauso lange Currywürste gibt, deshalb denk ich, dass die etwa gleichzeitig an mehreren Orten entstanden ist. Angeblich gibt’s ja sogar Hamburger, die die Erfindung für sich reklamieren.“
Da war Stefan mit mir einer Meinung: „In Hamburg? Ja, det is nu totala Quatsch!“ Er wischte die Idee beiseite und lobte anerkennend: „Nee, eure Ruhrpottwurst is zwar janz anndas, aba wenichstens is det ’ne Körriwurst!“ Wir grinsten uns entspannt an.
Während der Toast reihum durchgereicht wurde, lachte Wernher plötzlich verschmitzt auf: „Ha’ck euch eijentlich schon ma vom dem Jrabungsleiter erzählt, der ’ne Kuh nich vom Pferd unterscheiden konnte?“
Gleichzeitig folgte das Senfglas dem Toast und wieder bediente sich jeder der Reihe nach. Auf Wernhers Frage schüttelten alle den Kopf, die ersten begannen zu kauen.
„Na, det war so. Wir hattn son Befund ausjejrabn, da war son Tierschädel drin. Denn kam die Presse und der Jrabungsleiter erzählte denen wat vom Pferd. Aba im Wortsinne.“ Wernher griente. „Als die Presse weg war – vorher ha’ck natürlich det Maul jehaltn, wollt den ja nich blamiern! –, da ha’ck den zur Seite jenomm un ihm jesacht, Mensch, pass ma uff, det kann doch keen Pferd nich sein. Kiek ma, det hat doch Hörner! – Da schüttelt der den Kopp, neinnein, das ist ein Pferd. – Un ick wieda, ja denn kiek doch hin, hier, siehste die Hörner nich? Aber der wollt det partu nich wahrham. Der hat det nich zujejebn.“ Wernhers Gesicht glich wieder dem eines satten Katers, der gut gelaunt auf seiner Veranda liegt.
Sylvia staunte: „Aber der muss doch auch studiert haben?“
„Das muss gar nichts heißen“, wusste ich einzuwerfen, „was meinst du, wie viele Leute an der Uni erst so richtig verblöden?“ Mit einem Gedanken an Senff ergänzte ich, „und wie viele kommen schon total blöde an!“
Schließlich richtete sich die Besetzung von Ämtern noch nie in der Menschheitsgeschichte nach den Fähigkeiten und Talenten des ausgewählten Kandidaten. Unwichtige Faktoren gaben wesentlich häufiger den Ausschlag, als sich so mancher träumen lässt. Wahrscheinlich sind hierin die Gründe dafür zu finden, warum der Anteil der Hohlköpfe und Begriffsstutzigen ausgerechnet bei Wissenschaftlern am höchsten ist, obwohl sie stets von sich glauben, überlegenes Wissen angehäuft zu haben. Entsprechend hoch ist besonders an Universitäten die Wahrscheinlichkeit, solche Leute zu treffen und kennenzulernen. Sie selbst sehen sich natürlich als Verdauungsorgan der geistigen Nahrung. In Wirklichkeit sind sie nicht mehr als ein offenes Magengeschwür. Und genau an dieser Fehleinschätzung wird die Demokratie dieser Pseudo-Eliten eines Tages zugrunde gehen.
Ich weiß nicht, wie Micha es merken konnte, aber er ahnte, dass ich an Senff dachte. Vielleicht habe ich einfach zu lange auf das Senfglas gestarrt.
„Du meinst unsern Maxim? Hm?“ Ich nickte wortlos und biss mit zusammengenkniffenen Augen in meine Bratwurst.
Micha begann verbittert zu plaudern: „Na, was das Fach angeht, ist er auf jeden Fall ein Idiot und menschlich sowieso. Das wissen wir ja alle. Aber es gelingt ihm zumindest, aus Verhandlungen das Beste herauszuholen. Wusstest du“, er zeigte mit der besenften Wurst auf mich, „dass der hier in der Nähe ein Ferienhaus hat?“ Ich schüttelte den Kopf. „Eigentlich nur son Altbau, günstig gekauft, wahrscheinlich für zehn Riesen oder so. Sieht aber inzwischen aus wie aus dem Ei gepellt.“ Die anderen schwiegen betreten, es schien, dass der Baggerfahrer und ich die einzigen waren, die die folgende Geschichte nicht kannten. „Und weißt du, wann das renoviert wurde? Und von wem?“ Wieder musste ich gestisch verneinen. „Kurz nachdem zwei Grabungen an Autobahnbrücken eingestellt wurden, die nach Voruntersuchungen beste Ergebnisse gebracht hatten und bei denen die meisten von uns bereits angefangen hatten zu arbeiten. Und sein Häuschen wurde nach Abbruch der Grabungen ganz zufällig von derselben Firma renoviert, die die Brücken gebaut hat. Immer am Wochenende.“ Sogar Wernher blieb ruhig, wie ich verwundert feststellte. Wenn er noch Senffs Büttel war, konnte es nicht lange dauern, und der Abteilungsleiter der Sonderprojekte würde erfahren, was über ihn geredet wurde. Inzwischen muss ich davon ausgehen, dass Wernher bereits während meiner Grabung längst nicht mehr in dieser Hinsicht für Senff arbeitete.
Ein Wartburg fuhr auf das Grabungsgelände. Langsam röhrte er an den Container und die Bauwagen heran, alle schauten mampfend in seine Richtung. Aus dem Auto stieg ein typischer Bauer mit einer gefütterten Cordweste und einem fleckigen Manchesterhut. Er kam zu uns und ich sah, dass er in den Händen ein kleines Etwas trug.
„Mahlzeit! Sacht ma, wer is denn der Chef hier?“
Dieter wies auf mich und ergänzte grinsend, „Der hier. Mit der komischen Brille.“
Der Bauer wunderte sich überhaupt nicht darüber, dass wir grillten, und stiefelte bedächtig zu mir. Ich erhob mich aus meiner Schubkarre.
„Mir gehört ja der Hof da hinten“, zeigte er und sprach langsam, „da hab ich jeden Tach gesehn, dass ihr hier arbeitet. Da hat meine Frau gesacht, geh doch ma zu den Geologen da hin und zeich den’ unsern Stein. Der is ma bei der LPG auf’m Acker runtergekomm. Da hab ich den gefunden. Die solln sich den ma ankuckn, sacht’se. Nich dass das hier von so Außerirdischen is. Oder so radiotisch. Hier. Kuck dir das man an.“ Er hielt mir einen grauen Klops unter die Nase. „Is das ’n Meteorit?“
Ich hatte meine Steak gegessen und legte den leeren Pappteller zur Seite, um die Hände frei zu haben. Dann nahm ich ihm den kleinen kugeligen Stein ab und sah auf dem ersten Blick, um was es sich handelte.
„Nee, das ist kein Meteorit. Das ist ein versteinerter Seeigel. Hier schauen Sie mal“, zeigte ich mit dem Zeigefinger, „hier sehen Sie die Stachelansätze.“
„Also nich aus dem All?“, fragte der Bauer zweifelnd.
„Ganz bestimmt nicht“, versicherte ich.
„Na, hoffentlich glaubt’se mir das“, er zögerte einen Moment, die anderen blieben stumm, waren aber merklich erheitert, dann entschied er sich wieder zu gehen, „ja, dann Mahlzeit, ich muss jetzt auch zum Essen.“
Er saß kaum in seinem Auto, da blödelte Micha schon herum, „Hättest ihm für seine Alte ja wenigstens mal ein schriftliches Gutachten ausstellen können“, und alle lachten, während der Wartburg des Bauers rückwärts vom Acker sprotzte.
„Jaja, die Bauern“, meinte Wernher, „die leiden hier ooch richtich unter den Jrabungen.“
„Na, wie man’s nimmt“, erwiderte ich, als ich mich wieder in die Schubkarre setzte, „normalerweise kassieren die doch doppelt und dreifach.“
Wernher blickte mich fragend an und ich erklärte: „Die kriegen doch nicht nur die Entschädigung, die mehr beträgt, als sie mit der Ernte je verdient hätten, sondern holen auch dann noch das Letzte raus. Ich hab mal auf ’nem Kartoffelacker gegraben, da kam der Bauer regelmäßig mit der ganzen Familie an und hat die ganzen Kartoffeln, die wir ausgebaggert haben, eingesammelt und an der Straße verkauft, obwohl die noch die fette Entschädigung kassiert haben.“
„Man darf de Lebensmittel aber doch ooch nich verkomm’ lassn“, ermahnte Wernher.
„Natürlich nicht – aber wenn sie Teile der Ernte noch retten, sollen sie auch keine übertriebene Entschädigung verlangen. Die zahlen wir schließlich alle über Steuern.“
„So jesehen haste recht“, stimmte Wernher mir zu und Hans pampte: „Den Bauern ging es doch immer gut. Die haben doch auch nach dem Krieg das ganze Silberbesteck von meiner Mutter und meinen Großeltern kassiert, nur damit wir was zu beißen hatten!“
„Meene Forelle muss doch bald fertig sein“, meinte Stefan und nahm sich seine Forelle vom Grill.
„Na, und mein Filet ist bestimmt auch langsam fertig.“ Jan schritt zum Grill und warf sich das braungebrannte Fleischstück auf seinen Pappteller. Er stolzierte zu seinem Platz zurück wie ein junger Hund mit seinem Lieblingsspielzeug und operierte und meißelte sich durch die Muskelfasern.
„Das ist ja total hart!“, beschwerte er sich nach dem ersten Probestück, „was habt ihr denn damit auf dem Grill gemacht?“
Wernher schmunzelte nur „Ha’ck dir det nich jesacht?“
Jan reagierte nicht darauf, sondern sprach mit sich selbst: „Ich muss erst mal was trinken, das ist mir zu trocken.“
Plötzlich rumpelte Wielands verbeulter Dienstwagen über der Landstraße. Er setzte sehr mutig auf unserem Acker auf und federte bis zu unserer Gruppe. Als Wieland ausstieg, begrüßte Micha ihn: „Ho-ho, immer ruhig mit den jungen Pferden! Möchtest du ’ne Wurst?“
Wieland sah gehetzt aus, „Was? Nein, danke!“, und lief auf mich zu. „War Senff schon bei euch?“, fragte er dann.
„Nein – wieso?“
„Der sollte doch heute kommen, wir haben gerade ein Körpergrab entdeckt, ein Fürstengrab mit Schwert und gut erhaltenen Holzeimerresten. Warum passiert so was eigentlich immer Freitags mittags?“
Ich erschrak, weil ich sofort wusste, was das bedeutete. Herausragende Funde und Befunde kann man niemals über ein Wochenende unbeobachtet liegen lassen. Es gibt nur drei Möglichkeiten, wie man mit solchen Funden an Wochenenden umgehen kann. Entweder muss man sie wieder zuschütten und sehr gut tarnen, bis man die Untersuchung in der Folgewoche mit der richtigen Muße und dem nötigen Equipement durchführen kann. Leider ist es keinem Befund besonders zuträglich, wenn man ihn erneut unter Erdmassen begräbt und ein zweites Mal freilegt. Eine andere Möglichkeit wäre, den Befund auf der Stelle auszugraben, was je nach Qualität oft genug überstundenlanges Gekratze und Gepinsel im strömenden Regen unter der Scheinwerferbeleuchtung des amtlichen Wagenparks bedeutete. Die letzte zu nennende Lösung kann ein Wachdienst sein, der in professioneller Form allerdings in den seltensten Fällen finanzierbar ist. Also werden hin und wieder die eigenen Mitarbeiter zu solch unschönen Tätigkeiten genötigt. Ein Bekannter von mir hat beispielsweise einmal eine regendurchnässte Nacht in einem Sommerschlafsack auf einer Kuhwiese neben einer Moorleiche verbracht. Damit die gefräßigen und vor Neugier strotzenden Rinder weder die Mumie noch seinen Schlafsack anknabbern, war er gegen Mitternacht dazu gezwungen gewesen, einen Stacheldrahtzaun zu organisieren und um die provisorische Schlafstätte zu ziehen.
Angesichts der bisherigen Abläufe in diesem Amt war klar, dass wie so oft auch hier Zeit und Geld nicht gepaart auftraten. Und Intelligenz fehlte auf höherer Ebene schließlich sowieso. Daher war ich davon überzeugt, dass Senff alles darangäbe, den Befund in kürzester Zeit zu dokumentieren und auszunehmen.
Wieland blickte panisch, ich versuchte ihn erst einmal zu beruhigen: „Fahr doch mal zur LPG und ruf im Amt an, vielleicht erwischst du ihn noch?“
„Ja, ja, du hast recht, das sollte ich machen“, stammelte er nervös und mit herumirrenden Blick.
„Ich kann ja mal mit ein paar Leuten zu deiner Grabung rüberfahren“, half ich weiter, „wenn das heute noch raus soll, wirst du sowieso noch Verstärkung brauchen.“
„Ja, stimmt“, er drehte sich um, lief zu seinem Wagen, „ich fahr dann schnell zur LPG“, und war wieder genauso schnell vom Acker, wie er gekommen war.
„Jan, Wernher, Dieter? Ihr kommt mit. Micha, du kannst mit Sylvia und Hans erst mal einräumen, wenn ihr die Sachen verstaut habt, könnt ihr nachkommen.“
Die drei Arbeiter nahmen sich aus dem Werkzeugcontainer ein paar Kellen und zwei, drei Eimer mit, stellten sie in den Kofferraum meines Wagens und stiegen ein. Ich kramte währenddessen meine Unterlagen in eine Tasche zusammen und warf sie dazu. Wir waren alle schon sehr gespannt auf das Grab, mussten aber wie üblich an der Bahnschranke halten, bevor wir nach Krützin fahren konnten.
Zwischenzeitlich stolperte Jan von der Grabungsfläche zu uns: „Seid ihr bald fertig? Ist ja schon dreiviertel zwölf! Das Grillen dauert gleich ja schließlich auch noch.“
Unwillkürlich blickte ich auf die Uhr, die abgekürzte Zeitansage erschloss sich mir damals noch nicht. Ich sagte: „Viertel vor, stimmt“, und Jan erwiderte: „Viertel vor was? Was ist das denn für ein Quatsch? Dreiviertel heißt das. Wenn du einen Kuchen fast aufgegessen hast, sagst du ja auch nicht, der Kuchen ist viertel vor.“ Jan ging weg. Er schüttelte den Kopf, ich auch. Micha schwieg und schraubte weiter an der Edelstahlsäule. Irgendwann war es dann so weit, Grillrost und Windschutz waren installiert. Der stolze Grillbesitzer erklärte sich feierlich zum Koch und schüttete die Kohle in seinen neuesten Schatz. Mit leeren Fundzetteln entfachte er auf ihnen ein Feuer, das die schwarz gemeilerten Hölzer zum Glühen bringen sollte. Weißlicher Rauch züngelte am Werkzeugcontainer vorbei in den blauen Himmel. Bald fächerwedelte Micha mit einem steif-bogigen Pappteller und versorgte die noch kleine Glut mit frischer Luft.
Schon begannen wir, die ersten Würstchen auf das jungfräuliche Gitter zu legen, als Sylvia sich aus dem Bauwagen zu uns gesellte.
„Na, habt ihr alles gekriegt?“
„Denke schon“, beschied ich kurz.
„Ja, heute kriegt man ja alles“, erwiderte sie nachdenklich, „früher war das viel einfacher. Da gab es zwar fast nüscht, aber man wusste wenigstens, was man kaufen kann. Heute stehe ich bei Liddel immer vor den Regalen und hab keine Ahnung, was ich mitnehmen soll.“ Stumm schaute ich sie an und sie schilderte weiter, „da ist ja alles immer so bunt und es gibt von allem hundert Sorten. Und man weiß nie, kauf ich jetzt das richtige oder ist das doch nicht gut?“
Ich erinnerte mich an die Wendezeit-Beschwerden, die mir ein Bekannter von seinen Kindern erzählt hatte. Ohne jedes Verständnis für die historischen Dimension des Unterganges des vorgeblichen Arbeiter-und-Bauern-Regimes mokierten sie sich allein darüber, dass plötzlich die Regale ihres westdeutschen Wohlstandssupermarktes leer und ausgeräumt waren. Sie bekamen ihren gewohnten Zucker-Schoko-Frühstücksmüll nicht mehr vorgesetzt, weil nun ihre ostdeutschen Brüder und Schwestern eine Zeit lang vorrangig versorgt wurden. Die Konzerne hatten eben ein paar Monate Gefallen daran gefunden, Westkonsumenten vorzuführen, wie es jahrzehntelang in Ostgeschäften abgelaufen war, indem sie ganze Produktchargen direkt über die Grenze karrten. Das war echte Solidarität. Oder Kapitalismus, wenn man schlicht den damaligen Grad der Nachfrage beiderseits der Grenze miteinander vergleicht.
Dann grinste Sylvia plötzlich und lächelte über Michas Baseballmütze: „Weißte Micha, wenn du nivellierst, drehst du die Kappe auch immer nach hinten.“ Mit ihren Händen zeigte sie kurz an ihrer Kappe, was sie meinte, ohne sie richtig zu drehen, weil ihr Zopf hinten heraushing. Micha sah sie an und nickte in die Sonne. „Wenn du dann am Nivellier stehst, denn siehste immer aus, als ob du einen Film drehst.“ Jetzt machte sie kurbelnde Bewegungen in der Luft, „weißte, so wie früher, die Kameramänner.“
Micha machte ein hocherfreute Gesicht: „Soll ich dir mal einen von meinen Filmen vorführen?“, aber Sylvia winkte grinsend ab. Inzwischen hatten wir auch einen Teil des Fleisches auf den Grill gelegt. Micha öffnete das erste Bier, das er zunächst natürlich nicht zu trinken gedachte, sondern auf dem Grill zur geschmacklichen Unterstützung verwendete. Bald kam Jan mit den anderen an und fragte: „Mein Filet habt ihr auch schon draufgelegt?“ Eine Beantwortung erübrigte sich jedoch, weil er im Fragen gesehen hatte, dass es brutzelte.
Wernher ermahnte den kleinen noch einmal: „Da musste aba scheen uffpassen, dit dit nich trockn wird!“
Sylvia holte aus dem Kofferraum von Hans’ Wagen noch ein paar Grillsaucen, die sie mitgebracht hatte und ein Paket Toast. Stefan ging währenddessen zu seinem Pick-up und wurstelte sich aus einer Kühltasche eine bereits ausgenommene Forelle, mit der er dann zu uns kam.
„Hier, ha’ck selba jeanglt. Jrad jestern erss!“, verkündete er stolz und quetschte seine Forelle auf den Rost.
Hans staunte: „Ihr trinkt ja schon das erste Bier?“ Aber Micha winkte ab: „Nee, das ist doch nur das Grillbier!“
„Was für’n Bier habt ihr uns denn mitgebracht?“, wollte Dieter nun wissen und auch Stefan wurde neugierig: „Radeberjer? Hättet-ta ma lieba ’n anständijet Westpils jeholt!“
Das erboste Hans: „Dabei schmeckt Radeberger doch schon längst wie’n Westpils, früher, ja, da war das gut, da haben se sich vorm Jahresende vorm HO noch ums Bier geprügelt.“
„Daran kann ick mir ooch noch erinnern“, träumte Wernher, „und damals hat et ja ooch noch jeschmeckt, nich wahr, Hans?“
Längst hatten sich alle in einem Kreis um den Grill verteilt mit gebührendem Abstand zu den Bierdampfschwaden, die Micha regelmäßig durch das Nachmarinieren erzeugte. Im Gesicht des einen oder anderen sah man zuweilen prüfende Blicke, ob sich nicht vielleicht der Wind drehte. Inzwischen hatten sich alle Biertrinker eine Patrone genommen und geöffnet. Ab und zu saugten sie an dem runden Blech.
„Kuckt mal, ein Storch“, Sylvia lenkte alle Blicke zum Himmel, „so was gibt’s im Westen gar nicht mehr.“ Ich setzte ein sehr verdutztes Gesicht auf, da erklärte sie schon, „na im Westen ist doch nur Industrie und alles voller Straßen. So was wie Natur gibt’s da doch gar nicht mehr.“
Ich bemerkte lapidar: „Mal davon abgesehen, dass im Westen gerade alte Industriegebiete in den letzten zehn, fünfzehn Jahren sehr grün geworden sind, möchte ich dezent an Bitterfeld erinnern.“
„Das ist ja nur ein Extrembeispiel. Dafür haben wir nicht so viele Autobahnen, sondern viel mehr Natur. Und Störche oder Frösche, das gibt’s bei euch doch gar nicht mehr.“
„Natürlich, ich hab ja als Kind immer Frösche und Molche gefangen.“
„Ja, du weißt doch, wie ich das meine“, beschwichtigte sie, „Anwesende sind schließlich ausgenommen, du bist ja sowieso nicht wie die anderen Wessis.“
„Bist du denn schon mal dagewesen?“, fragte ich Sylvia, „Also im Westen?“
Sie schüttelte den Kopf, Hans erhob aber für sie den Zeigefinger und meinte: „Ich bin schon mal in Braunschweig gewesen, da habe ich Sperrmüll verkauft. Und was ich da vom Westen gesehen habe, reicht mir, das brauch ich nicht noch mal.“
„Naja, Braunschweig dürfte kaum typisch für den ganzen Westen sein“, merkte ich an und lenkte meine Aufmerksamkeit auf Stefan, der Dieter inzwischen mit Anglerlatein unterhielt.
„... sooo jroß war der, son richtijen Kawennsmann“, Stefan riss seine Arme so weit auseinander, wie er es nur vermochte, „aba denn war da uff eenmal son komischet Jeräusch.“ Der Baggerfahrer stimmte ein sehr dumpfes Huu-Huu an, „det wa in de Büsche drinn. Da ham wa uns so erschreckt! Mein Kumpel hat sojar seine Angel da liejn lassn“, er lachte, „weil er dachte, det da wer erdosselt wird, oda sojar schon tot is. Ick hab mir mehr Sorjen jemacht, det det die Aufsicht is, un wa hattn doch keene Papiere nischt, also sinn wa losjefarn.“
Auch Jan hörte aufmerksam zu und vermutete hinter dem Geräusch: „Das war doch bestimmt ’ne Kuh, die in den See gefallen ist, oder?“
Aber der kopfschüttelnde Dieter wusste mehr: „Du hast gesagt, das war hier am Pleuner See?“, Stefan nickte, „Dann war das ’ne Rohrdommel.“
„’ne Rohrdommel?“ Der Baggerfahrer staunte, „Det Jeräusch soll ’n Vojel jewesn sein?“
„Ja natürlich!“, beharrte Dieter mit seiner kindlichen Überzeugung, „Die Rohrdommel nennt man deswegen doch auch Moorochse. Oder – na, wie noch – genau: Wasserochse. Außerdem kenne ich den See, da fahr ich immer mit meiner Frau hin.“ Die Augen des Seemanns nahmen wieder ihre fröhliche Faltenstellung ein, „die schimpft dann immer. Wenn wir da hinfahren“, imitierte er die Stimme seiner besseren Hälfte, „denn will ich mich auch in die Sonne legen. Du gehst doch immer nur am Ufer spazieren und sammelst Flint.“
„Ist da ein Fundplatz?“, fragte ich.
„Ja, natürlich. Mesolithikum. Ich sammel da schon seit Jahren. Weißt du, ich merk das schon beim Drüberlaufen“, mit seinen Händen versuchte er mir bildhaft die Bewegung seiner Füße nachzuahmen, „wenn ich auf geschlagenen Flint trete. Der hört sich anders an, als irgendwelche Rohlinge oder natürlicher Bruch. Das ist ein viel helleres Geräusch, wenn der geschlagen ist.“ Er hielt die Hand ans Ohr, als ob er dem Klang eines imaginären Flintfundes lauschen wollte.
