Der Weg zu Wielands Grabung führte von einem Feldweg durch eine etwa einen Kilometer lange und sehr enge Schneise, die der Bauer im Rapsfeld freigelassen hatte, damit die Fundstelle erreichbar blieb. Noch bevor wir bei den Bauwagen ankamen, sahen wir, dass Senffs Wagen bereits an den Bauwagen stand.
„Da hätte Wieland nur noch einen Moment warten müssen“, sagte ich wie beiläufig und Wernher bemerkte „Kiek ma an! Der Plankenreiter is ooch da!“ Ich parkte den vom Raps gelb gepuderten Dienstwagen, dann stiegen wir alle aus. Meine Arbeiter begrüßten das Team von Wieland, das bei unserer Ankunft auf der Grabung verteilt herumstand. Sie waren sichtlich nicht beschäftigt, schienen aber nicht bei Senff stehen zu wollen. Als ich zu Senff ging, kamen mir erst Wernher, Dieter und Jan nach, dahinter folgten uns Wielands Arbeiter.
Auf mehrere Meter Entfernung sah ich Senff und Plankenreiter an einem Ende eines großen L-förmigen Schnittes knieen, wo sie andächtig im Dreck mit Kellen herumwühlten.
„Hallo Maxim!“, sagte ich, und: „Hallo Robert!“ Beide schauten kurz auf und erwiderten einen stummen Gruß, dann bastelten sie an dem Grab wieder mit einem Gesichtsausdruck herum, wie ihn dreijährige Kinder haben, wenn sie im Sandkasten Matschkuchen backen oder Sandburgen bauen.
„Wieland war eben bei mir“, erklärte ich, „der hat schon auf dich gewartet. Jetzt ist er wahrscheinlich in der LPG, um dich im Amt anzurufen.“
„Jaja. Jetzt bin ich ja hier.“
Ich kam näher und sah, dass sie dabei waren, einzelne Funde mit den Kellen im Dreck zu fixieren. Maxim wurstelte an den Resten von Eisenringen eines Holzeimers herum, die in Kränzen um den Totenschädel lagen. Robert steckte die verrosteten Reste eines Saxes zwischen den Rippen des Toten fest.
Vorsichtig fragte ich: „Äh, habt ihr das so gefunden?“
„Jaja“, sprang Adlatus Robert sofort ein, „das war nur gerade ein wenig umgekippt.“
„Der Eimer war über dem Kopf?“
„Ja, da wollte jemand seinen Kopf malträtieren.“
„Und der Sax?“, fragte ich noch vorsichtiger mit einem zweifelnden Unterton.
„Der ist damit wie gepfählt worden. Zwischen die Rippen. Genau ins Herz. Wahrscheinlich haben sie ihn für einen Vampir gehalten.“ Ich bin mir sicher, dass mein Gesicht in diesem Moment einen überaus erstaunten Ausdruck angenommen haben muss.
Inzwischen bildeten meine und Wielands Arbeiter mit mir einen Halbkreis um die beiden. Keiner sagte ein Wort. Ich schaute mit großen Augen zu Dolores und den anderen, die ich seit den letzten Wochen zumindest vom Sehen kannte, aber alle blickten mit dem selben fragenden Ausdruck zurück. Die Stimmung war äußerst gedrückt und in der sirrenden Sonne hörte man nur das Kratzen der Kellen und das Klopfen der Hände von Senff und Plankenreiter. Die eigentlich naheliegende Landstraße lag dagegen in auffallender Stille. Am äußersten Rand des Halbkreises stand Wielands Baggerfahrer Frank. Leise fing er an, einen Arbeiter Wielands anzuflüstern: „Wo war ich stehengeblieben? Achja, bei der Western Train. Ja, das ist ein richtiges Wohnmobil, nicht nur son Bulli mit Auflieger. Drinnen habe ich Flugzeugteppich ausgelegt. Top, kann ich nur sagen. Da kannste verschütten, waste willst, da kriste keine Flecken rein!“
Unwillkürlich sah ich in seine Richtung. Obwohl ich es gar nicht beabsichtigt hatte, schien er zu denken, dass es mir lieber wäre, wenn er still bliebe. Schlagartig hielt er inne, schaute mich staunend an und schwieg. Kurz darauf steckte er seine Hände in die Hosentaschen seines Blaumanns und stiefelte langsam zu seinem Bagger, an dem er dann herumbastelte.
Senff und Plankenreiter arbeiteten weiter. Ich kann mich noch erinnern, wie erstaunt ich war, die beiden so hochkonzentriert an den Knochen und Funden herumspachteln zu sehen. Maxim hatte glänzende Augen, er muss auf der Stelle erkannt haben, dass das Grab ein Geschenk war. Es war wie ein großer Lottogewinn vor allem deshalb, weil Wieland nicht da war, um auch nur einen Anteil des Gewinnes einzustreichen. Wielands erfolgloses Warten und seine panische Reaktion, zu mir und dann zur LPG zu fahren, war Senffs Zusatzzahl.
„Können wir euch helfen?“, fragte ich.
„Ihr könnt schon mal die Fotoleiter holen und die Fotosachen bereit machen.“
Senff wollte uns merklich loswerden. Dolores ging mit einem Mitarbeiter zum Container und in den Bauwagen, um die Fotosachen und die Leiter zu holen.
Ab und zu, wenn Senff sich anders hinhockte oder wenn die schnelle Bewegung seines Armes es zuließ, konnte ich mehr von dem Grab sehen. Es war auf den ersten Blick ein erstaunlich gut konserviertes Körpergrab. Dass in diesem kalkarmen Boden Knochen so gut erhalten waren, war extrem ungewöhnlich. Auf Höhe des Beckens konnte man eine Gürtelschnalle erkennen. Auf den zusammengefallenen Rippen zeichnete sich eine schwarzsilbrige Fibel ab, die kaum vom umgebenden Boden zu unterscheiden war. Das Haupt des Toten ruhte leicht erhöht, daneben stand ein kleiner kumpfförmiger Topf. Obwohl der Topf nur sehr grob mit einem Pinsel gereinigt war, konnte man Rosetten und eingeritzte waagerechte Linien auf seiner Oberfläche gut erkennen. Auf der anderen Seite des Kopfes waren mehrere kleine stark rostige Dreiecke erkennbar. Jan merkte, dass sie mir aufgefallen waren, und drängelte sich zu mir. Vorsichtig stupste er mich an und flüsterte ausgesprochen leise: „Hier gibt es Pfeilspitzen. Ich hätte so gerne Pfeilspitzen gefunden, warum konnte ich nicht hier graben?“
Ich blickte ihn kurz an und zuckte mit den Schultern. Offenbar meinte er es ernst. Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte, und ließ ihn wortlos stehen. Inzwischen hörten wir leise, wie sich ein Wagen durch die Schneise im Rapsfeld arbeitete. Wieland kam zurück.
Er fuhr seinen verbeulten Bulli vorsichtig über den Weg auf dem Acker und gelangte zu der Fläche, die für die Wagen der Mitarbeiter und die Bauwagen freigelassen war. Er musste längst gesehen haben, dass Senff bereits auf der Grabung war, obwohl es für ihn kaum erkennbar gewesen sein konnte, womit sich der Leiter der Sonderprojekte gerade beschäftigte. Dennoch stieg Wieland ungewöhnlich ruhig aus seinem Wagen. Ich weiß noch, dass ich mich wunderte, dass er sich gemächlich über den Fahrersitz beugte und einen Moment im Fußraum des Beifahrers kramte. Dann schloss er lahm die Tür und kam gemessenen Schrittes zu uns hinüber. Ich war überrascht, dass er jetzt, wo Senff seinen Befund im Wortsinne bearbeitete, plötzlich so gelassen war. Dabei kannte er Senff einfach nur besser als ich. Ihm muss längst bewusst gewesen sein, dass er das Grab nicht retten konnte, wenn Maxim die Gelegenheit dazu gegeben wurde, es allein „auszugraben“. Er wirkte nicht einmal mehr überrascht, dass Plankenreiter mitgekommen war. Dabei verließ Senffs Adlatus das Amt damals nur selten. Ausgerechnet an diesem Tag war er mitgekommen, als Wieland die wichtigste Entdeckung seines Lebens gemacht hatte.
Wieland wirkte lethargisch. Ich ahnte es nur, er muss bereits gewusst haben, dass nichts mehr zu verhindern war. Hätte er sich in diesem Moment beklagt, wäre er nicht allein den Befund, sondern darüber hinaus auch die Stelle los gewesen. Für die Restzeit seines Vertrages wäre er wahrscheinlich per Dienstbefehl zu einem Änderungsvertrag gezwungen worden und hätte damit in der hinterletzten Ecke besonders unbefriedigende Arbeiten ausführen dürfen. Aber er hätte keine Verlängerung mehr bekommen.
Als Wieland bei uns ankam, blieb auch er im Halbkreis stehen. Er verschränkte die Arme und lehnte sich schweigend vor, um ab und an einen Blick auf das Grab zu erhaschen. Er wagte es selbst kaum, an Senff heranzutreten. Heute glaube ich, dass sich sein ängstlicher Respekt Senff gegenüber mit purer Resignation vermischte. Plötzlich ergriff er kurz das Wort.
„Ich hab schon auf dich gewartet“, funkte er Senff an. „Ich war in der LPG, um im Amt anzurufen.“
Senff schwieg und kritzte in vorgebeugter Stellung weiter mit den Maurerwerkzeugen in den sterblichen Überresten herum.
Wieland traute sich zu fragen: „Willst du es heute noch rausholen? Sollen wir uns nicht lieber um eine Bewachung kümmern und es nächste Woche in Ruhe bergen?“
Senff richtete sich auf, sah Wieland in einer Mischung aus Überlegenheit und Zorn an und sagte: „Nein! Das ist nicht drin, das wird heute geborgen.“
Ich weiß nicht, ob Wieland sich noch ernsthafte Hoffnungen gemacht hatte, als er Maxim gefragt hatte, aber er hatte es immerhin geschafft, ihn dazu zu bringen, die Sicht auf das Grab freizugeben. Jetzt konnte er seinen Befund begutachten, und als Maxim sprach, starrte Wieland auch nur auf das Grab. Mit einem Blick hatte der eigentliche Grabungsleiter gesehen, was da vor ihm passierte. Maxim riss das Grab nicht einfach an sich, nein, er zerstörte und verfälschte es. Er manipulierte es, um es noch sensationeller zu machen, bevor er damit im Amt und in der Öffentlichkeit auftrat.
Hinter uns hockte Dolores und knibbelte einzelne Ziffern aus der Fototafel, um im Anschluss die korrekten Daten aufzustecken. Wieland drehte sich von uns und ging zu Dolores. Nur aus den Augenwinkeln sah ich zu, wie beide miteinander still plauderten. Immer wieder zeigte einer der beiden zu dem Grab. Mehrfach wies Dolores auch schulterzuckend auf den Wagen von Senff. Leise atmete ich einmal tief durch und ging dann zu den beiden. Ich wollte wissen, was hier gespielt wurde.
„Kannst du mir mal sagen“, fragte ich Wieland gedämpft, als ich bei beiden hockte, „was hier passiert?“
„Ich weiß es nicht“, flüsterte Wieland, „ich weiß nur, dass das Grab nicht so aussah, als ich losgefahren bin. Dolores hat mir gerade gesagt, dass Senff ausgeflippt ist, als er kam. Der war wohl keine Minute hier, nachdem ich zu dir losgefahren bin. Als er das Grab gesehen hat, hat er alle Leute weggeschickt. Sie sollten dies holen, sie sollten jenes holen. Von einem wollte er einen Eimer Sand, der andere musste die Gloria an dem Bach da hinten füllen. Der wollte alle loswerden, damit er alleine hier wirken kann. Alleine mit Plankenreiter.“
„Sowas ähnliches hab ich mir schon gedacht. Aber das ist doch nicht nur Manipulation, das ist doch sogar Schwachsinn, was der da macht. Schwert zwischen den Rippen. Eimer auf dem Kopf!“ Ich schüttelte den Kopf.
„Natürlich. Wir hatten das Grab zwar noch nicht frei geputzt, aber man konnte sehen, wo die Sachen lagen. Das Schwert war ganz normal an der Seite. Die Eimerreste zeichnete sich neben dem Skelett ab, ganz normal.“
Meine Befürchtung hatte sich also bewahrheitet: „Der spinnt doch. Der macht nicht nur den Befund kaputt und fälscht ihn, der übertreibt auch noch so, dass ihm das keiner abnehmen wird.“
„Ich weiß nichts mehr“, schüttelte Wieland verzweifelt den Kopf, „wahrscheinlich kommt er sogar damit durch.“
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Donnerstag, 30. April 2009
Montag, 27. April 2009
Kapitel 11.5
Auf der Grabung packten wir die Sachen aus und wollten direkt den Grill zusammenbauen, mussten aber feststellen, dass dafür Werkzeug erforderlich war. Glücklicherweise hatte Hans auch diesmal seinen Werkzeugkasten dabei, daher verzögerte sich der Aufbau kaum.
Zwischenzeitlich stolperte Jan von der Grabungsfläche zu uns: „Seid ihr bald fertig? Ist ja schon dreiviertel zwölf! Das Grillen dauert gleich ja schließlich auch noch.“
Unwillkürlich blickte ich auf die Uhr, die abgekürzte Zeitansage erschloss sich mir damals noch nicht. Ich sagte: „Viertel vor, stimmt“, und Jan erwiderte: „Viertel vor was? Was ist das denn für ein Quatsch? Dreiviertel heißt das. Wenn du einen Kuchen fast aufgegessen hast, sagst du ja auch nicht, der Kuchen ist viertel vor.“ Jan ging weg. Er schüttelte den Kopf, ich auch. Micha schwieg und schraubte weiter an der Edelstahlsäule. Irgendwann war es dann so weit, Grillrost und Windschutz waren installiert. Der stolze Grillbesitzer erklärte sich feierlich zum Koch und schüttete die Kohle in seinen neuesten Schatz. Mit leeren Fundzetteln entfachte er auf ihnen ein Feuer, das die schwarz gemeilerten Hölzer zum Glühen bringen sollte. Weißlicher Rauch züngelte am Werkzeugcontainer vorbei in den blauen Himmel. Bald fächerwedelte Micha mit einem steif-bogigen Pappteller und versorgte die noch kleine Glut mit frischer Luft.
Schon begannen wir, die ersten Würstchen auf das jungfräuliche Gitter zu legen, als Sylvia sich aus dem Bauwagen zu uns gesellte.
„Na, habt ihr alles gekriegt?“
„Denke schon“, beschied ich kurz.
„Ja, heute kriegt man ja alles“, erwiderte sie nachdenklich, „früher war das viel einfacher. Da gab es zwar fast nüscht, aber man wusste wenigstens, was man kaufen kann. Heute stehe ich bei Liddel immer vor den Regalen und hab keine Ahnung, was ich mitnehmen soll.“ Stumm schaute ich sie an und sie schilderte weiter, „da ist ja alles immer so bunt und es gibt von allem hundert Sorten. Und man weiß nie, kauf ich jetzt das richtige oder ist das doch nicht gut?“
Ich erinnerte mich an die Wendezeit-Beschwerden, die mir ein Bekannter von seinen Kindern erzählt hatte. Ohne jedes Verständnis für die historischen Dimension des Unterganges des vorgeblichen Arbeiter-und-Bauern-Regimes mokierten sie sich allein darüber, dass plötzlich die Regale ihres westdeutschen Wohlstandssupermarktes leer und ausgeräumt waren. Sie bekamen ihren gewohnten Zucker-Schoko-Frühstücksmüll nicht mehr vorgesetzt, weil nun ihre ostdeutschen Brüder und Schwestern eine Zeit lang vorrangig versorgt wurden. Die Konzerne hatten eben ein paar Monate Gefallen daran gefunden, Westkonsumenten vorzuführen, wie es jahrzehntelang in Ostgeschäften abgelaufen war, indem sie ganze Produktchargen direkt über die Grenze karrten. Das war echte Solidarität. Oder Kapitalismus, wenn man schlicht den damaligen Grad der Nachfrage beiderseits der Grenze miteinander vergleicht.
Dann grinste Sylvia plötzlich und lächelte über Michas Baseballmütze: „Weißte Micha, wenn du nivellierst, drehst du die Kappe auch immer nach hinten.“ Mit ihren Händen zeigte sie kurz an ihrer Kappe, was sie meinte, ohne sie richtig zu drehen, weil ihr Zopf hinten heraushing. Micha sah sie an und nickte in die Sonne. „Wenn du dann am Nivellier stehst, denn siehste immer aus, als ob du einen Film drehst.“ Jetzt machte sie kurbelnde Bewegungen in der Luft, „weißte, so wie früher, die Kameramänner.“
Micha machte ein hocherfreute Gesicht: „Soll ich dir mal einen von meinen Filmen vorführen?“, aber Sylvia winkte grinsend ab. Inzwischen hatten wir auch einen Teil des Fleisches auf den Grill gelegt. Micha öffnete das erste Bier, das er zunächst natürlich nicht zu trinken gedachte, sondern auf dem Grill zur geschmacklichen Unterstützung verwendete. Bald kam Jan mit den anderen an und fragte: „Mein Filet habt ihr auch schon draufgelegt?“ Eine Beantwortung erübrigte sich jedoch, weil er im Fragen gesehen hatte, dass es brutzelte.
Wernher ermahnte den kleinen noch einmal: „Da musste aba scheen uffpassen, dit dit nich trockn wird!“
Sylvia holte aus dem Kofferraum von Hans’ Wagen noch ein paar Grillsaucen, die sie mitgebracht hatte und ein Paket Toast. Stefan ging währenddessen zu seinem Pick-up und wurstelte sich aus einer Kühltasche eine bereits ausgenommene Forelle, mit der er dann zu uns kam.
„Hier, ha’ck selba jeanglt. Jrad jestern erss!“, verkündete er stolz und quetschte seine Forelle auf den Rost.
Hans staunte: „Ihr trinkt ja schon das erste Bier?“ Aber Micha winkte ab: „Nee, das ist doch nur das Grillbier!“
„Was für’n Bier habt ihr uns denn mitgebracht?“, wollte Dieter nun wissen und auch Stefan wurde neugierig: „Radeberjer? Hättet-ta ma lieba ’n anständijet Westpils jeholt!“
Das erboste Hans: „Dabei schmeckt Radeberger doch schon längst wie’n Westpils, früher, ja, da war das gut, da haben se sich vorm Jahresende vorm HO noch ums Bier geprügelt.“
„Daran kann ick mir ooch noch erinnern“, träumte Wernher, „und damals hat et ja ooch noch jeschmeckt, nich wahr, Hans?“
Längst hatten sich alle in einem Kreis um den Grill verteilt mit gebührendem Abstand zu den Bierdampfschwaden, die Micha regelmäßig durch das Nachmarinieren erzeugte. Im Gesicht des einen oder anderen sah man zuweilen prüfende Blicke, ob sich nicht vielleicht der Wind drehte. Inzwischen hatten sich alle Biertrinker eine Patrone genommen und geöffnet. Ab und zu saugten sie an dem runden Blech.
„Kuckt mal, ein Storch“, Sylvia lenkte alle Blicke zum Himmel, „so was gibt’s im Westen gar nicht mehr.“ Ich setzte ein sehr verdutztes Gesicht auf, da erklärte sie schon, „na im Westen ist doch nur Industrie und alles voller Straßen. So was wie Natur gibt’s da doch gar nicht mehr.“
Ich bemerkte lapidar: „Mal davon abgesehen, dass im Westen gerade alte Industriegebiete in den letzten zehn, fünfzehn Jahren sehr grün geworden sind, möchte ich dezent an Bitterfeld erinnern.“
„Das ist ja nur ein Extrembeispiel. Dafür haben wir nicht so viele Autobahnen, sondern viel mehr Natur. Und Störche oder Frösche, das gibt’s bei euch doch gar nicht mehr.“
„Natürlich, ich hab ja als Kind immer Frösche und Molche gefangen.“
„Ja, du weißt doch, wie ich das meine“, beschwichtigte sie, „Anwesende sind schließlich ausgenommen, du bist ja sowieso nicht wie die anderen Wessis.“
„Bist du denn schon mal dagewesen?“, fragte ich Sylvia, „Also im Westen?“
Sie schüttelte den Kopf, Hans erhob aber für sie den Zeigefinger und meinte: „Ich bin schon mal in Braunschweig gewesen, da habe ich Sperrmüll verkauft. Und was ich da vom Westen gesehen habe, reicht mir, das brauch ich nicht noch mal.“
„Naja, Braunschweig dürfte kaum typisch für den ganzen Westen sein“, merkte ich an und lenkte meine Aufmerksamkeit auf Stefan, der Dieter inzwischen mit Anglerlatein unterhielt.
„... sooo jroß war der, son richtijen Kawennsmann“, Stefan riss seine Arme so weit auseinander, wie er es nur vermochte, „aba denn war da uff eenmal son komischet Jeräusch.“ Der Baggerfahrer stimmte ein sehr dumpfes Huu-Huu an, „det wa in de Büsche drinn. Da ham wa uns so erschreckt! Mein Kumpel hat sojar seine Angel da liejn lassn“, er lachte, „weil er dachte, det da wer erdosselt wird, oda sojar schon tot is. Ick hab mir mehr Sorjen jemacht, det det die Aufsicht is, un wa hattn doch keene Papiere nischt, also sinn wa losjefarn.“
Auch Jan hörte aufmerksam zu und vermutete hinter dem Geräusch: „Das war doch bestimmt ’ne Kuh, die in den See gefallen ist, oder?“
Aber der kopfschüttelnde Dieter wusste mehr: „Du hast gesagt, das war hier am Pleuner See?“, Stefan nickte, „Dann war das ’ne Rohrdommel.“
„’ne Rohrdommel?“ Der Baggerfahrer staunte, „Det Jeräusch soll ’n Vojel jewesn sein?“
„Ja natürlich!“, beharrte Dieter mit seiner kindlichen Überzeugung, „Die Rohrdommel nennt man deswegen doch auch Moorochse. Oder – na, wie noch – genau: Wasserochse. Außerdem kenne ich den See, da fahr ich immer mit meiner Frau hin.“ Die Augen des Seemanns nahmen wieder ihre fröhliche Faltenstellung ein, „die schimpft dann immer. Wenn wir da hinfahren“, imitierte er die Stimme seiner besseren Hälfte, „denn will ich mich auch in die Sonne legen. Du gehst doch immer nur am Ufer spazieren und sammelst Flint.“
„Ist da ein Fundplatz?“, fragte ich.
„Ja, natürlich. Mesolithikum. Ich sammel da schon seit Jahren. Weißt du, ich merk das schon beim Drüberlaufen“, mit seinen Händen versuchte er mir bildhaft die Bewegung seiner Füße nachzuahmen, „wenn ich auf geschlagenen Flint trete. Der hört sich anders an, als irgendwelche Rohlinge oder natürlicher Bruch. Das ist ein viel helleres Geräusch, wenn der geschlagen ist.“ Er hielt die Hand ans Ohr, als ob er dem Klang eines imaginären Flintfundes lauschen wollte.
Micha nahm inzwischen die ersten Sachen vom Grill und verteilte sie an die Leute. Stefans Fisch musste noch länger brutzeln und Jan bestand darauf, dass sein Filet durchgebraten wird. Rind müsse gut durch, wusste er uns zu belehren. Nachdem die meisten zuvor noch gestanden und sich bestenfalls an Container und Bauwagen angelehnt hatten, suchte sich spätestens jetzt zum Essen jeder irgendein Plätzchen, auf das er sich setzen konnte. Drei Leute nutzten die Anhängergabel, andere nutzten stabile Eimer, ich machte es mir in einer hochgekippten Schubkarre bequem. Sylvia lachte darüber, aber ich erklärte fröhlich: „Das ist besser als der Sessel, den ich zuhause habe.“
Micha fragte den Baggerfahrer: „Willst du nicht doch ’ne Wurst?“
Doch Stefan verweigerte: „Mit Semf? Ick ess doch keene Wurst, die keene Körriwurst nich is! Wenn dann ess ick nur ’ne Bärlina Körriwurst.“ Er grinste.
„Ja, die Berliner Variante. Einer der beiden Currywurstpole.“
„Wat heißt’enn eena? De Körriwurst kommt aus Bärlin! Die hat die Heuwa nachm Kriech am Stutti erfundn!“
„Dann bist du also ein Vertreter der Theorie einer Berliner Currywurst-Genese?“ Der Hell’s Angel blickte mich rätselnd an. Er hatte gehört, was ich gesagt habe, aber kein Wort verstanden. Micha knabberte inzwischen an seinem Steak-Lutscher herum und betrachtete unser Wurstduell. „Ich weiß, dass es in Gelsenkirchen schon genauso lange Currywürste gibt, deshalb denk ich, dass die etwa gleichzeitig an mehreren Orten entstanden ist. Angeblich gibt’s ja sogar Hamburger, die die Erfindung für sich reklamieren.“
Da war Stefan mit mir einer Meinung: „In Hamburg? Ja, det is nu totala Quatsch!“ Er wischte die Idee beiseite und lobte anerkennend: „Nee, eure Ruhrpottwurst is zwar janz anndas, aba wenichstens is det ’ne Körriwurst!“ Wir grinsten uns entspannt an.
Während der Toast reihum durchgereicht wurde, lachte Wernher plötzlich verschmitzt auf: „Ha’ck euch eijentlich schon ma vom dem Jrabungsleiter erzählt, der ’ne Kuh nich vom Pferd unterscheiden konnte?“
Gleichzeitig folgte das Senfglas dem Toast und wieder bediente sich jeder der Reihe nach. Auf Wernhers Frage schüttelten alle den Kopf, die ersten begannen zu kauen.
„Na, det war so. Wir hattn son Befund ausjejrabn, da war son Tierschädel drin. Denn kam die Presse und der Jrabungsleiter erzählte denen wat vom Pferd. Aba im Wortsinne.“ Wernher griente. „Als die Presse weg war – vorher ha’ck natürlich det Maul jehaltn, wollt den ja nich blamiern! –, da ha’ck den zur Seite jenomm un ihm jesacht, Mensch, pass ma uff, det kann doch keen Pferd nich sein. Kiek ma, det hat doch Hörner! – Da schüttelt der den Kopp, neinnein, das ist ein Pferd. – Un ick wieda, ja denn kiek doch hin, hier, siehste die Hörner nich? Aber der wollt det partu nich wahrham. Der hat det nich zujejebn.“ Wernhers Gesicht glich wieder dem eines satten Katers, der gut gelaunt auf seiner Veranda liegt.
Sylvia staunte: „Aber der muss doch auch studiert haben?“
„Das muss gar nichts heißen“, wusste ich einzuwerfen, „was meinst du, wie viele Leute an der Uni erst so richtig verblöden?“ Mit einem Gedanken an Senff ergänzte ich, „und wie viele kommen schon total blöde an!“
Schließlich richtete sich die Besetzung von Ämtern noch nie in der Menschheitsgeschichte nach den Fähigkeiten und Talenten des ausgewählten Kandidaten. Unwichtige Faktoren gaben wesentlich häufiger den Ausschlag, als sich so mancher träumen lässt. Wahrscheinlich sind hierin die Gründe dafür zu finden, warum der Anteil der Hohlköpfe und Begriffsstutzigen ausgerechnet bei Wissenschaftlern am höchsten ist, obwohl sie stets von sich glauben, überlegenes Wissen angehäuft zu haben. Entsprechend hoch ist besonders an Universitäten die Wahrscheinlichkeit, solche Leute zu treffen und kennenzulernen. Sie selbst sehen sich natürlich als Verdauungsorgan der geistigen Nahrung. In Wirklichkeit sind sie nicht mehr als ein offenes Magengeschwür. Und genau an dieser Fehleinschätzung wird die Demokratie dieser Pseudo-Eliten eines Tages zugrunde gehen.
Ich weiß nicht, wie Micha es merken konnte, aber er ahnte, dass ich an Senff dachte. Vielleicht habe ich einfach zu lange auf das Senfglas gestarrt.
„Du meinst unsern Maxim? Hm?“ Ich nickte wortlos und biss mit zusammengenkniffenen Augen in meine Bratwurst.
Micha begann verbittert zu plaudern: „Na, was das Fach angeht, ist er auf jeden Fall ein Idiot und menschlich sowieso. Das wissen wir ja alle. Aber es gelingt ihm zumindest, aus Verhandlungen das Beste herauszuholen. Wusstest du“, er zeigte mit der besenften Wurst auf mich, „dass der hier in der Nähe ein Ferienhaus hat?“ Ich schüttelte den Kopf. „Eigentlich nur son Altbau, günstig gekauft, wahrscheinlich für zehn Riesen oder so. Sieht aber inzwischen aus wie aus dem Ei gepellt.“ Die anderen schwiegen betreten, es schien, dass der Baggerfahrer und ich die einzigen waren, die die folgende Geschichte nicht kannten. „Und weißt du, wann das renoviert wurde? Und von wem?“ Wieder musste ich gestisch verneinen. „Kurz nachdem zwei Grabungen an Autobahnbrücken eingestellt wurden, die nach Voruntersuchungen beste Ergebnisse gebracht hatten und bei denen die meisten von uns bereits angefangen hatten zu arbeiten. Und sein Häuschen wurde nach Abbruch der Grabungen ganz zufällig von derselben Firma renoviert, die die Brücken gebaut hat. Immer am Wochenende.“ Sogar Wernher blieb ruhig, wie ich verwundert feststellte. Wenn er noch Senffs Büttel war, konnte es nicht lange dauern, und der Abteilungsleiter der Sonderprojekte würde erfahren, was über ihn geredet wurde. Inzwischen muss ich davon ausgehen, dass Wernher bereits während meiner Grabung längst nicht mehr in dieser Hinsicht für Senff arbeitete.
