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Mittwoch, 21. Oktober 2009

Kapitel 16.2

Aufgrund seines Amtes war er natürlich längst unkündbar, aber um auf eine andere Stelle weggelobt zu werden, fehlten ihm die Verbindungen. Seine Funktion als Direktor stagnierte. Er ließ seinen Stellvertreter Plankenreiter mehr und mehr auch die repräsentativen Arbeiten übernehmen und wurde vollends tatenlos.
Von Bekannten erfuhr ich, dass Senff selbst in seinen lichteren Momenten nur noch durchs Amt irrgeisterte. Er bastelte scheinbar an irgendwelchen Projekten herum, die er niemals beendete, tat so, als arbeite er Altgrabungen auf, deren Bearbeitung er dem Ausgräber auf dessen Sterbebett versprochen haben wollte. Dazu fegte er durch die Gänge, störte jede Sitzung und Besprechung. Entdeckte er irgendwo ein Staubkörnchen, schoss er zur Abstellkammer, die eine Zeit lang Schehlens Arbeitsraum gewesen war, um einen Staubsauger herauszuholen. Dann saugte er wild fluchend das halbe Amt von den Akten- über die Kartenschränke bis zu den Zeichentischen steril. Doch in dem Maße, wie er den Staub im Amt verringerte, schwand auch sein dortiger Einfluss. Die genervten und teilweise verängstigten Angestellten gingen ihm aus dem Weg, soweit sie es vermochten, Anfragen richteten sie nur noch an Plankenreiter. Der fügte sich in seine Rolle, eigentlich kam ihm die Konstellation sogar entgegen. Wäre Senff aufgestiegen, hätte Robert niemals eine Chance gehabt, Amtsleiter zu werden. Ein Außenstehender, mindestens ein promovierter, besser ein habilitierter, von denen es ohnehin viel zu viele gab, hätte dessen Stelle übernommen. Auf diesem Wege aber konnte Robert das Amt leiten, ohne auf dem Papier die Qualifikation mitzubringen. Dabei muss ihm zugestanden werden, dass er in dem Maße, wie er früher stinkefaul gewesen war, nun in seine Position hineinwuchs und sie halbwegs angemessen ausfüllte.
Senff legte dagegen lediglich noch Wert darauf, auf Kongressen zu erscheinen. Dazu erschien er allen wie ein Irrer, der in regelmäßigen Abständen sein brüchiges Haar kämmte, das seinen Schädel nur noch karg bedeckte. War er Zuhörer einer Präsentation, erkannte er nicht einmal mehr, wann die Bilder an der Projektionswand scharf waren. Er hob dann immer einen Arm, formte mit der Hand ein C und versuchte durch drehende Bewegungen zu vermitteln, dass der Diaprojektor scharf zu stellen sei. Niemand reagierte jemals darauf.
Ich begegnete ihm zum letzten Mal eines Abends vor einem Vortrag in unserem alten Institut, da lief ich gerade an der Toilette vorbei. Er stand in der geöffneten Tür mit seinem roten Schal, mit dem er sich noch immer schmückte, und suchte gehetzt den Lichtschalter. Er fand ihn einfach nicht. Ich grüßte kurz, schaltete ihm das Licht ein, aber er erkannte mich nicht einmal mehr. Als er später nach mir zum Vortrag erschien, bedankte er sich bei mir vor dem Plenum lautstark dafür, dass ich ihm auf der Toilette geholfen hatte.
Ich setzte mich ins Plenum und dachte darüber nach, dass man keinen Moment darüber verlieren sollte, sich über ihn oder die heutige Zeit überhaupt zu wundern. Beides ist viel zu exzentrisch.

Ende

Dienstag, 4. August 2009

Kapitel 13.7

Senff öffnete seine abschweifenden Augen und schüttelte den Kopf. Mit wenigen orientierenden Blicken fuhr er im Büro herum, dann schüttelte er seine Uhr aus dem Ärmel, um die Zeit nachzusehen.
Kurz vor zwölf, dachte er, dann kann ich endlich Mittag machen.
Maxim griff unter die Bewerbungsmappe und hob sie flach zur Seite, um sein Mittagessen zu verspeisen. Er kramte sich aus der Tasche eine Plastikdose, einen einzelnen Apfel und eine Banane. Dann begann er damit, aus der Dose ein belegtes Brot zu essen und lauschte der Mittagsstille im Amt. Ab und zu klapperten Schritte über den Flur. Entfernt hörte man ein Auto verbeihuschen, viel Verkehr war nie in der Nähe des kleinen Schlösschens. Bevor er weitere Stücke von dem Brot abbiss, trank er ab und zu einen Schluck aus der Tasse, dann kaute er weiter. Nach dem Brot entkleidete er sorgfältig die Banane und operierte mit spitzen Fingern noch das kleinste Fäserchen von dem Fruchtfleisch. Er ekelte sich davor, das Innere zu berühren. Als die Südfrucht vertilgt war, griff er sich den wachsglänzenden Apfel und biss herzhaft hinein. Nach zwei Bissen klopfte es an seine Tür, er pausierte einen Augenblick, überlegte kurz, während er den Apfel von dem Mund weghielt und kinnkaute dann schnell das Stück zu Ende. Mitsamt seinem Stuhl rollte er ein Stück zur Seite, drehte sich und bat den unerwünschten Gast hinein.
Es war Robert, der die Tür offen hielt und nur seinen Oberkörper in das Büro lehnte. Maxim zeigte sich selbst von seiner wichtigsten Verbindung zur amtlichen Außenwelt im Essen so gestört, dass er den Apfel im Mülleimer entsorgte.
„Was willst du?“, fragte Maxim genervt und schmatzte Apfelschalenreste aus den Zwischenräumen der Zähne.
„Oh, du isst gerade?“, erkundigte sich Robert dumm. Immerhin wäre zu erwarten gewesen, dass er die Gewohnheiten seines wichtigsten Protektors nach fast zwanzig Jahren kennen sollte, „Entschuldige bitte. Ich wollte nach dem Termin nachher fragen und die Scheckow ist schon zur Kantine.“
„Ja“, bellte Maxim, „der Termin ist um zwei.“
„Gut, dann sehen wir uns ja nachher“, verabschiedete Robert sich. Er wusste, dass er Maxims Essen nicht unter-, sondern abgebrochen hatte. Robert federte zurück und schloss die Tür in derselben Bewegung.
Maxim spürte einen flachen Zorn in sich aufsteigen. Er nahm die Kaffeetasse, schwenkte die Kaffeereste und spülte mit einem Schwung den Apfelgeschmack aus dem Mund. Dann stand er auf, stellte sich mit hinter dem Rücken verschränkten Armen vor eines der Fenster und blickte kurz in den Garten.
Wenige Momente später wankte er zur Sitzecke und fläzte sich in die Designersessel, um ein kurzes Nickerchen zu machen.

Donnerstag, 23. Juli 2009

Kapitel 13.6

Senff verzog sein Gesicht zu seiner pseudofreundlichen Fratze und nahm mehrere Umschläge unterschiedlichen Formats entgegen. Dann stolperte er in sein Büro und schloss die Tür mit einer rückwärtigen Armbewegung, ohne seinen Blick von der Post zu lösen. Er schlurfte zu seinem Schreibtisch, ließ sich plumpsend auf den Sessel fallen und warf die Post rücksichtslos auf die Arbeitsfläche. Voller Zufriedenheit sah er, dass die Scheckow ihm eine neue Tasse Kaffee eingeschenkt hatte. Neben dem Füllfederhalter lag ein Brieföffner, der sich für einen Landesarchäologen geziemte. Es war eine Miniatur eines urnenfelderzeitlichen Schwertes aus Messing. Maxim schnitt damit einen Brief nach dem anderen an der kurzen Seite auf und fingerte umständlich die Post heraus. Diese Technik wandte er sowohl bei großen Umschlägen an als auch bei kleinen Kuverts.
Der Inhalt der Post war bunt durcheinandergewürfelt. Ein Fachverlag schickte ihm das aktuelle Archäologieprogramm. Senff blätterte nur kurz durch, ob der Sammelband, an dem er lediglich als untätiger Herausgeber beteiligt war, bereits aufgeführt würde. Als er den Band entdeckt hatte, schnippste er das Programm befriedigt zu Seite. Er griff nach der Untertasse und zog sich das Coffeinensemble heran.
Aus einem anderen Umschlag zog er die Einladung zu einer Tagung, die ihn zwar überhaupt nicht interessierte, wo er aber immerhin ein wichtiges Gesicht machen könnte. Er betrachtete das geplante Grundprogramm und überlegte gelangweilt. Er würde keine Zeit mehr dazu haben, dachte er, bis dahin würde er sicherlich bereits im Kultusministerium residieren.
Dann griff Maxim aus dem ungeordneten Haufen einen großen Umschlag, bei dem er sich sicher war, dass es sich um eine Bewerbung für eines der ausgeschriebenen Volontariate handeln musste. In anderen Ämtern landete solche Post gewöhnlich in der Personalabteilung, hier legte der Chef großen Wert darauf, als erster einen Blick auf Bewerbungen zu werden. Alle anderen notwendigen Arbeiten hatte ja Plankenreiter für ihn übernommen.
Natürlich hatte auch Plankenreiter keine Ahnung und noch weniger Interesse an den Arbeiten. Das war Senff aber egal. Hauptsache irgendjemand machte die Arbeiten, die in der Forschung als seine eigenen Leistungen betrachtet wurden. Also bestand Plankenreiters wichtigstes Vermögen darin, Arbeit zu delegieren. Bis sie dann schlussendlich auf dem Schreibtisch – oder häufiger im Werkvertrag – irgendeiner armen Sau landeten, die die Leistung tatsächlich erbringen musste, es aber im Gegensatz zu den festangestellten Vollidioten auch vermochte. Daher hatte Senff genügend Zeit, sich um Bewerbungen selbstpersönlich zu kümmern. Inzwischen liefen die natürlich nicht mehr in irgendeiner Burger-Kaschemme, sondern unter Begutachtung all der erforderlichen Amtspersönlichkeiten aus Frauenvertretung, Personalrat und Abteilungsleiter der zuständigen Abteilung. Trotz dieser Widrigkeiten ließ Maxim sich diese Abläufe überhaupt nicht aus der Hand nehmen. Zu groß war seine Freude an der Leitung und Überwachung des Bewerbungsausschusses.
Wenn es sich nun anbot, einmal wieder für ein Jahr (mit Option auf Verlängerung!) einen Volontär anzustellen, der am liebsten gleich umsonst zu arbeiten hatte, pestete Senff die Sekretariate der einschlägigen Institute in Deutschland und im deutschsprachigen Ausland mit Ausschreibung zu. Zuweilen machte er das sogar einfach nur, um mal zu schauen, was der Markt so hergibt, obwohl also von vornherein sicher war, dass keine Stelle zu vergeben war.
Arme arbeitslose Akademiker, die sich sogar an dem Strohhalm hielten, eine Stelle bei diesem Tyrannen zu erhalten, gab es zur Genüge. Sie bewarben sich gewöhnlich zu Hunderten. Diese Zahl mag dem Fachfremden gewöhnlich erscheinen. Innerhalb der deutschen Archäologie, in der in einem Jahr kaum ein Dutzend Stellen ausgeschrieben sind, sind sie eine heillose Katastrophe. Zumal es die deutsche Wirtschaft überhaupt nicht einsieht, in der Besetzung ihrer ausgeschriebenen Stellen auch nur einen Deut so flexibel zu sein, wie sie es von den bettelnden Bewerbern verlangt. Echte Ausweichmöglichkeiten sind also nach einer sehr konzentrierten Ausbildung kaum vorhanden, denn selbst wenn man die erwünschten Fähigkeiten mitbringt, sind sie nur in den seltensten Fällen schriftlich nachweisbar. Und gerade die deutsche Wirtschaft hat ja schon vor Jahrzehnten bewiesen, welchem Gut sie einen höheren Stellenwert einräumt, wenn sie vor die Wahl „Papiere oder Menschenleben“ gestellt wird.
Die Stapel der Bewerbungsmappen mochte Senff auf seinem Schreibtisch. Zeugnisse des lausigen Packs, das ihn anhimmelte, bei ihm und für ihn arbeiten zu dürfen. Es war eben die Fortführung seiner Politik der Verlagerung jeglicher Arbeit auf andere, die er über die Jahre perfektioniert hatte. Gerne blätterte er durch die Bewerbungen so wie jetzt.
Das Bewerbungsschreiben lag weit aufgeschlagen vor ihm. Er studierte das Anschreiben, das der Idiot nicht aufgelegt hatte, sondern in die Mappe gefriemelt hatte. Maxim zog das Anschreiben aus seiner Umklammerung und verbeulte das Papier. Mit rechts hielt er sich das Blatt vor die Nase, mit links griff er zur Kaffeetasse und schlürfte, ohne seine Augen von dem Brief zu wenden. Während er den Brief las und sich über komische, nur ihm unverständliche Formulierungen wunderte, tropfte Kaffee von seiner hässlichen Unterlippe, die über die Jahre die Form einer aufgeplatzten Rostbratwurst angenommen hatte. Wieder merkte er das Kleckern nicht, die schwarzbraune Soße tröpfelte auf seine Fliege und sogar unfein auf das Titelblatt der Bewerbung. Maxim bemerkte das erst, nachdem er die Tasse wieder abgestellt und den Brief zur Seite gelegt hatte. Dann stutzte er einen Moment und fragte sich, sind die Tropfen von mir?
Mit dem Handballen rieb er zweimal auf dem Titelblatt und stellte so fest, dass die verteilten Flecken von ihm sein mussten. Er schüttelte zweimal schwach den Kopf, ganz so als wundere er sich über die Schlampigkeit des Bewerbers. Wieder griff er nach der Tasse und schlürfte langsam ihren analeptischen Saft, während er sich unschlüssig durch Lebenslauf und Zeugnisse hindurchblätterte, ohne dabei irgendeinem besonderen System zu folgen. Erst war er sich nicht schlüssig, ob er den Bewerber ausschließen sollte, bis er sich eines Momentes gedachte, in dem er mit dessen Doktorvater einmal einen eigentlich unwesentlichen Disput hatte. Er vergaß vollkommen, dass er den Bewerber doch ohnehin nicht mehr erleben sollte, wenn die Landtagswahlen so verliefen, wie er sich das vorstellte.
Der Bewerber wurde also aussortiert und gelangte somit nicht auf den kaum vorsortierten Berg mit nahezu fünfzig Bewerbungen. Das war die Zahl der geladenen Kandidaten. Senff ließ stets so viele finanziell auf schwachen Beinen stehenden Bewerber skrupellos aus ganz Mitteleuropa anreisen, selbst wenn er sie in seinem stark eingeschränkten Geist eher im Hinterfeld platziert hatte.
Ein Bewerbungsgespräch auf die Stelle eines früher beginnenden Volontariats war für diesen Tag noch anberaumt. Dazu war ein Kandidat geladen, der auf eigene Kosten mehrere hundert Kilometer anzureisen hatte. Eigentlich hatten die Gespräche für diese Stelle in der Vorwoche stattgefunden, faktisch war sie sogar bereits vergeben, aber Senff mochte den Spaß, den aussichtslosen Bewerber noch zu erleben. Schließlich konnte der Hohepriester der Faulheit dessen Huldigung nur hier in seinem Tempel gebührend entgegennehmen.
Für dieses Festival der Dummheit überlegte er sich im Vorfeld zusammen mit Robert stets dreizehn lächerliche Fragen. Den letzten Fragenkatalog hatten sich die beiden bei einem gemütlichen Bier in einem nahegelegenen Bierkeller ausgedacht. Dabei waren die Fragen mit wenigen Ausnahmen, die den Schein wahren sollten, absichtlich so formuliert, dass sie die Bewerber verwirren sollten. Sie waren auch bei allen Bewerbern eines Durchlaufs gleich und von vornherein derart angelegt, dass sie alle Bewerber aus der Fassung bringen mussten. Diese Fragen betrafen Themen und Arbeitsabläufe, mit denen sich nicht nur der Volontär im Amt niemals beschäftigen würde, sondern von denen auch sonst keiner im Amt jemals betroffen war. Das interessierte aber auch niemanden. Das unwichtige, aber aus Maxims Sicht leider unvermeidbare Geschmeiß aus Personalrat, Gleichstellungsbeauftragte und anderen Amtsschimmelnotwendigkeiten verstand den Zusammenhang mit der Stellenausschreibung ja ohnehin nicht. Und die große Mehrheit der Bewerber tat den Teufel, sich zu beschweren. Die wenigen, die zurecht fluchend und schimpfend das Inquisitionszimmer verließen, hatten mit diesem Schritt das Bewerberkarussell von sich aus verlassen. Insgeheim staunte Senff übrigens über solchen Schneid. Es war zwar klar, dass so jemand die Stelle nicht bekommen durfte, Maxim wäre aber hocherfreut darüber gewesen, einen derartigen Charakterzug an sich entdecken zu dürfen.