Micha nahm inzwischen die ersten Sachen vom Grill und verteilte sie an die Leute. Stefans Fisch musste noch länger brutzeln und Jan bestand darauf, dass sein Filet durchgebraten wird. Rind müsse gut durch, wusste er uns zu belehren. Nachdem die meisten zuvor noch gestanden und sich bestenfalls an Container und Bauwagen angelehnt hatten, suchte sich spätestens jetzt zum Essen jeder irgendein Plätzchen, auf das er sich setzen konnte. Drei Leute nutzten die Anhängergabel, andere nutzten stabile Eimer, ich machte es mir in einer hochgekippten Schubkarre bequem. Sylvia lachte darüber, aber ich erklärte fröhlich: „Das ist besser als der Sessel, den ich zuhause habe.“
Micha fragte den Baggerfahrer: „Willst du nicht doch ’ne Wurst?“
Doch Stefan verweigerte: „Mit Semf? Ick ess doch keene Wurst, die keene Körriwurst nich is! Wenn dann ess ick nur ’ne Bärlina Körriwurst.“ Er grinste.
„Ja, die Berliner Variante. Einer der beiden Currywurstpole.“
„Wat heißt’enn eena? De Körriwurst kommt aus Bärlin! Die hat die Heuwa nachm Kriech am Stutti erfundn!“
„Dann bist du also ein Vertreter der Theorie einer Berliner Currywurst-Genese?“ Der Hell’s Angel blickte mich rätselnd an. Er hatte gehört, was ich gesagt habe, aber kein Wort verstanden. Micha knabberte inzwischen an seinem Steak-Lutscher herum und betrachtete unser Wurstduell. „Ich weiß, dass es in Gelsenkirchen schon genauso lange Currywürste gibt, deshalb denk ich, dass die etwa gleichzeitig an mehreren Orten entstanden ist. Angeblich gibt’s ja sogar Hamburger, die die Erfindung für sich reklamieren.“
Da war Stefan mit mir einer Meinung: „In Hamburg? Ja, det is nu totala Quatsch!“ Er wischte die Idee beiseite und lobte anerkennend: „Nee, eure Ruhrpottwurst is zwar janz anndas, aba wenichstens is det ’ne Körriwurst!“ Wir grinsten uns entspannt an.
Während der Toast reihum durchgereicht wurde, lachte Wernher plötzlich verschmitzt auf: „Ha’ck euch eijentlich schon ma vom dem Jrabungsleiter erzählt, der ’ne Kuh nich vom Pferd unterscheiden konnte?“
Gleichzeitig folgte das Senfglas dem Toast und wieder bediente sich jeder der Reihe nach. Auf Wernhers Frage schüttelten alle den Kopf, die ersten begannen zu kauen.
„Na, det war so. Wir hattn son Befund ausjejrabn, da war son Tierschädel drin. Denn kam die Presse und der Jrabungsleiter erzählte denen wat vom Pferd. Aba im Wortsinne.“ Wernher griente. „Als die Presse weg war – vorher ha’ck natürlich det Maul jehaltn, wollt den ja nich blamiern! –, da ha’ck den zur Seite jenomm un ihm jesacht, Mensch, pass ma uff, det kann doch keen Pferd nich sein. Kiek ma, det hat doch Hörner! – Da schüttelt der den Kopp, neinnein, das ist ein Pferd. – Un ick wieda, ja denn kiek doch hin, hier, siehste die Hörner nich? Aber der wollt det partu nich wahrham. Der hat det nich zujejebn.“ Wernhers Gesicht glich wieder dem eines satten Katers, der gut gelaunt auf seiner Veranda liegt.
Sylvia staunte: „Aber der muss doch auch studiert haben?“
„Das muss gar nichts heißen“, wusste ich einzuwerfen, „was meinst du, wie viele Leute an der Uni erst so richtig verblöden?“ Mit einem Gedanken an Senff ergänzte ich, „und wie viele kommen schon total blöde an!“
Schließlich richtete sich die Besetzung von Ämtern noch nie in der Menschheitsgeschichte nach den Fähigkeiten und Talenten des ausgewählten Kandidaten. Unwichtige Faktoren gaben wesentlich häufiger den Ausschlag, als sich so mancher träumen lässt. Wahrscheinlich sind hierin die Gründe dafür zu finden, warum der Anteil der Hohlköpfe und Begriffsstutzigen ausgerechnet bei Wissenschaftlern am höchsten ist, obwohl sie stets von sich glauben, überlegenes Wissen angehäuft zu haben. Entsprechend hoch ist besonders an Universitäten die Wahrscheinlichkeit, solche Leute zu treffen und kennenzulernen. Sie selbst sehen sich natürlich als Verdauungsorgan der geistigen Nahrung. In Wirklichkeit sind sie nicht mehr als ein offenes Magengeschwür. Und genau an dieser Fehleinschätzung wird die Demokratie dieser Pseudo-Eliten eines Tages zugrunde gehen.
Ich weiß nicht, wie Micha es merken konnte, aber er ahnte, dass ich an Senff dachte. Vielleicht habe ich einfach zu lange auf das Senfglas gestarrt.
„Du meinst unsern Maxim? Hm?“ Ich nickte wortlos und biss mit zusammengenkniffenen Augen in meine Bratwurst.
Micha begann verbittert zu plaudern: „Na, was das Fach angeht, ist er auf jeden Fall ein Idiot und menschlich sowieso. Das wissen wir ja alle. Aber es gelingt ihm zumindest, aus Verhandlungen das Beste herauszuholen. Wusstest du“, er zeigte mit der besenften Wurst auf mich, „dass der hier in der Nähe ein Ferienhaus hat?“ Ich schüttelte den Kopf. „Eigentlich nur son Altbau, günstig gekauft, wahrscheinlich für zehn Riesen oder so. Sieht aber inzwischen aus wie aus dem Ei gepellt.“ Die anderen schwiegen betreten, es schien, dass der Baggerfahrer und ich die einzigen waren, die die folgende Geschichte nicht kannten. „Und weißt du, wann das renoviert wurde? Und von wem?“ Wieder musste ich gestisch verneinen. „Kurz nachdem zwei Grabungen an Autobahnbrücken eingestellt wurden, die nach Voruntersuchungen beste Ergebnisse gebracht hatten und bei denen die meisten von uns bereits angefangen hatten zu arbeiten. Und sein Häuschen wurde nach Abbruch der Grabungen ganz zufällig von derselben Firma renoviert, die die Brücken gebaut hat. Immer am Wochenende.“ Sogar Wernher blieb ruhig, wie ich verwundert feststellte. Wenn er noch Senffs Büttel war, konnte es nicht lange dauern, und der Abteilungsleiter der Sonderprojekte würde erfahren, was über ihn geredet wurde. Inzwischen muss ich davon ausgehen, dass Wernher bereits während meiner Grabung längst nicht mehr in dieser Hinsicht für Senff arbeitete.
Ein Wartburg fuhr auf das Grabungsgelände. Langsam röhrte er an den Container und die Bauwagen heran, alle schauten mampfend in seine Richtung. Aus dem Auto stieg ein typischer Bauer mit einer gefütterten Cordweste und einem fleckigen Manchesterhut. Er kam zu uns und ich sah, dass er in den Händen ein kleines Etwas trug.
„Mahlzeit! Sacht ma, wer is denn der Chef hier?“
Dieter wies auf mich und ergänzte grinsend, „Der hier. Mit der komischen Brille.“
Der Bauer wunderte sich überhaupt nicht darüber, dass wir grillten, und stiefelte bedächtig zu mir. Ich erhob mich aus meiner Schubkarre.
„Mir gehört ja der Hof da hinten“, zeigte er und sprach langsam, „da hab ich jeden Tach gesehn, dass ihr hier arbeitet. Da hat meine Frau gesacht, geh doch ma zu den Geologen da hin und zeich den’ unsern Stein. Der is ma bei der LPG auf’m Acker runtergekomm. Da hab ich den gefunden. Die solln sich den ma ankuckn, sacht’se. Nich dass das hier von so Außerirdischen is. Oder so radiotisch. Hier. Kuck dir das man an.“ Er hielt mir einen grauen Klops unter die Nase. „Is das ’n Meteorit?“
Ich hatte meine Steak gegessen und legte den leeren Pappteller zur Seite, um die Hände frei zu haben. Dann nahm ich ihm den kleinen kugeligen Stein ab und sah auf dem ersten Blick, um was es sich handelte.
„Nee, das ist kein Meteorit. Das ist ein versteinerter Seeigel. Hier schauen Sie mal“, zeigte ich mit dem Zeigefinger, „hier sehen Sie die Stachelansätze.“
„Also nich aus dem All?“, fragte der Bauer zweifelnd.
„Ganz bestimmt nicht“, versicherte ich.
„Na, hoffentlich glaubt’se mir das“, er zögerte einen Moment, die anderen blieben stumm, waren aber merklich erheitert, dann entschied er sich wieder zu gehen, „ja, dann Mahlzeit, ich muss jetzt auch zum Essen.“
Er saß kaum in seinem Auto, da blödelte Micha schon herum, „Hättest ihm für seine Alte ja wenigstens mal ein schriftliches Gutachten ausstellen können“, und alle lachten, während der Wartburg des Bauers rückwärts vom Acker sprotzte.
„Jaja, die Bauern“, meinte Wernher, „die leiden hier ooch richtich unter den Jrabungen.“
„Na, wie man’s nimmt“, erwiderte ich, als ich mich wieder in die Schubkarre setzte, „normalerweise kassieren die doch doppelt und dreifach.“
Wernher blickte mich fragend an und ich erklärte: „Die kriegen doch nicht nur die Entschädigung, die mehr beträgt, als sie mit der Ernte je verdient hätten, sondern holen auch dann noch das Letzte raus. Ich hab mal auf ’nem Kartoffelacker gegraben, da kam der Bauer regelmäßig mit der ganzen Familie an und hat die ganzen Kartoffeln, die wir ausgebaggert haben, eingesammelt und an der Straße verkauft, obwohl die noch die fette Entschädigung kassiert haben.“
„Man darf de Lebensmittel aber doch ooch nich verkomm’ lassn“, ermahnte Wernher.
„Natürlich nicht – aber wenn sie Teile der Ernte noch retten, sollen sie auch keine übertriebene Entschädigung verlangen. Die zahlen wir schließlich alle über Steuern.“
„So jesehen haste recht“, stimmte Wernher mir zu und Hans pampte: „Den Bauern ging es doch immer gut. Die haben doch auch nach dem Krieg das ganze Silberbesteck von meiner Mutter und meinen Großeltern kassiert, nur damit wir was zu beißen hatten!“
„Meene Forelle muss doch bald fertig sein“, meinte Stefan und nahm sich seine Forelle vom Grill.
„Na, und mein Filet ist bestimmt auch langsam fertig.“ Jan schritt zum Grill und warf sich das braungebrannte Fleischstück auf seinen Pappteller. Er stolzierte zu seinem Platz zurück wie ein junger Hund mit seinem Lieblingsspielzeug und operierte und meißelte sich durch die Muskelfasern.
„Das ist ja total hart!“, beschwerte er sich nach dem ersten Probestück, „was habt ihr denn damit auf dem Grill gemacht?“
Wernher schmunzelte nur „Ha’ck dir det nich jesacht?“
Jan reagierte nicht darauf, sondern sprach mit sich selbst: „Ich muss erst mal was trinken, das ist mir zu trocken.“
Plötzlich rumpelte Wielands verbeulter Dienstwagen über der Landstraße. Er setzte sehr mutig auf unserem Acker auf und federte bis zu unserer Gruppe. Als Wieland ausstieg, begrüßte Micha ihn: „Ho-ho, immer ruhig mit den jungen Pferden! Möchtest du ’ne Wurst?“
Wieland sah gehetzt aus, „Was? Nein, danke!“, und lief auf mich zu. „War Senff schon bei euch?“, fragte er dann.
„Nein – wieso?“
„Der sollte doch heute kommen, wir haben gerade ein Körpergrab entdeckt, ein Fürstengrab mit Schwert und gut erhaltenen Holzeimerresten. Warum passiert so was eigentlich immer Freitags mittags?“
Ich erschrak, weil ich sofort wusste, was das bedeutete. Herausragende Funde und Befunde kann man niemals über ein Wochenende unbeobachtet liegen lassen. Es gibt nur drei Möglichkeiten, wie man mit solchen Funden an Wochenenden umgehen kann. Entweder muss man sie wieder zuschütten und sehr gut tarnen, bis man die Untersuchung in der Folgewoche mit der richtigen Muße und dem nötigen Equipement durchführen kann. Leider ist es keinem Befund besonders zuträglich, wenn man ihn erneut unter Erdmassen begräbt und ein zweites Mal freilegt. Eine andere Möglichkeit wäre, den Befund auf der Stelle auszugraben, was je nach Qualität oft genug überstundenlanges Gekratze und Gepinsel im strömenden Regen unter der Scheinwerferbeleuchtung des amtlichen Wagenparks bedeutete. Die letzte zu nennende Lösung kann ein Wachdienst sein, der in professioneller Form allerdings in den seltensten Fällen finanzierbar ist. Also werden hin und wieder die eigenen Mitarbeiter zu solch unschönen Tätigkeiten genötigt. Ein Bekannter von mir hat beispielsweise einmal eine regendurchnässte Nacht in einem Sommerschlafsack auf einer Kuhwiese neben einer Moorleiche verbracht. Damit die gefräßigen und vor Neugier strotzenden Rinder weder die Mumie noch seinen Schlafsack anknabbern, war er gegen Mitternacht dazu gezwungen gewesen, einen Stacheldrahtzaun zu organisieren und um die provisorische Schlafstätte zu ziehen.
Angesichts der bisherigen Abläufe in diesem Amt war klar, dass wie so oft auch hier Zeit und Geld nicht gepaart auftraten. Und Intelligenz fehlte auf höherer Ebene schließlich sowieso. Daher war ich davon überzeugt, dass Senff alles darangäbe, den Befund in kürzester Zeit zu dokumentieren und auszunehmen.
Wieland blickte panisch, ich versuchte ihn erst einmal zu beruhigen: „Fahr doch mal zur LPG und ruf im Amt an, vielleicht erwischst du ihn noch?“
„Ja, ja, du hast recht, das sollte ich machen“, stammelte er nervös und mit herumirrenden Blick.
„Ich kann ja mal mit ein paar Leuten zu deiner Grabung rüberfahren“, half ich weiter, „wenn das heute noch raus soll, wirst du sowieso noch Verstärkung brauchen.“
„Ja, stimmt“, er drehte sich um, lief zu seinem Wagen, „ich fahr dann schnell zur LPG“, und war wieder genauso schnell vom Acker, wie er gekommen war.
„Jan, Wernher, Dieter? Ihr kommt mit. Micha, du kannst mit Sylvia und Hans erst mal einräumen, wenn ihr die Sachen verstaut habt, könnt ihr nachkommen.“
Die drei Arbeiter nahmen sich aus dem Werkzeugcontainer ein paar Kellen und zwei, drei Eimer mit, stellten sie in den Kofferraum meines Wagens und stiegen ein. Ich kramte währenddessen meine Unterlagen in eine Tasche zusammen und warf sie dazu. Wir waren alle schon sehr gespannt auf das Grab, mussten aber wie üblich an der Bahnschranke halten, bevor wir nach Krützin fahren konnten.
Samstag, 4. April 2009
Kapitel 11.2
Die Grabung schleppte sich derweil von Quadrant zu Quadrant und von Befund zu Befund. Bald war ein Ende abzusehen und ich kam den Arbeitern in ihrem Wunsch entgegen, am vorletzten Freitag mittags zu grillen. Die Stunden hatten wir uns freigearbeitet, so dass wir allesamt nach dem Grillen direkt in den wochenendlichen Feierabend übergehen konnten.
Direkt morgens wurde ich von einem lachenden Dieter mit der Frage begrüßt, ob ich den Willen zum Grillen in mir verspürte. Ich bejahte und schmunzelte über den eher lauen Witz. Irgendwann kurz vor Mittag wollte ich dann zusammen mit Micha zum Supermarkt im Ort fahren, um den Grill, die Kohle und für alle zusammen Würstchen, Fleisch und Getränke einzukaufen. Zuvor schaufelten, putzten und zeichneten die Arbeiter und Micha auf dem Grabungsfeld. Baggerfahrer Stefan schob Abraum zur Seite und half beim Ausnehmen größerer Siedlungsgruben mit dem Anlegen von Arbeitsgruben. Sylvia war derweil im Bauwagen damit beschäftigt, ihre letzten Zeichnungen in den Übersichtsplan kleineren Maßstabs umzuzeichnen, den ich für die spätere Bearbeitung zur Hand haben wollte. Ich saß ihr dabei gegenüber und füllte auf dem grundsiffigen Tisch die letzten Formulare aus, die in dieser Woche noch unbearbeitet geblieben waren.
Kurz vor Mittag stand ich auf, um mich zu strecken, und blickte aus dem Fenster des Bauwagens.
„Irgendwie ist das sehr surreal, von hier betrachtet.“
„Was meinst du?“
Mit einer zweifelnden Überlegung schüttelte ich zweimal den Kopf: „Na, es wirkt wie eine Mannschaftssportart, was die draußen veranstalten. – Herzlich willkommen“, imitierte ich aus dem Stegreif einen fiktiven Radioreporter, „zum zweiten Viertel unserer heutigen Grabungsübertragung, mein Name ist Paul Eggers und ich darf Sie herzlich begrüßen zu diesem außerordentlich spannenden Spiel.“ Sylvia grinste merklich, zeichnete aber konzentriert weiter. Ich steigerte mich: „Wir sind heute auf dem Feld von Totenow in der Maxim-Senff-Gedächtnis-Arena, und es ist ein Heimspiel der Totenower Sandteufel. Für die Sandteufel sind angetreten: Als Kapitän Benny Frandsen, auch bekannt unter seinem Spitznamen Flintdolch-Micha, in der Verteidigung an der Schaufel Dieter ,Popeye' Räumer und an der Schubkarre Hans Gros, der Rasenmähermann.“ Sylvia lachte. „Gäste sind die Wossi-All Stars, eine gemischte Ost-West-Auswahlmannschaft, die heute mit Jan ,Robin Hood' Retzlaff als Kapitän spielen, Wernher Senger, die ,märkische Schaufel', verteidigt, und der ,Höllenengel' Stefan sitzt im Bagger. Die Begegnung wird übrigens gesponsort von Attila Furioso, der stärksten Motorsäge der Welt, ja und ich sehe gerade, die Mannschaften laufen wieder auf das Feld. Als Schiedsrichter pfeift übrigens ein Grabungsleiter, der bereits einige größere Grabungen gepfiffen hat, ich denke da beispielsweise an die Finals von Groß Plüggenthun und Lügwitz, das den meisten von uns sicherlich noch als Schlammschlacht und spannende Partie zugleich in Erinnerung geblieben sind. Ich fasse vielleicht kurz den Stand aus dem ersten Viertel zusammen: Die Sandteufel haben die Auslosung verloren und mussten sich mit den Befunden in den Quadranten C18 bis 20 zufrieden geben. Hier zeigten sich zwar mehr Störungen in Form von Drainagen, aber dafür waren hier auch deutlich weniger Befunde, die es zu bearbeiten galt. Trotz besserer Ausgangsbedingungen haben die Wossis dennoch im gesamten ersten Viertel abgesehen von ein paar lumpigen Abschlägen, die immerhin schon jungsteinzeitlich sein könnten, und einem einzigen kalzinierten Flint noch keinen Fund machen können. Da sieht die krumpelige Krümelkeramik, die die Sandteufel geborgen haben und die wir hier im Stadion gerade an der Videowand in einer Nahaufnahme bewundern können, doch wesentlich besser aus. Ja, das dürfte hinterher Punkte in der B-Note geben. Kein Zweifel. Allerdings hatten die Wossis natürlich auch einen ordentlichen Zeitverlust, als ,Robin Hood'-Retzlaff mit dem Schiedsrichter Witze machte und im Anschluss mit seiner gesamten Mannschaft eine Strafrunde auf dem Abraum schieben musste. Gerade höre ich, dass das Spiel wieder angepfiffen wird. Die Mannschaften versammeln sich vor den Quadranten, nehmen die Geräte in die Hand und“, ich rief laut: „JETZT ERTÖNT DER ANPFIFF!“
Sylvia erschreckte sich und lachte gleichzeitig, ich plapperte in einer tonlosen Schnellsprache weiter: „,Flintdolch'-Micha schwingt die Schaufel, das wird hart für ,Robin Hood'-Retzlaff, und da kommt ,Popeye' Räumer, er schaufelt, als sei der Teufel hinter ihm her, mit einem Bauchkippdreher holt er das Letzte aus seinem Sportgerät, dabei war er noch vor zwei Monaten mit einer komplizierten Sehnenscheidenentzündung in Behandlung, hoffentlich hat er da keinen Tierbau erwischt“, meine Stimme hetzte immer schneller, Sylvia blickte nun nach draußen, ganz so, als schaue sie Fernsehen, während ich selbst erstaunt war, wie schnell ich reden konnte, „gleichzeitig legt Senger, die ,märkische Schaufel', ein extrem gerades Profil an – das gibt Punkte! – aber was ist das? EIN FOUL! Hans Gros, der Rasenmähermann, fährt nur mit einer halbvollen Schubkarre zum Abraum, sieht denn das der Schiedsrichter nicht?“ Sylvia lachte wieder laut. „Dafür müsste der ,Höllenengel' mit seinem Bagger eine Freischaufel bekommen, um hinter einem Befund eine Arbeitsgrube anzulegen. Hans Gros, meine Damen und Herren, ist heute übrigens mit einem französischen Boliden angetreten, zu dem er mir in der Pause verraten hat, dass er ab-so-lut untauglich ist! Bei der nächsten Grabung möchte er unbedingt wieder eine Karre aus deutscher Produktion fahren, weil die Achse der französischen Konkurrenz auf Sandboden einfach keine Leistung bringt! Jetzt zieht der Höllenengel mit seinem Bagger inzwischen neuen Abraum zur Seite, oooh, da wird der Unparteiische wohl nivellieren müssen ...“
Die Zeichnerin schüttelte langsam grinsend ihren Kopf, hatte sich aber merklich amüsiert. Ich musste erst mal Luft holen, sah aber dann, dass Flintdolch-Micha zum Bauwagen kam. Unwillkürlich blickte ich auf die Uhr: „Oh, Micha und ich sollten gleich mal losfahren, den Grill und die Sachen holen.“
„Zum HO in Totenow?“, erkundigte Sylvia sich.
„Genau“, sagte ich, als Micha beidhändig in den Bauwagen kletterte: „Sacht mal, was lacht ihr denn hier so? Das hört man auf dem ganzen Planum. Trinkt ihr heimlich schon die erste Kanne Bier?“ Sein Mund schnitt ein breites Grinsen ins Gesicht. Sylvia schüttelte den Kopf, dabei blickte sie immer noch sehr belustigt und gleichzeitig ein wenig pikiert, dass der zweite Zeichner ihr Alkohol am Arbeitsplatz unterstellte. „Ich? Ich trink doch nicht, wenn ich zeichne! Du vielleicht?“, neckte sie Micha, der immer noch auf dem Absatz des Einstiegs kippelte und sich mit beiden Händen am Türrahmen festhielt. Der konterte nur knapp, „kein Bier vor Vier“, und drehte sich dann zu mir. „Soll’n wir eigentlich nich bald losfahren?“
„Ja, können wir machen. Hast du die anderen schon gefragt, was wir so alles holen sollen?“
Sylvia meldete an: „Für mich braucht ihr nur zwei Würstchen zu holen, mehr esse ich nicht.“
Micha notierte geistig: „Zwei Würstchen? Können wir machen.“ Dann wandte er sich wieder mir zu: „Nee, ich dachte, wir sammeln eben schnell die Bestellungen.“
„Ja, gut“, sagte ich mit angehobener Stimme, kramte mir einen leeren Fundzettelblock und einen Bleistift und stieg hinter Micha aus dem Bauwagen, der sich zuvor bereits aus dem Eingang gedreht hatte.
„Wir fahren jetzt runter zum Supermarkt“, rief Micha.
Alle Arbeiter kamen zusammen, Wernher ging in Richtung Bagger, um Stefan durch Zeichen zu verstehen zu geben, den Bagger abzustellen.
