Posts mit dem Label matthias spasst werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label matthias spasst werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 25. September 2009

Kapitel 14.4

Es klopfte. Senff stand noch immer am Fenster. Er drehte den Kopf zur Tür und rief „Herein!“ Frau Scheckow öffnete die Tür nur zu einem Drittel und lehnte sich mit einem Stapel Papiere herein.
„Ich habe hier die heutigen Ausdrucke Ihrer E-Mails, Herr Direktor.“
„Ah, ja“, machte Senff und richtete seinen ganzen Körper zur Tür aus, „legen Sie sie dahin.“ Er zeigte auf den Schreibtisch und verschränkte die Arme. Erst als seine Sekretärin das Büro verlassen hatte, ging er wieder zu seinem Arbeitsplatz.
Ein erstaunlich kleiner Stapel heute, staunte er in Gedanken. Natürlich waren es nicht alle E-Mails, Spam und Belanglosigkeiten waren bereits von jemandem herausgefiltert.
Maxim setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch und begann, die Ausdrucke zu lesen. Er genoss die Segnungen der modernen Technik. Er stand der Technik sehr aufgeschlossen gegenüber, für ihre Benutzung war er allerdings zu dämlich. Das von ihm geleitete Amt war zwar eines der ersten deutschen Denkmalpflegeämter, die mit Computern arbeiteten, darum hatte sich aber noch sein Vorgänger Dr. Stüht verdient gemacht. Senff nutzte die übernommene Technik zwar, bremste sie jedoch durch sein Unverständnis zugleich massiv aus. Erst seit einem Jahr war es den Mitarbeitern gestattet, die Rechner mit CD-ROM-Laufwerken auszurüsten. Zuvor schimpfte der geistige Ungelenk seinem Untergebenen Robert gegenüber stets auf die „Firusse und Dieler, die die Computer zerstören wollen!“
Symbolhaft für diesen Unverstand war sein Umgang mit der elektronischen Post. Wie sie funktionierte, begriff er überhaupt nicht. Wollte er sie lesen, ließ er sie sich von seiner Sekretärin ausdrucken. Galt es, eine Antwort zu versenden, ließ er sie von Frau Scheckow schreiben und schicken. Sein Arbeitsbeitrag bestand hauptsächlich darin, dass er die Ausdrucke eigenhändig in Aktenordner sortierte, die er im Büro verstaute.
Inzwischen las er nur noch die an ihn selbst gerichteten E-Mails. Bis vor kurzem ließ er sich dagegen auch die elektronische Korrespondenz seiner Angestellten ausdrucken. Angesichts der sonstigen Leistung, die Senff im Amt vollbrachte, hatte er schließlich genügend Zeit gehabt, sich anderen Dingen zuzuwenden. Schnell richtete sich da sein Augenmerk auf das, was seine Mitarbeiter so machten. Denn er war seiner Umwelt gegenüber in gleichem Maße misstrauisch, wie er davon überzeugt war, eine unerreichte Koryphäe zu sein.
Immerhin hatte er durch die Lektüre der Mails erstaunliche Details über das Leben und die Ansichten seiner Mitarbeiter erfahren: Personalrat Trudolf hetzte hin und wieder einzelne Mitarbeiter auf. Die Gleichstellungsbeauftragte Frau Attermann von der Kunstabteilung verschickte im Haus anzügliche Scherzmails. Spasst versuchte wiederholt, Mitarbeiter zur Teilnahme an seinem Bibelkreis zu überzeugen – meist erfolglos, wie Senff aus den Antworten erfuhr. Dr. Fabricius gab seinen Kollegen gegenüber damit an, welche Erfolge er im Kaninchenzüchterverein errang. Die füllige Frau Schlamers empfahl jede Woche aufs Neue Diätanleitungen, die sie an verschiedene Damen im Haus versandte. Herr Keulenkotz erwies sich als großes Schandmaul, der stets den neuesten Amtstratsch verteilte, dadurch Senff aber als Quelle für Schmutz umso wichtiger erschien. Dank Keulenkotz war er zumindest stets darüber im Bilde, wer denn gerade mit wem techtelmechtelte.
Natürlich war dieses Hinterherspionieren nicht nur unschön, es war sogar verboten. Als den Angestellten vor kurzem schwante, was an der Amtspitze ablief, ließen die Aufrechten unter ihnen daher nicht viel Zeit verstreichen, bis sie entsprechende dienstrechtliche Schritte einleiteten. Da war es dann besonders dumm, dass Senff die ausgedruckten E-Mails seiner Angestellten ausgerechnet in seinem Büro hortete. Aber zu diesem Zeitpunkt konnte Senff eben bereits auf seinen Kumpel Pinscher rechnen, der als Innenminister beste Kontakte zum Justizminister hatte. Schließlich sollten bald die Landtagswahlen stattfinden, für die Pinscher als Ministerpräsidentenkandidat aufgestellt war. Der Sozialdemokrat konnte also keine Skandale gebrauchen, zumal er eigene Süppchen am Kochen hatte. Er sah sich daher veranlasst, für Ordnung zu sorgen, noch bevor eine Zeitung eine „Water-Mail“-Affäre aus der Geschichte machen konnte. Senff fallen zu lassen, war zum jetzigen Zeitpunkt jedenfalls selbst für Pinscher unmöglich, das hätte dem Wahlerfolg nur geschadet. Aber die beiden waren ohnehin bereits zu eng befreundet, als dass Senff sich noch hätte Sorgen machen müssen. Es war jedoch unausweichlich, das Problem aus der Welt zu schaffen. Senff musste sein Treiben beenden und die gesammelten E-Mails herausrücken, während der mit Pinscher verbandelte Justizminister dafür sorgte, dass die Unterlagen bei der Staatsanwaltschaft unter dem Deckel gehalten wurden und belastendes Beweismaterial kurzfristig verschwand.