Mittwoch, 8. Juli 2009

Kapitel 13.4

Senff kannte Schehlen natürlich. Er erinnerte sich sehr gut an ihn. An diesen Stellvertreter von Dr. Stüht. Senff wusste, dass Schehlen ursprünglich als Wunschkandidat seines Vorgängers galt. Warum der die Stelle nicht angenommen hatte, war ihm hingegen nicht klar. Erst durch dessen Verzicht war es für den Außenstehenden Maxim überhaupt möglich gewesen, auf diese Position zu gelangen.
Schehlen war für Senff von Anbeginn ein Problem. Er mochte den schlaksigen Mann mit seinem leicht krausen Haar und dem freundlichen Umgangston überhaupt nicht. Schehlen war zu jedem freundlich, ließ weder seine Bildung noch seine Fähigkeiten weiter heraushängen, als es unbedingt notwendig war. Er war ein Vertreter flacher Hierarchien, der gut mit seinen Mitarbeitern umging, wie jeder bestätigte.
Ein derartiges Verhalten konnte Senff gar nicht verstehen. Schehlen war ihm daher grundsätzlich zuwider. Außerdem wusste er die Haltung nicht einzuschätzen, dass Schehlen die Leitung abgelehnt hatte. Daher wurde das Vergraulen des Stellvertreters eine von Senffs ersten Amtshandlungen. Zumal er die grundsätzliche Notwendigkeit sah, Plankenreiter auf ein gut dotiertes Pöstchen zu erheben.
Robert hatte nach einem wiederholt sehr schlechten Abschneiden bei den Weltmeisterschaften im Drachenflug mittlerweile nicht allein dieses ungewöhnliche Hobby aufgegeben, sondern auch einsehen müssen, dass aus seiner Promotion nichts mehr werden würde. Daher hing er das Stipendium an den Nagel, doch leider wollte die Stiftung, die ihn bislang finanziert hatte, entweder irgendwelche Ergebnisse sehen oder ihr Geld zurück. Nach einer kurzen Phase bei einer Bank, während der er Überweisungsträger abzutippen hatte, war es endlich so weit, dass Senff ihn in das neue Amt nachholen konnte.
Zunächst hatte sein alter Freund Maxim ihm lediglich eine halbe Stelle vermitteln können, die nur wenig ausbaufähig war. Aber es war von vornherein ausgemacht, dass Schehlen von dieser Position aus sturmreif geschossen werden sollte, um Robert die Stellvertretung zuzuschustern.
So groß der Plan angesichts des gewünschten Ergebnisses auch war, hatten doch weder Maxim noch Robert die Details von Beginn an festgelegt, sie entwickelten sich im Laufe der Zeit. Senff war dabei selbstverständlich der Kopf hinter der Nummer, Robert allein wäre dazu viel zu dumm gewesen. Im Gegensatz zu ihm war der Direktor sogar schlau genug gewesen, ausgerechnet die wirklich bösen Sachen von dem dödeligen Robert machen zu lassen.
Schehlen war als Stellvertreter zuvor zuständig gewesen für den Wagenpark des Amtes, er betreute als oberster praktischer Denkmalpfleger die meisten Außeneinsätze, leitete das Fundstellenarchiv und koordinierte die dabei anfallenden Arbeiten.
Hierhin sah Senff die Angriffspunkte. Schehlen sollte systematisch aus diesen Bereichen herausgedrängt und lächerlich gemacht werden. Sehr früh entzog Senff ihm den Wagenpark. Die Kontrolle über die Dienstwagen übernahm er selbst, niemand konnte mehr einen Dienstwagen nehmen, ohne dies persönlich beim Chef abgesegnet zu bekommen. Dafür ließ Senff sogar seine notorische Faulheit so weit hinter sich, dass er sonntags noch gerne herumtelefonierte.
Mit diesem Coup traf er Schehlen gleich doppelt. Denn nun hatte der nicht nur ein Arbeitsfeld weniger, sondern musste für seine Fahrten beim Chef selbstpersönlich einen Wagen beantragen. Natürlich bekam er stets die letzte Krücke.
„Ausgerechnet heute“, sagte Senff dann immer, „ist nur der Passat verfügbar.“
Schehlen machte dann ein langes Gesicht, denn er wusste, was das bedeutete. Bei mindestens jeder dritten Fahrt blieb er mit dem ältesten Wagen des Amtes liegen, was natürlich besonders an Freitagnachmittagen regelmäßig zu unschönen Situationen für Schehlens Familie führte. Kam der Stellvertreter dann zu Terminen zu spät, hagelte es selbstverständlich im Nachhinein Kritik vom neuen Direktor.
Diese Kritik, die auch andere Punkte in Schehlens Amtsführung betraf, war eigentlich die einzige Situation, in der Senff in eigener Person seine Finger oder genauer gesagt seine Zunge schmutzig machte. Eigentlich hatte Senff für die Dienstbesprechung den offiziellen Termin am Montagvormittag übernommen. Jedoch änderte er diesen Termin wiederholt frei nach Gusto kurzfristig und sorgte aktiv dafür, dass Schehlen von der Terminänderung nichts erfuhr. Anderen Mitarbeitern war es strikt verboten, den Stellvertreter davon in Kenntnis zu setzen. So wurde es nach wenigen Wochen Usus, dass Schehlen als einziger Angestellter zusätzlich zu den, beziehungsweise anstelle der Dienstbesprechungen, die er ja zwangsläufig meist versäumte, auch Donnerstags in Senffs Büro zitiert wurde, um über geleistete Arbeiten zu rapportieren. Der Ton war ab dem ersten Gespräch mindestens eisig, oft sogar ungehalten. Dann bellte Senff den harmlosen Schehlen an, warf ihm vor, schlecht zu arbeiten oder bedrohte ihn zuweilen mit dienstrechtlichen Maßnahmen, gegen die der sich einfach nicht zu wehren wusste. Der zurechtgestutzte Mann wusste ja nicht einmal, was das alles sollte, er erkannte nicht, worauf das alles hinauslaufen sollte. Wenn er sich zu äußern versuchte, wurde er sogleich von Senff in einem heiseren Feldherrnton unterbrochen, dem er nichts entgegenzusetzen hatte. Was hier gespielt wurde, begriff der Noch-Stellvertreter nicht. Dazu war seine Weltsicht einfach zu freundschaftlich geprägt. Er verstand einfach nicht, dass und wie er hätte handeln müssen.
Außerhalb von Senffs Büro vermied es der neue Direktor, Schehlen direkt anzuschauen. Auffällig verächtlich verdrehte Senff immer die Augen, wenn die zwei nicht allein waren. Regelmäßig putzte er ihn mit fadenscheinigen Argumenten vor anderen Angestellten des Amtes herunter. Eigentlich waren diese Situationen sogar die einzigen Momente, in denen Senff überhaupt mit Schehlen sprach.
Ein paar Monate nach dem Übernahme der Amtsleitung durch Senff ergab sich durch die Pensionierung eines verdienten Grabungstechnikers die Möglichkeit, die Zimmerverteilung im Amt nachhaltig zu korrigieren. Schehlen, der bis dahin neben Senff residiert hatte, wurde nun in ein kleines schimmeliges Kämmerchen neben den Toiletten versetzt, das dem Hausmeister zuvor als Abstellkammer gedient hatte. Genau genommen blieb es natürlich eine Abstellkammer, denn Schehlen wurden weitere Aufgaben entzogen und im Ausgleich dazu immer idiotischere Tätigkeiten übertragen.
Erst hatte er den Auftrag bekommen, die Ortsakten mit den Fundstellen zu digitalisieren, indem die Zettelwirtschaft aus 100 Jahren eingescannt werden sollte. Doch schnell fielen Senff hier und da Unregelmäßigkeiten in der Umsetzung auf, die ihm nicht gefielen, da musste Schehlen die Aufgabe Plankenreiter überlassen, der kurz zuvor in das Amt geraten war. Ab diesem Zeitpunkt war Robert in Senffs Büro stummer Zaungast während des Donnerstagsrapports.
Schehlen blieben nun faktisch kaum noch Aufgaben, er hatte aber in seiner Position auch keine Möglichkeiten, sich selbst neue Felder zu erschließen. Ab und zu erhielt er noch simpelste Arbeiten, an denen nur er allein werken konnte. Mal sollte er für die eine Etage eine Vitrine füllen, mal galt es, eine Schautafel zusammenzustellen. Darüber hinaus hatte er jedoch kaum mehr die Mittel, Kontakt mit anderen Mitarbeitern zu halten. Dafür durfte er mehr und mehr Plankenreiter zuarbeiten. Dies geschah natürlich vornehmlich, um Robert einzuarbeiten, der bereits auf den Sprung für die Stellvertreterstelle war.
Genau zu dieser Zeit begann der Angriff vom zweiten Flügel. Robert war für die Drecksarbeit zuständig. Er streute Gerüchte bei den Angestellten, dass Schehlen psychisch krank sei, sich aber weigere, sich in Behandlung zu begeben. Vorsichtig verbreitete er Klatsch, Schehlen tränke gerne mal einen über den Durst und sei deswegen zurückgestuft worden. Überhaupt wurde der Noch-Stellvertreter systematisch lächerlich gemacht und ein Opfer übler Nachrede.
Irgendwann wurde es dann zu viel. Schehlen wurde tatsächlich krank. Das Geringste, was sich bei ihm zeigte, war noch ein starkes Unwohlsein bezüglich aller Dinge, die mit dem Amt in Verbindung standen. Er klinkte sich aus der Archäologie aus, er floh vor den den letzten sozialen Bindungen zu anderen Denkmalpflegern. Er verließ so unbewusst den Kreis, der ihm den letzten Schutz geben konnte. Stattdessen trat er in einen Teufelskreis aus weiteren Erniedrigungen und stärker werdenden psychischen Verletzungen, denen er immer weniger entgegenzusetzen hatte. Den Kampf im Amt hatte er längst verloren. Bald änderte er seine Anstellung in eine Teilzeitstelle und schlussendlich ließ er sich sogar noch aus dieser Stelle drängen, einfach um diesem täglichen Terror zu entfliehen. Aber nicht einmal dieser Schritt konnte jetzt noch verhindern, dass er sich in professionelle Behandlung begeben musste. Senff war es mit Hilfe Plankenreiters gelungen, aus der üblen Nachrede über Schehlens psychischer Erkrankung eine echte Krankheit zu machen.