In der Zwischenzeit fragte Hans: „Stimmt das eigentlich mit Arnold? Wernher erzählte, der hat sich das Bein gebrochen?“
„Ja“, erwiderte ich, „der ist gestern von der Fotoleiter gefallen.“ Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen: „Wenn das stimmt, was seine Leute erzählt haben, muss er wie ein Rohrspatz gemotzt haben.“ Ohne den Wortlaut selbst gehört zu haben, versuchte ich mit erhöhter Stimme zu imitieren: „Welche Hackfresse hatt’enn diese Leita konstruiert, los ihr Blödsenkel, holt ’en Krankenwagen.“ Alle lächelten, taten dies jedoch nicht aus Schadenfreude, sondern ob der befremdlichen Situation, die sich in unseren Köpfen abspielte.
Stefan hatte inzwischen seinen Bagger ausgemacht und Wernher rief ihm von unten zu: „Die zwee-e fahrn jetz zum Konn-summ. Solln die dir wat zum Verschnabuliern mitbringn?“
Stefan lehnte sich in seinem Bagger nach vorn, die Arme über Kreuz und antwortete: „Nee, ick hab mir doch Fisch mitjebracht.“
Dieter bestellte inzwischen bei uns: „Also, ich hätte gerne Würstchen. Und ein Kotelett“, wusste er mit erhobenem Zeigefinger.
„Ja“, freute sich Wernher, „son Kotelett is wat feinet“, er strahlte erst übers ganze Gesicht und ermahnte uns dann „aber holt bloß son mariniertet, nich son trockenen Plunda.“ Dann drehte er sich zu Hans: „Willste nich ooch ’n Kotelett?“
Hans lehnte ab, „Nein, ich nehme lieber ein kleines Schweinenackensteak, wenn die sowas haben. Ein oder zwei Würstchen aber auch.“
Jan wunderte sich: „Ihr esst ja alle nur Schwein? Ich will ein richtiges Tier. Bringt mir mal ein schönes Stück Rinderfilet.“ Mit seinen Händen und einem „Etwa so groß“ zeichnete er uns die korrekte Größe vor.
„Rinderfilet?“, wunderte sich Wernher, „dit wird ja janz trockn uff’m Jrill!“, und schüttelte den Kopf.
Mir entrutschte nur ein „suum cuique“, das ich zwar mehr für mich brummelte, von Jan aber trotzdem gehört wurde.
„Das Schwein quiekte?“, fragte er, „Ich hab doch gesagt, ich will Rind?!“, sprach er verwirrt.
Ich erklärte: „Das heißt: Jedem das seine“, und lenkte ab mit: „Was wollt ihr denn trinken?“ Dieter und Stefan fragten nach Bier, dazu wollten sie sich mit Micha ein Sixpack teilen. Der ehemalige Spediteur Wernher bestand dagegen auf alkoholfreiem Bier, was ich nachvollziehen konnte, weil ich denselben Gedanken gehabt hatte. Jan fragte nach Cola, nach Bier war ihm tagsüber überhaupt nicht. Hans winkte ab, er hatte ja seine polnische Limo, und in der Halbliterflasche war „sowieso viel zu viel!“
Als ich mit Micha zum Wagen ging, hörten wir noch im Hintergrund den Anfang der Geschichte, die Jan stets zum Besten gab, wenn das Stichwort Limonade fiel, und die jeder auf der Grabung schon mehrfach gehört hatte. Er erzählte dann in allen Einzelheiten, wie er einmal als Kind einen Finger in eine Limonadenflasche gesteckt, die Flasche geschüttelt und den Finger plötzlich herausgezogen hatte. Angeblich war dann der gesamte Inhalt der Flasche an die Decke der heimischen Küche gespritzt. Der Zeichner und ich waren froh, die Geschichte nicht ein weiteres Mal erzählt zu bekommen.
Direkt morgens wurde ich von einem lachenden Dieter mit der Frage begrüßt, ob ich den Willen zum Grillen in mir verspürte. Ich bejahte und schmunzelte über den eher lauen Witz. Irgendwann kurz vor Mittag wollte ich dann zusammen mit Micha zum Supermarkt im Ort fahren, um den Grill, die Kohle und für alle zusammen Würstchen, Fleisch und Getränke einzukaufen. Zuvor schaufelten, putzten und zeichneten die Arbeiter und Micha auf dem Grabungsfeld. Baggerfahrer Stefan schob Abraum zur Seite und half beim Ausnehmen größerer Siedlungsgruben mit dem Anlegen von Arbeitsgruben. Sylvia war derweil im Bauwagen damit beschäftigt, ihre letzten Zeichnungen in den Übersichtsplan kleineren Maßstabs umzuzeichnen, den ich für die spätere Bearbeitung zur Hand haben wollte. Ich saß ihr dabei gegenüber und füllte auf dem grundsiffigen Tisch die letzten Formulare aus, die in dieser Woche noch unbearbeitet geblieben waren.
Kurz vor Mittag stand ich auf, um mich zu strecken, und blickte aus dem Fenster des Bauwagens.
„Irgendwie ist das sehr surreal, von hier betrachtet.“
„Was meinst du?“
Mit einer zweifelnden Überlegung schüttelte ich zweimal den Kopf: „Na, es wirkt wie eine Mannschaftssportart, was die draußen veranstalten. – Herzlich willkommen“, imitierte ich aus dem Stegreif einen fiktiven Radioreporter, „zum zweiten Viertel unserer heutigen Grabungsübertragung, mein Name ist Paul Eggers und ich darf Sie herzlich begrüßen zu diesem außerordentlich spannenden Spiel.“ Sylvia grinste merklich, zeichnete aber konzentriert weiter. Ich steigerte mich: „Wir sind heute auf dem Feld von Totenow in der Maxim-Senff-Gedächtnis-Arena, und es ist ein Heimspiel der Totenower Sandteufel. Für die Sandteufel sind angetreten: Als Kapitän Benny Frandsen, auch bekannt unter seinem Spitznamen Flintdolch-Micha, in der Verteidigung an der Schaufel Dieter ,Popeye' Räumer und an der Schubkarre Hans Gros, der Rasenmähermann.“ Sylvia lachte. „Gäste sind die Wossi-All Stars, eine gemischte Ost-West-Auswahlmannschaft, die heute mit Jan ,Robin Hood' Retzlaff als Kapitän spielen, Wernher Senger, die ,märkische Schaufel', verteidigt, und der ,Höllenengel' Stefan sitzt im Bagger. Die Begegnung wird übrigens gesponsort von Attila Furioso, der stärksten Motorsäge der Welt, ja und ich sehe gerade, die Mannschaften laufen wieder auf das Feld. Als Schiedsrichter pfeift übrigens ein Grabungsleiter, der bereits einige größere Grabungen gepfiffen hat, ich denke da beispielsweise an die Finals von Groß Plüggenthun und Lügwitz, das den meisten von uns sicherlich noch als Schlammschlacht und spannende Partie zugleich in Erinnerung geblieben sind. Ich fasse vielleicht kurz den Stand aus dem ersten Viertel zusammen: Die Sandteufel haben die Auslosung verloren und mussten sich mit den Befunden in den Quadranten C18 bis 20 zufrieden geben. Hier zeigten sich zwar mehr Störungen in Form von Drainagen, aber dafür waren hier auch deutlich weniger Befunde, die es zu bearbeiten galt. Trotz besserer Ausgangsbedingungen haben die Wossis dennoch im gesamten ersten Viertel abgesehen von ein paar lumpigen Abschlägen, die immerhin schon jungsteinzeitlich sein könnten, und einem einzigen kalzinierten Flint noch keinen Fund machen können. Da sieht die krumpelige Krümelkeramik, die die Sandteufel geborgen haben und die wir hier im Stadion gerade an der Videowand in einer Nahaufnahme bewundern können, doch wesentlich besser aus. Ja, das dürfte hinterher Punkte in der B-Note geben. Kein Zweifel. Allerdings hatten die Wossis natürlich auch einen ordentlichen Zeitverlust, als ,Robin Hood'-Retzlaff mit dem Schiedsrichter Witze machte und im Anschluss mit seiner gesamten Mannschaft eine Strafrunde auf dem Abraum schieben musste. Gerade höre ich, dass das Spiel wieder angepfiffen wird. Die Mannschaften versammeln sich vor den Quadranten, nehmen die Geräte in die Hand und“, ich rief laut: „JETZT ERTÖNT DER ANPFIFF!“
Sylvia erschreckte sich und lachte gleichzeitig, ich plapperte in einer tonlosen Schnellsprache weiter: „,Flintdolch'-Micha schwingt die Schaufel, das wird hart für ,Robin Hood'-Retzlaff, und da kommt ,Popeye' Räumer, er schaufelt, als sei der Teufel hinter ihm her, mit einem Bauchkippdreher holt er das Letzte aus seinem Sportgerät, dabei war er noch vor zwei Monaten mit einer komplizierten Sehnenscheidenentzündung in Behandlung, hoffentlich hat er da keinen Tierbau erwischt“, meine Stimme hetzte immer schneller, Sylvia blickte nun nach draußen, ganz so, als schaue sie Fernsehen, während ich selbst erstaunt war, wie schnell ich reden konnte, „gleichzeitig legt Senger, die ,märkische Schaufel', ein extrem gerades Profil an – das gibt Punkte! – aber was ist das? EIN FOUL! Hans Gros, der Rasenmähermann, fährt nur mit einer halbvollen Schubkarre zum Abraum, sieht denn das der Schiedsrichter nicht?“ Sylvia lachte wieder laut. „Dafür müsste der ,Höllenengel' mit seinem Bagger eine Freischaufel bekommen, um hinter einem Befund eine Arbeitsgrube anzulegen. Hans Gros, meine Damen und Herren, ist heute übrigens mit einem französischen Boliden angetreten, zu dem er mir in der Pause verraten hat, dass er ab-so-lut untauglich ist! Bei der nächsten Grabung möchte er unbedingt wieder eine Karre aus deutscher Produktion fahren, weil die Achse der französischen Konkurrenz auf Sandboden einfach keine Leistung bringt! Jetzt zieht der Höllenengel mit seinem Bagger inzwischen neuen Abraum zur Seite, oooh, da wird der Unparteiische wohl nivellieren müssen ...“
Die Zeichnerin schüttelte langsam grinsend ihren Kopf, hatte sich aber merklich amüsiert. Ich musste erst mal Luft holen, sah aber dann, dass Flintdolch-Micha zum Bauwagen kam. Unwillkürlich blickte ich auf die Uhr: „Oh, Micha und ich sollten gleich mal losfahren, den Grill und die Sachen holen.“
„Zum HO in Totenow?“, erkundigte Sylvia sich.
„Genau“, sagte ich, als Micha beidhändig in den Bauwagen kletterte: „Sacht mal, was lacht ihr denn hier so? Das hört man auf dem ganzen Planum. Trinkt ihr heimlich schon die erste Kanne Bier?“ Sein Mund schnitt ein breites Grinsen ins Gesicht. Sylvia schüttelte den Kopf, dabei blickte sie immer noch sehr belustigt und gleichzeitig ein wenig pikiert, dass der zweite Zeichner ihr Alkohol am Arbeitsplatz unterstellte. „Ich? Ich trink doch nicht, wenn ich zeichne! Du vielleicht?“, neckte sie Micha, der immer noch auf dem Absatz des Einstiegs kippelte und sich mit beiden Händen am Türrahmen festhielt. Der konterte nur knapp, „kein Bier vor Vier“, und drehte sich dann zu mir. „Soll’n wir eigentlich nich bald losfahren?“
„Ja, können wir machen. Hast du die anderen schon gefragt, was wir so alles holen sollen?“
Sylvia meldete an: „Für mich braucht ihr nur zwei Würstchen zu holen, mehr esse ich nicht.“
Micha notierte geistig: „Zwei Würstchen? Können wir machen.“ Dann wandte er sich wieder mir zu: „Nee, ich dachte, wir sammeln eben schnell die Bestellungen.“
„Ja, gut“, sagte ich mit angehobener Stimme, kramte mir einen leeren Fundzettelblock und einen Bleistift und stieg hinter Micha aus dem Bauwagen, der sich zuvor bereits aus dem Eingang gedreht hatte.
„Wir fahren jetzt runter zum Supermarkt“, rief Micha.
Alle Arbeiter kamen zusammen, Wernher ging in Richtung Bagger, um Stefan durch Zeichen zu verstehen zu geben, den Bagger abzustellen.
In der Zwischenzeit fragte Hans: „Stimmt das eigentlich mit Arnold? Wernher erzählte, der hat sich das Bein gebrochen?“
„Ja“, erwiderte ich, „der ist gestern von der Fotoleiter gefallen.“ Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen: „Wenn das stimmt, was seine Leute erzählt haben, muss er wie ein Rohrspatz gemotzt haben.“ Ohne den Wortlaut selbst gehört zu haben, versuchte ich mit erhöhter Stimme zu imitieren: „Welche Hackfresse hatt’enn diese Leita konstruiert, los ihr Blödsenkel, holt ’en Krankenwagen.“ Alle lächelten, taten dies jedoch nicht aus Schadenfreude, sondern ob der befremdlichen Situation, die sich in unseren Köpfen abspielte.
Stefan hatte inzwischen seinen Bagger ausgemacht und Wernher rief ihm von unten zu: „Die zwee-e fahrn jetz zum Konn-summ. Solln die dir wat zum Verschnabuliern mitbringn?“
Stefan lehnte sich in seinem Bagger nach vorn, die Arme über Kreuz und antwortete: „Nee, ick hab mir doch Fisch mitjebracht.“
Dieter bestellte inzwischen bei uns: „Also, ich hätte gerne Würstchen. Und ein Kotelett“, wusste er mit erhobenem Zeigefinger.
„Ja“, freute sich Wernher, „son Kotelett is wat feinet“, er strahlte erst übers ganze Gesicht und ermahnte uns dann „aber holt bloß son mariniertet, nich son trockenen Plunda.“ Dann drehte er sich zu Hans: „Willste nich ooch ’n Kotelett?“
Hans lehnte ab, „Nein, ich nehme lieber ein kleines Schweinenackensteak, wenn die sowas haben. Ein oder zwei Würstchen aber auch.“
Jan wunderte sich: „Ihr esst ja alle nur Schwein? Ich will ein richtiges Tier. Bringt mir mal ein schönes Stück Rinderfilet.“ Mit seinen Händen und einem „Etwa so groß“ zeichnete er uns die korrekte Größe vor.
„Rinderfilet?“, wunderte sich Wernher, „dit wird ja janz trockn uff’m Jrill!“, und schüttelte den Kopf.
Mir entrutschte nur ein „suum cuique“, das ich zwar mehr für mich brummelte, von Jan aber trotzdem gehört wurde.
„Das Schwein quiekte?“, fragte er, „Ich hab doch gesagt, ich will Rind?!“, sprach er verwirrt.
Ich erklärte: „Das heißt: Jedem das seine“, und lenkte ab mit: „Was wollt ihr denn trinken?“ Dieter und Stefan fragten nach Bier, dazu wollten sie sich mit Micha ein Sixpack teilen. Der ehemalige Spediteur Wernher bestand dagegen auf alkoholfreiem Bier, was ich nachvollziehen konnte, weil ich denselben Gedanken gehabt hatte. Jan fragte nach Cola, nach Bier war ihm tagsüber überhaupt nicht. Hans winkte ab, er hatte ja seine polnische Limo, und in der Halbliterflasche war „sowieso viel zu viel!“
Als ich mit Micha zum Wagen ging, hörten wir noch im Hintergrund den Anfang der Geschichte, die Jan stets zum Besten gab, wenn das Stichwort Limonade fiel, und die jeder auf der Grabung schon mehrfach gehört hatte. Er erzählte dann in allen Einzelheiten, wie er einmal als Kind einen Finger in eine Limonadenflasche gesteckt, die Flasche geschüttelt und den Finger plötzlich herausgezogen hatte. Angeblich war dann der gesamte Inhalt der Flasche an die Decke der heimischen Küche gespritzt. Der Zeichner und ich waren froh, die Geschichte nicht ein weiteres Mal erzählt zu bekommen.
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Sonntag, 22. März 2009
Kapitel 10.3
Leider war der nächste Baumarkt so weit und so umständlich anzufahren, dass ich erst zu Beginn der Mittagspause wieder auf der Grabung war. Ich war immer noch gut gelaunt. Nach der gestrigen Einladung durch Micha wollte ich an diesem Tag mal das Treiben in der Spielhölle von Totenow begutachten. Also kletterte ich kurz in den Nichtraucherwagen, nahm mit einem „Mahlzeit!“ meine Tasche mit dem Essen heraus, beantwortete die fragenden Blicke mit: „Ich geh mal rüber – gestern bin ich ins Casino Totenow geladen worden“, und schaukelte zu dem anderen Wagen, der bereits aus allen Ritzen und Löchern qualmte. Als ich die Tür öffnete, stand ich vor einer grauen Wand, es erschien mir wie eine Räucherkammer.
„Sagt mal, habt ihr hier nur Quarzuhren laufen?“, versuchte ich Stimmen hervorzulocken, um die Position der einzelnen Leute orten zu können. Ich wurde herzlich begrüßt, als hätten sie mich seit Wochen nicht gesehen: „Ah, der Scheff! Immer rinn int Kabuff! Willste dir nich setzn?“, fragte Stefan.
„Hier ’ne Herz Sieben, Dieter!“, plapperte Jan.
Ich hob ablehnend die flache Hand, „Nee danke, ich habe eben lang genug gesessen, außerdem bleib ich hier lieber bei der Tür, da ist die Luft besser.“ Ich stellte mich an die Wand des Bauwagens neben Dieter und sah, wie er mit einer lässig aus dem Mundwinkel hängenden Zigarette zwei Karten vom Stapel zog.
Die Räuchermännchen plapperten weiter. Jan und Dieter spielten gerade noch das Ende einer Runde aus, Micha und Stefan hatten die Partie bereits gewonnen. Vor Micha lag der Fundzettelblock, auf dessen Rückseite sie die Punkte notierten. Ich zog einen Apfel aus meiner Tasche und Stefan fragte. „Wat issten da? ’n Apfel? Willste nich ma wat richtijet? ’ne Schrippe mit Maurermarmelade?“
Ich verneinte wortlos, nahm meinen Apfel und biss krachend hinein. Jonas vertilgte ein Skinkost-Brot, er saß schräg vor dem Kopfende. Micha drehte sich wieder zu Stefan: „Wo war ich?“ Nur kurz schraubte er den Kopf zu mir und zwischenerklärte: „Ich erzähl grad ’ne Geschichte, die mir ein Raubgräber erzählt hat, den ich kenne“, dann wandte er sich wieder Stefan zu, „die haben also in dem Maisfeld eben son Bronzedepot aufgemacht, da war’n dann Beile, Schwerter und so Bronzeringe drin“, er unterstrich die Ringe, in dem seine Zeigefinger einen Ring um seinen Hals zeichneten. „Und irgendsone vernietete Blechplatte“, seine Fäuste hoben sich neben seinem Kopf, und öffneten sich schlagartig, „da gehen plötzlich so Flutlichter an, und eine Stimme ertönt“, er hielt die rechte Hand hohl vor den Mund, „hier spricht die Polizei. Keine Bewegung.“ Micha lachte. „Da haben sich dann alle auf den Boden geschmissen, sind mit den Funden aus dem Feld gerobbt und schnell ab nach Hause.“ Wieder lachte er. „Mein Bekannter hat sich tagelang nicht vor die Tür getraut, weil er immer dachte, er wird gleich abgeholt.“ Ich setzte meinen strengsten Ausdruck auf, um zu verstehen zu geben, dass ich solches Gebaren natürlich nicht gutheiße, und Micha begriff sofort: „Sowas mach ich natürlich nich“, versuchte er zu beschwichtigen und hob unterwürfig die Hände, „ich geb immer alle Funde ab.“
„Und eine Kreuz Sieben“, Jan freute sich merklich und betonte langsam: „letz-te Kar-te!“ Stefan feixte: „Ja, jib ihm Sauret!“ Dieter zog zwei weitere Karten, man sah, dass er das Spiel nicht an sich heranließ.
„Und ein Kreuz König – Mau! Na, alter Mann? Was haste denn noch auf der Hand?“
„Du Hund, bevor du deine Siebenen gespielt hast, hatt ich nur zwei Neuner – und jetzt das:“
„Haha, nur noch Bilder! Das macht, dreißig, vierzig, achtundfünfzig“, Micha notierte die Punkte, „da hat Jan dich aber noch ganz schön abgezogen. Wer ist mit Mischen dran?“
„Immer der, der fraacht!“, befahl Stefan.
Micha fragte mich: „Willst du mitspielen?“
Ich verneinte, „Nee, es reicht mir, wenn ich zugucke“, und grinste kauend.
Stefan motzte: „Boah, Kerle, dit is doch echt n Scheißspiel. Kann denn keena von euch wat Anständijet wie Arsch uff Eis oda Könich von Moabit?“ Alle schüttelten den Kopf, Micha schob die Karten zusammen und begann sie zu mischen. Ich sah Stefan an wie ein unbedrucktes Buch. „Is eem noch keena von euch im Knast jewesen.“ Wieder schüttelten alle den Kopf, Stefan fragte: „Noch nie wat ausjefressn, wa?“ Micha und Jonas schmunzelten. Micha zog die querliegenden Karten mit dem linken Daumen vom Stapel in seiner rechten Hand.
Dieter fragte: „Du, der Micha hier erzählte, die dicke Orka hat gestern angerufen? Die kommt heut nich, weil die ’n Tennisarm hat?“ Falten gruben sich in die Haut unter seine lachenden Augen, mit denen er einen nach dem anderen kurz fixierte: „Die spielt doch nie im Leben Tennis!“ Die meisten lachten dumpf auf, dann wurde es ruhig und man hörte einen Moment lang nur Michas Schlippschlippschlippschlippschlipp.
Es war offenbar ruhig genug, dass Stefan sich traute, nach Marions Spitznamen zu fragen: „Warum nennta die Dicke einklich Orka?“
„Na, das ist doch der Wal. Kennste die nich? Die schwarzweißen Killerwale?“, erklärte Dieter, und seine Hände umschrieben in der Luft etwas Großes, Dickes. Stefan nickte unwissend, blickte auf den Tisch und ließ seine Zigarettenschachtel mit der linken Hand immer wieder nervös auf den Tisch plumpsen. Da erwachte der Seemann in Dieter: „Habt ihr denn schon mal gesehen, wie ein Orka eine Robbe jagt und frisst?“ Anfangs war sein Gesichtsausdruck noch einfach nur erfreut: „Na, du stehst an der Rehling und siehst, wie sich ’ne Herde Seelöwen in den Wellen tummelt. Dann taucht immer so langsam bogend“, seine Hand beschrieb Bögen in der Luft, „eine schwarze Finne aus dem Wasser. PLÖTZLICH!“, seine Hand zuckte, „stößt der augenlose Kopf – man sieht beim Orka die Augen nämlich nicht“, erklärte er dem staunenden Jan und machte mit der Hand eine schnappende Bewegung, „und packt sich einen Seelöwen im Genick.“ Mit seiner rechten Hand fasste er sein linkes Handgelenk. Es ähnelte der Mischbewegung von Micha, der weiter schlippte. „Dann windet sich dieser riiiesige, spindelförmige Körper“, Dieter dehnte die Wörter ein wenig, um die Größe zu unterstreichen und drehte seine Fäuste zur Erklärung, während seine Augen bei jeder Silbe blitzten, „und schraubt sich mit dem Seelöwen herum. Du siehst nur zwei Körper, der eine schwarzbunt, wie ’ne Kuh, der andere dunkelbraun. Und dann schlägt der Orka den ungelenken Fettbalg auf dem Wasser hin und her, das klatscht nur so“, seine Hand klatschte einmal flach auf den Tisch, drei Feuerzeuge sprangen kurz hoch, „und das Wasser, die Gischt, das spritzt nur noch, das schäumt alles vor Blut.“ Dann biss Dieter beherzt in seine Wurststulle und steckte sich, noch während er kaute, eine Zigarette in den Mund.
Seine bildhafte Beschreibung eines Orka-Angriffs weckte Assoziationen und Bilder in meinem Kopf. Vor meinem geistigen Auge spannte sich automatisch eine trübe Leinwand, auf der sich die letztwöchigen Begegnungen mit unserer Orka projizierten und sich mit der geschilderten Attacke zu Wasser vermischten. All ihr Unvermögen, ihre Lügen und Unverschämtheiten fielen mir wieder ein. Es kam mir vor, als habe unsere Orka ihr zahnbereihtes Maul zu voll genommen. Sie hatte mit den Protzereien über ihre Fähigkeiten versucht, einen ausgewachsenen Pottwal anzugreifen, der ihr einfach über war. Die Fett gewordene Diana war zur Gejagten geworden und hatte die Flucht ergriffen.