Ein Wartburg fuhr auf das Grabungsgelände. Langsam röhrte er an den Container und die Bauwagen heran, alle schauten mampfend in seine Richtung. Aus dem Auto stieg ein typischer Bauer mit einer gefütterten Cordweste und einem fleckigen Manchesterhut. Er kam zu uns und ich sah, dass er in den Händen ein kleines Etwas trug.
„Mahlzeit! Sacht ma, wer is denn der Chef hier?“
Dieter wies auf mich und ergänzte grinsend, „Der hier. Mit der komischen Brille.“
Der Bauer wunderte sich überhaupt nicht darüber, dass wir grillten, und stiefelte bedächtig zu mir. Ich erhob mich aus meiner Schubkarre.
„Mir gehört ja der Hof da hinten“, zeigte er und sprach langsam, „da hab ich jeden Tach gesehn, dass ihr hier arbeitet. Da hat meine Frau gesacht, geh doch ma zu den Geologen da hin und zeich den’ unsern Stein. Der is ma bei der LPG auf’m Acker runtergekomm. Da hab ich den gefunden. Die solln sich den ma ankuckn, sacht’se. Nich dass das hier von so Außerirdischen is. Oder so radiotisch. Hier. Kuck dir das man an.“ Er hielt mir einen grauen Klops unter die Nase. „Is das ’n Meteorit?“
Ich hatte meine Steak gegessen und legte den leeren Pappteller zur Seite, um die Hände frei zu haben. Dann nahm ich ihm den kleinen kugeligen Stein ab und sah auf dem ersten Blick, um was es sich handelte.
„Nee, das ist kein Meteorit. Das ist ein versteinerter Seeigel. Hier schauen Sie mal“, zeigte ich mit dem Zeigefinger, „hier sehen Sie die Stachelansätze.“
„Also nich aus dem All?“, fragte der Bauer zweifelnd.
„Ganz bestimmt nicht“, versicherte ich.
„Na, hoffentlich glaubt’se mir das“, er zögerte einen Moment, die anderen blieben stumm, waren aber merklich erheitert, dann entschied er sich wieder zu gehen, „ja, dann Mahlzeit, ich muss jetzt auch zum Essen.“
Er saß kaum in seinem Auto, da blödelte Micha schon herum, „Hättest ihm für seine Alte ja wenigstens mal ein schriftliches Gutachten ausstellen können“, und alle lachten, während der Wartburg des Bauers rückwärts vom Acker sprotzte.
„Jaja, die Bauern“, meinte Wernher, „die leiden hier ooch richtich unter den Jrabungen.“
„Na, wie man’s nimmt“, erwiderte ich, als ich mich wieder in die Schubkarre setzte, „normalerweise kassieren die doch doppelt und dreifach.“
Wernher blickte mich fragend an und ich erklärte: „Die kriegen doch nicht nur die Entschädigung, die mehr beträgt, als sie mit der Ernte je verdient hätten, sondern holen auch dann noch das Letzte raus. Ich hab mal auf ’nem Kartoffelacker gegraben, da kam der Bauer regelmäßig mit der ganzen Familie an und hat die ganzen Kartoffeln, die wir ausgebaggert haben, eingesammelt und an der Straße verkauft, obwohl die noch die fette Entschädigung kassiert haben.“
„Man darf de Lebensmittel aber doch ooch nich verkomm’ lassn“, ermahnte Wernher.
„Natürlich nicht – aber wenn sie Teile der Ernte noch retten, sollen sie auch keine übertriebene Entschädigung verlangen. Die zahlen wir schließlich alle über Steuern.“
„So jesehen haste recht“, stimmte Wernher mir zu und Hans pampte: „Den Bauern ging es doch immer gut. Die haben doch auch nach dem Krieg das ganze Silberbesteck von meiner Mutter und meinen Großeltern kassiert, nur damit wir was zu beißen hatten!“
„Meene Forelle muss doch bald fertig sein“, meinte Stefan und nahm sich seine Forelle vom Grill.
„Na, und mein Filet ist bestimmt auch langsam fertig.“ Jan schritt zum Grill und warf sich das braungebrannte Fleischstück auf seinen Pappteller. Er stolzierte zu seinem Platz zurück wie ein junger Hund mit seinem Lieblingsspielzeug und operierte und meißelte sich durch die Muskelfasern.
„Das ist ja total hart!“, beschwerte er sich nach dem ersten Probestück, „was habt ihr denn damit auf dem Grill gemacht?“
Wernher schmunzelte nur „Ha’ck dir det nich jesacht?“
Jan reagierte nicht darauf, sondern sprach mit sich selbst: „Ich muss erst mal was trinken, das ist mir zu trocken.“
Plötzlich rumpelte Wielands verbeulter Dienstwagen über der Landstraße. Er setzte sehr mutig auf unserem Acker auf und federte bis zu unserer Gruppe. Als Wieland ausstieg, begrüßte Micha ihn: „Ho-ho, immer ruhig mit den jungen Pferden! Möchtest du ’ne Wurst?“
Wieland sah gehetzt aus, „Was? Nein, danke!“, und lief auf mich zu. „War Senff schon bei euch?“, fragte er dann.
„Nein – wieso?“
„Der sollte doch heute kommen, wir haben gerade ein Körpergrab entdeckt, ein Fürstengrab mit Schwert und gut erhaltenen Holzeimerresten. Warum passiert so was eigentlich immer Freitags mittags?“
Ich erschrak, weil ich sofort wusste, was das bedeutete. Herausragende Funde und Befunde kann man niemals über ein Wochenende unbeobachtet liegen lassen. Es gibt nur drei Möglichkeiten, wie man mit solchen Funden an Wochenenden umgehen kann. Entweder muss man sie wieder zuschütten und sehr gut tarnen, bis man die Untersuchung in der Folgewoche mit der richtigen Muße und dem nötigen Equipement durchführen kann. Leider ist es keinem Befund besonders zuträglich, wenn man ihn erneut unter Erdmassen begräbt und ein zweites Mal freilegt. Eine andere Möglichkeit wäre, den Befund auf der Stelle auszugraben, was je nach Qualität oft genug überstundenlanges Gekratze und Gepinsel im strömenden Regen unter der Scheinwerferbeleuchtung des amtlichen Wagenparks bedeutete. Die letzte zu nennende Lösung kann ein Wachdienst sein, der in professioneller Form allerdings in den seltensten Fällen finanzierbar ist. Also werden hin und wieder die eigenen Mitarbeiter zu solch unschönen Tätigkeiten genötigt. Ein Bekannter von mir hat beispielsweise einmal eine regendurchnässte Nacht in einem Sommerschlafsack auf einer Kuhwiese neben einer Moorleiche verbracht. Damit die gefräßigen und vor Neugier strotzenden Rinder weder die Mumie noch seinen Schlafsack anknabbern, war er gegen Mitternacht dazu gezwungen gewesen, einen Stacheldrahtzaun zu organisieren und um die provisorische Schlafstätte zu ziehen.
Angesichts der bisherigen Abläufe in diesem Amt war klar, dass wie so oft auch hier Zeit und Geld nicht gepaart auftraten. Und Intelligenz fehlte auf höherer Ebene schließlich sowieso. Daher war ich davon überzeugt, dass Senff alles darangäbe, den Befund in kürzester Zeit zu dokumentieren und auszunehmen.
Wieland blickte panisch, ich versuchte ihn erst einmal zu beruhigen: „Fahr doch mal zur LPG und ruf im Amt an, vielleicht erwischst du ihn noch?“
„Ja, ja, du hast recht, das sollte ich machen“, stammelte er nervös und mit herumirrenden Blick.
„Ich kann ja mal mit ein paar Leuten zu deiner Grabung rüberfahren“, half ich weiter, „wenn das heute noch raus soll, wirst du sowieso noch Verstärkung brauchen.“
„Ja, stimmt“, er drehte sich um, lief zu seinem Wagen, „ich fahr dann schnell zur LPG“, und war wieder genauso schnell vom Acker, wie er gekommen war.
„Jan, Wernher, Dieter? Ihr kommt mit. Micha, du kannst mit Sylvia und Hans erst mal einräumen, wenn ihr die Sachen verstaut habt, könnt ihr nachkommen.“
Die drei Arbeiter nahmen sich aus dem Werkzeugcontainer ein paar Kellen und zwei, drei Eimer mit, stellten sie in den Kofferraum meines Wagens und stiegen ein. Ich kramte währenddessen meine Unterlagen in eine Tasche zusammen und warf sie dazu. Wir waren alle schon sehr gespannt auf das Grab, mussten aber wie üblich an der Bahnschranke halten, bevor wir nach Krützin fahren konnten.
Zwischenzeitlich stolperte Jan von der Grabungsfläche zu uns: „Seid ihr bald fertig? Ist ja schon dreiviertel zwölf! Das Grillen dauert gleich ja schließlich auch noch.“
Unwillkürlich blickte ich auf die Uhr, die abgekürzte Zeitansage erschloss sich mir damals noch nicht. Ich sagte: „Viertel vor, stimmt“, und Jan erwiderte: „Viertel vor was? Was ist das denn für ein Quatsch? Dreiviertel heißt das. Wenn du einen Kuchen fast aufgegessen hast, sagst du ja auch nicht, der Kuchen ist viertel vor.“ Jan ging weg. Er schüttelte den Kopf, ich auch. Micha schwieg und schraubte weiter an der Edelstahlsäule. Irgendwann war es dann so weit, Grillrost und Windschutz waren installiert. Der stolze Grillbesitzer erklärte sich feierlich zum Koch und schüttete die Kohle in seinen neuesten Schatz. Mit leeren Fundzetteln entfachte er auf ihnen ein Feuer, das die schwarz gemeilerten Hölzer zum Glühen bringen sollte. Weißlicher Rauch züngelte am Werkzeugcontainer vorbei in den blauen Himmel. Bald fächerwedelte Micha mit einem steif-bogigen Pappteller und versorgte die noch kleine Glut mit frischer Luft.
Schon begannen wir, die ersten Würstchen auf das jungfräuliche Gitter zu legen, als Sylvia sich aus dem Bauwagen zu uns gesellte.
„Na, habt ihr alles gekriegt?“
„Denke schon“, beschied ich kurz.
„Ja, heute kriegt man ja alles“, erwiderte sie nachdenklich, „früher war das viel einfacher. Da gab es zwar fast nüscht, aber man wusste wenigstens, was man kaufen kann. Heute stehe ich bei Liddel immer vor den Regalen und hab keine Ahnung, was ich mitnehmen soll.“ Stumm schaute ich sie an und sie schilderte weiter, „da ist ja alles immer so bunt und es gibt von allem hundert Sorten. Und man weiß nie, kauf ich jetzt das richtige oder ist das doch nicht gut?“
Ich erinnerte mich an die Wendezeit-Beschwerden, die mir ein Bekannter von seinen Kindern erzählt hatte. Ohne jedes Verständnis für die historischen Dimension des Unterganges des vorgeblichen Arbeiter-und-Bauern-Regimes mokierten sie sich allein darüber, dass plötzlich die Regale ihres westdeutschen Wohlstandssupermarktes leer und ausgeräumt waren. Sie bekamen ihren gewohnten Zucker-Schoko-Frühstücksmüll nicht mehr vorgesetzt, weil nun ihre ostdeutschen Brüder und Schwestern eine Zeit lang vorrangig versorgt wurden. Die Konzerne hatten eben ein paar Monate Gefallen daran gefunden, Westkonsumenten vorzuführen, wie es jahrzehntelang in Ostgeschäften abgelaufen war, indem sie ganze Produktchargen direkt über die Grenze karrten. Das war echte Solidarität. Oder Kapitalismus, wenn man schlicht den damaligen Grad der Nachfrage beiderseits der Grenze miteinander vergleicht.
Dann grinste Sylvia plötzlich und lächelte über Michas Baseballmütze: „Weißte Micha, wenn du nivellierst, drehst du die Kappe auch immer nach hinten.“ Mit ihren Händen zeigte sie kurz an ihrer Kappe, was sie meinte, ohne sie richtig zu drehen, weil ihr Zopf hinten heraushing. Micha sah sie an und nickte in die Sonne. „Wenn du dann am Nivellier stehst, denn siehste immer aus, als ob du einen Film drehst.“ Jetzt machte sie kurbelnde Bewegungen in der Luft, „weißte, so wie früher, die Kameramänner.“
Micha machte ein hocherfreute Gesicht: „Soll ich dir mal einen von meinen Filmen vorführen?“, aber Sylvia winkte grinsend ab. Inzwischen hatten wir auch einen Teil des Fleisches auf den Grill gelegt. Micha öffnete das erste Bier, das er zunächst natürlich nicht zu trinken gedachte, sondern auf dem Grill zur geschmacklichen Unterstützung verwendete. Bald kam Jan mit den anderen an und fragte: „Mein Filet habt ihr auch schon draufgelegt?“ Eine Beantwortung erübrigte sich jedoch, weil er im Fragen gesehen hatte, dass es brutzelte.
Wernher ermahnte den kleinen noch einmal: „Da musste aba scheen uffpassen, dit dit nich trockn wird!“
Sylvia holte aus dem Kofferraum von Hans’ Wagen noch ein paar Grillsaucen, die sie mitgebracht hatte und ein Paket Toast. Stefan ging währenddessen zu seinem Pick-up und wurstelte sich aus einer Kühltasche eine bereits ausgenommene Forelle, mit der er dann zu uns kam.
„Hier, ha’ck selba jeanglt. Jrad jestern erss!“, verkündete er stolz und quetschte seine Forelle auf den Rost.
Hans staunte: „Ihr trinkt ja schon das erste Bier?“ Aber Micha winkte ab: „Nee, das ist doch nur das Grillbier!“
„Was für’n Bier habt ihr uns denn mitgebracht?“, wollte Dieter nun wissen und auch Stefan wurde neugierig: „Radeberjer? Hättet-ta ma lieba ’n anständijet Westpils jeholt!“
Das erboste Hans: „Dabei schmeckt Radeberger doch schon längst wie’n Westpils, früher, ja, da war das gut, da haben se sich vorm Jahresende vorm HO noch ums Bier geprügelt.“
„Daran kann ick mir ooch noch erinnern“, träumte Wernher, „und damals hat et ja ooch noch jeschmeckt, nich wahr, Hans?“
Längst hatten sich alle in einem Kreis um den Grill verteilt mit gebührendem Abstand zu den Bierdampfschwaden, die Micha regelmäßig durch das Nachmarinieren erzeugte. Im Gesicht des einen oder anderen sah man zuweilen prüfende Blicke, ob sich nicht vielleicht der Wind drehte. Inzwischen hatten sich alle Biertrinker eine Patrone genommen und geöffnet. Ab und zu saugten sie an dem runden Blech.
„Kuckt mal, ein Storch“, Sylvia lenkte alle Blicke zum Himmel, „so was gibt’s im Westen gar nicht mehr.“ Ich setzte ein sehr verdutztes Gesicht auf, da erklärte sie schon, „na im Westen ist doch nur Industrie und alles voller Straßen. So was wie Natur gibt’s da doch gar nicht mehr.“
Ich bemerkte lapidar: „Mal davon abgesehen, dass im Westen gerade alte Industriegebiete in den letzten zehn, fünfzehn Jahren sehr grün geworden sind, möchte ich dezent an Bitterfeld erinnern.“
„Das ist ja nur ein Extrembeispiel. Dafür haben wir nicht so viele Autobahnen, sondern viel mehr Natur. Und Störche oder Frösche, das gibt’s bei euch doch gar nicht mehr.“
„Natürlich, ich hab ja als Kind immer Frösche und Molche gefangen.“
„Ja, du weißt doch, wie ich das meine“, beschwichtigte sie, „Anwesende sind schließlich ausgenommen, du bist ja sowieso nicht wie die anderen Wessis.“
„Bist du denn schon mal dagewesen?“, fragte ich Sylvia, „Also im Westen?“
Sie schüttelte den Kopf, Hans erhob aber für sie den Zeigefinger und meinte: „Ich bin schon mal in Braunschweig gewesen, da habe ich Sperrmüll verkauft. Und was ich da vom Westen gesehen habe, reicht mir, das brauch ich nicht noch mal.“
„Naja, Braunschweig dürfte kaum typisch für den ganzen Westen sein“, merkte ich an und lenkte meine Aufmerksamkeit auf Stefan, der Dieter inzwischen mit Anglerlatein unterhielt.
„... sooo jroß war der, son richtijen Kawennsmann“, Stefan riss seine Arme so weit auseinander, wie er es nur vermochte, „aba denn war da uff eenmal son komischet Jeräusch.“ Der Baggerfahrer stimmte ein sehr dumpfes Huu-Huu an, „det wa in de Büsche drinn. Da ham wa uns so erschreckt! Mein Kumpel hat sojar seine Angel da liejn lassn“, er lachte, „weil er dachte, det da wer erdosselt wird, oda sojar schon tot is. Ick hab mir mehr Sorjen jemacht, det det die Aufsicht is, un wa hattn doch keene Papiere nischt, also sinn wa losjefarn.“
Auch Jan hörte aufmerksam zu und vermutete hinter dem Geräusch: „Das war doch bestimmt ’ne Kuh, die in den See gefallen ist, oder?“
Aber der kopfschüttelnde Dieter wusste mehr: „Du hast gesagt, das war hier am Pleuner See?“, Stefan nickte, „Dann war das ’ne Rohrdommel.“
„’ne Rohrdommel?“ Der Baggerfahrer staunte, „Det Jeräusch soll ’n Vojel jewesn sein?“
„Ja natürlich!“, beharrte Dieter mit seiner kindlichen Überzeugung, „Die Rohrdommel nennt man deswegen doch auch Moorochse. Oder – na, wie noch – genau: Wasserochse. Außerdem kenne ich den See, da fahr ich immer mit meiner Frau hin.“ Die Augen des Seemanns nahmen wieder ihre fröhliche Faltenstellung ein, „die schimpft dann immer. Wenn wir da hinfahren“, imitierte er die Stimme seiner besseren Hälfte, „denn will ich mich auch in die Sonne legen. Du gehst doch immer nur am Ufer spazieren und sammelst Flint.“
„Ist da ein Fundplatz?“, fragte ich.
„Ja, natürlich. Mesolithikum. Ich sammel da schon seit Jahren. Weißt du, ich merk das schon beim Drüberlaufen“, mit seinen Händen versuchte er mir bildhaft die Bewegung seiner Füße nachzuahmen, „wenn ich auf geschlagenen Flint trete. Der hört sich anders an, als irgendwelche Rohlinge oder natürlicher Bruch. Das ist ein viel helleres Geräusch, wenn der geschlagen ist.“ Er hielt die Hand ans Ohr, als ob er dem Klang eines imaginären Flintfundes lauschen wollte.
Micha nahm inzwischen die ersten Sachen vom Grill und verteilte sie an die Leute. Stefans Fisch musste noch länger brutzeln und Jan bestand darauf, dass sein Filet durchgebraten wird. Rind müsse gut durch, wusste er uns zu belehren. Nachdem die meisten zuvor noch gestanden und sich bestenfalls an Container und Bauwagen angelehnt hatten, suchte sich spätestens jetzt zum Essen jeder irgendein Plätzchen, auf das er sich setzen konnte. Drei Leute nutzten die Anhängergabel, andere nutzten stabile Eimer, ich machte es mir in einer hochgekippten Schubkarre bequem. Sylvia lachte darüber, aber ich erklärte fröhlich: „Das ist besser als der Sessel, den ich zuhause habe.“
Micha fragte den Baggerfahrer: „Willst du nicht doch ’ne Wurst?“
Doch Stefan verweigerte: „Mit Semf? Ick ess doch keene Wurst, die keene Körriwurst nich is! Wenn dann ess ick nur ’ne Bärlina Körriwurst.“ Er grinste.
„Ja, die Berliner Variante. Einer der beiden Currywurstpole.“
„Wat heißt’enn eena? De Körriwurst kommt aus Bärlin! Die hat die Heuwa nachm Kriech am Stutti erfundn!“
„Dann bist du also ein Vertreter der Theorie einer Berliner Currywurst-Genese?“ Der Hell’s Angel blickte mich rätselnd an. Er hatte gehört, was ich gesagt habe, aber kein Wort verstanden. Micha knabberte inzwischen an seinem Steak-Lutscher herum und betrachtete unser Wurstduell. „Ich weiß, dass es in Gelsenkirchen schon genauso lange Currywürste gibt, deshalb denk ich, dass die etwa gleichzeitig an mehreren Orten entstanden ist. Angeblich gibt’s ja sogar Hamburger, die die Erfindung für sich reklamieren.“
Da war Stefan mit mir einer Meinung: „In Hamburg? Ja, det is nu totala Quatsch!“ Er wischte die Idee beiseite und lobte anerkennend: „Nee, eure Ruhrpottwurst is zwar janz anndas, aba wenichstens is det ’ne Körriwurst!“ Wir grinsten uns entspannt an.
Während der Toast reihum durchgereicht wurde, lachte Wernher plötzlich verschmitzt auf: „Ha’ck euch eijentlich schon ma vom dem Jrabungsleiter erzählt, der ’ne Kuh nich vom Pferd unterscheiden konnte?“
Gleichzeitig folgte das Senfglas dem Toast und wieder bediente sich jeder der Reihe nach. Auf Wernhers Frage schüttelten alle den Kopf, die ersten begannen zu kauen.
„Na, det war so. Wir hattn son Befund ausjejrabn, da war son Tierschädel drin. Denn kam die Presse und der Jrabungsleiter erzählte denen wat vom Pferd. Aba im Wortsinne.“ Wernher griente. „Als die Presse weg war – vorher ha’ck natürlich det Maul jehaltn, wollt den ja nich blamiern! –, da ha’ck den zur Seite jenomm un ihm jesacht, Mensch, pass ma uff, det kann doch keen Pferd nich sein. Kiek ma, det hat doch Hörner! – Da schüttelt der den Kopp, neinnein, das ist ein Pferd. – Un ick wieda, ja denn kiek doch hin, hier, siehste die Hörner nich? Aber der wollt det partu nich wahrham. Der hat det nich zujejebn.“ Wernhers Gesicht glich wieder dem eines satten Katers, der gut gelaunt auf seiner Veranda liegt.
Sylvia staunte: „Aber der muss doch auch studiert haben?“
„Das muss gar nichts heißen“, wusste ich einzuwerfen, „was meinst du, wie viele Leute an der Uni erst so richtig verblöden?“ Mit einem Gedanken an Senff ergänzte ich, „und wie viele kommen schon total blöde an!“
Schließlich richtete sich die Besetzung von Ämtern noch nie in der Menschheitsgeschichte nach den Fähigkeiten und Talenten des ausgewählten Kandidaten. Unwichtige Faktoren gaben wesentlich häufiger den Ausschlag, als sich so mancher träumen lässt. Wahrscheinlich sind hierin die Gründe dafür zu finden, warum der Anteil der Hohlköpfe und Begriffsstutzigen ausgerechnet bei Wissenschaftlern am höchsten ist, obwohl sie stets von sich glauben, überlegenes Wissen angehäuft zu haben. Entsprechend hoch ist besonders an Universitäten die Wahrscheinlichkeit, solche Leute zu treffen und kennenzulernen. Sie selbst sehen sich natürlich als Verdauungsorgan der geistigen Nahrung. In Wirklichkeit sind sie nicht mehr als ein offenes Magengeschwür. Und genau an dieser Fehleinschätzung wird die Demokratie dieser Pseudo-Eliten eines Tages zugrunde gehen.
Ich weiß nicht, wie Micha es merken konnte, aber er ahnte, dass ich an Senff dachte. Vielleicht habe ich einfach zu lange auf das Senfglas gestarrt.
„Du meinst unsern Maxim? Hm?“ Ich nickte wortlos und biss mit zusammengenkniffenen Augen in meine Bratwurst.
Micha begann verbittert zu plaudern: „Na, was das Fach angeht, ist er auf jeden Fall ein Idiot und menschlich sowieso. Das wissen wir ja alle. Aber es gelingt ihm zumindest, aus Verhandlungen das Beste herauszuholen. Wusstest du“, er zeigte mit der besenften Wurst auf mich, „dass der hier in der Nähe ein Ferienhaus hat?“ Ich schüttelte den Kopf. „Eigentlich nur son Altbau, günstig gekauft, wahrscheinlich für zehn Riesen oder so. Sieht aber inzwischen aus wie aus dem Ei gepellt.“ Die anderen schwiegen betreten, es schien, dass der Baggerfahrer und ich die einzigen waren, die die folgende Geschichte nicht kannten. „Und weißt du, wann das renoviert wurde? Und von wem?“ Wieder musste ich gestisch verneinen. „Kurz nachdem zwei Grabungen an Autobahnbrücken eingestellt wurden, die nach Voruntersuchungen beste Ergebnisse gebracht hatten und bei denen die meisten von uns bereits angefangen hatten zu arbeiten. Und sein Häuschen wurde nach Abbruch der Grabungen ganz zufällig von derselben Firma renoviert, die die Brücken gebaut hat. Immer am Wochenende.“ Sogar Wernher blieb ruhig, wie ich verwundert feststellte. Wenn er noch Senffs Büttel war, konnte es nicht lange dauern, und der Abteilungsleiter der Sonderprojekte würde erfahren, was über ihn geredet wurde. Inzwischen muss ich davon ausgehen, dass Wernher bereits während meiner Grabung längst nicht mehr in dieser Hinsicht für Senff arbeitete.
Ein Wartburg fuhr auf das Grabungsgelände. Langsam röhrte er an den Container und die Bauwagen heran, alle schauten mampfend in seine Richtung. Aus dem Auto stieg ein typischer Bauer mit einer gefütterten Cordweste und einem fleckigen Manchesterhut. Er kam zu uns und ich sah, dass er in den Händen ein kleines Etwas trug.
„Mahlzeit! Sacht ma, wer is denn der Chef hier?“
Dieter wies auf mich und ergänzte grinsend, „Der hier. Mit der komischen Brille.“
Der Bauer wunderte sich überhaupt nicht darüber, dass wir grillten, und stiefelte bedächtig zu mir. Ich erhob mich aus meiner Schubkarre.
„Mir gehört ja der Hof da hinten“, zeigte er und sprach langsam, „da hab ich jeden Tach gesehn, dass ihr hier arbeitet. Da hat meine Frau gesacht, geh doch ma zu den Geologen da hin und zeich den’ unsern Stein. Der is ma bei der LPG auf’m Acker runtergekomm. Da hab ich den gefunden. Die solln sich den ma ankuckn, sacht’se. Nich dass das hier von so Außerirdischen is. Oder so radiotisch. Hier. Kuck dir das man an.“ Er hielt mir einen grauen Klops unter die Nase. „Is das ’n Meteorit?“
Ich hatte meine Steak gegessen und legte den leeren Pappteller zur Seite, um die Hände frei zu haben. Dann nahm ich ihm den kleinen kugeligen Stein ab und sah auf dem ersten Blick, um was es sich handelte.
„Nee, das ist kein Meteorit. Das ist ein versteinerter Seeigel. Hier schauen Sie mal“, zeigte ich mit dem Zeigefinger, „hier sehen Sie die Stachelansätze.“
„Also nich aus dem All?“, fragte der Bauer zweifelnd.
„Ganz bestimmt nicht“, versicherte ich.
„Na, hoffentlich glaubt’se mir das“, er zögerte einen Moment, die anderen blieben stumm, waren aber merklich erheitert, dann entschied er sich wieder zu gehen, „ja, dann Mahlzeit, ich muss jetzt auch zum Essen.“
Er saß kaum in seinem Auto, da blödelte Micha schon herum, „Hättest ihm für seine Alte ja wenigstens mal ein schriftliches Gutachten ausstellen können“, und alle lachten, während der Wartburg des Bauers rückwärts vom Acker sprotzte.
„Jaja, die Bauern“, meinte Wernher, „die leiden hier ooch richtich unter den Jrabungen.“
„Na, wie man’s nimmt“, erwiderte ich, als ich mich wieder in die Schubkarre setzte, „normalerweise kassieren die doch doppelt und dreifach.“
Wernher blickte mich fragend an und ich erklärte: „Die kriegen doch nicht nur die Entschädigung, die mehr beträgt, als sie mit der Ernte je verdient hätten, sondern holen auch dann noch das Letzte raus. Ich hab mal auf ’nem Kartoffelacker gegraben, da kam der Bauer regelmäßig mit der ganzen Familie an und hat die ganzen Kartoffeln, die wir ausgebaggert haben, eingesammelt und an der Straße verkauft, obwohl die noch die fette Entschädigung kassiert haben.“
„Man darf de Lebensmittel aber doch ooch nich verkomm’ lassn“, ermahnte Wernher.