Freitag, 22. Mai 2009

Kapitel 12.3

„Nee, Mittow ist durch, ich bin sogar den Bericht schon los. War keine schöne Sache“, sagte ich zu Wieland, „war mehr ’ne politische Grabung.“
„So was hab ich schon gehört“, erwiderte er und wiederholte sich leise pustend, „hab ich schon gehört“, dann nippte er einen Schluck aus seinem Glas.
Nicht weit von uns begann bereits die Reihe der Wartenden, die zum Buffet führte. Irgendjemand in der Reihe erzählte lautstark einen platten Anstehwitz: „Kennt ihr den Unterschied zwischen einer Schlange auf der Autobahn und einer echten Schlange?“ Die Umstehenden blickten groß, dann verriet er: „Bei der Schlange ist das Arschloch hinten!“, und keuchte mit einer furchtbaren Amtslache. Seine dumpfe Umgebung röchelte verzweifelt mit, dann wandten sich alle wieder dem ersehnten Buffet zu.
Ich fragte mich selbst, was ich auf dieser Weihnachtsfeier überhaupt machte. Nach Mittow war mir klar gewesen, nicht mehr für dieses Amt arbeiten zu wollen. Längst hatte ich auch von einer anderen Stelle ein Angebot bekommen. Trotzdem hatte ich noch eine persönlich von Senff unterzeichnete Einladung erhalten und sie angenommen.
Ich mache mir nicht viel aus Stollen, erst recht nicht, wenn er mit Schinken belegt ist, daher nickte ich Wieland verabschiedend zu und ließ mich langsam durch die bellende Menge trudeln. Gesprächsfetzen drangen auf mich ein.
„– hatte heut ’nen freien Tag und hab fünf Stunden lang Holz gehackt, so lang arbeit ich hier sonst nie“, erklärte einer hinter mir.
Senff stand bei einem Studenten, der an derselben Uni studierte, wie Maxim, Robert, Wieland und ich. Ich kannte den Studenten kaum, wusste nur seinen einprägsam Nachnamen: Dante. Er hielt sich an einem Gläschen Sekt fest, Senff mauschelte mit ihm irgendetwas mit unkontrollierter Handgestik.
„– hätt’ nen Anzug anziehn solln“, flüsterte es an meiner Seite.
Dante schaute zu mir, während Senff noch auf ihn einredete, ich blickte zurück. In dem Moment war Senff offenbar fertig mit seinem Traktat, grinste Dante noch einmal diebisch an, erhob sein Glas und drehte sich dann weg, andere zu belästigen. Ich spazierte zu Dante hinüber.
„Grüß dich, du auch hier?“
„Ja, ich suche gerade ein Thema für die Abschlussarbeit“, erklärte er mir.
„Hat Senff dir eins angeboten?“, erkundigte ich mich.
Dante druckste herum: „Ja. – Du kennst doch den Thomas?“
Ich nickte: „Der sitzt hier an seiner Arbeit, stimmt’s? Irgendwas über die Eisenzeit, glaub ich.“
„Genau“, sagte er, „Senff hat mir gerade gesagt, dass der nie fertig wird. Er rechnet wohl damit, dass der bald abspringt, dann soll ich das Thema kriegen.“
Ich staunte und machte große Augen. Abschlussarbeiten entstehen in Ämtern meist nach dem Prinzip „Eine Hand wäscht die andere“. Studenten arbeiten für die Ämter gratis irgendwelche liegengebliebenen Sachen auf, bekommen dafür mehr oder weniger tolle Themen und manchmal auch einen Platz zum Arbeiten gestellt. Jemandem, der bereits eine gehörige Portion Zeit in die für das Amt kostenlose Bearbeitung eines Themas investiert hatte, hinterherzureden, er würde nie fertig werden, ist schon unfein genug. Dessen Thema aber noch während der Bearbeitung weiterzureichen, erschien mir selbst für Senff übermäßig unverschämt. Zumal ich von Thomas wusste, dass er wiederholt Besprechungstermine mit Senff ausgemacht hatte, die der nie einhielt.
Ich kann Unmut selten verbergen, daher schüttelte ich schwach den Kopf, erhob stumm grüßend mein Glas und murmelte: „Wir sehen uns.“
Dante nickte. Ich wusste, er hatte nicht gelogen. Das war mir trotz aller Überraschung klar. Ich hatte ihn ja eben mit Senff reden sehen. Außerdem denkt sich kein Student eine solche Geschichte aus.
Eine Frau vor mir kreischte: „– jaja, die Zimmerlinde vom Baudenkmal wollte mal was von der Welt sehen.“
Dann sah ich Wernher. Er unterhielt sich gerade fröhlich und mit weit ausholenden Bewegungen mit einem anderen Ehrenamtlichen. Ohne eigentlichen Plan ließ ich mich zu den beiden treiben, wahrscheinlich zog mich ihre entspannte Art an, die in dem Raum voll böser Zungen am ehrlichsten wirkte.
„Der hat sich Sachen jekooft, noch un nöcher, konnt det aber allet nich bezahln.“
„Nabend Wernher“, sagte ich.
„Mönsch, der Chef hier? Ick hab dich jar nich jesehn, na, det is ja fein. Kennste den Klaus?“
Ich schüttelte den Kopf, Wernher stellte uns kurz vor.
„Wo wa ick stehnjebliebn? Ick erzähl jrad von meim Nachban. Jut, also einet Tages kricht der son Schreibn aus’m Ausland. Damit kommta denn zu mir rüber und zeicht mir det. Hier kuck ma, Wernher, wat kann det denn sein? fracht er mich. Ick kuck ma den Brief an und seh sofort: Minsk. Da sarick: Pass ma uff, der is aus Weißrussland, sei da bloooß vorsichtich, du weest doch, von da kommt die Mafia her. Det sarick noch im Scherz, da kricht der richtich Muffensausen, öffnet aber den Umschlach janz vorsichtich und fischt mit zwee Fingern den Brief raus.“
Wernher hielt in der einen Hand ein Sektglas und in der anderen eine mit Schinken belegte Scheibe Stollen. Mit einer gewissenhaften Pantomime gelang es ihm, an der Schinkenscheibe das Brieföffnen vorzuführen.
„Denn faltet der det Briefchen auseinander und sieht: Hier – Inkasso-Unternehmen Sowieso aus Minsk, bitte zahln Sie Ihre Schulden bei dem und dem bis dann und dann. – Da wurd mein Nachba janz bleich und sachte nur: Ick muss ma wat erledijen und verschwand.“ Wernher lachte. „Der hat die Schuldn natürlich sofort bezahlt, weil der Muffensausen hatte. Aber später“, jetzt lachte er richtig, „hör ick, det det son Inkasso-Unternehmen aus Vorpommern is, det in Minsk nur ’ne Sekretärin beschäftigt, die nix andres macht, als die Briefe einzutüten und nach Deutschland zu schicken. Die meisten Leute fallen druff rein und sind so schissich, det die jleich die janze Penunse komplett uff den Tisch packen.“
Klaus und ich lachten, nach einer Pause fragte Wernher mich: „Haste einklich den Plankenreiter schonn jesehn?“
Ich dachte, zum Glück nicht, schüttelte dabei den Kopf und sagte: „Nein, aber der hat doch zu der halben Stelle jetzt ein Stipendium, um seine Diss endlich fertig zu schreiben.“
Plötzlich drehte sich jemand neben uns, den ich nicht kannte, in unsere Gruppe und meinte: „Der Robert hat Urlaub. Der ist in der Türkei und nimmt da an irgendwelchen internationalen Drachenwettkämpfen teil.“
„Drachenwettkämpfe?“, horchte ich auf und fragte noch: „Sollte der nicht lieber an seiner Diss sitzen?“, obwohl ich bereits wusste, dass Plankenreiter schon seit Jahren an der Diss hockte, ohne voranzukommen. Jeder ahnte, dass er nie fertig würde und viele ärgerten sich, dass ein weiteres Mal ein Stipendium an so jemanden gegangen war.
Ich wandte mich wieder Wernher zu: „Wieso suchste den denn?“
„Ach, ick arbeete doch jrad im Magazin“, erklärte er.
Ich hatte schon gehört, dass Wernher einer der Glücklichen war, die regelmäßig auch im Winter im Amt angestellt wurden. Gerüchtehalber soll das an dem Wertesystem Senffs gelegen haben, da Wernher den Vorteil hatte, Fan des „richtigen“ Fußballvereins zu sein. Jedem Außenstehenden wird die Verbindung dieser Komponenten völlig zusammenhanglos erscheinen. Für die von Senff eingestellten Beschäftigten hatten sie damals jedoch handfeste Konsequenzen.
In stärkerem Maße als Baumaßnahmen sind archäologische Ausgrabungen nämlich grundsätzlich von möglichst gutem Wetter und dem Jahresrhythmus der Landwirtschaft abhängig. Dadurch ergibt sich, dass auf Ausgrabungen in Mitteleuropa im Spätsommer sehr viele Leute benötigt werden, die im späten Winter nicht mehr bezahlt werden können. Spätestens ab August/September kommen also viele Arbeiter unter, die im Januar und Februar nicht mehr zu finanzieren sind. Dabei bleiben nach dem Ankauf erforderlicher Werkzeuge zumeist Restgelder von den Drittmitteln übrig, die im Anschluss an die eigentliche Untersuchung für die Nachbearbeitung der Funde genutzt werden. Diese Arbeit hinter den Kulissen wird natürlich so gut wie nie öffentlich wahrgenommen, so dass den unfreiwilligen Finanziers gewöhnlich die Einsicht zu deren Notwendigkeit fehlt. Daher sind die Mittel zumindest so knapp bemessen, dass sie selten reichen, um alle wünschenswerten Arbeiten durchzuführen oder auch nur die Mehrheit der im Sommer angestellten Arbeiter auch den Winter hindurch für das Waschen, Sortieren und Zeichnen der Funde zu entlohnen. Im Gegenteil kann sogar oft nur eine sehr kleine Anzahl von Leuten weiter beschäftigt werden, der Rest muss nach Hause gehen. Dabei vergammelt in Fundmagazinen genügend Fundmaterial, um alle Arbeitslose Deutschlands ein paar Jahre zu beschäftigen.
Bei den Arbeitern begann daher zum Ende der Grabungssaison stets das große Zittern, wer von Maxim noch über den Winter angestellt würde. Er machte es sich leicht, er entschied einfach danach, welchen Fußballverein der Einzelne präferierte. Kein Mensch weiß, wie er darauf gekommen ist, aber er quetschte die Angestellten von Anfang an nach ihrer Vorliebe in diesem Sport aus. Die richtige Antwort verschaffte Pluspunkte und einen relativ sicheren Vertrag über den gesamten Winter hinweg, die falsche Antwort sorgte dagegen für einen unbezahlten Extraurlaub. Nur ausgewiesene und bekennende Atheisten waren bei dem Popenbengel noch geringer angesehen als die Freunde des „falschen“ Vereins.
Wernher erklärte mir nun, warum er Robert suchte: „Weeßte, det Magazin untersteht zwa dem Herrn Dokta Senff“, seit der Beförderung nannte er ihn nur noch Herr Doktor, „aber Plankenreiter mänätscht det doch eijentlich. Un nu wollt ick den wat fraagn.“
„Wie läuft das denn so im Magazin?“, erkundigte ich mich neugierig und Wernher machte ein Gesicht, als jongliere er mit heißen Kartoffeln. Dazu wackelte er mit dem Oberkörper.
„Ma so, ma so“, er wurde so leise, dass das nachbarliche Geplapper seine Stimme so weit übertönte, dass die Umstehenden es schon nicht mehr verstehen konnten. Ich beugte mich zu ihm und hörte: „Det bricht allet zusamm. Ick hab ja letztet Jahr schon im Magazin jearbeit’t, aber nu is det det reinste Chaos. Du kennss doch diese Schienenrejale?“ Ich nickte. „Da fällt ständich wat runter, und keener kricht Zeit, da ma uffzuräum. Überall liecht da der Leichenbrand rum und verteilt sich immer weiter. Der Klaus hier hat mir jestern ’ne Ecke jezeicht, da schimmeln Steinbeile, det war letztet Jahr noch nich.“
„Steinbeile?“, fragte ich nach, und nicht einmal besonders leise. Deshalb versuchte Wernher mit beiden Händen meine Stimme zu dämpfen. Klaus stand wie unbeteiligt neben uns, in seinem Blick mischte sich nervöse Skepsis mit leichter Angst.
„Ja, op de det jlobst oder nich, da schimmeln Steinbeile. So Dinger aus Porfür. Un det sin Form’, die hat noch keen Mensch nich jesehn.“
Mit großen Augen schüttelte ich den Kopf.
„Und andere Form’ ham wa hochpoliert da liegn, da könnste ein’ mit totschlagn. Der ganze Schrott, von dem keener den Fundort nich kennt. Die müssten wa einklich in den Burggrabn kippn, so viel ham wa davon.“
Ich grinste über die Idee, warnte aber gleich: „Da musst du aber aufpassen. Ein Techniker hat mir mal von einem Steinbeildepot erzählt, das sich nach Gesprächen mit den Grundstücksbesitzern als Müllgrube erwies, in die die Erben Opas Sammlung entsorgt haben.“
„Ick weeß“, lächelte jetzt auch Wernher, „ick weeß. Bei mir im Ort is doch son Jutshof. Da ham die Russen fümmenvierzich die Sammlung vom Junker jeplündert und uff dem Feld verteilt. Die Bauern von der LPGe sind jedet Jahr zum Denkmalpfleger und ham die Beile vorbeijebracht. Der frachte nur noch, haste det da und da her? Ja, nickten die, denn wusste der schonn, det det zu der Sammlung jehörte.“
Ich lachte, Klaus auch. Neben uns zog eine Frau erstaunlich laut über die Weihnachtsfeierkluft einer entfernt stehenden Sekretärin her: „Das rosa Ensemble ist ja auch unglaublich.“
Die Pointe in Wernhers Geschichte erinnerte mich an einen sehr bekannten Experimentalarchäologen, der in der Nähe des Instituts arbeitete, an dem ich studiert hatte. Regelmäßig suchte er eine bestimmte Stelle auf, an denen er seine Steingeräte schlug, um die dann andernorts vorzuführen. Spaziergänger, die an dem Werkplatz vorbeikamen, sammelten aber genauso regelmäßig die Reste auf, die beim Schlagen eben anfallen und immer liegen bleiben. Daher war im zuständigen Bodendenkmalpflegeamt stets ein großes Hallo, wenn wieder jemand die Mitarbeiter mit einem Haufen modernem Steinschrott belästigte. Selbstverständlich waren sie gezwungen, das Material erst einmal anzunehmen, denn wie sollte dem Laien verständlich gemacht werden, was diese Funde von alten Abschlägen unterscheidet? Im eigentlichen Sinne sind die modernen Exemplare ja genauso echt wie alte Fundstücke, sie sind nur nicht so alt.
Bevor ich diese Geschichte erzählen konnte, machten Wernher und Klaus jedoch auffallend freundliche Augen und starrten an mir vorbei. Während ich in Gedanken an den Experimentalarchäologen versunken war, hatte sich jemand hinter mir aufgebaut, der offenbar mit mir reden wollte. Ich ahnte, wer da hinter mir stand und drehte mich vorsichtig um. Klaus und Wernher grüßten ihn unterwürfig: „Juten Abend, Herr Dokta.“
„Guten Abend“, flötete Maxim die beiden sanft an. Er wandte sich mir zu und zog mich aus dem Gesprächstrio heraus.
„Ich freu mich, dass du gekommen bist.“
„Ja, warum nicht?“, fragte ich, als ich mein Glas grüßend in die Luft hob. Den Bruchteil eines Augenblicks erwartete ich, dass er Mittow anspräche, wischte den Gedanken aber schnell weg, weil es Senffs angeborenen Scheinfreundlichkeit zuwidergelaufen wäre, Probleme direkt anzusprechen.
Seine matten Augen funkelnden blass, dann fragte er: „Was machst du zurzeit?“
„Och, dies und das“, druckste ich herum, „demnächst habe ich aber wohl ein längeres Projekt von Markus in Aussicht.“
Das war ein gezielter Schlag unter Maxims Gürtellinie. Ich wusste, dass Markus und er nach einem früheren Disput Todfeinde waren, die mit mir in denselben fachlichen Fanggründen fischten. Deswegen hatte Markus mir das Projekt auch angeboten. Und ich war so gehässig, Senff diese Verbindung auf die Nase zu reiben. Ich bin nun einmal nachtragend.
Senff mochte kalt sein, aber er war nicht abgebrüht genug, bei der Erwähnung dieses Namens nicht große Augen machen zu müssen: „Bei Markus?“, fragte er, „Ich glaube, da kann ich dir etwas Besseres besorgen. Nächste Woche muss ich zu Pickenpack ins Institut, der sagte neulich etwas von einem DFG-Projekt. Soll ich ihn mal fragen?“
Ich nickte stumm, obwohl ich bereits ahnte, dass es nichts werden würde. Dafür waren die Beziehung des Kümmerlings nicht ausreichend genug. Ich sollte übrigens recht behalten.
Von der Seite quakte jemand Senff an: „Wie geht’s eigentlich dem Doktor Abel?“
Senff fixierte mich noch für einen Moment und drehte sein Gesicht erst im Laufe der Antwort zu dem mir unbekannten Fragesteller: „Doktor Abel ist tot, der ist vor einem Monat gestorben. Hirnschlag.“
„Tot?“, fragte der Gegenüber, „Mein Gott, das lässt einen ja grübeln. Die Einschläge kommen immer näher.“
Senff kehrte sich nun vollends zu diesem neuen Gesprächspartner und unterhielt sich mit ihm, meine Audienz beim stellvertretenden Direktor war beendet.