Samstag, 16. Mai 2009

Kapitel 12.2

Das Schweine-KZ in Mittow hatte die letzten Illusionen zerstört, die ich mir von dem Amt gemacht hatte. Von Mittow habe ich an demselben Tag erfahren, an dem der Vampir geborgen wurde. Es war schon dunkel geworden an dem Freitag. Ich wollte gerade losfahren, da sprang Plankenreiter noch zu mir und erzählte von einer Grabung, die ich unbedingt machen müsse. Es war ein direkter Folgeauftrag, der im Anschluss an meine Grabung in Totenow beginnen sollte. Er erklärte mir nur kurz, es handele sich um mehrere Grabhügel, die im Rahmen von Bauarbeiten gesichert werden sollten. Bis dahin hatte ich noch nie einen Grabhügel ausgegraben. Abgesehen von dem Trio Senff, Plankenreiter und Spasst hatte ich jedoch mit den Archäologen des Amtes auch kaum Probleme gehabt. Vor allem vor Ort lief gewöhnlich alles relativ friedlich ab, zumindest in Totenow. Daher sagte ich dieses Mal noch zu.
Die Abläufe in Mittow waren allerdings leider wesentlich unangenehmer. Erst spät, nämlich am selben Tag, an dem die Untersuchung begann, erfuhr ich, dass ich gar nicht direkt der Abteilung Sonderprojekte unterstellt war, sondern dem örtlichen Referatsleiter. Das bedeutete, dass ich keinen Dienstwagen zur Verfügung gestellt bekam, sondern mit eigenem PKW bis in die Pampa weltzureisen hatte. Plankenreiter, der zu diesem Zeitpunkt bereits kommissarisch die Leitung der Sonderprojekte von Senff übernommen hatte, beschwichtigte mich aber sogleich. Dafür bekäme ich zu den regulären Unterkunftskosten auch Benzingeld erstattet, log er.
Die Zuständigkeiten wurden immer verworrener, denn es stellte sich heraus, dass der Referatsleiter auf mir unverständlichen Amtswegen in diesem Fall Senff persönlich untergeordnet war. Vermutlich hing das schon direkt mit dessen Aufstieg zusammen. Denn nur wenig später wurde bekannt, dass Senff von der Stelle des Leiters der Sonderprojekte zum stellvertretenden Amtsleiter befördert würde.
Die Entscheidungskette allein wäre allerdings womöglich noch unerheblich gewesen, wenn nicht der Referatsleiter ein völlig spinnerter Irrer gewesen wäre, der in jedem Stein ein vorgeschichtliches Artefakt witterte. Er war so fest von seinen Fähigkeiten überzeugt, dass er auch noch damit angab. Ja, er betonte sogar ausdrücklich, jeden Grabhügel erkennen zu können. Und schließlich stellte sich heraus, dass unter anderem in dieser Pseudo-Erkenntnisfähigkeit ein Grund für die Ausgrabung lag.
Die Untersuchung wurde dadurch angeleiert, dass ein niederländischer Schweinezüchter die gute Idee hatte, an den exorbitanten Fördergeldern beteiligt zu werden, die er einstreichen könnte, wenn er in Ostdeutschland eine Schweinefarm errichten ließe. Zugleich wäre eine dort stationierte Farm gut an den osteuropäischen Markt angeschlossen. Dazu suchte er sich das Dörfchen Mittow aus. Dessen Einwohner waren zwar nicht besonders erpicht darauf, täglich mit den Dämpfen von sechstausend zwangseingepferchten Schweinen benebelt zu werden. Doch der bauernschlaue Bürgermeister hatte vor allem mit dem dreisilbigen Totschlagargument „Stellen! Jobs!“ alle Gegner kleingeredet und sogar sämtliche Baugenehmigungen über Beziehungen durchwinken lassen, ohne sie solchen Ämtern vorzulegen, die sie möglicherweise blockieren könnten.
Eines späten Tages erfuhr nun der Referatsleiter von der laufenden Bautätigkeit und röchelte mit seinem Dienstwagen bei der Baustelle vorbei. Die Gruben, die für die Betonfundamente aufzubaggern waren, zeigten mehrere ungeordnete Steinkonzentrationen. Hätte es sich in der Tat um vorgeschichtliche Fundstellen gehandelt, wäre bereits viel zu viel zerstört gewesen. Eine richtige Ausgrabung, das wäre jedem Fachmann klar gewesen, konnte nicht mehr stattfinden.
Im Denkmalrecht gibt es Lösungen für solche Fälle, es sieht die Zahlung eines Bußgeldes vor. Unglücklicherweise richtet sich die Höhe des Bußgeldes jedoch nicht nach den Wünschen der Denkmalpfleger, sondern nach Ministerien, die in erster Linie dem Primat der Wirtschaftspolitik unterworfen sind. Das Denkmalamt kann das System aber unterlaufen, wenn in dem zuständigen Bundesland das sogenannte Verursacherprinzip installiert ist. Dieses Prinzip zwingt Bauherren dazu, sich bei notwendigen archäologischen Arbeiten angemessen an den anfallenden Kosten zu beteiligen. Dieses Modell war in den 90ern fast ausschließlich in den ostdeutschen Bundesländern eingerichtet. Hier waren die Landespolitiker nämlich nach der Wende schlau genug, die entsprechenden Gesetze einzuführen, so dass es ihnen in mancherlei Hinsicht besser erging als den meisten westdeutschen Ämtern. Letzteren wurde das Verursacherprinzip pikanterweise lange Zeit mit derselben Begründung verweigert, die im Osten für dessen Einführung herangezogen worden war: die Armut des jeweiligen Bundeslandes.
Selbstverständlich fällt eine Ausgrabung immer teurer aus, als es jedes Bußgeld sein könnte, so gesehen stellt sie die eigentliche Strafe dar. Gleichzeitig gelingt es in den allermeisten Fällen, Teile der Finanzierung auf andere Bereiche des Amtes zu übertragen.
Ich räume ein, dass ich diese Schlawinerei aus der persönlichen Sicht des Archäologen noch verstehen kann, wenn tatsächlich ein Denkmal mutwillig zerstört wurde. Es wird aber ein sehr unschöner politischer Akt daraus, wenn der Ablauf von einem Irren mit prähistorischen Halluzinationen eingeleitet wird.