„Natürlich nicht – aber wenn sie Teile der Ernte noch retten, sollen sie auch keine übertriebene Entschädigung verlangen. Die zahlen wir schließlich alle über Steuern.“
„So jesehen haste recht“, stimmte Wernher mir zu und Hans pampte: „Den Bauern ging es doch immer gut. Die haben doch auch nach dem Krieg das ganze Silberbesteck von meiner Mutter und meinen Großeltern kassiert, nur damit wir was zu beißen hatten!“
„Meene Forelle muss doch bald fertig sein“, meinte Stefan und nahm sich seine Forelle vom Grill.
„Na, und mein Filet ist bestimmt auch langsam fertig.“ Jan schritt zum Grill und warf sich das braungebrannte Fleischstück auf seinen Pappteller. Er stolzierte zu seinem Platz zurück wie ein junger Hund mit seinem Lieblingsspielzeug und operierte und meißelte sich durch die Muskelfasern.
„Das ist ja total hart!“, beschwerte er sich nach dem ersten Probestück, „was habt ihr denn damit auf dem Grill gemacht?“
Wernher schmunzelte nur „Ha’ck dir det nich jesacht?“
Jan reagierte nicht darauf, sondern sprach mit sich selbst: „Ich muss erst mal was trinken, das ist mir zu trocken.“
Plötzlich rumpelte Wielands verbeulter Dienstwagen über der Landstraße. Er setzte sehr mutig auf unserem Acker auf und federte bis zu unserer Gruppe. Als Wieland ausstieg, begrüßte Micha ihn: „Ho-ho, immer ruhig mit den jungen Pferden! Möchtest du ’ne Wurst?“
Wieland sah gehetzt aus, „Was? Nein, danke!“, und lief auf mich zu. „War Senff schon bei euch?“, fragte er dann.
„Nein – wieso?“
„Der sollte doch heute kommen, wir haben gerade ein Körpergrab entdeckt, ein Fürstengrab mit Schwert und gut erhaltenen Holzeimerresten. Warum passiert so was eigentlich immer Freitags mittags?“
Ich erschrak, weil ich sofort wusste, was das bedeutete. Herausragende Funde und Befunde kann man niemals über ein Wochenende unbeobachtet liegen lassen. Es gibt nur drei Möglichkeiten, wie man mit solchen Funden an Wochenenden umgehen kann. Entweder muss man sie wieder zuschütten und sehr gut tarnen, bis man die Untersuchung in der Folgewoche mit der richtigen Muße und dem nötigen Equipement durchführen kann. Leider ist es keinem Befund besonders zuträglich, wenn man ihn erneut unter Erdmassen begräbt und ein zweites Mal freilegt. Eine andere Möglichkeit wäre, den Befund auf der Stelle auszugraben, was je nach Qualität oft genug überstundenlanges Gekratze und Gepinsel im strömenden Regen unter der Scheinwerferbeleuchtung des amtlichen Wagenparks bedeutete. Die letzte zu nennende Lösung kann ein Wachdienst sein, der in professioneller Form allerdings in den seltensten Fällen finanzierbar ist. Also werden hin und wieder die eigenen Mitarbeiter zu solch unschönen Tätigkeiten genötigt. Ein Bekannter von mir hat beispielsweise einmal eine regendurchnässte Nacht in einem Sommerschlafsack auf einer Kuhwiese neben einer Moorleiche verbracht. Damit die gefräßigen und vor Neugier strotzenden Rinder weder die Mumie noch seinen Schlafsack anknabbern, war er gegen Mitternacht dazu gezwungen gewesen, einen Stacheldrahtzaun zu organisieren und um die provisorische Schlafstätte zu ziehen.
Angesichts der bisherigen Abläufe in diesem Amt war klar, dass wie so oft auch hier Zeit und Geld nicht gepaart auftraten. Und Intelligenz fehlte auf höherer Ebene schließlich sowieso. Daher war ich davon überzeugt, dass Senff alles darangäbe, den Befund in kürzester Zeit zu dokumentieren und auszunehmen.
Wieland blickte panisch, ich versuchte ihn erst einmal zu beruhigen: „Fahr doch mal zur LPG und ruf im Amt an, vielleicht erwischst du ihn noch?“
„Ja, ja, du hast recht, das sollte ich machen“, stammelte er nervös und mit herumirrenden Blick.
„Ich kann ja mal mit ein paar Leuten zu deiner Grabung rüberfahren“, half ich weiter, „wenn das heute noch raus soll, wirst du sowieso noch Verstärkung brauchen.“
„Ja, stimmt“, er drehte sich um, lief zu seinem Wagen, „ich fahr dann schnell zur LPG“, und war wieder genauso schnell vom Acker, wie er gekommen war.
„Jan, Wernher, Dieter? Ihr kommt mit. Micha, du kannst mit Sylvia und Hans erst mal einräumen, wenn ihr die Sachen verstaut habt, könnt ihr nachkommen.“
Die drei Arbeiter nahmen sich aus dem Werkzeugcontainer ein paar Kellen und zwei, drei Eimer mit, stellten sie in den Kofferraum meines Wagens und stiegen ein. Ich kramte währenddessen meine Unterlagen in eine Tasche zusammen und warf sie dazu. Wir waren alle schon sehr gespannt auf das Grab, mussten aber wie üblich an der Bahnschranke halten, bevor wir nach Krützin fahren konnten.
Samstag, 4. April 2009
Kapitel 11.2
Die Grabung schleppte sich derweil von Quadrant zu Quadrant und von Befund zu Befund. Bald war ein Ende abzusehen und ich kam den Arbeitern in ihrem Wunsch entgegen, am vorletzten Freitag mittags zu grillen. Die Stunden hatten wir uns freigearbeitet, so dass wir allesamt nach dem Grillen direkt in den wochenendlichen Feierabend übergehen konnten.
Direkt morgens wurde ich von einem lachenden Dieter mit der Frage begrüßt, ob ich den Willen zum Grillen in mir verspürte. Ich bejahte und schmunzelte über den eher lauen Witz. Irgendwann kurz vor Mittag wollte ich dann zusammen mit Micha zum Supermarkt im Ort fahren, um den Grill, die Kohle und für alle zusammen Würstchen, Fleisch und Getränke einzukaufen. Zuvor schaufelten, putzten und zeichneten die Arbeiter und Micha auf dem Grabungsfeld. Baggerfahrer Stefan schob Abraum zur Seite und half beim Ausnehmen größerer Siedlungsgruben mit dem Anlegen von Arbeitsgruben. Sylvia war derweil im Bauwagen damit beschäftigt, ihre letzten Zeichnungen in den Übersichtsplan kleineren Maßstabs umzuzeichnen, den ich für die spätere Bearbeitung zur Hand haben wollte. Ich saß ihr dabei gegenüber und füllte auf dem grundsiffigen Tisch die letzten Formulare aus, die in dieser Woche noch unbearbeitet geblieben waren.
Kurz vor Mittag stand ich auf, um mich zu strecken, und blickte aus dem Fenster des Bauwagens.
„Irgendwie ist das sehr surreal, von hier betrachtet.“
„Was meinst du?“
Mit einer zweifelnden Überlegung schüttelte ich zweimal den Kopf: „Na, es wirkt wie eine Mannschaftssportart, was die draußen veranstalten. – Herzlich willkommen“, imitierte ich aus dem Stegreif einen fiktiven Radioreporter, „zum zweiten Viertel unserer heutigen Grabungsübertragung, mein Name ist Paul Eggers und ich darf Sie herzlich begrüßen zu diesem außerordentlich spannenden Spiel.“ Sylvia grinste merklich, zeichnete aber konzentriert weiter. Ich steigerte mich: „Wir sind heute auf dem Feld von Totenow in der Maxim-Senff-Gedächtnis-Arena, und es ist ein Heimspiel der Totenower Sandteufel. Für die Sandteufel sind angetreten: Als Kapitän Benny Frandsen, auch bekannt unter seinem Spitznamen Flintdolch-Micha, in der Verteidigung an der Schaufel Dieter ,Popeye' Räumer und an der Schubkarre Hans Gros, der Rasenmähermann.“ Sylvia lachte. „Gäste sind die Wossi-All Stars, eine gemischte Ost-West-Auswahlmannschaft, die heute mit Jan ,Robin Hood' Retzlaff als Kapitän spielen, Wernher Senger, die ,märkische Schaufel', verteidigt, und der ,Höllenengel' Stefan sitzt im Bagger. Die Begegnung wird übrigens gesponsort von Attila Furioso, der stärksten Motorsäge der Welt, ja und ich sehe gerade, die Mannschaften laufen wieder auf das Feld. Als Schiedsrichter pfeift übrigens ein Grabungsleiter, der bereits einige größere Grabungen gepfiffen hat, ich denke da beispielsweise an die Finals von Groß Plüggenthun und Lügwitz, das den meisten von uns sicherlich noch als Schlammschlacht und spannende Partie zugleich in Erinnerung geblieben sind. Ich fasse vielleicht kurz den Stand aus dem ersten Viertel zusammen: Die Sandteufel haben die Auslosung verloren und mussten sich mit den Befunden in den Quadranten C18 bis 20 zufrieden geben. Hier zeigten sich zwar mehr Störungen in Form von Drainagen, aber dafür waren hier auch deutlich weniger Befunde, die es zu bearbeiten galt. Trotz besserer Ausgangsbedingungen haben die Wossis dennoch im gesamten ersten Viertel abgesehen von ein paar lumpigen Abschlägen, die immerhin schon jungsteinzeitlich sein könnten, und einem einzigen kalzinierten Flint noch keinen Fund machen können. Da sieht die krumpelige Krümelkeramik, die die Sandteufel geborgen haben und die wir hier im Stadion gerade an der Videowand in einer Nahaufnahme bewundern können, doch wesentlich besser aus. Ja, das dürfte hinterher Punkte in der B-Note geben. Kein Zweifel. Allerdings hatten die Wossis natürlich auch einen ordentlichen Zeitverlust, als ,Robin Hood'-Retzlaff mit dem Schiedsrichter Witze machte und im Anschluss mit seiner gesamten Mannschaft eine Strafrunde auf dem Abraum schieben musste. Gerade höre ich, dass das Spiel wieder angepfiffen wird. Die Mannschaften versammeln sich vor den Quadranten, nehmen die Geräte in die Hand und“, ich rief laut: „JETZT ERTÖNT DER ANPFIFF!“
Sylvia erschreckte sich und lachte gleichzeitig, ich plapperte in einer tonlosen Schnellsprache weiter: „,Flintdolch'-Micha schwingt die Schaufel, das wird hart für ,Robin Hood'-Retzlaff, und da kommt ,Popeye' Räumer, er schaufelt, als sei der Teufel hinter ihm her, mit einem Bauchkippdreher holt er das Letzte aus seinem Sportgerät, dabei war er noch vor zwei Monaten mit einer komplizierten Sehnenscheidenentzündung in Behandlung, hoffentlich hat er da keinen Tierbau erwischt“, meine Stimme hetzte immer schneller, Sylvia blickte nun nach draußen, ganz so, als schaue sie Fernsehen, während ich selbst erstaunt war, wie schnell ich reden konnte, „gleichzeitig legt Senger, die ,märkische Schaufel', ein extrem gerades Profil an – das gibt Punkte! – aber was ist das? EIN FOUL! Hans Gros, der Rasenmähermann, fährt nur mit einer halbvollen Schubkarre zum Abraum, sieht denn das der Schiedsrichter nicht?“ Sylvia lachte wieder laut. „Dafür müsste der ,Höllenengel' mit seinem Bagger eine Freischaufel bekommen, um hinter einem Befund eine Arbeitsgrube anzulegen. Hans Gros, meine Damen und Herren, ist heute übrigens mit einem französischen Boliden angetreten, zu dem er mir in der Pause verraten hat, dass er ab-so-lut untauglich ist! Bei der nächsten Grabung möchte er unbedingt wieder eine Karre aus deutscher Produktion fahren, weil die Achse der französischen Konkurrenz auf Sandboden einfach keine Leistung bringt! Jetzt zieht der Höllenengel mit seinem Bagger inzwischen neuen Abraum zur Seite, oooh, da wird der Unparteiische wohl nivellieren müssen ...“
Die Zeichnerin schüttelte langsam grinsend ihren Kopf, hatte sich aber merklich amüsiert. Ich musste erst mal Luft holen, sah aber dann, dass Flintdolch-Micha zum Bauwagen kam. Unwillkürlich blickte ich auf die Uhr: „Oh, Micha und ich sollten gleich mal losfahren, den Grill und die Sachen holen.“
„Zum HO in Totenow?“, erkundigte Sylvia sich.
„Genau“, sagte ich, als Micha beidhändig in den Bauwagen kletterte: „Sacht mal, was lacht ihr denn hier so? Das hört man auf dem ganzen Planum. Trinkt ihr heimlich schon die erste Kanne Bier?“ Sein Mund schnitt ein breites Grinsen ins Gesicht. Sylvia schüttelte den Kopf, dabei blickte sie immer noch sehr belustigt und gleichzeitig ein wenig pikiert, dass der zweite Zeichner ihr Alkohol am Arbeitsplatz unterstellte. „Ich? Ich trink doch nicht, wenn ich zeichne! Du vielleicht?“, neckte sie Micha, der immer noch auf dem Absatz des Einstiegs kippelte und sich mit beiden Händen am Türrahmen festhielt. Der konterte nur knapp, „kein Bier vor Vier“, und drehte sich dann zu mir. „Soll’n wir eigentlich nich bald losfahren?“
„Ja, können wir machen. Hast du die anderen schon gefragt, was wir so alles holen sollen?“
Sylvia meldete an: „Für mich braucht ihr nur zwei Würstchen zu holen, mehr esse ich nicht.“
Micha notierte geistig: „Zwei Würstchen? Können wir machen.“ Dann wandte er sich wieder mir zu: „Nee, ich dachte, wir sammeln eben schnell die Bestellungen.“
„Ja, gut“, sagte ich mit angehobener Stimme, kramte mir einen leeren Fundzettelblock und einen Bleistift und stieg hinter Micha aus dem Bauwagen, der sich zuvor bereits aus dem Eingang gedreht hatte.
„Wir fahren jetzt runter zum Supermarkt“, rief Micha.
Alle Arbeiter kamen zusammen, Wernher ging in Richtung Bagger, um Stefan durch Zeichen zu verstehen zu geben, den Bagger abzustellen.
In der Zwischenzeit fragte Hans: „Stimmt das eigentlich mit Arnold? Wernher erzählte, der hat sich das Bein gebrochen?“
„Ja“, erwiderte ich, „der ist gestern von der Fotoleiter gefallen.“ Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen: „Wenn das stimmt, was seine Leute erzählt haben, muss er wie ein Rohrspatz gemotzt haben.“ Ohne den Wortlaut selbst gehört zu haben, versuchte ich mit erhöhter Stimme zu imitieren: „Welche Hackfresse hatt’enn diese Leita konstruiert, los ihr Blödsenkel, holt ’en Krankenwagen.“ Alle lächelten, taten dies jedoch nicht aus Schadenfreude, sondern ob der befremdlichen Situation, die sich in unseren Köpfen abspielte.
Stefan hatte inzwischen seinen Bagger ausgemacht und Wernher rief ihm von unten zu: „Die zwee-e fahrn jetz zum Konn-summ. Solln die dir wat zum Verschnabuliern mitbringn?“
Stefan lehnte sich in seinem Bagger nach vorn, die Arme über Kreuz und antwortete: „Nee, ick hab mir doch Fisch mitjebracht.“
Dieter bestellte inzwischen bei uns: „Also, ich hätte gerne Würstchen. Und ein Kotelett“, wusste er mit erhobenem Zeigefinger.
„Ja“, freute sich Wernher, „son Kotelett is wat feinet“, er strahlte erst übers ganze Gesicht und ermahnte uns dann „aber holt bloß son mariniertet, nich son trockenen Plunda.“ Dann drehte er sich zu Hans: „Willste nich ooch ’n Kotelett?“
Hans lehnte ab, „Nein, ich nehme lieber ein kleines Schweinenackensteak, wenn die sowas haben. Ein oder zwei Würstchen aber auch.“
Jan wunderte sich: „Ihr esst ja alle nur Schwein? Ich will ein richtiges Tier. Bringt mir mal ein schönes Stück Rinderfilet.“ Mit seinen Händen und einem „Etwa so groß“ zeichnete er uns die korrekte Größe vor.
„Rinderfilet?“, wunderte sich Wernher, „dit wird ja janz trockn uff’m Jrill!“, und schüttelte den Kopf.
Mir entrutschte nur ein „suum cuique“, das ich zwar mehr für mich brummelte, von Jan aber trotzdem gehört wurde.
„Das Schwein quiekte?“, fragte er, „Ich hab doch gesagt, ich will Rind?!“, sprach er verwirrt.
Ich erklärte: „Das heißt: Jedem das seine“, und lenkte ab mit: „Was wollt ihr denn trinken?“ Dieter und Stefan fragten nach Bier, dazu wollten sie sich mit Micha ein Sixpack teilen. Der ehemalige Spediteur Wernher bestand dagegen auf alkoholfreiem Bier, was ich nachvollziehen konnte, weil ich denselben Gedanken gehabt hatte. Jan fragte nach Cola, nach Bier war ihm tagsüber überhaupt nicht. Hans winkte ab, er hatte ja seine polnische Limo, und in der Halbliterflasche war „sowieso viel zu viel!“
Als ich mit Micha zum Wagen ging, hörten wir noch im Hintergrund den Anfang der Geschichte, die Jan stets zum Besten gab, wenn das Stichwort Limonade fiel, und die jeder auf der Grabung schon mehrfach gehört hatte. Er erzählte dann in allen Einzelheiten, wie er einmal als Kind einen Finger in eine Limonadenflasche gesteckt, die Flasche geschüttelt und den Finger plötzlich herausgezogen hatte. Angeblich war dann der gesamte Inhalt der Flasche an die Decke der heimischen Küche gespritzt. Der Zeichner und ich waren froh, die Geschichte nicht ein weiteres Mal erzählt zu bekommen.
Direkt morgens wurde ich von einem lachenden Dieter mit der Frage begrüßt, ob ich den Willen zum Grillen in mir verspürte. Ich bejahte und schmunzelte über den eher lauen Witz. Irgendwann kurz vor Mittag wollte ich dann zusammen mit Micha zum Supermarkt im Ort fahren, um den Grill, die Kohle und für alle zusammen Würstchen, Fleisch und Getränke einzukaufen. Zuvor schaufelten, putzten und zeichneten die Arbeiter und Micha auf dem Grabungsfeld. Baggerfahrer Stefan schob Abraum zur Seite und half beim Ausnehmen größerer Siedlungsgruben mit dem Anlegen von Arbeitsgruben. Sylvia war derweil im Bauwagen damit beschäftigt, ihre letzten Zeichnungen in den Übersichtsplan kleineren Maßstabs umzuzeichnen, den ich für die spätere Bearbeitung zur Hand haben wollte. Ich saß ihr dabei gegenüber und füllte auf dem grundsiffigen Tisch die letzten Formulare aus, die in dieser Woche noch unbearbeitet geblieben waren.
Kurz vor Mittag stand ich auf, um mich zu strecken, und blickte aus dem Fenster des Bauwagens.
„Irgendwie ist das sehr surreal, von hier betrachtet.“
„Was meinst du?“
Mit einer zweifelnden Überlegung schüttelte ich zweimal den Kopf: „Na, es wirkt wie eine Mannschaftssportart, was die draußen veranstalten. – Herzlich willkommen“, imitierte ich aus dem Stegreif einen fiktiven Radioreporter, „zum zweiten Viertel unserer heutigen Grabungsübertragung, mein Name ist Paul Eggers und ich darf Sie herzlich begrüßen zu diesem außerordentlich spannenden Spiel.“ Sylvia grinste merklich, zeichnete aber konzentriert weiter. Ich steigerte mich: „Wir sind heute auf dem Feld von Totenow in der Maxim-Senff-Gedächtnis-Arena, und es ist ein Heimspiel der Totenower Sandteufel. Für die Sandteufel sind angetreten: Als Kapitän Benny Frandsen, auch bekannt unter seinem Spitznamen Flintdolch-Micha, in der Verteidigung an der Schaufel Dieter ,Popeye' Räumer und an der Schubkarre Hans Gros, der Rasenmähermann.“ Sylvia lachte. „Gäste sind die Wossi-All Stars, eine gemischte Ost-West-Auswahlmannschaft, die heute mit Jan ,Robin Hood' Retzlaff als Kapitän spielen, Wernher Senger, die ,märkische Schaufel', verteidigt, und der ,Höllenengel' Stefan sitzt im Bagger. Die Begegnung wird übrigens gesponsort von Attila Furioso, der stärksten Motorsäge der Welt, ja und ich sehe gerade, die Mannschaften laufen wieder auf das Feld. Als Schiedsrichter pfeift übrigens ein Grabungsleiter, der bereits einige größere Grabungen gepfiffen hat, ich denke da beispielsweise an die Finals von Groß Plüggenthun und Lügwitz, das den meisten von uns sicherlich noch als Schlammschlacht und spannende Partie zugleich in Erinnerung geblieben sind. Ich fasse vielleicht kurz den Stand aus dem ersten Viertel zusammen: Die Sandteufel haben die Auslosung verloren und mussten sich mit den Befunden in den Quadranten C18 bis 20 zufrieden geben. Hier zeigten sich zwar mehr Störungen in Form von Drainagen, aber dafür waren hier auch deutlich weniger Befunde, die es zu bearbeiten galt. Trotz besserer Ausgangsbedingungen haben die Wossis dennoch im gesamten ersten Viertel abgesehen von ein paar lumpigen Abschlägen, die immerhin schon jungsteinzeitlich sein könnten, und einem einzigen kalzinierten Flint noch keinen Fund machen können. Da sieht die krumpelige Krümelkeramik, die die Sandteufel geborgen haben und die wir hier im Stadion gerade an der Videowand in einer Nahaufnahme bewundern können, doch wesentlich besser aus. Ja, das dürfte hinterher Punkte in der B-Note geben. Kein Zweifel. Allerdings hatten die Wossis natürlich auch einen ordentlichen Zeitverlust, als ,Robin Hood'-Retzlaff mit dem Schiedsrichter Witze machte und im Anschluss mit seiner gesamten Mannschaft eine Strafrunde auf dem Abraum schieben musste. Gerade höre ich, dass das Spiel wieder angepfiffen wird. Die Mannschaften versammeln sich vor den Quadranten, nehmen die Geräte in die Hand und“, ich rief laut: „JETZT ERTÖNT DER ANPFIFF!“
Sylvia erschreckte sich und lachte gleichzeitig, ich plapperte in einer tonlosen Schnellsprache weiter: „,Flintdolch'-Micha schwingt die Schaufel, das wird hart für ,Robin Hood'-Retzlaff, und da kommt ,Popeye' Räumer, er schaufelt, als sei der Teufel hinter ihm her, mit einem Bauchkippdreher holt er das Letzte aus seinem Sportgerät, dabei war er noch vor zwei Monaten mit einer komplizierten Sehnenscheidenentzündung in Behandlung, hoffentlich hat er da keinen Tierbau erwischt“, meine Stimme hetzte immer schneller, Sylvia blickte nun nach draußen, ganz so, als schaue sie Fernsehen, während ich selbst erstaunt war, wie schnell ich reden konnte, „gleichzeitig legt Senger, die ,märkische Schaufel', ein extrem gerades Profil an – das gibt Punkte! – aber was ist das? EIN FOUL! Hans Gros, der Rasenmähermann, fährt nur mit einer halbvollen Schubkarre zum Abraum, sieht denn das der Schiedsrichter nicht?“ Sylvia lachte wieder laut. „Dafür müsste der ,Höllenengel' mit seinem Bagger eine Freischaufel bekommen, um hinter einem Befund eine Arbeitsgrube anzulegen. Hans Gros, meine Damen und Herren, ist heute übrigens mit einem französischen Boliden angetreten, zu dem er mir in der Pause verraten hat, dass er ab-so-lut untauglich ist! Bei der nächsten Grabung möchte er unbedingt wieder eine Karre aus deutscher Produktion fahren, weil die Achse der französischen Konkurrenz auf Sandboden einfach keine Leistung bringt! Jetzt zieht der Höllenengel mit seinem Bagger inzwischen neuen Abraum zur Seite, oooh, da wird der Unparteiische wohl nivellieren müssen ...“
Die Zeichnerin schüttelte langsam grinsend ihren Kopf, hatte sich aber merklich amüsiert. Ich musste erst mal Luft holen, sah aber dann, dass Flintdolch-Micha zum Bauwagen kam. Unwillkürlich blickte ich auf die Uhr: „Oh, Micha und ich sollten gleich mal losfahren, den Grill und die Sachen holen.“
„Zum HO in Totenow?“, erkundigte Sylvia sich.
„Genau“, sagte ich, als Micha beidhändig in den Bauwagen kletterte: „Sacht mal, was lacht ihr denn hier so? Das hört man auf dem ganzen Planum. Trinkt ihr heimlich schon die erste Kanne Bier?“ Sein Mund schnitt ein breites Grinsen ins Gesicht. Sylvia schüttelte den Kopf, dabei blickte sie immer noch sehr belustigt und gleichzeitig ein wenig pikiert, dass der zweite Zeichner ihr Alkohol am Arbeitsplatz unterstellte. „Ich? Ich trink doch nicht, wenn ich zeichne! Du vielleicht?“, neckte sie Micha, der immer noch auf dem Absatz des Einstiegs kippelte und sich mit beiden Händen am Türrahmen festhielt. Der konterte nur knapp, „kein Bier vor Vier“, und drehte sich dann zu mir. „Soll’n wir eigentlich nich bald losfahren?“
„Ja, können wir machen. Hast du die anderen schon gefragt, was wir so alles holen sollen?“
Sylvia meldete an: „Für mich braucht ihr nur zwei Würstchen zu holen, mehr esse ich nicht.“
Micha notierte geistig: „Zwei Würstchen? Können wir machen.“ Dann wandte er sich wieder mir zu: „Nee, ich dachte, wir sammeln eben schnell die Bestellungen.“
„Ja, gut“, sagte ich mit angehobener Stimme, kramte mir einen leeren Fundzettelblock und einen Bleistift und stieg hinter Micha aus dem Bauwagen, der sich zuvor bereits aus dem Eingang gedreht hatte.
„Wir fahren jetzt runter zum Supermarkt“, rief Micha.
Alle Arbeiter kamen zusammen, Wernher ging in Richtung Bagger, um Stefan durch Zeichen zu verstehen zu geben, den Bagger abzustellen.
In der Zwischenzeit fragte Hans: „Stimmt das eigentlich mit Arnold? Wernher erzählte, der hat sich das Bein gebrochen?“
„Ja“, erwiderte ich, „der ist gestern von der Fotoleiter gefallen.“ Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen: „Wenn das stimmt, was seine Leute erzählt haben, muss er wie ein Rohrspatz gemotzt haben.“ Ohne den Wortlaut selbst gehört zu haben, versuchte ich mit erhöhter Stimme zu imitieren: „Welche Hackfresse hatt’enn diese Leita konstruiert, los ihr Blödsenkel, holt ’en Krankenwagen.“ Alle lächelten, taten dies jedoch nicht aus Schadenfreude, sondern ob der befremdlichen Situation, die sich in unseren Köpfen abspielte.
Stefan hatte inzwischen seinen Bagger ausgemacht und Wernher rief ihm von unten zu: „Die zwee-e fahrn jetz zum Konn-summ. Solln die dir wat zum Verschnabuliern mitbringn?“
Stefan lehnte sich in seinem Bagger nach vorn, die Arme über Kreuz und antwortete: „Nee, ick hab mir doch Fisch mitjebracht.“
Dieter bestellte inzwischen bei uns: „Also, ich hätte gerne Würstchen. Und ein Kotelett“, wusste er mit erhobenem Zeigefinger.
„Ja“, freute sich Wernher, „son Kotelett is wat feinet“, er strahlte erst übers ganze Gesicht und ermahnte uns dann „aber holt bloß son mariniertet, nich son trockenen Plunda.“ Dann drehte er sich zu Hans: „Willste nich ooch ’n Kotelett?“
Hans lehnte ab, „Nein, ich nehme lieber ein kleines Schweinenackensteak, wenn die sowas haben. Ein oder zwei Würstchen aber auch.“
Jan wunderte sich: „Ihr esst ja alle nur Schwein? Ich will ein richtiges Tier. Bringt mir mal ein schönes Stück Rinderfilet.“ Mit seinen Händen und einem „Etwa so groß“ zeichnete er uns die korrekte Größe vor.
„Rinderfilet?“, wunderte sich Wernher, „dit wird ja janz trockn uff’m Jrill!“, und schüttelte den Kopf.
Mir entrutschte nur ein „suum cuique“, das ich zwar mehr für mich brummelte, von Jan aber trotzdem gehört wurde.
„Das Schwein quiekte?“, fragte er, „Ich hab doch gesagt, ich will Rind?!“, sprach er verwirrt.
