Marion hatte sich bei Senff und auch bei uns am ersten Arbeitstag ausdrücklich damit gebrüstet, eine erfahrene Zeichnerin zu sein. Sylvia, deren Befähigung ich in dieser Hinsicht immerhin bereits von dritter Seite kannte, hatte ich direkt zu den Zeichnungen des Planums und der Erstellung der arbeitstechnisch damit verbundenen Übersichtsplänen abkommandiert. Marion sollte daher die Zeichnung der Befundprofile übernehmen. Dabei handelt es sich nicht um eine übermäßig anstrengende oder gar komplizierte Arbeit, die dem Zeichner besondere intellektuelle Fähigkeiten abnötigt. Eigentlich ist schon dazu in der Lage, wer Zahlen lesen, einen Bleistift und einen Zollstock halten kann, der Rest ist vor allem Technik und Übung.
Daher dachte ich mir nicht wirklich viel dabei, als Dieter den ersten Befund geschnitten hatte und ich Marion darum bat, das Profil zu zeichnen. Ich ging zu ihr, drückte ihr die zweite Garnitur der Zeichenutensilien in die Hand und sagte: „Dieter hat die Eins fertig. Zeichnest du mal eben das Profil?“
Zum Glück behielt ich für mich, dass es ein besonders einfacher Befund war, lediglich eine noch nicht einmal besonders alte Steinstandspur, die ich vor allem deswegen bearbeitet und dokumentiert haben wollte, um die Arbeiter an den Boden zu gewöhnen und die Arbeitsabläufe des Teams beobachten zu können, ohne dass es gleich um einen wichtigen Befund geht. Doch kaum hatte ich Marion erstmals darum gebeten, mir etwas vorzuzeichnen, da ruderte sie zu meiner Überraschung augenblicklich zurück: „I-ich hab aber sch-schon länger nicht mehr gezeichnet. Kann D-dieter mir nicht dabei helfen? Ich h-hab ihn auch schon gefragt und er hat j-ja gesagt.“
Ich war zwar verwundert, hatte jedoch so viel Vertrauen, dass ich ihre Arbeit nicht blockieren wollte. Außerdem hatte die Grabung gerade erst angefangen, wir besaßen noch relativ viel Zeit. Also nickte ich und lief zu Dieter, der schon dabei war, den nächsten Befund zu schneiden.
„Dieter? Kannst du Marion mal helfen, die Profilzeichnung zu machen?“
„Ja, natürlich kann ich Orka helfen.“
Ich glaube, das war das erste Mal, dass ich auf der Fläche ihren Spitznamen hörte. Wahrscheinlich war ich auch der letzte vor ihr selbst gewesen, der ihn erfuhr. Erst als sie in der dritten oder vierten Woche mit spitzen Ohren gehört hatte, dass die anderen von ihr als Orka sprachen, hatte Jan es ihr auf Nachfrage hin erklärt. Dabei war es angesichts ihrer Körperfigur wirklich nicht schwer, die Herkunft des Spitznamens zu ergründen.
Dieter fasste sich auf die Brusttasche seines Blaumanns: „Ich hab aber meine Brille nicht dabei. Aber ich kann ihr ja sagen, was sie machen soll.“ Danach sprang er mit weiten Schritten zu Marion, wo beide damit begannen, sich am Profil einzurichten.
In der Zwischenzeit lief ich über die Grabungsfläche. Jonas war zusammen mit Wernher damit beschäftigt, ein Raster über die bereits fertig gebaggerte Fläche zu legen. Dazu pflockten sie Quadranten mit einer Seitenlänge von zehn Metern aus. Die Entfernung zwischen den Pflöcken ermittelten sie mit einem Maßband, den orthogonalen Winkel schlugen sie mit dem Nivelliergerät.
Von Dieter ging ich zuerst zu Hans und Sylvia, die die meiste Zeit gemeinsam arbeiteten. Hans kratzte das Planum mit einem Gerät, das gewöhnlich bei der Dezimierung von Unkraut verwendet wird. So entfernte er den locker über Planum und Befunde hinweggewehten Boden. Hans wirkte bei dieser Arbeit wie ein buddhistischer Mönch, der seinen Zen-Garten bestellt. Völlig in sich selbst versunken schabte er ruhig vor sich hin. Ab und zu legte er den Kratzer zur Seite und nahm eine Schaufel in die Hand, um Bodenkanten zu entfernern, die der nur wenig begabte Stefan beim Baggern hinterlassen hatte.
Unmittelbar hinter Hans arbeitete Sylvia, legte sich ihre Maßbänder von Pflock zu Pflock zurecht, klappte eine kleine Sammlung Zollstöcke – oder wie sie mich täglich belehrte: „Gliedermaßstäbe!“ – auseinander und verteilte sie an strategisch günstigen Punkten auf dem Quadranten, den sie gerade zeichnen wollte.
Ich plauderte kurz mit den beiden, unterhielt mich über das Amt, über andere Arbeiter, über Senff und erfuhr so manchen Tratsch, der in der kleinen Archäologenwelt des Bundeslandes kreiste. Da ich gerade bei mehreren im Planum hübsch frei gelegten Befunden stand, nahm ich mein kleines Buch in die Hand, um mir Notizen über die Befunde zu machen. Sylvia war erschreckt; sie tat zwar leicht amüsiert, fragte aber ernsthaft, ob ich mir Notizen über die Arbeiter machte. Ich verneinte lachend und erklärte ihr, dass ich lediglich ein paar Daten über die Größe und Beschaffenheit der Befunde aufnehme. Ich zeigte ihr sogar meine schmierigen Skizzen. Sylvia war sichtlich beruhigt und erzählte mir bei dieser Gelegenheit, wie Senff sich kurz nach Amtsantritt die Überreste des ostdeutschen Spitzelsystems zunutze gemacht hatte. In Wernher hatte er beispielsweise einen Mann gesucht und gefunden, der ihm als Hinterträger dienen sollte. Senff war es schnell gelungen, ihn für diese Tätigkeit zu gewinnen. Der Archäologe führte einen anderen Arbeiter, der wegen einer ungünstigen Busanbindung wiederholt wenige Minuten zu spät kam, als schlechtes Beispiel an: „Wenn das jeder machen würde!“, regte Senff sich Wernher gegenüber auf: „Rechne doch mal die nicht geleisteten Stunden zusammen!“ Wernher fühlte sich geschmeichelt, Sonderbeauftragter des Chefs zu werden. Also verschaffte er dem Chef die gewünschten Informationen. Eine Zeit lang notierte Wernher sich fortan in einem kleinen Notizbuch die Zeiten jedes einzelnen Arbeiters. Diese Kontrolldaten ließ Senff mit den offiziellen Listen der Grabungsleiter vergleichen, dabei stellte er fest, dass beides nicht immer konform ging.
Pikant war bei der Angelegenheit jedoch, dass ausgerechnet Senffs Stunden von niemandem kontrolliert wurden. Die rechnete nämlich niemand anderer zusammen als er selbst, natürlich grundsätzlich zu seinen Gunsten. Dies wurde ihm dadurch ermöglicht, dass er nicht immer im Amt arbeiten, sondern auch viel unterwegs sein musste. Da das mit dieser Stelle zu betreuende Bundesland ein relativ großes Flächenland ist, war er zudem oft gezwungen, für die Touren von Grabung zu Grabung örtlich in Hotels oder – schlimmer! – in den abgewirtschaftete und angemieteten LPGs unterzukommen. Zum Ausgleich für diese Geringschätzung seiner eigentlichen Bedürfnisse nutzte er die auswärtige Arbeit dann allerdings zu ausgedehnten Schlaforgien. Nie kam er vor 10 Uhr aus dem Bett, eher sogar später. Aber es heißt schließlich nicht umsonst: Quod licet Iovi, non licet bovi.