Als ich in Mittow einen Tag vor Grabungsbeginn ankam, fuhr ich sofort bei der Baustelle vorbei. Die Bauarbeiter wuselten hektisch von Ecke zu Ecke, durften sie doch in weiten Bereichen vorläufig gar nicht tätig werden, obwohl ihre Termine natürlich bestehen blieben. Ich ließ mir die Steine zeigen, schüttelte den Kopf und wusste auf der Stelle, dass die Grabung blödsinnig war. Tags darauf erklärte mir der Referatsleiter seine Vorstellungen von den vorliegenden Fundstellen, und ich war äußerst überrascht, dass ein Mann der Wissenschaft so bescheuert sein kann. Eigentlich hätte ich die Gunst der kurzen Verträge nutzen und mich schnellstmöglich aus dem Staube machen sollen, zumal sich plötzlich herausstellte, dass von Benzingeld überhaupt keine Rede sein konnte. Als ich Plankenreiter diese Trickserei später vorwarf, verteidigte er sich mit der flauen Begründung, ich hätte doch sonst die Grabung nicht angenommen. Er gab die Lüge also auch noch offen zu. Fatalerweise hatte ich sie nicht nur angenommen, sondern bin auch noch geblieben, als es nur noch schrecklich war. Ich weiß gar nicht genau, warum ich mir das Generve antat, womöglich ermangelte es einer echten Alternative, vermutlich lag es aber auch an einer guten Portion Neugierde, wie das Spielchen noch enden würde.
Ich bekam eine Horde ABMler zur Seite gestellt, alles freundliche, höfliche Menschen aus Mittow, die glücklich waren, wenigstens sechs Wochen lang Geld verdienen zu dürfen, zumal die Arbeit alles andere als mühselig war. Doch je weiter wir in der Untersuchung der Steinhaufen voranschritten, desto offensichtlicher wurde deren Befundcharakter. Zwischen den Steinen zeigte sich wiederholt Müll aus der Zeit der LPG, der schlicht deutlich machte, dass hier in den letzten Jahrzehnten Steine vom Acker entsorgt worden waren. Soweit erkennbar stammten die Steine nicht einmal von einem zerstörten prähistorischen Befund. Sie waren unbearbeitet, an ihnen waren beim besten Willen keinerlei Spuren früherer Verwendung zu entdecken.
Ich sprach mit dem Referatsleiter, der natürlich standfest bei seiner Meinung blieb. Ich telefonierte mit Senff, der sich von der Meinung des Referatsleiters überzeugt gab – oder zumindest mir gegenüber nicht zugeben wollte, was hier für eine Posse gespielt werden sollte. Gleichwohl machte Senff keinerlei Anstalten, die Steinhaufen in natura zu betrachten, um sich womöglich ein eigenes Urteil zu bilden.
Irgendwann waren die Gruben ausgegraben und die letzten Steine herausgezogen. Auf einer fußballplatzgroßen Fläche zeigte sich abgesehen von den wenigen eindeutig modernen Funden lediglich eine einzige Keramikscherbe in Fingernagelgröße, die vorgeschichtlich gewesen sein könnte. Nun mag der Laie sagen: Siehste, da war ja doch was. Dem gebe ich aber zu bedenken: Es gibt in Mitteleuropa kaum einen Acker, auf dem man nicht wenigstens mit mehreren Dutzend Scherben aus den letzten 500 Jahren herunterspaziert kommt, wenn man sie absammelt. Insofern war der Mittower Acker schon etwas besonderes, er war ungewöhnlich fundleer, praktisch archäologiefrei, als sei er zuvor von einem Fachmann penibel gereinigt worden.
Archäologisch blieb in Mittow nicht wirklich viel zu tun, gleichwohl war die Arbeit keine leichte Tätigkeit. Gegenüber dem cholerischen Polier mit sehr ausgeprägtem Kleiner-Mann-Syndrom mussten wir jeden Tag aufs Neue beweisen, dass wir nicht unnötig vor Ort waren. Ständig waren wir gefordert, das kleine bisschen Arbeit aufzublasen, das angesichts der Aufgabenstellung möglich war, um sechs Wochen Finanzierung zu rechtfertigen. Aber auch als die Grabung längst beendet war, quälte mich das Projekt noch. Denn nach jeder Ausgrabung ist es notwendig, einen Abschlussbericht über die geleistete Arbeit zu verfassen. An dieser Stelle kommen wieder Wirtschaft und Politik ins Spiel. Schließlich lässt es sich bei privaten Finanziers kaum verhindern, dass die hinterher wissen wollen, was sie finanziert haben. Da ist es natürlich dumm, wenn das Amt die Hose herunterlassen muss und nichts darunter trägt.
Ich war dreist. Der cholerische Polier war zwar aus meinem Leben verschwunden, aber ich sah nicht ein, mich mehr als unbedingt nötig zu verbiegen. Ich schrieb einen ehrlichen Bericht, in dem ziemlich deutlich stand, was untersucht wurde: nichts von denkmalpflegerischem Interesse.
Natürlich ging der Bericht direkt an Senff. Ich weiß nicht, wie er im ersten Moment darauf reagiert hat, aber er teilte mir bald mit, dass er Änderungen verlange. Ich sollte irgendein Buch aus dem 18. Jahrhundert finden, in dem etwas zur Steinentsorgung auf Äckern stand, und von dem er auf irgendeinem Kongress mal etwas gehört hatte. Mit dieser detaillierten Literaturangabe zog ich für mehrere Tage in die nächste Universitätsbibliothek und wurde in einem Haufen Microfiches tatsächlich fündig. Also blies ich meinen Bericht mit diesen wenigen Informationen auf, sträubte mich aber weiterhin, die Steingruben aus der LPG-Zeit als frühneuzeitliches Denkmal zu interpretieren. Diese Version bekam ich nicht zurück, ich bin mir aber sicher, dass Senff sie vor der Weiterleitung und Archivierung noch frisiert hat.
Seitdem machte ich mir von Denkmalpflegeämtern keine Illusionen mehr. Die waren restlos zerstört. Interessant, dachte ich damals bei mir, das weiß ich noch, je mehr Illusionen man verliert, je klarer man die Realität sieht, desto weiter distanziert man sich von der Realität. Desto weniger möchte man mit ihr zu tun haben.