Ich erklärte: „Das heißt: Jedem das seine“, und lenkte ab mit: „Was wollt ihr denn trinken?“ Dieter und Stefan fragten nach Bier, dazu wollten sie sich mit Micha ein Sixpack teilen. Der ehemalige Spediteur Wernher bestand dagegen auf alkoholfreiem Bier, was ich nachvollziehen konnte, weil ich denselben Gedanken gehabt hatte. Jan fragte nach Cola, nach Bier war ihm tagsüber überhaupt nicht. Hans winkte ab, er hatte ja seine polnische Limo, und in der Halbliterflasche war „sowieso viel zu viel!“
Als ich mit Micha zum Wagen ging, hörten wir noch im Hintergrund den Anfang der Geschichte, die Jan stets zum Besten gab, wenn das Stichwort Limonade fiel, und die jeder auf der Grabung schon mehrfach gehört hatte. Er erzählte dann in allen Einzelheiten, wie er einmal als Kind einen Finger in eine Limonadenflasche gesteckt, die Flasche geschüttelt und den Finger plötzlich herausgezogen hatte. Angeblich war dann der gesamte Inhalt der Flasche an die Decke der heimischen Küche gespritzt. Der Zeichner und ich waren froh, die Geschichte nicht ein weiteres Mal erzählt zu bekommen.
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Sonntag, 22. März 2009
Kapitel 10.3
Leider war der nächste Baumarkt so weit und so umständlich anzufahren, dass ich erst zu Beginn der Mittagspause wieder auf der Grabung war. Ich war immer noch gut gelaunt. Nach der gestrigen Einladung durch Micha wollte ich an diesem Tag mal das Treiben in der Spielhölle von Totenow begutachten. Also kletterte ich kurz in den Nichtraucherwagen, nahm mit einem „Mahlzeit!“ meine Tasche mit dem Essen heraus, beantwortete die fragenden Blicke mit: „Ich geh mal rüber – gestern bin ich ins Casino Totenow geladen worden“, und schaukelte zu dem anderen Wagen, der bereits aus allen Ritzen und Löchern qualmte. Als ich die Tür öffnete, stand ich vor einer grauen Wand, es erschien mir wie eine Räucherkammer.
„Sagt mal, habt ihr hier nur Quarzuhren laufen?“, versuchte ich Stimmen hervorzulocken, um die Position der einzelnen Leute orten zu können. Ich wurde herzlich begrüßt, als hätten sie mich seit Wochen nicht gesehen: „Ah, der Scheff! Immer rinn int Kabuff! Willste dir nich setzn?“, fragte Stefan.
„Hier ’ne Herz Sieben, Dieter!“, plapperte Jan.
Ich hob ablehnend die flache Hand, „Nee danke, ich habe eben lang genug gesessen, außerdem bleib ich hier lieber bei der Tür, da ist die Luft besser.“ Ich stellte mich an die Wand des Bauwagens neben Dieter und sah, wie er mit einer lässig aus dem Mundwinkel hängenden Zigarette zwei Karten vom Stapel zog.
Die Räuchermännchen plapperten weiter. Jan und Dieter spielten gerade noch das Ende einer Runde aus, Micha und Stefan hatten die Partie bereits gewonnen. Vor Micha lag der Fundzettelblock, auf dessen Rückseite sie die Punkte notierten. Ich zog einen Apfel aus meiner Tasche und Stefan fragte. „Wat issten da? ’n Apfel? Willste nich ma wat richtijet? ’ne Schrippe mit Maurermarmelade?“
Ich verneinte wortlos, nahm meinen Apfel und biss krachend hinein. Jonas vertilgte ein Skinkost-Brot, er saß schräg vor dem Kopfende. Micha drehte sich wieder zu Stefan: „Wo war ich?“ Nur kurz schraubte er den Kopf zu mir und zwischenerklärte: „Ich erzähl grad ’ne Geschichte, die mir ein Raubgräber erzählt hat, den ich kenne“, dann wandte er sich wieder Stefan zu, „die haben also in dem Maisfeld eben son Bronzedepot aufgemacht, da war’n dann Beile, Schwerter und so Bronzeringe drin“, er unterstrich die Ringe, in dem seine Zeigefinger einen Ring um seinen Hals zeichneten. „Und irgendsone vernietete Blechplatte“, seine Fäuste hoben sich neben seinem Kopf, und öffneten sich schlagartig, „da gehen plötzlich so Flutlichter an, und eine Stimme ertönt“, er hielt die rechte Hand hohl vor den Mund, „hier spricht die Polizei. Keine Bewegung.“ Micha lachte. „Da haben sich dann alle auf den Boden geschmissen, sind mit den Funden aus dem Feld gerobbt und schnell ab nach Hause.“ Wieder lachte er. „Mein Bekannter hat sich tagelang nicht vor die Tür getraut, weil er immer dachte, er wird gleich abgeholt.“ Ich setzte meinen strengsten Ausdruck auf, um zu verstehen zu geben, dass ich solches Gebaren natürlich nicht gutheiße, und Micha begriff sofort: „Sowas mach ich natürlich nich“, versuchte er zu beschwichtigen und hob unterwürfig die Hände, „ich geb immer alle Funde ab.“
„Und eine Kreuz Sieben“, Jan freute sich merklich und betonte langsam: „letz-te Kar-te!“ Stefan feixte: „Ja, jib ihm Sauret!“ Dieter zog zwei weitere Karten, man sah, dass er das Spiel nicht an sich heranließ.
„Und ein Kreuz König – Mau! Na, alter Mann? Was haste denn noch auf der Hand?“
„Du Hund, bevor du deine Siebenen gespielt hast, hatt ich nur zwei Neuner – und jetzt das:“
„Haha, nur noch Bilder! Das macht, dreißig, vierzig, achtundfünfzig“, Micha notierte die Punkte, „da hat Jan dich aber noch ganz schön abgezogen. Wer ist mit Mischen dran?“
„Immer der, der fraacht!“, befahl Stefan.
Micha fragte mich: „Willst du mitspielen?“
Ich verneinte, „Nee, es reicht mir, wenn ich zugucke“, und grinste kauend.
Stefan motzte: „Boah, Kerle, dit is doch echt n Scheißspiel. Kann denn keena von euch wat Anständijet wie Arsch uff Eis oda Könich von Moabit?“ Alle schüttelten den Kopf, Micha schob die Karten zusammen und begann sie zu mischen. Ich sah Stefan an wie ein unbedrucktes Buch. „Is eem noch keena von euch im Knast jewesen.“ Wieder schüttelten alle den Kopf, Stefan fragte: „Noch nie wat ausjefressn, wa?“ Micha und Jonas schmunzelten. Micha zog die querliegenden Karten mit dem linken Daumen vom Stapel in seiner rechten Hand.
Dieter fragte: „Du, der Micha hier erzählte, die dicke Orka hat gestern angerufen? Die kommt heut nich, weil die ’n Tennisarm hat?“ Falten gruben sich in die Haut unter seine lachenden Augen, mit denen er einen nach dem anderen kurz fixierte: „Die spielt doch nie im Leben Tennis!“ Die meisten lachten dumpf auf, dann wurde es ruhig und man hörte einen Moment lang nur Michas Schlippschlippschlippschlippschlipp.
Es war offenbar ruhig genug, dass Stefan sich traute, nach Marions Spitznamen zu fragen: „Warum nennta die Dicke einklich Orka?“
„Na, das ist doch der Wal. Kennste die nich? Die schwarzweißen Killerwale?“, erklärte Dieter, und seine Hände umschrieben in der Luft etwas Großes, Dickes. Stefan nickte unwissend, blickte auf den Tisch und ließ seine Zigarettenschachtel mit der linken Hand immer wieder nervös auf den Tisch plumpsen. Da erwachte der Seemann in Dieter: „Habt ihr denn schon mal gesehen, wie ein Orka eine Robbe jagt und frisst?“ Anfangs war sein Gesichtsausdruck noch einfach nur erfreut: „Na, du stehst an der Rehling und siehst, wie sich ’ne Herde Seelöwen in den Wellen tummelt. Dann taucht immer so langsam bogend“, seine Hand beschrieb Bögen in der Luft, „eine schwarze Finne aus dem Wasser. PLÖTZLICH!“, seine Hand zuckte, „stößt der augenlose Kopf – man sieht beim Orka die Augen nämlich nicht“, erklärte er dem staunenden Jan und machte mit der Hand eine schnappende Bewegung, „und packt sich einen Seelöwen im Genick.“ Mit seiner rechten Hand fasste er sein linkes Handgelenk. Es ähnelte der Mischbewegung von Micha, der weiter schlippte. „Dann windet sich dieser riiiesige, spindelförmige Körper“, Dieter dehnte die Wörter ein wenig, um die Größe zu unterstreichen und drehte seine Fäuste zur Erklärung, während seine Augen bei jeder Silbe blitzten, „und schraubt sich mit dem Seelöwen herum. Du siehst nur zwei Körper, der eine schwarzbunt, wie ’ne Kuh, der andere dunkelbraun. Und dann schlägt der Orka den ungelenken Fettbalg auf dem Wasser hin und her, das klatscht nur so“, seine Hand klatschte einmal flach auf den Tisch, drei Feuerzeuge sprangen kurz hoch, „und das Wasser, die Gischt, das spritzt nur noch, das schäumt alles vor Blut.“ Dann biss Dieter beherzt in seine Wurststulle und steckte sich, noch während er kaute, eine Zigarette in den Mund.
Seine bildhafte Beschreibung eines Orka-Angriffs weckte Assoziationen und Bilder in meinem Kopf. Vor meinem geistigen Auge spannte sich automatisch eine trübe Leinwand, auf der sich die letztwöchigen Begegnungen mit unserer Orka projizierten und sich mit der geschilderten Attacke zu Wasser vermischten. All ihr Unvermögen, ihre Lügen und Unverschämtheiten fielen mir wieder ein. Es kam mir vor, als habe unsere Orka ihr zahnbereihtes Maul zu voll genommen. Sie hatte mit den Protzereien über ihre Fähigkeiten versucht, einen ausgewachsenen Pottwal anzugreifen, der ihr einfach über war. Die Fett gewordene Diana war zur Gejagten geworden und hatte die Flucht ergriffen.
Ich kehrte von meinen Gedanken zurück in den Raucherwagen und entdeckte erst jetzt, wie speckig und trauerrandig der Satz Baustellenkarten war. Dieter bemerkte meinen abschätzigen Blick: „Das war’n neue Karten. Die hab ich neu mitgebracht.“
Stefan lehnte seinen rechten Unterarm, an dessen Ende ein Tabakröllchen rauchte, auf den Tisch und beugte sich mit ernster Miene vor: „Ick hab neulich in de Zeitung jelesn“, so ernst wie es der Aufträger des Gesichtes von James Joyce eben konnte, „det sich in Bärlin eena totjemischt hat.“
Stefan lachte selbst am meisten über seinen „Witz“, Dieter lachte die typische Altherrenlache einer klassischen Skatrunde, und Jan bereitete sich tief konzentriert auf das nächste Spiel vor. Micha tat nur so, als ob er lachte, stoppte aber dann das Interludium und teilte aus.
Ich wunderte mich währenddessen über den vielen Qualm und darüber, dass Dieter gleichzeitig essen, rauchen und spielen konnte: „Reicht dir eigentlich nicht der Rauch von den andern? Hier ist doch so viel Rauch im Wagen, dass ihr total eingeräuchert seid.“
Stefan klinkte sich krächzend ein: „Na, dit is ja ooch jut so. Meen Opa hat immer jesacht, ’ne Bude, in die nich jeroocht wird, stinkt nach Pisse.“ Dann lachte er. „De hatte immer son Lungentorpedo int Maul jehappt.“
Micha warf die Karten einzeln vor jeden Spieler.
Ich dachte laut nach, „ich weiß nicht, mir wär das schon zu teuer.“ Die vier Spieler griffen sich nach und nach ihre Karten, dabei veranstaltete Jan ein Brimborium um jede Karte, die er erhielt.
„Das kommt ganz darauf an“, schmunzelte Jonas, „man kann auch Glück haben.“ Jan zog jede Karte einzeln über den Tisch und fluppte sie dann von der Tischkante mit katzenartiger Geschwindigkeit vor sein Gesicht. Micha stockte und unterbrach das Austeilen kurz, um dem Schweden zuzuhören. „Auf einer Grabung kamen wir mal morgens auf die Fläche. Da war alles kaputt. Der Bagger stand auf der Fläche, bei den Bauwagen waren die Dächer eingedrückt und die Wände eingerissen, und auf der Fläche lag ein kaputter Zigarettenautomat. Hähä.“ Micha ahnte die Geschichte und verteilte langsam weiter. Jan kämpfte noch immer darum, niemandem die Gelegenheit finden zu lassen, in seine Karten zu linsen. „Da haben irgendwelche Idioten im Dorf einen Automaten aus der Verankerung gerissen, den aber nicht aufgekriegt. Also sind die nachts auf unsere Grabung gefahren und haben den Bagger geknackt. Die waren aber erst zu doof, den Bagger zu bedienen, also haben die die ganzen Bauwagen auseinandergenommen. Irgendwann haben die es dann geschafft, mit der Schaufel den Automaten zu knacken, waren aber wieder zu doof, die haben nämlich nur das Geld mitgenommen“, Micha lachte jetzt beim Austeilen. Jan drückte inzwischen seinen Kopf so weit gegen die Wand des Bauwagens, dass sein Gesicht beinahe platt wurde. Der Schwede redete zu Ende, „und die Zigaretten in dem kaputten Automaten gelassen. Haha! Da hat das Grabungsteam erst mal alle Päckchen rausgenommen und gerecht geteilt. Erst danach haben wir die Bullen gerufen“, er schaute die Leute an, denen er gestern Abend von den Randalen erzählt hatte, um zu erklären: „wegen der Versicherung!“
Alle lachten – mit Ausnahme von Jan. Ich hatte bereits beim Austeilen bemerkt, dass ausgerechnet er hochkonzentriert immer wieder den Versuch unternahm, in Stefans Karten zu kiebitzen, der neben ihm saß. Dabei merkte Jan nicht einmal, dass sich alle Karten in Stefans dicken Brillengläsern spiegelten.
Stefan motzte: „Mannmannmann, wat haste mir denn da fürn Scheißblatt jejebn?“ Micha lachte jetzt aus Trotz. Dieter stimmte in das Geberbashing mit ein: „Das stimmt. Aus jedem Dorf ’n Köter. Geh mal raus, dir die Hände waschen, Micha!“
Jonas zündete sich eine Zigarette an, kramte seinen Taschenascher heraus, öffnete ihn und platzierte ihn vor sich. Er legte die Zigarette hinein, zog seine Snus-Dose aus einer anderen Tasche und knetete sich eine große Portion des schwedischen Tabakpulvers zu einem kleinen Kissen, das er sich unter die Oberlippe schob. Micha zog die oberste Karte vom Stapel, einen Herz Buben, und legte sie neben den Stapel. Stefan kommentierte: „Nu kiek ma an!“
„Dieter fängt an, was wünscht du dir?“
Dieter schaute kurz in sein Blatt: „Ich wünsch mir Kreuz, dann eröffne ich mal mit ’ner Dame.“
Jan warf stillschweigend eine Neun auf die Ablage, Stefan folgte ruhig mit einer Herz Neun. Micha legte ein Herz Ass drauf und Jan begann Streit: „Jetzt darfste doch noch eine spielen.“
„Nach ’nem Herz Ass?“ Michas Stirn runzelte sich zusammen. Stefan schnippte: „Von wegen!“ Dieter stimmte zu: „So ein Quatsch!“, und spielte ein Kreuz Ass.
„Ja natürlich nach einem Ass! Wie spielt ihr denn? Was sind das denn für Regeln? Kein Mensch spielt so.“
„Wir haben uns doch vorher drauf geeinigt. Solln wir die Regeln etwa aufschreiben?“ Alle schüttelten den Kopf.
Jan murmelte irgendetwas von „bei uns spielt man das richtig“ vor sich hin. Im Gesicht wurde er vor Wut rot, dann spielte er ein Karo Ass. Kein Wunder, dass nach dem Ass eine weitere Karte gespielt werden sollte.
„Ick kann nich“, plapperte Stefan und zog eine Karte.
„Deine Erfolge im Schlafzimmer interessieren hier nich“, amüsierte sich Micha und wieherte los. Dieter lachte ächzend mit. Dann spielte Micha eine Karo Sieben, und Dieter hörte mit dem Lachen auf. Er zog zwei Karten vom Stapel. Jans Wut verflog bei dieser Vorgabe, und er spielte feixend eine Herz Sieben. Stefan patzte ihn mit freundlicher Stimme von der Seite an: „Na, mit volln Hosen is jut stinkn“, und zog zwei Karten.
„Dann kommt jetzt meine Herz Dame!“, sagte Micha und patschte die Karte aus der Höhe auf die Ablage.
„Na, da kann se mit meiner Karierten ja Káffe trinken“, freute sich Dieter.
Jan warf eine Karo Neun hin, Stefan ließ Micha mit einer Acht aussetzen („Da biste baff, wa?“) und Dieter spielte eine Zehn.
„Ich wünsch mir Pik“, schrie Jan und spielte einen Buben dieser Farbe.
Stefan ließ Micha wieder aussetzen, dann verschlechterte Dieter Jans Laune mit einer Sieben, die der nicht weiterreichen konnte, und reizte den kleinen Jan dazu: „Wort mit X – war wohl nix!“
Jan saß mit langem Gesicht, vor das er sich weiterhin angestrengt die Karten klemmte. Er hatte die letzten beiden Karten des Stapels genommen, daher nahm Dieter inzwischen die gefüllte Ablage, legte die Sieben zur Seite und mischte die restlichen Karten neu. Dazu teilte er sie dreimal in zwei Stapel und ließ sie mit einem klingenden: Prrrrrrt! abwechselnd ineinanderflattern. Stefan spielte währenddessen stumm eine Neun. Aus den gewölbten Händen Dieters echote ein gekonntes: Flllllit!
„Ach du grüne Neune“, sagte Micha und warf eine Zehn auf den Stapel.
Dieter sammelte sich seine Handkarten wieder zusammen und rief: „Hier! Ein Ass!“
Jan parierte mit einer Dame, die Stefan mit einem Kreuz Buben deckte: „Herz!“
„Na super!“, jetzt motzte Micha und zog eine Karte.
„Echt spitze!“, schimpfte Dieter und zog eine Karte.
Jan brummelte erstaunlich leise „Eigentlich spielt man ja die Farbe vom Buben.“ Die Gesichter der anderen Spieler verdüsterte sich aber bereits, da zog er still eine Karte. Stefan verlängerte inzwischen das Elend mit einer Herz Acht. Dieter zog noch eine Karte, Jan auch. Mit einer Kreuz Acht überstrapazierte der Baggerfahrer jetzt sein Glück. Micha setzte bereits das zweite Mal in Folge aus.
Doch auch Jan musste leiden: „Hier! ’ne Kreuz Sieben“, rief Dieter fröhlich und ließ Jan zwei weitere Karten ziehen. Jetzt musste auch Stefan eine Karte vom verdeckten Stapel nehmen: „Ick kann wieda nich!“
Micha grinste still und warf einen Karo Buben auf den Stapel. „Karo!“
Sein Nachbar, der Seemann, war anscheinend bereits in leichten Mittagsschlaf verfallen und versuchte einen Pik Buben zu installieren, da ging ein Aufschrei durch die Bänke.
Stefan drohte: „Haste keene Oogn in Kopp?“, und Micha ermahnte streng: „Hey, das geht nicht! Bube auf Bube stinkt!“ Man merkte, dass er das nicht zum ersten Mal zu Dieter sagte. Dieter nahm verwirrt seinen Buben auf die Hand, stierte auf seine Karten und fragte sich selbst: „Ja, was mach ich denn dann? Dann muss ich eine ziehen.“
Der erbarmungslose Jan ließ Stefan mit einer Acht aussetzen. Micha warf einen König auf die Ablage und sprach süffisant: „Letzte Karte!“
In Jans Augen entstand nun Panik, dann fluppten eine verschwiegene Zehn, eine Neun und eine Kreuz Neun, die Micha gekonnt mit einem Herz Buben unterwarf: „Mau-Mau! Ich wünsch mir Herz.“
„Sag mal“, fragte ich Stefan, „was is’n das für Abzeichen an deinem Lederbändchen? Ein Totenschädel mit Flügeln?“ Dieter spielte inzwischen eine Herz Sieben und sorgte damit bei Jan für tiefgehende Unstimmung.
Stefan warf eine Herz Zehn ab. „Letzte Karte – wat? Ach so, du meinss mein Boulo-Tei? Meine Westannkrawatte?“, und hielt das dünne Bändchen mit dem Abzeichen vor seine Nase. „Dit is der Dess-hätt! Ick bin doch Ehrn-Hells Eyndschel!“
Dieter spielte jetzt ruhig seinen Buben: „Da! Jetz kommt aber mein Junge. Karo. Letzte Karte.“ Jan grummelte missmutig und spielte einen Karo König.
Zweifelnd betrachtete ich Stefan, das schmächtige Hemdchen, das ein Kopf kleiner war als ich: „Ehrenmitglied?“
Stefan beantwortete erst die gespielte Karte „Da, ’ne Karo Tante – Mau!“, und erklärte dann: „Ja, natürlich, ick jehör doch zum Kopp der Bick Rett Mäschien. Ick kann sofort die janze Prätorianerjaade antanzn lassn, wenn ick se brooch. Aber einklich brooch ick keene nischt, ick hab doch selba den janzen Keller voller Em-Jes und Knarren. Wenn ick nich uff Arbeet bin, denn ha’ck immer ’ne Wumme dabei.“
Dann beendete auch Dieter das Spiel: „Hier Jan: ’ne Sieben, zwei ziehen! Mau!“, und freute sich erkennbar. Ich betrachtete Stefan mit einem wahrscheinlich recht ungläubig aussehenden Blick: „Jonas erzählte gestern Abend, du hast mal in Brasilien gearbeitet?“
„Ja, natürlick!“ Stefan lehnte sich mit dem linken Ellbogen auf seinen Oberschenkel, während er mit der linken Hand die Zigarette hielt, „Da ha’ck doch ooch meene Zähne verlorn! Weeßte, ick bin doch einklich Sprengmeester. Vor zehn Jahrn bin ick russ aus Bärlin, ab nach Südamerika, nach Brasilljen. Da ha’ck denn ’n paar Jahre so Tunnels inne Berje jesprengt jehappt.“
„Aha. – Und wie hast du deine Zähne verloren?“, fragte ich, Jonas schmunzelte mit seiner ausgebeulten Oberlippe.
„Na, dit war bei eim Projekt, da jing dit dem Indscheniör nich schnell jenuch. Dit wa son Backpfeifenjesicht, dit wolltie Arbeet’n partu abkürzn. Deshalb sollt ick son jannnz jewagtet Sprengmanöver durchziehn. Damit er Zeit und Jeld sparn kann, der Fatzke.“ Er hob seine andere Hand und bildete ein schiefes Dach. „Det musste dir so vorstelln, dit dit uff son jannnz bestimmten Winkel ankommen tut. Un wenn der stumpfa wird“, das Dach seiner Hände wurde flacher, „wird det imm-mma jefährlicha. Ick hab jesacht, ja bitte, jut, kann ick machen, batt ei du itt on jur res-ponsillity.“ Da Stefan um die Englisch-Kenntisse Dieters, Jans und Michas wusste, drehte er sich jovial in die Runde und erklärte, „Also: nur uff den seine Verantwortung. Außerdem, sarick, such ick mir die fümf Arbeeta aus, die ick dafür brooch. Denn bin ick durche Reihn von die Arbeeta, fast allet nur so ausjehungerte Fijuren, so halbnackte Indianass“, er lachte, „weeßta, nur son Lendenschurz wie Tarzan um un son jammlijet Ti-Schört, und denn ha’ck mir die Leute ausjesucht, die keene Familie nich ham. Also: du, du, du, du und du.“ Stefan führte uns mit gestrecktem Finger vor, wie er die Arbeiter ausgewählt hatte. „Denn sinn wa in dem Berch und ham die Sprengladungen anjebracht – naja und wat soll ick saa’n. ’türlick is et schief jeloofn. De halbe Berch is zusammjebrochn. Ick wurd vaschüttet. De janze Felsen bricht zusamm, un ick mittenmang. Hätten ma lieba ne Herrenknecht genomm’. Nach zween Tagn hamse mir dann russjeholt. De Indianers warn alle tot jewesn. Un ick? Ick hatte alle Zähne kaputt, fast alle Knochen jebrochn jehappt, die Beene, die Rippn, allet. Ick hab ja n halbet Jahr in Brasilljen im Spitaal jelejn. Det kann ich euch saa’n, dit wa jar nich schön. Ewich diese Hitze. Det jloobt-a nich. Un der Jestank. – Bah!“ Seine Gesicht drehte sich mit geschlossenen Augen zum Fenster, als spucke er angewidert aus. „Weeßta, ick hab ma in Kaschmir, da wa ick mit meina Harley jewesn, da ha’ck son Lepra-Laga jesehn – det hat lang nich so jestunkn, wie det Spitaal da in Brasilljen. – Na, un seitdem bin ick Frührentna. Ick muss ja nischt arbeetn jehn. Ick hab ooch so mein Auskomm. Aba wenn ick noch son bissken nebenbei bagga, denn kann ick mir dit in die Tasche steckn, weeßte.“ Er machte mit der rechten Hand eine drehende Bewegung zur Hosentasche.
Die Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf die Spielkarten auf dem Tisch.
„Was haste noch auf der Hand?“, fragte der große Micha den kleinen Jan.
„Hier, fünf Bilder, macht fünfzig.“
Dieter mischte sich ein: „Nee, ich hab dir noch ’ne Sieben gespielt, du musst noch zwei ziehen!“
„Was?“ Jan wurde ungehalten, man merkte, er fühlte sich ertappt. Er hatte gehofft, Stefans Geschichte hätte uns vom Spielende abgelenkt.
„Natürlich, du musst doch Dieters Zug noch beenden“, pflichtete auch Micha bei, und Stefan nickte nachdrücklich, „Du musst noch ziehn!“ Micha zog die obersten Karten vom Stapel, es waren zwei Asse.
„WAS? Das ist doch Betrug! Erst krieg ich eben die ganzen Siebenen und muss ständig aussetzen und jetzt das! Wie spielt ihr denn? Ihr habt euch doch die Regeln ausgedacht, das spielt man nur bei uns richtig!“
„Wenn du meinst“, ließ Micha Jan schwatzen und rechnete ihm siebzig Punkte an.
„Das ist Betrug! Mit euch spiel ich nich mehr!“, schrie der kleine Mann, packte seine Sachen und stiefelte wutentbrannt aus dem Bauwagen. Als er draußen war, sagte Micha „Na, hoffentlich“, Stefan sekundierte noch: „Son kleena Stänkafritze – den ha’ck jefressn!“, und alle lachten gedämpft.
Ich blickte auf die Uhr: „Na, dann lasst uns mal weitermachen.“ Die Raucher räumten den Kram vom Tisch und standen auf. Jonas und ich machten Platz, damit die vier Spieler sich aus den Bänken drängeln konnten. Dann trotteten wir nach und nach aus dem Bauwagen.
„Sagt mal, habt ihr hier nur Quarzuhren laufen?“, versuchte ich Stimmen hervorzulocken, um die Position der einzelnen Leute orten zu können. Ich wurde herzlich begrüßt, als hätten sie mich seit Wochen nicht gesehen: „Ah, der Scheff! Immer rinn int Kabuff! Willste dir nich setzn?“, fragte Stefan.
„Hier ’ne Herz Sieben, Dieter!“, plapperte Jan.
Ich hob ablehnend die flache Hand, „Nee danke, ich habe eben lang genug gesessen, außerdem bleib ich hier lieber bei der Tür, da ist die Luft besser.“ Ich stellte mich an die Wand des Bauwagens neben Dieter und sah, wie er mit einer lässig aus dem Mundwinkel hängenden Zigarette zwei Karten vom Stapel zog.
Die Räuchermännchen plapperten weiter. Jan und Dieter spielten gerade noch das Ende einer Runde aus, Micha und Stefan hatten die Partie bereits gewonnen. Vor Micha lag der Fundzettelblock, auf dessen Rückseite sie die Punkte notierten. Ich zog einen Apfel aus meiner Tasche und Stefan fragte. „Wat issten da? ’n Apfel? Willste nich ma wat richtijet? ’ne Schrippe mit Maurermarmelade?“
Ich verneinte wortlos, nahm meinen Apfel und biss krachend hinein. Jonas vertilgte ein Skinkost-Brot, er saß schräg vor dem Kopfende. Micha drehte sich wieder zu Stefan: „Wo war ich?“ Nur kurz schraubte er den Kopf zu mir und zwischenerklärte: „Ich erzähl grad ’ne Geschichte, die mir ein Raubgräber erzählt hat, den ich kenne“, dann wandte er sich wieder Stefan zu, „die haben also in dem Maisfeld eben son Bronzedepot aufgemacht, da war’n dann Beile, Schwerter und so Bronzeringe drin“, er unterstrich die Ringe, in dem seine Zeigefinger einen Ring um seinen Hals zeichneten. „Und irgendsone vernietete Blechplatte“, seine Fäuste hoben sich neben seinem Kopf, und öffneten sich schlagartig, „da gehen plötzlich so Flutlichter an, und eine Stimme ertönt“, er hielt die rechte Hand hohl vor den Mund, „hier spricht die Polizei. Keine Bewegung.“ Micha lachte. „Da haben sich dann alle auf den Boden geschmissen, sind mit den Funden aus dem Feld gerobbt und schnell ab nach Hause.“ Wieder lachte er. „Mein Bekannter hat sich tagelang nicht vor die Tür getraut, weil er immer dachte, er wird gleich abgeholt.“ Ich setzte meinen strengsten Ausdruck auf, um zu verstehen zu geben, dass ich solches Gebaren natürlich nicht gutheiße, und Micha begriff sofort: „Sowas mach ich natürlich nich“, versuchte er zu beschwichtigen und hob unterwürfig die Hände, „ich geb immer alle Funde ab.“
„Und eine Kreuz Sieben“, Jan freute sich merklich und betonte langsam: „letz-te Kar-te!“ Stefan feixte: „Ja, jib ihm Sauret!“ Dieter zog zwei weitere Karten, man sah, dass er das Spiel nicht an sich heranließ.