Ich kehrte von meinen Gedanken zurück in den Raucherwagen und entdeckte erst jetzt, wie speckig und trauerrandig der Satz Baustellenkarten war. Dieter bemerkte meinen abschätzigen Blick: „Das war’n neue Karten. Die hab ich neu mitgebracht.“
Stefan lehnte seinen rechten Unterarm, an dessen Ende ein Tabakröllchen rauchte, auf den Tisch und beugte sich mit ernster Miene vor: „Ick hab neulich in de Zeitung jelesn“, so ernst wie es der Aufträger des Gesichtes von James Joyce eben konnte, „det sich in Bärlin eena totjemischt hat.“
Stefan lachte selbst am meisten über seinen „Witz“, Dieter lachte die typische Altherrenlache einer klassischen Skatrunde, und Jan bereitete sich tief konzentriert auf das nächste Spiel vor. Micha tat nur so, als ob er lachte, stoppte aber dann das Interludium und teilte aus.
Ich wunderte mich währenddessen über den vielen Qualm und darüber, dass Dieter gleichzeitig essen, rauchen und spielen konnte: „Reicht dir eigentlich nicht der Rauch von den andern? Hier ist doch so viel Rauch im Wagen, dass ihr total eingeräuchert seid.“
Stefan klinkte sich krächzend ein: „Na, dit is ja ooch jut so. Meen Opa hat immer jesacht, ’ne Bude, in die nich jeroocht wird, stinkt nach Pisse.“ Dann lachte er. „De hatte immer son Lungentorpedo int Maul jehappt.“
Micha warf die Karten einzeln vor jeden Spieler.
Ich dachte laut nach, „ich weiß nicht, mir wär das schon zu teuer.“ Die vier Spieler griffen sich nach und nach ihre Karten, dabei veranstaltete Jan ein Brimborium um jede Karte, die er erhielt.
„Das kommt ganz darauf an“, schmunzelte Jonas, „man kann auch Glück haben.“ Jan zog jede Karte einzeln über den Tisch und fluppte sie dann von der Tischkante mit katzenartiger Geschwindigkeit vor sein Gesicht. Micha stockte und unterbrach das Austeilen kurz, um dem Schweden zuzuhören. „Auf einer Grabung kamen wir mal morgens auf die Fläche. Da war alles kaputt. Der Bagger stand auf der Fläche, bei den Bauwagen waren die Dächer eingedrückt und die Wände eingerissen, und auf der Fläche lag ein kaputter Zigarettenautomat. Hähä.“ Micha ahnte die Geschichte und verteilte langsam weiter. Jan kämpfte noch immer darum, niemandem die Gelegenheit finden zu lassen, in seine Karten zu linsen. „Da haben irgendwelche Idioten im Dorf einen Automaten aus der Verankerung gerissen, den aber nicht aufgekriegt. Also sind die nachts auf unsere Grabung gefahren und haben den Bagger geknackt. Die waren aber erst zu doof, den Bagger zu bedienen, also haben die die ganzen Bauwagen auseinandergenommen. Irgendwann haben die es dann geschafft, mit der Schaufel den Automaten zu knacken, waren aber wieder zu doof, die haben nämlich nur das Geld mitgenommen“, Micha lachte jetzt beim Austeilen. Jan drückte inzwischen seinen Kopf so weit gegen die Wand des Bauwagens, dass sein Gesicht beinahe platt wurde. Der Schwede redete zu Ende, „und die Zigaretten in dem kaputten Automaten gelassen. Haha! Da hat das Grabungsteam erst mal alle Päckchen rausgenommen und gerecht geteilt. Erst danach haben wir die Bullen gerufen“, er schaute die Leute an, denen er gestern Abend von den Randalen erzählt hatte, um zu erklären: „wegen der Versicherung!“
Alle lachten – mit Ausnahme von Jan. Ich hatte bereits beim Austeilen bemerkt, dass ausgerechnet er hochkonzentriert immer wieder den Versuch unternahm, in Stefans Karten zu kiebitzen, der neben ihm saß. Dabei merkte Jan nicht einmal, dass sich alle Karten in Stefans dicken Brillengläsern spiegelten.
Stefan motzte: „Mannmannmann, wat haste mir denn da fürn Scheißblatt jejebn?“ Micha lachte jetzt aus Trotz. Dieter stimmte in das Geberbashing mit ein: „Das stimmt. Aus jedem Dorf ’n Köter. Geh mal raus, dir die Hände waschen, Micha!“
Jonas zündete sich eine Zigarette an, kramte seinen Taschenascher heraus, öffnete ihn und platzierte ihn vor sich. Er legte die Zigarette hinein, zog seine Snus-Dose aus einer anderen Tasche und knetete sich eine große Portion des schwedischen Tabakpulvers zu einem kleinen Kissen, das er sich unter die Oberlippe schob. Micha zog die oberste Karte vom Stapel, einen Herz Buben, und legte sie neben den Stapel. Stefan kommentierte: „Nu kiek ma an!“
„Dieter fängt an, was wünscht du dir?“
Dieter schaute kurz in sein Blatt: „Ich wünsch mir Kreuz, dann eröffne ich mal mit ’ner Dame.“
Jan warf stillschweigend eine Neun auf die Ablage, Stefan folgte ruhig mit einer Herz Neun. Micha legte ein Herz Ass drauf und Jan begann Streit: „Jetzt darfste doch noch eine spielen.“
„Nach ’nem Herz Ass?“ Michas Stirn runzelte sich zusammen. Stefan schnippte: „Von wegen!“ Dieter stimmte zu: „So ein Quatsch!“, und spielte ein Kreuz Ass.
„Ja natürlich nach einem Ass! Wie spielt ihr denn? Was sind das denn für Regeln? Kein Mensch spielt so.“
„Wir haben uns doch vorher drauf geeinigt. Solln wir die Regeln etwa aufschreiben?“ Alle schüttelten den Kopf.
Jan murmelte irgendetwas von „bei uns spielt man das richtig“ vor sich hin. Im Gesicht wurde er vor Wut rot, dann spielte er ein Karo Ass. Kein Wunder, dass nach dem Ass eine weitere Karte gespielt werden sollte.
„Ick kann nich“, plapperte Stefan und zog eine Karte.
„Deine Erfolge im Schlafzimmer interessieren hier nich“, amüsierte sich Micha und wieherte los. Dieter lachte ächzend mit. Dann spielte Micha eine Karo Sieben, und Dieter hörte mit dem Lachen auf. Er zog zwei Karten vom Stapel. Jans Wut verflog bei dieser Vorgabe, und er spielte feixend eine Herz Sieben. Stefan patzte ihn mit freundlicher Stimme von der Seite an: „Na, mit volln Hosen is jut stinkn“, und zog zwei Karten.
„Dann kommt jetzt meine Herz Dame!“, sagte Micha und patschte die Karte aus der Höhe auf die Ablage.
„Na, da kann se mit meiner Karierten ja Káffe trinken“, freute sich Dieter.
Jan warf eine Karo Neun hin, Stefan ließ Micha mit einer Acht aussetzen („Da biste baff, wa?“) und Dieter spielte eine Zehn.
„Ich wünsch mir Pik“, schrie Jan und spielte einen Buben dieser Farbe.
Stefan ließ Micha wieder aussetzen, dann verschlechterte Dieter Jans Laune mit einer Sieben, die der nicht weiterreichen konnte, und reizte den kleinen Jan dazu: „Wort mit X – war wohl nix!“
Jan saß mit langem Gesicht, vor das er sich weiterhin angestrengt die Karten klemmte. Er hatte die letzten beiden Karten des Stapels genommen, daher nahm Dieter inzwischen die gefüllte Ablage, legte die Sieben zur Seite und mischte die restlichen Karten neu. Dazu teilte er sie dreimal in zwei Stapel und ließ sie mit einem klingenden: Prrrrrrt! abwechselnd ineinanderflattern. Stefan spielte währenddessen stumm eine Neun. Aus den gewölbten Händen Dieters echote ein gekonntes: Flllllit!
„Ach du grüne Neune“, sagte Micha und warf eine Zehn auf den Stapel.
Dieter sammelte sich seine Handkarten wieder zusammen und rief: „Hier! Ein Ass!“
Jan parierte mit einer Dame, die Stefan mit einem Kreuz Buben deckte: „Herz!“
„Na super!“, jetzt motzte Micha und zog eine Karte.
„Echt spitze!“, schimpfte Dieter und zog eine Karte.
Jan brummelte erstaunlich leise „Eigentlich spielt man ja die Farbe vom Buben.“ Die Gesichter der anderen Spieler verdüsterte sich aber bereits, da zog er still eine Karte. Stefan verlängerte inzwischen das Elend mit einer Herz Acht. Dieter zog noch eine Karte, Jan auch. Mit einer Kreuz Acht überstrapazierte der Baggerfahrer jetzt sein Glück. Micha setzte bereits das zweite Mal in Folge aus.
Doch auch Jan musste leiden: „Hier! ’ne Kreuz Sieben“, rief Dieter fröhlich und ließ Jan zwei weitere Karten ziehen. Jetzt musste auch Stefan eine Karte vom verdeckten Stapel nehmen: „Ick kann wieda nich!“
Micha grinste still und warf einen Karo Buben auf den Stapel. „Karo!“
Sein Nachbar, der Seemann, war anscheinend bereits in leichten Mittagsschlaf verfallen und versuchte einen Pik Buben zu installieren, da ging ein Aufschrei durch die Bänke.
Stefan drohte: „Haste keene Oogn in Kopp?“, und Micha ermahnte streng: „Hey, das geht nicht! Bube auf Bube stinkt!“ Man merkte, dass er das nicht zum ersten Mal zu Dieter sagte. Dieter nahm verwirrt seinen Buben auf die Hand, stierte auf seine Karten und fragte sich selbst: „Ja, was mach ich denn dann? Dann muss ich eine ziehen.“
Der erbarmungslose Jan ließ Stefan mit einer Acht aussetzen. Micha warf einen König auf die Ablage und sprach süffisant: „Letzte Karte!“
In Jans Augen entstand nun Panik, dann fluppten eine verschwiegene Zehn, eine Neun und eine Kreuz Neun, die Micha gekonnt mit einem Herz Buben unterwarf: „Mau-Mau! Ich wünsch mir Herz.“
„Sag mal“, fragte ich Stefan, „was is’n das für Abzeichen an deinem Lederbändchen? Ein Totenschädel mit Flügeln?“ Dieter spielte inzwischen eine Herz Sieben und sorgte damit bei Jan für tiefgehende Unstimmung.
Stefan warf eine Herz Zehn ab. „Letzte Karte – wat? Ach so, du meinss mein Boulo-Tei? Meine Westannkrawatte?“, und hielt das dünne Bändchen mit dem Abzeichen vor seine Nase. „Dit is der Dess-hätt! Ick bin doch Ehrn-Hells Eyndschel!“
Dieter spielte jetzt ruhig seinen Buben: „Da! Jetz kommt aber mein Junge. Karo. Letzte Karte.“ Jan grummelte missmutig und spielte einen Karo König.
Zweifelnd betrachtete ich Stefan, das schmächtige Hemdchen, das ein Kopf kleiner war als ich: „Ehrenmitglied?“
Stefan beantwortete erst die gespielte Karte „Da, ’ne Karo Tante – Mau!“, und erklärte dann: „Ja, natürlich, ick jehör doch zum Kopp der Bick Rett Mäschien. Ick kann sofort die janze Prätorianerjaade antanzn lassn, wenn ick se brooch. Aber einklich brooch ick keene nischt, ick hab doch selba den janzen Keller voller Em-Jes und Knarren. Wenn ick nich uff Arbeet bin, denn ha’ck immer ’ne Wumme dabei.“
Dann beendete auch Dieter das Spiel: „Hier Jan: ’ne Sieben, zwei ziehen! Mau!“, und freute sich erkennbar. Ich betrachtete Stefan mit einem wahrscheinlich recht ungläubig aussehenden Blick: „Jonas erzählte gestern Abend, du hast mal in Brasilien gearbeitet?“
„Ja, natürlick!“ Stefan lehnte sich mit dem linken Ellbogen auf seinen Oberschenkel, während er mit der linken Hand die Zigarette hielt, „Da ha’ck doch ooch meene Zähne verlorn! Weeßte, ick bin doch einklich Sprengmeester. Vor zehn Jahrn bin ick russ aus Bärlin, ab nach Südamerika, nach Brasilljen. Da ha’ck denn ’n paar Jahre so Tunnels inne Berje jesprengt jehappt.“
„Aha. – Und wie hast du deine Zähne verloren?“, fragte ich, Jonas schmunzelte mit seiner ausgebeulten Oberlippe.
„Na, dit war bei eim Projekt, da jing dit dem Indscheniör nich schnell jenuch. Dit wa son Backpfeifenjesicht, dit wolltie Arbeet’n partu abkürzn. Deshalb sollt ick son jannnz jewagtet Sprengmanöver durchziehn. Damit er Zeit und Jeld sparn kann, der Fatzke.“ Er hob seine andere Hand und bildete ein schiefes Dach. „Det musste dir so vorstelln, dit dit uff son jannnz bestimmten Winkel ankommen tut. Un wenn der stumpfa wird“, das Dach seiner Hände wurde flacher, „wird det imm-mma jefährlicha. Ick hab jesacht, ja bitte, jut, kann ick machen, batt ei du itt on jur res-ponsillity.“ Da Stefan um die Englisch-Kenntisse Dieters, Jans und Michas wusste, drehte er sich jovial in die Runde und erklärte, „Also: nur uff den seine Verantwortung. Außerdem, sarick, such ick mir die fümf Arbeeta aus, die ick dafür brooch. Denn bin ick durche Reihn von die Arbeeta, fast allet nur so ausjehungerte Fijuren, so halbnackte Indianass“, er lachte, „weeßta, nur son Lendenschurz wie Tarzan um un son jammlijet Ti-Schört, und denn ha’ck mir die Leute ausjesucht, die keene Familie nich ham. Also: du, du, du, du und du.“ Stefan führte uns mit gestrecktem Finger vor, wie er die Arbeiter ausgewählt hatte. „Denn sinn wa in dem Berch und ham die Sprengladungen anjebracht – naja und wat soll ick saa’n. ’türlick is et schief jeloofn. De halbe Berch is zusammjebrochn. Ick wurd vaschüttet. De janze Felsen bricht zusamm, un ick mittenmang. Hätten ma lieba ne Herrenknecht genomm’. Nach zween Tagn hamse mir dann russjeholt. De Indianers warn alle tot jewesn. Un ick? Ick hatte alle Zähne kaputt, fast alle Knochen jebrochn jehappt, die Beene, die Rippn, allet. Ick hab ja n halbet Jahr in Brasilljen im Spitaal jelejn. Det kann ich euch saa’n, dit wa jar nich schön. Ewich diese Hitze. Det jloobt-a nich. Un der Jestank. – Bah!“ Seine Gesicht drehte sich mit geschlossenen Augen zum Fenster, als spucke er angewidert aus. „Weeßta, ick hab ma in Kaschmir, da wa ick mit meina Harley jewesn, da ha’ck son Lepra-Laga jesehn – det hat lang nich so jestunkn, wie det Spitaal da in Brasilljen. – Na, un seitdem bin ick Frührentna. Ick muss ja nischt arbeetn jehn. Ick hab ooch so mein Auskomm. Aba wenn ick noch son bissken nebenbei bagga, denn kann ick mir dit in die Tasche steckn, weeßte.“ Er machte mit der rechten Hand eine drehende Bewegung zur Hosentasche.
Die Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf die Spielkarten auf dem Tisch.
„Was haste noch auf der Hand?“, fragte der große Micha den kleinen Jan.
„Hier, fünf Bilder, macht fünfzig.“
Dieter mischte sich ein: „Nee, ich hab dir noch ’ne Sieben gespielt, du musst noch zwei ziehen!“
„Was?“ Jan wurde ungehalten, man merkte, er fühlte sich ertappt. Er hatte gehofft, Stefans Geschichte hätte uns vom Spielende abgelenkt.
„Natürlich, du musst doch Dieters Zug noch beenden“, pflichtete auch Micha bei, und Stefan nickte nachdrücklich, „Du musst noch ziehn!“ Micha zog die obersten Karten vom Stapel, es waren zwei Asse.
„WAS? Das ist doch Betrug! Erst krieg ich eben die ganzen Siebenen und muss ständig aussetzen und jetzt das! Wie spielt ihr denn? Ihr habt euch doch die Regeln ausgedacht, das spielt man nur bei uns richtig!“
„Wenn du meinst“, ließ Micha Jan schwatzen und rechnete ihm siebzig Punkte an.
„Das ist Betrug! Mit euch spiel ich nich mehr!“, schrie der kleine Mann, packte seine Sachen und stiefelte wutentbrannt aus dem Bauwagen. Als er draußen war, sagte Micha „Na, hoffentlich“, Stefan sekundierte noch: „Son kleena Stänkafritze – den ha’ck jefressn!“, und alle lachten gedämpft.
Ich blickte auf die Uhr: „Na, dann lasst uns mal weitermachen.“ Die Raucher räumten den Kram vom Tisch und standen auf. Jonas und ich machten Platz, damit die vier Spieler sich aus den Bänken drängeln konnten. Dann trotteten wir nach und nach aus dem Bauwagen.
„Sagt mal, habt ihr hier nur Quarzuhren laufen?“, versuchte ich Stimmen hervorzulocken, um die Position der einzelnen Leute orten zu können. Ich wurde herzlich begrüßt, als hätten sie mich seit Wochen nicht gesehen: „Ah, der Scheff! Immer rinn int Kabuff! Willste dir nich setzn?“, fragte Stefan.
„Hier ’ne Herz Sieben, Dieter!“, plapperte Jan.
Ich hob ablehnend die flache Hand, „Nee danke, ich habe eben lang genug gesessen, außerdem bleib ich hier lieber bei der Tür, da ist die Luft besser.“ Ich stellte mich an die Wand des Bauwagens neben Dieter und sah, wie er mit einer lässig aus dem Mundwinkel hängenden Zigarette zwei Karten vom Stapel zog.
Die Räuchermännchen plapperten weiter. Jan und Dieter spielten gerade noch das Ende einer Runde aus, Micha und Stefan hatten die Partie bereits gewonnen. Vor Micha lag der Fundzettelblock, auf dessen Rückseite sie die Punkte notierten. Ich zog einen Apfel aus meiner Tasche und Stefan fragte. „Wat issten da? ’n Apfel? Willste nich ma wat richtijet? ’ne Schrippe mit Maurermarmelade?“
Ich verneinte wortlos, nahm meinen Apfel und biss krachend hinein. Jonas vertilgte ein Skinkost-Brot, er saß schräg vor dem Kopfende. Micha drehte sich wieder zu Stefan: „Wo war ich?“ Nur kurz schraubte er den Kopf zu mir und zwischenerklärte: „Ich erzähl grad ’ne Geschichte, die mir ein Raubgräber erzählt hat, den ich kenne“, dann wandte er sich wieder Stefan zu, „die haben also in dem Maisfeld eben son Bronzedepot aufgemacht, da war’n dann Beile, Schwerter und so Bronzeringe drin“, er unterstrich die Ringe, in dem seine Zeigefinger einen Ring um seinen Hals zeichneten. „Und irgendsone vernietete Blechplatte“, seine Fäuste hoben sich neben seinem Kopf, und öffneten sich schlagartig, „da gehen plötzlich so Flutlichter an, und eine Stimme ertönt“, er hielt die rechte Hand hohl vor den Mund, „hier spricht die Polizei. Keine Bewegung.“ Micha lachte. „Da haben sich dann alle auf den Boden geschmissen, sind mit den Funden aus dem Feld gerobbt und schnell ab nach Hause.“ Wieder lachte er. „Mein Bekannter hat sich tagelang nicht vor die Tür getraut, weil er immer dachte, er wird gleich abgeholt.“ Ich setzte meinen strengsten Ausdruck auf, um zu verstehen zu geben, dass ich solches Gebaren natürlich nicht gutheiße, und Micha begriff sofort: „Sowas mach ich natürlich nich“, versuchte er zu beschwichtigen und hob unterwürfig die Hände, „ich geb immer alle Funde ab.“
„Und eine Kreuz Sieben“, Jan freute sich merklich und betonte langsam: „letz-te Kar-te!“ Stefan feixte: „Ja, jib ihm Sauret!“ Dieter zog zwei weitere Karten, man sah, dass er das Spiel nicht an sich heranließ.
„Und ein Kreuz König – Mau! Na, alter Mann? Was haste denn noch auf der Hand?“
„Du Hund, bevor du deine Siebenen gespielt hast, hatt ich nur zwei Neuner – und jetzt das:“
„Haha, nur noch Bilder! Das macht, dreißig, vierzig, achtundfünfzig“, Micha notierte die Punkte, „da hat Jan dich aber noch ganz schön abgezogen. Wer ist mit Mischen dran?“
„Immer der, der fraacht!“, befahl Stefan.
Micha fragte mich: „Willst du mitspielen?“
Ich verneinte, „Nee, es reicht mir, wenn ich zugucke“, und grinste kauend.
Stefan motzte: „Boah, Kerle, dit is doch echt n Scheißspiel. Kann denn keena von euch wat Anständijet wie Arsch uff Eis oda Könich von Moabit?“ Alle schüttelten den Kopf, Micha schob die Karten zusammen und begann sie zu mischen. Ich sah Stefan an wie ein unbedrucktes Buch. „Is eem noch keena von euch im Knast jewesen.“ Wieder schüttelten alle den Kopf, Stefan fragte: „Noch nie wat ausjefressn, wa?“ Micha und Jonas schmunzelten. Micha zog die querliegenden Karten mit dem linken Daumen vom Stapel in seiner rechten Hand.
Dieter fragte: „Du, der Micha hier erzählte, die dicke Orka hat gestern angerufen? Die kommt heut nich, weil die ’n Tennisarm hat?“ Falten gruben sich in die Haut unter seine lachenden Augen, mit denen er einen nach dem anderen kurz fixierte: „Die spielt doch nie im Leben Tennis!“ Die meisten lachten dumpf auf, dann wurde es ruhig und man hörte einen Moment lang nur Michas Schlippschlippschlippschlippschlipp.
Es war offenbar ruhig genug, dass Stefan sich traute, nach Marions Spitznamen zu fragen: „Warum nennta die Dicke einklich Orka?“
„Na, das ist doch der Wal. Kennste die nich? Die schwarzweißen Killerwale?“, erklärte Dieter, und seine Hände umschrieben in der Luft etwas Großes, Dickes. Stefan nickte unwissend, blickte auf den Tisch und ließ seine Zigarettenschachtel mit der linken Hand immer wieder nervös auf den Tisch plumpsen. Da erwachte der Seemann in Dieter: „Habt ihr denn schon mal gesehen, wie ein Orka eine Robbe jagt und frisst?“ Anfangs war sein Gesichtsausdruck noch einfach nur erfreut: „Na, du stehst an der Rehling und siehst, wie sich ’ne Herde Seelöwen in den Wellen tummelt. Dann taucht immer so langsam bogend“, seine Hand beschrieb Bögen in der Luft, „eine schwarze Finne aus dem Wasser. PLÖTZLICH!“, seine Hand zuckte, „stößt der augenlose Kopf – man sieht beim Orka die Augen nämlich nicht“, erklärte er dem staunenden Jan und machte mit der Hand eine schnappende Bewegung, „und packt sich einen Seelöwen im Genick.“ Mit seiner rechten Hand fasste er sein linkes Handgelenk. Es ähnelte der Mischbewegung von Micha, der weiter schlippte. „Dann windet sich dieser riiiesige, spindelförmige Körper“, Dieter dehnte die Wörter ein wenig, um die Größe zu unterstreichen und drehte seine Fäuste zur Erklärung, während seine Augen bei jeder Silbe blitzten, „und schraubt sich mit dem Seelöwen herum. Du siehst nur zwei Körper, der eine schwarzbunt, wie ’ne Kuh, der andere dunkelbraun. Und dann schlägt der Orka den ungelenken Fettbalg auf dem Wasser hin und her, das klatscht nur so“, seine Hand klatschte einmal flach auf den Tisch, drei Feuerzeuge sprangen kurz hoch, „und das Wasser, die Gischt, das spritzt nur noch, das schäumt alles vor Blut.“ Dann biss Dieter beherzt in seine Wurststulle und steckte sich, noch während er kaute, eine Zigarette in den Mund.