Als Sylvia mir von Wernhers früherer Spionagetätigkeit erzählte, war ich entsetzt. Schon an der Uni war ich in direktem Kontakt mit Senff stets vorsichtig gewesen. Doch nach dieser Warnung blieb ich auch anderen gegenüber mit manchen Informationen sehr zurückhaltend. Ich achtete ziemlich genau darauf, wen ich was wissen ließ und was ich für mich behielt. Glücklicherweise kann ich im Nachhinein einräumen, dass ich ausgerechnet Wernher später noch als freundlichen Mann kennenlernte. Er war neben seinen Monatsverträgen bei dem Landesamt ehrenamtlich als Bodendenkmalpfleger beschäftigt, daher brachte er auf den Ausgrabungen neben dem grundsätzlichen Elan auch ein echtes Interesse für die Archäologie an den Tag. Das erleichterte die Arbeit mit ihm ungemein.
Nach der kurzen Plauderei mit Sylvia schlenderte ich zu Jan, der sich vor dem Bagger auf seine Schaufel lehnte. Hatte Stefan gerade wieder eine Bahn auf die Höhe des Befundhorizontes heruntergebaggert, schippte er lose Erde auf den Teil, den der Baggerfahrer noch nicht gebaggert hatte. Sah er einen Befund, kennzeichnete er dessen Umriss mittels der Schaufel oder einer Spitzkelle, die er auf der Grabungsfläche meist in der Gesäßtasche seiner Hose stecken hatte. Danach nahm er aus einem Eimer, der neben ihm stand, ein vorbereitetes Stück Flatterband und steckte es mit einem Nagel auf den Befund. Die Flatterbandstückchen hatten wir dazu im Bauwagen vorbereitet und mit einem wasserunlöslichen Filzstift durchnummeriert.
Es gibt eine ganze Reihe von Schabernack, den besonders lustige Zeitgenossen wochenends auf Ausgrabungen treiben. Dazu gehört der Spaß, die Befundzettel zu vertauschen. Glücklicherweise ahnen sie nicht, dass es in den meisten Fällen herzlich egal ist. Denn entweder sind die Befunde noch gar nicht aufgenommen, so dass jede Nummerierung sowieso noch fließend ist, oder sie sind bereits so weit aufgenommen, dass sie wieder problemlos identifiziert werden können. In dem Fall stört allein die verlorene Zeit.
Ich hatte mich gerade zu Jan gestellt, als er gegen den dröhnenden Lärm des Baggers schrie und mich unverblümt fragte: „Kann ich nächste Woche einen Rinderschädel mitbringen?“
Wahrscheinlich blickte ich ihn sehr merkwürdig an, denn er ließ kaum eine Sekunde verstreichen, da versuchte er zu erklären: „Ich hab von ’nem Bekannten son Rinderschädel bekommen. Da sind noch Fleisch und Haut drauf. Und hinten beim Soll hab ich beim Pinkeln ’nen Ameisenhaufen entdeckt. Da könnte ich den doch drauflegen, die nagen den dann ab und ich kann ihn mir an den Giebel von meinem Haus hängen.“
„Na, ich weiß nicht. Ist ’n bisschen eklig, wer weiß, was der alles anzieht. Da kommen doch alle möglichen Aasfresser“, wies ich ihn ab.
Jans Gesicht begann zu denken. In der Gesprächsruhe wirkte der Bagger mit seine Klonkgeräuschen nur umso lauter. Jan blickte kurz auf den Boden, plötzlich schrie er in das „uuuuuuuiiiiiii“ des Baggers: „Dann muss ich wohl doch son fertigen Kopf aus’em Schwarzwald holen.“
„Aus dem Schwarzwald?“, brüllte ich gegen das krrrrrrrallende Geräusch, mit dem sich der Bagger in den Boden fraß.
„Ja, da ist son Hof, auf dem ich mit meiner Frau schon ’n paar Mal Urlaub gemacht hab. Der Besitzer fährt immer nach Afrika, auf Großwildjagd. Der hat schon alles gejagt. Antilopen, Gazellen, Watussi-Rinder, Gnus, Warzenschweine. Alles. Die hat er dann auf eigene Kosten ausstopfen lassen oder so Trophäen für die Wand machen lassen und mit nach Deutschland gebracht. Der hat das ganze Haus voll mit irgendwelchen Jagdtrophäen. Vor dem Kamin im Wohnzimmer lag letztes Mal sogar ein Eisbärfell.“ Die Hydraulik machte „uiuiuiuiuiuiui“.
„Hübsch“, kommentierte ich mit. Die Ironie drückte ich allein mit dem Tonfall aus.
„Das ist doch toll! Und der verkauft die jetzt. Nicht alle, die besseren will er noch behalten, das kann ich auch verstehen. Aber da kriegt man sone Gazelle schon für fünfhundert Mark. Ich glaub, da werd ich mir das nächste Mal ein paar mitnehmen.“
Ich schwieg vielsagend. Der Bagger leerte mit einem lauten „KLONK-KLONK“ seine Schaufel über dem Abraum.
„Noch besser wär’s natürlich, mal selber auf Großwildjagd zu gehen. Ich schieß ja mit dem Bogen. Weißt du, instinktives Bogenschießen.“ Er hielt mit seiner linken Hand die Schaufel, als sei ihr Stiel ein Langbogen und pantomierte mit der rechten Hand und zwei Krallenfingern die Zugbewegung eines Bogenschützen. Ich hatte nur wenig Interesse daran, mir instinktives Bogenschießen erklären zu lassen, und fragte daher gar nicht erst nach. Jan jedoch nutzte die Gunst, sein Wissen wie ein abgegriffenes Klebebildchenalbum vor mir auszubreiten.
„Ich fahr an den Wochenenden ja immer zum Bogenschießen. Warte“, er kramte seine Brieftasche aus der Gesäßtasche, klappte sie auf und richtig, „hier hab ich ja sogar ein paar Fotos. Da ist dann son Weg vorgegeben und von bestimmten Stellen muss man dann auf Plastetiere schießen. Hier war zum Beispiel auf der anderen Seite eines Tales, das war bestimmt, uhm, einhundert Meter breit, da war auf der anderen Seite ein Plastebison. Da musste man dann über Bäume rüberschießen, das Bison konnte man gar nicht sehen, und ich hab getroffen. Das ist dann instinktives Bogenschießen.“
Ich runzelte die Stirn.
„Auf echte Jagd darf man mit dem Bogen hier ja leider nicht gehen. In Rumänien ist das aber erlaubt. Von den Wettbewerben kenn ich ein paar Schützen, die fahr’n ein paar Mal im Jahr nach Rumänien und schießen da Rehe und Hirsche. Da darf man das.“ Seine Augen glänzten verträumt.
Ich wandte mich ab und drehte meinen Kopf zu dem Befund, den Marion zusammen mit Dieter zeichnen wollte. Jan schaute in dieselbe Richtung und wirkte verblüfft.
„Die sitzt ja schon ’ne Stunde an dem Profil. Ich denk, die hat schon mal gezeichnet?“
„Hat’se zumindest gesagt“, schüttelte ich den Kopf. Wir sahen, wie Marion vor dem Befund thronte. Ihre Beine steckten in der flachen Grube, die für das knapp einen halben Meter breite Profil ausgehoben war, das Zeichenbrett ruhte auf ihren überdimensionierten Oberschenkeln. Dieter hielt einen Zollstock in der Hand und sprang wie ein Eichhörnchen mit einer Überdosis Koffein von Marion zum Profil und zurück, um ihr auf dem Zeichenbrett so viele Hinweise geben zu können, wie er ohne Brille vermochte.
„Ich kuck mir mal an, was die da veranstalten“, sagte ich und ließ Jan am Bagger. Da ich bereits Allerschlimmstes fürchtete, trottete ich entsprechend langsam zu dem Zeichenduo infernale. Die Unvermeidlichkeit des Unglücks wurde mir langsam klar, dennoch wollte ich es so lange wie möglich von mir fern halten. Kaum war ich angekommen, war nicht mehr zu leugnen, dass auch die übelste Ahnung noch weit übertroffen wurde. Als ich mich neben die Möchtegernkünstlerin kniete und die Graphitkatastrophe erblickte, merkte Marion sofort, dass ihre Zeichnung nicht nur nicht die beste war, sondern bei weitem nicht meinen Erwartungen entsprach. Sofort entschuldigte sie sich, das Millimeterpapier sei für ihre Augen zu bunt, die Miene des Druckbleistiftes breche die ganze Zeit ab, Dieter sehe ohne Brille nicht, was er für Werte messe und vieles mehr. Doch ihre speckigen Ausreden faulten in der Sonne so schnell, wie sie neue hervorwürgte.