„Und ein Kreuz König – Mau! Na, alter Mann? Was haste denn noch auf der Hand?“
„Du Hund, bevor du deine Siebenen gespielt hast, hatt ich nur zwei Neuner – und jetzt das:“
„Haha, nur noch Bilder! Das macht, dreißig, vierzig, achtundfünfzig“, Micha notierte die Punkte, „da hat Jan dich aber noch ganz schön abgezogen. Wer ist mit Mischen dran?“
„Immer der, der fraacht!“, befahl Stefan.
Micha fragte mich: „Willst du mitspielen?“
Ich verneinte, „Nee, es reicht mir, wenn ich zugucke“, und grinste kauend.
Stefan motzte: „Boah, Kerle, dit is doch echt n Scheißspiel. Kann denn keena von euch wat Anständijet wie Arsch uff Eis oda Könich von Moabit?“ Alle schüttelten den Kopf, Micha schob die Karten zusammen und begann sie zu mischen. Ich sah Stefan an wie ein unbedrucktes Buch. „Is eem noch keena von euch im Knast jewesen.“ Wieder schüttelten alle den Kopf, Stefan fragte: „Noch nie wat ausjefressn, wa?“ Micha und Jonas schmunzelten. Micha zog die querliegenden Karten mit dem linken Daumen vom Stapel in seiner rechten Hand.
Dieter fragte: „Du, der Micha hier erzählte, die dicke Orka hat gestern angerufen? Die kommt heut nich, weil die ’n Tennisarm hat?“ Falten gruben sich in die Haut unter seine lachenden Augen, mit denen er einen nach dem anderen kurz fixierte: „Die spielt doch nie im Leben Tennis!“ Die meisten lachten dumpf auf, dann wurde es ruhig und man hörte einen Moment lang nur Michas Schlippschlippschlippschlippschlipp.
Es war offenbar ruhig genug, dass Stefan sich traute, nach Marions Spitznamen zu fragen: „Warum nennta die Dicke einklich Orka?“
„Na, das ist doch der Wal. Kennste die nich? Die schwarzweißen Killerwale?“, erklärte Dieter, und seine Hände umschrieben in der Luft etwas Großes, Dickes. Stefan nickte unwissend, blickte auf den Tisch und ließ seine Zigarettenschachtel mit der linken Hand immer wieder nervös auf den Tisch plumpsen. Da erwachte der Seemann in Dieter: „Habt ihr denn schon mal gesehen, wie ein Orka eine Robbe jagt und frisst?“ Anfangs war sein Gesichtsausdruck noch einfach nur erfreut: „Na, du stehst an der Rehling und siehst, wie sich ’ne Herde Seelöwen in den Wellen tummelt. Dann taucht immer so langsam bogend“, seine Hand beschrieb Bögen in der Luft, „eine schwarze Finne aus dem Wasser. PLÖTZLICH!“, seine Hand zuckte, „stößt der augenlose Kopf – man sieht beim Orka die Augen nämlich nicht“, erklärte er dem staunenden Jan und machte mit der Hand eine schnappende Bewegung, „und packt sich einen Seelöwen im Genick.“ Mit seiner rechten Hand fasste er sein linkes Handgelenk. Es ähnelte der Mischbewegung von Micha, der weiter schlippte. „Dann windet sich dieser riiiesige, spindelförmige Körper“, Dieter dehnte die Wörter ein wenig, um die Größe zu unterstreichen und drehte seine Fäuste zur Erklärung, während seine Augen bei jeder Silbe blitzten, „und schraubt sich mit dem Seelöwen herum. Du siehst nur zwei Körper, der eine schwarzbunt, wie ’ne Kuh, der andere dunkelbraun. Und dann schlägt der Orka den ungelenken Fettbalg auf dem Wasser hin und her, das klatscht nur so“, seine Hand klatschte einmal flach auf den Tisch, drei Feuerzeuge sprangen kurz hoch, „und das Wasser, die Gischt, das spritzt nur noch, das schäumt alles vor Blut.“ Dann biss Dieter beherzt in seine Wurststulle und steckte sich, noch während er kaute, eine Zigarette in den Mund.
Seine bildhafte Beschreibung eines Orka-Angriffs weckte Assoziationen und Bilder in meinem Kopf. Vor meinem geistigen Auge spannte sich automatisch eine trübe Leinwand, auf der sich die letztwöchigen Begegnungen mit unserer Orka projizierten und sich mit der geschilderten Attacke zu Wasser vermischten. All ihr Unvermögen, ihre Lügen und Unverschämtheiten fielen mir wieder ein. Es kam mir vor, als habe unsere Orka ihr zahnbereihtes Maul zu voll genommen. Sie hatte mit den Protzereien über ihre Fähigkeiten versucht, einen ausgewachsenen Pottwal anzugreifen, der ihr einfach über war. Die Fett gewordene Diana war zur Gejagten geworden und hatte die Flucht ergriffen.
Ich kehrte von meinen Gedanken zurück in den Raucherwagen und entdeckte erst jetzt, wie speckig und trauerrandig der Satz Baustellenkarten war. Dieter bemerkte meinen abschätzigen Blick: „Das war’n neue Karten. Die hab ich neu mitgebracht.“
Stefan lehnte seinen rechten Unterarm, an dessen Ende ein Tabakröllchen rauchte, auf den Tisch und beugte sich mit ernster Miene vor: „Ick hab neulich in de Zeitung jelesn“, so ernst wie es der Aufträger des Gesichtes von James Joyce eben konnte, „det sich in Bärlin eena totjemischt hat.“
Stefan lachte selbst am meisten über seinen „Witz“, Dieter lachte die typische Altherrenlache einer klassischen Skatrunde, und Jan bereitete sich tief konzentriert auf das nächste Spiel vor. Micha tat nur so, als ob er lachte, stoppte aber dann das Interludium und teilte aus.
Ich wunderte mich währenddessen über den vielen Qualm und darüber, dass Dieter gleichzeitig essen, rauchen und spielen konnte: „Reicht dir eigentlich nicht der Rauch von den andern? Hier ist doch so viel Rauch im Wagen, dass ihr total eingeräuchert seid.“
Stefan klinkte sich krächzend ein: „Na, dit is ja ooch jut so. Meen Opa hat immer jesacht, ’ne Bude, in die nich jeroocht wird, stinkt nach Pisse.“ Dann lachte er. „De hatte immer son Lungentorpedo int Maul jehappt.“
Micha warf die Karten einzeln vor jeden Spieler.
Ich dachte laut nach, „ich weiß nicht, mir wär das schon zu teuer.“ Die vier Spieler griffen sich nach und nach ihre Karten, dabei veranstaltete Jan ein Brimborium um jede Karte, die er erhielt.
„Das kommt ganz darauf an“, schmunzelte Jonas, „man kann auch Glück haben.“ Jan zog jede Karte einzeln über den Tisch und fluppte sie dann von der Tischkante mit katzenartiger Geschwindigkeit vor sein Gesicht. Micha stockte und unterbrach das Austeilen kurz, um dem Schweden zuzuhören. „Auf einer Grabung kamen wir mal morgens auf die Fläche. Da war alles kaputt. Der Bagger stand auf der Fläche, bei den Bauwagen waren die Dächer eingedrückt und die Wände eingerissen, und auf der Fläche lag ein kaputter Zigarettenautomat. Hähä.“ Micha ahnte die Geschichte und verteilte langsam weiter. Jan kämpfte noch immer darum, niemandem die Gelegenheit finden zu lassen, in seine Karten zu linsen. „Da haben irgendwelche Idioten im Dorf einen Automaten aus der Verankerung gerissen, den aber nicht aufgekriegt. Also sind die nachts auf unsere Grabung gefahren und haben den Bagger geknackt. Die waren aber erst zu doof, den Bagger zu bedienen, also haben die die ganzen Bauwagen auseinandergenommen. Irgendwann haben die es dann geschafft, mit der Schaufel den Automaten zu knacken, waren aber wieder zu doof, die haben nämlich nur das Geld mitgenommen“, Micha lachte jetzt beim Austeilen. Jan drückte inzwischen seinen Kopf so weit gegen die Wand des Bauwagens, dass sein Gesicht beinahe platt wurde. Der Schwede redete zu Ende, „und die Zigaretten in dem kaputten Automaten gelassen. Haha! Da hat das Grabungsteam erst mal alle Päckchen rausgenommen und gerecht geteilt. Erst danach haben wir die Bullen gerufen“, er schaute die Leute an, denen er gestern Abend von den Randalen erzählt hatte, um zu erklären: „wegen der Versicherung!“
Alle lachten – mit Ausnahme von Jan. Ich hatte bereits beim Austeilen bemerkt, dass ausgerechnet er hochkonzentriert immer wieder den Versuch unternahm, in Stefans Karten zu kiebitzen, der neben ihm saß. Dabei merkte Jan nicht einmal, dass sich alle Karten in Stefans dicken Brillengläsern spiegelten.
Stefan motzte: „Mannmannmann, wat haste mir denn da fürn Scheißblatt jejebn?“ Micha lachte jetzt aus Trotz. Dieter stimmte in das Geberbashing mit ein: „Das stimmt. Aus jedem Dorf ’n Köter. Geh mal raus, dir die Hände waschen, Micha!“
Jonas zündete sich eine Zigarette an, kramte seinen Taschenascher heraus, öffnete ihn und platzierte ihn vor sich. Er legte die Zigarette hinein, zog seine Snus-Dose aus einer anderen Tasche und knetete sich eine große Portion des schwedischen Tabakpulvers zu einem kleinen Kissen, das er sich unter die Oberlippe schob. Micha zog die oberste Karte vom Stapel, einen Herz Buben, und legte sie neben den Stapel. Stefan kommentierte: „Nu kiek ma an!“
„Dieter fängt an, was wünscht du dir?“
Dieter schaute kurz in sein Blatt: „Ich wünsch mir Kreuz, dann eröffne ich mal mit ’ner Dame.“
Jan warf stillschweigend eine Neun auf die Ablage, Stefan folgte ruhig mit einer Herz Neun. Micha legte ein Herz Ass drauf und Jan begann Streit: „Jetzt darfste doch noch eine spielen.“
„Nach ’nem Herz Ass?“ Michas Stirn runzelte sich zusammen. Stefan schnippte: „Von wegen!“ Dieter stimmte zu: „So ein Quatsch!“, und spielte ein Kreuz Ass.
„Ja natürlich nach einem Ass! Wie spielt ihr denn? Was sind das denn für Regeln? Kein Mensch spielt so.“
„Wir haben uns doch vorher drauf geeinigt. Solln wir die Regeln etwa aufschreiben?“ Alle schüttelten den Kopf.
Jan murmelte irgendetwas von „bei uns spielt man das richtig“ vor sich hin. Im Gesicht wurde er vor Wut rot, dann spielte er ein Karo Ass. Kein Wunder, dass nach dem Ass eine weitere Karte gespielt werden sollte.
„Ick kann nich“, plapperte Stefan und zog eine Karte.
„Deine Erfolge im Schlafzimmer interessieren hier nich“, amüsierte sich Micha und wieherte los. Dieter lachte ächzend mit. Dann spielte Micha eine Karo Sieben, und Dieter hörte mit dem Lachen auf. Er zog zwei Karten vom Stapel. Jans Wut verflog bei dieser Vorgabe, und er spielte feixend eine Herz Sieben. Stefan patzte ihn mit freundlicher Stimme von der Seite an: „Na, mit volln Hosen is jut stinkn“, und zog zwei Karten.
„Dann kommt jetzt meine Herz Dame!“, sagte Micha und patschte die Karte aus der Höhe auf die Ablage.
„Na, da kann se mit meiner Karierten ja Káffe trinken“, freute sich Dieter.
Jan warf eine Karo Neun hin, Stefan ließ Micha mit einer Acht aussetzen („Da biste baff, wa?“) und Dieter spielte eine Zehn.
„Ich wünsch mir Pik“, schrie Jan und spielte einen Buben dieser Farbe.
Stefan ließ Micha wieder aussetzen, dann verschlechterte Dieter Jans Laune mit einer Sieben, die der nicht weiterreichen konnte, und reizte den kleinen Jan dazu: „Wort mit X – war wohl nix!“
Jan saß mit langem Gesicht, vor das er sich weiterhin angestrengt die Karten klemmte. Er hatte die letzten beiden Karten des Stapels genommen, daher nahm Dieter inzwischen die gefüllte Ablage, legte die Sieben zur Seite und mischte die restlichen Karten neu. Dazu teilte er sie dreimal in zwei Stapel und ließ sie mit einem klingenden: Prrrrrrt! abwechselnd ineinanderflattern. Stefan spielte währenddessen stumm eine Neun. Aus den gewölbten Händen Dieters echote ein gekonntes: Flllllit!
„Ach du grüne Neune“, sagte Micha und warf eine Zehn auf den Stapel.
Dieter sammelte sich seine Handkarten wieder zusammen und rief: „Hier! Ein Ass!“
Jan parierte mit einer Dame, die Stefan mit einem Kreuz Buben deckte: „Herz!“
„Na super!“, jetzt motzte Micha und zog eine Karte.
„Echt spitze!“, schimpfte Dieter und zog eine Karte.
Jan brummelte erstaunlich leise „Eigentlich spielt man ja die Farbe vom Buben.“ Die Gesichter der anderen Spieler verdüsterte sich aber bereits, da zog er still eine Karte. Stefan verlängerte inzwischen das Elend mit einer Herz Acht. Dieter zog noch eine Karte, Jan auch. Mit einer Kreuz Acht überstrapazierte der Baggerfahrer jetzt sein Glück. Micha setzte bereits das zweite Mal in Folge aus.
Doch auch Jan musste leiden: „Hier! ’ne Kreuz Sieben“, rief Dieter fröhlich und ließ Jan zwei weitere Karten ziehen. Jetzt musste auch Stefan eine Karte vom verdeckten Stapel nehmen: „Ick kann wieda nich!“
Micha grinste still und warf einen Karo Buben auf den Stapel. „Karo!“
Sein Nachbar, der Seemann, war anscheinend bereits in leichten Mittagsschlaf verfallen und versuchte einen Pik Buben zu installieren, da ging ein Aufschrei durch die Bänke.
Stefan drohte: „Haste keene Oogn in Kopp?“, und Micha ermahnte streng: „Hey, das geht nicht! Bube auf Bube stinkt!“ Man merkte, dass er das nicht zum ersten Mal zu Dieter sagte. Dieter nahm verwirrt seinen Buben auf die Hand, stierte auf seine Karten und fragte sich selbst: „Ja, was mach ich denn dann? Dann muss ich eine ziehen.“
Der erbarmungslose Jan ließ Stefan mit einer Acht aussetzen. Micha warf einen König auf die Ablage und sprach süffisant: „Letzte Karte!“
In Jans Augen entstand nun Panik, dann fluppten eine verschwiegene Zehn, eine Neun und eine Kreuz Neun, die Micha gekonnt mit einem Herz Buben unterwarf: „Mau-Mau! Ich wünsch mir Herz.“
„Sag mal“, fragte ich Stefan, „was is’n das für Abzeichen an deinem Lederbändchen? Ein Totenschädel mit Flügeln?“ Dieter spielte inzwischen eine Herz Sieben und sorgte damit bei Jan für tiefgehende Unstimmung.
Stefan warf eine Herz Zehn ab. „Letzte Karte – wat? Ach so, du meinss mein Boulo-Tei? Meine Westannkrawatte?“, und hielt das dünne Bändchen mit dem Abzeichen vor seine Nase. „Dit is der Dess-hätt! Ick bin doch Ehrn-Hells Eyndschel!“
Dieter spielte jetzt ruhig seinen Buben: „Da! Jetz kommt aber mein Junge. Karo. Letzte Karte.“ Jan grummelte missmutig und spielte einen Karo König.
Zweifelnd betrachtete ich Stefan, das schmächtige Hemdchen, das ein Kopf kleiner war als ich: „Ehrenmitglied?“
Stefan beantwortete erst die gespielte Karte „Da, ’ne Karo Tante – Mau!“, und erklärte dann: „Ja, natürlich, ick jehör doch zum Kopp der Bick Rett Mäschien. Ick kann sofort die janze Prätorianerjaade antanzn lassn, wenn ick se brooch. Aber einklich brooch ick keene nischt, ick hab doch selba den janzen Keller voller Em-Jes und Knarren. Wenn ick nich uff Arbeet bin, denn ha’ck immer ’ne Wumme dabei.“
Dann beendete auch Dieter das Spiel: „Hier Jan: ’ne Sieben, zwei ziehen! Mau!“, und freute sich erkennbar. Ich betrachtete Stefan mit einem wahrscheinlich recht ungläubig aussehenden Blick: „Jonas erzählte gestern Abend, du hast mal in Brasilien gearbeitet?“
„Ja, natürlick!“ Stefan lehnte sich mit dem linken Ellbogen auf seinen Oberschenkel, während er mit der linken Hand die Zigarette hielt, „Da ha’ck doch ooch meene Zähne verlorn! Weeßte, ick bin doch einklich Sprengmeester. Vor zehn Jahrn bin ick russ aus Bärlin, ab nach Südamerika, nach Brasilljen. Da ha’ck denn ’n paar Jahre so Tunnels inne Berje jesprengt jehappt.“
„Aha. – Und wie hast du deine Zähne verloren?“, fragte ich, Jonas schmunzelte mit seiner ausgebeulten Oberlippe.
„Na, dit war bei eim Projekt, da jing dit dem Indscheniör nich schnell jenuch. Dit wa son Backpfeifenjesicht, dit wolltie Arbeet’n partu abkürzn. Deshalb sollt ick son jannnz jewagtet Sprengmanöver durchziehn. Damit er Zeit und Jeld sparn kann, der Fatzke.“ Er hob seine andere Hand und bildete ein schiefes Dach. „Det musste dir so vorstelln, dit dit uff son jannnz bestimmten Winkel ankommen tut. Un wenn der stumpfa wird“, das Dach seiner Hände wurde flacher, „wird det imm-mma jefährlicha. Ick hab jesacht, ja bitte, jut, kann ick machen, batt ei du itt on jur res-ponsillity.“ Da Stefan um die Englisch-Kenntisse Dieters, Jans und Michas wusste, drehte er sich jovial in die Runde und erklärte, „Also: nur uff den seine Verantwortung. Außerdem, sarick, such ick mir die fümf Arbeeta aus, die ick dafür brooch. Denn bin ick durche Reihn von die Arbeeta, fast allet nur so ausjehungerte Fijuren, so halbnackte Indianass“, er lachte, „weeßta, nur son Lendenschurz wie Tarzan um un son jammlijet Ti-Schört, und denn ha’ck mir die Leute ausjesucht, die keene Familie nich ham. Also: du, du, du, du und du.“ Stefan führte uns mit gestrecktem Finger vor, wie er die Arbeiter ausgewählt hatte. „Denn sinn wa in dem Berch und ham die Sprengladungen anjebracht – naja und wat soll ick saa’n. ’türlick is et schief jeloofn. De halbe Berch is zusammjebrochn. Ick wurd vaschüttet. De janze Felsen bricht zusamm, un ick mittenmang. Hätten ma lieba ne Herrenknecht genomm’. Nach zween Tagn hamse mir dann russjeholt. De Indianers warn alle tot jewesn. Un ick? Ick hatte alle Zähne kaputt, fast alle Knochen jebrochn jehappt, die Beene, die Rippn, allet. Ick hab ja n halbet Jahr in Brasilljen im Spitaal jelejn. Det kann ich euch saa’n, dit wa jar nich schön. Ewich diese Hitze. Det jloobt-a nich. Un der Jestank. – Bah!“ Seine Gesicht drehte sich mit geschlossenen Augen zum Fenster, als spucke er angewidert aus. „Weeßta, ick hab ma in Kaschmir, da wa ick mit meina Harley jewesn, da ha’ck son Lepra-Laga jesehn – det hat lang nich so jestunkn, wie det Spitaal da in Brasilljen. – Na, un seitdem bin ick Frührentna. Ick muss ja nischt arbeetn jehn. Ick hab ooch so mein Auskomm. Aba wenn ick noch son bissken nebenbei bagga, denn kann ick mir dit in die Tasche steckn, weeßte.“ Er machte mit der rechten Hand eine drehende Bewegung zur Hosentasche.
Die Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf die Spielkarten auf dem Tisch.
„Was haste noch auf der Hand?“, fragte der große Micha den kleinen Jan.
„Hier, fünf Bilder, macht fünfzig.“
Dieter mischte sich ein: „Nee, ich hab dir noch ’ne Sieben gespielt, du musst noch zwei ziehen!“
„Was?“ Jan wurde ungehalten, man merkte, er fühlte sich ertappt. Er hatte gehofft, Stefans Geschichte hätte uns vom Spielende abgelenkt.
„Natürlich, du musst doch Dieters Zug noch beenden“, pflichtete auch Micha bei, und Stefan nickte nachdrücklich, „Du musst noch ziehn!“ Micha zog die obersten Karten vom Stapel, es waren zwei Asse.
„WAS? Das ist doch Betrug! Erst krieg ich eben die ganzen Siebenen und muss ständig aussetzen und jetzt das! Wie spielt ihr denn? Ihr habt euch doch die Regeln ausgedacht, das spielt man nur bei uns richtig!“
„Wenn du meinst“, ließ Micha Jan schwatzen und rechnete ihm siebzig Punkte an.
„Das ist Betrug! Mit euch spiel ich nich mehr!“, schrie der kleine Mann, packte seine Sachen und stiefelte wutentbrannt aus dem Bauwagen. Als er draußen war, sagte Micha „Na, hoffentlich“, Stefan sekundierte noch: „Son kleena Stänkafritze – den ha’ck jefressn!“, und alle lachten gedämpft.
Ich blickte auf die Uhr: „Na, dann lasst uns mal weitermachen.“ Die Raucher räumten den Kram vom Tisch und standen auf. Jonas und ich machten Platz, damit die vier Spieler sich aus den Bänken drängeln konnten. Dann trotteten wir nach und nach aus dem Bauwagen.
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Samstag, 14. März 2009
Kapitel 10.1
Etwas überraschend pendelte ich am nächsten Morgen als letzter in die Küche. Alle anderen saßen schon über ihrem Frühstück, das bei den meisten lediglich aus einer Tasse Instantkaffee bestand.
„Morgen!“, grüßte ich in die Runde und erhielt verschlafene Reaktionen von allen. „Na, wie lange habt ihr noch gemacht?“, fragte ich mit einem leicht höhnischen Ton.
„Nicht mehr so lange“, sprach Micha für den Rest, „die meisten sind nach dem Paperspiel in die Falle, nur Jan is noch raus, um sich ein Lagerfeuer aus dem Schrottholz von nebenan zu machen.“
„Ein Lagerfeu-?“
„Ja natürlich!“, stratzte Jan mir ins Wort, „das is doch urst gemütlich! Das könnt ich jeden Abend haben. Also, wenn ich ein Haus draußen vorm Ort hätte und keine nervenden Nachbarn mit soner kläffenden Töle, dann würd ich das immer machen!“, sprach er fest.
Micha führte das Gespräch zu wichtigeren Dingen: „Übrigens hat Orka noch angerufen. So kurz nach eins.“
Ich staunte: „Nach eins?“
„Ja“, Micha lachte, „Jonas hatte gerade gefragt, ob er flauschig bepelzt ist“, die anderen stimmten in das Lachen ein, selbst Wernher, der überhaupt nicht wusste, worum es ging, dann wurde Micha wieder ernster: „Nee, die is krank geschrieben. Hat ’nen Tennisarm. Das Attest reicht sie nach. Hörte sich übrigens quietschfidel an, genauso schnippisch wie immer.“
„Das überrascht mich nicht. Das ist doch sowieso gelogen. Woher soll die einen Tennisarm haben? Vom Rumsitzen? Naja, dann sind wir sie wenigstens erst mal los.“ Plötzlich musste ich lachen, denn mir fiel ein: „Dolores? Habt ihr als Studenten nicht Stundenverträge?“ Dolores nickte. „Dann kriegt sie ja nicht mal Krankengeld. Im Gegenteil wird ihr das Geld noch abgezogen!“ Ich nickte gewichtig mit dem Kopf: „Die wird sich noch wundern!“
Wernher versuchte zu beschwichtigen: „Na, nu lasst doch ma det arme Mädchen in Ruhe!“
„Tut mir leid“, lehnte ich ab, „das hab ich lang genug probiert!“, und alle blickten betreten.
„Morgen!“, grüßte ich in die Runde und erhielt verschlafene Reaktionen von allen. „Na, wie lange habt ihr noch gemacht?“, fragte ich mit einem leicht höhnischen Ton.
„Nicht mehr so lange“, sprach Micha für den Rest, „die meisten sind nach dem Paperspiel in die Falle, nur Jan is noch raus, um sich ein Lagerfeuer aus dem Schrottholz von nebenan zu machen.“
„Ein Lagerfeu-?“
„Ja natürlich!“, stratzte Jan mir ins Wort, „das is doch urst gemütlich! Das könnt ich jeden Abend haben. Also, wenn ich ein Haus draußen vorm Ort hätte und keine nervenden Nachbarn mit soner kläffenden Töle, dann würd ich das immer machen!“, sprach er fest.
Micha führte das Gespräch zu wichtigeren Dingen: „Übrigens hat Orka noch angerufen. So kurz nach eins.“
Ich staunte: „Nach eins?“
„Ja“, Micha lachte, „Jonas hatte gerade gefragt, ob er flauschig bepelzt ist“, die anderen stimmten in das Lachen ein, selbst Wernher, der überhaupt nicht wusste, worum es ging, dann wurde Micha wieder ernster: „Nee, die is krank geschrieben. Hat ’nen Tennisarm. Das Attest reicht sie nach. Hörte sich übrigens quietschfidel an, genauso schnippisch wie immer.“
„Das überrascht mich nicht. Das ist doch sowieso gelogen. Woher soll die einen Tennisarm haben? Vom Rumsitzen? Naja, dann sind wir sie wenigstens erst mal los.“ Plötzlich musste ich lachen, denn mir fiel ein: „Dolores? Habt ihr als Studenten nicht Stundenverträge?“ Dolores nickte. „Dann kriegt sie ja nicht mal Krankengeld. Im Gegenteil wird ihr das Geld noch abgezogen!“ Ich nickte gewichtig mit dem Kopf: „Die wird sich noch wundern!“
Wernher versuchte zu beschwichtigen: „Na, nu lasst doch ma det arme Mädchen in Ruhe!“
„Tut mir leid“, lehnte ich ab, „das hab ich lang genug probiert!“, und alle blickten betreten.
Donnerstag, 12. März 2009
Kapitel 9.6
Ich lenkte das Gespräch von den Blutrünsteleien zurück auf die Grabung: „Na, eigentlich bin ich ganz froh, dass du mitbaggerst. Stefan ist fast so katastrophal wie Orka. Ich hab noch nie einen so miesen Baggerfahrer erlebt. Der reißt ja nur Löcher ins Planum.“
„Er sagt, das kommt von den Steinen.“
„Ich weiß, Jonas, aber das ist doch Schwachsinn. Der Boden ist weich wie Butter in der Sonne und die paar Klumpen hebst du doch auch problemlos aus dem Sand, obwohl du kaum über so viel Erfahrung verfügst wie er.“
Micha lachte: „Ja, der Stefan ist schon ein Schlawingel. Hat er dir mal von seinen Sprengversuchen in Brasilien erzählt?“ Ich verneinte. „Dann musst du ihn morgen mal fragen, der erzählt Geschichten, das glaubst du nicht.“
Im Hintergrund verabschiedete sich Dolores gerade mit sehr seltsamen Geräuschen von ihrem Gesprächspartner. Als sie wieder zum Tisch kam, schauten alle sie mit einem tief verwunderten Ausdruck an.
„Dass varren meine Katssen“, erklärte sie, „iss ’ab nok sswai Katssen in Espanja. Die muss iss immä grüßen, sonss sint die traurick.“ Um zu erklären, wie traurig ihre Haustiere sind, machte sie kurz ein trauriges Gesicht.
„Na, ich geh dann mal duschen“, verabschiedete Wieland sich. „Mach das“, rief Jan ihm nach, als ob Wieland es besonders nötig gehabt hätte.