Seine bildhafte Beschreibung eines Orka-Angriffs weckte Assoziationen und Bilder in meinem Kopf. Vor meinem geistigen Auge spannte sich automatisch eine trübe Leinwand, auf der sich die letztwöchigen Begegnungen mit unserer Orka projizierten und sich mit der geschilderten Attacke zu Wasser vermischten. All ihr Unvermögen, ihre Lügen und Unverschämtheiten fielen mir wieder ein. Es kam mir vor, als habe unsere Orka ihr zahnbereihtes Maul zu voll genommen. Sie hatte mit den Protzereien über ihre Fähigkeiten versucht, einen ausgewachsenen Pottwal anzugreifen, der ihr einfach über war. Die Fett gewordene Diana war zur Gejagten geworden und hatte die Flucht ergriffen.
Ich kehrte von meinen Gedanken zurück in den Raucherwagen und entdeckte erst jetzt, wie speckig und trauerrandig der Satz Baustellenkarten war. Dieter bemerkte meinen abschätzigen Blick: „Das war’n neue Karten. Die hab ich neu mitgebracht.“
Stefan lehnte seinen rechten Unterarm, an dessen Ende ein Tabakröllchen rauchte, auf den Tisch und beugte sich mit ernster Miene vor: „Ick hab neulich in de Zeitung jelesn“, so ernst wie es der Aufträger des Gesichtes von James Joyce eben konnte, „det sich in Bärlin eena totjemischt hat.“
Stefan lachte selbst am meisten über seinen „Witz“, Dieter lachte die typische Altherrenlache einer klassischen Skatrunde, und Jan bereitete sich tief konzentriert auf das nächste Spiel vor. Micha tat nur so, als ob er lachte, stoppte aber dann das Interludium und teilte aus.
Ich wunderte mich währenddessen über den vielen Qualm und darüber, dass Dieter gleichzeitig essen, rauchen und spielen konnte: „Reicht dir eigentlich nicht der Rauch von den andern? Hier ist doch so viel Rauch im Wagen, dass ihr total eingeräuchert seid.“
Stefan klinkte sich krächzend ein: „Na, dit is ja ooch jut so. Meen Opa hat immer jesacht, ’ne Bude, in die nich jeroocht wird, stinkt nach Pisse.“ Dann lachte er. „De hatte immer son Lungentorpedo int Maul jehappt.“
Micha warf die Karten einzeln vor jeden Spieler.
Ich dachte laut nach, „ich weiß nicht, mir wär das schon zu teuer.“ Die vier Spieler griffen sich nach und nach ihre Karten, dabei veranstaltete Jan ein Brimborium um jede Karte, die er erhielt.
„Das kommt ganz darauf an“, schmunzelte Jonas, „man kann auch Glück haben.“ Jan zog jede Karte einzeln über den Tisch und fluppte sie dann von der Tischkante mit katzenartiger Geschwindigkeit vor sein Gesicht. Micha stockte und unterbrach das Austeilen kurz, um dem Schweden zuzuhören. „Auf einer Grabung kamen wir mal morgens auf die Fläche. Da war alles kaputt. Der Bagger stand auf der Fläche, bei den Bauwagen waren die Dächer eingedrückt und die Wände eingerissen, und auf der Fläche lag ein kaputter Zigarettenautomat. Hähä.“ Micha ahnte die Geschichte und verteilte langsam weiter. Jan kämpfte noch immer darum, niemandem die Gelegenheit finden zu lassen, in seine Karten zu linsen. „Da haben irgendwelche Idioten im Dorf einen Automaten aus der Verankerung gerissen, den aber nicht aufgekriegt. Also sind die nachts auf unsere Grabung gefahren und haben den Bagger geknackt. Die waren aber erst zu doof, den Bagger zu bedienen, also haben die die ganzen Bauwagen auseinandergenommen. Irgendwann haben die es dann geschafft, mit der Schaufel den Automaten zu knacken, waren aber wieder zu doof, die haben nämlich nur das Geld mitgenommen“, Micha lachte jetzt beim Austeilen. Jan drückte inzwischen seinen Kopf so weit gegen die Wand des Bauwagens, dass sein Gesicht beinahe platt wurde. Der Schwede redete zu Ende, „und die Zigaretten in dem kaputten Automaten gelassen. Haha! Da hat das Grabungsteam erst mal alle Päckchen rausgenommen und gerecht geteilt. Erst danach haben wir die Bullen gerufen“, er schaute die Leute an, denen er gestern Abend von den Randalen erzählt hatte, um zu erklären: „wegen der Versicherung!“
Alle lachten – mit Ausnahme von Jan. Ich hatte bereits beim Austeilen bemerkt, dass ausgerechnet er hochkonzentriert immer wieder den Versuch unternahm, in Stefans Karten zu kiebitzen, der neben ihm saß. Dabei merkte Jan nicht einmal, dass sich alle Karten in Stefans dicken Brillengläsern spiegelten.
Stefan motzte: „Mannmannmann, wat haste mir denn da fürn Scheißblatt jejebn?“ Micha lachte jetzt aus Trotz. Dieter stimmte in das Geberbashing mit ein: „Das stimmt. Aus jedem Dorf ’n Köter. Geh mal raus, dir die Hände waschen, Micha!“
Jonas zündete sich eine Zigarette an, kramte seinen Taschenascher heraus, öffnete ihn und platzierte ihn vor sich. Er legte die Zigarette hinein, zog seine Snus-Dose aus einer anderen Tasche und knetete sich eine große Portion des schwedischen Tabakpulvers zu einem kleinen Kissen, das er sich unter die Oberlippe schob. Micha zog die oberste Karte vom Stapel, einen Herz Buben, und legte sie neben den Stapel. Stefan kommentierte: „Nu kiek ma an!“
„Dieter fängt an, was wünscht du dir?“
Dieter schaute kurz in sein Blatt: „Ich wünsch mir Kreuz, dann eröffne ich mal mit ’ner Dame.“
Jan warf stillschweigend eine Neun auf die Ablage, Stefan folgte ruhig mit einer Herz Neun. Micha legte ein Herz Ass drauf und Jan begann Streit: „Jetzt darfste doch noch eine spielen.“
„Nach ’nem Herz Ass?“ Michas Stirn runzelte sich zusammen. Stefan schnippte: „Von wegen!“ Dieter stimmte zu: „So ein Quatsch!“, und spielte ein Kreuz Ass.
„Ja natürlich nach einem Ass! Wie spielt ihr denn? Was sind das denn für Regeln? Kein Mensch spielt so.“
„Wir haben uns doch vorher drauf geeinigt. Solln wir die Regeln etwa aufschreiben?“ Alle schüttelten den Kopf.
Jan murmelte irgendetwas von „bei uns spielt man das richtig“ vor sich hin. Im Gesicht wurde er vor Wut rot, dann spielte er ein Karo Ass. Kein Wunder, dass nach dem Ass eine weitere Karte gespielt werden sollte.
„Ick kann nich“, plapperte Stefan und zog eine Karte.
„Deine Erfolge im Schlafzimmer interessieren hier nich“, amüsierte sich Micha und wieherte los. Dieter lachte ächzend mit. Dann spielte Micha eine Karo Sieben, und Dieter hörte mit dem Lachen auf. Er zog zwei Karten vom Stapel. Jans Wut verflog bei dieser Vorgabe, und er spielte feixend eine Herz Sieben. Stefan patzte ihn mit freundlicher Stimme von der Seite an: „Na, mit volln Hosen is jut stinkn“, und zog zwei Karten.
„Dann kommt jetzt meine Herz Dame!“, sagte Micha und patschte die Karte aus der Höhe auf die Ablage.
„Na, da kann se mit meiner Karierten ja Káffe trinken“, freute sich Dieter.
Jan warf eine Karo Neun hin, Stefan ließ Micha mit einer Acht aussetzen („Da biste baff, wa?“) und Dieter spielte eine Zehn.
„Ich wünsch mir Pik“, schrie Jan und spielte einen Buben dieser Farbe.
Stefan ließ Micha wieder aussetzen, dann verschlechterte Dieter Jans Laune mit einer Sieben, die der nicht weiterreichen konnte, und reizte den kleinen Jan dazu: „Wort mit X – war wohl nix!“
Jan saß mit langem Gesicht, vor das er sich weiterhin angestrengt die Karten klemmte. Er hatte die letzten beiden Karten des Stapels genommen, daher nahm Dieter inzwischen die gefüllte Ablage, legte die Sieben zur Seite und mischte die restlichen Karten neu. Dazu teilte er sie dreimal in zwei Stapel und ließ sie mit einem klingenden: Prrrrrrt! abwechselnd ineinanderflattern. Stefan spielte währenddessen stumm eine Neun. Aus den gewölbten Händen Dieters echote ein gekonntes: Flllllit!
„Ach du grüne Neune“, sagte Micha und warf eine Zehn auf den Stapel.
Dieter sammelte sich seine Handkarten wieder zusammen und rief: „Hier! Ein Ass!“
Jan parierte mit einer Dame, die Stefan mit einem Kreuz Buben deckte: „Herz!“
„Na super!“, jetzt motzte Micha und zog eine Karte.
„Echt spitze!“, schimpfte Dieter und zog eine Karte.
Jan brummelte erstaunlich leise „Eigentlich spielt man ja die Farbe vom Buben.“ Die Gesichter der anderen Spieler verdüsterte sich aber bereits, da zog er still eine Karte. Stefan verlängerte inzwischen das Elend mit einer Herz Acht. Dieter zog noch eine Karte, Jan auch. Mit einer Kreuz Acht überstrapazierte der Baggerfahrer jetzt sein Glück. Micha setzte bereits das zweite Mal in Folge aus.
Doch auch Jan musste leiden: „Hier! ’ne Kreuz Sieben“, rief Dieter fröhlich und ließ Jan zwei weitere Karten ziehen. Jetzt musste auch Stefan eine Karte vom verdeckten Stapel nehmen: „Ick kann wieda nich!“
Micha grinste still und warf einen Karo Buben auf den Stapel. „Karo!“
Sein Nachbar, der Seemann, war anscheinend bereits in leichten Mittagsschlaf verfallen und versuchte einen Pik Buben zu installieren, da ging ein Aufschrei durch die Bänke.
Stefan drohte: „Haste keene Oogn in Kopp?“, und Micha ermahnte streng: „Hey, das geht nicht! Bube auf Bube stinkt!“ Man merkte, dass er das nicht zum ersten Mal zu Dieter sagte. Dieter nahm verwirrt seinen Buben auf die Hand, stierte auf seine Karten und fragte sich selbst: „Ja, was mach ich denn dann? Dann muss ich eine ziehen.“
Der erbarmungslose Jan ließ Stefan mit einer Acht aussetzen. Micha warf einen König auf die Ablage und sprach süffisant: „Letzte Karte!“
In Jans Augen entstand nun Panik, dann fluppten eine verschwiegene Zehn, eine Neun und eine Kreuz Neun, die Micha gekonnt mit einem Herz Buben unterwarf: „Mau-Mau! Ich wünsch mir Herz.“
„Sag mal“, fragte ich Stefan, „was is’n das für Abzeichen an deinem Lederbändchen? Ein Totenschädel mit Flügeln?“ Dieter spielte inzwischen eine Herz Sieben und sorgte damit bei Jan für tiefgehende Unstimmung.
Stefan warf eine Herz Zehn ab. „Letzte Karte – wat? Ach so, du meinss mein Boulo-Tei? Meine Westannkrawatte?“, und hielt das dünne Bändchen mit dem Abzeichen vor seine Nase. „Dit is der Dess-hätt! Ick bin doch Ehrn-Hells Eyndschel!“
Dieter spielte jetzt ruhig seinen Buben: „Da! Jetz kommt aber mein Junge. Karo. Letzte Karte.“ Jan grummelte missmutig und spielte einen Karo König.
Zweifelnd betrachtete ich Stefan, das schmächtige Hemdchen, das ein Kopf kleiner war als ich: „Ehrenmitglied?“
Stefan beantwortete erst die gespielte Karte „Da, ’ne Karo Tante – Mau!“, und erklärte dann: „Ja, natürlich, ick jehör doch zum Kopp der Bick Rett Mäschien. Ick kann sofort die janze Prätorianerjaade antanzn lassn, wenn ick se brooch. Aber einklich brooch ick keene nischt, ick hab doch selba den janzen Keller voller Em-Jes und Knarren. Wenn ick nich uff Arbeet bin, denn ha’ck immer ’ne Wumme dabei.“
Dann beendete auch Dieter das Spiel: „Hier Jan: ’ne Sieben, zwei ziehen! Mau!“, und freute sich erkennbar. Ich betrachtete Stefan mit einem wahrscheinlich recht ungläubig aussehenden Blick: „Jonas erzählte gestern Abend, du hast mal in Brasilien gearbeitet?“
„Ja, natürlick!“ Stefan lehnte sich mit dem linken Ellbogen auf seinen Oberschenkel, während er mit der linken Hand die Zigarette hielt, „Da ha’ck doch ooch meene Zähne verlorn! Weeßte, ick bin doch einklich Sprengmeester. Vor zehn Jahrn bin ick russ aus Bärlin, ab nach Südamerika, nach Brasilljen. Da ha’ck denn ’n paar Jahre so Tunnels inne Berje jesprengt jehappt.“
„Aha. – Und wie hast du deine Zähne verloren?“, fragte ich, Jonas schmunzelte mit seiner ausgebeulten Oberlippe.
„Na, dit war bei eim Projekt, da jing dit dem Indscheniör nich schnell jenuch. Dit wa son Backpfeifenjesicht, dit wolltie Arbeet’n partu abkürzn. Deshalb sollt ick son jannnz jewagtet Sprengmanöver durchziehn. Damit er Zeit und Jeld sparn kann, der Fatzke.“ Er hob seine andere Hand und bildete ein schiefes Dach. „Det musste dir so vorstelln, dit dit uff son jannnz bestimmten Winkel ankommen tut. Un wenn der stumpfa wird“, das Dach seiner Hände wurde flacher, „wird det imm-mma jefährlicha. Ick hab jesacht, ja bitte, jut, kann ick machen, batt ei du itt on jur res-ponsillity.“ Da Stefan um die Englisch-Kenntisse Dieters, Jans und Michas wusste, drehte er sich jovial in die Runde und erklärte, „Also: nur uff den seine Verantwortung. Außerdem, sarick, such ick mir die fümf Arbeeta aus, die ick dafür brooch. Denn bin ick durche Reihn von die Arbeeta, fast allet nur so ausjehungerte Fijuren, so halbnackte Indianass“, er lachte, „weeßta, nur son Lendenschurz wie Tarzan um un son jammlijet Ti-Schört, und denn ha’ck mir die Leute ausjesucht, die keene Familie nich ham. Also: du, du, du, du und du.“ Stefan führte uns mit gestrecktem Finger vor, wie er die Arbeiter ausgewählt hatte. „Denn sinn wa in dem Berch und ham die Sprengladungen anjebracht – naja und wat soll ick saa’n. ’türlick is et schief jeloofn. De halbe Berch is zusammjebrochn. Ick wurd vaschüttet. De janze Felsen bricht zusamm, un ick mittenmang. Hätten ma lieba ne Herrenknecht genomm’. Nach zween Tagn hamse mir dann russjeholt. De Indianers warn alle tot jewesn. Un ick? Ick hatte alle Zähne kaputt, fast alle Knochen jebrochn jehappt, die Beene, die Rippn, allet. Ick hab ja n halbet Jahr in Brasilljen im Spitaal jelejn. Det kann ich euch saa’n, dit wa jar nich schön. Ewich diese Hitze. Det jloobt-a nich. Un der Jestank. – Bah!“ Seine Gesicht drehte sich mit geschlossenen Augen zum Fenster, als spucke er angewidert aus. „Weeßta, ick hab ma in Kaschmir, da wa ick mit meina Harley jewesn, da ha’ck son Lepra-Laga jesehn – det hat lang nich so jestunkn, wie det Spitaal da in Brasilljen. – Na, un seitdem bin ick Frührentna. Ick muss ja nischt arbeetn jehn. Ick hab ooch so mein Auskomm. Aba wenn ick noch son bissken nebenbei bagga, denn kann ick mir dit in die Tasche steckn, weeßte.“ Er machte mit der rechten Hand eine drehende Bewegung zur Hosentasche.
Die Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf die Spielkarten auf dem Tisch.
„Was haste noch auf der Hand?“, fragte der große Micha den kleinen Jan.
„Hier, fünf Bilder, macht fünfzig.“
Dieter mischte sich ein: „Nee, ich hab dir noch ’ne Sieben gespielt, du musst noch zwei ziehen!“
„Was?“ Jan wurde ungehalten, man merkte, er fühlte sich ertappt. Er hatte gehofft, Stefans Geschichte hätte uns vom Spielende abgelenkt.
„Natürlich, du musst doch Dieters Zug noch beenden“, pflichtete auch Micha bei, und Stefan nickte nachdrücklich, „Du musst noch ziehn!“ Micha zog die obersten Karten vom Stapel, es waren zwei Asse.
„WAS? Das ist doch Betrug! Erst krieg ich eben die ganzen Siebenen und muss ständig aussetzen und jetzt das! Wie spielt ihr denn? Ihr habt euch doch die Regeln ausgedacht, das spielt man nur bei uns richtig!“
„Wenn du meinst“, ließ Micha Jan schwatzen und rechnete ihm siebzig Punkte an.
„Das ist Betrug! Mit euch spiel ich nich mehr!“, schrie der kleine Mann, packte seine Sachen und stiefelte wutentbrannt aus dem Bauwagen. Als er draußen war, sagte Micha „Na, hoffentlich“, Stefan sekundierte noch: „Son kleena Stänkafritze – den ha’ck jefressn!“, und alle lachten gedämpft.
Ich blickte auf die Uhr: „Na, dann lasst uns mal weitermachen.“ Die Raucher räumten den Kram vom Tisch und standen auf. Jonas und ich machten Platz, damit die vier Spieler sich aus den Bänken drängeln konnten. Dann trotteten wir nach und nach aus dem Bauwagen.
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Donnerstag, 19. März 2009
Kapitel 10.2
Der Arbeitstag verlief unwirklich. Als ich zur Grabung kam, hockten Sylvia und Hans in ihrem Auto, Stefan und Dieter rollten im Pick-up an, Wernher brachte Jan mit, und Jonas fuhr wie üblich mit einem Degenhardt-Lied auf die Baustelle („Weltkrieg Nummero Eins“). Orka aber fehlte, und das machte mich glücklich. Stefan schlich sich schnell aus seinem Pick-up zum Bagger und rollerte darin klackernd auf die Fläche.
Gewöhnlich parkte er den Bagger zum Feierabend so, dass die Schaufel vor der Tür des Werkzeugcontainers lag. Mit diesem einfachen Trick war die Tür nicht ganz so leicht zu knacken. Nachdem alle ihre Taschen in den beiden Bauwagen verteilt hatten, trottete das Team zum Container, um an die Arbeitsmaterialien zu gelangen. Ich hatte Jonas zu Beginn einen Zweitschlüssel für die zwei Schlösser gegeben, damit die Ausgabe der Werkzeuge nicht allein von mir abhing.
Als ich an diesem friedlichen Tag zu dem Container kam, sah ich den Schweden angestrengt mit dem Schlüssel in dem Schloss herumkritzeln. Immer wieder rammte er ihn in den sandverkrusteten Schlitz, versuchte ihn irgendwie zu drehen und zog ihn wieder heraus. Micha stand gebückt daneben und nahm ihm gerade mit einem „Lass mich mal!“ den Schlüssel aus der Hand.
Ich fragte: „Gibt’s Probleme?“
Jonas erhob sich und stemmte die Hände in die Hüfte: „Tja, sieht so aus, als ob jemand versucht hätte, in den Container einzubrechen.“
Ich erschrak kurz, nahm aber schnell wahr, dass jeder Versuch offenbar erfolglos gewesen sein musste. Die Türen waren zu, die Seitenwände waren nicht ausgebrochen und selbst die Schlösser waren noch verschlossen. Dagegen zeigten sich Schrammen auf den Türen und den Schlössern, vor dem Container war eine tiefe Baggerschaufelmulde im Boden. Micha prokelte und ruckelte an dem Schloss: „Nix zu machen! Das ist total verbogen. Dabei ist das doch son gehärtetes Stahlschloss?“
Stefan wartete auf der Fläche in seinem Bagger darauf, dass der Schaufelmann zu ihm kam. Da die wertvolleren Zeichenmaterialien wie die Maßbänder in meinem Wagen waren, hätte Sylvia zwar schon mit ihrer Arbeit anfangen können, sie stand jedoch mit uns am Container und schaute sich das Schauspiel an.
„Hat jemand irgendwie Werkzeug im Wagen?“, fragte ich.
Hans meldete sich und sagte, ohne dass ich ihm das Wort erteilen musste: „Also, ich hab ’ne Metallsäge im Auto.“
Wernher zweifelte: „Na, ob dit wat bringt?“
Ich wusch die Illusionen von dem gehärteten Schloss mit einer lässigen Handbewegung hinweg: „Dochdoch, ich hab son Schloss schon mal auf ’ner anderen Grabung knacken müssen.“
Dann machten wir uns an die Arbeit. Einer musste die ganze Zeit das Schloss halten, zwei sägten abwechselnd. Nach einer Weile hatten wir die Tür wenigstens so weit geöffnet, dass wir sie komplett aufbrechen konnten. Dieter und Hans hämmerten die Tür wieder zurecht, dann schnappte sich jeder Schaufel, Spaten und Kratzer, was er eben brauchte, und lief damit auf die Fläche. Sylvia blieb mit mir noch als letzte am Container stehen. Als die anderen schon auf der Fläche waren, sagte sie: „Das sieht mir aber gar nicht danach aus, als ob hier jemand einbrechen wollte.“
Ich schüttelte grinsend den Kopf: „Nee, das hab ich auch gesehen. Das war Stefan mit der Schaufel. Deswegen hatte er’s wohl auch so eilig, auf die Fläche zu kommen.“ Ich zuckte mit den Schultern, „aber das macht mir heute gar nix aus. Orka kommt heute nicht.“ Ich freute mich sichtlich.
„Du, ich wollt dich schon fragen, wo die bleibt?“, fragte Sylvia in einer Mischung aus Anteilnahme und einem kräftigen Schuss Neugierde.
„Hat heute Nacht in der LPG angerufen“, ich sprach das nächste Wort langsam und betonte es lächerlich, „Tennisarm“, dann stieß ich einen stumpfen Lacher aus. Sylvia schüttelte den Kopf.
„Naja, ich muss dann mal los, ’n neues Schloss besorgen. Arnold sagte mal, in Bratin gibt’s ’nen Baumarkt?“
„Ja, da fragste am besten das Hänschen, der kann dir den Weg beschreiben. Bringste mir zum Zeichnen noch ein bisschen Maurerschnur mit?“ Ich nickte, während ich bereits zu Hans lief, um mir von ihm den Weg erklären zu lassen.
Gewöhnlich parkte er den Bagger zum Feierabend so, dass die Schaufel vor der Tür des Werkzeugcontainers lag. Mit diesem einfachen Trick war die Tür nicht ganz so leicht zu knacken. Nachdem alle ihre Taschen in den beiden Bauwagen verteilt hatten, trottete das Team zum Container, um an die Arbeitsmaterialien zu gelangen. Ich hatte Jonas zu Beginn einen Zweitschlüssel für die zwei Schlösser gegeben, damit die Ausgabe der Werkzeuge nicht allein von mir abhing.