Donnerstag, 15. Januar 2009

Kapitel 5.3

„Du kommst also aus Schweden?“, fragte ich, als er mich die Gänge zu dem Kellergewölbe führte.
„Jo, das gibt ein kleines Dorf im Zentrum des Landes, da komme ich von her.“
„Und was hat dich ausgerechnet nach Deutschland verschlagen?“ Wir tippelten eine kurze Treppe hinab.
„In Sweden sind nicht viele Stellen, und du kannst in Deutschland gut lernen auszugraben.“
„Mannmannmann. Das ging ja jetzt alles ziemlich überstürzt. Ich bin erst am Freitag von einem Arbeiter informiert worden, dass es heute losgeht.“ Es ging zwei kurvige Gänge nach links.
„Am Freitag erst?“
„Wusstest du schon früher Bescheid?“
„Maxim hat mich schon vor anderthalb Wochen informiert. Wer hat dich denn angerufen?“ Und wieder nach rechts.
„Ein Dieter Räumer. War’n bisschen merkwürdig am Telefon. Vor anderthalb Wochen?“
„Ja. Aber das ist normal hier. Daran wirst du dich noch gewöhnen“, grinste er, „Dieter ist o.k. Der ist ein guter Arbeiter und ziemlich nett. Manchmal wirkt er ein bisschen trottelig, das ist er aber nicht“, ergänzte er noch, dann standen wir vor der Kellertür, die uns beiden kaum bis zur Brust reichte.
Jonas, der wusste, welcher Schlüssel in das Schloss passte, öffnete sie. Hinter der Tür glitt eine schäbige ausgetretene Treppe herab, deren Abstiegswinkel an die Eiger Nordwand gemahnte. Jonas griff hakig um den Türrahmen nach dem Lichtschalter und führte mich in den trüben Keller. Der Gerätekeller war über und über mit Resten abgebrochener Schaufeln, Spaten, den Leichnamen rostzerfressener Schubkarren, eingedreckten und angeschimmelten Schubkarren und Holzfunden zugestapelt. Lediglich ein schmaler Gang war freigeräumt, durch den wir uns zwängten, um zu dem ersten Raum zu gelangen, in dem die besseren Werkzeuge eingeschlossen waren.
„Hier sollte Matthias mal sein hobby-horse machen“, stänkerte Jonas, wies auf die schwammigen Wände und zog grinsend die Mundwinkel nach oben.
„Wieso?“
„Na, er renoviert doch so gerne.“
„Aha. – Na, ich kenn ihn nicht besonders.“
„Ja, er zieht immer von einer Wohnung in eine andere. Ist er eingezogen, renoviert er sie. Dann zieht er wieder in die nächste Wohnung und renoviert die dann.“
„Tatsächlich?“, jetzt konnte ich mir ein Grinsen auch nicht länger verkneifen. Jonas öffnete die nächste Tür. In diesem Raum waren die Werkzeuge sehr ordentlich in Regale geräumt und nach Form, Arbeitsbereich und Material sortiert.
„Was fehlt denn noch so in Totenow?“, fragte ich.
„Wir brauchen vor allem Geräte für die Vermessung. Also Stativ, Messlatte, Holzpflöcke, Maßbänder, Nägel und ein biss-schen Kleinkram, ein biss-schen Kellen, Pinsel und so. Außerdem Nordpfeil und Maßstab für Fotos. Schaufeln, Spaten, Fluchtstangen und Schubkarren sind dagegen in Totenow genug“, antwortete der Schede, wispernd fügte er hinzu: „Hoffentlich hat Wieland nur nicht alles in seinem Zimmer gehortet.“
„Wieland?“, fragte ich. „Wieland Kellerman?“ Ich kannte Wieland von der Uni. Er war nicht gerade die archäologische Leuchte und hatte oft Probleme, mit anderen Menschen sozial zu interagieren. Dabei besaß er eine Grundahnung von vielem, für die praktische Arbeit fehlte ihm allerdings schlicht und ergreifend jede Patenz. Dennoch hatte ich ihn als durchaus erträgliche Person kennengelernt.
Wieland war vor allem zur Archäologie gekommen, weil sein Vater seit Jahrzehnten ein arrivierter Archäologe war. Als der Sohnemann begann, in dessen Fußstapfen zu treten, saß Papa Kellerman längst in zahlreichen Kommissionen. Die Familie gehörte trotz ihres eher einfachen Namens irgendeinem größtenteils ausgestorbenen Adelszweig an, dem sie ihr Familienwappen verdankten. Wieland hatte es mir eines Tages an der Uni beschrieben und skizziert, ich kann mich aber nur noch daran erinnern, dass es ungewöhnlich kleinteilig war. Es war in Viertel gegliedert, in denen eine stilisierte Kuh, ein Pferd, ein Reh und irgendetwas zu essen abgebildet war.
Wir kramten die notwendigen Geräte zusammen und stellten sie vor die Tür, bevor wir sie aus dem Keller und zum Parkplatz der Dienstfahrzeuge trugen. Zwischenzeitlich begrüßte Maxim uns kurz auf dem dichtregalten Gang, sagte mir, welchen Wagen ich bekomme (einen Geländewagen) und reichte mir dessen Schlüssel.
„Bevor du losfährst“, ermahnte er mich, „kommst du nochmal in mein Büro. Wir müssen noch den Papierkram machen.“
„Stimmt. Und ich würde gerne wissen, wohin ich fahren muss“, erwiderte ich mit einem schnippischen Ton, der Maxim völlig zu entgehen schien.
Als Jonas und ich die Geräte in dem nagelneuen Dienstauto verstaut hatten, ging ich zu meinem privaten Wagen, um meine Taschen zu holen. Als ich wieder bei dem Geländewagen ankam, stand dort der Schwede und rauchte eine Zigarette an. Kaum begann sie zu glühen, zog er aus seiner Weste einen Taschenascher, öffnete ihn und legte die Zigarette auf die dafür vorgesehene Delle.
„Und wo kommst du her?“, fragte er mich.
„Ich hab hauptsächlich im Pott studiert. Im Ruhrgebiet.“ Ich ergänzte: „Ist nur ein kleines Institut, dafür umso feiner“, und lächelte wissend.
„Möchtest du später an der Uni arbeiten?“
„Nee, ich strebe eindeutig die praktische Arbeit an. Bloß nicht mit zu vielen lebenden Menschen in Kontakt kommen, ist meine Devise.“
Jonas nickte, „Das kann ich verstehen.“ Seine Zigarette lag weiterhin auf seinem Taschenascher und glühte vor sich hin. Dort blieb sie auch für den Rest dieses verbalen Beschnupperns liegen, bis sie bis zum Filter verascht war. Danach klappte er den Taschenascher ein und ermahnte mich, jetzt solle ich aber besser zu Maxim gehen, bevor der ungeduldig wird.
Ich kramte die Versicherungsunterlagen aus einer meiner Taschen und trabte federnd in das Büro von Maximmatthiasmerle. Als ich nach Wieland fragte, wurde mir eröffnet, dass gleich drei Grabungen in näherer Umgebungen stattfinden würden, eine leitete Wieland, die zweite ein Arnold Eichhorn, den ich nicht kannte, und das letzte Projekt schließlich hatte ich bekommen. Da die zwei bereits für das Amt gearbeitet hatten, sollte ich mich bei Problemen zunächst an einen der beiden wenden. Matthias drückte mir noch den Fotokoffer mit einer Spiegelreflexkamera, drei Dia-Filmen, einer Fototafel, und den Buchstaben in die Hand.
Im Kabuff musste ich noch etliche trübe Witzeleien über mich ergehen lassen, während ich den abgespeckten Arbeitsvertrag gegenzeichnete und mir auf Plänen die Position der Ausgrabung zeigen ließ. Gnädigerweise musste ich die gewünschten Ausgrabungsflächen nicht memorieren, sondern bekam zusammen mit etlichen Formularen Kopien von den Plänen ausgehändigt.
Am selben Tag, so erfuhr ich nun, sei lediglich mit der Anlieferung des Baggers, der Bauwagen und des Baustellenklos zu rechnen. Im Laufe des Tages käme außerdem Wieland zu meiner Grabung, um mir einen Schlüssel für die Unterkunft in Totenow auszuhändigen. Dessen Grabung sollte nur wenige hundert Meter von meiner Grabung entfernt liegen, und im Zuge derselben Bauarbeiten notwendig geworden sein.
Erst am zweiten Tag sollten Sylvia Widder, die erste Zeichnerin, mit dem Arbeiter Hans Gros zum Team stoßen, was ich besonders lustig empfand, weil eben dieselbe Archäologin, die mir Grundinformationen über Spasst gegeben hatte, mit beiden zusammen gearbeitet und mir ein paar Geschichten von diesem Arbeitsehepaar erzählt hatte. Ab dem dritten Tag schließlich seien neben Jonas auch der ehrenamtliche Denkmalpfleger Wernher Senger, ein grabungserfahrener Arbeiter Jan Retzlaff sowie eine Studentin namens Marion Pauls bestellt. Letztere wurde aufgrund ihrer telefonischen Angaben ebenfalls als (für das Amt finanziell besonders günstige) Zeichnerin angestellt.
Bevor ich mit Dieter in der LPG Totenow die restlichen Werkzeuge abholen sollte, ermahnte Maxim mich allerdings mit einem pflaumigen Gesicht, auf die Vermesser vom Katasteramt zu warten, die uns die Fläche noch genau auspflocken sollten. Ich meldete Maxim und Matthias ein „Selbstverständlich!“, verabschiedete mich artig und ging hinaus zu dem Dienstwagen.