Samstag, 16. Mai 2009

Kapitel 12.2

Das Schweine-KZ in Mittow hatte die letzten Illusionen zerstört, die ich mir von dem Amt gemacht hatte. Von Mittow habe ich an demselben Tag erfahren, an dem der Vampir geborgen wurde. Es war schon dunkel geworden an dem Freitag. Ich wollte gerade losfahren, da sprang Plankenreiter noch zu mir und erzählte von einer Grabung, die ich unbedingt machen müsse. Es war ein direkter Folgeauftrag, der im Anschluss an meine Grabung in Totenow beginnen sollte. Er erklärte mir nur kurz, es handele sich um mehrere Grabhügel, die im Rahmen von Bauarbeiten gesichert werden sollten. Bis dahin hatte ich noch nie einen Grabhügel ausgegraben. Abgesehen von dem Trio Senff, Plankenreiter und Spasst hatte ich jedoch mit den Archäologen des Amtes auch kaum Probleme gehabt. Vor allem vor Ort lief gewöhnlich alles relativ friedlich ab, zumindest in Totenow. Daher sagte ich dieses Mal noch zu.
Die Abläufe in Mittow waren allerdings leider wesentlich unangenehmer. Erst spät, nämlich am selben Tag, an dem die Untersuchung begann, erfuhr ich, dass ich gar nicht direkt der Abteilung Sonderprojekte unterstellt war, sondern dem örtlichen Referatsleiter. Das bedeutete, dass ich keinen Dienstwagen zur Verfügung gestellt bekam, sondern mit eigenem PKW bis in die Pampa weltzureisen hatte. Plankenreiter, der zu diesem Zeitpunkt bereits kommissarisch die Leitung der Sonderprojekte von Senff übernommen hatte, beschwichtigte mich aber sogleich. Dafür bekäme ich zu den regulären Unterkunftskosten auch Benzingeld erstattet, log er.
Die Zuständigkeiten wurden immer verworrener, denn es stellte sich heraus, dass der Referatsleiter auf mir unverständlichen Amtswegen in diesem Fall Senff persönlich untergeordnet war. Vermutlich hing das schon direkt mit dessen Aufstieg zusammen. Denn nur wenig später wurde bekannt, dass Senff von der Stelle des Leiters der Sonderprojekte zum stellvertretenden Amtsleiter befördert würde.
Die Entscheidungskette allein wäre allerdings womöglich noch unerheblich gewesen, wenn nicht der Referatsleiter ein völlig spinnerter Irrer gewesen wäre, der in jedem Stein ein vorgeschichtliches Artefakt witterte. Er war so fest von seinen Fähigkeiten überzeugt, dass er auch noch damit angab. Ja, er betonte sogar ausdrücklich, jeden Grabhügel erkennen zu können. Und schließlich stellte sich heraus, dass unter anderem in dieser Pseudo-Erkenntnisfähigkeit ein Grund für die Ausgrabung lag.
Die Untersuchung wurde dadurch angeleiert, dass ein niederländischer Schweinezüchter die gute Idee hatte, an den exorbitanten Fördergeldern beteiligt zu werden, die er einstreichen könnte, wenn er in Ostdeutschland eine Schweinefarm errichten ließe. Zugleich wäre eine dort stationierte Farm gut an den osteuropäischen Markt angeschlossen. Dazu suchte er sich das Dörfchen Mittow aus. Dessen Einwohner waren zwar nicht besonders erpicht darauf, täglich mit den Dämpfen von sechstausend zwangseingepferchten Schweinen benebelt zu werden. Doch der bauernschlaue Bürgermeister hatte vor allem mit dem dreisilbigen Totschlagargument „Stellen! Jobs!“ alle Gegner kleingeredet und sogar sämtliche Baugenehmigungen über Beziehungen durchwinken lassen, ohne sie solchen Ämtern vorzulegen, die sie möglicherweise blockieren könnten.
Eines späten Tages erfuhr nun der Referatsleiter von der laufenden Bautätigkeit und röchelte mit seinem Dienstwagen bei der Baustelle vorbei. Die Gruben, die für die Betonfundamente aufzubaggern waren, zeigten mehrere ungeordnete Steinkonzentrationen. Hätte es sich in der Tat um vorgeschichtliche Fundstellen gehandelt, wäre bereits viel zu viel zerstört gewesen. Eine richtige Ausgrabung, das wäre jedem Fachmann klar gewesen, konnte nicht mehr stattfinden.
Im Denkmalrecht gibt es Lösungen für solche Fälle, es sieht die Zahlung eines Bußgeldes vor. Unglücklicherweise richtet sich die Höhe des Bußgeldes jedoch nicht nach den Wünschen der Denkmalpfleger, sondern nach Ministerien, die in erster Linie dem Primat der Wirtschaftspolitik unterworfen sind. Das Denkmalamt kann das System aber unterlaufen, wenn in dem zuständigen Bundesland das sogenannte Verursacherprinzip installiert ist. Dieses Prinzip zwingt Bauherren dazu, sich bei notwendigen archäologischen Arbeiten angemessen an den anfallenden Kosten zu beteiligen. Dieses Modell war in den 90ern fast ausschließlich in den ostdeutschen Bundesländern eingerichtet. Hier waren die Landespolitiker nämlich nach der Wende schlau genug, die entsprechenden Gesetze einzuführen, so dass es ihnen in mancherlei Hinsicht besser erging als den meisten westdeutschen Ämtern. Letzteren wurde das Verursacherprinzip pikanterweise lange Zeit mit derselben Begründung verweigert, die im Osten für dessen Einführung herangezogen worden war: die Armut des jeweiligen Bundeslandes.
Selbstverständlich fällt eine Ausgrabung immer teurer aus, als es jedes Bußgeld sein könnte, so gesehen stellt sie die eigentliche Strafe dar. Gleichzeitig gelingt es in den allermeisten Fällen, Teile der Finanzierung auf andere Bereiche des Amtes zu übertragen.
Ich räume ein, dass ich diese Schlawinerei aus der persönlichen Sicht des Archäologen noch verstehen kann, wenn tatsächlich ein Denkmal mutwillig zerstört wurde. Es wird aber ein sehr unschöner politischer Akt daraus, wenn der Ablauf von einem Irren mit prähistorischen Halluzinationen eingeleitet wird.
Als ich in Mittow einen Tag vor Grabungsbeginn ankam, fuhr ich sofort bei der Baustelle vorbei. Die Bauarbeiter wuselten hektisch von Ecke zu Ecke, durften sie doch in weiten Bereichen vorläufig gar nicht tätig werden, obwohl ihre Termine natürlich bestehen blieben. Ich ließ mir die Steine zeigen, schüttelte den Kopf und wusste auf der Stelle, dass die Grabung blödsinnig war. Tags darauf erklärte mir der Referatsleiter seine Vorstellungen von den vorliegenden Fundstellen, und ich war äußerst überrascht, dass ein Mann der Wissenschaft so bescheuert sein kann. Eigentlich hätte ich die Gunst der kurzen Verträge nutzen und mich schnellstmöglich aus dem Staube machen sollen, zumal sich plötzlich herausstellte, dass von Benzingeld überhaupt keine Rede sein konnte. Als ich Plankenreiter diese Trickserei später vorwarf, verteidigte er sich mit der flauen Begründung, ich hätte doch sonst die Grabung nicht angenommen. Er gab die Lüge also auch noch offen zu. Fatalerweise hatte ich sie nicht nur angenommen, sondern bin auch noch geblieben, als es nur noch schrecklich war. Ich weiß gar nicht genau, warum ich mir das Generve antat, womöglich ermangelte es einer echten Alternative, vermutlich lag es aber auch an einer guten Portion Neugierde, wie das Spielchen noch enden würde.
Ich bekam eine Horde ABMler zur Seite gestellt, alles freundliche, höfliche Menschen aus Mittow, die glücklich waren, wenigstens sechs Wochen lang Geld verdienen zu dürfen, zumal die Arbeit alles andere als mühselig war. Doch je weiter wir in der Untersuchung der Steinhaufen voranschritten, desto offensichtlicher wurde deren Befundcharakter. Zwischen den Steinen zeigte sich wiederholt Müll aus der Zeit der LPG, der schlicht deutlich machte, dass hier in den letzten Jahrzehnten Steine vom Acker entsorgt worden waren. Soweit erkennbar stammten die Steine nicht einmal von einem zerstörten prähistorischen Befund. Sie waren unbearbeitet, an ihnen waren beim besten Willen keinerlei Spuren früherer Verwendung zu entdecken.
Ich sprach mit dem Referatsleiter, der natürlich standfest bei seiner Meinung blieb. Ich telefonierte mit Senff, der sich von der Meinung des Referatsleiters überzeugt gab – oder zumindest mir gegenüber nicht zugeben wollte, was hier für eine Posse gespielt werden sollte. Gleichwohl machte Senff keinerlei Anstalten, die Steinhaufen in natura zu betrachten, um sich womöglich ein eigenes Urteil zu bilden.
Irgendwann waren die Gruben ausgegraben und die letzten Steine herausgezogen. Auf einer fußballplatzgroßen Fläche zeigte sich abgesehen von den wenigen eindeutig modernen Funden lediglich eine einzige Keramikscherbe in Fingernagelgröße, die vorgeschichtlich gewesen sein könnte. Nun mag der Laie sagen: Siehste, da war ja doch was. Dem gebe ich aber zu bedenken: Es gibt in Mitteleuropa kaum einen Acker, auf dem man nicht wenigstens mit mehreren Dutzend Scherben aus den letzten 500 Jahren herunterspaziert kommt, wenn man sie absammelt. Insofern war der Mittower Acker schon etwas besonderes, er war ungewöhnlich fundleer, praktisch archäologiefrei, als sei er zuvor von einem Fachmann penibel gereinigt worden.
Archäologisch blieb in Mittow nicht wirklich viel zu tun, gleichwohl war die Arbeit keine leichte Tätigkeit. Gegenüber dem cholerischen Polier mit sehr ausgeprägtem Kleiner-Mann-Syndrom mussten wir jeden Tag aufs Neue beweisen, dass wir nicht unnötig vor Ort waren. Ständig waren wir gefordert, das kleine bisschen Arbeit aufzublasen, das angesichts der Aufgabenstellung möglich war, um sechs Wochen Finanzierung zu rechtfertigen. Aber auch als die Grabung längst beendet war, quälte mich das Projekt noch. Denn nach jeder Ausgrabung ist es notwendig, einen Abschlussbericht über die geleistete Arbeit zu verfassen. An dieser Stelle kommen wieder Wirtschaft und Politik ins Spiel. Schließlich lässt es sich bei privaten Finanziers kaum verhindern, dass die hinterher wissen wollen, was sie finanziert haben. Da ist es natürlich dumm, wenn das Amt die Hose herunterlassen muss und nichts darunter trägt.
Ich war dreist. Der cholerische Polier war zwar aus meinem Leben verschwunden, aber ich sah nicht ein, mich mehr als unbedingt nötig zu verbiegen. Ich schrieb einen ehrlichen Bericht, in dem ziemlich deutlich stand, was untersucht wurde: nichts von denkmalpflegerischem Interesse.
Natürlich ging der Bericht direkt an Senff. Ich weiß nicht, wie er im ersten Moment darauf reagiert hat, aber er teilte mir bald mit, dass er Änderungen verlange. Ich sollte irgendein Buch aus dem 18. Jahrhundert finden, in dem etwas zur Steinentsorgung auf Äckern stand, und von dem er auf irgendeinem Kongress mal etwas gehört hatte. Mit dieser detaillierten Literaturangabe zog ich für mehrere Tage in die nächste Universitätsbibliothek und wurde in einem Haufen Microfiches tatsächlich fündig. Also blies ich meinen Bericht mit diesen wenigen Informationen auf, sträubte mich aber weiterhin, die Steingruben aus der LPG-Zeit als frühneuzeitliches Denkmal zu interpretieren. Diese Version bekam ich nicht zurück, ich bin mir aber sicher, dass Senff sie vor der Weiterleitung und Archivierung noch frisiert hat.
Seitdem machte ich mir von Denkmalpflegeämtern keine Illusionen mehr. Die waren restlos zerstört. Interessant, dachte ich damals bei mir, das weiß ich noch, je mehr Illusionen man verliert, je klarer man die Realität sieht, desto weiter distanziert man sich von der Realität. Desto weniger möchte man mit ihr zu tun haben.