Als ich an diesem friedlichen Tag zu dem Container kam, sah ich den Schweden angestrengt mit dem Schlüssel in dem Schloss herumkritzeln. Immer wieder rammte er ihn in den sandverkrusteten Schlitz, versuchte ihn irgendwie zu drehen und zog ihn wieder heraus. Micha stand gebückt daneben und nahm ihm gerade mit einem „Lass mich mal!“ den Schlüssel aus der Hand.
Ich fragte: „Gibt’s Probleme?“
Jonas erhob sich und stemmte die Hände in die Hüfte: „Tja, sieht so aus, als ob jemand versucht hätte, in den Container einzubrechen.“
Ich erschrak kurz, nahm aber schnell wahr, dass jeder Versuch offenbar erfolglos gewesen sein musste. Die Türen waren zu, die Seitenwände waren nicht ausgebrochen und selbst die Schlösser waren noch verschlossen. Dagegen zeigten sich Schrammen auf den Türen und den Schlössern, vor dem Container war eine tiefe Baggerschaufelmulde im Boden. Micha prokelte und ruckelte an dem Schloss: „Nix zu machen! Das ist total verbogen. Dabei ist das doch son gehärtetes Stahlschloss?“
Stefan wartete auf der Fläche in seinem Bagger darauf, dass der Schaufelmann zu ihm kam. Da die wertvolleren Zeichenmaterialien wie die Maßbänder in meinem Wagen waren, hätte Sylvia zwar schon mit ihrer Arbeit anfangen können, sie stand jedoch mit uns am Container und schaute sich das Schauspiel an.
„Hat jemand irgendwie Werkzeug im Wagen?“, fragte ich.
Hans meldete sich und sagte, ohne dass ich ihm das Wort erteilen musste: „Also, ich hab ’ne Metallsäge im Auto.“
Wernher zweifelte: „Na, ob dit wat bringt?“
Ich wusch die Illusionen von dem gehärteten Schloss mit einer lässigen Handbewegung hinweg: „Dochdoch, ich hab son Schloss schon mal auf ’ner anderen Grabung knacken müssen.“
Dann machten wir uns an die Arbeit. Einer musste die ganze Zeit das Schloss halten, zwei sägten abwechselnd. Nach einer Weile hatten wir die Tür wenigstens so weit geöffnet, dass wir sie komplett aufbrechen konnten. Dieter und Hans hämmerten die Tür wieder zurecht, dann schnappte sich jeder Schaufel, Spaten und Kratzer, was er eben brauchte, und lief damit auf die Fläche. Sylvia blieb mit mir noch als letzte am Container stehen. Als die anderen schon auf der Fläche waren, sagte sie: „Das sieht mir aber gar nicht danach aus, als ob hier jemand einbrechen wollte.“
Ich schüttelte grinsend den Kopf: „Nee, das hab ich auch gesehen. Das war Stefan mit der Schaufel. Deswegen hatte er’s wohl auch so eilig, auf die Fläche zu kommen.“ Ich zuckte mit den Schultern, „aber das macht mir heute gar nix aus. Orka kommt heute nicht.“ Ich freute mich sichtlich.
„Du, ich wollt dich schon fragen, wo die bleibt?“, fragte Sylvia in einer Mischung aus Anteilnahme und einem kräftigen Schuss Neugierde.
„Hat heute Nacht in der LPG angerufen“, ich sprach das nächste Wort langsam und betonte es lächerlich, „Tennisarm“, dann stieß ich einen stumpfen Lacher aus. Sylvia schüttelte den Kopf.
„Naja, ich muss dann mal los, ’n neues Schloss besorgen. Arnold sagte mal, in Bratin gibt’s ’nen Baumarkt?“
„Ja, da fragste am besten das Hänschen, der kann dir den Weg beschreiben. Bringste mir zum Zeichnen noch ein bisschen Maurerschnur mit?“ Ich nickte, während ich bereits zu Hans lief, um mir von ihm den Weg erklären zu lassen.
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Donnerstag, 26. Februar 2009
Kapitel 9.1
Für den nächsten Tag hatte ich mir von Arnold das Nivelliergerät ausgeliehen. Auf seiner Grabung war es an diesem Tag gerade nicht notwendig, außerdem hatte ich Micha abends bereits davon unterrichtet, dass ich zusammen mit ihm ein paar Höhenwerte prüfen musste. Mehr hatte ich ihm noch nicht verraten.
Er wohnte zwar wie Dieter in relativer Nähe zu der Grabung, weil er weder eine so günstige Bahnanbindung wie der Seemann hatte noch über ein Auto verfügte, übernachtete er während der Grabung ebenfalls in der LPG. Morgens fuhr er gewöhnlich bei Jonas, selten bei Wernher mit, manchmal, so wie an diesem Tag, auch bei mir.
Sylvia und Hans warteten wie jeden Morgen in ihrem Auto, bis die Arbeitszeit begann. Stefan kam mit seinem Pick-up angeeiert und brachte Dieter vom Bahnhof mit, Wernher tuckerte mit seinem Franzosen über die verfahrenen Furchen und Jonas schmierte mit seinem Strich Acht über den schwachbrüstigen Schlamm. Heute tönte „Bo-dooo, ge-nannt der Ro-te!“ aus seinen Boxen. Als letzte legte Orka ein weiteres Mal ihren Japaner tiefer (war er nicht sogar jeden Morgen ein Stück tiefer?) und ächzte mit der blechernen Reisschüssel auf das Gelände. Ihr Getriebe krachte, und Dieter rief lachend: „Oh, Liebestriebe vom Gegrüße!“
Die anderen setzten ihre Arbeit fort, die sie am Vortag wegen des Regens abgebrochen hatten, nur Micha und ich nivellierten alle Befunde nochmal, soweit sie noch messbar oder rekonstruierbar waren, die Orka bereits gemessen hatte.
Stefan baggerte mehr schlecht als recht, Jan schaufelte vor dem Bagger und verteilte die nummerierten Plastikfähnchen, Dieter und Jonas setzten ein paar neue Pflöcke, Hans putzte das regenverplästerte Planum, Sylvia zeichnete hinter ihm her und Wernher schnitt mit Orka die in der Fläche gezeichneten Befunde.
Bis auf Sylvia, die Bescheid wusste, und Hans, den sie sehr wahrscheinlich informiert hatte, wunderten sich alle sichtlich, das Micha mit mir all die Arbeit wiederholte, die bereits erledigt zu sein schien. Jan und Jonas dachten sich ihren Teil allerdings vermutlich, da sie sich bereits darüber lustig gemacht hatten, wie lange Orka an der miserablen Zeichnung des ersten Pillepallebefundes gewerkelt hatte. Schließlich waren Micha und ich fertig mit dem Messen, er begann seine Profilzeichnungen, ich ging in den Bauwagen, um die Werte auszurechnen und mit Orkas Ergebnissen zu vergleichen. Natürlich war das Resultat verheerend. Alle gemessenen Werte stimmten mit den von mir am Vortag erhobenen Daten überein. Orkas Messungen waren falsch.
Ich ging auf die Fläche und bat in harschem Ton Orka zusammen mit Sylvia als Zeugin in den Bauwagen. Außerdem teilte ich Micha mit, dass ich ihn im Bauwagen sprechen möchte, wenn das Gespräch beendet wäre.
Orka stratzte rotzfrech als erste in den Wagen, Sylvia ließ mir den Vortritt und betrat den Wagen als letzte.
„Marion“, eröffnete ich den Anschiss, „ich hab gestern festgestellt, dass ein paar Unstimmigkeiten bei den von dir gemessenen Höhen vorliegen.“ Ich biss mir auf die Zunge.
„D-das sind b-b-bestimmt nur ein p-p-paar Fehler vom Taschenrechner.“
„Nein! Da sind Fehler, die können einfach nicht sein, manche Höhen sind einen halben Meter zu hoch, bei einigen Befunden multiplizieren sich die Fehler noch, weil eine Fehlmessung zu hoch, die andere zu niedrig liegt.“
Orkas Gesicht fiel zu Boden: „K-kann ich d-die W-werte nochmal sehen? Ich w-würde die g-gerne n-nochmal rechnen!“
„Das hab ich gestern Abend schon gemacht und hier auf der Grabung hab ich für solche Sperenzchen keine Zeit mehr!“
„K-kann ich die F-f-formulare dann mit nach H-hause nehmen?“
„Nein!“ Ich sah, Sylvia staunte still über meine Strenge, Orka hatte die Grenze aber inzwischen zu oft überschritten, um auch nur noch einen Funken Freundlichkeit von mir erwarten zu können. Die Zeichnerin schwieg. Orka blickte geknickt auf den Tisch. Sie hatte ihre hingeklatschten Schinkenarme darauf verteilt und wurstelte nervös mit ihren Parodien auf wohlgestaltete Finger.
„Du wirst nicht mehr messen und du wirst nicht mehr zeichnen. Du kannst Befunde schneiden, da hast du genug, was du noch lernen musst!“
„A-aber ich b-bin doch f-fast f-fertige A-a-archologin!“
„Das glaubst du!“
„I-ich h-hab doch sogar sch-schon ein Diplomt-t-thema!“
„Aha, was denn?“
„Ich w-wollte die Gr-größen von Siedlungen ho-hochrechnen. D-das k-kann man mit d-dem Ge-ge-gefälle des Geländes errechnen.“
Ich blickte sie mit einer hähmischen Miene an: „Mit dem Gefälle?“ Sie nickte, dann machte ich wortlos ein höhnisches Geräusch und kontrapunktierte mit „Na, denn viel Spaß.“
Orka musste endgültig gemerkt haben, dass sie jede Gunst verspielt hatte. Vermutlich fühlte sie sich ungerecht behandelt. Schmollend grollte sie sich aus dem Bauwagen. Wenig später tapste Micha zu uns hinein.
„Du kannst dir denken, wie die Ergebnisse von Orka waren.“
„So, wie sie gerade auf die Fläche kam: ja.“
„Sie ist raus aus dem Rennen. Sie zeichnet nicht nur nicht mehr, sie misst auch nichts mehr. Sie wird nur noch schneiden. Schaffst du das Nivellieren neben dem Zeichnen noch?“ Micha nickte. „Dann liegt das jetzt bei dir.“
Er stimmte zu: „Gut, kann ich machen“, und ging wieder raus auf die Fläche. Sylvia schüttelte den Kopf. „Die ist so dreist, das gibt es nicht. Hatte Wernher dir eigentlich erzählte, dass sie hier die Macht übernehmen wollte?“
Verdutzt schaute ich Sylvia an.
„Na, als du letzte Woche zum Baumarkt musstest, neues Flatterband holen. Da hat Orka tatsächlich versucht, hier das dicke Mäxchen zu machen. Weil sie ’ne Studierte ist, war sie der Meinung, dass sie direkt nach dir kommt.“
„Das ist nicht dein Ernst?“
„Doch, du kannst Wernher fragen. Der hat ihr gesagt, sie soll den Ball mal ganz flach halten, Vorarbeiterin sei ich und fürs Technische wäre erst mal Jonas da.“
„Te, das gibt’s gar nicht, warum habt ihr mir das nicht erzählt?“
„Na, ich hab gar nicht mehr daran gedacht. Als du wiederkamst, war’n wir grad so beschäftigt. Mich wundert nur, dass Wernher auch nichts erzählt hat.“
Damit versickerte noch der letzte Rest von Ansehen, das ich gewöhnlich jedem Menschen zugestehe. Orka war Geschichte. Wir gingen aus dem Wagen. Ich kontrollierte an diesem Tag auf der Fläche nur noch ihre Arbeit und achtete ständig darauf, dass sie wenigstens nicht noch mehr zerstörte.
Irgendwann sprach Micha mich von der Seite an: „Sach mal, Orka ist echt geknickt, kann ich nicht noch mal mit ihr zur Übung messen? Sie will wissen, woran es liegt.“
Ich war sauer, und mein Zorn sprudelte weit über sein Ziel hinaus: „Nee, nicht während der Arbeitszeit. Davon hat sie schon genug verbraten und mich zu viel genervt.“
Micha versuchte weiter zu beschwichtigen: „Hm. Und wenn ich mit ihr nach Feierabend noch mal messe? Lässt du uns das Niv da?“
„Dann stehst du mir aber für das Gerät gerade!“, patzte ich weiterhin grundlos den Falschen an.
Er wohnte zwar wie Dieter in relativer Nähe zu der Grabung, weil er weder eine so günstige Bahnanbindung wie der Seemann hatte noch über ein Auto verfügte, übernachtete er während der Grabung ebenfalls in der LPG. Morgens fuhr er gewöhnlich bei Jonas, selten bei Wernher mit, manchmal, so wie an diesem Tag, auch bei mir.
Sylvia und Hans warteten wie jeden Morgen in ihrem Auto, bis die Arbeitszeit begann. Stefan kam mit seinem Pick-up angeeiert und brachte Dieter vom Bahnhof mit, Wernher tuckerte mit seinem Franzosen über die verfahrenen Furchen und Jonas schmierte mit seinem Strich Acht über den schwachbrüstigen Schlamm. Heute tönte „Bo-dooo, ge-nannt der Ro-te!“ aus seinen Boxen. Als letzte legte Orka ein weiteres Mal ihren Japaner tiefer (war er nicht sogar jeden Morgen ein Stück tiefer?) und ächzte mit der blechernen Reisschüssel auf das Gelände. Ihr Getriebe krachte, und Dieter rief lachend: „Oh, Liebestriebe vom Gegrüße!“
Die anderen setzten ihre Arbeit fort, die sie am Vortag wegen des Regens abgebrochen hatten, nur Micha und ich nivellierten alle Befunde nochmal, soweit sie noch messbar oder rekonstruierbar waren, die Orka bereits gemessen hatte.
Stefan baggerte mehr schlecht als recht, Jan schaufelte vor dem Bagger und verteilte die nummerierten Plastikfähnchen, Dieter und Jonas setzten ein paar neue Pflöcke, Hans putzte das regenverplästerte Planum, Sylvia zeichnete hinter ihm her und Wernher schnitt mit Orka die in der Fläche gezeichneten Befunde.
Bis auf Sylvia, die Bescheid wusste, und Hans, den sie sehr wahrscheinlich informiert hatte, wunderten sich alle sichtlich, das Micha mit mir all die Arbeit wiederholte, die bereits erledigt zu sein schien. Jan und Jonas dachten sich ihren Teil allerdings vermutlich, da sie sich bereits darüber lustig gemacht hatten, wie lange Orka an der miserablen Zeichnung des ersten Pillepallebefundes gewerkelt hatte. Schließlich waren Micha und ich fertig mit dem Messen, er begann seine Profilzeichnungen, ich ging in den Bauwagen, um die Werte auszurechnen und mit Orkas Ergebnissen zu vergleichen. Natürlich war das Resultat verheerend. Alle gemessenen Werte stimmten mit den von mir am Vortag erhobenen Daten überein. Orkas Messungen waren falsch.
Ich ging auf die Fläche und bat in harschem Ton Orka zusammen mit Sylvia als Zeugin in den Bauwagen. Außerdem teilte ich Micha mit, dass ich ihn im Bauwagen sprechen möchte, wenn das Gespräch beendet wäre.
Orka stratzte rotzfrech als erste in den Wagen, Sylvia ließ mir den Vortritt und betrat den Wagen als letzte.
„Marion“, eröffnete ich den Anschiss, „ich hab gestern festgestellt, dass ein paar Unstimmigkeiten bei den von dir gemessenen Höhen vorliegen.“ Ich biss mir auf die Zunge.
„D-das sind b-b-bestimmt nur ein p-p-paar Fehler vom Taschenrechner.“
„Nein! Da sind Fehler, die können einfach nicht sein, manche Höhen sind einen halben Meter zu hoch, bei einigen Befunden multiplizieren sich die Fehler noch, weil eine Fehlmessung zu hoch, die andere zu niedrig liegt.“
Orkas Gesicht fiel zu Boden: „K-kann ich d-die W-werte nochmal sehen? Ich w-würde die g-gerne n-nochmal rechnen!“
„Das hab ich gestern Abend schon gemacht und hier auf der Grabung hab ich für solche Sperenzchen keine Zeit mehr!“
„K-kann ich die F-f-formulare dann mit nach H-hause nehmen?“
„Nein!“ Ich sah, Sylvia staunte still über meine Strenge, Orka hatte die Grenze aber inzwischen zu oft überschritten, um auch nur noch einen Funken Freundlichkeit von mir erwarten zu können. Die Zeichnerin schwieg. Orka blickte geknickt auf den Tisch. Sie hatte ihre hingeklatschten Schinkenarme darauf verteilt und wurstelte nervös mit ihren Parodien auf wohlgestaltete Finger.
„Du wirst nicht mehr messen und du wirst nicht mehr zeichnen. Du kannst Befunde schneiden, da hast du genug, was du noch lernen musst!“
„A-aber ich b-bin doch f-fast f-fertige A-a-archologin!“
„Das glaubst du!“
„I-ich h-hab doch sogar sch-schon ein Diplomt-t-thema!“
„Aha, was denn?“
„Ich w-wollte die Gr-größen von Siedlungen ho-hochrechnen. D-das k-kann man mit d-dem Ge-ge-gefälle des Geländes errechnen.“
Ich blickte sie mit einer hähmischen Miene an: „Mit dem Gefälle?“ Sie nickte, dann machte ich wortlos ein höhnisches Geräusch und kontrapunktierte mit „Na, denn viel Spaß.“
Orka musste endgültig gemerkt haben, dass sie jede Gunst verspielt hatte. Vermutlich fühlte sie sich ungerecht behandelt. Schmollend grollte sie sich aus dem Bauwagen. Wenig später tapste Micha zu uns hinein.
„Du kannst dir denken, wie die Ergebnisse von Orka waren.“
„So, wie sie gerade auf die Fläche kam: ja.“
„Sie ist raus aus dem Rennen. Sie zeichnet nicht nur nicht mehr, sie misst auch nichts mehr. Sie wird nur noch schneiden. Schaffst du das Nivellieren neben dem Zeichnen noch?“ Micha nickte. „Dann liegt das jetzt bei dir.“
Er stimmte zu: „Gut, kann ich machen“, und ging wieder raus auf die Fläche. Sylvia schüttelte den Kopf. „Die ist so dreist, das gibt es nicht. Hatte Wernher dir eigentlich erzählte, dass sie hier die Macht übernehmen wollte?“
Verdutzt schaute ich Sylvia an.
„Na, als du letzte Woche zum Baumarkt musstest, neues Flatterband holen. Da hat Orka tatsächlich versucht, hier das dicke Mäxchen zu machen. Weil sie ’ne Studierte ist, war sie der Meinung, dass sie direkt nach dir kommt.“
„Das ist nicht dein Ernst?“
„Doch, du kannst Wernher fragen. Der hat ihr gesagt, sie soll den Ball mal ganz flach halten, Vorarbeiterin sei ich und fürs Technische wäre erst mal Jonas da.“
„Te, das gibt’s gar nicht, warum habt ihr mir das nicht erzählt?“
„Na, ich hab gar nicht mehr daran gedacht. Als du wiederkamst, war’n wir grad so beschäftigt. Mich wundert nur, dass Wernher auch nichts erzählt hat.“
Damit versickerte noch der letzte Rest von Ansehen, das ich gewöhnlich jedem Menschen zugestehe. Orka war Geschichte. Wir gingen aus dem Wagen. Ich kontrollierte an diesem Tag auf der Fläche nur noch ihre Arbeit und achtete ständig darauf, dass sie wenigstens nicht noch mehr zerstörte.
Irgendwann sprach Micha mich von der Seite an: „Sach mal, Orka ist echt geknickt, kann ich nicht noch mal mit ihr zur Übung messen? Sie will wissen, woran es liegt.“
Ich war sauer, und mein Zorn sprudelte weit über sein Ziel hinaus: „Nee, nicht während der Arbeitszeit. Davon hat sie schon genug verbraten und mich zu viel genervt.“
Micha versuchte weiter zu beschwichtigen: „Hm. Und wenn ich mit ihr nach Feierabend noch mal messe? Lässt du uns das Niv da?“
„Dann stehst du mir aber für das Gerät gerade!“, patzte ich weiterhin grundlos den Falschen an.
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Samstag, 21. Februar 2009
Kapitel 8.4
Das Waschen der Keramikscherben gehört erfahrungsgemäß mit zu den aufwendigsten Arbeiten, die auf einer Ausgrabung anfallen, obwohl es natürlich auch immer wieder vorkommen kann, dass man auf einer vier Hektar großen Fläche lediglich eine Handvoll kümmerlicher Tonbrösel entdeckt.
Auf der Totenower Grabung füllten die aus den Befunden geborgenen Keramikscherben bereits mehrere große Kartons, daher kam es mir durchaus entgegen, einmal einen Nachmittag in die Unterkunft zu verlegen, um diese Nacharbeit wenigstens zu beginnen.
Hans, Wernher, Dieter und Orka suchten sich eines der weiterhin leerstehenden Zimmer, bauten sich zwei Tapeziertischen auf, suchten aus anderen Räumen Stühle und füllten viereckige Plastikschalen mit Wasser.
Sylvia setzte sich mit mir in mein Zimmer, das zugleich mein Büro war, und arbeitete an den Zeichnungen, während ich die eben abgelesenen Nivellierwerte durchrechnen und eintragen wollte.
Das Scherbenwaschzimmer lag meinem Büro schräg gegenüber, im Hintergrund hörte ich beständiges Geplätscher und das typische Gekritze, wenn mit Wurzel- und Zahnbürsten unterschiedlicher Stärke und verschiedenen Alters über den Ton gefegt wurde. Der einheitliche Geräuschteppisch wurde nur unterbrochen, wenn Scherben oder Bürsten platschend in das Wasser getunkt wurden oder jemand aufstand, um einzelne Keramikecken in die mit Zeitungen ausgelegten Bananenkartons oder andere Kisten zu legen. Dazu plapperten Dieter und Wernher mit Orka. Hans schwieg die meiste Zeit, trotzdem war es selbst aus meinem Büro merkbar, dass sich seine Laune wieder weitgehend normalisiert hatte. Von draußen drappelten dicke Regentropfen an die Fenster der LPG.
„Die Sonnenstrahlen klopfen an“, schmunzelte Sylvia dazu und blätterte mir gegenüber die Zeichnungen durch, vervollständigte Zeichnungsköpfe und Legendenteile, fragte mich zwischendurch nach Zeichenblattnummern und ergänzte Daten. Währenddessen rechnete ich die von mir gemessenen Nivellierwerte nach. Anschließend begann ich damit, sie in die Zeichnungen einzutragen. Dabei stellte ich fest, dass es mehrere Überschneidungen mit den bereits von Orka nivellierten Befunden gab.
Das allein wunderte mich nicht so sehr, schließlich kann so etwas leicht passieren, wenn man mal nach dem Nivellieren vergisst, den einen oder anderen Befund abzuhaken. Ich stolperte aber, als ich merkte, dass sich unsere Werte zum Teil stark voneinander unterschieden. Und es erschreckte mich sehr, plötzlich zu erkennen, dass einige dieser von Orka abgelesenen und gerechneten Werte sogar in sich unstimmig waren. Befunde, die in der Realität auf nahezu ebenen Boden aufgenommen waren, stiegen nach ihren Messungen auf einer äußerst kurzen Strecke unvermittelt um einen Meter an.
„Das kann doch nicht sein!“, stöhnte ich wiederholt und nannte Sylvia einzelne Abweichungen.
„Hat die sich vielleicht verrechnet?“
„Das hab ich auch erst gedacht, obwohl sie sowieso die meisten Subtraktionen mit dem Taschenrechner gemacht hat. Deshalb hab ich mir ihre Rechnungen angeguckt“, glücklicherweise hatte ich stets darauf bestanden, alle Schmierzettel und Kritzelpapiere einzusammeln, um mit etwas Mühe alle Rechnungen nachvollziehen zu können, „und die stimmen! Kuck dir aber mal die Werte an, die sie von der Latte abgelesen hat. Kuck mal, wie falsch die zum Teil sind!“ Die Ausreißer waren teilweise derartig deutlich fehlerhaft, dass es mir jetzt geradezu peinlich war, sie nicht früher bemerkt zu haben.