Kaum war Wieland draußen, beschwerte sich Micha: „Der geht mir so auf den Senkel.“
„Man merkt’s.“
„Ach, dieser Idiot, der hat sich mal vor mir aufgebaut und mir ins Gesicht gesagt ,Alle Ossis sind faul. Du auch!' Der kann mich mal.“
„Na, Wieland ist zwar ein bisschen bekloppt, aber irgendwie hält man es doch mit ihm aus.“
„Ach, der kann Ossis wahrscheinlich deshalb nicht leiden, weil er bei seiner ersten Grabung hier so verarscht wurde. Ein paar von uns haben in der Pause so nebenbei vom großen Plan gesprochen. Da wurde er natürlich neugierig, hat nachgefragt und dann haben sie ihm weisgemacht, dass es einen großen Plan zur Übernahme der BRD gibt.“ Micha lachte trocken, Jan und Jonas amüsierten sich, während Dolores dem Gespräch nicht so recht folgen konnte. Sie hielt sich so lange plappernd an Arnold, der die Geschichte offenbar schon kannte.
„Nach dem Plan haben wir Honecker nur kurzzeitig weggeschickt und uns von eurer Wirtschaft übernehmen lassen, damit der Westen pleite geht. Danach kommt Honecker wieder und wir übernehmen glorreich den Westen.“ Er machte eine Pause, die Spannung erwecken sollte. „Und Wieland, der Idiot, hat jedes Wort geglaubt. Vor allem, als sie ihm am Ende sagten, dass sie eigentlich nicht darüber sprechen dürfen und er jetzt zu viel weiß. Der hat echt Muffensausen gekriegt.“
Wir lachten, dann blickte Jonas auf einen kleinen Haufen irgendwelcher Notizzettel. „Ihr macht immer so komische Zahlen“, fiel ihm auf.
„Was für komische Zahlen?“, fragte Jan, der sich wie üblich sofort angegriffen fühlte.
„Na, eure Zwei sieht in Deutschland immer ganz komisch aus. Immer mit so einem Kringel unten. Und die Eins sieht aus wie eine Sieben. Wir machen immer nur einen Strich.“
„Das ss-timmt“, schaltete Dolores sich ein, „und die Vier, die makt ihr immä aus sswei Vinkeln. Bei unss ssreibt man die Vier mit einem Ss-trich.“
Schnell entstand ein kleiner Wettkampf darum, wo man welche Zahlen wie schreibt. Fast jeder war davon überzeugt, die einzig richtige Schreibweise zu nutzen, bis auf Jan, der deutlich überzeugter als alle anderen war: „Was? So schreibt man aber nicht!“, wusste er bei jeder Variante, die nicht der seinen entsprach.
Irgendwann fing Jonas an, ein paar Runen zu kritzeln und Dolores war schwer erschrocken über die heidnischen Zauberzeichen: „Vasse makst du da? Villst du Lussifer rufen?“
„Nein, das sind Runen, die kennt in Sweden jedes Kind“, er schrieb ihren Namen auf ein Blatt Papier.
„Ich kann auch noch Geheimrunen“, vermeldete Jonas stolz und wischte auf das Papier zahlreiche X-e, an deren Ästchen er unterschiedlich viele Zweige packte. Als hätte er seine Zukunft damals schon gekannt, erklärte er: „Das ist für den Fall, dass ich mal ins Gefängnis muss, dann kann ich mir sicher sein, Kassiber noch ungelesen herausschmuggeln zu können.“
Eine dunkle Gestalt in einem kackbraunen Bademantel betrat die Küche und schrubbelte sich den Kopf mit einem Handtuch. Dolores erschrak sehr, ihr entfuhr ein spitzer Schrei. Dann atmete sie schwer, machte große Augen und wedelte mit ihrer flachen Hand abgeknickt vor der Brust, während sie sich mit einem Schluck Bier beruhigte: „Iss dakte eine Ssekund, da kommt der Vendigo!“
Alles lachte, Wieland zog sich das Handtuch vom Kopf: „Ich wollte nur gute Nacht sagen.“ Ein bisschen grinste er aber auch. „Dann werd ich mich mal auf meine selbstaufblasbare Matratze hauen.“ Der Chor antwortete im Kanon „Gute Nacht!“
„Oh, ich hab ’ne Idee, kennta dat Paperspiel?“, fragte Arnold.
„Pampersspiel?“, wunderte sich der mittlerweile deutlich angeheiterte Jan.
„Nee, Paper, mit Paper für selbstgedrehte Zigaretten. Jeda schreibt ’ne bekannte Person auf ein Paper und klebt sie dem Nachbarn auf die Stirn. Der muss dann erraten und erfragen, wer er is, und die Runde darf immer nur mit Ja oder Nein antworten.“
„Das klingt lustig“, ahnte Jan, „wer hat denn Paper dabei?“
Bestausgestatteter Tabakkonsument war grundsätzlich Jonas, der bereitwillig mehrere Paper zur Verfügung stellte. Ich hob ablehnend die Hände und stand auf: „Ich muss in die Federn. Aber ich möchte noch wissen, wer welchen Namen kriegt.“
Mit großem Vergnügen sah ich, wie die fünf neue Identitäten verpasst bekamen, die zum Teil gar nicht so neu waren. Arnold klebte Dolores ein Paper mit der Aufschrift „Elisabeth I.“ auf die Stirn, in schöner Anspielung auf das Ende der Armada. Dolores verabreichte Jan einen Zettel, auf dem in großen Buchstaben „Napoleon“ stand, und verursachte die ersten länger anhaltenden Lachanfälle. Es fiel leicht, sich Jan mit einer Hand in der Jacke und einem Zweispitz auf dem Kopf vorzustellen. Jan klebte Micha dafür „Yvonne Jensen“ auf die Stirn, das ist die hochtoupierte Rothaarige aus den Olsenbandefilmen, die Frau von Kjeld. Ich schmunzelte in mich hinein, offenbar hatte Micha nicht nur mir erzählt, dass seine Familie der Olsenbande entsprach. Auch Jonas bekam einen passenden Part. Micha klebte ihm „Karl Marx“ auf die Stirn und alle lachten. Jonas, ganz in seinem Element, adelte Arnold schlicht zu „Gott“ – sicherlich nicht die am leichtesten zu erratene Figur in dieser Runde.
Dann verließ ich den Raum und wünschte allen eine gute Nacht. Jonas, Jan und Micha ermahnte ich noch: „Denkt dran, wer abends saufen kann, kann morgens auch arbeiten.“
Micha lehnte sich zurück und rief mit künstlich ernstem Gesichtsausdruck und erhobenem Finger: „Im Gegenteil. Wer abends säuft, kann morgens nicht arbeiten!“ Dann lachte er wieder wie ein Pferd. Ich hörte noch die ersten Fragen und gelachte Antworten über den Gang hallen, dann schloss ich die Tür, legte mich hin und schlummerte selig ein.
„Er sagt, das kommt von den Steinen.“
„Ich weiß, Jonas, aber das ist doch Schwachsinn. Der Boden ist weich wie Butter in der Sonne und die paar Klumpen hebst du doch auch problemlos aus dem Sand, obwohl du kaum über so viel Erfahrung verfügst wie er.“
Micha lachte: „Ja, der Stefan ist schon ein Schlawingel. Hat er dir mal von seinen Sprengversuchen in Brasilien erzählt?“ Ich verneinte. „Dann musst du ihn morgen mal fragen, der erzählt Geschichten, das glaubst du nicht.“
Im Hintergrund verabschiedete sich Dolores gerade mit sehr seltsamen Geräuschen von ihrem Gesprächspartner. Als sie wieder zum Tisch kam, schauten alle sie mit einem tief verwunderten Ausdruck an.
„Dass varren meine Katssen“, erklärte sie, „iss ’ab nok sswai Katssen in Espanja. Die muss iss immä grüßen, sonss sint die traurick.“ Um zu erklären, wie traurig ihre Haustiere sind, machte sie kurz ein trauriges Gesicht.
„Na, ich geh dann mal duschen“, verabschiedete Wieland sich. „Mach das“, rief Jan ihm nach, als ob Wieland es besonders nötig gehabt hätte.
Kaum war Wieland draußen, beschwerte sich Micha: „Der geht mir so auf den Senkel.“
„Man merkt’s.“
„Ach, dieser Idiot, der hat sich mal vor mir aufgebaut und mir ins Gesicht gesagt ,Alle Ossis sind faul. Du auch!' Der kann mich mal.“
„Na, Wieland ist zwar ein bisschen bekloppt, aber irgendwie hält man es doch mit ihm aus.“
„Ach, der kann Ossis wahrscheinlich deshalb nicht leiden, weil er bei seiner ersten Grabung hier so verarscht wurde. Ein paar von uns haben in der Pause so nebenbei vom großen Plan gesprochen. Da wurde er natürlich neugierig, hat nachgefragt und dann haben sie ihm weisgemacht, dass es einen großen Plan zur Übernahme der BRD gibt.“ Micha lachte trocken, Jan und Jonas amüsierten sich, während Dolores dem Gespräch nicht so recht folgen konnte. Sie hielt sich so lange plappernd an Arnold, der die Geschichte offenbar schon kannte.
„Nach dem Plan haben wir Honecker nur kurzzeitig weggeschickt und uns von eurer Wirtschaft übernehmen lassen, damit der Westen pleite geht. Danach kommt Honecker wieder und wir übernehmen glorreich den Westen.“ Er machte eine Pause, die Spannung erwecken sollte. „Und Wieland, der Idiot, hat jedes Wort geglaubt. Vor allem, als sie ihm am Ende sagten, dass sie eigentlich nicht darüber sprechen dürfen und er jetzt zu viel weiß. Der hat echt Muffensausen gekriegt.“
Wir lachten, dann blickte Jonas auf einen kleinen Haufen irgendwelcher Notizzettel. „Ihr macht immer so komische Zahlen“, fiel ihm auf.
„Was für komische Zahlen?“, fragte Jan, der sich wie üblich sofort angegriffen fühlte.
„Na, eure Zwei sieht in Deutschland immer ganz komisch aus. Immer mit so einem Kringel unten. Und die Eins sieht aus wie eine Sieben. Wir machen immer nur einen Strich.“
„Das ss-timmt“, schaltete Dolores sich ein, „und die Vier, die makt ihr immä aus sswei Vinkeln. Bei unss ssreibt man die Vier mit einem Ss-trich.“
Schnell entstand ein kleiner Wettkampf darum, wo man welche Zahlen wie schreibt. Fast jeder war davon überzeugt, die einzig richtige Schreibweise zu nutzen, bis auf Jan, der deutlich überzeugter als alle anderen war: „Was? So schreibt man aber nicht!“, wusste er bei jeder Variante, die nicht der seinen entsprach.
Irgendwann fing Jonas an, ein paar Runen zu kritzeln und Dolores war schwer erschrocken über die heidnischen Zauberzeichen: „Vasse makst du da? Villst du Lussifer rufen?“
„Nein, das sind Runen, die kennt in Sweden jedes Kind“, er schrieb ihren Namen auf ein Blatt Papier.

„Ich kann auch noch Geheimrunen“, vermeldete Jonas stolz und wischte auf das Papier zahlreiche X-e, an deren Ästchen er unterschiedlich viele Zweige packte. Als hätte er seine Zukunft damals schon gekannt, erklärte er: „Das ist für den Fall, dass ich mal ins Gefängnis muss, dann kann ich mir sicher sein, Kassiber noch ungelesen herausschmuggeln zu können.“
Eine dunkle Gestalt in einem kackbraunen Bademantel betrat die Küche und schrubbelte sich den Kopf mit einem Handtuch. Dolores erschrak sehr, ihr entfuhr ein spitzer Schrei. Dann atmete sie schwer, machte große Augen und wedelte mit ihrer flachen Hand abgeknickt vor der Brust, während sie sich mit einem Schluck Bier beruhigte: „Iss dakte eine Ssekund, da kommt der Vendigo!“
Alles lachte, Wieland zog sich das Handtuch vom Kopf: „Ich wollte nur gute Nacht sagen.“ Ein bisschen grinste er aber auch. „Dann werd ich mich mal auf meine selbstaufblasbare Matratze hauen.“ Der Chor antwortete im Kanon „Gute Nacht!“
„Oh, ich hab ’ne Idee, kennta dat Paperspiel?“, fragte Arnold.
„Pampersspiel?“, wunderte sich der mittlerweile deutlich angeheiterte Jan.
„Nee, Paper, mit Paper für selbstgedrehte Zigaretten. Jeda schreibt ’ne bekannte Person auf ein Paper und klebt sie dem Nachbarn auf die Stirn. Der muss dann erraten und erfragen, wer er is, und die Runde darf immer nur mit Ja oder Nein antworten.“
„Das klingt lustig“, ahnte Jan, „wer hat denn Paper dabei?“
Bestausgestatteter Tabakkonsument war grundsätzlich Jonas, der bereitwillig mehrere Paper zur Verfügung stellte. Ich hob ablehnend die Hände und stand auf: „Ich muss in die Federn. Aber ich möchte noch wissen, wer welchen Namen kriegt.“
Mit großem Vergnügen sah ich, wie die fünf neue Identitäten verpasst bekamen, die zum Teil gar nicht so neu waren. Arnold klebte Dolores ein Paper mit der Aufschrift „Elisabeth I.“ auf die Stirn, in schöner Anspielung auf das Ende der Armada. Dolores verabreichte Jan einen Zettel, auf dem in großen Buchstaben „Napoleon“ stand, und verursachte die ersten länger anhaltenden Lachanfälle. Es fiel leicht, sich Jan mit einer Hand in der Jacke und einem Zweispitz auf dem Kopf vorzustellen. Jan klebte Micha dafür „Yvonne Jensen“ auf die Stirn, das ist die hochtoupierte Rothaarige aus den Olsenbandefilmen, die Frau von Kjeld. Ich schmunzelte in mich hinein, offenbar hatte Micha nicht nur mir erzählt, dass seine Familie der Olsenbande entsprach. Auch Jonas bekam einen passenden Part. Micha klebte ihm „Karl Marx“ auf die Stirn und alle lachten. Jonas, ganz in seinem Element, adelte Arnold schlicht zu „Gott“ – sicherlich nicht die am leichtesten zu erratene Figur in dieser Runde.
Dann verließ ich den Raum und wünschte allen eine gute Nacht. Jonas, Jan und Micha ermahnte ich noch: „Denkt dran, wer abends saufen kann, kann morgens auch arbeiten.“
Micha lehnte sich zurück und rief mit künstlich ernstem Gesichtsausdruck und erhobenem Finger: „Im Gegenteil. Wer abends säuft, kann morgens nicht arbeiten!“ Dann lachte er wieder wie ein Pferd. Ich hörte noch die ersten Fragen und gelachte Antworten über den Gang hallen, dann schloss ich die Tür, legte mich hin und schlummerte selig ein.
Donnerstag, 5. März 2009
Kapitel 9.4
In der Küche hockten schon Jonas, Wieland und Dolores. Dolores Amiguél war eine spanische Archäologiestudentin, die auf der Grabung von Wieland arbeitete. Sie war noch kleiner als der ohnehin schon kurz geratene Jan. Dafür besaß sie im Gegensatz zu seinen sehr bündigen Haaren, eine dichte, fein gelockte Haarpracht, die ihrerseits beinahe ein Viertel der Gesamterscheinung der Spanierin ausmachte. Dolores lebte bereits ein Jahr in Deutschland zusammen mit einem deutschen Freund, der jedoch fatalerweise als Hispanist meist spanisch mit ihr redete. Daher war ihr Deutsch eher rudimentär ausgebildet, den größten Teil hat sie meiner Einschätzung nach erst auf Wielands Grabung und abends in der LPG gelernt.
Jonas hatte seine obligatorische Zigarette auf den aufgeklappten Taschenascher gelegt und ließ sie dort verglühen, während er in gedrängter Weise damit protzte, ein paar Monate auf Island in einem Supermarkt Gabelstapler gefahren zu sein. Ständig nippte er an einem großen Kanister billigster polnischer Limonade, die er von Zeit zu Zeit mit Wasser verdünnte, weil sie in purer Form einfach ungenießbar war.
„Wusstest du“, fragte er Dolores, „dass der Papageientaucher, dieser kleine dicke schwarzweiße Vogel mit dem bunten Schnabel und den Stummelflügeln, auf Isländisch genauso heißt wie Montag auf Französisch?“ Dazu knickte er die Arme am Körper und flatterte vielsagend mit den Händen.
Dolores wusste es nicht. Sie hatte aber schon die Frage nicht verstanden. Ich öffnete meine Dose Ravioli und ließ sie in einen Topf ploppen, um demnächst meinen Hunger zu stillen. Mit dem Rücken zu den beiden raunte ich „Lúndi“ in die Küche. Jonas sah mich verwundert an, er wusste noch nicht, dass ich auch schon auf Island gewesen war. Ich blieb vor dem Herd stehen und rührte von Zeit zu Zeit die Teigtaschen in der Tomatenpampe, während Wieland am Tisch einen Pappkarton voller Keramikscherben ausschüttete. Er war von seinem Abendessen bereits zum Doppelbock übergegangen.
Jonas wechselte Thema und Gesprächspartner: „Wie stellt sich Iris auf deiner Grabung in Krützin eigentlich an?“
Wieland, der damit begann, die Scherben nach Farbe und Form vorzusortieren, antwortete unabgelenkt: „Zeichnet gut, wieso?“
„Na, normalerweise arbeitet sie ja mit Sylvia zusammen.“
„Mit meiner Sylvia?“, fragte ich.
„Ja, genau, mit unserer Widder. Hihi. Sonst sind die immer ein Team: Widder und Bock. Sylvia Widder und Iris Bock.“ Jonas freute sich über seine Erkenntnis. „Die sind dann oft zusammen wie die zwei Terrier, die meine Mutter in Sweden hatte. Untereinander haben sie sich die meiste Zeit gestritten, aber wenn dann der große Hund vom Nachbarn kam, dann waren sie Swestern und haben zusammen gekämpft.“
„Aha, ne, mit Sylvia hab ich noch nie gearbeitet“, sagte Wieland. „Kennst du Iris denn auch schon mit Hörgerät?“
„Ja, und ab und zu“, Jonas freute sich, „muss sie zu ihrem Wagen, die Batterie tauschen.“
„Ssag mal, Chonas“, unterbrach Dolores, die mit der rauchigen Variante der mediterranen Frauenstimmen ausgestattet war, „varrum musst du immä, äh, Ssigarett anfang-gen ssu rauken, abä nisst rauken ssu Ende?“
Jonas, der seinen Tick selbst kannte und ihn auch gewissenhaft pflegte, erklärte: „Das ist ja nur Tabak. Wenn das Gras wäre, dann würde ich es auch rauchen. Außerdem haben so alle was davon. Das ist doch gerecht.“ Dann öffnete Jonas die erste von zwei Dosen Thunfisch und gabelte das Fleisch aus dem Blechgehäuse.
Wieland wechselte das Thema: „Habt ihr eigentlich mitgekriegt, dass Senff heute wieder unterwegs ist?“
„Ha, wer ist denn heute die Glückliche?“, lachte Jonas.
„Die Ramona von Arnolds Grabung“, verriet Wieland.
Jonas schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn: „Ach, natürlich die mit den dicken Titten. Der lässt das auch nie.“
In der kleinen Welt der Archäologie hatte es längst seine Runde gemacht, wie Dr. Senff mit den Frauen im Amt umging. Kurz nach der Annahme der Stelle fern vom heimischen Herd hatte er damit begonnen, das weibliche Personal nach seinem Brustumfang ein- und ihm per abendlicher Einladung trollüstig nachzustellen. Er hatte keine Skrupel, abends mit dicktittigen Angestellten um die Häuser zu ziehen, während seine bessere Hälfte zu Hause mit Kind und Dissertation schwanger ging. Dazu genoss er es viel zu sehr, Macht inne zu haben.
Ob es dabei jemals zu irgendwelchen weitergehenden Annäherungen gekommen ist, konnte keiner sagen. Den meisten fiel aber auf, dass einzelne Frauen nach bemerkenswert kurzen Arbeitsverträgen nie wieder im Amt gesehen wurden. Sie hatten keine Verlängerungsverträge mehr bekommen. Dieses einfache Mittel war für Maxim viel zu verlockend, um auf seine Verwendung zu verzichten. Schließlich musste er seine Personalpolitik niemandem gegenüber begründen, solange der Laden brummte. Und dafür, dass der Laden brummte, sorgte seine Terrorherrschaft des Tretens und Weitertretens.
Obwohl ich also im Bilde war, täuschte ich Unwissen vor: „Hat Senff hier ein paar Freundinnen?“
„Ja, immer die mit den dicksten Titten.“
„Erstaunlich, seine Frau ist doch mehr so'n Bügelbrett.“
„Das hat Wieland auch schon erzählt.“
Wir grinsten alle. Dolores sah sogar wie ein Honigkuchenpferd aus, obwohl ich nicht weiß, warum.
Inzwischen trollte Micha auf Duschlatschen in die Küche herein: „Nabend!“ In der Hand trug er ein Sixpack, das er klirrend auf den Tisch stellte, bevor er sich einen Stuhl heranzog.
„Hä!“, lachte er mich an, „du musst morgen mal in den Raucherwagen kommen. In der Pause is das 'ne richtige Spielhalle.“
„Ich kann ja mal reinschaun“, beschied ich ihn, dann fragte er: „Sacht mal, wo sind eigentlich Jan und Arnold?“
„Die sind eben zum Imbiss, die hatten die Schnauze voll vom Dosenfraß.“
„Na, ob das wirklich besser ist“, wunderte Micha sich.
„Wieso?“
„Warst du schon mal da unten im Imbiss?“
„Nee.“
„Eben.“
„Wieso fragst du, wolltest du was wissen?“
„Ja, Arnold ist doch Neolithiker. Und ich hab doch letztes Jahr bei mir so 'nen Flintdolch gefunden. Dreißig Zentimeter.“ Micha zeigte die Länge, wie ein Angler, der einen zwei Meter langen Hecht aus seinem Tümpel gezogen haben will, „aus Danflint“, und zog eine Augenbraue in die Höhe.
Wieland stutzte, zuckte leicht mit dem Kopf nach hinten, sortierte aber seine Scherben weiter. „Das glaub ich kaum.“
„Natürlich, da kannste drauf wetten!“, giftete Micha zurück.
„Also der längste Flintdolch, den ich mal gefunden habe, der war so seine, na siebenundzwanzig Zentimeter lang. Kannst du deinen am Wochenende mal mitbringen?“, bat Wieland, ohne von seiner Arbeit aufzuschauen.
„Nee, der liegt im Moment in Bratin in der Sparkasse aus. Die haben da so 'ne kleine Heimatausstellung. Aber du kannst ja mal nach Bratin fahrn!“
Ich rührte ruhig in meinen Ravioli, die jeden Moment fertig sein mussten, Dolores blickte lächelnd von Micha zu Wieland, sie erkannte, dass hier kein einmaliger Schwanzvergleich betrieben wurde, sondern dass die beiden sich grundsätzlich gegenseitig auf den Füßen standen.
Plötzlich war von draußen der Motor eines Wagens zu hören, Arnold und Jan kamen offenbar vom Imbiss zurück. Die Wagentüren schlugen zu, die LPG-Tür öffnete sich am Ende des Ganges laut quietschend und schloss sich lautstark, als die zwei mit raschelnden Tüten in Richtung Küche marschierten. Beide lachten. Das erste, was wir von ihnen verstehen konnten, war Arnold, der sich über die „Sitzknubbel in diesem Wichsfigurenkabinett“ amüsierte. „Hocken den ganzen Tach in 'ner verquarzten Bude und spieln am verkackten Automaten! Leck mich fett!“ Jan lachte. Sie kamen in die Küche, und wir sahen, dass Arnold zusätzlich zur Tüte ein 5-Liter-Bierfässchen unter seinem Arm trug. Er eröffnete uns: „Mensch, die Straßen sind wie leergefickt. Nur so'n paar faschissene Faschisten!“
„Nabend! Na seid ihr schon zum Gemütlichen übergegangen?“, erkundigte sich Jan.
„Nee, ich koch noch, die Ravioli sind aber gleich fertig.“
„Na, dann könn' wir ja zusamm' essen.“ Beide stellten ihre Tüten auf den Tisch, zogen sich Stühle heran und holten sich Besteck.
„Wass ssacktess du die S-trassen? Vie leer-?“
„Wie leergefickt. Tote Hose – äh, ich glaub, das kann man nich übersetzen.“
„Doch natürlich!“, wusste Jan mit bestimmter Miene, der sich im Laufe des Abends noch als größeres Sprachtalent erweisen sollte, „das heißt auf spanisch dett pántalons!“
Dolores blickte verwirrt, kniff die Augen zusammen und fragte weiter: „Isst das eigentlik oft sso, dass ihr Deutsse in eine Imbiss geht? In Barthelona makt man das nisst. Da gett man eher in eine, wie ssakt man auf deutss, Brasserei?“
Wieland motzte grundlos: „So ist Barzelona eben“, ohne sich von den Scherben aufzurichten. „Ist ja auch 'ne ziemlich verkackte Stadt.“ Aus irgendeinem unerfindlichen Grund konnte er die Stadt einfach nicht leiden. Leider konnte Dolores sich nicht wehren. Aber bevor jemand anderer etwas sagen konnte, fragte Micha: „Bist du schon mal da gewesen?“
„Nein.“ Wieland drehte sich um, angelte sich eine Flasche seiner selbstgemixten Tinktur und griff nach einem Karton mit Granulat und einigen hölzernen Wäscheklammern.
Micha ärgerte sich jetzt schwarz: „Wie kannst du das dann sagen?“ Er kniff sein Gesicht zusammen, hielt in der rechten Hand eine Flasche Bier, in der linken eine Zigarette und lehnte sich angriffslustig auf den Tisch. Wieland schwieg.
Arnold und Jan hatten inzwischen ihre Jacken ausgezogen und ihr Essen ausgepackt. „Sach ma Jan, was war das eigentlich für eine bekloppte Musik gerade?“
„Das war doch eine tolle Kassette, die hab ich mir am Wochenende geholt, da waren bei uns in der Stadt Indianer mit Federschmuck und Mokassins, die haben da so Musik gemacht und die Kassetten verkauft. Das waren bestimmt echte Indianer!“ Jan sah begeistert drein, als hätte Sitting Bull ihn gerade zum Medizinmann befördert.
Arnold schüttelte den Kopf, dann setzten sich beide vor ihre Plastikteller, auf denen irgendwie undefinierbare Dinge schwommen. Ich kippte inzwischen meine Ravioli auf einen Teller, von dem vermutlich schon mehrere Tausend Subotniks gegessen hatten und schleppte mich nun auch zum Tisch. Arnold pickte mit seiner Gabel in ein sohlenartiges rauhes Etwas, das offenbar ein Schnitzel darstellen sollte, und hob es hoch, vor sein Gesicht: „Na super! Dat Schnitzel is kalt, klamm, steif wie ein Brett und“, er schnüffelte mit gerümpfter Nase, „et riecht nich gut.“
Jan blickte verschmitzt lachend, „stimmt, der Geruch hat was von Kotze.“
„Na, dann kann Wieland ja einfach seinen selbstgebrauten Komponentenkleber aufmachen. Der übertönt alles“, sagte Jonas, der inzwischen die zweite Dose geöffnet hatte. „Hast du den Kleber vom Amt eigentlich wirklich komplett weggeschmissen?“
Wieland nickte und grummelte nahezu tonlos, begann aber tatsächlich, die vorsortierten Scherben mit seinem Kleber zusammenzusetzen und mit den Wäscheklammern zu fixieren.
Jan hatte zwei Bissen abgeschnitten und sich in den Mund gestopft, da sprang er wieder auf und stratzte nach draußen: „Bevor wir gleich Bier trinken, geh ich lieber vorher pissen, sonst muss ich gleich ständig.“
Kaum hatte er den Raum verlassen, da lachte Arnold: „Haha, is einer von euch schomma mit dem Kleinen Auto gefahren?“ Alle schüttelten den Kopf. „Habt ihr schomma gesehn, wie der blinkt?“ Wieder allgemeine Verneinung, Arnold hob seine linke Hand mit dem Handrücken zu uns, knickte alle Finger und zog den Arm ein Stückchen nach unten, dann erzählte er: „Ich hab ihn gefracht, warum er so bescheuert blinkt, da sacht der nur ganz cool: amerikanisch blinken. Haha! Hat man sowas schon gehört? So ein Depp.“ Der eine oder andere schaute leicht betreten, dann hörten wir, wie Jan wieder über den Flur zu uns kam. Arnold hatte gemerkt, dass zumindest seine Art nicht jedem gefiel und lenkte schnell ab, in dem er sich zu Jonas wandte: „So viel Thunfisch? Bildesse vorm Saufen erssma 'n verkackten Antidröhnbelag?“
„Ich kannte mal einen Archäologen“, hakte ich ein, „der hat sich nur von Dosenfisch ernährt. Der hat aber auch immer in der Bibliothek unter den Tischen geschlafen. Um Geld zu sparen. Hat ihm gar nicht gut getan. Heute sind die Nieren hinüber“, und löffelte weiter meine Ravioli, während Jan sich wieder setzte und weiter an seiner panierten Sohle herumsäbelte.
Jonas legte noch einen Trumpf drauf: „Ich kannte mal einen Archäologen in Sweden, der hat immer aus alten Scherben getrunken. Wenn Wieland sich beeilt, dann kann er das ja vielleicht auch noch nachher?“ Jonas wurde heiter.