Donnerstag, 30. April 2009

Kapitel 11.6

Der Weg zu Wielands Grabung führte von einem Feldweg durch eine etwa einen Kilometer lange und sehr enge Schneise, die der Bauer im Rapsfeld freigelassen hatte, damit die Fundstelle erreichbar blieb. Noch bevor wir bei den Bauwagen ankamen, sahen wir, dass Senffs Wagen bereits an den Bauwagen stand.
„Da hätte Wieland nur noch einen Moment warten müssen“, sagte ich wie beiläufig und Wernher bemerkte „Kiek ma an! Der Plankenreiter is ooch da!“ Ich parkte den vom Raps gelb gepuderten Dienstwagen, dann stiegen wir alle aus. Meine Arbeiter begrüßten das Team von Wieland, das bei unserer Ankunft auf der Grabung verteilt herumstand. Sie waren sichtlich nicht beschäftigt, schienen aber nicht bei Senff stehen zu wollen. Als ich zu Senff ging, kamen mir erst Wernher, Dieter und Jan nach, dahinter folgten uns Wielands Arbeiter.
Auf mehrere Meter Entfernung sah ich Senff und Plankenreiter an einem Ende eines großen L-förmigen Schnittes knieen, wo sie andächtig im Dreck mit Kellen herumwühlten.
„Hallo Maxim!“, sagte ich, und: „Hallo Robert!“ Beide schauten kurz auf und erwiderten einen stummen Gruß, dann bastelten sie an dem Grab wieder mit einem Gesichtsausdruck herum, wie ihn dreijährige Kinder haben, wenn sie im Sandkasten Matschkuchen backen oder Sandburgen bauen.
„Wieland war eben bei mir“, erklärte ich, „der hat schon auf dich gewartet. Jetzt ist er wahrscheinlich in der LPG, um dich im Amt anzurufen.“
„Jaja. Jetzt bin ich ja hier.“
Ich kam näher und sah, dass sie dabei waren, einzelne Funde mit den Kellen im Dreck zu fixieren. Maxim wurstelte an den Resten von Eisenringen eines Holzeimers herum, die in Kränzen um den Totenschädel lagen. Robert steckte die verrosteten Reste eines Saxes zwischen den Rippen des Toten fest.
Vorsichtig fragte ich: „Äh, habt ihr das so gefunden?“
„Jaja“, sprang Adlatus Robert sofort ein, „das war nur gerade ein wenig umgekippt.“
„Der Eimer war über dem Kopf?“
„Ja, da wollte jemand seinen Kopf malträtieren.“
„Und der Sax?“, fragte ich noch vorsichtiger mit einem zweifelnden Unterton.
„Der ist damit wie gepfählt worden. Zwischen die Rippen. Genau ins Herz. Wahrscheinlich haben sie ihn für einen Vampir gehalten.“ Ich bin mir sicher, dass mein Gesicht in diesem Moment einen überaus erstaunten Ausdruck angenommen haben muss.
Inzwischen bildeten meine und Wielands Arbeiter mit mir einen Halbkreis um die beiden. Keiner sagte ein Wort. Ich schaute mit großen Augen zu Dolores und den anderen, die ich seit den letzten Wochen zumindest vom Sehen kannte, aber alle blickten mit dem selben fragenden Ausdruck zurück. Die Stimmung war äußerst gedrückt und in der sirrenden Sonne hörte man nur das Kratzen der Kellen und das Klopfen der Hände von Senff und Plankenreiter. Die eigentlich naheliegende Landstraße lag dagegen in auffallender Stille. Am äußersten Rand des Halbkreises stand Wielands Baggerfahrer Frank. Leise fing er an, einen Arbeiter Wielands anzuflüstern: „Wo war ich stehengeblieben? Achja, bei der Western Train. Ja, das ist ein richtiges Wohnmobil, nicht nur son Bulli mit Auflieger. Drinnen habe ich Flugzeugteppich ausgelegt. Top, kann ich nur sagen. Da kannste verschütten, waste willst, da kriste keine Flecken rein!“
Unwillkürlich sah ich in seine Richtung. Obwohl ich es gar nicht beabsichtigt hatte, schien er zu denken, dass es mir lieber wäre, wenn er still bliebe. Schlagartig hielt er inne, schaute mich staunend an und schwieg. Kurz darauf steckte er seine Hände in die Hosentaschen seines Blaumanns und stiefelte langsam zu seinem Bagger, an dem er dann herumbastelte.
Senff und Plankenreiter arbeiteten weiter. Ich kann mich noch erinnern, wie erstaunt ich war, die beiden so hochkonzentriert an den Knochen und Funden herumspachteln zu sehen. Maxim hatte glänzende Augen, er muss auf der Stelle erkannt haben, dass das Grab ein Geschenk war. Es war wie ein großer Lottogewinn vor allem deshalb, weil Wieland nicht da war, um auch nur einen Anteil des Gewinnes einzustreichen. Wielands erfolgloses Warten und seine panische Reaktion, zu mir und dann zur LPG zu fahren, war Senffs Zusatzzahl.
„Können wir euch helfen?“, fragte ich.
„Ihr könnt schon mal die Fotoleiter holen und die Fotosachen bereit machen.“
Senff wollte uns merklich loswerden. Dolores ging mit einem Mitarbeiter zum Container und in den Bauwagen, um die Fotosachen und die Leiter zu holen.
Ab und zu, wenn Senff sich anders hinhockte oder wenn die schnelle Bewegung seines Armes es zuließ, konnte ich mehr von dem Grab sehen. Es war auf den ersten Blick ein erstaunlich gut konserviertes Körpergrab. Dass in diesem kalkarmen Boden Knochen so gut erhalten waren, war extrem ungewöhnlich. Auf Höhe des Beckens konnte man eine Gürtelschnalle erkennen. Auf den zusammengefallenen Rippen zeichnete sich eine schwarzsilbrige Fibel ab, die kaum vom umgebenden Boden zu unterscheiden war. Das Haupt des Toten ruhte leicht erhöht, daneben stand ein kleiner kumpfförmiger Topf. Obwohl der Topf nur sehr grob mit einem Pinsel gereinigt war, konnte man Rosetten und eingeritzte waagerechte Linien auf seiner Oberfläche gut erkennen. Auf der anderen Seite des Kopfes waren mehrere kleine stark rostige Dreiecke erkennbar. Jan merkte, dass sie mir aufgefallen waren, und drängelte sich zu mir. Vorsichtig stupste er mich an und flüsterte ausgesprochen leise: „Hier gibt es Pfeilspitzen. Ich hätte so gerne Pfeilspitzen gefunden, warum konnte ich nicht hier graben?“
Ich blickte ihn kurz an und zuckte mit den Schultern. Offenbar meinte er es ernst. Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte, und ließ ihn wortlos stehen. Inzwischen hörten wir leise, wie sich ein Wagen durch die Schneise im Rapsfeld arbeitete. Wieland kam zurück.
Er fuhr seinen verbeulten Bulli vorsichtig über den Weg auf dem Acker und gelangte zu der Fläche, die für die Wagen der Mitarbeiter und die Bauwagen freigelassen war. Er musste längst gesehen haben, dass Senff bereits auf der Grabung war, obwohl es für ihn kaum erkennbar gewesen sein konnte, womit sich der Leiter der Sonderprojekte gerade beschäftigte. Dennoch stieg Wieland ungewöhnlich ruhig aus seinem Wagen. Ich weiß noch, dass ich mich wunderte, dass er sich gemächlich über den Fahrersitz beugte und einen Moment im Fußraum des Beifahrers kramte. Dann schloss er lahm die Tür und kam gemessenen Schrittes zu uns hinüber. Ich war überrascht, dass er jetzt, wo Senff seinen Befund im Wortsinne bearbeitete, plötzlich so gelassen war. Dabei kannte er Senff einfach nur besser als ich. Ihm muss längst bewusst gewesen sein, dass er das Grab nicht retten konnte, wenn Maxim die Gelegenheit dazu gegeben wurde, es allein „auszugraben“. Er wirkte nicht einmal mehr überrascht, dass Plankenreiter mitgekommen war. Dabei verließ Senffs Adlatus das Amt damals nur selten. Ausgerechnet an diesem Tag war er mitgekommen, als Wieland die wichtigste Entdeckung seines Lebens gemacht hatte.
Wieland wirkte lethargisch. Ich ahnte es nur, er muss bereits gewusst haben, dass nichts mehr zu verhindern war. Hätte er sich in diesem Moment beklagt, wäre er nicht allein den Befund, sondern darüber hinaus auch die Stelle los gewesen. Für die Restzeit seines Vertrages wäre er wahrscheinlich per Dienstbefehl zu einem Änderungsvertrag gezwungen worden und hätte damit in der hinterletzten Ecke besonders unbefriedigende Arbeiten ausführen dürfen. Aber er hätte keine Verlängerung mehr bekommen.
Als Wieland bei uns ankam, blieb auch er im Halbkreis stehen. Er verschränkte die Arme und lehnte sich schweigend vor, um ab und an einen Blick auf das Grab zu erhaschen. Er wagte es selbst kaum, an Senff heranzutreten. Heute glaube ich, dass sich sein ängstlicher Respekt Senff gegenüber mit purer Resignation vermischte. Plötzlich ergriff er kurz das Wort.
„Ich hab schon auf dich gewartet“, funkte er Senff an. „Ich war in der LPG, um im Amt anzurufen.“
Senff schwieg und kritzte in vorgebeugter Stellung weiter mit den Maurerwerkzeugen in den sterblichen Überresten herum.
Wieland traute sich zu fragen: „Willst du es heute noch rausholen? Sollen wir uns nicht lieber um eine Bewachung kümmern und es nächste Woche in Ruhe bergen?“
Senff richtete sich auf, sah Wieland in einer Mischung aus Überlegenheit und Zorn an und sagte: „Nein! Das ist nicht drin, das wird heute geborgen.“
Ich weiß nicht, ob Wieland sich noch ernsthafte Hoffnungen gemacht hatte, als er Maxim gefragt hatte, aber er hatte es immerhin geschafft, ihn dazu zu bringen, die Sicht auf das Grab freizugeben. Jetzt konnte er seinen Befund begutachten, und als Maxim sprach, starrte Wieland auch nur auf das Grab. Mit einem Blick hatte der eigentliche Grabungsleiter gesehen, was da vor ihm passierte. Maxim riss das Grab nicht einfach an sich, nein, er zerstörte und verfälschte es. Er manipulierte es, um es noch sensationeller zu machen, bevor er damit im Amt und in der Öffentlichkeit auftrat.
Hinter uns hockte Dolores und knibbelte einzelne Ziffern aus der Fototafel, um im Anschluss die korrekten Daten aufzustecken. Wieland drehte sich von uns und ging zu Dolores. Nur aus den Augenwinkeln sah ich zu, wie beide miteinander still plauderten. Immer wieder zeigte einer der beiden zu dem Grab. Mehrfach wies Dolores auch schulterzuckend auf den Wagen von Senff. Leise atmete ich einmal tief durch und ging dann zu den beiden. Ich wollte wissen, was hier gespielt wurde.
„Kannst du mir mal sagen“, fragte ich Wieland gedämpft, als ich bei beiden hockte, „was hier passiert?“
„Ich weiß es nicht“, flüsterte Wieland, „ich weiß nur, dass das Grab nicht so aussah, als ich losgefahren bin. Dolores hat mir gerade gesagt, dass Senff ausgeflippt ist, als er kam. Der war wohl keine Minute hier, nachdem ich zu dir losgefahren bin. Als er das Grab gesehen hat, hat er alle Leute weggeschickt. Sie sollten dies holen, sie sollten jenes holen. Von einem wollte er einen Eimer Sand, der andere musste die Gloria an dem Bach da hinten füllen. Der wollte alle loswerden, damit er alleine hier wirken kann. Alleine mit Plankenreiter.“
„Sowas ähnliches hab ich mir schon gedacht. Aber das ist doch nicht nur Manipulation, das ist doch sogar Schwachsinn, was der da macht. Schwert zwischen den Rippen. Eimer auf dem Kopf!“ Ich schüttelte den Kopf.
„Natürlich. Wir hatten das Grab zwar noch nicht frei geputzt, aber man konnte sehen, wo die Sachen lagen. Das Schwert war ganz normal an der Seite. Die Eimerreste zeichnete sich neben dem Skelett ab, ganz normal.“
Meine Befürchtung hatte sich also bewahrheitet: „Der spinnt doch. Der macht nicht nur den Befund kaputt und fälscht ihn, der übertreibt auch noch so, dass ihm das keiner abnehmen wird.“
„Ich weiß nichts mehr“, schüttelte Wieland verzweifelt den Kopf, „wahrscheinlich kommt er sogar damit durch.“