Als erstes schickte ich Dieter zu den nächsten Befunden, um weitere Profile vorzubereiten. Dann hieß ich sie aufstehen, nahm ihr Zeichenbrett, legte ein leeres Blatt zuoberst und zauberte in wenigen Minuten mit wenigen Handgriffen und Strichen eine Zeichnung auf das Papier, die in aller Bescheidenheit mehr als ansprechend war. Ja, ich erlaube mir noch im Nachhinein, sie meisterwürdig zu nennen. Marion staunte schweigend und mit großen Augen. Ihr Gesichtsausdruck verriet mir, dass es unmöglich sein würde, ihr das notwendige Können zu vermitteln. Ich gab ihr den ernst gemeinten Rat, das Zeichnen von Profilen zu Hause anhand von Marmorkuchenstücken zu üben. Obwohl ich angesichts ihres Gewichts befürchtete, dass ein Kuchenstück kaum lange genug leben würde, um diese Prozedur zu überstehen. Diesen Gedanken behielt ich aber für mich: „Du kannst ja weiterhin die Nivellements machen und die Höhen rechnen“, versuchte ich Mut zu machen.
„J-ja. D-das k-kann ich.“ Sofort setzte sie wieder ihr schnippisches Gesicht auf. Und mir war bewusst, dass ich bei der erstbesten Gelegenheit Senff bitten musste, mir für die Profile einen anderen Zeichner zuzuteilen.
Für diesen Moment ging ich aber zur Gruppe der Arbeiter und fragte in die Runde, wer noch zeichnen kann. Hans meldete sich: „Ich hab schon mal gezeichnet!“
„Dann können wir morgen mal gucken, ob du die eine oder andere Zeichnung übernimmst“, hätte ich nicht sagen sollen. Später am Tag nahm Sylvia mich nämlich in einer unbeobachteten Minute zur Seite: „Kann ich dich mal dazu sprechen, dass du Hans zeichnen lassen möchtest?“
„Ja, sicher.“
„Lass ihn das bitte nicht machen.“
„Hm?“
„Hast du seine Schrift schon gesehen?“
„Hm!“
„Er hat zwar wirklich schon mal gezeichnet. Da ist er aber von allen ausgelacht worden. Und ich muss doch mit ihm zusammen arbeiten und mit ihm nach Hause fahren. Ich möchte nicht, dass er wieder so ausgelacht wird. Ich mach gleich schnell die Profile.“
„Na, ich kann mal versuchen, das unauffällig unter’n Tisch fallen zu lassen. Oder redest du noch mal mit ihm?“
„Das kann ich machen.“
Es half also alles nichts, ich brauchte einen neuen Zeichner.
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Sonntag, 25. Januar 2009
Freitag, 23. Januar 2009
Kapitel 6.2
Am dritten Tag der Grabung sollten auch die vorläufig restlichen Mitarbeiter zur Grabung stoßen. Morgens war ich so früh an der Grabung angekommen, dass ich noch ein bisschen Zeit hatte, den üblichen Papierkram für den Tag vorzubereiten. Bald hörte ich aber die ersten Wagen anfahren. Dem Motorgeräusch nach war es der Kombi von Hans. Da keine Türen klappten, durfte ich mir auch relativ sicher sein, dass es die beiden waren. Denn ich wusste bereits von meiner Bekannten, dass beide jeden Morgen noch wenigstens fünf Minuten nebeneinander im Wagen sitzen blieben, meist ohne sich unterhalten.
Ich stand von der Bank auf und kletterte zur Tür des Bauwagens. Als ich nach draußen blickte, hockten beide tatsächlich wie zwei Schaufensterpuppen in dem Kombi. Ich sah aber auch schon die nächsten Wagen anrauschen. Zuerst kam der Pick-up von Stefan, der heute Dieter hinter dem Bahnhof aufgelesen hatte, dann fuhr ein blau gefärbter, abgeschnittener französischer Kleinwagen mit Mongolenblick auf die Zufahrt. Es folgte ein tiefergelegter Japaner, hinter dem sich ein alter Mercedes auf den unbefestigten Weg wälzte. Das war der Wagen von Jonas, aus dem laut tönte: „... Na-ta-scha Spek-ken-bach, mit Haa-ren wie To-ma-ten-saft, und die kennt Marx und En-gels und wie mans rich-tig macht ...“ Degenhardt gehörte ab diesem Tag zu dem morgendlichen Ritual, dem ich mich in den nächsten Wochen zu unterwerfen hatte. Jonas stoppte die Kassette erst, als er direkt vor dem Bauwagen stand. In seinem Strich Acht saß auf dem Beifahrerplatz ein kleiner untersetzter, leicht stämmiger Arbeiter, der sich mir nach dem Aussteigen als Jan Retzlaff vorstellte. Jan war kaum älter als ich, war aber auf dem kurzhaarigen Schädel bereits von einer kreisrunden Platte betroffen.
Aus dem Franzosen zwängte sich Wernher Senger. Er war eigentlich nicht dick, hatte aber irgendwie einen rundlichen Körper in der Art eines Schneemannes. Sein ballförmiger Kopf war mit einem katerartigen Schnurrbart geschmückt, unter dem der Mund meist freundlich grinste. Überhaupt hatte sein Kopf etwas von dem Schädel eines Katers.
Wernhers Fahrersitz war weit nach vorn geschoben, weil er dem Anschein nach seinen halben Hausstand in den erstaunlich geräumigen Wagen gestopft hatte. So wie sich das gequetschte Mobiliar an die Scheiben drückte, war zumindest ersichtlich, dass er wenigstens ein Klappbett und mehrere Teppiche eingepackt hatte.
Inzwischen waren auch Hans und Sylvia ausgestiegen. Sie sagten mir mit beinahe übertriebener Freundlichkeit „Guten Morgen!“ und strebten dann auf die Neuankömmlinge zu. Hier begrüßten sich alle gegenseitig, bevor Hans Wernher die Frage stellte, die mir auch auf der Zunge gelegen hatte: „Sag mal, ziehst du um?“
„Mönsch, Hans, du weeßt doch jenausujut wie icke, det man heutzutage allet mitnehmen muss, wat man kriejen kann. Un ick war heut früh kaum losjefahren jewesen, da komm ick am Sperrmüll vorbei – und wat seh ick da? Jetz kiek dir mal diese Perser an. Da ist doch jar nüscht dran! Det Jeld liecht doch wirklich uff de Schossee!“
Er öffnete den Kofferraum und zeigte Hans und Sylvia in der Art eines professionellen Teppichverkäufers die Ware, die gerade heute erst ins Geschäft gekommen ist.
Hans prüfte den Perser reibend: „Du hast recht. Da is nüscht dran. Aber ich bleib lieber bei Geräten. Ich hab ja zu Hause noch sechs Fernseher und sieben Rasenmäher zu stehen. Die kann man wenigstens reparieren und verkaufen. Obwohl – die Polen kaufen ja auch keine ollen Fernseher mehr. Die wollen ja nur noch Farbfernseher. Aber man kann ja wenigstens die Kabel abschneiden und das Kupfer verkaufen.“
„Stimmt, du wars ja son Kabelfledderer“, erinnerte Wernher sich und lächelte. Dabei dreht er sich leicht und zeigte mit allen vier Fingern der linken Hand in schönster Militärmanier auf Hans’ Rückspiegelschmuck: „Hatteste da nich ooch dinn kleenet Skelett her?“ Hans grinste.
Sylvia erklärte mir später lächelnd, dass Hans berüchtigt war für seine Sperrmüllsammelei. In seiner Garage stapelten sich die Rasenmäher, an denen er im Winter herumbastelte, bis sie wieder funktionierten und er sie verkaufen konnte.