Jetzt schossen sich alle auf Wieland ein, Arnold erzählte: „Dann mussa aba so schnell sein wie letztens auffe Grabung. Leck-o-mio! Ich hab von meiner Fläche aus gesehn, wie du neben Senff hergelaufen biss, als der schon losgefahren is. Du biss ja den ganzen Weg mitgelaufn!“
Wieland beugte sich weiterhin über seine Keramik, grummelte nur leicht: „Ich wollte gerne wissen, was es mit meiner Zweitgrabung auf sich hat.“
„Was für eine Zweitgrabung?“, fragte ich.
„Hasse das nich mitgekricht? Wieland darf zu seina Umgehung und den Löchann für die Windkraftanlagen getz au'noch 'n paar Kilometa Kabeltrasse beaufsichtigen.“ Arnold lachte. „Und dat Beste is, dat ihm dat keina gesacht hat. Die Tage kam sein Baggafahra plötzlich an und frachte, wo der Bagga nächste Woche hin soll.“
Ich mampfte meine letzten Ravioli: „Was ist das denn für ein Beschiss?“
„Das ist hier die gewöhnliche Informationspolitik“, wurde Wieland jetzt gedämpft wütend, „daran wirste dich schon gewöhnen.“
„Zumal in dem Fall ja au' noch die Chromzwiebeln von der Planschbeckenfirma mit den Piccoli Stronzi im Amt aufeinandatreffen. Die potenziern sich ja.“ Er machte mit seinen Händen eine weitauffächernde Bewegung.
„Stimmt, du hattest schon mal erzählt, dass die Firma ein bisschen seltsam ist“, fragte ich Arnold.
„'n bisschen seltsam?“ Arnold machte große Augen und ein übertrieben verdutztes Gesicht. „Erzähl doch mal“, forderte er Wieland auf, „wie dat mittem Bodenaustausch war.“ Dann drehte er sich wieder zu mir und erzählte selbst: „Weiße, die Wichsa baun für sich selba zwei Windmühlen und noch zwei für so 'ne Bauerngenossenschaft. Ihr eigna Driss soll natürch pünktlich stehn und ordentlich gebaut sein. Für die Bauern dagegen trümmern sie irrndein Mist zusammen. Auf eina Fläche hättense für die Mühle erssma 'n Bodenaustausch machen müssen. Aber da kann'se ja Geld sparn. Also hamse da ma kurzerhand drauf vazichtet. Is ja auch nich die eigne Mühle. Die muss ja au' nich lang genuch stehn, damit se sich rentiert. Kórwa.“
Wieland ergänzte: „Immerhin müssen wir dieses Jahr nicht in der Sturmsaison für die arbeiten“, und Arnold erinnerte sich: „Stimmt! Dat hamse auch schon geschafft. Damit se noch die Fördagelda für't Jahr kriegn. So'n Drecksva-ein! Aba Hauptsache, der Vorsitzende der AG hat 'n Bundesvadienstkreuz!“
Jan quakte dazwischen: „Ich mach jetze mal das Fass auf. Dolores? Gibst du mir mal die Becher rüber?“
Arnold sah die Gelegenheit, weit auszuholen: „Wissta, dat passt sehr gut zu meina Theorie der Weltgeschichte.“
„Welche Theorie?“, fragte ich, während Jan sieben Becher mit Bier füllte und sie über den Tisch verteilte. Wir stießen mit den Bechern an und tranken einen Schluck.
Arnold wischte sich den Schaum vom Mund und erwiderte: „Cazzo, hab ich dir die no' nich erzählt?“
„Nein.“
Jan jubelte dazwischen: „Sagt ma, aus dem Fass schmeckt das doch tausendmal besser als aus der Flasche, oder?“
Micha und Wieland nickten stumm, Arnold fuhr fort: „Ah, skidegodt! Et gibt doch Theorien von sich wiederholenda Weltgeschichte. Marx zum Beispiel sachte, Geschichte ereignet sich zweimal. Und nach Hegel läuft sie eima als Tragödie ab und dann noch ma als Farce.“
„Genau.“
„Und das is beschissena Quatsch! Et gibt keine Wiederholungen, sondern alles dreht sich um einen verkackten Punkt.“ Er drehte die Gabel um einen imaginären Punkt in der Luft und erklärte: „Die Konstante.“
„Welche Konstante?“
„Die Konstante der Weltgeschichte, Stronzo!“ Er trank einen Schluck.
„Mir kam es immer eher vor, als würde sich die Geschichte pendelförmig bewegen. Mal schlägt es eher zu der einen Seite aus, mal zu der anderen.“ Ich ließ meine Hand hin und her fallen.
„Hm-ja, das is nich ganz falsch. Aber dat dämliche Pendel bewecht sich eben nich von links nach rechts, sondann kreisförmich.“ Jetzt imitierte Arnold ein kreisendes Pendel.
„Kreisförmig? Aber dann würde es sich doch durch den nachlassenden Schwung eher spiralförmig bewegen?“
„Auf die Konstante zu.“ Er schnipste einmal in die Luft. „Genau! Und weil die spiralförmigen Bewegungen sich manchma annähann, sieht dat wie Wiedaholungen aus.“
„Und was ist die Konstante?“
„Blödheit! Einfach – extreme – Blödheit! Die ganze fakackte Menschheitsgeschichte wird davon bestimmt, dat alle Menschen zu allen Zeiten imma total bescheuat warn. Dat siehsse doch jedn Tach! Kuck dich nur um. Alle spinnen herum, drehn durch. Und dann kuck dir den Mist an, den'e beim Buddeln findess: alles Ausdruck des ewigen Irrsinns. Einfach jeda beschissene Dreck!“
„Das kommt mir bekannt vor – hat nicht auch mal einer aus 'nem Kellerloch geschrieben, die Weltgeschichte sei alles außer vernünftig?“
„Ja, Dostojewskij.“
„Hm. Denkst du denn, die spiralförmige Bewegung läuft auf die Konstante zu, wie bei dem Pendel, dessen Schwung nachlässt? Oder schwingt die Geschichte vom Zentrum der Blödheit nach außen?“
„Da bin ich mir noch nich ganz klar. Wenn ich mir aba die ganzen Beklopptn und Irren ankucke, denk ich eher, dat wir uns auf die Dämlichkeit zubewegen.“
„Und was passiert, wenn wir da angekommen sind?“
Er zuckte die Schultern: „Keine Ahnung. Geistiga Urknall vielleicht?“ Arnold musste stumpf lachen: „Hä, so wie bei Matthias.“
„Der Spasst?“, fragte ich nach.
„Genau diese Bratzkopf. Der ist doch in der Hauptsache für die Scheißinformationspolitik zuständig. Dat Käsehirn wird zwar von oben, von Senff gedrückt, aba er gibt et au' noch verstärkt weita.“ Dann säuselte Arnold: „Dabei issa so ein lieba Christenmensch“, und sein Blick drehte sich durch die ganze Runde, „Kackepissearsch! Dieses beschissene christenverseuchte Amt. Hat Wieland dir schon von den Berichten erzählt?“
Ich verneinte.
„Na, das Theata wirsse dann noch kennlernen. Normalaweise kricht man die Scheiße hier drei, viermal wieder zurück. Mit Korrekturwünschen. Weil Herr Doktor Senff der Meinung is, er is 'n bessara Wissenschaftla, korrigiert er in unsann Berichten rum. Dabei weiß der Trottel nich mal ein Komma zu setzn. Ich hab zum Glück noch 'ne andere Quelle, deshalb hab ich au' schon Berichte gesehn, die nich mehr zurückgegangn sind. Da hatte 'ne Archologin statt vor Christus immer“, er nutzt wieder seinen christlichen Säuselton und wackelte mit dem Kopf, „vor unsara Zeitrechnung geschrieben.“ Dann motzte er wieder normal weiter: „Da hat irrndein Spack, und dreima darfsse raten, wer, jedesma groß in rot“, jetzt schrie er laut, dass Dolores sich erschreckte, „ATHEIST!“, und beendete den Satz wieder normal: „geschrieben.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Na, an die Korrekturen wirsse dich schon gewöhnen. Besonders schlau sind die, bei denen der Trottel seine eigenen Korrekturen wieder anstreicht und die Formulierungen wünscht, die de vorher selbs geschrieben hattess. Aber gut, so christlich wie unser Popenbengel Senff nu ma is, passt natürlich au' so'n Versager wie Matthias perfekt in die Struktur. Weiße“, Arnold beugte sich zu mir und zeigte mit dem Finger in meine Richtung, „nach welchen Kriterien hier Aufträge vergeben werden?“ Ich schüttelte natürlich den Kopf. „Dat Arschloch Matthias is unta annerm dafür zuständig, an welchen Tanken wir unsere Dienstwagen auftanken. 'n paar Jahre schon ham wir imma bei Möllers getankt – dat is hier so 'ne kleine Kette. Irrndwann, ganz plötzlich ohne Vorwarnung, wurde die plötzlich gewechselt. Weil, der liebe Christ Matthias hat in seim Bibelkreis 'ne andere Tankstellenpächtarin kennengelernt, und plötzlich hatte die die Aufträge. So'n Zufall, nich wahr?“
Ich lachte stumm aber tief verächtlich.
„Ja, so sind se, die Christen. Und ich geb dir ma no'n kostenlosen Tipp: Fahr niemals im Wagen dieser Sacknase Matthias mit! Der Arsch hört sich den ganzen Tach nur irrndwelchen Christenpop an und versucht ständig, die ganzen DDR-Arbeita zu missionieren. Wahrscheinlich“, höhnte Arnold tief, „arbeitet der nur deswegen hier. Damit er bekehrn kann und innen Himmel kommt!“ Arnold lachte. „Dann doch lieber Musik von echten Indianann!“ Er grinste zu Jan, der grinste ehrlich zurück.
Jetzt schaltete sich der immer noch über seine verklebten Scherben hängende Wieland ein: „Ahnung hat er jedenfalls nicht. Der soll doch auch Geographie studiert haben.“ Jonas nickte. „Dann muss er aber verdammt miserabel sein. In den Plänen, die er mir jetzt hat zukommen lassen, sind die Kabeltrassen jedenfalls zwei Kilometer lang und nicht zweihundert Meter, wie er mir gesagt hat. Aber wahrscheinlich reichte es wirklich, dass er bekennender Christ ist.“ Wieland drehte sich jetzt mir zu: „Wusstest du eigentlich, dass schon unser ganzes Institut mit Christen durchsetzt ist?“ Ich verneinte wortlos, jetzt blickte er von seiner Beschäftigung hoch: „Das ganze Institut an der Uni ist seit dreißig, vierzig Jahren in der Hand von Kirchengängern, meist Katholen. Jede Abteilung.“
Ich nickte erleuchtet, schlagartig besaß die Gleichung, nach der am Institut die Stellen besetzt wurden, für mich eine Unbekannte weniger. Zahlreiche offensichtliche Fehlbesetzungen machten nun einen Sinn. Dazu gehörte natürlich auch Senff.
„Na, und dieser stockbleiche Esel, bleich ist er, weil er ja nie seinen Schreibtisch verlässt oder die Wohnung, die er gerade renoviert“, Jonas lachte in den Wurmsatz hinein, den Wieland fortsetzte, „dieser Esel ist genau über diese Kanäle an die Stelle gekommen. Nach oben buckelt er, nach unten tritt er, scheißt alle Mitarbeiter an und betrügt sie. Und die Informationen leitet er mit Absicht und absolut zielgerichtet an die falsche Person, das wirst du auch schon merken.“
Jan unterbrach mit einem laut vernehmlichen Furz.
„Mensch Jan, wenne einen fliegen lassn willss, dann musse dat auch beim Tower anmelden, Ty Chuju!“
„Te – was?“
Dolores, die gerade einen Schluck Bier getrunken hatte, prustete los. „Arnold, immä makest du Vitsse. Lass miss dok mal slucken!“
Arnold winkte ab und konzentrierte sich darauf, sein restliches Essen zu vertilgen. Jonas knetete sich inzwischen eine ausführliche Portion Snus zwischen den Fingern und stopfte sie sich hinter die Oberlippe. Sein Gesicht verzog sich in genießerischer Mimik.
Dolores begann zu plaudern: „Auf die Esskava-thion es var 'eute, vie ssakt man in Deutss? Auf Katalun ssakt man pladscha.“
„Strand, du meinst Strand“, sagte Wieland.
„Ah, genau vie an S-trand. Sso fill Ssand und Ssonne. Das isst fast vie in Es-panja. Der 'erbst in Deutssland, dass var ssrecklich. Dass var immä dung-kel. Die gansse Tack nur Volken, keine Lisst. Dass var nisst ssön.“ Sie schüttelte den Kopf.
Wir hörten ein Auto heranfahren. Da wir niemanden mehr erwarteten, ging Jonas ans Fenster, um auf den Parkplatz zu schauen, wer da kommt. „Nanu? Wer ist das denn?“
Micha stand auch auf und schaute suchend und fragend auf den Parkplatz: „So'n Bauarbeiter-Pick-up. Da steigt so ein kleiner Dicker aus. Mit Schnurrbart. Und einen Arm.“
„Ssnurrbart? Isst das niss eine Mustasch?“ Dolores blickte in die Runde. Mehrere nickten und ihr Gesicht nahm ängstliche Züge an.
Nur Wieland schaute vertraut, der Rest blickte fragend zu Dolores und zu Wieland. „Scheibenkleister! Das ist so'n Idiot von der Baufirma. Also der Bauleiter. So'n einarmiger Spinner, der ist hinter Dolores her.“
Kaum hatte er das gesagt, da brüllte es von draußen schon leiernd: „DOLORES!“
„Mustasch soll nisst 'ereinkommen!“ Dolores fürchtete sich wirklich. „Der 'at miss die gaaansse Sseit 'eute gekwatsst. Der vill mir ein Kassett mit Merenge aufnemmen. Merenge! Dass 'ört meine O-pa! Päh!“ Sie unterstrich ihr verächtliches Geräusch mit der entsprechenden Geste der Südländerin.
„Ist der noch ganz klar?“, fragte ich Wieland, „Der kommt hierher? Zur LPG?“
„Heute hat er gefragt, ob er nicht mal hierhin zum Grillen kommen darf. Ich hab ihm natürlich gesagt, dass er sich bloß fernhalten soll.“
Micha und ich wandten uns zur Tür, Arnold kam mit: „Wir sagen dem Arsch ma, dat der sich verpissen soll.“ Dolores war offensichtlich sehr froh, nicht allein in der LPG zu sein.
Vor der Tür fingen wir dann den stark angetrunkenen Bauleiter ab.
„DOLORES! ICH WILL ZU DOLORES!“
„Hier gibt es keine Dolores und jetzt mach dich vom Acker, sonst gibt es Zores!“, spielte sich Micha auf, der im Vergleich mit dem kurzgewachsenen Bauleiter mehr als hühnenhaft erschien.
„Aber ich muss sie sprechen, ich muss Dolores sehen“, Moustache hielt in seiner Hand eine Musikkassette: „ICH HAB DIR EINE KASSETTE AUFGENOMMEN! DOLORES! HÖRST DU MICH?“
„Sie hört dich nich, weil se nich hier is. Merda, du Suffkopp, verpiss dich getz!“
Erst versuchte er noch, an uns vorbeizukommen, dann schnitten wir ihm aber den Weg ab und schoben den Besoffenen sachte in Richtung zu seinem Auto.
„Ich will ihr doch nur die Kassette geben und einen-“, versuchte Moustache zu sagen, da überdrehte Arnold. Er überraschte Micha und mich nicht weniger als den Bauleiter, der nicht mit Widerstand gerechnet hatte: „Zieh Leine, du Arsch, sonst stech ich dich ab und verprügel dir die ungewaschene Fresse!“ Micha und ich schauten Arnold mit großen Augen an. Wir mutmaßten zwar angesichts seiner üblichen Sprache, dass er auch in diesem Moment nur blufft, blieben aber stumm.
Moustache schien einzusehen, dass er schlechte Karten für ein Techtelmechtel hatte, dennoch schrie er weiter: „DOLORES! ICH WILL DICH SEHN! ICH LIEBE DICH! ICH MUSS DICH SPRECHEN!“
„Da gibt’s nix zu sprechen und getz pack dich!“
Endlich hatten wir ihn in seinen Wagen gedrängt und ihn davon überzeugt, dass er besser losfahren sollte und nicht mehr wiederzukommen brauchte.
Als er den Motor angelassen hatte, fragte Micha den dritten in unseren Bunde: „War das nicht ein wenig übertrieben?“
„Paska! Mit der Arschkröte musse doch Tacheles reden, sonss wär der nie gefahrn!“, antwortete Arnold und verschränkte die Arme.
Dann kicherte Micha: „Solln wir den Grünen Bescheid sagen, dass hier 'n Besoffener unterwegs ist?“, und Arnold sagte kopfschüttelnd: „Wozu? Wenn Dolores Glück hat, fährt dat zugeknallte Arschloch von einem Wichser vorn Baum.“
Moustache war kaum vom Hof gefahren, da trudelten wir wieder in den Gang und stolzierten wie Helden in die Küche.
„Er ist weg“, rapportierte Micha stolz.
Dolores war dennoch einen Moment lang geknickt: „Iss vusste es, als iss 'eute die Toddesföggel ge-ssenn 'ab.“
„Was für Todesvögel?“, fragte Jonas.
„Ach, da waren ein paar Krähen auf dem Acker. So'n paar fette Braten.“
„Odins Vögel?“ Jonas Augen glänzten, „Das sind doch keine Todesvögel, Dolores! Das sind Hugin und Munin!“
Dann tranken alle auf den Schreck einen Schluck Bier. Arnold bewunderte bei dieser Gelegenheit an Jonas andere Talente als seine skandinavische Bildung: „Cazzo, du hass aba auch 'ne verteufelt gute Schlachzahl beim Saufen!“
„Na man sagt doch, Bier macht schön?“, fragte Jonas verschmitzt und Jan freute sich lachend: „Tatsächlich? Dann muss ich ja wunderschön sein.“ Er nippte an seinem Becher, und seinem Mund entfuhr ein zufriedenes „Aaaah!“
Jonas erzählte: „Ich kenn einen dänischen Trinkerspruch, das heißt, eigentlich ist es ein Lied, das ist sehr lustig.“ Er sang: „Så svin-ger vi po-ka-ler-ne i-gén! Skål!“, und schunkelte dazu seinen Becher.
Jans Augen glänzten: „Das ist toll! Das machen wir zusammen!“ Alle wedelten mit ihrem Becher und sangen:
Dann nahmen wir einen Schluck. Jonas schüttelte den Kopf, die meisten grinsten, selbst der angetrunkene Jan: „Neineinein, Jan. Es heißt: Ssoo sv-ing-ger wi po-key-ler-nä i-genn.“
„Na, das hab ich doch gesagt! – Nochmal!“ Wieder vollführten die tanzenden Becher zum dänischen Gesang Bögen in der Luft.
Jonas schüttelte grinsend den Kopf: „Nein, Jan!“ Dann sprach er immer vor und Jan wiederholte: „Sso“ – „sso“ – „svinger“ – „schwinga“ – „wi“ – „wi“ – „pokeylerne“ – „Pokale“ – „igenn“ – „ägänn.“ Jonas' Gesicht zeigte deutlich, dass bei Jan der akustische Hopfen und das fremdsprachliche Malz verloren waren. Jan ertrug die Schmach standhaft, und ab sofort hieß es nur noch ohne jeden Gesang Skål, Nazdrowie, Salut, Cheers, Santé, Kippis, Nachaim, Sláinte, mehrfach sogar Tram van tram, niemals aber Prost.
Plötzlich klingelte das Telefon und Arnold beschwerte sich: „Wat is dat denn für'n beschränktet Arschloch, dat getz noch hier anruft?“
„Das isst bes-timmt für miss“, Dolores sprang auf, „meine Mutter in Barthelona vill 'eute nok anruffen.“ Sie stürmte zum Telefon, an dem sich ihre Laune augenblicklich hob. Überschwenglich begrüßte sie ihre Mutter und plauderte angeregt wie ein spanisches Maschinengewehr in den Hörer. Jonas zündete sich wieder einmal eine Zigarette an, die er dann im Aschenbecher ausglühen ließ. Er nahm sich eher unbewusst ein paar Wandscherben, die in sehr schlechtem Zustand waren und aufgrund ihrer Farbe eindeutig nicht zu Wielands Gefäß gehörten. Dann begann er, nebenbei mit ihnen zu jonglieren und merkte erst im Nachhinein, womit er sich beschäftigte. Konzentriert schaute er auf die über seinem Kopf fliegenden Tonstücke. Wieland blickte streng von seinen Klebeversuchen auf, sagte aber nichts.
„Das hab ich für Demos gelernt. Immer schön mit Pflastersteinen jongliert und eine Mütze vor die Füße gelegt. Wenn dann die Bullen kommen, hab ich immer gesagt, ich jongliere ja nur.“ Er verzog sein Gesicht zu einem frechen Lächeln, dann begann er die Melodie von Hänschen-Klein zu summen. Bald sang er sogar: „Pflasterstein, flog allein, in die Deutsche Bank hinein-“
„Bist du etwa so ein Krawalltourist?“, fragte Wieland ehrlich erbost.
„Hast du das noch nicht gemerkt? Warum, glaubst du, fahr ich jeden ersten Mai nach Berlin?“
Ich grinste ahnend.
Er legte nach: „Warum, glaubst du, übe ich Baggerfahren?“
Ich hörte auf zu grinsen und er fuhr fort: „Ich kenn in Kreuzberg ein paar Schrauber, die haben Zugang zu einem Bagger. Den wolln wir nächstes Jahr mit einem Gitter um das Fahrerhaus versehen, dann setz ich mich da rein und bin sicher vor den Bullen. Und dann bau ich die schönsten Barrikaden, die man sich vorstellen kann!“ Jonas freute sich selbstbewusst.
„Ich kann ja verstehn, wenn einem diese Idioten mit ihrem Liberalismus auf den Keks gehen, aber die Randalen hab ich nie verstanden“, warf ich ein.
Jonas' Augen begannen zu glühen: „Naja, du stampfst in dieser schwitzigen Enge, bist umgeben von scharzen Ärmeln und Sonnenbrillen, von rechts kreischt Trillergepfeife ...“
Jonas hatte seine obligatorische Zigarette auf den aufgeklappten Taschenascher gelegt und ließ sie dort verglühen, während er in gedrängter Weise damit protzte, ein paar Monate auf Island in einem Supermarkt Gabelstapler gefahren zu sein. Ständig nippte er an einem großen Kanister billigster polnischer Limonade, die er von Zeit zu Zeit mit Wasser verdünnte, weil sie in purer Form einfach ungenießbar war.
„Wusstest du“, fragte er Dolores, „dass der Papageientaucher, dieser kleine dicke schwarzweiße Vogel mit dem bunten Schnabel und den Stummelflügeln, auf Isländisch genauso heißt wie Montag auf Französisch?“ Dazu knickte er die Arme am Körper und flatterte vielsagend mit den Händen.
Dolores wusste es nicht. Sie hatte aber schon die Frage nicht verstanden. Ich öffnete meine Dose Ravioli und ließ sie in einen Topf ploppen, um demnächst meinen Hunger zu stillen. Mit dem Rücken zu den beiden raunte ich „Lúndi“ in die Küche. Jonas sah mich verwundert an, er wusste noch nicht, dass ich auch schon auf Island gewesen war. Ich blieb vor dem Herd stehen und rührte von Zeit zu Zeit die Teigtaschen in der Tomatenpampe, während Wieland am Tisch einen Pappkarton voller Keramikscherben ausschüttete. Er war von seinem Abendessen bereits zum Doppelbock übergegangen.
Jonas wechselte Thema und Gesprächspartner: „Wie stellt sich Iris auf deiner Grabung in Krützin eigentlich an?“
Wieland, der damit begann, die Scherben nach Farbe und Form vorzusortieren, antwortete unabgelenkt: „Zeichnet gut, wieso?“
„Na, normalerweise arbeitet sie ja mit Sylvia zusammen.“
„Mit meiner Sylvia?“, fragte ich.
„Ja, genau, mit unserer Widder. Hihi. Sonst sind die immer ein Team: Widder und Bock. Sylvia Widder und Iris Bock.“ Jonas freute sich über seine Erkenntnis. „Die sind dann oft zusammen wie die zwei Terrier, die meine Mutter in Sweden hatte. Untereinander haben sie sich die meiste Zeit gestritten, aber wenn dann der große Hund vom Nachbarn kam, dann waren sie Swestern und haben zusammen gekämpft.“
„Aha, ne, mit Sylvia hab ich noch nie gearbeitet“, sagte Wieland. „Kennst du Iris denn auch schon mit Hörgerät?“
„Ja, und ab und zu“, Jonas freute sich, „muss sie zu ihrem Wagen, die Batterie tauschen.“
„Ssag mal, Chonas“, unterbrach Dolores, die mit der rauchigen Variante der mediterranen Frauenstimmen ausgestattet war, „varrum musst du immä, äh, Ssigarett anfang-gen ssu rauken, abä nisst rauken ssu Ende?“
Jonas, der seinen Tick selbst kannte und ihn auch gewissenhaft pflegte, erklärte: „Das ist ja nur Tabak. Wenn das Gras wäre, dann würde ich es auch rauchen. Außerdem haben so alle was davon. Das ist doch gerecht.“ Dann öffnete Jonas die erste von zwei Dosen Thunfisch und gabelte das Fleisch aus dem Blechgehäuse.
Wieland wechselte das Thema: „Habt ihr eigentlich mitgekriegt, dass Senff heute wieder unterwegs ist?“
„Ha, wer ist denn heute die Glückliche?“, lachte Jonas.
„Die Ramona von Arnolds Grabung“, verriet Wieland.
Jonas schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn: „Ach, natürlich die mit den dicken Titten. Der lässt das auch nie.“
In der kleinen Welt der Archäologie hatte es längst seine Runde gemacht, wie Dr. Senff mit den Frauen im Amt umging. Kurz nach der Annahme der Stelle fern vom heimischen Herd hatte er damit begonnen, das weibliche Personal nach seinem Brustumfang ein- und ihm per abendlicher Einladung trollüstig nachzustellen. Er hatte keine Skrupel, abends mit dicktittigen Angestellten um die Häuser zu ziehen, während seine bessere Hälfte zu Hause mit Kind und Dissertation schwanger ging. Dazu genoss er es viel zu sehr, Macht inne zu haben.
Ob es dabei jemals zu irgendwelchen weitergehenden Annäherungen gekommen ist, konnte keiner sagen. Den meisten fiel aber auf, dass einzelne Frauen nach bemerkenswert kurzen Arbeitsverträgen nie wieder im Amt gesehen wurden. Sie hatten keine Verlängerungsverträge mehr bekommen. Dieses einfache Mittel war für Maxim viel zu verlockend, um auf seine Verwendung zu verzichten. Schließlich musste er seine Personalpolitik niemandem gegenüber begründen, solange der Laden brummte. Und dafür, dass der Laden brummte, sorgte seine Terrorherrschaft des Tretens und Weitertretens.
Obwohl ich also im Bilde war, täuschte ich Unwissen vor: „Hat Senff hier ein paar Freundinnen?“
„Ja, immer die mit den dicksten Titten.“
„Erstaunlich, seine Frau ist doch mehr so'n Bügelbrett.“
„Das hat Wieland auch schon erzählt.“
Wir grinsten alle. Dolores sah sogar wie ein Honigkuchenpferd aus, obwohl ich nicht weiß, warum.
Inzwischen trollte Micha auf Duschlatschen in die Küche herein: „Nabend!“ In der Hand trug er ein Sixpack, das er klirrend auf den Tisch stellte, bevor er sich einen Stuhl heranzog.
„Hä!“, lachte er mich an, „du musst morgen mal in den Raucherwagen kommen. In der Pause is das 'ne richtige Spielhalle.“
„Ich kann ja mal reinschaun“, beschied ich ihn, dann fragte er: „Sacht mal, wo sind eigentlich Jan und Arnold?“
„Die sind eben zum Imbiss, die hatten die Schnauze voll vom Dosenfraß.“
„Na, ob das wirklich besser ist“, wunderte Micha sich.
„Wieso?“
„Warst du schon mal da unten im Imbiss?“
„Nee.“
„Eben.“
„Wieso fragst du, wolltest du was wissen?“
„Ja, Arnold ist doch Neolithiker. Und ich hab doch letztes Jahr bei mir so 'nen Flintdolch gefunden. Dreißig Zentimeter.“ Micha zeigte die Länge, wie ein Angler, der einen zwei Meter langen Hecht aus seinem Tümpel gezogen haben will, „aus Danflint“, und zog eine Augenbraue in die Höhe.
Wieland stutzte, zuckte leicht mit dem Kopf nach hinten, sortierte aber seine Scherben weiter. „Das glaub ich kaum.“
„Natürlich, da kannste drauf wetten!“, giftete Micha zurück.
„Also der längste Flintdolch, den ich mal gefunden habe, der war so seine, na siebenundzwanzig Zentimeter lang. Kannst du deinen am Wochenende mal mitbringen?“, bat Wieland, ohne von seiner Arbeit aufzuschauen.