Mittwoch, 31. Dezember 2008

Kapitel 3.8

Professor Pickenpack hatte seinen Camper nachts am Eingang zum Neuweiler Plateau geparkt. Er stand weit genug entfernt, um seiner Frau den Kontakt zu den Studenten zu ersparen, aber nah genug, dass er morgens aus dem Schlafkabuff unter dem Wagendach direkten Blick auf die Arbeiten hatte. So glaubte er seiner Verantwortung als offizieller Projektleiter Genüge zu leisten. Als sich der kleine dicke Professor an diesem besonderen Tag aus dem Wagen zwängte, hatten sich die Studenten bereits durch die ersten zwei Arbeitsstunden auf dem felsigen Feld gequält.
Pickenpack wusste nichts Näheres, Senff hatte ihm nur mitgeteilt, dass heute die Presse kommen wollte. Der Professor war zwar weniger auf Presseauftritte versessen als Senff, sah aber ein, dass es ein durchaus wichtiger Termin war, ohne dass Maxim ihm irgendetwas von dem geplanten Ereignis verraten musste. Denn außer Senff und dem Raubgräber Hinnerk wusste nur Robert Plankenreiter, dass die Münze nicht mit rechten Dingen in dem Neuweilerschen Boden gelangte. Senff hatte ihm nämlich aufgetragen, die Münze erst zu Beginn der Frühstückspause zu deponieren, um der Gefahr zu entgehen, dass sie zu früh von Studenten entdeckt würde. Oder womöglich ausgegraben und unerkannt entsorgt!
Vom Bauwagen aus beobachtete der Grabungsleiter die Untersuchungsfläche interessiert, um zu sehen, wo Plankenreiter herumstakerte. Die Hände hielt der Techniker in den Hosentaschen verborgen, um in einem geeigneten Moment die Münze unauffällig durch ein Loch in der Hose auf den Boden fallen zu lassen. Maxim sah, dass Robert plötzlich stehenblieb. Er schaute sich um, ganz so als wollte er eine Bank ausbaldowern, und trug dazu eine Miene auf, die bei Außenstehenden den dringenden Eindruck erwecken musste, er litte an fortgeschrittener Diarrhö.
Senff wusste, dies war der Moment, dort war die Stelle, an der er während des Presseauftrittes mit dem billigen Metalldetektor, der kaum in der Lage war, eine Reißzwecke anzuzeigen, fachmännisch herumwedeln musste. Robert wühlte mit dem Fuß noch ein wenig Dreck auf, schob ihn auf die in der Sonne blinkende Münze und stampfte alles fest. Leider war er zu dumm, daran zu denken, die Münze möglichst auf einem Befund fallen zu lassen. Dann wäre die Illusion schließlich perfekt gewesen, und Senff hätte heute ein Haus mit einem Bauopfer datieren können. An dieser unbedeutenden Stelle konnte der silberne Star lediglich für sich allein wirken.
Robert blickte nervös zu dem Fenster von Senffs Bauwagen, zuckte zweimal kurz mit dem Kopf nach oben und stiefelte dann zu den anderen Studenten, noch immer mit den Händen in den Taschen. Maxim trat vom Fenster zu seinen Plänen und wollte sich bereits seiner Neigung ergeben, über den schlechten Zeichnungen zu meditieren, als er noch einen schnellen Blick auf die Uhr warf und sich versicherte, dass es kurz vor 10 Uhr war. Angespannt blickte er an die Wand des Bauwagens, vernahm aber bereits entfernte Geräusche, die langsam lauter wurden. Zahllosen Steinchen sprangen gegen Autoblech, dazu mengte sich das Steineknacken von Autoreifen und das würgende Ächzen, dass der Motor von Usselkötters Audi von sich gab. Senffs Gesicht verzog sich zu dem, was er unter einem Lächeln verstand, oder vielmehr zu dem, wozu die Muskeln seiner toten Miene in der Lage waren. Er trat aus dem Bauwagen auf Usselkötter zu und sah, dass auch Pickenpack mittlerweile aufgestanden war. Der Professor hatte sich den Lokalreporter bereits geschnappt und belästigte ihn offensichtlich mit alten Geschichten.
„– und am Fuß des Oppidums war ein Industriepark mit einem alten Dampflokbahnhof. Ah, da kommt ja Herr Senff! Guten Morgen-Morgen!“
„Guten Morgen, Herr Professor! Hallo Thomas, da bist du ja!“
„Hallo Maxim. Wir zwei haben uns bereits bekannt gemacht“, grinste der Reporter. Maxim erkannte, Thomas mochte genervt sein von der Ausgrabung, wesentlich mehr ärgerte ihn jedoch die lahme Geschichte, die ihm der Professor gerade aufdrängte. Die Grüße vermochten die jüngste Geschichte des Professors aber nur zu unterbrechen, nicht zu beenden, denn sofort plapperte er weiter:
„Und an dem Bahnhof drehte Curd Jürgens gerade einen Kostümfilm. Wie hieß der noch? So neunzehntes Jahrhundert, wissen Sie? Genau am selben Tag hatte ich aber ein Flugzeug gemietet, um von dem Oppidum Luftaufnahmen zu machen, wissen Sie, da im Getreide zeichnen sich herrlich alte Gräben und Mauern ab, die kann man auf Luftaufnahmen sehr gut erkennen. Damit ich dem Piloten aber immer sagen konnte, wie er fliegen soll, hatte der seine Kopfhörer abgenommen, bis er irgendwann merkte, dass er von seinem Heimattower lautstark gerufen wurde. Haha! Denn sehen Sie, jedes Mal, wenn wir“, Pickenpack machte eine schneidende Bewegung mit der flachen Hand, um das Flugzeug zu simulieren, „vom Industriepark auf das Oppidum zugeflogen sind, hatten die Filmleute gerade ihre Szene begonnen, für die die Dampflok in Bewegung gesetzt werden musste und Dutzende Statisten über den Bahnhof flanierten. Haha! Die haben die Szene zig Mal drehen müssen! Zig Mal!“, freute sich der Professor.
Thomas Usselkötter verzog den Mund zu einem bemühten Grinsen, erkannte aber, dass nun die Gelegenheit war, zu erledigen, wofür er eigentlich gekommen war. Er bot dem Professor ein Pfefferminzbonbon an, das der mit erhobenen Händen und den Worten „Nein Danke, keine Drogen, keine Drogen!“ lachend ablehnte. Inzwischen rollte Pickenpacks Frau aus dem Bulli zu der dreiköpfigen Gruppe. Thomas und Maxim begrüßten sie, Pickenpack stellte sie Thomas vor. Senff erkannte die Gelegenheit, schmeichelnde Nähe zu dem Reporter herzustellen, in dem er ihn gleich nach Frau und dem frischen Kind fragte. Darauf fiel sogar der Mann von der Presse herein. Sein Gesicht hellte sich auf und er plauderte kurz, wie gut es seiner Familie ginge, während die Gruppe zur Ausgrabung glitt. Ganz nebenbei und innerhalb der Kleingespräche winkte Maxim Robert zu, und gab dezente Handzeichen, den Detektor aus dem Bauwagen zu holen. Robert löste sich sofort von der Gruppe der frühstückenden Studenten, verschwand in den Bauwagen und sprang mit dem Detektor zu der Gruppe. Dabei hörte er, wie Maxim dem Reporter und dem Professor gerade erklärte, wie er an einem der Vortage mit dem Detektor Hinweise auf Metall erhalten hatte, auf Silber, um genau zu sein. Er führte die Gruppe zu der Stelle, die Robert vorher präpariert hatte.
Hier nun habe es Ausschläge gegeben, die ihn vermuten lassen, womöglich vor der Entdeckung eines Silberschatzes zu stehen. Pickenpack machte große Augen. Senff klemmte sich die Kopfhörer des Detektors über die Segelohren und schaltete das Gerät an. Er versuchte, den Plastikteller des Geräts besonders kunstvoll über die von Robert plattgetrampelte Stelle zu schwenken, erweckte jedoch eher den Eindruck eines ungeübten Hobbyraumzauberkünstlers, der seinen ersten Kindergeburtstag bestreitet. Thomas kramte seine Kamera aus der Fototasche und knipste die ersten Fotos. Die Studenten, die gerade ihre Frühstückspause beendeten und sich wieder zur Arbeit trollen wollten, beobachteten leicht amüsiert die Szene aus sicher erscheinender Entfernung. Senff drückte inzwischen auf den Knöpfen des Gerätes, Grounding – Reset – Volume – böhmische Dörfer angesichts seines sprachlichen Untalentes. Er glaubte jedoch fest daran, den anderen wie ein berühmter Pianist zu erscheinen, der das Abschlusskonzert seines Lebens in der Carnegie-Hall gab. Dazu passte es, dass Thomas inzwischen ein Foto nach dem anderen schoss, in der kühnen Hoffnung, das Foto des Jahres zu fabrizieren. Maxims auch nach außen wirkende Einbildungskraft, die schon alle Zeit nur den einen Zweck hatte, ihn wie eine riesenhafte Projektion seiner selbst erscheinen zu lassen, hatte einen neuen Höhepunkt erreicht. Plötzlich hielt er inne, verdrehte wichtig die Augen und machte eine stumme Handbewegung, die Robert deutete, ihm eine Kelle anzureichen. Er zog sich die Kopfhörer ab, legte den Detektor auf den Boden, hockte sich hin und pulte schabend in Roberts Schuhabdrücken. Doch noch bevor er etwas sagen konnte, erkannte Pickenpack in dem graubraunen Felsstaub die silbrige „Eine Münze! Toll-toll!“ und strahlte sichelgrinsend in die Runde. Maxim erhob sich, streckte seinen Körper in einem schweigenden Jubel und reckte die kleine Sensation in die Höhe ihrer Gesichter. Kaum hatte er sie den anderen kurz vor die Nasen gehalten, da riss er sie bereits vor sein eigenes Gesicht. Er tat, als sei die Inschrift schwierig zu entziffern und popelte die Abkürzungen hervor:
„Immp, also Imperator, kääs, das ist Zäsar, pe hellf, das steht für provinzia helvezia-“
„Jaja, Zeitstellung stimmt“, unterbrach Pickenpack, ohne auch nur die Gelegenheit gehabt zu haben, einen näheren Blick auf die Münze zu werfen. Allerdings fehlte ihm ohnehin seine Lesebrille, wie er feststellte und sich in sich hineinärgerte. Maxim fuhr fort: „Pär-ti, hier steht der Name: Pertinax!“ Er strahlte – soweit ihm das möglich war – „Die Münze ist 193 nach geprägt!“
Im Moment als der Name des Kaisers fiel, staunte auch Pickenpack. Er wusste, wie selten ein Denar des Pertinax war, ihm war klar, wie gering die Chancen waren, so etwas auf diesem mistigen Plateau zu entdecken. Von der Siedlung konnte sie jedenfalls nicht sein, war er sich sicher. Sie passte absolut nicht zu dem erbärmlichen Fundmaterial, dass die Studenten bislang den staubigen Felsen entrissen hatten. So sehr der Professor aber überlegte, war er doch nicht in der Lage, die echte Fundgeschichte zu erkennen.
Wäre er Senff damals nicht auf den Leim gegangen, hätte er ihn vermutlich hochkant aus dem Institut geschmissen. Vielleicht wäre Versicherungsvertreter geworden, wer weiß. Aber es gibt eben etwas in der Welt, das manchem die Unterschlagung von Millionen erlaubt, während andere nicht einmal ein auf der Straße gefundenes 1-Cent-Stück behalten dürfen. Und nur die Götter kennen die Gründe dafür.