Als letzte quälte sich die überaus korpulente Studentin aus ihrem Japaner. Erst jetzt merkte ich, dass er gar nicht tiefergelegt war, sondern lediglich auf ihr Gewicht reagiert hatte. Sylvia hatte mir am Vortag zwar schon gesagt, dass Marion früher einmal für das Amt gearbeitet hatte, aus meinem Team kannten sie aber nur Sylvia, Hans und Dieter. Krachend schlug die Studentin die Tür ihres Autos zu. Im Gesicht trug sie die zu ihrer Statur passende hochgezogene Schweinsnase und ebensolche Augen. Ihre abgefressenen Haare waren hundgelockt und krönten ihre Figur, die im Ganzen an ein aufgeblasenes Halmamännchen erinnerte.
Mit einer Behändigkeit, die man sonst bei Dicken vor allem dann beobachten kann, wenn ein Buffet eröffnet wird, stürmte sie auf unsere Gruppe zu, würdigte die meisten keines Blickes, sondern baute sich vor Jonas auf und erklärte kurzerhand „Ich b-bin die Studentin. Ich habe mit D-doktor Senff t-t-telefoniert, er weiß, dass ich z-zeichnen und v-v-vermessen kann.“ Jonas grinste mich mit seiner von Snus ausgebeulten Oberlippe an, die anderen schwiegen leicht betreten. Sie blickte kurz verwirrt hin und her und bemerkte so ihren Fehler. Jetzt stellte sie sich mit der wortwörtlich selben Aufzählung bei mir vor.
Dieter lachte und empfahl ihr: „Marion, knall doch die Türen nicht so! Is doch nur ein Kleinwagen“, doch der belustigte Hans widersprach: „Genau – als ob man bei meinem großen Wagen die Türen knallen dürfte!“
Obwohl wir alle es schon besser wussten, fragte Sylvia: „Mensch Marion, ist dein Wagen tiefergelegt?“
„N-nein!“, beschied sie mit einem hochnäsig nach hinten verdrehten Kopf. Dabei schloss sie ihre Augen und zog Lider und Brauen gleichzeitig nach oben, wo sie sie hielt, als seien sie mit einem Binderclip an der pickeligen Stirn fixiert. „A-aber der ist sowieso n-nur für meine Sch-schwester. Ich muss nämlich f-für den Wagen arbeiten. Im Winter habe ich mir nä-ämlich den Wagen von meiner Schwester geliehen und b-in auf dem Eis a-ausgerutscht. Dort ist ihr Wagen aufs Dach geschliddert, und ihre Vers-sicherung wollte nicht z-zahlen. B-bloß weil meine Schwester eine V-versicherung abgeschlossen hatte, mit d-der nur sie fahren durfte. Un-mööglich. Eigentlich wollten wir die Versicherung schon verklagen, a-aber die Rechtsschutzversicherung meines Vaters w-wollte das nicht bezahlen. Na, was soll’s. Jetzt hat mein Vater d-diesen Wagen gekauft und ich arbeite ihn ab, d-damit ich ihn meiner Schwester überlassen kann. Aber das ist ein doofer Wagen. Der fährt zwar schön sch-schnell, ist ab-b-ber lange nicht so gut wie ein Trabi. Dort kann man nämlich alles s-selber machen. Wenn ich früher mit einem unserer Trabis liegengeblieben bin, m-musste ich immer nur m-meinen Vater anrufen, der ist dann s-s-sofort gekommen und hat alles repariert.“
Während sie das sagte, zurrte sich ihr Puttenmund zusammen, und sie nahm einen schnippisch-verschlagenen Fahlblick an, den ich in den folgenden Wochen etliche Male an ihr beobachtete. Sie setzte ihn für gewöhnlich auf, wenn sie zum Ausdruck bringen wollte, dass alles, was etwas mit ihr zu tun hatte, besser war als ihre gesamte Umgebung. Und das glaubte sie eigentlich immer. Um das zu unterstreichen, wedelte sie meist grotesk mit ihren unproportionierten Puppenarmen, an denen sich ihre Wurstfinger wie überdimensionierte Maden krümmten. Letztlich war ihre äußere Erscheinung aber ohnehin nur der körperliche Ausdruck ihres Charakters, wie ich bitter lernen musste. In beider Hinsicht bot sie einen wenig ästhetischen Anblick, ja sie war äußerlich und charakterlich das absolute Gegenteil der blanken Anmut.
Wir verteilten uns langsam zu den Bauwagen, die Nichtraucher brachten ihre Sachen in den Chefbauwagen, der schon wegen der Zeichnungen und Unterlagen nikotinfrei bleiben sollte, während Stefan, Dieter und Jonas ihre Taschen mit dem Pausenessen in den anderen Wagen warfen.
Sylvia und Hans gingen anschließend zu seinem Kombi, um sich andere Schuhe anzuziehen, während ich im Chefwagen den von mir am Morgen verteilten Papierkram zusammensortierte und abheftete. Jan kam kurz in den Wagen geklettert und wollte mir noch irgendwelche Arbeitspapiere für Maxim geben, als er in meiner Arbeitstasche eine Stirnlampe entdeckte, die ich für irgendein früheres Projekt benötigt hatte. Als ich seinen rätselnden Blick sah, murmelte ich wie beiläufig „falls es abends mal länger wird“ und sah aus dem Augenwinkel, dass Jan mit einem erschrockenen Blick aus dem Bauwagen trat.
Kaum war auch ich wieder aus dem Bauwagen gekommen, da hörte ich, wie Sylvia sich mit Jonas unterhielt. Sie hatte beim Anziehen ihrer Arbeitsschuhe offenbar an der Decke seines Mercedes einen Blutfleck entdeckt und erkundigte sich danach, was da passiert war.
Jonas lehnte am Kühler seines Wagens. Nahe der Lüftungsschlitze stand sein Taschenascher, in dem seine obligatorische Zigarette verglühte, während er sich gerade eine Portion Snus zurechtknetete. Er freute sich über die Frage, denn da er ein eingefleischter Fan des damals aktuellen Pulp Fiction war, ermöglichte sie ihm die Antwort: „Mr. Wolf hat nicht richtig saubergemacht!“
Sylvia blickte ihn fragend an, sie ahnte, keine weitere Erklärung zu bekommen, wunderte sich aber ohnehin darüber, dass ein junger Schwede kommunistische Lieder hörte, war der Sozialismus doch gerade grandios gescheitert. Jonas dagegen war hoch erfreut, dass Sylvia ihm eine Plattform geboten hatte, sich so herrlich unangepasst zu geben.
Sylvia ging inzwischen ihre Zeichenutensilien holen, während ich langsam zu dem archäologisch unerfahrenen Stefan lief, um ihm den weiteren Ablauf mit dem vergrößerten Team zu erklären. Jonas, dessen Oberlippe inzwischen die schwedentypische Snus-Beule aufwies, drückte seine Zigarette im Ascher aus, klappte ihn zusammen und kam zu uns. Ohne Nachfrage erklärte er mir von sich aus, was es mit dem Blutfleck auf sich hatte: Er war mit zwei Freunden kurz nach der Wende nach Tschechien in Urlaub gefahren, wo sie Campingurlaub machten. Auf dem Weg von einer billigen Zechtour zurück zu ihrem Zelt musste Jonas dringend austreten und hielt an. Beide Freunde waren im Fond sitzen geblieben, und als er wieder in seinen Wagen stieg, hatten sie sich aus irgendeinem Grund, den sie ihm nie verraten haben, so gestritten, dass der eine dem anderen kurzerhand die Fresse poliert hatte.
So wie ich mich auch später gut mit Jonas verstand, nahm ich immer an, dass wir ohnehin gewissermaßen auf einer Wellenlänge funkten. Dass er mir nun aber ohne Nachfrage diese Geschichte erzählte, sollte eindeutig ein Gunstbeweis sein, für den er eine kleine Belohnung erwartete.