Dienstag, 13. Januar 2009

Kapitel 5.2

Am Montag stand ich gegen acht Uhr am Amt. Da ich gewöhnlich ein recht pünktlicher Mensch bin, war ich natürlich vor Senff, vor Spasst und vor den meisten anderen Mitarbeitern an dem kleinen halbverfallenen Bau. Der wankelnde Pförtner ließ mich in das Gebäude und führte mich in das kleine, huckige Büro, in dem Matthias Spasst, Maxim Senff und eine Zeichnerin namens Merle während der Arbeit hausten.
Ich machte es mir auf einem der ausgeleierten und knarrzenden Drehstühle bequem und betrachtete das Amtszimmer. Büros sind bekanntlich grundsätzlich dazu geeignet, eine Vorstellung von den geistigen Vorgängen ihrer Nutzer zu vermitteln. Hier war ich nun mit der konzentrierten Form gleich zweier Schreibtischhengste und einer -stute auf einem nur knapp zwölf Quadratmeter messenden Raum mit einer hohen Decke und vollgestapelten Blechregalen aus dem Baumarkt konfrontiert. Dort stand eine dieser unseligen Bürotassen, die eine keramische Variante der mit neunmalwitzigen Sprüchen bedruckten T-Shirts darstellen. Hier hing eine alberne Autogrammkarte eines wurstigen G-Prominenten, um die im lobotomierten Fanwesen ausgedrückte Persönlichkeit des Schreibtischbedieners jedem zufälligen Besucher sogleich auf die Nase zu knoten. Am Schrank hing ein kasperiges Fax, das zu einem ausgedachten Trinkerkongress einlud und mit müden Verlockungen (Aspirin mit Monogramm) vermutlich selbst einem ausgewiesenen Asmussen-Publikum bestenfalls ein flaues Grinsen hervorzulocken vermöchte. Lediglich zwei an strategischen Punkten an die Wand geheftete und mit bunten Pins gespickte Pläne linearer Projekte ließen die Vermutung aufkommen, dass hier auch gearbeitet würde.
Ich hatte kaum eine halbe Stunde in dem Kabuff gewartet, als ein spießig gekleideter Fußabtreter zusammen mit einem blonden Rastafari schwatzend in das Büro bummelte. In der mit einem rosa gestreiften Hemd geschmückten Person erkannte ich gleich zurecht Matthias, der Typ mit den zu einem Zopf zusammengebunden Filzwürsten und einer abgetragenen dünn schwarzen Lederweste wirkte als kräftiger Kontrast zu diesem Schreibtischtäter. Durch Frisur und Klamotten bezeugte der Rasta mit Nachdruck, wie wenig er von dem aufgeputzten Amtszinnober hielt und erntete auf den ersten Blick einige Sympathiepunkte bei mir.
Matthias vermutete sofort, wer ich sei, und stellte mir den Rastamann als Jonas Grönahög vor. Jonas kam aus Schweden und grinste meist freundlich. Der Schwede, so erklärte Matthias, sei studierter Archäologe und solle im Verlauf der Woche als Techniker zu der Grabung stoßen. Heute sei er hier, um mir bei der Zusammenstellung der Werkzeuge zu helfen, da er wusste, welche Geräte sich bereits in der nahegelegenen LPG befänden und welche noch fehlten. Außerdem verriet mir der Klarchologe, dass Senff jeden Moment eintreffen müsste, um mir die Schlüssel für den angemieteten Dienstwagen aushändigen zu können. Bis dahin könnte ich jedoch bereits mit Jonas das restliche Werkzeug im Keller zusammensuchen. Dazu händigte Matthias uns ein schwer behangenes Schlüsselbund aus.