Montag, 22. Dezember 2008

Kapitel 3.3

Noch mehr Streit verursachten allerdings bereits im ersten Jahr die Studenten, die in der Tat allermeist von Hirnlosigkeit angetrieben waren. Ihre Bewegungen auf der Grabung wirkten, als imitierten sie ein extrem vergrößertes Modell quantenphysikalischer Ereignisse innerhalb eines Teilchenbeschleunigers – allerdings erheblich verlangsamt. Krzysztof radebrach bereits am ersten Tag über sie, sie liefen auf der Grabung herum, „wie eine Herde verirrter Labyrinder.“
Sie waren völlig erstaunt gewesen, hier im südlichen Mittelgebirge körperliche Arbeit leisten zu müssen. Zuvor waren sie ernsthaft davon ausgegangen, je einen persönlichen Arbeiter an die Seite gestellt zu bekommen, um diesen zu kommandieren. Dass sie sich nun selbst mit Muskelschmalz betätigen mussten, erboste sie bereits am zweiten Tag so schwer, dass sie sich beschwerten, als Archäologen (!) mit einer Schaufel (!!) zu arbeiten!!! Ein Student namens Peter versteifte sich gar darin, später Sitzarchäologe zu werden. Er müsse also nicht seine Muskeln anwenden, um zu Erkenntnissen zu gelangen. Daher spazierte er so oft es während der Arbeitszeit möglich war, in den Wald. Er trainierte dort mit schweren Steinen Bi- und Trizeps, da er sehr wohl das Bedürfnis verspürte, ein athletisches Aussehen zu besitzen. Wenn Krzysztof diesen aufgrund seiner Kleidung auch „Top Gun“ bespitznamten Studenten mal wieder zur Grabung zerren musste oder sogar Diskussionen über die Zweckmäßigkeit körperlicher Arbeit aufkamen, diskutierte der Techniker jedoch nicht lang, sondern ermahnte die Studenten streng, dass sie noch viel zu lernen hätten und drohte nachhaltig mit der Nichtausstellung der Seminarscheine.
So legte sich die Haltung zur Arbeitsverweigerung irgendwann, bis den Studenten auffiel, dass nur noch die etwas füllige Katrin sich weigerte, die Schubkarre zu bedienen. Die Bösartigsten unter ihnen begannen nun damit ihr weiszumachen, dass es nicht allein den Seminarschein über die Lehrgrabung geben sollte, sondern dass auch eine Fahrerlaubnis für Schubkarren zu erwerben sei. Als Grund für die inzwischen häufigen Schubkarrenfahrten zum Abraum nannten sie das willkommene Training am Gerät für die am Ende der Grabung stattfindende Prüfung. Krzysztof hatte trotz seiner Sprachschwierigkeiten genug Humor, das üble Spiel mitzuspielen. Katrin wurde panisch und übernahm umgehend ihre Entsorgungspflichten. Wenn sie nun das einrädrige Gefährt auf dem Abraum hebelnd leerte, riefen die anderen Studenten ihr böse zu, die Karre gut zu leeren, damit sie auch ja das Häschen sehen könnte!
Eines Tages entdeckte Katrin auf dem Weg, über den jede Schubkarre in Neuweiler bugsiert werden musste, ein kleines Fuchshäuflein. Mit den Fußspitzen häufte sie eine kleine Staubpyramide auf das Exkrement und steckte als Hinweis auf die Gefahr ein fingerdickes Stöckchen in ihr Bauwerk. Jedem, der ihr über den Weg lief, schilderte sie fortan Horrorgeschichten über den gemeinen Fuchsbandwurm, der nur darauf wartete, von dem Häufchen einen Menschen anfallen zu können! Mit der Auffindung einer neuen Gefahrenquelle aus dem Reich der Tiere traf es Katrin besonders hart, weil sie ohnehin vom ersten Tag an von der Phobie besessen war, irgendwelche Keime könnten sie angreifen. Bei jeder Arbeit außerhalb der Baracken trug sie tagtäglich geblümte Gartenhandschuhe und nutzte darüber hinaus jede freie Minute, ihre Hände mit Desinfektionstüchern zu reinigen. Der Nutzen der Tücher lag auf der Hand, bereits nach wenigen Tagen pellte sich die Haut von den Handinnenflächen, so dass ihr jede Arbeit umso mehr verleidet wurde. Es waren jedoch nicht ihre rohfleischigen Hände, die sie in die Ohnmacht trieben, sondern eine ihrem Gekreisch nach „FÜNFMARKSTÜCKGROSSEZECKE!“, die sie auf ihrem linken Bein entdeckt haben wollte. Krzysztof und einige anwesende Studenten versicherten mir später, es habe sich um einen einfachen Weberknecht gehandelt. Daher konnte er es sich auch bedenkenlos ersparen, Katrin zu einem Arzt zu fahren, zumal er diesen Tort bereits hinter sich hatte.
Dafür hatte der täppische Top Gun gesorgt, der sich schon der ersten Woche beim Zusägen eines Balkens im Wortsinne beinahe umgebracht hatte. Die ungelenken und unzweckmäßigen Bewegungen hatten Krzysztof zwar belustigt, er hatte dennoch geflucht, keine Videokamera zur Hand zu haben. Bei Top Guns nächsten Aktion fluchte er dagegen, weil er mit ihm in die Notaufnahme rasen musste. Der Unmotoriker hatte das Unmögliche möglich gemacht und sein Antlitz mit Archäologens liebstem Werkzeug verstümmelt. Bei diesem Gerät handelte es sich nun nicht, wie der landläufigen Meinung durchs Fernsehen eingetrichtert wird, um Pinsel oder Zahnarztsonde, sondern um eine Kelle. Diese muss für den korrekten Arbeitseinsatz mit Raspel, Feile und Schleifstein an ihren Seiten gehörig angeschärft werden. Und mit einer solchen sehr, sehr scharfen Kelle war es Top Gun gelungen, von dem Stein einer antiken Feuerstelle abzugleiten, so dass sie in sein Gesicht glitt und ihm ein Stück seiner Nasenspitze abtrennte. Leider vermochte es der zuständige Arzt nicht, den leicht verdreckten Fleischkegel wieder anzunähen, daher muss Sitzarchäologe Peter sein Leben mit einem plattwulstig-vernarbten Gesichtsvorsprung verbringen.
So dämlich sich die Studenten auch anstellten, von einem weiteren Besuch der Notaufnahme wurde Krzysztof im ersten Jahr der Kampagne freundlicherweise verschont. Erst im Folgejahr zwang ihn Tilo, ein glatzköpfiger Student, der mehr an Halbedelsteinen interessiert war als an Archäologie, zu einer erneuten Visite der nächstliegenden Klinik. Tilo hatte abgesehen von seinen Augenbrauen bereits mit 26 Jahren kein Haar mehr auf dem Kopf und plärrte jedem die Ohren voll, der nicht schnell genug woanders hinlaufen konnte. Sein größtes Erlebnis war ein zweiwöchiger Trinidad-Urlaub gewesen, den er zum Steinesammeln genutzt hatte. Da er nun dort in Äquatornähe seiner Meinung nach an extreme UV-Strahlung gewöhnt war, weigerte sich der dürre Spiddel trotz der großen Sommerhitze, die in diesem Jahr in Neuweiler herrschte, seine Glatze mit irgendeiner Kopfbedeckung abzuschatten. Tilo ging sogar so weit, die Sonnenstrahlen allmorgendlich mit weit ausgebreiteten Armen zu begrüßen, offenen Auges in die güldene Scheibe zu blicken und die seltsame Anbetung mit der Rezitation eines kühn prononcierten vedischen Mantras zu würzen. Womöglich war dies bereits ein erster Eindruck des sich abzeichnenden Sonnenstichs, denn natürlich kam es, wie es kommen musste, und die Sonne verbrannte ihm die letzten Reste im und auf dem Kopf. Schon in der zweiten Woche konnte Tilo nachts nicht mehr schlafen, weil die Brandblasen auf Glatze und Ohren es ihm unmöglich machten, den Kopf niederzulegen. Der Arzt der Notaufnahme schrieb ihn zwei Wochen krank, und Senff tobte. Doch Tilo hatte auch nach den zwei Wochen mit Kopfverband nichts gelernt und verweigerte auch während der restlichen drei Wochen jeglichen Kopfschutz. Aber sonst wäre Tilo ja auch nicht Tilo gewesen.
Die ausgesprochene Dummheit aller anderen Studenten zeigte sich dagegen wenigstens nur darin, dass sie Fragen stellten, die jeder Sittich nach ausgiebiger Sprechperlentherapie hätten beantworten können. Und wenn man ihnen antwortete, nützte es nicht einmal etwas, mit ihnen zu sprechen, denn sie hörten nie zu und fragten wenige Minuten nach einem ausführlichen Vortrag genau nach den Dingen, die ihnen gerade lang und breit erklärt worden waren. Als typisches Beispiel führte Krzysztof mit Vorliebe einen Studenten an, den er nur die Made nannte. Ihren Kopf beschrieb der Techniker als kahlköpfig und faltig, die Hautfarbe nannte er „gletscherweiß, aber nicht so lebendig, eher wie Wachs.“
Die Made bearbeitete Stellen, die ausnahmsweise ausdrücklich mit dem Pinsel bearbeitet werden sollten, mit der Spitzhacke und griff zum Pinsel, wenn es darum ging, mit dem Spaten ein tiefes Loch anzulegen. Täglich belästigte sie Krzysztof durch das tausendfache Herantragen unansehnlicher, aber eindeutiger Steine, um sich zu erkundigen, ob es sich nicht vielleicht doch um Knochen handelt. Einen gloriosen Erfolg erreichte sie jedoch in der Kategorie „Erst nachdenken, dann fragen“, als sie Krzysztof mit ihren Überlegungen zur Entstehung antiker Siedlungsgruben nervte. Tagtäglich hatten die Studenten nun an diesen Befunden gearbeitet. Dennoch blinzelte die Made den Techniker eines Tages durch ihre Pilotensonnenbrille und fragte voller Wissensdurst, ob die Germanen erst Gruben gefüllt und danach den Lehm um die Gruben herum geschmiert hätten.
Krzysztof raufte sich die Haare und verweigerte die Antwort. Er hatte es aufgegeben, die Studenten mehr als das Nötigste zu lehren, zumal Senff als Dompteur ein Totalausfall war. Besonders in dieser Konstellation mit dem dümmsten Ausgrabungsleiter war mit den Studenten kein Krieg zu gewinnen. Geschweige denn ein Forschungspreis. Und selbst die wenigen denkenden Studenten merkten, dass Krzysztof der eigentliche Leidtragende war, wenn er von einer Studentengruppe zur anderen eilte, um die schlimmsten Zerstörungen zu vermeiden. Er war schlicht von zwei Seiten eingekeilt. Von oben trat der geistlose faule Senff, von unten drückten die desinteressierten Studenten – arbeitsscheu wie die Stirnersche Masse. Als Krzysztof das eingesehen hatte, verschlechterte sich die Stimmung auf dem Plateau um ein Vielfaches. Und dennoch ließ er sich ein zweites Jahr auf die Lehrgrabung ein, in dem dann aber auch endgültig Funkstille zwischen ihm und Senff eintrat. Das verdankte er dem Hinterträger Robert Plankenreiter, den es im achten Semester endlich auf seine erste Ausgrabung gezogen hatte, und der aus unbekannten Gründen von Senff fasziniert war.
Robert bekam eines schlechten Tages mit, als Krzysztof anderen Studenten gegenüber Neuweiler als eine ungeordnete Zirkusgrabung bezeichnete. Robert plankenritt schnellstmöglich zu dem Chef-Bauwagen, um Senff die Entwürdigung der Ausgrabung zu hinterbringen. Das war nun endlich der Beweis der Insubordination, die Senff stets bei Untergebenen suchte und die er nicht dulden konnte. Gerne hätte er Krzysztof sofort gekündigt, musste aber feststellen, dass das wegen des Vertrages nicht vor dem Ende der diesjährigen Kampagne möglich war. So lernte Senff für die Zukunft, nur noch sehr kurzfristige Verträge abzuschließen. Denn nur so war er in der Lage, Mitarbeiter innerhalb einer Woche loszuwerden. In Neuweiler musste er noch ein paar Wochen gute Miene zum verhassten Techniker machen. Er war jedoch unverschämt genug, den Personalwechsel für das kommende Jahr bereits einzuleiten, indem er Krzysztof umgehend befahl, Plankenreiter den Umgang mit Nivelliergerät und Totalstation zu lehren. So wurde Robert im Folgejahr Techniker, ohne zu ahnen, wie sehr sich diese Beförderung für sein weiteres Leben auszahlen würde. Als er auch im späteren Amt Senffs Stellvertreter wurde, konnte keiner die Gründe für diese Besetzung nachvollziehen. Seine fachlichen Fähigkeiten überzeugten jedenfalls niemanden außer Senff.