Zusammen mit Sylvia ging ich Fehler und Zeichnungen durch. Wir schauten uns Orkas Höhenwerte an und verglichen sie mit umliegenden Höhen. Jetzt zeigte sich die Tragik in ihrem ganzen Ausmaß: Einzelne Nivellements auf der Fläche schwebten sogar über der früheren Ackerkrume. Es zeichnete sich am Horizont der Tropfen ab, der das Fass zum Überlaufen bringen sollte. Ich war äußerst verblüfft und wurde sowohl auf Orka als auch auf mich wütend, weil mir ihre miserable Messleistung erst so spät aufgefallen war. Sylvia schüttelte nur den Kopf.
Gleichzeitig war ich unsicher genug, auch die von mir gemessenen Werte nicht als endgültig anzusehen. Immerhin konnte auch ein Fehler im Nivelliergerät vorgelegen haben. Ich beschloss, mir für den nächsten Tag das Niv von Arnold oder Wieland zu leihen und zusammen mit Micha besonders strittige Werte zum dritten Mal zu messen.
Im selben Moment klappte die Eingangstür am Ende des Ganges. Drei Gestalten raschelten in Regensachen und plapperten unverständlich. Micha lachte dazu laut, Jonas hö-hö-te und Jan schien der Stimme nach etwas unentschlossen zwischen Freude und leichtem Ärger zu pendeln. Sylvia und ich sahen uns stumm an. Die drei Nachzügler stapften den Flur zu meinem Büro und blieben vor der Tür stehen. Jetzt konnten wir sehen, dass sich auch in ihren Gesichter die Laune widerspiegelte, die uns akustisch angekündigt worden war. Micha lachte: „Haha, das hättet ihr sehen müssen.“
„Hätten sie nicht“, widersprach Jan bellend.
„Doch, doch“, waren sich Micha und Jonas in einem Atemzug einig.
Der geistige Herbst in meinem Büro hatte meinen Schreibtisch mit Bergen von vollgekritzelten Blättern bedeckt, Sylvia saß mir gegenüber gerade aufgerichtet. Ihre Unterarme ruhten aufeinander, so dass ihre Arme ein Dreieck bildeten, das von ihrem Kopf gekrönt wurde. Wir blickten uns fragend an.
„Hähä, ihr hättet Jan sehen müssen!“ Michas Gesicht zog eine Fratze, „Ihr kennt doch seinen Poncho.“
„Dieses schwarze Ku-Klux-Klan-Ding mit der spitzen Kapuze?“
„Genau! Das Ding, das man auch als Zelt nutzen kann.“
„Ich weiß.“
„Aber eben auch dann“, lachte Micha, „wenn ihn jemand trägt.“ Er deutete auf den grinsenden Jonas. „Jan hockte noch, um ein Stück Planum sauber zu machen, da hat Jonas ihm den Poncho mit Heringen festgetackert.“ Jan blickte wie ein verwirrtes Haustier, das nicht recht wusste, warum es ausgelacht wurde. Sylvia freute sich: „Nu, da is er ja wenigstens nicht nass geworden.“
„Habt ihr denn die Fünfzehn fertig gekriegt?“, fragte ich etwas ernster.
„Ja, alles kein Problem“, beruhigte Micha.
Von hinten kam Wernher an: „Da seitta ja wieder, Mönsch, wat müffelt hier denn so?“
Jetzt sah Jan seine Chance, die Schmach wieder gutzumachen: „Das is Jonas hier.“ Er hielt sich die Nase zu: „Die Rastalocken riechen wie nasser Hund!“
„Ist der Bagger schon wieder fertig?“, erkundigte ich mich.
„Nee, der is bis Feierabend beschäftigt. Morgen soll er aber wieder laufen.“
„Dann könnt ihr euch ja eben umziehen und dann auch noch ein bisschen Scherben waschen.“ Die drei, die ebenfalls in dem früheren LPG-Gebäude wohnten, zerstreuten sich in ihre Zimmer.
Wernher nutzte die Gunst: „Kann ick dich ma kurz sprechn?“
Sylvia stand auf: „Ich muss sowieso mal wohin“, und ging aus dem Zimmer, Wernher rotierte in mein Büro hinein und schloss die Tür.
„Ick wollt noch ma wejen heute mit dir reden. Det war ja eijentlich keene schöne Sache nich, aber det hat mir jezeicht, det du menschlich urst knorke bis. Det ha’ck dir nur ma sa’n woll’n.“ Wernher hielt mir die Hand wie zum Dank hin. Das war meine letzte Überraschung an diesem unseligen Tag. Diesmal positiv.
Auf der Totenower Grabung füllten die aus den Befunden geborgenen Keramikscherben bereits mehrere große Kartons, daher kam es mir durchaus entgegen, einmal einen Nachmittag in die Unterkunft zu verlegen, um diese Nacharbeit wenigstens zu beginnen.
Hans, Wernher, Dieter und Orka suchten sich eines der weiterhin leerstehenden Zimmer, bauten sich zwei Tapeziertischen auf, suchten aus anderen Räumen Stühle und füllten viereckige Plastikschalen mit Wasser.
Sylvia setzte sich mit mir in mein Zimmer, das zugleich mein Büro war, und arbeitete an den Zeichnungen, während ich die eben abgelesenen Nivellierwerte durchrechnen und eintragen wollte.
Das Scherbenwaschzimmer lag meinem Büro schräg gegenüber, im Hintergrund hörte ich beständiges Geplätscher und das typische Gekritze, wenn mit Wurzel- und Zahnbürsten unterschiedlicher Stärke und verschiedenen Alters über den Ton gefegt wurde. Der einheitliche Geräuschteppisch wurde nur unterbrochen, wenn Scherben oder Bürsten platschend in das Wasser getunkt wurden oder jemand aufstand, um einzelne Keramikecken in die mit Zeitungen ausgelegten Bananenkartons oder andere Kisten zu legen. Dazu plapperten Dieter und Wernher mit Orka. Hans schwieg die meiste Zeit, trotzdem war es selbst aus meinem Büro merkbar, dass sich seine Laune wieder weitgehend normalisiert hatte. Von draußen drappelten dicke Regentropfen an die Fenster der LPG.
„Die Sonnenstrahlen klopfen an“, schmunzelte Sylvia dazu und blätterte mir gegenüber die Zeichnungen durch, vervollständigte Zeichnungsköpfe und Legendenteile, fragte mich zwischendurch nach Zeichenblattnummern und ergänzte Daten. Währenddessen rechnete ich die von mir gemessenen Nivellierwerte nach. Anschließend begann ich damit, sie in die Zeichnungen einzutragen. Dabei stellte ich fest, dass es mehrere Überschneidungen mit den bereits von Orka nivellierten Befunden gab.
Das allein wunderte mich nicht so sehr, schließlich kann so etwas leicht passieren, wenn man mal nach dem Nivellieren vergisst, den einen oder anderen Befund abzuhaken. Ich stolperte aber, als ich merkte, dass sich unsere Werte zum Teil stark voneinander unterschieden. Und es erschreckte mich sehr, plötzlich zu erkennen, dass einige dieser von Orka abgelesenen und gerechneten Werte sogar in sich unstimmig waren. Befunde, die in der Realität auf nahezu ebenen Boden aufgenommen waren, stiegen nach ihren Messungen auf einer äußerst kurzen Strecke unvermittelt um einen Meter an.
„Das kann doch nicht sein!“, stöhnte ich wiederholt und nannte Sylvia einzelne Abweichungen.
„Hat die sich vielleicht verrechnet?“
„Das hab ich auch erst gedacht, obwohl sie sowieso die meisten Subtraktionen mit dem Taschenrechner gemacht hat. Deshalb hab ich mir ihre Rechnungen angeguckt“, glücklicherweise hatte ich stets darauf bestanden, alle Schmierzettel und Kritzelpapiere einzusammeln, um mit etwas Mühe alle Rechnungen nachvollziehen zu können, „und die stimmen! Kuck dir aber mal die Werte an, die sie von der Latte abgelesen hat. Kuck mal, wie falsch die zum Teil sind!“ Die Ausreißer waren teilweise derartig deutlich fehlerhaft, dass es mir jetzt geradezu peinlich war, sie nicht früher bemerkt zu haben.
Zusammen mit Sylvia ging ich Fehler und Zeichnungen durch. Wir schauten uns Orkas Höhenwerte an und verglichen sie mit umliegenden Höhen. Jetzt zeigte sich die Tragik in ihrem ganzen Ausmaß: Einzelne Nivellements auf der Fläche schwebten sogar über der früheren Ackerkrume. Es zeichnete sich am Horizont der Tropfen ab, der das Fass zum Überlaufen bringen sollte. Ich war äußerst verblüfft und wurde sowohl auf Orka als auch auf mich wütend, weil mir ihre miserable Messleistung erst so spät aufgefallen war. Sylvia schüttelte nur den Kopf.
Gleichzeitig war ich unsicher genug, auch die von mir gemessenen Werte nicht als endgültig anzusehen. Immerhin konnte auch ein Fehler im Nivelliergerät vorgelegen haben. Ich beschloss, mir für den nächsten Tag das Niv von Arnold oder Wieland zu leihen und zusammen mit Micha besonders strittige Werte zum dritten Mal zu messen.
Im selben Moment klappte die Eingangstür am Ende des Ganges. Drei Gestalten raschelten in Regensachen und plapperten unverständlich. Micha lachte dazu laut, Jonas hö-hö-te und Jan schien der Stimme nach etwas unentschlossen zwischen Freude und leichtem Ärger zu pendeln. Sylvia und ich sahen uns stumm an. Die drei Nachzügler stapften den Flur zu meinem Büro und blieben vor der Tür stehen. Jetzt konnten wir sehen, dass sich auch in ihren Gesichter die Laune widerspiegelte, die uns akustisch angekündigt worden war. Micha lachte: „Haha, das hättet ihr sehen müssen.“
„Hätten sie nicht“, widersprach Jan bellend.
„Doch, doch“, waren sich Micha und Jonas in einem Atemzug einig.
Der geistige Herbst in meinem Büro hatte meinen Schreibtisch mit Bergen von vollgekritzelten Blättern bedeckt, Sylvia saß mir gegenüber gerade aufgerichtet. Ihre Unterarme ruhten aufeinander, so dass ihre Arme ein Dreieck bildeten, das von ihrem Kopf gekrönt wurde. Wir blickten uns fragend an.
„Hähä, ihr hättet Jan sehen müssen!“ Michas Gesicht zog eine Fratze, „Ihr kennt doch seinen Poncho.“
„Dieses schwarze Ku-Klux-Klan-Ding mit der spitzen Kapuze?“
„Genau! Das Ding, das man auch als Zelt nutzen kann.“
„Ich weiß.“
„Aber eben auch dann“, lachte Micha, „wenn ihn jemand trägt.“ Er deutete auf den grinsenden Jonas. „Jan hockte noch, um ein Stück Planum sauber zu machen, da hat Jonas ihm den Poncho mit Heringen festgetackert.“ Jan blickte wie ein verwirrtes Haustier, das nicht recht wusste, warum es ausgelacht wurde. Sylvia freute sich: „Nu, da is er ja wenigstens nicht nass geworden.“
„Habt ihr denn die Fünfzehn fertig gekriegt?“, fragte ich etwas ernster.
„Ja, alles kein Problem“, beruhigte Micha.
Von hinten kam Wernher an: „Da seitta ja wieder, Mönsch, wat müffelt hier denn so?“
Jetzt sah Jan seine Chance, die Schmach wieder gutzumachen: „Das is Jonas hier.“ Er hielt sich die Nase zu: „Die Rastalocken riechen wie nasser Hund!“
„Ist der Bagger schon wieder fertig?“, erkundigte ich mich.
„Nee, der is bis Feierabend beschäftigt. Morgen soll er aber wieder laufen.“
„Dann könnt ihr euch ja eben umziehen und dann auch noch ein bisschen Scherben waschen.“ Die drei, die ebenfalls in dem früheren LPG-Gebäude wohnten, zerstreuten sich in ihre Zimmer.
Wernher nutzte die Gunst: „Kann ick dich ma kurz sprechn?“
Sylvia stand auf: „Ich muss sowieso mal wohin“, und ging aus dem Zimmer, Wernher rotierte in mein Büro hinein und schloss die Tür.
„Ick wollt noch ma wejen heute mit dir reden. Det war ja eijentlich keene schöne Sache nich, aber det hat mir jezeicht, det du menschlich urst knorke bis. Det ha’ck dir nur ma sa’n woll’n.“ Wernher hielt mir die Hand wie zum Dank hin. Das war meine letzte Überraschung an diesem unseligen Tag. Diesmal positiv.
Freitag, 13. Februar 2009
Kapitel 8.2
Eines Tages musste ich jedoch einsehen, dass nicht einmal diese zivilisatorischen Grundfähigkeiten von Orka zu erwarten waren. Der Vormittag verlief noch verhältnismäßig ruhig, abgesehen davon, dass der Bauer die umliegenden Felder mit irgendeinem ominös stinkenden Giftzeug bespritzte, das in Schwaden auf unsere Grabungsfläche herüberzog. In der Mittagspause bedankte sich der gutgelaunte Hans noch bei mir für die Empfehlung jugoslawischer Fleischgerichte. Erst am Vortage hatte er im Supermarkt entdeckt, dass es gefrorene Ćevapčićis in Tüten gab. Er hatte gleich eine davon gekauft und ihren gesamten Inhalt noch am selben Abend verspeist.
Nach der Pause verschärfte sich die Gemengelage allerdings schlagartig. Micha nervte vor allem die älteren Arbeiter Wernher, Dieter, Hans und Sylvia, indem er am Werkzeugcontainer plötzlich mehrere Silvesterraketen zündete. Ich fand die Aktion lange nicht so schlimm wie das, was er ja ursprünglich vorgehabt hatte, ermahnte ihn aber mit erhobenem Finger vor der Grabungsöffentlichkeit, um den Personalfrieden weitgehend wiederherzustellen.
Der noch gut gelaunte Hans hatte zuvor so viel von der Fläche geputzt, dass ich ihn nun ein paar Befunde schneiden lassen wollte, während ich im Bauwagen Befundbeschreibungen in Formblätter übertrug. Nach einer Zeit schneite Sylvia zusammen mit Wernher in den Bauwagen, er hatte einen größeren Befund zu Ende geschnitten und erkundigte sich nach dem weiteren Vorgehen, Sylvia war mitgekommen um anzumerken, dass sie doch überraschend schnell mit dem Zeichnen der Quadranten vorangekommen war. Ohne mir viel Gedanken zu machen, entschied ich mich für das Naheliegende und bat Wernher, so lange das Planum zu putzen, bis Hans mit dem Schneiden des von ihm bearbeiteten Befundes fertig würde.
Es waren kaum fünf Minuten vergangen, dass die zwei den Bauwagen verlassen und mich über meine Formblätter brüten ließen, als plötzlich ohne jede Vorwarnung Hans zu mir in den Wagen sprang.
„Sag mal, das kann doch nicht sein“, Wernher strauchelte in seinem Schlepptau hinterher, „ich schneide Befunde und der da“, Hans wies auf Wernher, „macht jetzt meine Arbeit?“ Hans schrie zwar nicht, seine Stimme zitterte aber. Man merkte, dass er aufs Äußerste erregt war und größte Mühen aufwandte, sich noch halbwegs zu bändigen.
„Jetzt im Moment, ja“, sagte ich verdutzt.
„Wie kann das sein, ich habe immer das Planum geputzt, mache ich die Arbeit nicht gut?“
Wernher, der sichtlich genervt war, und den Hans offenbar bereits auf der Fläche angefahren hatte, stieg jetzt laut ein: „Ick brauch mir von dir jar nüscht sa’an lassn!“ Im Gegensatz zu Hans versuchte er sich aber nicht einmal zurückzuhalten. Seine kräftige Stimme biss, als er sich erst an den Kopf, dann an die Brust tippte: „Ick jloob, ick spinn! Ick bin ooch schon über fuffzich. Un wenn der Scheff sacht, mach det, denn mach ick det.“
Hans hatte seine Sache vorgetragen, seine Wut blieb grotesk groß. Er drehte sich, winkte mir ab: „Ach!“, sprang aus dem Wagen und lief zurück zu seinem Befund. Ich lief ihm nach, weil ich es selbstverständlich fand, diesen gleichermaßen unbegründeten wie unseligen Streit zu schlichten. Wernher trapste wie ein Terrier mit uns. Er versuchte zwischen Hans und mich zu kommen und zeterte keifend weiter: „Det brauch ick mir nich jefalln zu lassn! Ick hab ooch schon ’n paar Jahr jearbeit’t. Ick weeß, wo der Hase schnalzt!“
Jetzt musste ich nicht allein mehr Hans beschwichtigen, sondern auch Wernher zur Räson bringen: „Du brauchst nicht noch nachzutreten!“, fuhr ich ihn durchaus angemessen an.
Hans stapfte schnell zu seinem Befund, griff sich seinen Spaten, rammte ihn in den Boden und trat auf die Kante des Blattes und sprach zu sich selbst: „Die woll’n mich nur verheizen!“ Er sah mich an und schnaubte: „Ich arbeite hier, und der da hinten steht nur rum!“, wies er auf Jan, der vor dem Bagger stand.
„Ja und?“, fragte ich, „Der macht auch nur seine Arbeit.“
„Ach!“, motzt Hans nur noch. Er schien langsam zu begreifen, dass er einen unnötigen und heillos übertriebenen Sturm verursacht hatte, wollte es aber noch nicht zugeben. Wernher stand neben uns, ich blickte ihn ermahnend an, dass er auch ja nichts mehr sagen solle.
„Hört mal, sowas will ich auf meiner Grabung nicht haben. Das ist hier kein Kindergarten. Und jetzt gebt euch die Hand!“, widersprach ich mir selbst. Hans knirschte mit den Zähnen.
Wernher erkannte schneller die Chance, wieder Punkte gut zu machen, die er durch sein verbales Nachtreten verloren hatte: „Also, ick hab damit keene Probleme nüscht. Det war ja eh bloß ’n Missverständnis. Hier Hans!“, und reichte Hans die Hand.
Hans sah von seinem Befund hoch. Jetzt galt ihm mein strenger Blick. Und ich starrte ihn auch noch an, als ich zu dem neben uns stehenden Wernher sagte: „Du kannst Hans ja gleich mal beim Schneiden helfen, Wernher.“
Dann hob auch Hans seine rechte Hand und griff zögerlich nach Wernhers Hand. Beide schüttelten ihre Hände kurz, ließen sie aber schnell wieder schlapp fallen. „Ich hoffe, das ist damit erledigt“, betonte ich ernst, drehte mich um und trottete aus dieser unwirklichen Szene.
Nach der Pause verschärfte sich die Gemengelage allerdings schlagartig. Micha nervte vor allem die älteren Arbeiter Wernher, Dieter, Hans und Sylvia, indem er am Werkzeugcontainer plötzlich mehrere Silvesterraketen zündete. Ich fand die Aktion lange nicht so schlimm wie das, was er ja ursprünglich vorgehabt hatte, ermahnte ihn aber mit erhobenem Finger vor der Grabungsöffentlichkeit, um den Personalfrieden weitgehend wiederherzustellen.
Der noch gut gelaunte Hans hatte zuvor so viel von der Fläche geputzt, dass ich ihn nun ein paar Befunde schneiden lassen wollte, während ich im Bauwagen Befundbeschreibungen in Formblätter übertrug. Nach einer Zeit schneite Sylvia zusammen mit Wernher in den Bauwagen, er hatte einen größeren Befund zu Ende geschnitten und erkundigte sich nach dem weiteren Vorgehen, Sylvia war mitgekommen um anzumerken, dass sie doch überraschend schnell mit dem Zeichnen der Quadranten vorangekommen war. Ohne mir viel Gedanken zu machen, entschied ich mich für das Naheliegende und bat Wernher, so lange das Planum zu putzen, bis Hans mit dem Schneiden des von ihm bearbeiteten Befundes fertig würde.
Es waren kaum fünf Minuten vergangen, dass die zwei den Bauwagen verlassen und mich über meine Formblätter brüten ließen, als plötzlich ohne jede Vorwarnung Hans zu mir in den Wagen sprang.
„Sag mal, das kann doch nicht sein“, Wernher strauchelte in seinem Schlepptau hinterher, „ich schneide Befunde und der da“, Hans wies auf Wernher, „macht jetzt meine Arbeit?“ Hans schrie zwar nicht, seine Stimme zitterte aber. Man merkte, dass er aufs Äußerste erregt war und größte Mühen aufwandte, sich noch halbwegs zu bändigen.
„Jetzt im Moment, ja“, sagte ich verdutzt.
„Wie kann das sein, ich habe immer das Planum geputzt, mache ich die Arbeit nicht gut?“
Wernher, der sichtlich genervt war, und den Hans offenbar bereits auf der Fläche angefahren hatte, stieg jetzt laut ein: „Ick brauch mir von dir jar nüscht sa’an lassn!“ Im Gegensatz zu Hans versuchte er sich aber nicht einmal zurückzuhalten. Seine kräftige Stimme biss, als er sich erst an den Kopf, dann an die Brust tippte: „Ick jloob, ick spinn! Ick bin ooch schon über fuffzich. Un wenn der Scheff sacht, mach det, denn mach ick det.“
Hans hatte seine Sache vorgetragen, seine Wut blieb grotesk groß. Er drehte sich, winkte mir ab: „Ach!“, sprang aus dem Wagen und lief zurück zu seinem Befund. Ich lief ihm nach, weil ich es selbstverständlich fand, diesen gleichermaßen unbegründeten wie unseligen Streit zu schlichten. Wernher trapste wie ein Terrier mit uns. Er versuchte zwischen Hans und mich zu kommen und zeterte keifend weiter: „Det brauch ick mir nich jefalln zu lassn! Ick hab ooch schon ’n paar Jahr jearbeit’t. Ick weeß, wo der Hase schnalzt!“
Jetzt musste ich nicht allein mehr Hans beschwichtigen, sondern auch Wernher zur Räson bringen: „Du brauchst nicht noch nachzutreten!“, fuhr ich ihn durchaus angemessen an.
Hans stapfte schnell zu seinem Befund, griff sich seinen Spaten, rammte ihn in den Boden und trat auf die Kante des Blattes und sprach zu sich selbst: „Die woll’n mich nur verheizen!“ Er sah mich an und schnaubte: „Ich arbeite hier, und der da hinten steht nur rum!“, wies er auf Jan, der vor dem Bagger stand.
„Ja und?“, fragte ich, „Der macht auch nur seine Arbeit.“
„Ach!“, motzt Hans nur noch. Er schien langsam zu begreifen, dass er einen unnötigen und heillos übertriebenen Sturm verursacht hatte, wollte es aber noch nicht zugeben. Wernher stand neben uns, ich blickte ihn ermahnend an, dass er auch ja nichts mehr sagen solle.
„Hört mal, sowas will ich auf meiner Grabung nicht haben. Das ist hier kein Kindergarten. Und jetzt gebt euch die Hand!“, widersprach ich mir selbst. Hans knirschte mit den Zähnen.
Wernher erkannte schneller die Chance, wieder Punkte gut zu machen, die er durch sein verbales Nachtreten verloren hatte: „Also, ick hab damit keene Probleme nüscht. Det war ja eh bloß ’n Missverständnis. Hier Hans!“, und reichte Hans die Hand.
Hans sah von seinem Befund hoch. Jetzt galt ihm mein strenger Blick. Und ich starrte ihn auch noch an, als ich zu dem neben uns stehenden Wernher sagte: „Du kannst Hans ja gleich mal beim Schneiden helfen, Wernher.“
Dann hob auch Hans seine rechte Hand und griff zögerlich nach Wernhers Hand. Beide schüttelten ihre Hände kurz, ließen sie aber schnell wieder schlapp fallen. „Ich hoffe, das ist damit erledigt“, betonte ich ernst, drehte mich um und trottete aus dieser unwirklichen Szene.
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Sonntag, 8. Februar 2009
Kapitel 8.1
Inzwischen hatte sich das Team auch in der neuen Zusammenstellung weitgehend eingearbeitet. Ich musste oft morgens nicht einmal sehr detailliert erklären, welche Tagesarbeit anstand, weil die größtenteils erfahrenen Arbeiter in eine Art selbstorganisiertes Chaos verfielen.