Dienstag, 6. Januar 2009

Kapitel 5.1

Das Telefon klingelte an einem Freitagmittag.
„Hallo?“
„Ja, hallo? – Hier ist Räumer, Dieter Räumer. Ich habe Ihre Telefonnummer von Doktor Maxim Senff.“
„Aha“, wunderte ich mich.
„Ja. Das Wetter soll ja toll werden“, abhackte Dieter Räumer. Ich staunte ein wenig.
„Also, wenn es am Montag losgeht, soll’s ja auch schön werden.“
„Wenn was losgeht?“
„Die Ausgrabung. Hat Doktor Senff denn noch nichts gesagt?“
„Nein.“
„Ja. Also, am Montag soll bei der Allee nach Totenow die Grabung losgehen. Da, wo die neue Umgehung gebaut werden soll. Da waren doch gerade die Grünen und haben die Bäume mit Kreide mit einem X bemalt. Da ist sofort die Polizei gekommen. Da trauen sie sich. Aber wenn die Nazis aufmarschieren, dann sind’se weg“, redete Dieter sich in eine trocken geschnittene Rage.
„Eine Ausgrabung in Totenow?“
„Genau. Hat Doktor Senff denn noch nichts erzählt?“
„Nein, aber ich werde ihn gleich mal anrufen“, ich sah auf meine Uhr und stockte, „wenn er noch im Haus sein sollte.“
„Ja, wir sollen uns jedenfalls um Zehn an der Grabung treffen. Dann kommen auch Bauwagen, Dixi und der Bagger.“
„Gut, ich klär das erst mal mit Maxim Senff“, verabschiedete ich mich etwas kühl.
Ich legte auf, suchte die Nummer von Senff heraus und rief ihn an. Natürlich erreichte ich ihn nicht mehr, an den Apparat ging sein damaliges Faktotum Matthias Spasst, den ich damals noch nicht persönlich kannte. Eine mir bekannte Archäologin hatte mir allerdings ein wenig von ihm erzählt. Er sei ein Klarchologe, wie Klassischen Archäologen im deutschsprachigen Raum von praktisch arbeitenden Bodendenkmalpflegern in durchaus abwertender Absicht bezeichnet werden. Klarchologie, das bedeutet Meditieren über Mamormuskeln, Faltenzählen, Haarwirbel suchen und Vasenkunde der stumpfsinnigsten Art. Obwohl ein Gutteil der beginnenden Archäologie von Untersuchungen der klassisch archäologischen Themen ausging, gilt die klassische Archäologie heute eher als Unterabteilung der Kunstgeschichte. Von moderner Ausgraberei verstehen Klarchologen dagegen üblicherweise nichts oder sogar noch weniger.
Dank dieser Grundinformationen wusste ich etwa, wie ich Matthias einzusortieren hatte. Er erklärte mit einer saumsäuseligen Stimme, dass der Bauherr unbedingt anfangen wollte, um rechtzeitig drei Monate später mit dem Bau der Umgehungsstraße beginnen zu können. Der Projektleiter beim Straßenbauamt sei allerdings erst am Mittwoch aus dem Urlaub zurückgekehrt und habe es erst jetzt geschafft, den Landwirt davon zu überzeugen, den Archäologen Begehungsrechte zu erteilen.
Da ich damals schon mit den Abläufen und den Gepflogenheiten der zuständigen Verursacher vertraut war, wunderte mich die Erklärung kaum, obwohl es mich ein wenig störte, dass Senff mir nicht zuvor einen minimalen Hinweis darauf gegeben hatte, dass ich für diese Ausgrabung grundsätzlich als Leiter vorgesehen war. Außerdem erklärte es überhaupt nicht, warum dieser Dieter vor mir informiert wurde.
Ich erfuhr nun, dass es sich bei der Fundstelle um eine Siedlung der späten Bronzezeit bis zur Eisenzeit handelte. Danach teilte der Klarchologe mir mit, wie hoch der Beitrag war, den mir das Landesamt zu meinen Unterkunftskosten zurückerstattete. Das Amt hätte jedoch auch ein altes LPG-Gebäude angemietet, in dem sich eine einfache Küche und Dusche befände. Hier könnte ich gratis unterkommen. Außerdem bekäme ich einen Dienstwagen, der am Montag am Amtssitz mit einem Teil des Grabungsmaterials abzuholen sei. Zuletzt fragte er, ob ich schon lange versucht hatte, ihn zu erreichen, besaß doch das gesamte Amt lediglich eine (!) Leitung, mit der man in das öffentliche Telefonnetz telefonieren konnte. Als ich ihm mitteilte, dass es mein erster Versuch gewesen war, beglückwünschte er mich zum Abschied.
Den Rest des Wochenendes verbrachte ich damit, telefonisch nach einem Zimmer in Totenow zu suchen. Am Sonntagnachmittag erkannte ich aufgrund der Pensionsknappheit, dass es einfacher wäre, in der LPG unterzukommen, in der auch andere Grabungsleiter und ein paar Arbeiter wohnen wollten.