Er hatte daher kaum dieses unwichtige Rätsel aufgeklärt, da fragte er schon, ob er nicht auch einmal ein wenig baggern dürfe, um sein Know-how zu erweitern. Stefan, den er gar nicht erst zu Wort kommen ließ, sei es jedenfalls egal, noch jemanden einzuweisen. Da ich damals noch nicht ahnen konnte, dass er diese Fertigkeiten nicht in erster Linie für Ausgrabungen erlangen wollte, und gleichzeitig mit Marion nach eigener Auskunft jemanden hatte, der wenigstens zeitweise die einfachen Vermessungsarbeiten übernehmen konnte, hatte ich nichts dagegen.
Ich stand von der Bank auf und kletterte zur Tür des Bauwagens. Als ich nach draußen blickte, hockten beide tatsächlich wie zwei Schaufensterpuppen in dem Kombi. Ich sah aber auch schon die nächsten Wagen anrauschen. Zuerst kam der Pick-up von Stefan, der heute Dieter hinter dem Bahnhof aufgelesen hatte, dann fuhr ein blau gefärbter, abgeschnittener französischer Kleinwagen mit Mongolenblick auf die Zufahrt. Es folgte ein tiefergelegter Japaner, hinter dem sich ein alter Mercedes auf den unbefestigten Weg wälzte. Das war der Wagen von Jonas, aus dem laut tönte: „... Na-ta-scha Spek-ken-bach, mit Haa-ren wie To-ma-ten-saft, und die kennt Marx und En-gels und wie mans rich-tig macht ...“ Degenhardt gehörte ab diesem Tag zu dem morgendlichen Ritual, dem ich mich in den nächsten Wochen zu unterwerfen hatte. Jonas stoppte die Kassette erst, als er direkt vor dem Bauwagen stand. In seinem Strich Acht saß auf dem Beifahrerplatz ein kleiner untersetzter, leicht stämmiger Arbeiter, der sich mir nach dem Aussteigen als Jan Retzlaff vorstellte. Jan war kaum älter als ich, war aber auf dem kurzhaarigen Schädel bereits von einer kreisrunden Platte betroffen.
Aus dem Franzosen zwängte sich Wernher Senger. Er war eigentlich nicht dick, hatte aber irgendwie einen rundlichen Körper in der Art eines Schneemannes. Sein ballförmiger Kopf war mit einem katerartigen Schnurrbart geschmückt, unter dem der Mund meist freundlich grinste. Überhaupt hatte sein Kopf etwas von dem Schädel eines Katers.
Wernhers Fahrersitz war weit nach vorn geschoben, weil er dem Anschein nach seinen halben Hausstand in den erstaunlich geräumigen Wagen gestopft hatte. So wie sich das gequetschte Mobiliar an die Scheiben drückte, war zumindest ersichtlich, dass er wenigstens ein Klappbett und mehrere Teppiche eingepackt hatte.
Inzwischen waren auch Hans und Sylvia ausgestiegen. Sie sagten mir mit beinahe übertriebener Freundlichkeit „Guten Morgen!“ und strebten dann auf die Neuankömmlinge zu. Hier begrüßten sich alle gegenseitig, bevor Hans Wernher die Frage stellte, die mir auch auf der Zunge gelegen hatte: „Sag mal, ziehst du um?“
„Mönsch, Hans, du weeßt doch jenausujut wie icke, det man heutzutage allet mitnehmen muss, wat man kriejen kann. Un ick war heut früh kaum losjefahren jewesen, da komm ick am Sperrmüll vorbei – und wat seh ick da? Jetz kiek dir mal diese Perser an. Da ist doch jar nüscht dran! Det Jeld liecht doch wirklich uff de Schossee!“
Er öffnete den Kofferraum und zeigte Hans und Sylvia in der Art eines professionellen Teppichverkäufers die Ware, die gerade heute erst ins Geschäft gekommen ist.
Hans prüfte den Perser reibend: „Du hast recht. Da is nüscht dran. Aber ich bleib lieber bei Geräten. Ich hab ja zu Hause noch sechs Fernseher und sieben Rasenmäher zu stehen. Die kann man wenigstens reparieren und verkaufen. Obwohl – die Polen kaufen ja auch keine ollen Fernseher mehr. Die wollen ja nur noch Farbfernseher. Aber man kann ja wenigstens die Kabel abschneiden und das Kupfer verkaufen.“
„Stimmt, du wars ja son Kabelfledderer“, erinnerte Wernher sich und lächelte. Dabei dreht er sich leicht und zeigte mit allen vier Fingern der linken Hand in schönster Militärmanier auf Hans’ Rückspiegelschmuck: „Hatteste da nich ooch dinn kleenet Skelett her?“ Hans grinste.
Sylvia erklärte mir später lächelnd, dass Hans berüchtigt war für seine Sperrmüllsammelei. In seiner Garage stapelten sich die Rasenmäher, an denen er im Winter herumbastelte, bis sie wieder funktionierten und er sie verkaufen konnte.
Als letzte quälte sich die überaus korpulente Studentin aus ihrem Japaner. Erst jetzt merkte ich, dass er gar nicht tiefergelegt war, sondern lediglich auf ihr Gewicht reagiert hatte. Sylvia hatte mir am Vortag zwar schon gesagt, dass Marion früher einmal für das Amt gearbeitet hatte, aus meinem Team kannten sie aber nur Sylvia, Hans und Dieter. Krachend schlug die Studentin die Tür ihres Autos zu. Im Gesicht trug sie die zu ihrer Statur passende hochgezogene Schweinsnase und ebensolche Augen. Ihre abgefressenen Haare waren hundgelockt und krönten ihre Figur, die im Ganzen an ein aufgeblasenes Halmamännchen erinnerte.
Mit einer Behändigkeit, die man sonst bei Dicken vor allem dann beobachten kann, wenn ein Buffet eröffnet wird, stürmte sie auf unsere Gruppe zu, würdigte die meisten keines Blickes, sondern baute sich vor Jonas auf und erklärte kurzerhand „Ich b-bin die Studentin. Ich habe mit D-doktor Senff t-t-telefoniert, er weiß, dass ich z-zeichnen und v-v-vermessen kann.“ Jonas grinste mich mit seiner von Snus ausgebeulten Oberlippe an, die anderen schwiegen leicht betreten. Sie blickte kurz verwirrt hin und her und bemerkte so ihren Fehler. Jetzt stellte sie sich mit der wortwörtlich selben Aufzählung bei mir vor.
Dieter lachte und empfahl ihr: „Marion, knall doch die Türen nicht so! Is doch nur ein Kleinwagen“, doch der belustigte Hans widersprach: „Genau – als ob man bei meinem großen Wagen die Türen knallen dürfte!“
Obwohl wir alle es schon besser wussten, fragte Sylvia: „Mensch Marion, ist dein Wagen tiefergelegt?“
„N-nein!“, beschied sie mit einem hochnäsig nach hinten verdrehten Kopf. Dabei schloss sie ihre Augen und zog Lider und Brauen gleichzeitig nach oben, wo sie sie hielt, als seien sie mit einem Binderclip an der pickeligen Stirn fixiert. „A-aber der ist sowieso n-nur für meine Sch-schwester. Ich muss nämlich f-für den Wagen arbeiten. Im Winter habe ich mir nä-ämlich den Wagen von meiner Schwester geliehen und b-in auf dem Eis a-ausgerutscht. Dort ist ihr Wagen aufs Dach geschliddert, und ihre Vers-sicherung wollte nicht z-zahlen. B-bloß weil meine Schwester eine V-versicherung abgeschlossen hatte, mit d-der nur sie fahren durfte. Un-mööglich. Eigentlich wollten wir die Versicherung schon verklagen, a-aber die Rechtsschutzversicherung meines Vaters w-wollte das nicht bezahlen. Na, was soll’s. Jetzt hat mein Vater d-diesen Wagen gekauft und ich arbeite ihn ab, d-damit ich ihn meiner Schwester überlassen kann. Aber das ist ein doofer Wagen. Der fährt zwar schön sch-schnell, ist ab-b-ber lange nicht so gut wie ein Trabi. Dort kann man nämlich alles s-selber machen. Wenn ich früher mit einem unserer Trabis liegengeblieben bin, m-musste ich immer nur m-meinen Vater anrufen, der ist dann s-s-sofort gekommen und hat alles repariert.“
Während sie das sagte, zurrte sich ihr Puttenmund zusammen, und sie nahm einen schnippisch-verschlagenen Fahlblick an, den ich in den folgenden Wochen etliche Male an ihr beobachtete. Sie setzte ihn für gewöhnlich auf, wenn sie zum Ausdruck bringen wollte, dass alles, was etwas mit ihr zu tun hatte, besser war als ihre gesamte Umgebung. Und das glaubte sie eigentlich immer. Um das zu unterstreichen, wedelte sie meist grotesk mit ihren unproportionierten Puppenarmen, an denen sich ihre Wurstfinger wie überdimensionierte Maden krümmten. Letztlich war ihre äußere Erscheinung aber ohnehin nur der körperliche Ausdruck ihres Charakters, wie ich bitter lernen musste. In beider Hinsicht bot sie einen wenig ästhetischen Anblick, ja sie war äußerlich und charakterlich das absolute Gegenteil der blanken Anmut.