Montag, 8. Dezember 2008

Kapitel 1.2

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere stellte Maxim Senff sich vor, eines Tages der Held einer Fernsehsendung zu sein. Er malte sich aus, wie er sich in einer Show namens „Das war Ihr Leben“ auf einer puffärmeligen roten Couch lümmelte, damit die Menschen, die ihm in seinem Leben begegnen mussten, ihn beweihräuchern könnten. Weihrauch hatte er bereits zuvor gesammelt, nun könnte das teuflische Kraut vor versammelter Fernsehlandschaft auf Kosten der Gebührenzahler verbrannt werden. Er stellte sich vor, wie er in einem seiner karierten Anzüge, die er als wohlgeschneidert und äußerst stilvoll ansah, leicht behäbig grinsend all das Öl empfing, das ihm den Rücken herunter laufen sollte. In Wirklichkeit konnte nur ein Blinder glauben, Senff trüge exquisite Garderobe, wirkte sie in Wirklichkeit doch seit je, als stamme sie aus dem Clown-Fundus eines viertklassigen Zirkusbetriebes. Obwohl er keineswegs an Farbenblindheit litt, wählte er doch mit entschiedener Sicherheit stets Kleidung aus solchen Stoffen, die es gewöhnlich nicht einmal bis zur Altkleidersammlung schaffen, weil sie zuvor bereits zurecht verbrannt werden.
Senff stellte sich vor, wie der fönfrisierte Moderator debil grinsend durch das Publikum glitt und den Anwesenden all die kreativen Glanztaten des Ehrengastes entlockte. Das heißt, natürlich wäre es nicht notwendig, diesen erst irgendetwas zu entlocken. Nein, Senff empfand es als Selbstverständlichkeit, alle Menschen darüber glücklich zu wissen, den Segen des großartigsten Archäologen seit Schliemann und Indiana Jones empfangen zu haben. Dementsprechend musste es ihnen schlicht eine Freude sein, der Fernsehöffentlichkeit mitzuteilen, wie ihr Herz auf dem Glockenspiel der Gefühle Rumba tanzte, als sie in der Vergangenheit die Nähe des HErrn verspürt hatten.
Da! Sein Doktorvater Prof. Dr. Albert Pickenpack bekam das Mikrofon unter die Nase gehalten. „Ach, was fragen Sie mich“, zierte der sich zunächst grinsend, während er im Publikum Partner für Blickkontakte suchte. Wenige Augenblicke später griff er selbst nach dem Mikrofon: „Wissen Sie, nicht jedes Forschungsvorhaben findet genau die Wissenschaftler, die es vorantreiben. Umgekehrt gibt es nicht für jeden Wissenschaftler das Forschungsvorhaben, in dem er sich bewähren kann.“ Inzwischen war Pickenpack aufgestanden und schraubte während des Sprechens den Oberkörper in alle Richtungen des Publikums: „Als Archäologe bewährte sich Maxim Senff in ganz besonderer Weise. War er doch das Scharnier, um das sich alles drehte! Für ihn bedeutete Forschungsfreiheit, mehr zu arbeiten, als er es musste. Dabei wurde die andauernde gedeihliche Arbeit von ermunternden Gesprächen mit seinen Kollegen gekrönt.“ Das Publikum klatschte. Pickenpack verbeugte sich, gab das Mikro dem gefügigen Moderator zurück. Indem der Professor sich seine Krawatte auf den aufgequollenen Unterleib strich, nahm er wieder Platz und setzte sich.
Hier! Eine der Zeichnerinnen berichtete eine Begebenheit, die vom gusseisernen Gedächtnis des Königs der Archäologen zeugte. Sie erzählte von ihren Zeichenarbeiten im Schloss, die auszuführen sie im Rahmen der Nachbearbeitung seiner größten Ausgrabung die hohe Ehre hatte. Unter widrigsten Umständen – ohne Heizung nämlich – sollte sie die Zeichnungen umzeichnen, die sie während der Ausgrabung angefertigt hatte. Dazu gehörte die Zeichnung eines so genannten Grubenhauses, bei der sich – Schande über Schande! – tatsächlich ein kleiner Fehler eingeschlichen hatte, den der Meister im Verlauf der Ausgrabung übersehen haben musste. Kleinlaut war sie nun mehr als ein Jahr nach der Bearbeitung des Befundes zu ihm gekrochen und hatte ihn gefragt, ob er sich daran erinnerte. Senff hatte sein großväterliches Gesicht aufgesetzt und sofort damit begonnen, ausführlichst das Aussehen des Grubenhauses zu schildern. Jedes Detail, so schien es ihr, war er zu beschreiben imstande. Das Publikum jubelte.
Und dort! Sein Stellvertreter Robert Plankenreiter, dem er bei seiner Karriere ein wenig behilflich gewesen war, wusste Senffs perfekte Öffentlichkeitsarbeit zu schildern: Das größte von Senff betreute Projekt war eine Gastrasse quer durch das Bundesland gewesen, dessen archäologischen Geschicke er geleitet hatte. Um nun der Öffentlichkeit, die finanziell schließlich nicht gänzlich unbeteiligt an dem Projekt war, etwas von dem Wissen zurückzugeben, hatte Senff die bahnbrechende Idee gehabt, an der Gasleitung in unregelmäßigen Abständen Erklär-mir-die-archäologische-Welt-Informationstafeln aufstellen zu lassen, um den geistigen Pöbel wissen zu lassen, welch vorgeschichtliche Schätze hier einst geruht hatten. Senff war zwar nicht der erste gewesen, der so etwas hatte aufstellen lassen, aber dafür waren die von ihm veranlassten Tafeln dermaßen blöde angebracht, dass sie von Vornherein von jeder Wahrnehmung ausgenommen waren. Wirklich eigen war nur die noch weit in die Zukunft greifende Öffentlichkeitsarbeit, in regelmäßigen Abständen Zeitkapseln mit wenigen ausgewählten Funden – meist irgendwelche ungewaschene Scherben – zusammen mit einer billigen Regional-Zeitung aus der Zeit der Ausgrabung zu deponieren. Die Zuschauer im Studio waren aus dem Häuschen!
Natürlich wusste Senff, als er sich diese Sendung ausmalte, wie sehr er sich selbst betrog. Zumindest das Unbewusste in ihm wusste es. Das überlagernde, bei ihm überragende Bewusstsein dagegen war bereits überzeugt davon, dass er wirklich der Held war, als der er sich sein Leben lang zu verkaufen versucht hatte. Und als der er ja auch tatsächlich fast bis zuletzt angesehen wurde.
Dabei hatte er sich diese Vorstellung hart erarbeiten müssen, womit er bereits in der oft so demütigenden Schulzeit begonnen hatte. Schon damals ließ Maxim sich alle Hausaufgaben und zum Teil auch Arbeiten von anderen schreiben. Niemand wusste so recht, wie ihm das gelang, konnte es doch nicht an seiner kläglichen Statur gelegen haben. Auch hatte er sich nie geschlagen. Aber er wusste zu schmeicheln und zu hetzen, bekam nach einer sehr vereinfachten Schulaufführung des „Othello“ sogar eine Zeit lang den Spitznamen Jago verpasst. Es gilt jedoch durch alle Zeiten die Erkenntnis, dass Despoten gefährlich, Schmeichler aber tödlich sind. (Erst die modernen Moralvorstellungen verbieten die früher geltende Lehre aus dieser Weisheit, dass man nämlich den ersten beobachten soll, den zweiten dagegen vernichten.) Senff hatte ein Gespür dafür, seine Person in eine gefährliche Mixtur aus Despot und Schmeichler zu schmieden. Nur bei wenigen Personen versagten seine Künste als scheinheiliger Schwindler.
Der erstgeborene Maxim war als Vierjähriger bereits dermaßen eifersüchtig auf seine kleine Schwester gewesen, dass er die Neugeborene in einem von den Erwachsenen unbeobachteten Moment zu erdrosseln suchte. Natürlich hatte er nur geglaubt, unbeobachtet zu sein. Seine Mutter ertappte ihn, rettete die Tochter und erzog diese zu einer sehr begründeten, lebenslangen Furcht vor ihrem großen Bruder, indem sie ihr diese Geschichte regelmäßig erzählte. Unweigerlich trennten sich die Wege von Bruder und Schwester im Verlauf des Erwachsenwerdens, so dass Maxim nach dem Auszug aus dem Elternhaus bis zu seinem Ende keinen Kontakt mehr zu ihr haben sollte.
Wenigstens gelang es Maxim eine Zeit lang, seine Haltung anderen Menschen gegenüber bei sportlicher Betätigung halbwegs positiv auszuleben. Seit der Schulzeit war er Handballer, denen von verschiedener Seite nachgesagt wird, dass sie mehrheitlich link seien. Ansonsten galt er in der Schule eben außer als Schmeichler höchstens noch als einer von diesen schrecklichen Nachplapperern. Er war einer von diesen Leuten, die sich ständig meldeten, aber stets nur wiederholten, was ihr Vorredner bereits gesagt hatte. Wie oft tuschelte es dann „Muss der wieder seinen Senf dazu geben!“ durch die Klasse? Damals litt Maxim noch unter seinen Namen. Inzwischen füllte er ihn mit Ehre und Inbrunst aus.