Samstag, 6. Dezember 2008

Kapitel 1.1

Maxim Senff fuhr mit seinem undefinierbar blauen Kleinwagen auf den Parkplatz des Landesamtes für Bodendenkmalpflege. Grimmig musste er feststellen, dass einer der Wichtigtuer, die im Amt mit einem kurzfristigen Zeitvertrag angestellt waren, seinen Lieblingsparkplatz unter der Linde blockiert hatte. Er stellte seinen Wagen daneben, stieg aus, kramte sein zerwetztes Aktenköfferchen aus dem Kofferraum und lief über den Parkplatz zum Schloss, in dem er residierte.
Der alt aussehende Mann trug seine fisseligen Haare noch immer fast schulterlang. Heimtückisch schlurfte er zur schweren, sich nach außen öffnenden Eingangstür des Schlosses. Auch von Ferne war er an seinem Markenzeichen gut zu erkennen, hatte er sich doch wie stets seinen roten Lieblingsschal um den in den letzten Jahren aufgequollenen Hals gepackt. Wie jeden Morgen würdigte der verhärmte Dr. habil. das Backsteinschlösschen mit seinen verdrehten Schornsteinen und dem brüchig gemauerten Landeswappen keines Blickes.
Bald ist es hiermit vorbei, dachte er grinsend bei sich, als er vor der Tür stand, es war schön, aber die Karriere geht weiter. Er war sich doch seit jeher so sicher gewesen, zu höherem bestimmt zu sein. Er befingerte das Codeschloss an der Eingangstür. Niemand verstand, auf welcher Grundlage er die Kombinationen für das Schloss auswählte. Diesen Monat war es das Erscheinungsjahr seiner Dissertation, die 1 dann die 9 dann noch mal die 9 und zuletzt die 3. So. Das grüne Licht leuchtete, der Mechanismus brummte krächzend. Senff öffnete die Tür und stolperte in den Flur.
So baufällig das Schloss auch war, es gefiel ihm trotz der quietschenden Türen, der schwammigen Tapeten mit vergilbten Wölkchen vor ehemals blauen Himmelchen und den unangenehmen Fluren mit ihren verfilzten, aber abgetretenen Teppichen. Senff schlurfte über den Flur des Erdgeschosses, meist standen die Türen der Büros hier offen, leicht schieläugig kontrollierte er bei diesem Gang sogleich, wer bereits zur Arbeit erschienen war. Wer schon am Arbeitsplatz saß, war dringend angehalten, den Amtsleiter Senff zu grüßen, bevor der das als erster tat. Wer in diesen Momenten nicht darauf achtete, dass das große Tier an seinem Büro vorbei schlich, musste sich darauf einstellen, den Morgen nicht allein mit einem gehörigen Anschiss zu beginnen, sondern auch den Wochenrest mit allerlei Fronarbeiten zu verbringen. Heute war es anders. Es war der letzte normale Arbeitstag von Dr. habil. Maxim Senff.
Im ersten Büro, an dem er vorbeikam, hockte der kleinbebrillte Matthias Spasst. Der aufgrund seiner klassisch-archäologischen Ausbildung notorisch fehlbesetzte Wasserträger krümmte sich wie üblich vor dem Bildschirm seines Computers. Matthias verbrachte an dem Gerät die meiste Arbeitszeit, um es mit Daten zu füttern oder neue Namen in sittenwidrige Knebelverträge einzutragen. Er war ein typisch deutscher Vertreter der skrupellosen Schreibtischtäter. Wer mit ihm zu tun hatte, wusste, dass Spasst siebzig Jahre zuvor gewiss eine glanzvolle Karriere bei dem Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt der Schutzstaffel gemacht hätte, wenn er nicht zu religiös gewesen wäre. Heute gab er mit dem Intellekt einer Ameise und dem Verständnis einer Zuse 3 weitere Myriaden von Zahlenkolonnen in Excel-Tabellen ein.
„Guten Morgen, Maxim!“, sprang Matthias auf, als er seinen Chef in der Tür erblickte, der schon ein Büro weiter geschritten war, bevor er ein blasses „Morgen“ erwiderte. So wichtig es Maxim war, dass nicht er die Leute zuerst zu grüßen hatte, so selbstverständlich war es ihm, wenn sie es taten.
Im nächsten Büro saß Osiw Racled, ein russischstämmiger Schweizer, den es aus privaten Gründen nach Deutschland verschlagen hatte. Racled arbeitete bereits seit mehreren Jahren in dem Amt. Er war zuständig für die Inventarisierung und Prüfung der Meldeformulare. Entdeckte er, dass Informationen fehlten, reichte er die Unterlagen weiter. Nie wäre es ihm in den Kopf gekommen, selbst Informationen zu ermitteln. Erst im letzten Monat hatte es Osiw geschafft, ein begehrtes Büro im Erdgeschoss zu ergattern. Vorher war er dazu verdammt gewesen, in einem Kabuff in den trocken-staubigen Kellergewölben des Schlosses zu arbeiten. Nun wurde endlich auch sein Arbeitsplatz von natürlichem Tageslicht erhellt. Gerade noch rechtzeitig gelang es ihm „Morgen, Herr Doktor Senff!“ zu rufen, bevor dieser mit gesenkten Augenbrauen einhakte mit einem „Morgen! Ist die Akte Ferment schon rausgeschickt?“
„Die liegt bei Müller!“, gelang es Racled sich herauszureden. Senff nickte stumm und ging in seinem federnd-schlurfenden Schritt weiter. Mehrere Büros und Besprechungszimmer im Erdgeschoss standen noch leer, erst im letzten Raum vor der Treppe saß Volkmar Keulenkotz, eine teetrinkende Schwatzdrossel, dessen Arbeitsleistung niemandem wirklich klar waren. Obwohl er mehr oder weniger regelmäßig einen Einlauf verpasst bekam, ließ Senff ihn gewähren.
Senff stierte in das Büro, Keulenkotz saß kerzengerade vor seinem Computer und spielte Solitär.
„Morgen Keulenkotz“, motzte Senff.