Hans putzte üblicherweise das Planum, Sylvia zeichnete die von ihm freigelegten Befunde in der Aufsicht. Jan stand gewöhnlich am Bagger, zeitweise unterstützt von Dieter oder Jonas, die darüber hinaus die Pflöcke für die Quadranten setzten, wenn genügend Fläche freigebaggert war. Ansonsten schnitten beide die Befunde, damit die vorgeschichtlichen Gruben und Feuerstellen auch im Profil, aufgenommen werden konnten. Bei dieser Arbeit halfen Wernher und Orka, wenn die zwei nicht gerade damit beschäftigt waren, die im Planum bereits gezeichneten Befunde zu nivellieren. Das Nivellieren ist eigentlich eine sehr einfache Tätigkeit für zwei Leute, die lediglich daraus besteht, dass der eine Zahlen lesen und schreiben können muss, während der andere in der Lage sein sollte, eine je nach Notwendigkeit des Bodengefälles bis zu vier Meter lange Holz- oder Aluminiumlatte mehr oder weniger lotrecht in den Wind zu halten. Ich durfte also durchaus berechtigt annehmen, dass Orka zum Nivellieren befähigt war, obwohl ich ihr bereits die Berechtigung zum Zeichnen auf meiner Grabung entzogen hatte.
Hans putzte üblicherweise das Planum, Sylvia zeichnete die von ihm freigelegten Befunde in der Aufsicht. Jan stand gewöhnlich am Bagger, zeitweise unterstützt von Dieter oder Jonas, die darüber hinaus die Pflöcke für die Quadranten setzten, wenn genügend Fläche freigebaggert war. Ansonsten schnitten beide die Befunde, damit die vorgeschichtlichen Gruben und Feuerstellen auch im Profil, aufgenommen werden konnten. Bei dieser Arbeit halfen Wernher und Orka, wenn die zwei nicht gerade damit beschäftigt waren, die im Planum bereits gezeichneten Befunde zu nivellieren. Das Nivellieren ist eigentlich eine sehr einfache Tätigkeit für zwei Leute, die lediglich daraus besteht, dass der eine Zahlen lesen und schreiben können muss, während der andere in der Lage sein sollte, eine je nach Notwendigkeit des Bodengefälles bis zu vier Meter lange Holz- oder Aluminiumlatte mehr oder weniger lotrecht in den Wind zu halten. Ich durfte also durchaus berechtigt annehmen, dass Orka zum Nivellieren befähigt war, obwohl ich ihr bereits die Berechtigung zum Zeichnen auf meiner Grabung entzogen hatte.
Freitag, 6. Februar 2009
Kapitel 7.5
Wenn er zu Grabungen kam und die Fortschritte begutachtete, kam er grundsätzlich zur Mittagspause. Damit stand er in der guten Tradition aller Amtsarchäologen. Deren Befähigung, diese Stelle auszufüllen, scheint nämlich vornehmlich daran gemessen zu werden, ob sie in der Lage sind, fünf Ausgrabungen am selben Tag gleichzeitig zur Mittagszeit zu besuchen. Vielleicht werden sie aber auch nach der Stellenbesetzung einfach in einer aufwendigen Initiation in das Geheimnis eingeweiht, diesen temporalen Hattrick zu beherrschen.
Sowohl die Arbeiter im Chefwagen als auch die Raucher reagierten auf die Ankunft Senffs, ohne dass sie ausdrücklich ermahnt werden mussten. Bis auf Sylvia, die noch im Bauwagen die Köpfe und Legenden mehrerer Zeichnungen beenden musste, trollten sich alle unaufgefordert nach draußen, suchten dort die Arbeit auf, die sie zuvor unterbrochen hatten, und setzten sie fort. Ich winkte lediglich Dieter zu mir und bat ihm, das Pony auf die Koppel zu bringen, auf die es gehörte. Dieter suchte sich daraufhin ein Seil im Werkzeugcontainer, bastelte daraus mit Seemannsknoten eine Trense und brachte das ruhige Tier zu seinem Herkunftsort.
Ich ging auf den schwer übermüdet wirkenden Senff zu, der wie üblich albern gekleidet war. Nach allgemeiner Meinung hatte er diesen unbewussten Drang, die Öffentlichkeit unfreiwillig mit einer clownesken Erscheinung zu belustigen, bereits in frühester Kindheit angenommen. Als er und Nicole zu Unizeiten ein Paar geworden waren, hatte sie zumindest verschiedenen Kommilitonen stolz alte Fotos von ihm als 12-Jährigen herumgereicht, die ihn auf Geheiß der lieben Frau Mama mit einem Prinz-Eisenherz-Haarschnitt und einer viel zu engen Seppellederhose zeigten. Inzwischen hatte Nicole den Platz von Maxims Mutter eingenommen. Sie ermutigte den Mittdreißiger dazu, auch noch die lächerlichsten Klamotten zu tragen, was seinem Ansehen kaum förderlich war. Denn durch diesen Aufzug, der stets für großes Amüsement sorgte, bewies Maxim von vornherein, dass man ihn als Person nicht ernst nehmen konnte. Und das dachte einfach jeder Arbeiter, mit dem ich mich im Osten unterhalten habe. Nur von einen einzigen Arbeiter weiß ich, dass er Senff nicht einmal lächerlich fand, sondern schlicht dermaßen blöde, dass er sich bis zu dessen Weggang beharrlich geweigert haben soll, Maxim die Hand zu geben.
Wir waren derweil von dem Aufzug des Projektleiters nur amüsiert, seine Garderobe war wirklich unglaublich. Seine meist kurzärmeligen Hemden waren entweder mit Hawaii-Mustern bedruckt oder mit den roten oder grünen Karos gestaltet, die bis in die schlimmen 80er Jahre Tischdecken und Bettwäsche zahlloser Jugendherbergen zierten. Die dazu passenden Hosen waren bunt karierte Bermuda-Shorts, oder wiederholt pumpbeinige Dreiviertelhosen in Beige, wie er sie auch an diesem Besuchstag trug. Um das Ganze abzustimmen, hatte er sein Erscheinungsbild außerdem mit an den Hacken offenen Turnschuhen gekrönt, deren modischer Ursprung fraglos in ethisch nicht zu rechtfertigenden Genexperimenten an Pantoletten zu finden ist.
Ich grüßte Maxim und führte ihn in den Bauwagen, um ihm die Pläne zu zeigen, bevor wir auf die Flächen gingen. Dass Sylvia im Bauwagen arbeitete, gab ihm anschließend Anlass, mich außerhalb des Bauwagens vor ihrer angeblichen Faulheit zu warnen. Tagelang, so beschrieb er ihre Arbeitsweise während einer anderen Grabung, habe sie über demselben Plan gebrütet und immer nur hin und her geblättert. Mich wunderte diese Kritik, da ich ausgerechnet Sylvia als sehr intensive und konzentrierte Arbeiterin erlebte. Dabei nahm sie gleichzeitig zu ihren Pflichten als Zeichnerin zusammen mit Jonas den Posten als Vorarbeiterin ein und achtete verantwortungsvoll auf die anderen Arbeiter.
Dagegen war mir ja längst bekannt, wie intrigant und unfähig Senff war. So schwieg ich zu den Anwürfen. Senff war aber kaum gefahren, da warnte ich meinerseits Sylvia davor, dass er sie ganz offensichtlich auf dem Kieker hatte.
Man merkte damals schon, dass Maxim es zusehends genoss, Macht inne zu haben, obwohl er sich gleichzeitig auf unterschiedlichsten Wegen freiwillig der Lächerlichkeit preisgab. Eigentlich glich sein Wirken ohnehin der Terrorherrschaft eines Clowns. Das zeigte sich in jedem seiner Schritte, in all seinen Handlungen. Das galt bis ins letzte Detail, vom Anfang bis zum Ende. In dieser Zeit war er allerdings besonders ungehalten. Das weiß ich noch genau, denn dieser Tag ist mir schon deswegen im Gedächtnis haften geblieben, weil ich völlig neue Grenzen des Unwohlseins erfahren hatte.
Die Ringe unter Maxims Augen konnte man nicht zählen und er war so unaufmerksam, freiwillig aus seinem unseligen Leben zu plaudern. Es war nämlich die Zeit, in der seine Frau Nicole kurz davor war, den Senff-Stammhalter zu werfen – oder wie Dieter sich eines Tages aufgrund Nicoles Herkunft aus Braunschweig versprach: „die Sächsin ist niederträchtig ...“
Maxim war in dieser Zeit ein nervliches Wrack. Das lag aber keineswegs daran, dass er mit so viel Mitgefühl bei der Sache war, sondern weil er unter den Launen seiner besseren Hälfte zu leiden hatte, was er selbstverständlich überhaupt nicht einsah. Er kam zwar immer noch nur an den Tagen in ihre gemeinsame Wohnung, an denen er am Institut arbeitete. Aber die wenigen zugehörigen Nächte wurde Maxim ständig geweckt, weil Nicole im Fünfminutentakt aufs Klo trippelte. Darüber hinaus zwang sie ihn zu den Kursen der Schwangerschaftsgymnastik, wo er mit wildfremden Menschen eine verstümmelte Abart des Sirtaki zu tanzen hatte. Um das letzte Bisschen häuslichen Segens zu retten, war er als Ausgleich für seine heißgeliebten Sportsendungen quasi verpflichtet, Sonntags mit seinem Weib regelmäßig die damals schon unsäglich klebrig-pilchrigen und ewig-gleichen ZDF-Filmchen im Fernsehen zu verfolgen und schlimmer noch: gutzuheißen! Da galt auch die Ausrede nichts, dass am Vorabend sowohl sein Handballverein als auch sein Fußballverein wichtige Ligaspiele verloren hatten. Infolgedessen quälte der völlig übermüdete Senff jeden Untergebenen an der Universität und im Denkmalpflegeamt, als zöge ein jähzorniger Rachegott durch die Lande. Er belästigte einfach jeden mit seinen eingebildeten Leiden. Wie es seiner Frau ging, war ihm egal. Alles in allem war es für niemanden eine gute Zeit, weder für die beiden, noch für den Rest der Welt.
Vor seiner Abfahrt wusste ich ihn aber noch zu treffen, indem ich ihm mitteilte, wie katastrophal Marions Fähigkeiten waren. Als ich von ihren „Künsten“ erzählte und zum Beweis ihre Kritzelei vorzeigte, die ich als Beleg für schlechte Arbeit heute noch aufbewahre, wurde Senff vor Wut still. Er hatte mir Marion aufgedrückt, hatte sich von ihr weismachen lassen, dass sie als Zeichnerin arbeiten könne. Wahrscheinlich fühlte er sich betrogen, und das waren wir ja beide. Er versprach, mir in der Folgewoche einen neuen Mitarbeiter zu besorgen. Er wollte einen ehrenamtlichen Denkmalpfleger namens Micha aus der Gegend aktivieren, der ab und zu bereits für das Amt gearbeitet hatte.
Senff war kaum gefahren, da ging ich zu Sylvia und Hans, und erzählte ihnen, wer zum Team stoßen würde. Beide kannten Micha, Sylvia schien durchaus erfreut, wusste sie doch wenigstens, dass er besser als Orka arbeitete und ihr somit bei den Zeichnungen zur Hand gehen konnte. Hans dagegen war entsetzt. Er verdrehte die Augen, drehte sich zur Seite und setzte seine Arbeit stöhnend fort. Ich wunderte mich, befürchtete natürlich die nächste personelle Katastrophe, aber Hans ließ sich lediglich entlocken, dass ihn Michas „Pferdelache“ störte, wie er sie nannte. Sie sei auf der gesamten Grabungsfläche zu hören.
Die „Pferdelache“, von der Hans gesprochen hatte, ließ nicht lange auf sich warten, als Micha in der Folgewoche auf unserer Grabung mitzuarbeiten begann. Der große Micha mit dem überbreiten Mund war eigentlich immer gut aufgelegt. Er erzählte viel von seiner Familie, beispielsweise verriet er mir, sein Vater, sein Bruder und er sähen zusammen wie die Olsenbande aus (Micha entsprach dabei Benny). Er besaß genügend Humor, dass er sogar weiter Witze erzählte, nachdem er während der Grabung erfahren hatte, dass bei seinem Bruder, dem Kjeld-Pendant, ein Hirntumor festgestellt worden war.
Natürlich führte er sich sogar mit einem Witz ein. Wir hatten uns kaum begrüßt und gegenseitig vorgestellt, als er von sich aus erzählte, dass Maxim Senff versucht hatte, ihn zum 20. April einzustellen. Micha erwiderte am Telefon erbost, er könne „doch nicht an Führers Geburtstag arbeiten!“, und lachte sich über seinen Einfall und mehr noch den verdutzten Senff tot. In Wirklichkeit betreute Micha an diesem Tag das Volleyballturnier einer von ihm trainierten Jugendmannschaft, aber Senff fiel natürlich auf den bösen Scherz des bekennenden Antifaschisten herein. Ich amüsierte mich dagegen köstlich, dass Senff so hereingelegt worden war.
Andererseits war Micha auch ein kleiner Pyromane. So fragte er mich eines Tages, ob er nicht einmal eine sowjetische Phosphorbombe auf der Grabungsfläche zünden dürfe. Ich verneinte natürlich und war etwas verwirrt über sein tatsächlich ernst gemeintes Ansinnen.
Dass er ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger war, hatte ich ja bereits zuvor von Senff gehört, und auch Dieter kannte ihn. So erfuhr ich aber, dass er auch regelmäßig sowjetische Übungsplätze absuchte, um Munition und alle möglichen Sprengstoffe zu sammeln. Ich weiß nicht, ob er auf pyrotechnische Experimente dieses Ausmaßes weitgehend verzichtete, weil wir uns gut verstanden, oder ob er selbst zu viel Angst vor der eigenen Courage hatte.
Sowohl die Arbeiter im Chefwagen als auch die Raucher reagierten auf die Ankunft Senffs, ohne dass sie ausdrücklich ermahnt werden mussten. Bis auf Sylvia, die noch im Bauwagen die Köpfe und Legenden mehrerer Zeichnungen beenden musste, trollten sich alle unaufgefordert nach draußen, suchten dort die Arbeit auf, die sie zuvor unterbrochen hatten, und setzten sie fort. Ich winkte lediglich Dieter zu mir und bat ihm, das Pony auf die Koppel zu bringen, auf die es gehörte. Dieter suchte sich daraufhin ein Seil im Werkzeugcontainer, bastelte daraus mit Seemannsknoten eine Trense und brachte das ruhige Tier zu seinem Herkunftsort.
Ich ging auf den schwer übermüdet wirkenden Senff zu, der wie üblich albern gekleidet war. Nach allgemeiner Meinung hatte er diesen unbewussten Drang, die Öffentlichkeit unfreiwillig mit einer clownesken Erscheinung zu belustigen, bereits in frühester Kindheit angenommen. Als er und Nicole zu Unizeiten ein Paar geworden waren, hatte sie zumindest verschiedenen Kommilitonen stolz alte Fotos von ihm als 12-Jährigen herumgereicht, die ihn auf Geheiß der lieben Frau Mama mit einem Prinz-Eisenherz-Haarschnitt und einer viel zu engen Seppellederhose zeigten. Inzwischen hatte Nicole den Platz von Maxims Mutter eingenommen. Sie ermutigte den Mittdreißiger dazu, auch noch die lächerlichsten Klamotten zu tragen, was seinem Ansehen kaum förderlich war. Denn durch diesen Aufzug, der stets für großes Amüsement sorgte, bewies Maxim von vornherein, dass man ihn als Person nicht ernst nehmen konnte. Und das dachte einfach jeder Arbeiter, mit dem ich mich im Osten unterhalten habe. Nur von einen einzigen Arbeiter weiß ich, dass er Senff nicht einmal lächerlich fand, sondern schlicht dermaßen blöde, dass er sich bis zu dessen Weggang beharrlich geweigert haben soll, Maxim die Hand zu geben.
Wir waren derweil von dem Aufzug des Projektleiters nur amüsiert, seine Garderobe war wirklich unglaublich. Seine meist kurzärmeligen Hemden waren entweder mit Hawaii-Mustern bedruckt oder mit den roten oder grünen Karos gestaltet, die bis in die schlimmen 80er Jahre Tischdecken und Bettwäsche zahlloser Jugendherbergen zierten. Die dazu passenden Hosen waren bunt karierte Bermuda-Shorts, oder wiederholt pumpbeinige Dreiviertelhosen in Beige, wie er sie auch an diesem Besuchstag trug. Um das Ganze abzustimmen, hatte er sein Erscheinungsbild außerdem mit an den Hacken offenen Turnschuhen gekrönt, deren modischer Ursprung fraglos in ethisch nicht zu rechtfertigenden Genexperimenten an Pantoletten zu finden ist.
Ich grüßte Maxim und führte ihn in den Bauwagen, um ihm die Pläne zu zeigen, bevor wir auf die Flächen gingen. Dass Sylvia im Bauwagen arbeitete, gab ihm anschließend Anlass, mich außerhalb des Bauwagens vor ihrer angeblichen Faulheit zu warnen. Tagelang, so beschrieb er ihre Arbeitsweise während einer anderen Grabung, habe sie über demselben Plan gebrütet und immer nur hin und her geblättert. Mich wunderte diese Kritik, da ich ausgerechnet Sylvia als sehr intensive und konzentrierte Arbeiterin erlebte. Dabei nahm sie gleichzeitig zu ihren Pflichten als Zeichnerin zusammen mit Jonas den Posten als Vorarbeiterin ein und achtete verantwortungsvoll auf die anderen Arbeiter.
Dagegen war mir ja längst bekannt, wie intrigant und unfähig Senff war. So schwieg ich zu den Anwürfen. Senff war aber kaum gefahren, da warnte ich meinerseits Sylvia davor, dass er sie ganz offensichtlich auf dem Kieker hatte.
Man merkte damals schon, dass Maxim es zusehends genoss, Macht inne zu haben, obwohl er sich gleichzeitig auf unterschiedlichsten Wegen freiwillig der Lächerlichkeit preisgab. Eigentlich glich sein Wirken ohnehin der Terrorherrschaft eines Clowns. Das zeigte sich in jedem seiner Schritte, in all seinen Handlungen. Das galt bis ins letzte Detail, vom Anfang bis zum Ende. In dieser Zeit war er allerdings besonders ungehalten. Das weiß ich noch genau, denn dieser Tag ist mir schon deswegen im Gedächtnis haften geblieben, weil ich völlig neue Grenzen des Unwohlseins erfahren hatte.
Die Ringe unter Maxims Augen konnte man nicht zählen und er war so unaufmerksam, freiwillig aus seinem unseligen Leben zu plaudern. Es war nämlich die Zeit, in der seine Frau Nicole kurz davor war, den Senff-Stammhalter zu werfen – oder wie Dieter sich eines Tages aufgrund Nicoles Herkunft aus Braunschweig versprach: „die Sächsin ist niederträchtig ...“
Maxim war in dieser Zeit ein nervliches Wrack. Das lag aber keineswegs daran, dass er mit so viel Mitgefühl bei der Sache war, sondern weil er unter den Launen seiner besseren Hälfte zu leiden hatte, was er selbstverständlich überhaupt nicht einsah. Er kam zwar immer noch nur an den Tagen in ihre gemeinsame Wohnung, an denen er am Institut arbeitete. Aber die wenigen zugehörigen Nächte wurde Maxim ständig geweckt, weil Nicole im Fünfminutentakt aufs Klo trippelte. Darüber hinaus zwang sie ihn zu den Kursen der Schwangerschaftsgymnastik, wo er mit wildfremden Menschen eine verstümmelte Abart des Sirtaki zu tanzen hatte. Um das letzte Bisschen häuslichen Segens zu retten, war er als Ausgleich für seine heißgeliebten Sportsendungen quasi verpflichtet, Sonntags mit seinem Weib regelmäßig die damals schon unsäglich klebrig-pilchrigen und ewig-gleichen ZDF-Filmchen im Fernsehen zu verfolgen und schlimmer noch: gutzuheißen! Da galt auch die Ausrede nichts, dass am Vorabend sowohl sein Handballverein als auch sein Fußballverein wichtige Ligaspiele verloren hatten. Infolgedessen quälte der völlig übermüdete Senff jeden Untergebenen an der Universität und im Denkmalpflegeamt, als zöge ein jähzorniger Rachegott durch die Lande. Er belästigte einfach jeden mit seinen eingebildeten Leiden. Wie es seiner Frau ging, war ihm egal. Alles in allem war es für niemanden eine gute Zeit, weder für die beiden, noch für den Rest der Welt.
Vor seiner Abfahrt wusste ich ihn aber noch zu treffen, indem ich ihm mitteilte, wie katastrophal Marions Fähigkeiten waren. Als ich von ihren „Künsten“ erzählte und zum Beweis ihre Kritzelei vorzeigte, die ich als Beleg für schlechte Arbeit heute noch aufbewahre, wurde Senff vor Wut still. Er hatte mir Marion aufgedrückt, hatte sich von ihr weismachen lassen, dass sie als Zeichnerin arbeiten könne. Wahrscheinlich fühlte er sich betrogen, und das waren wir ja beide. Er versprach, mir in der Folgewoche einen neuen Mitarbeiter zu besorgen. Er wollte einen ehrenamtlichen Denkmalpfleger namens Micha aus der Gegend aktivieren, der ab und zu bereits für das Amt gearbeitet hatte.
Senff war kaum gefahren, da ging ich zu Sylvia und Hans, und erzählte ihnen, wer zum Team stoßen würde. Beide kannten Micha, Sylvia schien durchaus erfreut, wusste sie doch wenigstens, dass er besser als Orka arbeitete und ihr somit bei den Zeichnungen zur Hand gehen konnte. Hans dagegen war entsetzt. Er verdrehte die Augen, drehte sich zur Seite und setzte seine Arbeit stöhnend fort. Ich wunderte mich, befürchtete natürlich die nächste personelle Katastrophe, aber Hans ließ sich lediglich entlocken, dass ihn Michas „Pferdelache“ störte, wie er sie nannte. Sie sei auf der gesamten Grabungsfläche zu hören.
Die „Pferdelache“, von der Hans gesprochen hatte, ließ nicht lange auf sich warten, als Micha in der Folgewoche auf unserer Grabung mitzuarbeiten begann. Der große Micha mit dem überbreiten Mund war eigentlich immer gut aufgelegt. Er erzählte viel von seiner Familie, beispielsweise verriet er mir, sein Vater, sein Bruder und er sähen zusammen wie die Olsenbande aus (Micha entsprach dabei Benny). Er besaß genügend Humor, dass er sogar weiter Witze erzählte, nachdem er während der Grabung erfahren hatte, dass bei seinem Bruder, dem Kjeld-Pendant, ein Hirntumor festgestellt worden war.
Natürlich führte er sich sogar mit einem Witz ein. Wir hatten uns kaum begrüßt und gegenseitig vorgestellt, als er von sich aus erzählte, dass Maxim Senff versucht hatte, ihn zum 20. April einzustellen. Micha erwiderte am Telefon erbost, er könne „doch nicht an Führers Geburtstag arbeiten!“, und lachte sich über seinen Einfall und mehr noch den verdutzten Senff tot. In Wirklichkeit betreute Micha an diesem Tag das Volleyballturnier einer von ihm trainierten Jugendmannschaft, aber Senff fiel natürlich auf den bösen Scherz des bekennenden Antifaschisten herein. Ich amüsierte mich dagegen köstlich, dass Senff so hereingelegt worden war.
Andererseits war Micha auch ein kleiner Pyromane. So fragte er mich eines Tages, ob er nicht einmal eine sowjetische Phosphorbombe auf der Grabungsfläche zünden dürfe. Ich verneinte natürlich und war etwas verwirrt über sein tatsächlich ernst gemeintes Ansinnen.
Dass er ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger war, hatte ich ja bereits zuvor von Senff gehört, und auch Dieter kannte ihn. So erfuhr ich aber, dass er auch regelmäßig sowjetische Übungsplätze absuchte, um Munition und alle möglichen Sprengstoffe zu sammeln. Ich weiß nicht, ob er auf pyrotechnische Experimente dieses Ausmaßes weitgehend verzichtete, weil wir uns gut verstanden, oder ob er selbst zu viel Angst vor der eigenen Courage hatte.
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