Wir verteilten uns langsam zu den Bauwagen, die Nichtraucher brachten ihre Sachen in den Chefbauwagen, der schon wegen der Zeichnungen und Unterlagen nikotinfrei bleiben sollte, während Stefan, Dieter und Jonas ihre Taschen mit dem Pausenessen in den anderen Wagen warfen.
Sylvia und Hans gingen anschließend zu seinem Kombi, um sich andere Schuhe anzuziehen, während ich im Chefwagen den von mir am Morgen verteilten Papierkram zusammensortierte und abheftete. Jan kam kurz in den Wagen geklettert und wollte mir noch irgendwelche Arbeitspapiere für Maxim geben, als er in meiner Arbeitstasche eine Stirnlampe entdeckte, die ich für irgendein früheres Projekt benötigt hatte. Als ich seinen rätselnden Blick sah, murmelte ich wie beiläufig „falls es abends mal länger wird“ und sah aus dem Augenwinkel, dass Jan mit einem erschrockenen Blick aus dem Bauwagen trat.
Kaum war auch ich wieder aus dem Bauwagen gekommen, da hörte ich, wie Sylvia sich mit Jonas unterhielt. Sie hatte beim Anziehen ihrer Arbeitsschuhe offenbar an der Decke seines Mercedes einen Blutfleck entdeckt und erkundigte sich danach, was da passiert war.
Jonas lehnte am Kühler seines Wagens. Nahe der Lüftungsschlitze stand sein Taschenascher, in dem seine obligatorische Zigarette verglühte, während er sich gerade eine Portion Snus zurechtknetete. Er freute sich über die Frage, denn da er ein eingefleischter Fan des damals aktuellen Pulp Fiction war, ermöglichte sie ihm die Antwort: „Mr. Wolf hat nicht richtig saubergemacht!“
Sylvia blickte ihn fragend an, sie ahnte, keine weitere Erklärung zu bekommen, wunderte sich aber ohnehin darüber, dass ein junger Schwede kommunistische Lieder hörte, war der Sozialismus doch gerade grandios gescheitert. Jonas dagegen war hoch erfreut, dass Sylvia ihm eine Plattform geboten hatte, sich so herrlich unangepasst zu geben.
Sylvia ging inzwischen ihre Zeichenutensilien holen, während ich langsam zu dem archäologisch unerfahrenen Stefan lief, um ihm den weiteren Ablauf mit dem vergrößerten Team zu erklären. Jonas, dessen Oberlippe inzwischen die schwedentypische Snus-Beule aufwies, drückte seine Zigarette im Ascher aus, klappte ihn zusammen und kam zu uns. Ohne Nachfrage erklärte er mir von sich aus, was es mit dem Blutfleck auf sich hatte: Er war mit zwei Freunden kurz nach der Wende nach Tschechien in Urlaub gefahren, wo sie Campingurlaub machten. Auf dem Weg von einer billigen Zechtour zurück zu ihrem Zelt musste Jonas dringend austreten und hielt an. Beide Freunde waren im Fond sitzen geblieben, und als er wieder in seinen Wagen stieg, hatten sie sich aus irgendeinem Grund, den sie ihm nie verraten haben, so gestritten, dass der eine dem anderen kurzerhand die Fresse poliert hatte.
So wie ich mich auch später gut mit Jonas verstand, nahm ich immer an, dass wir ohnehin gewissermaßen auf einer Wellenlänge funkten. Dass er mir nun aber ohne Nachfrage diese Geschichte erzählte, sollte eindeutig ein Gunstbeweis sein, für den er eine kleine Belohnung erwartete.
Er hatte daher kaum dieses unwichtige Rätsel aufgeklärt, da fragte er schon, ob er nicht auch einmal ein wenig baggern dürfe, um sein Know-how zu erweitern. Stefan, den er gar nicht erst zu Wort kommen ließ, sei es jedenfalls egal, noch jemanden einzuweisen. Da ich damals noch nicht ahnen konnte, dass er diese Fertigkeiten nicht in erster Linie für Ausgrabungen erlangen wollte, und gleichzeitig mit Marion nach eigener Auskunft jemanden hatte, der wenigstens zeitweise die einfachen Vermessungsarbeiten übernehmen konnte, hatte ich nichts dagegen.
Donnerstag, 22. Januar 2009
Kapitel 6.1
Die erste Nacht in der ehemaligen LPG Totenow war recht ruhig. Außer mir übernachtete nur Wieland, der das übernächste Zimmer belegt hatte. Andere Gäste sollten termingemäß auch frühestens am Folgetag eintrudeln.
Wieland und ich sahen uns am nächsten Morgen nur kurz zum flüssigen Koffeinfrühstück in der improvisierten Küche, die später auch als abendlicher Archäologentreffpunkt diente, dann packten wir unsere Wagen mit dem restlichen Gerät voll und fuhren zu unseren Grabungen.
Kurz bevor ich zur Grabung kam, sah ich Dieter direkt hinter der Ampel zur Grabung laufen. Ich hielt an, ließ ihn einsteigen, und er begann nach kurzem Gruß direkt zu plappern. Auf den wenigen Metern zur eigentlichen Grabung hatte er mir in gedrängter Form seinen Lebenslauf erzählt mit einer besonderen Gewichtung auf die zivile Seefahrt in der DDR. Dieter war nämlich auf einem DDR-Frachter zur See gefahren und freute sich besonders, als er mir den Unterschied zwischen Luv und Lee erklärte: „Das lernst du nämlich ganz schnell, wenn du mal gegen den Wind gepisst hast“, strahlte er mich an.
Als wir auf die Baustelle fuhren, stand bereits ein Pick-up von der Baufirma auf der Grabung. Zumindest der Baggerfahrer war also vor uns angekommen und glänzte mit auffallender Pünktlichkeit. Noch saß er in seinem Wagen, hörte sehr laut Truck Stop und las dazu angestrengt in der üblichen Bauzeitung mit den großen Abbildungen. Er merkte, dass jemand gekommen war, raschelte schnell die Blätter dreimal zusammen und stopfte sie zwischen Armaturenbrett und Windschutzscheibe. Als er dabei aufblickte, war ich eine Sekunde verwundert. Der Mann, der da gerade ausstieg und in den nächsten sechs bis acht Wochen für uns den Bagger bedienen sollte, sah aus wie die Bonsai-Wiedergeburt von James Joyce. Das hagere Männchen mit leicht gelig zurückgekämmten Haaren stellte sich als Stefan vor und lugte durch die wahrscheinlich dicksten Brillengläser östlich der Elbe. Am auffälligsten waren jedoch seine stark eingefallenen Wangen, da ihm genau wie dem irischen Schriftsteller die meisten Zähne fehlten. Anders als Joyce hatte Stefan sie jedoch schlagartig bei einem Unfall verloren, wie ich später noch erfahren sollte. Er trug eine unförmige Bundeswehrlatzhose und wollte mir auch gleich eine andrehen, führte er doch wie ein Vertreter eine Kiste mit einem halben Dutzend solcher Hosen im Pick-up mit sich. Zum Glück fiel mir die Ablehnung eines derart albernen Kleidungsstücks umso leichter, weil mir die Hose auf den ersten Blick nicht passte, schließlich trug ich im Gegensatz zu Stefan schon seit einigen Jahren keine Kindergrößen mehr.