„Morgen Herr Doktor Senff“, speichelte Keulenkotz und bemühte sich, das digitale Kartenspiel zu verbergen.
Doch so einfach machte es Senff sich nicht. Er blickte kurz im Büro umher und blinzelte zornig: „Was soll das eigentlich hier?“
„Was?“
„Na, der Mülleimer!“
Keulenkotz blickte verwirrt.
Mit gedrückter Stimme schimpfte Senff: „Der ist doch viel zu groß! Ich habe mich gerade gestern bei den Rotariern mit Staatssekretär Doktor Lange darüber unterhalten, was in Ämtern alles verschwendet wird.“
Keulenkotz wusste weiterhin nicht, worauf der Chef hinauswollte.
Senff kläffte jetzt gedämpft: „Jetzt stellen Sie sich mal vor, Doktor Lange kommt hierhin zu Besuch. Wenn der sieht, was Sie für einen großen Mülleimer haben, dann denkt der doch, Sie produzieren nur Müll!“
Keulenkotz machte große Augen.
„Jetzt entsorgen Sie diesen Mülleimer und bestellen Sie sich in der Arbeitsmittelbeschaffungsstelle einen neuen Mülleimer. Aber einen kleinen!“, hängte Senff mit Nachdruck an seinen Satz. Senff ging aus dem Büro und lief zur Treppe.
Nachdem Senff die Treppe hinaufgestiegen war, ging er rechts um die Ecke und gelangte in das Vorzimmer von Amelie Scheckow, seiner Sekretärin.
„Guten Morgen, Herr Direktor!“
„Morgen, Frau Scheckow. – Sie können gleich der Jensen Bescheid geben. Sie kann die Dias wieder abholen.“
„Ist der Luftbild-Vortrag nach ihren Wünschen verlaufen, Herr Direktor?“
„Naja, wenigstens stand kein Dia auf dem Kopf, obwohl die Hornochsen bei den Rotariern es sowieso nicht gemerkt hätten. Nächstes Jahr muss Robert –“, er hielt inne, ihm wurde bewusst, dass es höchstwahrscheinlich kein nächstes Jahr mehr geben sollte, in dem er irgendwelche Arbeit an Robert Plankenreiter delegieren konnte. „Es ist schon gut, Frau Scheckow, sagen Sie ihr nur Bescheid“, beendete er das Geplänkel und freute sich über seinen nächsten Karriereschritt hin zum Kultusministerium.
Schulterzuckend drehte er sich um und öffnete die schwere Flügeltür zu seinem Büro. Im Gegensatz zu den verkommenen Büros seiner Angestellten hatte er stets darauf bestanden, dass sein eigenes Büro anständig renoviert und eingerichtet war. Daher residierte er in einem Turmzimmer mit einem überdimensionalem Feldherrenschreibtisch aus massiver Eiche, einer edlen, noch von seinem Vorgänger übernommenen Holzvertäfelung und zahlreichen Bücherregalen, die gefüllt waren mit all den gedruckten Schenkungen, die ein Wissenschaftlerleben so begleitet. Er legte seine Tasche auf den Schreibtisch, schritt zu dem Schrank, in dem sich seine private Garderobe befand und hakelte zwei Kleiderbügel heraus.
Er zog Mantel, Schal und Sakko aus und hängte das Ensemble auf die Bügel, die er im Schrank verstaute. Auf der Innenseite der Schranktür hing ein halbhoher Spiegel. Einen Moment stellte er sich leicht gekniet davor, um seine Haare zu richten, dazu zog er aus der linken Gesäßtasche seinen Kamm. Kaum hatte er die kümmerlichen Reste dessen, was er früher selbst so gerne als Mähne angesehen hatte, über den Kopf gefurcht, da fielen ihm im Spiegelbild zwei unschöne Details auf.
Auf seiner sprungschanzenartigen Nase hatte sich wieder ein dicker Pickel gebildet. Maxim konnte machen, was er wollte, den Pickel zu verhindern war er seit seinem 12. Lebensjahr nicht imstande. Allerdings hatte er es irgendwie geschafft, damit leben zu können. Wesentlich peinlicher war ihm dagegen der andere ä-Punkt der Kreation Senff. Es war der tägliche Fleck, der sich morgens bei der erstbesten Gelegenheit auf seinem Hemd oder seiner Jacke bildete.
Mal war es ein Tropfen Kaffee, mal war es Milch. War es gestern noch Rotwein, der die gebundene Fliege verunzierte, konnten es heute Spritzer vom frühstücklichem Spiegelei oder morgen auch Marmelade sein. Die eine Woche trug er Zahnpasta auf seinem Hemd, in der Woche zuvor war es noch Senf, ausgerechnet. Damals, als er Leiter der Abteilung Sonderprojekte im Osten war und oft genug ehemalige LPG-Gebäude abklappern musste, zog er mit seiner schwarzen Sportjacke automatisch Kalkreste von den ungepflegten Wänden an. Streifte er in einem weißen Segeltuchanzug durch die Landschaft, so dauerte es keine Minute, und ein Ölfleck zierte das Ensemble.
Mit diesen Flecken verbrachte Senff seine innigsten, aber auch ärgerlichsten Momente, konnte er doch stundenlang an ihnen herumknibbeln und sich selbstvergessen mit dem erfolglosen Versuch beschäftigen, sie von den Textilien zu lösen. Besonders groß war dieser Drang stets an solchen Tagen, an denen sich die Presse angekündigt hatte, selbst in der Zeit, als es ihm bereits gelang, mit den Journalisten herumzuspringen wie ein Löwendompteur mit seinen Kätzchen.
Als er heute den Fleck auf seiner Fliege entdeckte, fluchte er stumm. Er wischte mit den Fingerrücken ein paar Mal über den Fleck, ohne dass es irgendetwas brachte.
Er richtete sich wieder auf, schloss beidhändig den Schrank und stellte sich dann mit angewinkelten und auf die Hüften gestützte Arme vor eines seiner Bücherregale. Er schaute auf die Bücher, die er als angemessenen Tribut an seine gottgleichen Fähigkeiten ansah, und begann zu träumen.