„Nee, der liegt im Moment in Bratin in der Sparkasse aus. Die haben da so 'ne kleine Heimatausstellung. Aber du kannst ja mal nach Bratin fahrn!“
Ich rührte ruhig in meinen Ravioli, die jeden Moment fertig sein mussten, Dolores blickte lächelnd von Micha zu Wieland, sie erkannte, dass hier kein einmaliger Schwanzvergleich betrieben wurde, sondern dass die beiden sich grundsätzlich gegenseitig auf den Füßen standen.
Plötzlich war von draußen der Motor eines Wagens zu hören, Arnold und Jan kamen offenbar vom Imbiss zurück. Die Wagentüren schlugen zu, die LPG-Tür öffnete sich am Ende des Ganges laut quietschend und schloss sich lautstark, als die zwei mit raschelnden Tüten in Richtung Küche marschierten. Beide lachten. Das erste, was wir von ihnen verstehen konnten, war Arnold, der sich über die „Sitzknubbel in diesem Wichsfigurenkabinett“ amüsierte. „Hocken den ganzen Tach in 'ner verquarzten Bude und spieln am verkackten Automaten! Leck mich fett!“ Jan lachte. Sie kamen in die Küche, und wir sahen, dass Arnold zusätzlich zur Tüte ein 5-Liter-Bierfässchen unter seinem Arm trug. Er eröffnete uns: „Mensch, die Straßen sind wie leergefickt. Nur so'n paar faschissene Faschisten!“
„Nabend! Na seid ihr schon zum Gemütlichen übergegangen?“, erkundigte sich Jan.
„Nee, ich koch noch, die Ravioli sind aber gleich fertig.“
„Na, dann könn' wir ja zusamm' essen.“ Beide stellten ihre Tüten auf den Tisch, zogen sich Stühle heran und holten sich Besteck.
„Wass ssacktess du die S-trassen? Vie leer-?“
„Wie leergefickt. Tote Hose – äh, ich glaub, das kann man nich übersetzen.“
„Doch natürlich!“, wusste Jan mit bestimmter Miene, der sich im Laufe des Abends noch als größeres Sprachtalent erweisen sollte, „das heißt auf spanisch dett pántalons!“
Dolores blickte verwirrt, kniff die Augen zusammen und fragte weiter: „Isst das eigentlik oft sso, dass ihr Deutsse in eine Imbiss geht? In Barthelona makt man das nisst. Da gett man eher in eine, wie ssakt man auf deutss, Brasserei?“
Wieland motzte grundlos: „So ist Barzelona eben“, ohne sich von den Scherben aufzurichten. „Ist ja auch 'ne ziemlich verkackte Stadt.“ Aus irgendeinem unerfindlichen Grund konnte er die Stadt einfach nicht leiden. Leider konnte Dolores sich nicht wehren. Aber bevor jemand anderer etwas sagen konnte, fragte Micha: „Bist du schon mal da gewesen?“
„Nein.“ Wieland drehte sich um, angelte sich eine Flasche seiner selbstgemixten Tinktur und griff nach einem Karton mit Granulat und einigen hölzernen Wäscheklammern.
Micha ärgerte sich jetzt schwarz: „Wie kannst du das dann sagen?“ Er kniff sein Gesicht zusammen, hielt in der rechten Hand eine Flasche Bier, in der linken eine Zigarette und lehnte sich angriffslustig auf den Tisch. Wieland schwieg.
Arnold und Jan hatten inzwischen ihre Jacken ausgezogen und ihr Essen ausgepackt. „Sach ma Jan, was war das eigentlich für eine bekloppte Musik gerade?“
„Das war doch eine tolle Kassette, die hab ich mir am Wochenende geholt, da waren bei uns in der Stadt Indianer mit Federschmuck und Mokassins, die haben da so Musik gemacht und die Kassetten verkauft. Das waren bestimmt echte Indianer!“ Jan sah begeistert drein, als hätte Sitting Bull ihn gerade zum Medizinmann befördert.
Arnold schüttelte den Kopf, dann setzten sich beide vor ihre Plastikteller, auf denen irgendwie undefinierbare Dinge schwommen. Ich kippte inzwischen meine Ravioli auf einen Teller, von dem vermutlich schon mehrere Tausend Subotniks gegessen hatten und schleppte mich nun auch zum Tisch. Arnold pickte mit seiner Gabel in ein sohlenartiges rauhes Etwas, das offenbar ein Schnitzel darstellen sollte, und hob es hoch, vor sein Gesicht: „Na super! Dat Schnitzel is kalt, klamm, steif wie ein Brett und“, er schnüffelte mit gerümpfter Nase, „et riecht nich gut.“
Jan blickte verschmitzt lachend, „stimmt, der Geruch hat was von Kotze.“
„Na, dann kann Wieland ja einfach seinen selbstgebrauten Komponentenkleber aufmachen. Der übertönt alles“, sagte Jonas, der inzwischen die zweite Dose geöffnet hatte. „Hast du den Kleber vom Amt eigentlich wirklich komplett weggeschmissen?“
Wieland nickte und grummelte nahezu tonlos, begann aber tatsächlich, die vorsortierten Scherben mit seinem Kleber zusammenzusetzen und mit den Wäscheklammern zu fixieren.
Jan hatte zwei Bissen abgeschnitten und sich in den Mund gestopft, da sprang er wieder auf und stratzte nach draußen: „Bevor wir gleich Bier trinken, geh ich lieber vorher pissen, sonst muss ich gleich ständig.“
Kaum hatte er den Raum verlassen, da lachte Arnold: „Haha, is einer von euch schomma mit dem Kleinen Auto gefahren?“ Alle schüttelten den Kopf. „Habt ihr schomma gesehn, wie der blinkt?“ Wieder allgemeine Verneinung, Arnold hob seine linke Hand mit dem Handrücken zu uns, knickte alle Finger und zog den Arm ein Stückchen nach unten, dann erzählte er: „Ich hab ihn gefracht, warum er so bescheuert blinkt, da sacht der nur ganz cool: amerikanisch blinken. Haha! Hat man sowas schon gehört? So ein Depp.“ Der eine oder andere schaute leicht betreten, dann hörten wir, wie Jan wieder über den Flur zu uns kam. Arnold hatte gemerkt, dass zumindest seine Art nicht jedem gefiel und lenkte schnell ab, in dem er sich zu Jonas wandte: „So viel Thunfisch? Bildesse vorm Saufen erssma 'n verkackten Antidröhnbelag?“
„Ich kannte mal einen Archäologen“, hakte ich ein, „der hat sich nur von Dosenfisch ernährt. Der hat aber auch immer in der Bibliothek unter den Tischen geschlafen. Um Geld zu sparen. Hat ihm gar nicht gut getan. Heute sind die Nieren hinüber“, und löffelte weiter meine Ravioli, während Jan sich wieder setzte und weiter an seiner panierten Sohle herumsäbelte.
Jonas legte noch einen Trumpf drauf: „Ich kannte mal einen Archäologen in Sweden, der hat immer aus alten Scherben getrunken. Wenn Wieland sich beeilt, dann kann er das ja vielleicht auch noch nachher?“ Jonas wurde heiter.
Jetzt schossen sich alle auf Wieland ein, Arnold erzählte: „Dann mussa aba so schnell sein wie letztens auffe Grabung. Leck-o-mio! Ich hab von meiner Fläche aus gesehn, wie du neben Senff hergelaufen biss, als der schon losgefahren is. Du biss ja den ganzen Weg mitgelaufn!“
Wieland beugte sich weiterhin über seine Keramik, grummelte nur leicht: „Ich wollte gerne wissen, was es mit meiner Zweitgrabung auf sich hat.“
„Was für eine Zweitgrabung?“, fragte ich.
„Hasse das nich mitgekricht? Wieland darf zu seina Umgehung und den Löchann für die Windkraftanlagen getz au'noch 'n paar Kilometa Kabeltrasse beaufsichtigen.“ Arnold lachte. „Und dat Beste is, dat ihm dat keina gesacht hat. Die Tage kam sein Baggafahra plötzlich an und frachte, wo der Bagga nächste Woche hin soll.“
Ich mampfte meine letzten Ravioli: „Was ist das denn für ein Beschiss?“
„Das ist hier die gewöhnliche Informationspolitik“, wurde Wieland jetzt gedämpft wütend, „daran wirste dich schon gewöhnen.“
„Zumal in dem Fall ja au' noch die Chromzwiebeln von der Planschbeckenfirma mit den Piccoli Stronzi im Amt aufeinandatreffen. Die potenziern sich ja.“ Er machte mit seinen Händen eine weitauffächernde Bewegung.
„Stimmt, du hattest schon mal erzählt, dass die Firma ein bisschen seltsam ist“, fragte ich Arnold.
„'n bisschen seltsam?“ Arnold machte große Augen und ein übertrieben verdutztes Gesicht. „Erzähl doch mal“, forderte er Wieland auf, „wie dat mittem Bodenaustausch war.“ Dann drehte er sich wieder zu mir und erzählte selbst: „Weiße, die Wichsa baun für sich selba zwei Windmühlen und noch zwei für so 'ne Bauerngenossenschaft. Ihr eigna Driss soll natürch pünktlich stehn und ordentlich gebaut sein. Für die Bauern dagegen trümmern sie irrndein Mist zusammen. Auf eina Fläche hättense für die Mühle erssma 'n Bodenaustausch machen müssen. Aber da kann'se ja Geld sparn. Also hamse da ma kurzerhand drauf vazichtet. Is ja auch nich die eigne Mühle. Die muss ja au' nich lang genuch stehn, damit se sich rentiert. Kórwa.“
Wieland ergänzte: „Immerhin müssen wir dieses Jahr nicht in der Sturmsaison für die arbeiten“, und Arnold erinnerte sich: „Stimmt! Dat hamse auch schon geschafft. Damit se noch die Fördagelda für't Jahr kriegn. So'n Drecksva-ein! Aba Hauptsache, der Vorsitzende der AG hat 'n Bundesvadienstkreuz!“
Jan quakte dazwischen: „Ich mach jetze mal das Fass auf. Dolores? Gibst du mir mal die Becher rüber?“
Arnold sah die Gelegenheit, weit auszuholen: „Wissta, dat passt sehr gut zu meina Theorie der Weltgeschichte.“
„Welche Theorie?“, fragte ich, während Jan sieben Becher mit Bier füllte und sie über den Tisch verteilte. Wir stießen mit den Bechern an und tranken einen Schluck.
Arnold wischte sich den Schaum vom Mund und erwiderte: „Cazzo, hab ich dir die no' nich erzählt?“
„Nein.“
Jan jubelte dazwischen: „Sagt ma, aus dem Fass schmeckt das doch tausendmal besser als aus der Flasche, oder?“
Micha und Wieland nickten stumm, Arnold fuhr fort: „Ah, skidegodt! Et gibt doch Theorien von sich wiederholenda Weltgeschichte. Marx zum Beispiel sachte, Geschichte ereignet sich zweimal. Und nach Hegel läuft sie eima als Tragödie ab und dann noch ma als Farce.“
„Genau.“
„Und das is beschissena Quatsch! Et gibt keine Wiederholungen, sondern alles dreht sich um einen verkackten Punkt.“ Er drehte die Gabel um einen imaginären Punkt in der Luft und erklärte: „Die Konstante.“
„Welche Konstante?“
„Die Konstante der Weltgeschichte, Stronzo!“ Er trank einen Schluck.
„Mir kam es immer eher vor, als würde sich die Geschichte pendelförmig bewegen. Mal schlägt es eher zu der einen Seite aus, mal zu der anderen.“ Ich ließ meine Hand hin und her fallen.
„Hm-ja, das is nich ganz falsch. Aber dat dämliche Pendel bewecht sich eben nich von links nach rechts, sondann kreisförmich.“ Jetzt imitierte Arnold ein kreisendes Pendel.
„Kreisförmig? Aber dann würde es sich doch durch den nachlassenden Schwung eher spiralförmig bewegen?“
„Auf die Konstante zu.“ Er schnipste einmal in die Luft. „Genau! Und weil die spiralförmigen Bewegungen sich manchma annähann, sieht dat wie Wiedaholungen aus.“
„Und was ist die Konstante?“
„Blödheit! Einfach – extreme – Blödheit! Die ganze fakackte Menschheitsgeschichte wird davon bestimmt, dat alle Menschen zu allen Zeiten imma total bescheuat warn. Dat siehsse doch jedn Tach! Kuck dich nur um. Alle spinnen herum, drehn durch. Und dann kuck dir den Mist an, den'e beim Buddeln findess: alles Ausdruck des ewigen Irrsinns. Einfach jeda beschissene Dreck!“
„Das kommt mir bekannt vor – hat nicht auch mal einer aus 'nem Kellerloch geschrieben, die Weltgeschichte sei alles außer vernünftig?“
„Ja, Dostojewskij.“
„Hm. Denkst du denn, die spiralförmige Bewegung läuft auf die Konstante zu, wie bei dem Pendel, dessen Schwung nachlässt? Oder schwingt die Geschichte vom Zentrum der Blödheit nach außen?“
„Da bin ich mir noch nich ganz klar. Wenn ich mir aba die ganzen Beklopptn und Irren ankucke, denk ich eher, dat wir uns auf die Dämlichkeit zubewegen.“
„Und was passiert, wenn wir da angekommen sind?“
Er zuckte die Schultern: „Keine Ahnung. Geistiga Urknall vielleicht?“ Arnold musste stumpf lachen: „Hä, so wie bei Matthias.“
„Der Spasst?“, fragte ich nach.
„Genau diese Bratzkopf. Der ist doch in der Hauptsache für die Scheißinformationspolitik zuständig. Dat Käsehirn wird zwar von oben, von Senff gedrückt, aba er gibt et au' noch verstärkt weita.“ Dann säuselte Arnold: „Dabei issa so ein lieba Christenmensch“, und sein Blick drehte sich durch die ganze Runde, „Kackepissearsch! Dieses beschissene christenverseuchte Amt. Hat Wieland dir schon von den Berichten erzählt?“
Ich verneinte.
„Na, das Theata wirsse dann noch kennlernen. Normalaweise kricht man die Scheiße hier drei, viermal wieder zurück. Mit Korrekturwünschen. Weil Herr Doktor Senff der Meinung is, er is 'n bessara Wissenschaftla, korrigiert er in unsann Berichten rum. Dabei weiß der Trottel nich mal ein Komma zu setzn. Ich hab zum Glück noch 'ne andere Quelle, deshalb hab ich au' schon Berichte gesehn, die nich mehr zurückgegangn sind. Da hatte 'ne Archologin statt vor Christus immer“, er nutzt wieder seinen christlichen Säuselton und wackelte mit dem Kopf, „vor unsara Zeitrechnung geschrieben.“ Dann motzte er wieder normal weiter: „Da hat irrndein Spack, und dreima darfsse raten, wer, jedesma groß in rot“, jetzt schrie er laut, dass Dolores sich erschreckte, „ATHEIST!“, und beendete den Satz wieder normal: „geschrieben.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Na, an die Korrekturen wirsse dich schon gewöhnen. Besonders schlau sind die, bei denen der Trottel seine eigenen Korrekturen wieder anstreicht und die Formulierungen wünscht, die de vorher selbs geschrieben hattess. Aber gut, so christlich wie unser Popenbengel Senff nu ma is, passt natürlich au' so'n Versager wie Matthias perfekt in die Struktur. Weiße“, Arnold beugte sich zu mir und zeigte mit dem Finger in meine Richtung, „nach welchen Kriterien hier Aufträge vergeben werden?“ Ich schüttelte natürlich den Kopf. „Dat Arschloch Matthias is unta annerm dafür zuständig, an welchen Tanken wir unsere Dienstwagen auftanken. 'n paar Jahre schon ham wir imma bei Möllers getankt – dat is hier so 'ne kleine Kette. Irrndwann, ganz plötzlich ohne Vorwarnung, wurde die plötzlich gewechselt. Weil, der liebe Christ Matthias hat in seim Bibelkreis 'ne andere Tankstellenpächtarin kennengelernt, und plötzlich hatte die die Aufträge. So'n Zufall, nich wahr?“
Ich lachte stumm aber tief verächtlich.
„Ja, so sind se, die Christen. Und ich geb dir ma no'n kostenlosen Tipp: Fahr niemals im Wagen dieser Sacknase Matthias mit! Der Arsch hört sich den ganzen Tach nur irrndwelchen Christenpop an und versucht ständig, die ganzen DDR-Arbeita zu missionieren. Wahrscheinlich“, höhnte Arnold tief, „arbeitet der nur deswegen hier. Damit er bekehrn kann und innen Himmel kommt!“ Arnold lachte. „Dann doch lieber Musik von echten Indianann!“ Er grinste zu Jan, der grinste ehrlich zurück.
Jetzt schaltete sich der immer noch über seine verklebten Scherben hängende Wieland ein: „Ahnung hat er jedenfalls nicht. Der soll doch auch Geographie studiert haben.“ Jonas nickte. „Dann muss er aber verdammt miserabel sein. In den Plänen, die er mir jetzt hat zukommen lassen, sind die Kabeltrassen jedenfalls zwei Kilometer lang und nicht zweihundert Meter, wie er mir gesagt hat. Aber wahrscheinlich reichte es wirklich, dass er bekennender Christ ist.“ Wieland drehte sich jetzt mir zu: „Wusstest du eigentlich, dass schon unser ganzes Institut mit Christen durchsetzt ist?“ Ich verneinte wortlos, jetzt blickte er von seiner Beschäftigung hoch: „Das ganze Institut an der Uni ist seit dreißig, vierzig Jahren in der Hand von Kirchengängern, meist Katholen. Jede Abteilung.“
Ich nickte erleuchtet, schlagartig besaß die Gleichung, nach der am Institut die Stellen besetzt wurden, für mich eine Unbekannte weniger. Zahlreiche offensichtliche Fehlbesetzungen machten nun einen Sinn. Dazu gehörte natürlich auch Senff.
„Na, und dieser stockbleiche Esel, bleich ist er, weil er ja nie seinen Schreibtisch verlässt oder die Wohnung, die er gerade renoviert“, Jonas lachte in den Wurmsatz hinein, den Wieland fortsetzte, „dieser Esel ist genau über diese Kanäle an die Stelle gekommen. Nach oben buckelt er, nach unten tritt er, scheißt alle Mitarbeiter an und betrügt sie. Und die Informationen leitet er mit Absicht und absolut zielgerichtet an die falsche Person, das wirst du auch schon merken.“
Jan unterbrach mit einem laut vernehmlichen Furz.
„Mensch Jan, wenne einen fliegen lassn willss, dann musse dat auch beim Tower anmelden, Ty Chuju!“
„Te – was?“
Dolores, die gerade einen Schluck Bier getrunken hatte, prustete los. „Arnold, immä makest du Vitsse. Lass miss dok mal slucken!“
Arnold winkte ab und konzentrierte sich darauf, sein restliches Essen zu vertilgen. Jonas knetete sich inzwischen eine ausführliche Portion Snus zwischen den Fingern und stopfte sie sich hinter die Oberlippe. Sein Gesicht verzog sich in genießerischer Mimik.
Dolores begann zu plaudern: „Auf die Esskava-thion es var 'eute, vie ssakt man in Deutss? Auf Katalun ssakt man pladscha.“
„Strand, du meinst Strand“, sagte Wieland.
„Ah, genau vie an S-trand. Sso fill Ssand und Ssonne. Das isst fast vie in Es-panja. Der 'erbst in Deutssland, dass var ssrecklich. Dass var immä dung-kel. Die gansse Tack nur Volken, keine Lisst. Dass var nisst ssön.“ Sie schüttelte den Kopf.
Wir hörten ein Auto heranfahren. Da wir niemanden mehr erwarteten, ging Jonas ans Fenster, um auf den Parkplatz zu schauen, wer da kommt. „Nanu? Wer ist das denn?“
Micha stand auch auf und schaute suchend und fragend auf den Parkplatz: „So'n Bauarbeiter-Pick-up. Da steigt so ein kleiner Dicker aus. Mit Schnurrbart. Und einen Arm.“
„Ssnurrbart? Isst das niss eine Mustasch?“ Dolores blickte in die Runde. Mehrere nickten und ihr Gesicht nahm ängstliche Züge an.
Nur Wieland schaute vertraut, der Rest blickte fragend zu Dolores und zu Wieland. „Scheibenkleister! Das ist so'n Idiot von der Baufirma. Also der Bauleiter. So'n einarmiger Spinner, der ist hinter Dolores her.“
Kaum hatte er das gesagt, da brüllte es von draußen schon leiernd: „DOLORES!“
„Mustasch soll nisst 'ereinkommen!“ Dolores fürchtete sich wirklich. „Der 'at miss die gaaansse Sseit 'eute gekwatsst. Der vill mir ein Kassett mit Merenge aufnemmen. Merenge! Dass 'ört meine O-pa! Päh!“ Sie unterstrich ihr verächtliches Geräusch mit der entsprechenden Geste der Südländerin.
„Ist der noch ganz klar?“, fragte ich Wieland, „Der kommt hierher? Zur LPG?“
„Heute hat er gefragt, ob er nicht mal hierhin zum Grillen kommen darf. Ich hab ihm natürlich gesagt, dass er sich bloß fernhalten soll.“
Micha und ich wandten uns zur Tür, Arnold kam mit: „Wir sagen dem Arsch ma, dat der sich verpissen soll.“ Dolores war offensichtlich sehr froh, nicht allein in der LPG zu sein.
Vor der Tür fingen wir dann den stark angetrunkenen Bauleiter ab.
„DOLORES! ICH WILL ZU DOLORES!“
„Hier gibt es keine Dolores und jetzt mach dich vom Acker, sonst gibt es Zores!“, spielte sich Micha auf, der im Vergleich mit dem kurzgewachsenen Bauleiter mehr als hühnenhaft erschien.
„Aber ich muss sie sprechen, ich muss Dolores sehen“, Moustache hielt in seiner Hand eine Musikkassette: „ICH HAB DIR EINE KASSETTE AUFGENOMMEN! DOLORES! HÖRST DU MICH?“
„Sie hört dich nich, weil se nich hier is. Merda, du Suffkopp, verpiss dich getz!“
Erst versuchte er noch, an uns vorbeizukommen, dann schnitten wir ihm aber den Weg ab und schoben den Besoffenen sachte in Richtung zu seinem Auto.
„Ich will ihr doch nur die Kassette geben und einen-“, versuchte Moustache zu sagen, da überdrehte Arnold. Er überraschte Micha und mich nicht weniger als den Bauleiter, der nicht mit Widerstand gerechnet hatte: „Zieh Leine, du Arsch, sonst stech ich dich ab und verprügel dir die ungewaschene Fresse!“ Micha und ich schauten Arnold mit großen Augen an. Wir mutmaßten zwar angesichts seiner üblichen Sprache, dass er auch in diesem Moment nur blufft, blieben aber stumm.
Moustache schien einzusehen, dass er schlechte Karten für ein Techtelmechtel hatte, dennoch schrie er weiter: „DOLORES! ICH WILL DICH SEHN! ICH LIEBE DICH! ICH MUSS DICH SPRECHEN!“
„Da gibt’s nix zu sprechen und getz pack dich!“
Endlich hatten wir ihn in seinen Wagen gedrängt und ihn davon überzeugt, dass er besser losfahren sollte und nicht mehr wiederzukommen brauchte.
Als er den Motor angelassen hatte, fragte Micha den dritten in unseren Bunde: „War das nicht ein wenig übertrieben?“
„Paska! Mit der Arschkröte musse doch Tacheles reden, sonss wär der nie gefahrn!“, antwortete Arnold und verschränkte die Arme.
Dann kicherte Micha: „Solln wir den Grünen Bescheid sagen, dass hier 'n Besoffener unterwegs ist?“, und Arnold sagte kopfschüttelnd: „Wozu? Wenn Dolores Glück hat, fährt dat zugeknallte Arschloch von einem Wichser vorn Baum.“
Moustache war kaum vom Hof gefahren, da trudelten wir wieder in den Gang und stolzierten wie Helden in die Küche.
„Er ist weg“, rapportierte Micha stolz.
Dolores war dennoch einen Moment lang geknickt: „Iss vusste es, als iss 'eute die Toddesföggel ge-ssenn 'ab.“
„Was für Todesvögel?“, fragte Jonas.
„Ach, da waren ein paar Krähen auf dem Acker. So'n paar fette Braten.“
„Odins Vögel?“ Jonas Augen glänzten, „Das sind doch keine Todesvögel, Dolores! Das sind Hugin und Munin!“
Dann tranken alle auf den Schreck einen Schluck Bier. Arnold bewunderte bei dieser Gelegenheit an Jonas andere Talente als seine skandinavische Bildung: „Cazzo, du hass aba auch 'ne verteufelt gute Schlachzahl beim Saufen!“
„Na man sagt doch, Bier macht schön?“, fragte Jonas verschmitzt und Jan freute sich lachend: „Tatsächlich? Dann muss ich ja wunderschön sein.“ Er nippte an seinem Becher, und seinem Mund entfuhr ein zufriedenes „Aaaah!“
Jonas erzählte: „Ich kenn einen dänischen Trinkerspruch, das heißt, eigentlich ist es ein Lied, das ist sehr lustig.“ Er sang: „Så svin-ger vi po-ka-ler-ne i-gén! Skål!“, und schunkelte dazu seinen Becher.
Jans Augen glänzten: „Das ist toll! Das machen wir zusammen!“ Alle wedelten mit ihrem Becher und sangen:
Jonas, Dolores, Arnold, Micha, Wieland, ich: | Jan: |
Dann nahmen wir einen Schluck. Jonas schüttelte den Kopf, die meisten grinsten, selbst der angetrunkene Jan: „Neineinein, Jan. Es heißt: Ssoo sv-ing-ger wi po-key-ler-nä i-genn.“
„Na, das hab ich doch gesagt! – Nochmal!“ Wieder vollführten die tanzenden Becher zum dänischen Gesang Bögen in der Luft.
Jonas, Dolores, Arnold, Micha, Wieland, ich: | Jan: |
Jonas schüttelte grinsend den Kopf: „Nein, Jan!“ Dann sprach er immer vor und Jan wiederholte: „Sso“ – „sso“ – „svinger“ – „schwinga“ – „wi“ – „wi“ – „pokeylerne“ – „Pokale“ – „igenn“ – „ägänn.“ Jonas' Gesicht zeigte deutlich, dass bei Jan der akustische Hopfen und das fremdsprachliche Malz verloren waren. Jan ertrug die Schmach standhaft, und ab sofort hieß es nur noch ohne jeden Gesang Skål, Nazdrowie, Salut, Cheers, Santé, Kippis, Nachaim, Sláinte, mehrfach sogar Tram van tram, niemals aber Prost.
Plötzlich klingelte das Telefon und Arnold beschwerte sich: „Wat is dat denn für'n beschränktet Arschloch, dat getz noch hier anruft?“
„Das isst bes-timmt für miss“, Dolores sprang auf, „meine Mutter in Barthelona vill 'eute nok anruffen.“ Sie stürmte zum Telefon, an dem sich ihre Laune augenblicklich hob. Überschwenglich begrüßte sie ihre Mutter und plauderte angeregt wie ein spanisches Maschinengewehr in den Hörer. Jonas zündete sich wieder einmal eine Zigarette an, die er dann im Aschenbecher ausglühen ließ. Er nahm sich eher unbewusst ein paar Wandscherben, die in sehr schlechtem Zustand waren und aufgrund ihrer Farbe eindeutig nicht zu Wielands Gefäß gehörten. Dann begann er, nebenbei mit ihnen zu jonglieren und merkte erst im Nachhinein, womit er sich beschäftigte. Konzentriert schaute er auf die über seinem Kopf fliegenden Tonstücke. Wieland blickte streng von seinen Klebeversuchen auf, sagte aber nichts.
„Das hab ich für Demos gelernt. Immer schön mit Pflastersteinen jongliert und eine Mütze vor die Füße gelegt. Wenn dann die Bullen kommen, hab ich immer gesagt, ich jongliere ja nur.“ Er verzog sein Gesicht zu einem frechen Lächeln, dann begann er die Melodie von Hänschen-Klein zu summen. Bald sang er sogar: „Pflasterstein, flog allein, in die Deutsche Bank hinein-“
„Bist du etwa so ein Krawalltourist?“, fragte Wieland ehrlich erbost.
„Hast du das noch nicht gemerkt? Warum, glaubst du, fahr ich jeden ersten Mai nach Berlin?“
Ich grinste ahnend.
Er legte nach: „Warum, glaubst du, übe ich Baggerfahren?“
Ich hörte auf zu grinsen und er fuhr fort: „Ich kenn in Kreuzberg ein paar Schrauber, die haben Zugang zu einem Bagger. Den wolln wir nächstes Jahr mit einem Gitter um das Fahrerhaus versehen, dann setz ich mich da rein und bin sicher vor den Bullen. Und dann bau ich die schönsten Barrikaden, die man sich vorstellen kann!“ Jonas freute sich selbstbewusst.
„Ich kann ja verstehn, wenn einem diese Idioten mit ihrem Liberalismus auf den Keks gehen, aber die Randalen hab ich nie verstanden“, warf ich ein.
Jonas' Augen begannen zu glühen: „Naja, du stampfst in dieser schwitzigen Enge, bist umgeben von scharzen Ärmeln und Sonnenbrillen, von rechts kreischt Trillergepfeife ...“
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