Ich gab Stefan den Schlüssel für den Bagger. Während er mit dem kettengetriebenen Spielzeug für große und kleine Kinder zur Ausgrabungsfläche rasselte, öffnete ich den Container und die Bauwagen. Dieter packte seine Hanftasche in einen der beiden Wagen, der dadurch zum Raucherwagen befördert wurde. Dann zeigte ich ihm, wo Stefan unter seiner Aufsicht mit dem Baggern beginnen sollte. Da ich von Senff erfahren hatte, dass Dieter auch ehrenamtlicher Denkmalpfleger war, hatte ich keine großen Bedenken, ihm diese Arbeit zu übertragen. In der Zwischenzeit räumte ich den Zeichenkram in den Nichtraucherwagen, weil ich jeden Moment mit der Ankunft der ersten Zeichnerin Sylvia Widder und ihres Kollegen Hans Gros rechnete.
Ich hatte Anglerkoffer und Zeichenbretter kaum in meinem Büro auf Rädern verstaut und damit begonnen, die Sachen für zwei Zeichner vorzubereiten, als ich hörte, dass draußen ein Auto vorfuhr. Als ich aus dem Wagen kletterte, sah ich, dass ein Endzwanziger mit roten Haaren in einem der vom Amt angemieteten Dienstwagen angekommen war. Nach den Erzählungen meiner Bekannten war klar, dass es sich nicht um Hans handeln konnte, daher vermutete ich, dass es sich um Arnold Eichhorn, den dritten Grabungsleiter in der näheren Umgebungen handelte.
„Scheiße, w’s is dátten für’n Mistdreck!“, war das erste, was ich von ihm vernahm. Irgendwie verwurstelte er sich gerade mit seinem Gurt. Langsam schritt ich auf ihn zu.
„Hallo, du bist Arnold?“
„Son verkackter Mist – ja!“, er war zwar inzwischen aus dem Gurt befreit, fummelte aber weiter am Fahrersitz herum, bevor er sich mir zuwandte, „Wieland hat mir von dir erzählt.“
„Hoffentlich nur Gutes“, schmunzelte ich.
„Na, was man ebm so redet. Ich wär schon eh’r hier gewesen, aber ich hab son beschissenen Veilchenbeschleuniger vor der Nase gehabt.“
Ich hob fragend die Augenbrauen.
„Na, son Blumentransporter.“
„Du gräbst auch in der Nähe?“, erkundigte ich mich dann.
„Ja, meine Grabung, das is son slawisches Gräberfeld, das zum Teil noch unter diesen dämlichen Betonplatten von irrndsomm ollen LPG-Wech liegt.“ Er drehte sich nach hinten und wies knapp einen Kilometer nach Süden, in Richtung unserer Unterkunft.
„Wieland hockt mit seiner Krütziner Grabung da drüben ja direkt zwischen uns“, ergänzte er, „das ist ja auch ein Dreckskram.“
„Wieso?“
„Na, eintlich soll er ja wie wir bei der Umgehung buddeln, direkt neben seiner Fundstelle möchte aber irrndsone olle Scheißfirma ’n paar WKAs bauen.“ Ich blickte fragend. „Na, Windkraftanlagen. Und weil wir ja sowieso grad dabei sind, darf Wieland für die Vollidioten gleich ’n paar Mistlöcher mehr aufmachen. – Aber sach ma, wat macht Dieter da eintlich?“
Ich drehte mich um und sah zu meinem Entsetzen, dass Dieter sich gerade mehr oder weniger eingrub. Anstatt einfach knapp unter den Mutterbodenhorizont baggern zu lassen, stand er inzwischen mit seiner Schaufel mehr als anderthalb Meter unter der Bodenoberkante und machte dem Baggerfahrer mit einer gebogen-grabenden Hand heftige Zeichen, noch viel tiefer zu graben. Schnell lief ich zu Dieter, mit Arnold im Schlepptau. Ich winkte und übertönte mit lauter Stimme den Bagger, um Dieter klar zu machen, dass er sich längst zu tief ins Holozän eingegraben hatte. Der Arbeiter war ein wenig erschreckt, entschuldigte sich jedoch bei mir völlig übertrieben und ließ den Bagger ein Stück nach hinten fahren, wo er dann in zwei, drei Zügen seiner Schaufel insgesamt nur noch knapp einen halben Meter abhobelte.
„Solltess du nich eintlich mehr Mitarbeiter haben?“
„Ja, ich warte noch auf Sylvia Widder und Hans Gros. Kennst du die?“
„Nee, mit den’ habbich nie gearbeitet“, sagte Arnold. Im selben Moment fuhr ein Wagen auf den Acker. Nach der Beschreibung meiner Bekannten war mir klar, das mussten Hans und Sylvia sein. Die zwei trugen im Auto Baseball-Kappen, dazu hatten beide ihre langen Haare als Zopf durch die hintere Öffnung über dem Clip zur Größeneinstellung gezogen. Der Wagen rollte zu den Bauwagen und blieb da stehen. Beide stiegen zügig aus, Sylvia schritt auf uns zu.
„Sylvia Widder?“, fragte ich. Sie bejahte, ich stellte Arnold und mich vor, inzwischen war auch Hans zu uns gestoßen. Hans besaß einen auffallend durchdringenden Blick. Seine Haare waren zwar genauso lang wie die von Sylvia, allerdings waren seine bereits in Ehren ergraut. Ich war überrascht, wie overdressed er als Arbeiter erschien. Seine Hemden waren aber während der gesamten Grabung stets wohlgebügelt, und er war adrett aus dem Ei gepellt, egal ob er in glühender Sonne Planum gekratzt oder mehrere Stunden in einem verschlammten Loch verbracht hatte.
Arnold verabschiedete sich und ich ging mit dem Arbeitsehepaar zu Dieter und erklärte ihnen, was wir untersuchen und was wir zu erwarten haben. Hans sollte anschließend zusammen mit Dieter arbeiten, Sylvia wollte ich die Pläne zeigen und ihr die Zeichenutensilien und Vermessungspläne geben, damit sie schon einen Übersichtsplan vorbereiten konnte, bis erste Teile der Fläche gezeichnet werden konnten. Bei der Gelegenheit plauderte ich mit ihr ein wenig und enthüllte ihr, dass ich von ihr und Hans schon die eine oder andere Geschichte gehört hatte. Sie war darüber überrascht, freute sich aber, mit mir eine gemeinsame Bekannte zu haben, mit der sie sich bereits gut verstanden hatte. Hieraus schloss sie nicht zu unrecht, dass auch wir gut miteinander auskommen würden.
Wieland und ich sahen uns am nächsten Morgen nur kurz zum flüssigen Koffeinfrühstück in der improvisierten Küche, die später auch als abendlicher Archäologentreffpunkt diente, dann packten wir unsere Wagen mit dem restlichen Gerät voll und fuhren zu unseren Grabungen.
Kurz bevor ich zur Grabung kam, sah ich Dieter direkt hinter der Ampel zur Grabung laufen. Ich hielt an, ließ ihn einsteigen, und er begann nach kurzem Gruß direkt zu plappern. Auf den wenigen Metern zur eigentlichen Grabung hatte er mir in gedrängter Form seinen Lebenslauf erzählt mit einer besonderen Gewichtung auf die zivile Seefahrt in der DDR. Dieter war nämlich auf einem DDR-Frachter zur See gefahren und freute sich besonders, als er mir den Unterschied zwischen Luv und Lee erklärte: „Das lernst du nämlich ganz schnell, wenn du mal gegen den Wind gepisst hast“, strahlte er mich an.
Als wir auf die Baustelle fuhren, stand bereits ein Pick-up von der Baufirma auf der Grabung. Zumindest der Baggerfahrer war also vor uns angekommen und glänzte mit auffallender Pünktlichkeit. Noch saß er in seinem Wagen, hörte sehr laut Truck Stop und las dazu angestrengt in der üblichen Bauzeitung mit den großen Abbildungen. Er merkte, dass jemand gekommen war, raschelte schnell die Blätter dreimal zusammen und stopfte sie zwischen Armaturenbrett und Windschutzscheibe. Als er dabei aufblickte, war ich eine Sekunde verwundert. Der Mann, der da gerade ausstieg und in den nächsten sechs bis acht Wochen für uns den Bagger bedienen sollte, sah aus wie die Bonsai-Wiedergeburt von James Joyce. Das hagere Männchen mit leicht gelig zurückgekämmten Haaren stellte sich als Stefan vor und lugte durch die wahrscheinlich dicksten Brillengläser östlich der Elbe. Am auffälligsten waren jedoch seine stark eingefallenen Wangen, da ihm genau wie dem irischen Schriftsteller die meisten Zähne fehlten. Anders als Joyce hatte Stefan sie jedoch schlagartig bei einem Unfall verloren, wie ich später noch erfahren sollte. Er trug eine unförmige Bundeswehrlatzhose und wollte mir auch gleich eine andrehen, führte er doch wie ein Vertreter eine Kiste mit einem halben Dutzend solcher Hosen im Pick-up mit sich. Zum Glück fiel mir die Ablehnung eines derart albernen Kleidungsstücks umso leichter, weil mir die Hose auf den ersten Blick nicht passte, schließlich trug ich im Gegensatz zu Stefan schon seit einigen Jahren keine Kindergrößen mehr.
Ich gab Stefan den Schlüssel für den Bagger. Während er mit dem kettengetriebenen Spielzeug für große und kleine Kinder zur Ausgrabungsfläche rasselte, öffnete ich den Container und die Bauwagen. Dieter packte seine Hanftasche in einen der beiden Wagen, der dadurch zum Raucherwagen befördert wurde. Dann zeigte ich ihm, wo Stefan unter seiner Aufsicht mit dem Baggern beginnen sollte. Da ich von Senff erfahren hatte, dass Dieter auch ehrenamtlicher Denkmalpfleger war, hatte ich keine großen Bedenken, ihm diese Arbeit zu übertragen. In der Zwischenzeit räumte ich den Zeichenkram in den Nichtraucherwagen, weil ich jeden Moment mit der Ankunft der ersten Zeichnerin Sylvia Widder und ihres Kollegen Hans Gros rechnete.
Ich hatte Anglerkoffer und Zeichenbretter kaum in meinem Büro auf Rädern verstaut und damit begonnen, die Sachen für zwei Zeichner vorzubereiten, als ich hörte, dass draußen ein Auto vorfuhr. Als ich aus dem Wagen kletterte, sah ich, dass ein Endzwanziger mit roten Haaren in einem der vom Amt angemieteten Dienstwagen angekommen war. Nach den Erzählungen meiner Bekannten war klar, dass es sich nicht um Hans handeln konnte, daher vermutete ich, dass es sich um Arnold Eichhorn, den dritten Grabungsleiter in der näheren Umgebungen handelte.
„Scheiße, w’s is dátten für’n Mistdreck!“, war das erste, was ich von ihm vernahm. Irgendwie verwurstelte er sich gerade mit seinem Gurt. Langsam schritt ich auf ihn zu.
„Hallo, du bist Arnold?“
„Son verkackter Mist – ja!“, er war zwar inzwischen aus dem Gurt befreit, fummelte aber weiter am Fahrersitz herum, bevor er sich mir zuwandte, „Wieland hat mir von dir erzählt.“
„Hoffentlich nur Gutes“, schmunzelte ich.
„Na, was man ebm so redet. Ich wär schon eh’r hier gewesen, aber ich hab son beschissenen Veilchenbeschleuniger vor der Nase gehabt.“
Ich hob fragend die Augenbrauen.
„Na, son Blumentransporter.“
„Du gräbst auch in der Nähe?“, erkundigte ich mich dann.
„Ja, meine Grabung, das is son slawisches Gräberfeld, das zum Teil noch unter diesen dämlichen Betonplatten von irrndsomm ollen LPG-Wech liegt.“ Er drehte sich nach hinten und wies knapp einen Kilometer nach Süden, in Richtung unserer Unterkunft.
„Wieland hockt mit seiner Krütziner Grabung da drüben ja direkt zwischen uns“, ergänzte er, „das ist ja auch ein Dreckskram.“
„Wieso?“
„Na, eintlich soll er ja wie wir bei der Umgehung buddeln, direkt neben seiner Fundstelle möchte aber irrndsone olle Scheißfirma ’n paar WKAs bauen.“ Ich blickte fragend. „Na, Windkraftanlagen. Und weil wir ja sowieso grad dabei sind, darf Wieland für die Vollidioten gleich ’n paar Mistlöcher mehr aufmachen. – Aber sach ma, wat macht Dieter da eintlich?“
Ich drehte mich um und sah zu meinem Entsetzen, dass Dieter sich gerade mehr oder weniger eingrub. Anstatt einfach knapp unter den Mutterbodenhorizont baggern zu lassen, stand er inzwischen mit seiner Schaufel mehr als anderthalb Meter unter der Bodenoberkante und machte dem Baggerfahrer mit einer gebogen-grabenden Hand heftige Zeichen, noch viel tiefer zu graben. Schnell lief ich zu Dieter, mit Arnold im Schlepptau. Ich winkte und übertönte mit lauter Stimme den Bagger, um Dieter klar zu machen, dass er sich längst zu tief ins Holozän eingegraben hatte. Der Arbeiter war ein wenig erschreckt, entschuldigte sich jedoch bei mir völlig übertrieben und ließ den Bagger ein Stück nach hinten fahren, wo er dann in zwei, drei Zügen seiner Schaufel insgesamt nur noch knapp einen halben Meter abhobelte.
„Solltess du nich eintlich mehr Mitarbeiter haben?“
„Ja, ich warte noch auf Sylvia Widder und Hans Gros. Kennst du die?“
„Nee, mit den’ habbich nie gearbeitet“, sagte Arnold. Im selben Moment fuhr ein Wagen auf den Acker. Nach der Beschreibung meiner Bekannten war mir klar, das mussten Hans und Sylvia sein. Die zwei trugen im Auto Baseball-Kappen, dazu hatten beide ihre langen Haare als Zopf durch die hintere Öffnung über dem Clip zur Größeneinstellung gezogen. Der Wagen rollte zu den Bauwagen und blieb da stehen. Beide stiegen zügig aus, Sylvia schritt auf uns zu.
„Sylvia Widder?“, fragte ich. Sie bejahte, ich stellte Arnold und mich vor, inzwischen war auch Hans zu uns gestoßen. Hans besaß einen auffallend durchdringenden Blick. Seine Haare waren zwar genauso lang wie die von Sylvia, allerdings waren seine bereits in Ehren ergraut. Ich war überrascht, wie overdressed er als Arbeiter erschien. Seine Hemden waren aber während der gesamten Grabung stets wohlgebügelt, und er war adrett aus dem Ei gepellt, egal ob er in glühender Sonne Planum gekratzt oder mehrere Stunden in einem verschlammten Loch verbracht hatte.
Arnold verabschiedete sich und ich ging mit dem Arbeitsehepaar zu Dieter und erklärte ihnen, was wir untersuchen und was wir zu erwarten haben. Hans sollte anschließend zusammen mit Dieter arbeiten, Sylvia wollte ich die Pläne zeigen und ihr die Zeichenutensilien und Vermessungspläne geben, damit sie schon einen Übersichtsplan vorbereiten konnte, bis erste Teile der Fläche gezeichnet werden konnten. Bei der Gelegenheit plauderte ich mit ihr ein wenig und enthüllte ihr, dass ich von ihr und Hans schon die eine oder andere Geschichte gehört hatte. Sie war darüber überrascht, freute sich aber, mit mir eine gemeinsame Bekannte zu haben, mit der sie sich bereits gut verstanden hatte. Hieraus schloss sie nicht zu unrecht, dass auch wir gut miteinander auskommen würden.
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